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Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945

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Manuel Schramm

Wirtschafts- und
Sozialgeschichte
Westeuropas seit 1945

BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2018

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1Hungerjahre (1945–1950)

1.1Rationierung und Schwarzmarkt

1.1.1Alternative Beschaffungsformen

1.1.2Gesellschaftliche und politische Implikationen

1.2Vergangenheitspolitik

1.2.1Die „wilden“ Säuberungen

1.2.2Die administrativen Säuberungen

1.2.3Die justiziellen Säuberungen

1.3Die europäische Flüchtlingskrise

1.3.1„Displaced Persons“

1.3.2Ethnische Säuberungen

1.3.3Die Geburt des modernen Flüchtlings

1.4Der Nachkriegskonsens

1.4.1Widerstand und Volksfrontregierungen

1.4.2Die Anfänge des Sozialstaats

1.4.3Der Beginn des Kalten Krieges

2Das Zeitalter des Massenkonsums (1950–1970)

2.1Wirtschaftswunder? Der Boom der „dreißig glorreichen“ Jahre

2.1.1Der Boom im internationalen Vergleich

2.1.2Erklärungen

2.1.3Die Rolle der Wirtschaftspolitik

2.2Massenkonsum I: Autos und Haushaltstechnisierung

2.2.1Autos

2.2.2Elektrische Haushaltsgeräte

2.3Massenkonsum II: Ernährung, Einzelhandel, Werbung

2.3.1Ernährung

2.3.2Einzelhandel

2.3.3Werbung

2.4Sozialstaat und Bildungsexpansion

2.4.1Sozialstaat

2.4.2Bildungsexpansion

2.5Soziale Schichtung und Migration

2.5.1Schichtungsmodelle

2.5.2Nivellierte Mittelstandsgesellschaft oder Fahrstuhleffekt?

2.5.3Migration und Unterschichtung

2.5.4Mittelklassen und Oberschicht

2.6Die „neue Frau“. Geschlechterbeziehungen im Wandel

2.6.1Die Erfindung der „neuen Frau“

2.6.2Frauenzeitschriften

2.7Von der Erfindung des Teenagers zur Studentenrevolte: Jugend und Jugendkulturen

2.7.1Die Erfindung des Teenagers

2.7.2Die 68er-Bewegung

2.8Innenpolitik und Parteien

2.8.1Der Aufstieg der Volksparteien

2.8.2Die Hegemonie der bürgerlichen Parteien

2.8.3Nationale Unterschiede

2.9Außenpolitik und Kalter Krieg

2.9.1Der Kalte Krieg

2.9.2Entspannungspolitik

2.10Wertewandel und Säkularisierung

2.10.1Wertewandel

2.10.2Die „sexuelle Revolution“

2.10.3Säkularisierung

2.11Umweltzerstörung und Umweltschutz

2.11.1Das „1950er-Syndrom“

2.11.2Landwirtschaft

2.11.3Massenmotorisierung

3Das Zeitalter der Globalisierung (1970–2000)

3.1Globalisierung: Begriff und Indikatoren

3.2Die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Boom

3.2.1Das Wirtschaftswachstum im Vergleich

3.2.2Wachstumsursachen

3.2.3Spekulationsblasen und Wirtschaftskrisen

3.3Konsum, Lebensstile, soziale Schichtung

3.3.1Pkw

3.3.2Haushaltstechnisierung und Medienkonsum

3.3.3Globalisierung der Ernährung?

3.3.4Lebensstile, Milieus, Sozialstruktur

3.4Massenarbeitslosigkeit und Sozialstaat

3.4.1Ursachen der Krise

3.4.2Nationale Unterschiede

3.4.3Arbeitslosigkeit und neue Armut

3.5Alte und neue soziale Bewegungen

3.5.1Streiks

3.5.2Neue soziale Bewegungen

3.5.3Politischer Terrorismus

3.6Bildung und Wissensgesellschaft

3.6.1Wissensgesellschaft

3.6.2Hochschulexpansion

3.6.3Der Bologna-Prozess

3.6.4Hochtechnologie-Regionen

3.7Die ökologische Revolution: Umweltbewegung und Umweltpolitik 130

3.7.1Anti-AKW-Bewegung

3.7.2Waldsterben

3.7.3Klimawandel

3.7.4Luft- und Gewässerverschmutzung

3.8Innenpolitik: die Fragmentierung der Parteiensysteme

3.8.1Demokratisierung

3.8.2Transformation des italienischen Parteiensystems

3.8.3Niedergang der Volksparteien

3.9Außenpolitik und europäische Einigung

3.9.1Entspannungspolitik

3.9.2Systemtransformation in Mittel- und Osteuropa

3.9.3Europäische Integration

3.10Multikulti: Einwanderung und Integration

3.10.1Ausländeranteil

3.10.2Integration

3.10.3Asylbewerber

3.11Globalisierung der Kultur?

