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Wirst du nicht vom Blitz erschlagen, lebst du noch in tausend Jahren

Über dieses Buch

Gefahr ist alles, was Angst macht – und manchmal der halbe Spaß.

Inzwischen liegen Statistiken über alle möglichen Bereiche des Lebens vor: Risiken bei der Geburt und Kinderbetreuung, Zahlen zu Gewalttaten, Unfällen und Verbrechen, Gefahren durch Sex, Drogen, Reisen, Ernährung, Naturkatastrophen und vieles mehr. Alle diese Aspekte betrachten die Autoren und bewerten sie. In dieser Hinsicht ist dieses Buch ein Führer durch alle Gefahrenquellen des Lebens.

Doch weil es hier nicht nur um Zahlen, sondern auch um den »menschlichen Faktor« geht und sich Menschen eben nicht immer vernünftig nach den Statistiken richten, sondern sich aufgrund guter oder auch weniger guter Gründe ganz anders verhalten, als es die Wahrscheinlichkeit gebietet, verwenden die Autoren einen Kunstgriff: Sie erfinden Geschichten mit denen sie jeden Gefahrenbereich auch tatsächlich mit Leben füllen und damit ein Buch über Wahrscheinlichkeiten zu einem höchst praktischen, lebensnahen und sogar amüsanten Text machen.

Und sie berücksichtigen damit nicht nur Zahlen und Vernunft sondern auch den emotional handelnden Menschen, denn viele Menschen fühlen sich eben sicher auch wenn sie sich statistisch gesehen in Gefahr befinden und gefährdet, obwohl sie doch eigentlich in Sicherheit sind.

Über die Autoren

Michael Blastland arbeitete als Experte für Zahlen und Statistiken bei der BBC. Er versucht Risiken so gut wie möglich zu vermeiden, und wenn er hier und da mal seinen Fahrradhelm nicht trägt, hat es eher mit Faulheit als mit Wagemut zu tun.

David Spiegelhalter ist Professor für Statistik in Cambridge und fordert sein Glück seit frühster Jugend heraus. Heute lebt er im Hochwassergebiet – mehr Sorge bereitet ihm aber, dass er seine Schlüssel so oft verlegt.

Michael Blastland
David Spiegelhalter

Wirst du nicht vom
Blitz erschlagen,
lebst du noch
in
tausend Jahren

Was wirklich gefährlich ist

Übersetzung aus dem Englischen
von Jürgen Neubauer

Inhalt

  1. Einleitung
  2. 1. Am Anfang
  3. 2. Kindheit
  4. 3. Gewalt
  5. 4. Nichts
  6. 5. Unfälle
  7. 6. Impfung
  8. 7. Glücksfälle
  9. 8. Sex
  10. 9. Drogen
  11. 10. Große Risiken
  12. 11. Entbindung
  13. 12. Glücksspiel
  14. 13. Durchschnittliche Risiken
  15. 14. Zufälle
  16. 15. Verkehr
  17. 16. Extremsport
  18. 17. Lifestyle
  19. 18. Unfallschutz
  20. 19. Strahlenschäden
  21. 20. Tod aus dem All
  22. 21. Arbeitslosigkeit
  23. 22. Verbrechen
  24. 23. Operationen
  25. 24. Vorsorge
  26. 25. Geld
  27. 26. Ende
  28. 27. Das Jüngste Gericht
  29. Anmerkungen
  30. Dank
  31. Register

Einleitung

WAS IST GEFAHR?

Drei Menschen, Norm, Prudence und Kelvin, sehen bei ihren Fahrten in der Londoner U-Bahn zufällig eine herrenlose Tasche.

Im Fall von Norm ist es eine hellblaue Sporttasche, die schräg vor ihm auf dem Boden steht. Zunächst denkt sich Norm nichts weiter dabei. Dann sieht er wieder hin und blickt den Gang hinunter. Der Zug ist so gut wie leer.

»Ganz ruhig, Norm«, sagt er sich und bückt sich, um seine grünen Thermosocken hochzuziehen und wie beiläufig zu schauen, ob Kabel aus der Tasche ragen. Er setzt sich auf und zwingt sich, die Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, kratzt sich an der Nase, kommt mehrmals zu dem Schluss, dass einfach irgendjemand seine Tasche vergessen hat, steht schließlich auf, schlendert den Gang entlang zur Tür, steigt an der nächsten Station aus und genießt den unverhofften Spaziergang.

Als Prudence von Shades of Grey aufblickt und auf dem Sitz gegenüber einen einsamen Rucksack sieht, wird ihr plötzlich schlecht. Wenn er einen Adressanhänger hat, dann gehört er vermutlich irgendjemandem. Aber wenn nicht …

Er hat keinen. Sie denkt an ihre Kinder, die als arme weinende Waisen ihr Dasein fristen müssen, und spürt keine Kraft, auch nur einen Finger zu rühren. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie, wie sie von der Explosion zerrissen und ihre Frisur ruiniert wird.

Sie zählt die letzten Sekunden ihres Lebens. Mit letzter Kraft hebt sie den Arm, wie ein Geist zeigt sie auf den Sitz und haucht einem jungen Mann zu, der neben ihr steht: »Ein … Rucksack.«

»Ach ja!«, sagt der Mann und nimmt ihn an sich. »Danke!«

Und Kelvin? Als er beim Einsteigen die schwarze Aktentasche sieht, macht er sie einfach auf. Was sonst? Er hebt sie auf, setzt sich hin, klappt den Deckel auf, nimmt eine gefaltete Zeitung heraus, steckt sie in seine Lederjacke, schiebt ein paar Papiere beiseite, entdeckt ein Alupäckchen, faltet es auf, hebt es an die Nase, schnüffelt – wobei er zu der jungen Frau schräg gegenüber schielt, die sich die Wimpern tuscht –, wirft das Päckchen zurück in den Koffer, klappt ihn zu, stellt ihn auf den Boden und lehnt sich zurück.

Drei Menschen, drei Einstellungen zur Gefahr. Es wären noch viele andere vorstellbar. Was ist Ihre? Aus eigener Erfahrung und Millionen von Geschichten wissen wir: Gefahr ist reine Nervensache.

Aber nicht nur. Es gibt auch noch ein paar Zahlen.

Nehmen wir nur zwei. Die erste: Am 7. Juli 2005 wurden bei Bombenanschlägen in U-Bahn-Zügen und einem Bus in der Londoner Innenstadt 52 Menschen getötet. Und die zweite: Im Jahr 2011 wurden in Londoner Bahnen und Bussen rund 30 000 herrenlose Gepäckstücke gefunden.

Ist eine einsame Tasche in der U-Bahn also eine Gefahr oder nicht? Wie passen diese Zahlen und Geschichten zusammen? Die Geschichten der 52 Opfer und die Geschichten von Norm, Kelvin und Prudence?

Lassen Sie diese Zahlen ein wenig auf sich wirken, während wir Ihnen eine andere Geschichte erzählen, diesmal eine wahre.

Eines Tages ging Anna mit ihren Freunden zum Skifahren. Anna war eine gute Skifahrerin, und überhaupt ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering, beim Skifahren ums Leben zu kommen. Plötzlich verlor sie die Kontrolle über ihre Skier. Auf einem zugefrorenen Bach in der Nähe eines Wasserfalls stürzte sie und fiel auf den Rücken. Das Eis brach, eisiges Wasser lief in ihre Kleider und zog sie Kopf voran in die Tiefe.

Sie wäre in kürzester Zeit tot gewesen, hätte sie nicht unter dem Eis eine Luftblase gefunden. Dort konnte sie zumindest einige Zeit lang atmen. Währenddessen versuchten erst ihre Freunde, sie herauszuziehen, dann kam eine Rettungsmannschaft – vergebens. Sie versuchten, das Eis aufzuhacken, doch es war zu hart.

Anna blieb 40 Minuten lang bei Bewusstsein. Dann verlangsamte sich ihre Atmung und setzte schließlich aus. Genau wie ihr Puls. Es dauerte noch 40 Minuten, bis sie geborgen werden konnte.

Unsere normale Körpertemperatur beträgt circa 37 Grad Celsius. Unterkühlung beginnt bei 35 Grad. Als Anna im Krankenhaus ankam, hatte sie Temperatur von 13,7 Grad. Eine Unterkühlung wie diese hatte noch niemand überlebt.

Doch die Ärzte gaben nicht auf. Langsam und geduldig wärmten sie Annas Blut außerhalb des Körpers und pumpten es zurück in ihre Adern. Mehr als drei Stunden nach dem Atemstillstand, mehr als zwei Stunden nach ihrer Ankunft im Krankenhaus begann Annas Herz wieder zu schlagen.

Doch als sie zehn Tage später wieder zu Bewusstsein kam, stellte sie fest, dass sie vom Hals abwärts gelähmt war. Sie war wütend, dass sie wiederbelebt worden war, um im Rollstuhl zu sitzen. Doch nach und nach erholte sie sich nahezu vollständig. Wenige Jahre später arbeitete sie als Radiologin in dem Krankenhaus, in dem sie gerettet worden war. Sie fährt immer noch Ski.*1

Anna wird heute als medizinisches Wunder gefeiert. Aber uns geht es hier nicht um die menschliche Überlebensfähigkeit oder darum, zu verstehen, wie sich extreme Kälte auf den menschlichen Körper auswirkt. Uns geht es lediglich darum, dass Anna die irrwitzigste aller Achterbahnfahrten des Glücks überlebt hat. Es ist fast so, als hätte sie an jeder Wende dieser verrückten Geschichte einen Sechser im Lotto gehabt. Sie hatte astronomisches Glück.*2

Selbst noch so gute Skifahrer können einmal stürzen. Doch das Wie und Wo von Annas Sturz – das Zusammentreffen von Wasser, Loch und hartem Eis – war extrem unwahrscheinlich. Genau wie die Tatsache, dass sie ein Luftloch fand, das so lange ein Gottesgeschenk zu sein schien, bis ihre Retter feststellten, dass sie das Eis an dieser Stelle nicht aufbrechen konnten. Dass sie erfroren ins Krankenhaus eingeliefert wurde und trotzdem überlebte, schien gleich vollkommen unmöglich. Und dass sie querschnittsgelähmt aus dem Koma erwachte und am Ende trotzdem fast keine Schäden zurückblieben, setzte dem Ganzen die Krone auf. Aber vielleicht das Verrückteste von allem war, dass sie ausgerechnet durch ihren Nahtod gerettet wurde, denn die extreme Kälte verlangsamte ihren Stoffwechsel fast bis zum Stillstand und bewahrte ihr ein Fünkchen von Leben, als ihr Atem aussetzte. Das Leben geht manchmal schon sehr unwahrscheinliche Wege.

Diese Geschichten und die Zahlen verraten uns vor allem, dass Gefahren immer zwei Seiten haben: Die eine Seite sind die kalten Wahrscheinlichkeiten, zum Beispiel wenn in der Zeitung steht, dass der Verzehr von Würstchen das Krebsrisiko um 20 Prozent erhöht, oder wenn wir wissen, dass nur ein winziger Bruchteil aller herrenlosen Taschen in London spontan in die Luft fliegen, oder wenn wir hören, wie unwahrscheinlich es ist, dass wir überleben, wenn unser Körper gefriert, unser Atem aussetzt und unser Herz zu schlagen aufhört. Und die andere Seite sind die Menschen mit ihren Geschichten, zum Beispiel Anna oder die 52 Anschlagsopfer.

Zahlen und Wahrscheinlichkeiten sind so etwas wie die Abschlussbilanz. Sie sind das auf alle Menschen hochgerechnete Gesamtrisiko und die Wahrscheinlichkeit für die Bevölkerung als ganze. In diesen Zahlen verbergen sich oft faszinierende Muster und eine Fülle von Informationen. Doch sie sind gefühllos. Zahlen interessieren sich nicht für Menschen und deren Schicksale. Leben und Tod sind nichts als Prozentanteile, die keine Angst vor Gefahr haben: Ihnen ist es egal, ob wir überleben oder nicht, sie verraten lediglich, was im Durchschnitt gefährlich ist und was nicht oder in welchem Maß. Sie erklären uns nicht, was das alles bedeutet und ob es besser wäre, sich vor Würstchen und Skihängen in Acht zu nehmen oder nicht.

Aber wir sind keine Durchschnittswerte. Wir sind Menschen, und uns interessiert das alles sehr wohl. Wir streiten uns über Würstchen, Terror und Skifahren. Wir haben Ahnungen, Gefühle, Hoffnungen, Ängste und Fragen. Unser Gefühl widerspricht vielleicht den Statistiken, und wir sagen: »Ich pfeif drauf! Ich mache, was ich will!« Oder wir sehen die Gefahr und springen trotzdem mit dem Wingsuit von der Klippe, weil wir den Kitzel lieben (siehe Kapitel 16, Extremsport), und laufen gleichzeitig schreiend vor Spinnen davon (zu Phobien siehe Kapitel 25). Wir fragen, »Passiert mir auch nichts? Passiert meinen Kindern nichts?«, aber auch: »Habe ich das alles noch im Griff?« (Kapitel 15, Verkehr). »Macht mich das glücklich?«, »Brauche ich diesen Kick?«, »Weiß ich, was ich da tue?« (siehe Kapitel 9 zu Drogen). »Soll ich’s riskieren?« Und schließlich: »Wie fühlt es sich an, und ist es das wert?« (siehe Kapitel 11: Entbindung).

Anna ist ein extremes Beispiel für den möglichen Unterschied zwischen den Wahrscheinlichkeiten und dem wirklichen Leben. In der Statistik ist sie ein Häkchen, kein Kreuz, das ist aber auch schon alles.

Gefahr ist ein Hai im flachen Wasser, ein Tablettenröhrchen im Nachttischkästchen oder ein Klavier, das auf dem Fensterbrett schaukelt, während unten Kinder spielen. Gefahr ist eine Ernährung mit zu vielen Sahnehäubchen, ein Fallschirmsprung, Alkohol, eine Begegnung zwischen einem Fußgänger und einem Bus, der Fuß auf dem Gaspedal oder ein plötzlicher Wetterumschwung. Gefahr, das ist Höhepunkt und Absturz. Die Gefahr lauert immer und überall. Und immer hat sie diese beiden Seiten: die eine leidenschaftslos, kühl, berechnend, die andere besetzt mit menschlichen Hoffnungen und Ängsten.

In diesem Buch wollen wir uns beide Seiten gleichzeitig ansehen. Wir wollen die Zahlen und die Menschen mit ihren Geschichten zeigen. Ursprünglich wollten wir nur sehen, wie sich die beiden zueinander verhalten, aber irgendwann standen wir vor einer unangenehmen Frage: Haben die beiden überhaupt etwas miteinander zu tun? Hat unsere subjektive Einschätzung von Risiken etwas mit den Zahlen zu tun und umgekehrt?

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Nein, sie haben nichts miteinander zu tun. Wir Menschen leben nicht nach Wahrscheinlichkeiten.

Das ist eine erstaunliche Behauptung von zwei Autoren, die gern mit Regenschirm und Regenjacke aus dem Haus gehen. Doch den Beweis dafür finden Sie auf den folgenden Seiten, und dort erfahren Sie auch, was das bedeutet.

Dort stellen wir Ihnen einerseits die Zahlen und Wahrscheinlichkeiten vor. Wir führen Ihnen eine ganze Reihe von möglichen Gefahren und Risiken vor Augen, denen wir im Alltag ausgesetzt sind: Wie gefährlich ist das Leben für unsere Kinder? Mit welcher Wahrscheinlichkeit werden wir ein Opfer von Gewalt, Unfällen und Diebstählen? Wie gefährlich sind Sex, Drogen, Reisen, Diäten und Lebensweisen? Mit welcher Wahrscheinlichkeit werden wir Opfer von Naturkatastrophen? Und vieles mehr. Wir erklären Ihnen, woher die Zahlen stammen und wie sie sich verändert haben, und wir erläutern sie Ihnen, so gut wir können. Dazu verwenden wir unter anderem eine hübsche Erfindung namens MikroMort, und eine neue Erfindung namens MikroLeben, zwei Einheiten, mit denen sich Risiken berechnen lassen und die Ihnen die Augen öffnen werden. Sie werden diese Einheiten in Kürze kennenlernen. In dieser Hinsicht ist dieses Buch ein völlig neuer Leitfaden zu den Gefahren des Lebens.

Doch über den Zahlen werden wir auch den Faktor Mensch nicht vergessen. Wir Menschen halten uns nicht immer an die Zahlen. Oft fühlen wir uns sicher, wenn wir in Gefahr sind, und bedroht, wenn wir in Sicherheit sind. Die Zahlen sind uns weniger wichtig als unser Gefühl von Macht und Ohnmacht, Freiheit und Unfreiheit, unsere Werte, unsere Vorlieben und Abneigungen und unsere Emotionen.

Man könnte uns Menschen natürlich vorwerfen, wir seien irrational, und behaupten, wenn wir nur auf die Experten hörten, würden wir länger leben und ruhiger schlafen. Andererseits könnte man den Experten vorhalten, dass sie im Durchschnitt vielleicht recht haben, dass sie aber offensichtlich keine Kinder haben, nie mit einem unerklärlichen Ziehen in der Brust aufgewacht sind und nie zu schnell in die Kurve fahren.

So oder so lässt sich der Faktor Mensch nicht ignorieren. Um ihn einzubeziehen, verwenden wir einen Kniff, der, nun ja, ein bisschen riskant ist. Wir vermischen nämlich Fakt und Fiktion, Zahlen und Geschichten. Warum sollte jemand ein Buch schreiben, das teils aus Zahlen und teils aus Geschichten besteht? Weil wir Menschen Risiken genau so wahrnehmen: durch Geschichten und durch Zahlen.

Beides hat seine Vor- und Nachteile. Die Zahlen verraten uns, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ein Ereignis ist. Und mit den Geschichten vermitteln wir die Gefühle und Werte, die den Zahlen fehlen, die jedoch oft unsere Einschätzung des Risikos verzerren. Geschichten schaffen Sinn, wenn auch oft einen künstlichen Sinn, sie haben einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende und stellen stimmige (oft allzu stimmige) Zusammenhänge von Ursache und Wirkung her. Zahlen verraten uns nur die Wahrscheinlichkeiten, doch sie verraten uns nichts über Ursache und Wirkung oder darüber, wie eins zum anderen führt, sondern sie sagen uns nur, was das alles unterm Strich für Leben und Tod bedeutet. Warum sollten wir diese beiden Sichtweisen nicht nebeneinanderstellen, um sie besser zu verstehen? Warum sollten wir sie nicht beide zu Wort kommen lassen, um jede von beiden zu hören?*3

Steven Pinker schrieb in Das unbeschriebene Blatt:

FIKTIVE ERZÄHLUNGEN bieten uns einen Katalog vertrackter Zwickmühlen, mit denen wir uns vielleicht eines Tages konfrontiert sehen, und von Strategien, mit denen wir sie lösen könnten. Was kann ich tun, wenn ich irgendwann den Verdacht hegen sollte, dass mein Onkel meinen Vater ermordet, sich auf seinen Thron gesetzt und meine Mutter geheiratet hat? Unter welchen Umständen könnte mein glückloser und von der Familie verstoßener älterer Bruder auf den Gedanken kommen, mich zu hintergehen? … Was könnte mir im schlimmsten Fall passieren, wenn ich mein langweiliges Leben als Frau eines Landarztes ein wenig aufpeppe und mir eine Affäre leiste? … Die Antworten finden Sie in jedem Buchladen und Videoverleih.

Also haben wir für dieses Buch ein paar Figuren erfunden. Allen voran Norm, der die Sporttasche in der U-Bahn sieht und versucht, mit den Mitteln der Vernunft eine angemessene Reaktion zu finden. Norm ist unser Held. Er ist ein durchschnittlicher Kerl (daher sein Name), der nichts anderes will, als sicher durchs Leben zu kommen. Er ist so durchschnittlich, dass selbst sein Versuch, sich aus der Masse abzuheben, durchschnittlich ist. Doch das Leben hat andere Dinge mit Norm vor, es lauert ihm in Form von Autounfällen, Vogelgrippeviren, Straßenräubern, Meteoriten, Reaktorunfällen und seinem eigenen, immer breiteren Schatten auf. Irgendwo wartet ein Killer auf ihn.

Norm lässt sich jedoch nicht beirren. Das Risiko sei kalkulierbar, meint er, und mit ein bisschen Vernunft und einem Gefühl für Verhältnismäßigkeit käme man gut durchs Leben. Er hat normale Gewohnheiten, er trinkt gern eine Tasse Tee (aber nicht zu viel), trägt Hosen von der Stange, hält seine Leidenschaften im Zaum und geht in der Freizeit lieber auf Nummer sicher. Aber irgendetwas oder irgendjemand ist hinter ihm her. Norm befindet sich dauernd in Todesgefahr – im Grunde genau wie wir alle.