3.11.1Popmusik

3.11.2Kinofilme

3.11.3Belletristik

Register

Ortsregister

Personenregister

Einleitung

Eine westeuropäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Nachkriegszeit zu schreiben, ist kein einfaches Unterfangen, und das aus drei Gründen. Erstens hat sich die Zahl der Themen, die von der Wirtschafts- und Sozialgeschichte behandelt werden, sprunghaft vermehrt. Zu den klassischen Themen wirtschaftliche Entwicklung und soziale Ungleichheit sind viele neue getreten: Geschlechtergeschichte und Umweltgeschichte etwa, aber auch die Geschichte der Jugend, der Hoch- und Populärkultur, der Migration, des Konsums, der globalen Beziehungen etc. Neben der Vielzahl der Themen gilt es zweitens, die Verschiedenheit der regionalen und nationalen Erfahrungen zu berücksichtigen. Westeuropa in der hier verwendeten Definition umfasst alle europäischen Staaten außer den mittel- und osteuropäischen Ländern, die zwischen Ende der vierziger und Ende der achtziger Jahre ein sozialistisches Gesellschaftssystem besaßen, also die Warschauer Vertragsstaaten, aber auch Jugoslawien und Albanien. Der Ausschluss dieser Länder erfolgt nicht, weil sie unwichtig wären. Jedoch haben sie ihre eigene Entwicklung, die nach 1945 nur teilweise zu derjenigen der westeuropäischen parallel läuft und daher eine eigene Betrachtung verdient. Es bleiben damit immer noch 18 Staaten1 (ohne Zwergstaaten wie Andorra oder Monaco), die teilweise noch bedeutende regionale Unterschiede aufweisen (wie Spanien, Belgien oder Italien). Die nationalen Historiografien strukturieren den hier behandelten Zeitraum recht unterschiedlich, da die Zäsuren in Frankreich andere sind als in Spanien oder in Deutschland. Der Vielfalt dieser unterschiedlichen Erfahrungen gerecht zu werden, ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Drittens schließlich hat der Historiker mit einer Vielzahl von Deutungsangeboten zu rechnen, die von der Geschichtswissenschaft oder von anderen Disziplinen vorgeschlagen werden. Leitbegriffe für die gesellschaftliche Entwicklung seit 1945 könnten demnach sein: Postmoderne, Fordismus/Postfordismus, Sicherheit, Kalter Krieg, Wissensgesellschaft, Netzwerkgesellschaft, digitale Revolution, Informationsgesellschaft, dritte und vierte industrielle Revolution, postindustrielle Gesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Globalisierung, Amerikanisierung, Westernisierung, Wertewandel und vieles andere mehr. Manche dieser Begriffe werden in der Darstellung aufgegriffen, aber die ausführliche Diskussion aller dieser und anderer Interpretamente würde ein eigenes Buch füllen.

Die hier gewählte Darstellung beruht auf einer zeitlichen und einer thematischen Differenzierung. Dem liegen einige Annahmen und Hypothesen zugrunde, die hier offengelegt werden sollen. Zunächst einmal erschien es sinnvoll, den Zeitraum zwischen 1945 und der Gegenwart (immerhin 70 Jahre) in drei große Abschnitte zu unterteilen, die wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch unterschiedliche Merkmale besaßen: erstens die unmittelbare Nachkriegszeit bis ca. 1950, zweitens die Zeit des Booms bis ca. 1970 und drittens die Zeit von 1970 bis zur Gegenwart. Die unmittelbare Nachkriegszeit war charakterisiert durch eine weitgehend am Boden liegende Wirtschaft, einen durch Rationierung verwalteten Mangel und dadurch eine soziale Nivellierung auf niedrigem Niveau. Politisch war sie geprägt durch einen antifaschistischen, ja antikapitalistischen Grundkonsens, der alle Parteien außer der extremen Rechten einschloss. Davon zu unterscheiden ist die Zeit des Booms oder Wirtschaftswunders, die den Durchbruch zum Massenkonsum mit sich brachte. Sie bildet eine Einheit, denn in dieser Zeit ging es wirtschaftlich nahezu ohne Unterbrechung bergauf, und breite Schichten profitierten vom zunehmenden Wohlstand, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlicher Geschwindigkeit.2 Politisch dominierten in dieser Phase überwiegend die bürgerlichen, also christdemokratischen, liberalen und konservativen Parteien.