Prudence, die in der U-Bahn in Panik ausbricht, unternimmt nichts Unüberlegtes und schaut immer ängstlich über die Schulter. Das Geräusch eines Schritts könnte von einem Unbekannten stammen, der sie verfolgt. Die Zahlen sind ihr egal, eine Horrorgeschichte reicht, und ihre Fantasie geht mit ihr durch.*4

Und dann sind da noch die Kevlin-Brüder, Kelvin, Kevin und Kieran, leichtsinnige Glücksspieler, die sich allein auf ihr Bauchgefühl verlassen und Ihnen ungefragt sagen würden, wohin Sie sich Ihre Vernunft und Ihre Wahrscheinlichkeiten stecken können.

Nebeneinander, Kapitel für Kapitel, Zahlen und Geschichten. Eigentlich wollten wir die beiden Perspektiven einfach kommentarlos nebeneinanderstellen. Doch wir haben uns entschieden, auf die Unterschiede einzugehen. Im Faktenteil gehen wir daher auch der Psychologie der Risikoeinschätzung nach. Hier finden Zahlen und Geschichten zusammen, auch wenn sie einander oft widersprechen.

Zahlen und Geschichten stehen auch für zwei grundverschiedene Sichtweisen. Was passiert, wenn sie in Konflikt geraten? Es kommt zum Streit, in dem die eine Fraktion der anderen Unvernunft vorwirft und die andere dieser Kälte und Gefühllosigkeit.

Diese Konflikte gehen tief. Hinter unseren Risikoeinschätzungen stecken oft die größten Spannungen des Lebens. Wo stehen Sie? Kunst oder Wissenschaft? Gefühl oder Verstand? Worte oder Zahlen? Subjektivität oder Objektivität? Geschichten oder Statistiken? Instinkt oder Analyse? Konkret oder abstrakt? Romantik oder Klassik? Turnschuhe oder Filzpantoffeln? Kurz, es ist der ewige Streit zwischen unvereinbaren Auffassungen von Wahrheit und Erfahrung. Es ist einfach, sich auf einer der beiden Seiten einzurichten und die andere nie zu sehen.

Vielleicht glauben Sie, dass Sie nicht für eine der beiden Seiten Partei ergreifen, und schon gar nicht so plump. Aber in Momenten der Gefahr ist das vermutlich anders. Gefahr berührt unsere Lebenseinstellung in ihrem Innersten, sie definiert uns. Bei den großen Entscheidungen des Lebens fühlen wir uns oft zwischen den objektiven Tatsachen einerseits und den Geschichten mit ihren Emotionen andererseits hin und her gerissen. Neben so gewichtigen Fragen vergessen wir gern, dass uns die Gefahr auch ganz beiläufig mit einer Rolloschnur erdrosseln, mit Salmonellen vergiften oder in die Luft sprengen kann.

Ein Beispiel.

Es ist ein Sommertag. Sie gehen eine Einkaufsstraße entlang und schlecken ein Vanilleeis, als plötzlich ein Bus der Linie 42 über den Gehsteig donnert, Ihnen Ihr Eis aus der Hand schlägt und direkt neben Ihnen in das Fenster des Supermarkts rast, während Sie erschrocken, aber unverletzt zusehen. Wie wahrscheinlich ist so etwas?

Die Einzelheiten eines Unfalls lassen sich nie genau vorhersagen. Wenn wir beim Streichen auf einer Leiter stehen und uns weit strecken, um auch noch in die Ecke zu kommen, dann legen wir es natürlich geradezu darauf an. Wenn wir dann am Boden liegen, können wir uns vorwerfen, dass uns das doch eigentlich hätte klar sein müssen. Aber stimmt das? Hätten wir es wirklich vorhersehen können? Natürlich nicht. Manchmal passiert es, und manchmal eben nicht. Es ist immer auch Zufall im Spiel.

Wenn vor Ihrer Nase ein Bus über den Gehsteig rast, dann kann die Ursache genauso ein technisches Versagen sein wie ein Fehler des Fahrers. Der Fahrplan kann genauso eine Rolle spielen wie der Straßenbelag, der Verkehr, das Wetter und natürlich Sie, die Länge der Schlange vor der Eisdiele oder die Leute in der Schlange. Es kann auch von all diesen Faktoren zusammen abhängen, oder von einer anderen, unendlich komplexen und unwahrscheinlichen Verkettung von Ursachen, Wirkungen und Menschen. Sie, die Sie in diesem Moment und an diesem Ort diesen Satz in diesem Buch lesen, sind durch eine absurde Abfolge von Ereignissen hierhergekommen, die im Grunde bis zum Urknall zurückreicht. Oder anders ausgedrückt: Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Das Leben ist einfach zu komplex.

Aber vielleicht wundern Sie sich ja gar nicht, dass ein Unfall wie dieser passiert – wenn nicht Ihnen, dann vielleicht jemand anderem. Wir wissen schließlich, dass dauernd unzähligen Menschen unzählige Dinge passieren, von denen einige wahrscheinlicher sind als andere. Wir wissen auch, dass sie oft in sonderbaren und vorhersehbaren Mustern passieren. Tödliche Unfälle mit Leitern sind geradezu unheimlich konstant: In den Jahren zwischen 2006 und 2010 stürzten von 21 Millionen erwachsenen Männern in England und Wales 42, 54, 56, 53 und 47 ab.*5 Sosehr sich diese 21 Millionen Lebensläufe in ihren zufälligen Einzelheiten unterscheiden mögen, sind diese Zahlen erstaunlich stabil (anders als die Leitern).3 Man kann sich lebhaft vorstellen, wie ein berechnender Gott, der das Schicksal in Zahlen in die Wolken schreibt, vom Himmel herunterruft: »Hey ihr Maler, diesen Monat fehlt uns noch einer!«

Wir wissen, dass sich Unfälle ereignen, und wir wissen oft sogar, welche Unfälle und wie viele, weshalb wir recht genau vorhersagen können, wie viele Menschen am 28. Juli des kommenden Jahres in London ermordet werden (das können Sie in Kapitel 22 nachlesen, in dem es um Verbrechen geht). Aus der Froschperspektive wirkt das Leben chaotisch. Jeder Mord ist einmalig und unvorhersehbar, jeder Sturz von der Leiter das Ergebnis einer endlosen Verkettung von Zufällen. Aber aus der Vogelperspektive ergeben sich oft unheimliche Muster.

Das ist auch das große Rätsel der Gefahr. Millionen Geschichten beschreiben sie, Millionen Gefühle reagieren auf sie, Millionen von Zufällen wirken zusammen – und trotzdem bleibt sie relativ konstant. Jeder Tumor beginnt mit der zufälligen Mutation einer Zelle, und trotzdem erkrankt recht konstant ein Drittel der Bevölkerung an Krebs.*6 Es gehört zu den merkwürdigeren Tatsachen des Lebens, dass jeder seinen alltäglichen Verrichtungen nachzugehen scheint, und dass sich inmitten dieses Chaos trotzdem spontan Ordnung und vorhersehbare Muster abzeichnen.

Aus der Vogelperspektive ist der Lauf des Schicksals also oft besser zu erkennen. Für uns auf der Erde bleibt das Leben dagegen ein Labyrinth von Geschichten. Es ist, als wären gleichzeitig zwei Kräfte am Werk: eine im großen Maßstab, die in Richtung Gewissheit drängt, und eine andere im kleinen Maßstab, die uns im Ungewissen lässt. Es gibt ein Wort, das dieses Gleichgewicht von Mustern in der Gesamtbevölkerung einerseits und dem Tasten und Stolpern des Einzelnen andererseits beschreibt – ein Wort, das erst ein paar Jahrhunderte alt ist: Wahrscheinlichkeit.

Eine Spielart der Wahrscheinlichkeit beginnt damit, Ereignisse der Vergangenheit zu zählen, zum Beispiel »Bei den Männern, die in den vergangenen Jahren gestorben sind, war die Todesursache in etwa 20 Prozent der Fälle eine Herzkrankheit«. Und aus dieser Erkenntnis lässt sich ein Muster ableiten: »In Zukunft wird die Todesursache in 20 Prozent der Fälle eine Herzkrankheit sein.« Aber es geht noch weiter. Aus dieser allgemeinen Aussage lassen sich Aussagen darüber treffen, was mit einem ganz bestimmten Menschen passiert. »Die Wahrscheinlichkeit, an einer Herzkrankheit zu sterben, liegt bei einem durchschnittlichen Mann bei 20 Prozent und bei einer durchschnittlichen Frau bei 14 Prozent.« So lässt sich die Aussage von der Vergangenheit auf die Zukunft und von der Masse auf den Einzelnen übertragen.

Wahrscheinlichkeit ist reine Magie. Sie bringt unsere beiden Sichtweisen und die beiden Seiten der Gefahr unter einen Hut: die geordnete Vogelperspektive der Zahlen und der gesamten Bevölkerung einerseits, und die oft einsame Froschperspektive aus dem Labyrinth der Geschichten andererseits. In ihren Datenbergen erfasst sie jeden von uns. Heute berechnen Menschen Wahrscheinlichkeiten, um Entscheidungen über ihr Geld oder die Gefahr eines Einbruchs zu treffen und um die Risiken von Mobiltelefonen, Würstchen und Tsunamis abzuschätzen. Auf Schritt und Tritt berührt die Wahrscheinlichkeit unsere Ängste und Hoffnungen. Es ist kein Wunder, dass die Nachrichten voll davon sind: Sie scheint unsere Zukunft berechenbar zu machen. Umso bedauerlicher, dass es sie gar nicht gibt.

In diesem Buch ordnen wir die Risiken und Gefahren des Lebens entlang von Norms Lebenslauf und stellen fest, dass die Zahlen von Anfang bis Ende eine brauchbare Orientierung bieten. Dabei haben wir vor allem Dinge gewählt, die für das persönliche Leben relevant und interessant sind. Über Risikomanagement in Unternehmen werden Sie daher nichts finden – darüber wurde schon mehr als genug gesagt.