Die dritte Phase schließlich setzte mit dem Ende des Booms um 1970 ein. Die wirtschaftliche Entwicklung war danach zwar nicht so schlecht wie manchmal behauptet, aber doch wechselhaft und immer wieder von Krisen unterbrochen. Die soziale Ungleichheit nahm wieder zu, in manchen Ländern stark, in anderen weniger, aber insgesamt doch deutlich. Politisch verloren die christdemokratischen und konservativen Parteien ihre Hegemonialstellung und es kam zu einer Zunahme der Zahl der relevanten Parteien und somit zu einer Fragmentierung der Parteiensysteme. Die prägende Entwicklung dieser Zeit ist die Globalisierung, die seit ca. 1970 in eine neue Phase eintrat. Globalisierung ist zwar ein Sammelbegriff für teilweise recht unterschiedliche Prozesse der Zunahme von Interaktionen über nationalstaatliche Grenzen hinweg, aber dennoch mehr als nur ein Mythos. Sie war keine zwangsläufige Folge technischer Errungenschaften, sondern wurde von verschiedenen Akteuren bewusst gefördert. Verlauf und Folgen der Globalisierung prägen die westeuropäische Geschichte seit 1970 bis in die Gegenwart. Somit haben alle drei Phasen einen eindeutig zu identifizierenden eigenständigen Charakter, auch wenn manche Prozesse über die Zäsuren von 1950 oder 1970 hinausweisen. Kontinuitäten und Brüche sind in der Sozialgeschichte letztlich immer relativ.

Die einzelnen Kapitel innerhalb der drei genannten Zeitabschnitte sind dann jeweils einem Thema gewidmet. Man hätte sicher auch eine stärker geografische Gliederung wählen können, doch wurde dies aus zwei Gründen unterlassen. Zum einen handelt es sich nicht um ein Handbuch, in dem die Geschichte der einzelnen europäischen Staaten nachzulesen wäre. Dazu reicht der Platz nicht aus und es entspricht auch nicht der Intention der Darstellung, die bemüht ist, gemeinsame Grundzüge und Varianten der westeuropäischen Entwicklung nachzuzeichnen, aber nicht, nationale und regionale Unterschiede bis ins letzte Detail zu verfolgen. Zum anderen ist doch die Entwicklung der einzelnen Staaten oder Regionen nicht so unterschiedlich, dass eine solche Differenzierung (etwa zwischen Nord- und Südeuropa oder zwischen angelsächsischem und „rheinischem“ Kapitalismus) zwingend geboten wäre. Vielmehr wird dargelegt, dass das Maß an Konvergenz und Divergenz zwischen den europäischen Staaten je nach Thema und betrachtetem Zeitraum stark variiert. Eine Annäherung der europäischen Gesellschaften untereinander wie auch zu anderen OECD-Staaten fand zwar statt, aber es gab auch gegenläufige Tendenzen der Beharrung oder gar der Auseinanderentwicklung. Eine seriöse Prognose für die Zukunft lässt sich daraus kaum ableiten; sie bleibt somit offen.

Ein naheliegender Einwand gegen die Berücksichtigung auch der jüngsten Vergangenheit bis zur Gegenwart lautet, dass es zum Schreiben von Geschichte einer gewissen zeitlichen Distanz bedarf, da manche Zusammenhänge, Kontinuitäten wie Brüche, erst im Abstand einiger Jahre deutlich werden. Es ist sicher nicht zu leugnen, dass die Geschichte der jüngsten Zeit vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren anders geschrieben werden muss als heute. Aber trifft dies nicht auf die gesamte Geschichte zu, die kontinuierlich im Licht der jeweiligen Gegenwart einer neuen Analyse und Bewertung unterzogen wird? Zudem existiert eine gesellschaftliche Nachfrage, besonders bei der jungen Generation, nach historischer Einordnung der Gegenwart. Wenn sich die professionellen Historiker dieser Aufgabe (aus welchen Gründen auch immer) verweigern, besteht die Gefahr, dass sie das Feld den Demagogen und Scharlatanen überlassen.

Zum Forschungsstand lässt sich im Allgemeinen nur anmerken, dass er sehr unterschiedlich ist. Mitnichten sind alle wichtigen Themen bereits gut erforscht, wie Außenstehende häufig meinen. Vor allem mangelt es an guten vergleichenden Arbeiten, die zwei oder mehr Länder miteinander in Beziehung setzen, ohne jedoch den Vergleich auf reine Quantitäten zu reduzieren. Hier gäbe es noch viel zu tun. Die Literaturhinweise am Ende eines jeden Kapitels sind selbstverständlich kein vollständiges Verzeichnis der Literatur zum Thema, sondern lediglich eine Anregung zum Weiterlesen. Es wurden auch nur Arbeiten in deutscher und englischer Sprache aufgenommen, da sich die Arbeit auch und besonders an Studierende wendet. Die Experten für die einzelnen Themen werden manches vermissen, was in ausführlicheren Darstellungen Platz findet. Jedoch ist zu hoffen, dass auch sie vielleicht den einen oder anderen neuen Gesichtspunkt aus der vergleichenden Perspektive gewinnen mögen. „Wenn mir das gelungen ist, dann nicht, weil ich die lokalen Quellen besonders gut kenne“, schrieb der französische Historiker Marc Bloch. „Im Gegenteil, ich kenne sie weitaus weniger gut… Nur sie als Spezialisten werden diese Ader wirklich ausbeuten können, auf die ich lediglich hinweisen kann. Mein einziger Vorteil ihnen gegenüber ist recht bescheiden und mitnichten an meine Person gebunden… Mit einem Wort, ich habe einen besonders wirksamen Zauberstab verwendet: die vergleichende Methode.“