Zum Schluss einige Gefahrenhinweise. Erstens lernen wir ständig mehr über Risiken und Gefahren, weshalb die hier genannten Zahlen nicht bis in alle Ewigkeit Bestand haben werden. Das ist nicht nur eine lästige Begleiterscheinung, sondern eine ganz zentrale Frage: Wie soll man sich auf Zahlen verlassen, wenn sie sich dauernd verändern?

Zweitens ist dieses Buch eine Art Mini-Enzyklopädie der Gefahren des Lebens. Auf den kommenden Seiten werden Sie eine Menge Zahlen finden, und es macht vielleicht mehr Spaß, darin herumzustöbern, statt sie auf einen Rutsch von vorn bis hinten durchzulesen. Trotzdem hätten wir endlos Statistiken anführen können, und wir freuen uns über die Kommentare der Leser zu all den Zahlen, die wir noch hätten aufnehmen können. Aber irgendwo mussten wir leider aufhören.

Damit ist die Bühne frei. Geschichten treten neben Zahlen auf, die Vernunft ringt mit dem Gefühl, der Glaube streitet mit Beweisen. Wir haben uns die Daten genau angesehen und auf ein fiktives Leben losgelassen, das oft nicht von Vernunft beherrscht ist, sosehr sich Norm auch müht. Kurzum, wir haben so viele verschiedene Positionen zur Gefahr vereint, wie in einem Buch Platz fanden, und hoffen, Sie damit zum Nachdenken über diese gewaltige Kollision von Weltanschauungen zu bewegen. Und ganz nebenbei zieht ein Asteroid seine stille Bahn durch die Seiten und bereitet das Ende der Welt vor.

Worauf das Ganze unserer Ansicht nach hinausläuft, haben wir Ihnen schon verraten. Aber ob Sie sich unserer Schlussfolgerung anschließen, ob Sie sich von unserem Argument überzeugen lassen, und ob Sie meinen, dass sich die beiden Positionen unter einen Hut bringen lassen oder nicht, das werden Sie selbst herausfinden, wenn Sie sich jetzt ansehen, wie Sie selbst zur Gefahr stehen. Trauen Sie sich!

*1 Die Geschichte von Anna Bagenholm stammt aus mehreren Quellen, unter anderem aus einem Artikel in der Fachzeitschrift Lancet1 und Atul Gawandes Buch Über Leben und Tod2.

*2 Später hieß es oft, Anna habe entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt, doch das ist natürlich Unfug. Die Wahrscheinlichkeit besagt nur, wie viele Menschen sich auf der einen oder der anderen Seite der Gleichung befinden. Wenn Sie bei einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1 000 000 überleben, dann überleben Sie nicht entgegen aller Wahrscheinlichkeit: Das ist die Wahrscheinlichkeit, mit der Sie überlebt haben.

*3 Was ist eine Geschichte? David Herman, Herausgeber der Routledge Encyclopedia of Narrative Theory, schreibt: »Eine Geschichte ist die Darstellung der einmaligen Erlebnisse einmaliger Personen beziehungsweise die Sicht dieser Personen auf diese Erlebnisse.« Das soll uns genügen. Uns kommt es hier auf die »einmaligen Personen« an, und das kann sowohl Fakt als auch Fiktion bedeuten. Näher wollen wir nicht auf die Erzähltheorie eingehen, wir werden nur hin und wieder über die Form von Geschichten sprechen – zum Beispiel in Kapitel 23, in dem es unter anderem um Wundergeschichten aus der Medizin geht.

*4 Frauen sind tendenziell risikoscheuer als Männer, aber nur im Durchschnitt. Uns ist bewusst, dass wir verschiedentlich mit Stereotypen spielen.

*5 Für Deutschland liegen die Zahlen ähnlich nah beieinander: Zwischen 1990 und 1995 stürzten von rund 36,5 Millionen Männern unter 70 Jahren 84, 69, 85, 81, 71, 82 von Leitern (www.gbe.bund.de) (Anm. d. Red.).

*6 Anders als im Falle der Leitern können sich einige Zahlen jedoch ganz dramatisch verändern, wenn ein wichtiger Zufallsfaktor verändert wird. Ein Beispiel ist der Rückgang der Herzerkrankungen vor allem durch die Verringerung des Tabakkonsums. Bei Männern ging die Zahl der Toten durch Herzerkrankungen von 147 pro 100 000 im Jahr 2005 auf 108 pro 100 000 im Jahr 2010 zurück, und bei Frauen von 69 auf 48 pro 100 000. Das sind gewaltige Veränderungen.

Kapitel 1
Am Anfang

WENN ER DEN GIN NICHT instinktiv nach dem ersten Schluck ins Aquarium gekippt hätte (er konnte Gin nämlich nicht ausstehen), dann wäre es nie dazu gekommen.

Und wenn die Fische es überlebt hätten, dann wäre vermutlich auch nichts passiert. Oder wenn er sich nicht so schuldig gefühlt hätte, weil er ohne Einladung in die Party geplatzt war, von einem Mädchen erkannt wurde und Angst hatte, dass sie ihn verpetzen würde. Nur deshalb stand er am nächsten Tag vor der Tür, um sich zu entschuldigen.

»Äh, die Fische …«, stammelte er.

»Ja, die Fische!«, antwortete sie.

»Tot?«

»Ja.«

»Mh. Hab ich mir schon gedacht. Das war ich.«

»Soso.«

»Mh. Ja, wie viel kostet denn so ein Fisch?«

»Ein Fisch? Ein Abendessen!«

»Was? … Abendessen? Ah, klar! Abendessen! Aber … doch nicht für jeden Fisch?«

»Willst du kneifen, Fischkiller?«

»Schon gut …«

»Um ehrlich zu sein, es waren gar nicht meine Fische. Aber entweder lädst du mich zum Essen ein, oder ich sage meinem Bruder, dass du seine Fische umgebracht hast, und der ist ein durchgeknallter Axtmörder. Was meinst du?«

»Klar doch. Und … wie viele Fische waren es denn?«

»42.«

»42?«

Und wenn sie nicht eine gemeinsame Vorliebe für Sudoku, Segeln und eine Originalaufnahme von Alfred Lord Tennysons Gedicht »The Charge of the Light Brigade« entdeckt hätten und wenn er sich nicht in ihr Lächeln verliebt hätte und wenn sie nicht eine seltsame Faszination für seine Hände und das Muttermal auf seinem rechten Ohr entwickelt hätte, wer weiß.

»Unglaublich«, seufzten sie später oft.

»Wie unwahrscheinlich, jemanden so kennenzulernen!«

»Aber 42! Das war doch glatt gelogen!«

»Genau!«

Aber so kam es, dass sie sich durch eine Verkettung von zufälligen Ereignissen, die so leicht auch ganz anders hätten verlaufen können, wiedertrafen, sich unterhielten, ineinander verliebten und schließlich ein Kind bekamen – aber nur, weil er beim Campingwochenende die Kondome vergessen hatte und sich sagte: »Es wird schon nichts passieren.« Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Geschichte so abspielte, muss eins zu einer Fantastillion gewesen sein.

Aber wenn man es genau nimmt, ist jeder von uns unwahrscheinlich, und die Geschichte jedes Menschen eine Verkettung von unendlichen Zufällen. Es gibt zahllose Gründe, warum Sie oder wir nicht da sein könnten. Zumindest ist jeder spezifische Mensch extrem unwahrscheinlich. Natürlich gibt es Menschen – aber warum ausgerechnet Sie?

Ach ja, und da er sich für die toten Fische entschuldigte, war er rein zufällig auch nicht da, als in seiner WG ein Feuer ausbrach und die Wohnung mit tödlichem Rauch füllte.

Während sie also nach einer Anästhesie brüllte und schwor, dass sie ihn dafür den Fischen zum Fraß vorwerfen würde, saß er draußen und dachte über die Zukunft des Kindes nach, über die glücklichen und unglücklichen Wendungen des Lebens, die Risiken und Zufälle, und fragte sich, ob sich dieses Chaos nicht wenigstens zum Teil vorhersehen ließ. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit wirklich?

Und in dem Moment, in dem das Kind zur Welt kam, erhellte weit weg ein Feuerball den Nachthimmel, eine gleißende Explosion, die durch den Eintritt eines nur wenige Meter großen und 80 Tonnen schweren Asteroiden in die Erdatmosphäre ausgelöst wurde. Der Brocken, der mit einer Geschwindigkeit von 12 Kilometern pro Sekunde durch den eisigen Raum raste, wurde mit der Kraft von Tausenden Tonnen Dynamit zerrissen, leuchtete hell wie der Vollmond und zerfiel in kleine Meteoriten, die auf die Nubische Wüste herabregneten.1 Der Asteroid hieß Almahata Sitta. Das Baby wog genau 3400 Gramm.*1 Sie nannten ihn Norm.

*

KÖNNEN ZAHLEN dem kleinen Norm helfen, den Fallstricken des Lebens zu entgehen? In diesem Buch begleiten wir ihn mit den besten verfügbaren Daten und werden unser Bestes geben, diese Zahlen so klar wie möglich darzustellen.

Diese Klarheit ist entscheidend. Risikostatistiken sind natürlich voller Lügen, aber sie enthalten auch eine Menge wertvolle Informationen. Die Schwierigkeit besteht darin, zu dieser Information vorzudringen und sie richtig zu verstehen.

Nehmen wir an, Norms Vater brutzelt Würstchen für den Jungen, als er plötzlich aufhorcht, weil im Fernsehen eine Stimme sagt, dass jedes zusätzliche Würstchen – oder war es jedes zusätzliche Würstchen pro Tag? Irgendwas mit Wurst war es jedenfalls – das Krebsrisiko um 20 Prozent erhöhe. Er hält inne. Norm krakeelt. Die Würstchen zischen in der Pfanne.*2

Aber was bedeuten diese 20 Prozent? 20 Prozent riskanter als was? Später hört Norms Vater im Radio etwas von Wahrscheinlichkeit (ist das dasselbe wie ein Prozentsatz?), und in der Zeitung stößt er auf die Begriffe »absolutes« und »relatives Risiko«. Jetzt ist er vollends verwirrt. Aber wer wäre das nicht? Später schnappt er noch den Begriff »Quotenverhältnis« auf, das klingt alles sehr mathematisch. Einige fragen sich jetzt: »Heißt das, dass 20 Prozent der Bevölkerung an Würstchen sterben?« Und andere: »Verstehe ich das richtig, mehr Würstchen sind für 20 Prozent aller Krebsfälle verantwortlich?« Oder: »Das heißt, 20 Prozent der Bevölkerung bekommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent Krebs, wenn sie, äh, 20 Prozent mehr Würstchen essen?« Würstchenliebhaber wettern, dass Statistiken sowieso nur lügen, aber einige rufen: »Mein Gott, ein Würstchen! In Deckung!« Und sie können es kaum glauben, aber vielleicht sollten sie es lieber doch glauben. Andere sagen ihnen, sie sollen sich doch bitte nicht dumm stellen, aber sie haben gar nicht das Gefühl, dumm zu sein, sie sind einfach nur genervt, und sie verstehen immer noch nicht, was das alles soll, und am Ende sagen sie dann: »Ist doch sowieso alles Wurst, ich nehm noch eine, mit viel Senf.«

Vergessen Sie das alles. Das können wir besser. In seinem Leben wird Norm auf Schritt und Tritt solchen Ängsten begegnen, und sie werden oft nicht weniger vage sein. Werden wir sein genaues Schicksal jemals vorausberechnen können? Natürlich nicht. Niemand kann die Zukunft vorhersehen. Aber während Norm heranwächst, kann er sich über die jüngste Vergangenheit informieren, zum Beispiel über die Zahl der Opfer von Herzkrankheiten, und daraus das durchschnittliche Risiko auf die Zukunft hochrechnen und sein eigenes Leben daran ausrichten. So kompliziert das klingt, es ist nicht unvernünftig. In der Praxis ist die Einschätzung eines Risikos oft ein Kuddelmuddel. Doch die grundlegenden Zahlen zu ermitteln und zu fragen, was sie für unser Leben bedeuten, ist gar nicht so schwierig. Das hoffen wir zumindest für dieses Buch und natürlich auch für Norm. Obwohl Risiko nicht unbedingt etwas sein muss, das wir fürchten und meiden – vielleicht schmecken die Würstchen ja sogar besser, wenn sie ein Hauch der Gefahr umweht. Aber egal ob Sie das Risiko suchen oder scheuen, wir werden versuchen, die Zahlen verständlich zu machen.

Dazu benutzen wir ein raffiniertes Instrument, das jemand3 mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor als »MikroMort« bezeichnet hat. Ein MikroMort bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, ums Leben zu kommen. Diese freundliche kleine Einheit wird uns helfen, verschiedene Gefahren auf den Alltag herunterzubrechen und sie miteinander zu vergleichen. Und genau damit wollen wir beginnen: mit einem ganz normalen Tag im Leben eines ganz normalen Menschen wie Norm.

Wie gefährlich ist es für Norm (oder für Sie), morgens aufzustehen, seinen alltäglichen Verrichtungen nachzugehen, nichts sonderlich Gefährliches zu tun – kein Basejumping und kein Frontdienst in Afghanistan, sondern ganz normaler Alltag – und dann abends nach Hause zu kommen und sich schlafen zu legen? Sie haben es vermutlich geahnt: Es ist nicht besonders gefährlich.

Natürlich kann es passieren, dass nicht nur Ihr Eis unter den Bus gerät, sondern Sie gleich mit; Sie könnten im Bad ausrutschen und mit dem Kopf auf der Wanne aufschlagen oder irrtümlich bei einer Mafia-Vendetta mit einem Bohrhammer ermordet werden. Aber sehr wahrscheinlich ist das alles nicht: Das sind Mikrorisiken, und die können wir ermitteln, indem wir ganz einfach die Opfer zählen. An einem normalen Tag kommen in England und Wales etwa 50 Menschen durch äußere Einwirkungen ums Leben.4*3 Da in England und Wales zusammengenommen rund 54 Millionen Menschen leben, bedeutet dies, dass es etwa jeden Millionsten auf diese Weise erwischt, und zwar jeden Tag. Nicht sonderlich viel, wie gesagt. Aber auch wenn Sie nicht wissen, ob Sie heute zu den 50 gehören, die durch äußere Einwirkungen ums Leben kommen, raubt Ihnen das vermutlich nicht den Schlaf.*4

Diese tägliche Gefahr beträgt also 1 MikroMort. Das heißt, mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million stößt Ihnen oder mir an einem ganz normalen Tag während der Erledigung unseres ganz normalen Alltagskrams etwas Furchtbares, Schreckliches und Dramatisches zu. Ein MikroMort ist also das Risiko eines ganz normalen Lebens. Sie haben sich dieser Gefahr oft ausgesetzt, mehr noch, Sie haben sie überlebt. Herzlichen Glückwunsch! Also, ein MikroMort heute, morgen, übermorgen, Tag für Tag.

Natürlich ist das nur ein Durchschnittswert, aber wer außer Norm ist schon ein Durchschnittsmensch? Manche Menschen sind zu ängstlich, um aus dem Haus zu gehen, während ihre Nachbarn mit dem Motorrad zum Basejumping rasen. Ihr persönliches Risiko zu ermitteln, ist ein bisschen kniffliger, aber dazu kommen wir später noch. Für den Moment stellen Sie sich einfach vor, Sie seien guter Durchschnitt.

Außerdem müssen wir annehmen, dass die Daten der vergangenen Jahre einen guten Eindruck vermitteln, wie sich die Zukunft entwickelt. Mit anderen Worten werden wir nahtlos zwischen historischen Daten – wie viele Menschen von jeder Million sind letztes Jahr ums Leben gekommen? – und künftigen durchschnittlichen Risiken – wie viele MikroMorts bedeutet das pro Person? – hin- und herschalten. Mit »Zukunft« meinen wir die kommenden Jahre, denn wer weiß schon, wie die Welt danach aussieht?

Dank der MikroMorts wissen wir, wovon wir sprechen. Wie wollen Sie Ihren täglichen MikroMort investieren? Wenn Sie 40 Kilometer Rad fahren, entspricht das ungefähr einer Tagesration. Alternativ könnten Sie 475 Kilometer mit dem Auto fahren (das ist jedoch nur ein Durchschnittswert – auf der Autobahn kommen Sie mit einem MikroMort weiter). Aber Sie können natürlich noch eine Schippe drauflegen und Ihre tägliche Ration an MikroMorts steigern.

Das Schöne an den MikroMorts – wenn man von »schön« sprechen will – ist die Tatsache, dass sie Risiken vergleichbar machen. Und es gibt eine ganze Menge Risiken. Wurden Sie schon mal geboren? Oder haben Sie ein Kind zur Welt gebracht? Fahren Sie mit dem Auto, oder fliegen Sie mit dem Flugzeug? Nehmen Sie Drogen, Alkohol oder Schmerzmittel? Reiten oder radeln Sie? Klettern Sie auf den Mount Everest? Arbeiten Sie in einem Bergwerk? Steigen Sie auf Leitern? Verbringen Sie Nächte im Krankenhaus? Sind Sie geimpft? Was ist mit Ihren Kindern? Stecken Ihre Kinder kleine Plastikgegenstände in den Mund, obwohl auf der Packung in großen Lettern davor gewarnt wird? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem Moment ein Asteroid auf Sie zurast?

All dies und jede andere akute Gefahr lässt sich in MikroMorts messen. Beispielsweise beträgt die Wahrscheinlichkeit, bei einer Routineoperation nicht aus der Narkose zu erwachen, in Großbritannien 1 zu 100 0005, das heißt, bei jeder hunderttausendsten Operation stirbt der Patient an den Folgen der Betäubung. Dieses Risiko ist nicht ganz so einfach einzuschätzen, doch das ist nichts anderes als 10 MikroMorts oder das Zehnfache des Risikos, an einem ganz normalen Tag durch Fremdeinwirkung ums Leben zu kommen, und entspricht etwa 110 Kilometern auf dem Motorrad. Wir könnten Ihnen beispielsweise vorrechnen, dass zwei normale Arbeitstage eines Bergarbeiters bis vor Kurzem genauso riskant waren wie ein Fallschirmsprung: etwa 10 MikroMorts. Ein Tag auf der Skipiste bedeutet dagegen nur einen MikroMort, so viel wie ein ganz normaler Tag. Anna wird sich sicher freuen, wenn sie das hört.

Auf der anderen Seite ist ein MikroMort auch das Risiko, das Soldaten in Afghanistan an einem schlechten Tag in einer halben Stunde eingehen – 48 Mal so viel wie im normalen Alltag. Oder das Risiko, das die britischen Bomberpiloten des Zweiten Weltkriegs während eines Einsatzflugs über Deutschland in einer einzigen Sekunde auf sich nahmen.*5

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Ein MikroMort lässt sich auch mit einem fiktiven russischen Roulette vergleichen, bei dem zwanzig Münzen in die Luft geworfen werden. Wenn alle Kopf zeigen, werden Sie erschossen.*6 Das Risiko, dass Sie bei diesem Spiel draufgehen, liegt ungefähr bei eins zu einer Million und ist damit etwa genauso groß wie Ihre durchschnittliche Tagesdosis.

Wo wir schon dabei sind, stellen Sie sich doch spaßeshalber die Frage, ob Sie bereit wären, dieses Spiel zu spielen, wenn wir Ihnen für jeden Versuch 2 Euro zahlen würden. Sie sind nicht interessiert? 2 Euro sind Ihnen nicht genug? Wie viel Geld hätten Sie denn gern, um Ihr Leben bei einem Risiko von eins zu einer Million aufs Spiel zu setzen? Mit anderen Worten, wie viel ist Ihr Leben eigentlich wert, und was kostet eine Bedrohung von eins zu einer Million?

Der »Wert eines Menschenlebens« vermittelt Ihnen einen ungefähren Eindruck, wie viel Ihre Regierung auszugeben bereit ist, um Ihr Risiko um einen MikroMort zu senken. Mithilfe dieser Größe (in der Wirtschaft auch »Wert eines statistischen Lebens« genannt) entscheiden die Behörden zum Beispiel, welche Straßen sie ausbessern sollen und welche nicht. Wenn der Bau einer neuen Kreuzung ein Menschenleben retten kann, dann sind die Behörden in Großbritannien bereit, 1,3 Millionen Euro dafür auszugeben.7 Das heißt, der Staat beziffert einen MikroMort mit einem Millionstel dieses Betrags, also etwa 1,30 Euro. Wären Sie jetzt bereit, russisches Roulette zu spielen, wenn Sie pro Versuch 2 Euro bekommen? Immer noch nicht? Der britische Staat meint, Sie überschätzen Ihren Wert.