Literatur

Bloch, Marc: Für eine vergleichende Geschichtsbetrachtung der europäischen Gesellschaften, in: Matthias Middell/Steffen Sammler (Hg.), Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten, Leipzig 1994, S. 121–167

Doering-Manteuffel, Anselm/Raphael, Lutz: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 3. Aufl. 2013

Haupt, Heinz-Gerhard/Kocka, Jürgen (Hg.): Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt am Main/New York 1996

Pongs, Armin (Hg.): In welcher Gesellschft leben wir eigentlich? Auf dem Weg zu einem neuen Gesellschaftsvertrag, München 3. Aufl. 2007

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1In alphabetischer Reihenfolge: Belgien, Bundesrepublik Deutschland, Dänemark, Finn-land, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, Vereinigtes Königreich. Die einzige größere territoriale Veränderung seit 1949 betraf die Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990.

2Verschiedentlich ist eingewendet worden, dass der entscheidende Durchbruch zum Massenkonsum eher am Ende der fünfziger Jahre gelegen habe, da erst dann die Arbeiter am zunehmenden Konsum vor allem langlebiger Güter partizipiert hätten. Das ist zwar zutreffend. Aber eine Zäsur etwa 1958 oder 1959 zu setzen, erscheint doch willkürlich, denn die Ausbreitung des Massenkonsums setzte bereits zu Beginn der fünfziger Jahre ein, mit der „Fresswelle“, auf die die „Bekleidungswelle“ und dann die „Einrichtungswelle“ folgten. Warum sollten überhaupt die Arbeiter und nicht die Mittelschichten der Bezugspunkt sein? Warum langlebige Konsumgüter und nicht die Ernährung?

1Hungerjahre (1945–1950)

1.1Rationierung und Schwarzmarkt

Viele zeitgenössische Aussagen dokumentieren, dass die Suche nach Nahrungsmitteln und Brennstoff in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Alltag der Menschen bestimmte. Mehr als politische oder gesellschaftliche Fragen dominierten triviale Alltagsprobleme das Denken und die Konversationen. Insbesondere den Frauen fiel häufig die Aufgabe zu, den schwierigen Alltag zu organisieren, sich Informationen zu beschaffen, wann was wo zu bekommen sei, Schlange zu stehen, die beschränkten Kochzeiten zu planen und den Mangel zu verwalten. Insofern ist es nur recht und billig, die Geschichte der Nachkriegszeit mit diesen Alltagsproblemen zu beginnen und die insgesamt besser erforschten politischen Fragen in den folgenden Kapiteln zu behandeln.

Grundsätzlich war der Konsum zwischen Kriegsende und ca. 1949 geprägt von der Rationierung. Insofern ist die Kennzeichnung der Nachkriegsgesellschaften als „Rationen-Gesellschaften“ (Rainer Gries) durchaus zutreffend, auch wenn man in manchen Fällen vielleicht eher von „Schwarzmarkt-Gesellschaften“ sprechen sollte, da in vielen Städten und Regionen (insbesondere in Italien) dem Schwarzmarkt eine wichtigere Rolle für die Versorgung zukam als den offiziellen Rationen. Zunächst ist es aber wichtig zu verstehen, dass die Versorgung (und damit ein großer Teil des All-tags) in diesen Gesellschaften nach einem ganz anderen Muster funktionierte, als wir das heute gewohnt sind, denn viele Güter des täglichen Bedarfs (nach Ort und Zeit verschieden) wurden nicht frei verkauft, sondern waren rationiert oder unterlagen Preiskontrollen. Die Rationierung konnte verschiedene Formen annehmen, in jedem Fall aber war sie ein sehr bürokratisches Verfahren, das sowohl den Behörden wie auch den Konsumenten viel Geduld abverlangte. Die Vorteile des Rationierungssystems, wenn es denn funktionierte, waren eine grundsätzlich gerechte Verteilung knapper Güter. Daraus bezog die Rationierung sogar eine gewisse soziale Akzeptanz, wenn und solange sie als gerecht empfunden wurde wie beispielsweise in Großbritannien. Leider blieb das die Ausnahme, und zu den unerwünschten, aber kaum zu vermeidenden Begleiterscheinungen der Rationierung gehörten alternative Beschaffungsformen, legale, halblegale und illegale: der Schwarzmarkt, Hamsterfahrten, Paketsendungen, Horten, Tauschgeschäfte und anderes mehr.

Oberflächlich betrachtet glichen sich die „Rationen-Gesellschaften“ weitgehend. Überall musste man Schlange stehen, überall kam es zu mehr oder weniger spontanen Protesten, überall unternahm man Hamsterfahrten oder handelte auf dem Schwarzmarkt. Die westeuropäischen Gesellschaften der Nachkriegszeit unterschieden sich in dieser Hinsicht kaum von denen des Ersten oder Zweiten Weltkrieges. Der Teufel steckte jedoch im Detail.