In diesem Buch werden wir Risiken auf verschiedene Weise darstellen, doch auf die MikroMorts kommen wir immer wieder zurück. Die MikroMorts beschreiben akute Risiken – solche, die Ihnen mit einem »Tschüs und Danke für den Fisch« eins über den Schädel hauen. Später werden wir eine weitere Einheit kennenlernen, das MikroLeben, mit dem wir über langfristige Gefahren sprechen können: die Art von Risiken, die Ihnen schleichend ins Blut übergehen und sich heimlich über ein ganzes Leben hinweg aufbauen, zum Beispiel Zigaretten, Fett oder Alkohol.

Beide Einheiten nehmen hin und wieder ein paar Ungenauigkeiten in Kauf, dafür erleichtern sie den Vergleich der Alltagsgefahren: Statt mit einem Durcheinander von Prozentangaben hantieren zu müssen, haben wir nur eine einzige Zahl, die leicht anderen Zahlen gegenübergestellt werden kann. Manchmal zeigen wir Ihnen, wie diese Zahlen ermittelt werden, aber die meisten Berechnungen verstecken wir in den Fußnoten, für alle, die sie lieber überspringen.

Gerade diese Vergleichbarkeit der MikroMorts und MikroLeben macht Norm Hoffnung, dass er mithilfe der Zahlen das erfolgreiche und glückliche Leben führen kann, das er sich erträumt. So weit, so vernünftig – falls die Vernunft tatsächlich eine Rolle spielt. Wir werden sehen. Aber zunächst wollen wir Ihnen eine junge Frau näher vorstellen.

*1 Nach den aktuellen Daten ist dies das mittlere Geburtsgewicht aller in England geborenen Kinder. In Deutschland wiegen Jungen bei der Geburt durchschnittlich 3600 Gramm und Mädchen 3450 Gramm.2

*2 Was es bedeutet, dass sich das Risiko von etwas um 20 Prozent erhöht, und wie man das überhaupt berechnet, erklären wir Ihnen in Kapitel 4.

*3 Nach Angaben des Office for National Statistics, der Nationalen Statistikbehörde, kamen im Jahr 2010 in England und Wales rund 18 000 Menschen durch »Fremdeinwirkungen« ums Leben – Unfälle, Morde, Selbstmorde und so weiter. Bei einer Einwohnerzahl von 54 Millionen entspricht dies 18 000/54 = 333 MikroMorts pro Einwohner und Jahr oder knapp einem MikroMort pro Tag. Das ist eine ungefähre Zahl, zumal nicht ganz klar ist, ob man bei Selbstmorden wirklich von »Fremdeinwirkung« sprechen kann. Doch diese Zahl vermittelt einen recht guten Eindruck von der Gefahr des Alltags und ermöglicht Vergleiche mit anderen Faktoren.

*4 Die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes weist für das Jahr 2012 insgesamt rund 33 000 Todesfälle in Deutschland durch »äußere Ursachen« auf. Das sind ungefähr 90 Todesfälle pro Tag. Bei einer Einwohnerzahl von 80,5 Millionen entspricht dies 410 MikroMorts pro Einwohner und Jahr, also etwas mehr als einem MikroMort pro Tag (Anm. d. Red.).

*5 Zwischen Mai und Oktober 2009 wurden von den 9000 in Afghanistan stationierten britischen Soldaten 60 getötet.6 Das entspricht einem ungefähren Durchschnitt von 47 MikroMorts pro Tag oder 2 MikroMorts pro Stunde. Zwischen 1939 und 1945 wurden bei 364 000 Einsatzflügen 55 000 Flugzeugbesatzungen getötet. Bei einer durchschnittlichen Besatzung von sechs Fliegern bedeutet dies einen Durchschnitt von 25 000 MikroMorts pro Einsatz oder 1 MikroMort pro Sekunde.

*6 Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Münzen Kopf zeigen, beträgt ½ (Kopf oder Zahl) mal ½, das Ganze zwanzigmal, oder 1 zu 220, was ungefähr 1 zu 1 Million entspricht.

Kapitel 2
Kindheit

NACHDEM PRUDENCE AUF DIE WELT gekommen war, gab es keinen Moment, an dem ihre Mutter keine Angst gehabt hätte.*1 Sie wurde Beschützerin, sicherer Hafen und wütende Löwin, die überall Gefahr witterte. Andere Kinder waren verlaust, verrotzt, verzogen, sonst was. Fußpilz und rostige Nägel auf zwei Beinen.

Gerade hockt sie über der Toilette, mit stählernen Oberschenkeln, den Rock unter die Achseln geklemmt. Sehen Sie nur, wie energisch sie sich die Hände wäscht. Währenddessen sitzt Prudence in ihrem Kinderwagen und streckt in kindlicher Neugierde die Hand aus, um …

»Nein, nein, nein! Bäh! Prudence! Fass das nicht an!«

»Mama.«

»Hände!«

»Bah.«

»Du hast nicht? Natürlich. Okay. Beine hoch. Windel. Nicht berühren! Huch?! Wo sind die feuchten Tücher?«

Feuchte Tücher. Was würde sie nur ohne sie tun. Die wichtigste Waffe im Kampf gegen den Schmutz. Von klein auf lernte Prudence, nie, niemals Erdnussbutter-Sandwiches mit in die Schule zu nehmen und niemals das Messer für das rohe Hähnchen zu den anderen zu legen. Wie viele Menschen hatten nicht die geringste Ahnung von diesen Gefahren und Risiken! Als Prudence’ Mutter für einen Buchclub angeworben werden sollte, entdeckte sie sofort die Gefahr, die alle anderen übersahen: Wenn sie nachts im Bett las, könnte ihr Mann denken, sie hätte noch Energie für Sex.

Wenn sie morgens in der Tageszeitung die Überschrift »20 Signale, dass Sie todkrank sind« las, dann mussten die Haferflocken von Prudence eben warten, bis sie den Artikel zweimal gelesen und eine Diagnose gestellt hatte. War das ein neuer Leberfleck auf dem Bein von Prudence? Nein, nur Dreck. Wo sind die feuchten Tücher?

Folgen wir Mutter und Tochter, die jetzt vom Klo ins Café zurückkommen und sich wieder zu der Freundin an den Tisch setzen. Die Freundin niest. Sehen Sie nur, wie sich die Mutter zurücklehnt, die Lippen zusammenpresst und atmet, als würde ihr die Luft Schmerzen verursachen, und wie sie vertuschen will, dass sie Prudence jetzt mit einem feuchten Tuch über Mund und Nase wischt.

»Du übertreibst«, sagte ihr einmal ein Freund und wollte ihr etwas von Wahrscheinlichkeiten erzählen.

»Danke«, antwortete sie. »Aber es geht nicht um Zahlen.«

In der Welt passieren schreckliche Dinge. Die Frage »Was wäre wenn?« ließ vor ihrem geistigen Auge Horrorszenarien aufsteigen, vor dem Zahlen verblassten.

»Was wäre, wenn ich dir bewiese, dass das Risiko eins zu einer Million ist?«

»Das ist mir völlig egal.«

»Warum?«

»Das Problem ist die eins.«

»Eins zu einer Million ist nicht schlecht.«

»Aber nicht für die eine, die es erwischt.«

Vor allem dann nicht, wenn diese eine Prudence wäre. War ihr Zuhause kinderfreundlich? Ja, das war es. Und was ist mit dem Gartenteich? Zugeschüttet. Wusste ihre Mutter, was sie in einem Notfall zu tun hatte? Sie lernte es. Hatte sie kindersichere Spielsachen und Möbel? Natürlich. Das Kind aß sicher und gesund, verbrachte sichere Ferien, schlief sicher, badete sicher, saß sicher auf Sofas und Sesseln, geschützt vor Stößen und Brüchen, Verbrennung und Verbrühung, Ersticken und Ertrinken. Elternzeitschriften schärften ihre Wachsamkeit. »Vernachlässigung« war eines der schlimmsten Wörter in ihrem Wortschatz.

Der Mutter war natürlich klar, dass Prudence immer noch Opfer eines schrecklichen Schicksalsschlags, zum Beispiel einer bislang unbekannten Krankheit, werden konnte. Aber abgesehen davon würde sie alles tun, damit Prudence gesund aufwuchs und all die Leichtsinnigen überlebte, die zu schnell fuhren, sich schlecht ernährten, sich nie mit Cholesterin und Acrylamid auseinandergesetzt hatten, immer fetter wurden, nie von Hormonen im Trinkwasser gehört hatten, das eingeschaltete Handy neben das Kopfkissen legten und ihre Kinder impfen ließen. Oder ließen sie sie nicht impfen? Was war denn da der letzte Stand? Der Impftermin stand gerade wieder an. Manchmal schien die Gefahr von beiden Seiten gleichzeitig zu kommen.

Winter bedeutete Rutschgefahr, Sommer Wespen und Sonnenbrand, nicht zu vergessen die Quallen am Strand und die Tsunamis am Horizont, weshalb die Mutter Prudence selbst bei einer Tasse Tee nie aus dem Auge lassen und vor allem nicht zulassen durfte, dass sie sich von den Sonnenschirmen entfernte. Die Warnung auf dem Werbeplakat »Riskieren Sie keinen schlechten Atem« nahm sie genauso ernst wie die Terrorwarnung: »Behalten Sie Ihre Gepäckstücke stets bei sich. Wenn Sie eine verdächtige Tasche sehen …«

In dieser Welt sollte Prudence leben – in einer Welt der Gefahren, Bedrohungen, Risiken und Symptome, in der nicht Zahlen, sondern Horrorgeschichten regierten. Einer Welt, in der Liebe mit Angst bezahlt wurde und in der jedes von Prudence’ Wehwehchen der Mutter grenzenloses Leid und Schuld bereitete – wie jetzt wieder auf der Fahrt nach Hause, als sie unabsichtlich den Kopf des Mädchens an die Autotür stieß.

*

PRUDENCE’ MUTTER hat natürlich nicht ganz Unrecht: Säuglinge leben gefährlich, zumindest relativ. Das erste zarte Lebensjahr ist ungefähr so gefährlich wie 47 000 Kilometer auf dem Motorrad – eine Fahrt um die ganze Welt.*2 Stellen Sie sich Ihr Baby auf einer Harley vor – halten Sie das für sicher?

Wer diese Zeit übersteht, sieht sich erst mit Mitte 50 wieder ähnlichen Risiken ausgesetzt. Das erste Lebensjahr ist also vergleichsweise gefährlich.

Aber das brauchen wir Ihnen vermutlich nicht zu sagen. Kleinkinder sind nun mal verwundbar – erst sind sie hilflos, dann eine gefährliche Mischung aus Neugierde und Unbekümmertheit. Das kann ja nicht gut gehen, oder? Man könnte meinen, die gesamte Kindheit sei ein einziger Drahtseilakt.

Das stimmt jedoch so nicht, diese Sorge wäre völlig übertrieben. Das Risiko verringert sich in kürzester Zeit dramatisch. Im ersten Jahr lebt Prudence relativ gefährlich, doch der größte Teil dieses Risikos konzentriert sich auf die ersten Wochen. Und wenn sie, wie die allermeisten Kinder, bis zum ersten Geburtstag durchhält, geht das Risiko von 4300 MikroMorts im ersten Lebensjahr auf weniger als 100 MikroMorts im siebten Lebensjahr zurück – also ein Viertel MikroMort pro Tag, alle Ursachen eingeschlossen. Ob Sie es glauben oder nicht, das siebte Lebensjahr ist das sicherste von allen; in diesem Alter sind die Kinder weit sicherer als Papa und Mama.2

Das heißt, die Kindheit verwandelt sich in kürzester Zeit von der gefährlichsten zur sichersten Etappe des Lebens. Babys unternehmen zwar noch nicht viel, doch für kurze Zeit leben sie vergleichsweise gefährlich. Und wenn sie dann größer werden, hecken sie zwar alle möglichen Streiche aus, doch sie sind sicherer als jede andere Bevölkerungsgruppe.

Hier geht es allerdings nur um tödliche Risiken, die Kinder haben immer noch genug Möglichkeiten, sich blaue Flecken zu holen. Trotzdem ist der Rückgang dramatisch. Ängstliche Eltern haben Grund, sich während des ersten Lebensjahrs Sorgen zu machen, und vor allem während der ersten Wochen, aber dann …

Doch schwindet die Angst mit dem Risiko? Oder machen sich Eltern unbeirrt weiter Sorgen, wie die Mutter von Prudence? Wenn ja, dann könnte es doch gerade ihre Wachsamkeit sein, die die Kinder vor dem Schlimmsten bewahrt, oder? Sie ist jedenfalls überzeugt davon. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, wie es so schön heißt. Aber vielleicht können manche Eltern einfach nicht mehr aufhören, sich Sorgen zu machen, wenn sie einmal damit angefangen haben – zur Paranoia ist es nur ein kleiner Schritt.

Doch die Sorge der Mutter hat noch eine andere Ursache: nicht nur die Liebe, sondern auch die Angst vor Vorwürfen. Die Gefahr kann größer erscheinen, wenn wir denken, dass jemand die Schuld trägt, wenn etwas schiefgeht. Dann gibt es ein unschuldiges Opfer, und ein Unfall ist nicht einfach nur Pech, sondern eine Anklage. Wenn Sie auf jemanden aufpassen müssen und wenn Sie nicht nur aus Liebe handeln, sondern auch, weil Sie sich keine Vorwürfe machen lassen wollen, dann ist die Gefahr dunkler, und die Schuldgefühle werden größer. »Wo war denn die Mutter?«, wird später jemand fragen.

Wie würde sich die Mutter fühlen, wenn Prudence etwas zustoßen würde? Ob das stimmt oder nicht, sie hätte das Gefühl, dass sie nicht da war. Man könnte ihr noch so oft sagen, dass es einfach Pech und ein Unfall war, sie würde es nicht hören. Wahrscheinlichkeiten kennen kein menschliches Leid.

Aber die Kälte der Zahlen hat auch ihre Vorteile: Zahlen suchen nicht nach Schuldigen. Die Gefühle der Geschichten sind nicht automatisch richtig. Wahrscheinlichkeiten können gnädiger sein als Geschichten, sie verzeihen eher, haben kein Interesse daran, wer was getan hat, und sind eher bereit zuzugeben, dass sie nicht wissen, wie sich ein Unfall genau zugetragen hat.

Auch das ist Wahrscheinlichkeit: Ursachen und Wirkungen bleiben im Dunkeln, es müssen keine Schuldigen benannt werden. Die Gefühlskälte der Zahlen hat ihre Vorteile.

Die Zahlen verraten also, dass die gefährlichste Zeit kurz nach der Geburt schnell überwunden wird und dass das Risiko insgesamt geringer geworden ist. Die Säuglingssterblichkeit ist ein guter Indikator für den Wandel der sozialen Verhältnisse; sie wird vor allem durch Hunger und Krankheit beeinflusst. Dahinter verbirgt sich eine atemberaubende Erfolgsgeschichte.

Bis zum ausgehenden Mittelalter starben rund 30 bis 40 Prozent aller Kinder vor dem ersten Geburtstag; diesen Anteil könnte man als eine Art »natürliche Säuglingssterblichkeit« bezeichnen. Im England des Jahres 1600 hatte sich diese Zahl etwa halbiert, und bis Mitte des 19. Jahrhunderts blieb sie bei etwa 15 Prozent.3 Wenn der Anteil bis heute derselbe geblieben wäre, dann würden in Großbritannien pro Jahr rund 100 000 Kinder während des ersten Lebensjahrs sterben.

Glücklicherweise sank er weiter, und zwar dramatisch. Bis 1921 war der Anteil erneut um 50 Prozent gesunken, und nur eine Generation später, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, war er ein weiteres Mal um 50 Prozent zurückgegangen. Bis zum Jahr 1983 halbierte er sich zweimal, und bis 2012 ein weiteres Mal. Heute sterben von 1000 Neugeborenen nur noch vier während des ersten Lebensjahrs.*3 Das ist ein ganz erstaunlicher Rückgang, Schritt für Schritt wurde der Tod weiter zurückgedrängt. In vielen Teilen der Welt wurde die Säuglingssterblichkeit so weit reduziert, dass das, was früher normal war, heute zur Ausnahme geworden ist. Wurde in der Geschichte der Menschheit jemals eine Gefahr so radikal beseitigt wie die der Säuglingssterblichkeit in den Industrienationen?

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diese Zahlen sehen? Privilegiert und erleichtert? Oder immer noch besorgt?

Denn das Risiko wurde zwar massiv abgebaut, doch ganz verschwunden ist es noch immer nicht. Im Jahr 2000 kamen in England und Wales 723 165 Kinder lebend zur Welt. Das sind mehr als ein Kind pro Minute oder knapp 2000 pro Tag und genug, um täglich ein großes Kino zu füllen.*4 Prudence ist eines dieser Kinder. So weit, so gut. Doch auf dem Weg musste sie ein paar schwierige Hürden meistern.

Die erste kam noch vor dem ersten Atemzug. Wenn Sie sich im Kino umschauen, sind zehn der 2000 Plätze leer. Das sind die Totgeburten, die sich seit Anfang der 1980er Jahre hartnäckig bei 0,5 Prozent halten. In anderen Ländern ist dieser Anteil weiter gesunken, in Großbritannien ist er konstant geblieben.*5 Diese Zahl ist so unerklärlich wie beunruhigend.

Dann kommen die Risiken für die Lebenden. Von den 2000 Babys, die pro Tag lebend zur Welt kommen, sterben fünf noch in der ersten Woche, ein weiteres vor Ende des Monats und noch einmal drei vor Ende des ersten Jahres.5 Während des ersten Lebensjahrs beträgt das Gesamtrisiko wie gesagt 4300 MikroMorts. So kommen wir auf den Vergleich mit den 47 000 Motorradkilometern: Wenn 1 MikroMort 11 Motorradkilometer entspricht, dann sind 4300 MikroMorts mal 11 Kilometer gleich 47 300 Kilometer.

Sehen wir uns die Gefahren, die Prudence drohen, im Einzelnen an. Die größte Kategorie sind Erbkrankheiten und Frühgeburten. Sehr kleine Babys haben zu kämpfen. Von den 4000 Neugeborenen, die 2010 in England und Wales mit einem Geburtsgewicht von weniger als einem Kilogramm (so viel wie eine Packung Zucker) zur Welt kamen, starben 1200 oder 30 Prozent während des ersten Lebensjahrs.*6

Da Prudence jedoch weder zu früh noch mit einer Erbkrankheit geboren wurde, verringerte sich das Risiko von 47 000 Motorradkilometern auf 26 000 oder von 4300 MikroMorts auf 2300.

Doch dann kommt schon die nächste Hürde. 202 Kinder, vier pro Woche, starben, weil bei der Geburt etwas schiefging. Bis heute wird darüber diskutiert, ob es sicherer ist, ein Kind im Krankenhaus zur Welt zu bringen oder zu Hause. Wer sich heute für eine Hausgeburt entscheidet, ist in der Regel finanziell besser gestellt, und das steht in Zusammenhang mit besseren Überlebenschancen. Es ist auch meist nicht das erste Kind und damit sicherer. Trotz allem ist in England und Wales die Säuglingssterblichkeit bei Hausgeburten ungefähr dieselbe wie bei Geburten im Krankenhaus.

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Eine Untersuchung von 65 000 »risikoarmen« Geburten zeigte, dass Frauen, die ihr Kind mit einer Hebamme zur Welt brachten, genauso sicher waren wie in einem normalen Krankenhaus, dass sie jedoch weniger Kaiserschnitte und mehr »natürliche Geburten« hatten. Wenn es nicht gerade das erste Kind ist, dann ist eine Hausgeburt genauso sicher wie eine Geburt im Krankenhaus, doch bei der ersten Geburt ist das Risiko einer Komplikation doppelt so hoch, und fast die Hälfte der Frauen musste schließlich in ein Krankenhaus eingewiesen werden.7

Eine letzte Klippe für Prudence und alle anderen Säuglinge sind die 136 Fälle von plötzlichem Kindstod (192 MikroMorts) sowie die »unerklärten« Todesfälle. Seit eine Kampagne im Jahr 1991 britischen Eltern beibrachte, ihr Kind nicht mehr auf dem Bauch schlafen zu legen, ist diese Zahl um 70 Prozent zurückgegangen. Trotzdem waren in dieser Rubrik im Jahr 2009 in England und Wales immer noch 279 Todesfälle zu verzeichnen*7 (400 MikroMorts im ersten Lebensjahr), und damit etwa eins der 2000 täglich geborenen Kinder.8

Diese mysteriösen Todesfälle treffen etwa 50 Prozent mehr Jungen, sie treten eher im Winter ein und sind bei Müttern unter 20 (1230 MikroMorts im ersten Lebensjahr) etwa fünf Mal so häufig wie bei Müttern über 30 (250 MikroMorts). Als Mädchen, das keine Frühgeburt und dessen Mutter über 30 Jahre alt war, gehörte Prudence damit zu den am wenigsten gefährdeten Kindern. Nicht, dass ihre Mutter das im Geringsten beruhigt hätte.