Schon die Ausgangslage war sehr unterschiedlich. Die Länder, die unter deutsche Besatzung geraten waren, wurden vom NS-Regime nach rassischen Kriterien, aber auch nach dem Grad des Widerstands, den sie geleistet hatten, sehr unterschiedlich behandelt. Grundsätzlich waren die Rationen in den osteuropäischen Gebieten niedriger als in den westeuropäischen, aber auch Westeuropa wurde zugunsten des Großdeutschen Reiches ausgeplündert. Während Dänemark großzügig versorgt wurde und die Rationen hier teilweise höher waren als in Deutschland (ca. 2000 Kalorien pro Kopf und Tag), waren die Rationen in Italien ähnlich niedrig wie in Polen und reichten mit ca. 1000 Kalorien pro Kopf und Tag 1942/43 als Normalration kaum zum Überleben. Nicht viel besser war die Lage in Frankreich von 1942 an mit ca. 1100 Kalorien pro Kopf und Tag. Die Niederlande erlebten einen katastrophalen Hunger-winter 1944/45, ähnlich wie Griechenland bereits 1941/42. In Deutschland wurde die Versorgungslage erst gegen Ende des Krieges angespannt, als aufgrund des Vorrückens der Alliierten die Ausplünderung der besetzten Gebiete nicht mehr möglich war. Trotz der unterschiedlichen Höhe war das Rationierungssystem im Prinzip überall gleich. Die Einteilung der Bevölkerung erfolgte zum einen nach Alter, wobei Erwachsene die so genannte „Normalration“ erhielten, und zum anderen nach der Art der verrichteten Arbeit. So gab es Zulagen für Industriearbeiter, die zwischen 15 und 50 Prozent der Normalration lagen (1944), und für Schwerarbeiter, die zwischen 20 und 100 Prozent der Normalration variierten. Dieses System spiegelte die enorme Bedeutung der Industriearbeit für die Besatzungsmacht wider, da sie die Fortführung des Krieges gegen die überlegenen Alliierten ermöglichte.

Da die Ausplünderung der besetzten Länder kaum geheim gehalten werden konnte, erhofften sich viele Menschen von der Befreiung durch die Alliierten eine schlagartige Verbesserung der Lage. Umso größer war die Enttäuschung, als dies nicht geschah. Zunächst waren die alliierten Streitkräfte auf zivile Verwaltungsaufgaben nur schlecht vorbereitet. Hinzu kam, dass das Ausmaß der Versorgungskrise beispielsweise in Italien die vorrückenden Truppen stark überraschte. So verbesserte sich die Versorgungslage nur langsam und die Rationierung wurde, wenn auch von Land zu Land unterschiedlich, noch jahrelang beibehalten. Teilweise verschlechterte sich die Lage sogar. In Frankreich wurden die Brotrationen nach Kriegsende von 350 g pro Tag und Person erst auf 300 g und dann auf auf 250 g gesenkt. In Großbritannien wurde Brot erst 1946, also ein Jahr nach Kriegsende, rationiert, und war erst 1948 wieder frei verfügbar. Auch in Deutschland wurden die Brotrationen im Frühjahr 1946 gekürzt. Hier war das „Hungerjahr“ 1947 die wohl schwierigste Zeit dieser Periode, beispielsweise in Köln, wo die Rationen im April 1947 so stark gekürzt wurden, dass ihr Nährwert von ca. 1100 Kalorien für den Normalverbraucher auf 900 (und zeitweise noch darunter) fiel.

Die Rationierungssysteme unterschieden sich teilweise deutlich voneinander. Das nationalsozialistische System der Kriegswirtschaft sah nach Lebensaltern gestaffelte Rationen mit Zulagen für besondere Gruppen vor. In den meisten Ländern, so auch in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands, wurde dieses System beibehalten, wenn auch mit Modifikationen. Die größte Gruppe bildeten die erwachsenen Normalverbraucher, Zulagen wurden für Schwer- und Schwerstarbeiter gewährt, für stillende und werdende Mütter, für Kranke, Alte, Schwerbeschädigte, politisch Verfolgte und ehemalige KZ-Häftlinge. Völlig anders war die Rationierung in der sowjetischen Besatzungszone geregelt, wo (bis 1947) sechs Gruppen unterschieden wurden, die jeweils eigene Lebensmittelkarten erhielten: Schwerstarbeiter, Schwerarbeiter, Arbeiter, Angestellte, Kinder und Sonstige. Berüchtigt waren vor allem die Hungerrationen für die Kategorie der „Sonstigen“, in die Hausfrauen, ehemalige Nazis, Rentner und nicht arbeitende Besitzer von Betrieben eingruppiert wurden: Ihre Lebensmittelkarte wurde im Volksmund als „Friedhofskarte“ bezeichnet. Dagegen war die Intelligenz, die meist bei den Arbeitern eingruppiert wurde, sogar zunächst besser gestellt als in den westlichen Besatzungszonen. Ein wiederum ganz anderes Rationierungssystem herrschte in Großbritannien vor. Dort verzichtete die Regierung auf eine Differenzierung der Bevölkerung (ausgenommen Kinder unter sechs Jahren) und jeder erhielt dieselbe Ration (mit wenigen Ausnahmen für Schwangere, stillende Mütter und bestimmte Gruppen von Arbeitern). Erst im Oktober 1946 wurde eine zusätzliche Fleischration für Bergarbeiter eingeführt. Das Prinzip der Flatrate-Rationen war deswegen unproblematisch, weil ohnehin nur ein Teil der Lebensmittel rationiert war (v.a. Zucker, Butter, Schinken, Fleisch, zeitweise auch Brot), die Konsumenten also auf frei verfügbare Waren ausweichen konnten.

Das Rationierungsregime herrschte von Land zu Land unterschiedlich lange. Zudem umfasste es häufig nur einen Teil der Güter des täglichen Bedarfs. Dennoch ist es hilfreich, sich vor Augen zu halten, wie lange die Bevölkerung in manchen Ländern mit Einschränkungen der einen oder anderen Art leben musste. In der noch jungen Bundesrepublik Deutschland beispielsweise wurde das bevorstehende Ende der Rationierung Anfang 1950 in der Presse als Ende einer über dreizehnjährigen Periode der Einschränkungen und Entbehrungen gefeiert. Tatsächlich waren es fast vierzehneinhalb Jahre, da schon im Herbst 1935 Kundenlisten für Butter und Schmalz eingeführt worden waren. Das Ende der Rationierung kam hier mit dem 1. April 1950, als die Rationierung für Zucker aufgehoben wurde.

Auch andere Länder hatten lange Perioden der Einschränkungen hinter sich, als die Rationierung schrittweise seit Ende der vierziger Jahre aufgehoben wurde. Zwar dauerte es in Westeuropa nirgendwo so lange wie in der DDR, wo das definitive Ende erst 1958 kam und kurz darauf sogar wieder Kundenlisten für Butter eingeführt werden mussten. Doch auch in Westeuropa zog sich die Periode der Rationierung in einzelnen Ländern bis in die fünfziger Jahre hinein, so in den Niederlanden bis Januar 1952 (für Kaffee) oder in Großbritannien bis Juli 1954 (für Fleisch, Schinken, Speck). Selbst in Italien, wo die Rationierung bereits 1948 endete, hatte die Bevölkerung bereits seit 1937 (mit der Einführung des dunklen „Einheitsbrotes“) unter Einschränkungen leiden müssen. Die Zeit der Rationierung war nicht nur eine Episode, sondern dauerte ein gutes Jahrzehnt und bildete somit ein prägendes Erlebnis für viele Menschen, die sie miterleben mussten.

1.1.1Alternative Beschaffungsformen

Da die Rationen in den meisten Ländern nicht ausreichten, sahen sich große Teile der Bevölkerung, vor allem in den Städten, gezwungen, nach alternativen legalen, halblegalen oder illegalen Mitteln der Nahrungs- und Brennstoffbeschaffung zu suchen. Dazu gehörten Schlangestehen, Hamsterfahrten auf das Land, Pakete von Verwandten oder Bekannten und nicht zuletzt der Schwarzmarkt. Welches dieser Mittel effektiver war, unterschied sich von Fall zu Fall. Der Anteil der Nahrungsmittel, die über das offizielle Rationierungssystem zu erhalten waren, variierte von Land zu Land und über die Zeit erheblich. In Rom verschwanden im Juli 1944 ca. drei Viertel der Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt. In Großbritannien entfielen 1947/48 ca. die Hälfte der Ausgaben auf rationierte Nahrungsmittel. Und in Frankreich konnten 1945 zwei Drittel der nichtbäuerlichen Bevölkerung nur zwischen 50 und 75 Prozent ihrer Nahrungsmittelbedürfnisse über das Rationierungssystem abdecken. Besonders schwierig war die Lage in Paris, wo die Einwohner im Januar 1945 für 53 von 62 Mahlzeiten auf den Schwarzmarkt angewiesen waren. Wie auch immer man es berechnet: Der Schwarzmarkt oder andere Beschaffungskanäle mussten einen großen Beitrag zur Versorgung leisten, sonst drohte der Hunger.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Nahrungsmittelbeschaffung bei vielen Menschen eine derart wichtige Stellung einnahm, dass an andere Dinge kaum zu denken war. „Nicht Parteien oder Gewerkschaften bestimmen unser Leben“, schrieb die Kölnische Rundschau im August 1947, „nicht die junge demokratische Regierung oder die Besatzungsmacht, sondern einfach der Hunger, nichts als der Hunger“.1 Ihm zu entkommen, war in den meisten Fällen möglich, aber zeitaufwendig.

Neben dem offensichtlichen Zeitaufwand bargen die alternativen Versorgungswege auch gesellschaftlichen Sprengstoff. Warteschlangen konnten in Protestdemonstrationen, ja sogar Plünderungen münden wie in Montpellier im Dezember 1944, als aufgebrachte Hausfrauen wie bei den Hungerprotesten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts Geschäfte plünderten. Hamsterfahrten konnten die Gegensätze zwischen Stadt und Land verschärfen. Andere Praktiken, legal oder nicht, waren die Ausweitung der Selbstversorgung und die Beschaffung von Brennmaterial. Die Bäume des Berliner Tiergartens wurden abgeholzt und das Land unter den Pflug genommen. Erst 1949 begann die Wiederaufforstung des beliebten Parks. Der Kölner Kardinal Frings gewann dauernde Popularität, als er Silvester 1946 indirekt das (weitverbreitete) Stehlen von Kohle oder anderem Brennmaterial legitimierte („Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise… nicht erlangen kann.“).

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Abb 1Der Berliner Tiergarten als landwirtschaftliche Nutzfläche, Juli 1946 (Quelle: Bundesarchiv 183-M1015–314).

Am wichtigsten war vielleicht der Schwarzmarkt, der überall auftrat, wo es Rationierung gab, aber dennoch von Land zu Land und teilweise von Ort zu Ort unterschiedliche Ausmaße und Formen annahm. Dort, wo die Rationierung im Allgemeinen gut funktionierte und die Rationen ein erträgliches Maß behielten, hielt sich auch der Schwarzmarkt in Grenzen, nämlich in Dänemark (wo die Schwarzmarktpreise stabil blieben) und in Großbritannien, wo zudem effektive Kontrollmechanismen installiert wurden. Anderswo, vor allem in Italien, nahm der Schwarzmarkt solche Ausmaße an, dass es wahrscheinlich zutreffender wäre, von einer „Schwarzmarkt-Gesellschaft“ als von einer „Rationen-Gesellschaft“ zu sprechen. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Das Rationierungssystem brach 1944 nach dem Einmarsch der Alliierten zunächst vollkommen zusammen, und noch im Juli 1947 waren die Rationen in Rom so niedrig, dass die Normalverbraucher nicht einmal auf 2000 Kalorien am Tag kamen. Hinzu kam, dass der Schwarzmarkt von den Behörden als notwendiges Übel oftmals toleriert wurde. Anders in Frankreich, wo die Behörden im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchten, gegen den illegalen Handel vorzugehen. Jedoch erwiesen sich Praktiken der Unterschlagung, die während der Besetzung Ausdruck nationalen Widerstands gegen die deutschen Besatzer waren, als zählebig.

Der Schwarzmarkt war bei der Not leidenden Bevölkerung nicht besonders beliebt. Die Preise waren häufig exorbitant, das Risiko, von den Behörden entdeckt und bestraft zu werden, immer vorhanden. Daher war der Schwarzmarkt auch weniger eine Einübung in die Marktwirtschaft als vielmehr ein negatives Zerrbild derselben. Er begünstigte vor allem eine kleine Schicht von Menschen, die, über welche Kanäle auch immer, Zugang zu stark nachgefragten Waren hatten, und produzierte somit eine kleine Schicht von Profiteuren, die ihren plötzlichen Reichtum ungeniert zur Schau stellten und somit die sozialen Spannungen zusätzlich anheizten.

1.1.2Gesellschaftliche und politische Implikationen

Die Rationen- und Schwarzmarkt-Gesellschaft führte somit keineswegs zu einer nivellierten Notgemeinschaft, sondern zu zusätzlichen sozialen Spannungen, die sich in erster Linie in Form von Streiks und Protesten artikulierten, mittelbar aber auch für das Schicksal von Regierungen verantwortlich waren (→Kap. 1.4). In Großbritannien nahmen die Proteste noch relativ milde Formen an. So war ein Hafenarbeiterstreik im Oktober 1945 sehr unpopulär, weil er die ohnehin angespannte Versorgungslage zu verschlechtern drohte. Proteste wurden in der Folgezeit von Hausfrauenorganisationen artikuliert, z. B. gegen die Einführung der Brotrationierung im Sommer 1946.

Schwieriger war die Lage auf dem Kontinent. Hier war es besonders die städtische Bevölkerung, die unter den Versorgungsschwierigkeiten zu leiden hatte. Die Löhne hielten meist nicht mit den steigenden Schwarzmarktpreisen mit, was immer wieder für Empörung sorgte. Zudem war mit zunehmendem zeitlichem Abstand der Krieg immer weniger als Erklärung für die Versorgungsschwierigkeiten akzeptabel. Kritisch waren insbesondere Herbst und Winter eines jeden Jahres. In Köln kam es im Januar 1948 zu einem Generalstreik, an dem sich 120.000 Beschäftigte beteiligten. Die schwersten Krawalle in den westlichen Besatzungszonen fanden jedoch nach der Währungsreform vom Juni 1948 statt, nämlich die „Stuttgarter Vorfälle“ vom 28. Oktober 1948, bei denen nach einer Demonstration gegen die Preissteigerungen infolge der Währungsreform Schaufensterscheiben eingeschlagen und Autos demoliert wurden. Die Gewerkschaften riefen in der Bizone für den 12. November einen Generalstreik aus, an dem sich nach Angaben der Veranstalter über 9 Millionen Menschen beteiligten. Eine Antwort darauf war das bereits im Sommer 1948 angelaufene „Jedermann-Programm“, das mit staatlicher Unterstützung preiswerte Konsumgüter für den Massenmarkt bereitstellen sollte.

Heftige Streik- und Protestwellen erschütterten auch und insbesondere Frankreich. Schon 1946 kam es immer wieder zu wilden Streiks, die weder von der in der Regierung vertretenen kommunistischen Partei noch der ihr nahestehenden Gewerkschaft CGT gebilligt wurden. Als jedoch im April 1947 in der CGT-Hochburg Renault-Billancourt ein Streik ausbrach, sah sich die Gewerkschaft nach kurzem Zögern gezwungen, sich dem Streik anzuschließen, wollte sie nicht ihre treuesten Unterstützer verprellen. Das zwang wiederum die kommunistische Partei zu einer Neuorientierung in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und führte zu ihrem Ausscheiden aus der Regierung im Mai 1947. Damit war der Höhepunkt der Streikaktivitäten noch nicht erreicht. Im November gab es bei einer Protestdemonstration in Marseille gegen die Erhöhung der Straßenbahnfahrpreise einen Toten. Dem daraufhin ausgerufenen lokalen Generalstreik schlossen sich rasch die nordfranzösischen Bergleute an, und kurze Zeit später waren 2 Millionen Arbeiter im Ausstand. Die Regierung reagierte mit Antistreikgesetzen und dem Einsatz von Polizei und Armee, nicht aber mit Zugeständnissen. Ähnliches spielte sich im Oktober und November 1948 ab, als wiederum die Bergleute in den Streik traten, in dessen Verlauf 1041 Streikende verhaftet und 479 Polizisten verletzt wurden.

Die Auseinandersetzungen in Italien waren kaum weniger heftig. Im Juli 1946 wurden in Venedig Lebensmittelgeschäfte geplündert und in Turin ein Generalstreik ausgerufen. Im Oktober 1946 besetzten Demonstranten die Residenz des Ministerpräsidenten in Rom. In den heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei gab es zwei Tote und über 150 Verletzte. Gleichzeitig protestierten in den ländlichen Regionen bis zum Sommer 1947 immer wieder die Landarbeiter und Halbpächter. Zu landesweiten Streiks und Fabrikbesetzungen der kommunistischen Arbeiter kam es nach einem Attentat auf den kommunistischen Parteichef Palmiro Togliatti am 14. Juli 1948. In Genua übernahmen die Streikführer sogar kurzzeitig die Kontrolle über die Stadt, und eine Revolution schien im Bereich des Möglichen. Erst im Lauf des Jahres 1949 verbesserte sich die ökonomische Situation spürbar, und die sozialen Auseinandersetzungen ebbten ab.

Diese Streiks und Proteste weisen schon darauf hin, dass die Rationen- und Schwarzmarkt-Gesellschaften keineswegs durch die Not zusammengeschweißt wurden. Richtig ist zwar, dass traditionelle soziale Unterschiede teilweise an Bedeutung verloren, ja bisweilen sogar umgekehrt wurden. In der Notzeit war beispielsweise die Landbevölkerung meist besser versorgt als die normalerweise besser situierten Stadtbewohner. Ansonsten dominierte aber eine negative „Vergleichsmentalität“ (Rainer Gries), in der jeder neidisch auf den oder die andere blickte, die mehr hatte als man selbst. Eine gewisse Nivellierung fand dadurch statt, dass ansonsten gut verdienende städtische Angestellte oder Beamte nicht besser-, sondern eher schlechtergestellt waren als Arbeiter oder Bauern. Dort, wo die Rationierung gut funktionierte wie in Großbritannien, konnte sie somit durchaus positive Folgen zeitigen. Die britischen Arbeiter waren in der Zeit der Rationierung besser ernährt als vorher, und nicht zuletzt deswegen war das Ende der Rationierung in Großbritannien durchaus umstritten. In den meisten anderen Ländern jedoch erzeugte die Rationierung neue Formen der sozialen Ungleichheit durch den Aufstieg der Kriegsgewinnler, Spekulanten und „Schieber“, deren schneller Reichtum eher auf Beziehungen als auf Leistung zurückzuführen war und der dementsprechend wenig Akzeptanz gewinnen konnte.

Literatur

Corni, Gustavo/Gies, Horst: Brot, Butter, Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997

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