Das sind die Zahlen für eine Industrienation. Was wäre, wenn Prudence in einem anderen Teil der Welt geboren worden wäre? Internationale Vergleiche der Säuglingssterblichkeit sind nicht ganz einfach. Einige Staaten nehmen die gefährdeten Frühgeburten aus ihren Statistiken heraus. Weil die offiziellen Zahlen oft mangelhaft sind, müssen die Zahlen aus Befragungen hochgerechnet werden.

Die UNICEF schätzt, dass weltweit 40 von 1000 Kindern während des ersten Lebensjahrs sterben – etwa so viel wie in England und Wales im Jahr 1947.9 Aber wie so oft verbergen sich hinter diesen Durchschnittszahlen gewaltige regionale Unterschiede. Am unteren Ende der Rangliste stehen Sierra Leone und der Kongo mit 119 beziehungsweise 112 Todesfällen pro 1000 Geburten – so viel wie in England und Wales im Jahr 1919. In Äthiopien sind es 52 (so viele wie in England 1938), in Indien 47 (wie in England 1945), in Vietnam 17 (England 1973), in den Vereinigten Staaten 6 (England 1997). In Kuba sind es mit 5 pro 1000 kaum mehr als in England, und in Finnland und Singapur mit 2 pro 1000 etwa halb so viele wie im Königreich.10 In Deutschland starben im Jahr 2009 von je 1000 Säuglingen 3,5 im ersten Lebensjahr.

Grafik 3 zeigt den dramatischen Rückgang der Säuglingssterblichkeit in Großbritannien seit 1921. An der Kurve können Sie auch den heutigen Stand ausgewählter Länder ablesen. Kamerun befand sich beispielsweise im Jahr 2010 auf dem Stand von Großbritannien Anfang der 1920er Jahre.

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Im Jahr 2000 stellten die Vereinten Nationen ihre Millenniumsziele auf, und als viertes Ziel nannten sie, die Kindersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 um zwei Drittel zu senken beziehungsweise von 61 auf 20 pro 1000 Lebendgeburten. Wenn diese Zahl heute bei 40 liegt, dann ist das ein großer Fortschritt, doch das Ziel wird vermutlich nicht mehr erreicht werden. Und das, obwohl einige Länder gewaltige Fortschritte erzielt haben: Malawi konnte die Zahl von 131 auf 58 pro 1000 senken und Madagaskar von 97 auf 43, was in beiden Fällen einen Rückgang von 56 Prozent in 20 Jahren bedeutet.12 Wenn Sie meinen, dass der Lebensstandard in den Entwicklungsländern stagniert, dann sollten Sie diese Meinung korrigieren. Die Zahl der Kinder, die das erste Lebensjahr nicht erreichen, ist von 8,4 Millionen im Jahr 1990 auf 5,4 Millionen im Jahr 2010 gesunken – ein gewaltiger Sprung, auch wenn immer noch 15 000 Kinder pro Tag, 600 pro Stunde oder zehn pro Minute sterben – das ist ein Kind alle sechs Sekunden.

An dieser Stelle mal eine Frage, die Ihnen merkwürdig vorkommen könnte. Ist der Tod eines Kindes eine natürliche Sache, wie die Mutter von Prudence fürchtet, oder eine unnatürliche? Das ist ein entscheidender Unterschied. Viele Menschen empfinden nämlich unnatürliche Risiken – Risiken, die mit dem modernen Leben einhergehen, zum Beispiel Reisen, Technik oder Übergewicht – als schlimmer. Sie gehen auf die Kappe von Menschen, weil diese nicht auf ihre Autos, ihren Atomstrom oder ihren Kuchen verzichten wollten. Wenn unsere Schöpfungen der Natur ins Handwerk pfuschen, dann bekommen wir früher oder später die Quittung dafür, wie manche meinen. Besser vom Blitz getroffen werden als von einem herunterhängenden Stromkabel, wie es in einem Forschungsaufsatz stand.13 Vielleicht fühlen sich diese unnatürlichen Risiken schlimmer an, weil wir in unserer Arroganz für sie verantwortlich sind oder weil sie uns von anderen aufgezwungen wurden. Im Gegensatz dazu könnten wir den Tod eines Kleinkindes als großes Pech oder als einen Akt Gottes oder der Natur bezeichnen, vor allem wenn die Ursache eine Krankheit ist.

Viele Menschen sind eher bereit, »natürliche« Risiken hinzunehmen. Das ist jedoch eine sonderbare Einstellung. Kann es denn etwas Schrecklicheres geben als den Tod des eigenen Kindes? Das ist ein derart beunruhigendes Ereignis, dass selbst das Fernsehen kaum davon berichtet, obwohl es den Tod von Erwachsenen am Fließband zeigt.

Krankheiten sind natürlich und raffen Menschen zu Millionen dahin. Aber sollten wir sie einfach hinnehmen, nur weil es sie schon immer gab? Die Kritik »unnatürlich« bleibt ein Todschlagargument, auch wenn wir mit unnatürlichen Mitteln wie Kernseife und einer Theorie über Bakterien einen dramatischen Rückgang der Säuglingssterblichkeit bewirkt haben. Kaum jemand würde so weit gehen zu behaupten, wir hätten der Natur nicht ins Handwerk pfuschen sollen.

Was andererseits nicht heißen soll, dass die Technik immer recht hat, nicht einmal wenn es um die Gesundheit unserer Kinder geht. Keine der beiden Seiten gewinnt immer. Die Diskussion um »natürlich« und »unnatürlich« flammt auch bei der Debatte um Hausgeburten und Impfungen immer wieder auf (siehe Kapitel 6).

Ist diese merkwürdige Vorliebe für natürliche Risiken irrational, zumal natürliche Risiken oft die schlimmsten von allen sind? Vielleicht nicht. »Unnatürlich« kann bedeuten, dass wir ein Risiko aus bestimmten Gründen ablehnen. Vielleicht meinen wir damit die Machenschaften von Menschen und Konzernen und wollen damit ausdrücken, dass jemand zu viel Geld oder Macht hat. Vielleicht handelt es sich bei der Unterscheidung zwischen »natürlich« und »unnatürlich« eher um ein ethisches und moralisches Urteil über das Verhalten der gesamten Gesellschaft als um eine Aussage über die Natur. Damit sind diese Gefühle nicht irrational, wohl aber kompliziert. So ist das oft mit unserer Einschätzung von Risiken: Vordergründig geht es um Gefahren, aber in Wirklichkeit stecken dahinter eine ganze Menge Einstellungen über eine ganze Menge Dinge.

Wenn wir uns vorstellen, was es bedeutet, unser eigenes Kind zu verlieren, und wenn wir uns dann vorstellen, dass jedes Jahr mehr als 5 Millionen Kinder sterben und mehr als 3 Millionen dank der wirtschaftlichen Entwicklung, des technischen Fortschritts und der medizinischen Entwicklung gerettet werden, dann scheint da wenig Platz für unsere Empfindlichkeiten. Trotzdem halten sie sich hartnäckig. Was sagt uns das über uns?

Dass das Risiko bei unseren Entscheidungen über das Richtige und Wünschenswerte nur eines von vielen Kriterien ist und dass politische und moralische Überlegungen genauso eine Rolle spielen wie unsere persönliche Eitelkeit.

*1 »Nachdem sie auf der Welt war, gab es keinen Moment, an dem ich keine Angst gehabt hätte. Angst vor Schwimmbecken, Hochspannungsleitungen, Lauge unter der Spüle, Aspirin in der Hausapotheke. Angst vor Klapperschlangen, Springfluten, Erdrutschen, Fremden an der Tür, unerklärlichem Fieber, Aufzügen ohne Liftboy und leeren Hotelfluren. Der Grund war klar: Ich hatte Angst, sie könnte Schaden nehmen.« Joan Didion, Blaue Stunden.1

*2 Auf europäischen Straßen. Auf einer afghanischen Passstraße ist das Risiko vermutlich etwas größer.

*3 Trotz des dramatischen Rückgangs starben 1921 noch 82 von 1000 Neugeborenen während des ersten Lebensjahrs. Im Jahr 1945 waren es 46, bis 1983 war die Zahl auf 10 zurückgegangen.

*4 Das Empire am Londoner Leicester Square hat 2000 Plätze.

*5 In Deutschland liegt der Anteil bei 0,24 Prozent4 (Anm. d. Red.).

*6 Im Jahr 2010 kamen in Deutschland insgesamt 677 947 Kinder zur Welt, 3476 von ihnen wogen weniger als ein Kilogramm. 847 – und damit 24,4 Prozent – dieser Kinder starben während des ersten Lebensjahrs (Anm. d. Red.).

*7 In Deutschland starben im Jahr 2010 251 Kinder am plötzlichen Kindstod sowie an ungeklärten Todesursachen. Von ihnen waren 159 Jungen (rund 63 Prozent) und 92 Mädchen (gerundet: 37 Prozent) (Anm. d. Red.).

Kapitel 3
Gewalt

HABICHT HARRY KREISTE hoch am Himmel. Im Namen des Rattenbekämpfungsprogramms der Stadtverwaltung behielt er das Gewirr der Straßen mit scharfem Blick im Auge.

Tief unter ihm gingen die Menschen ihrem Alltag nach. Autos standen und fuhren, Bäume rauschten im Wind, Kinder waren in Gefahr.

Einer davon war Phil, der in Schuluniform am Park entlangging, vorbei an der Ecke, an der immer die älteren Jungs herumstanden. Plötzlich blieb er stehen und starrte in eine Pfütze. Die Pfütze brodelte. Unter einem zerbrochenen Eisendeckel mit der Aufschrift »Elektrizitätswerke« blubberte und zischte es bedrohlich.

»Idioten«, schimpfte Phil ein bisschen zu laut und ging um die Pfütze herum. »Die haben den Gehsteig unter Strom gesetzt!« Harry sah, wie die älteren Jungs auf Phil zugingen. Jemand schrie, jemand schubste, ein Messer wurde gezückt. Phil fiel hin, und es platschte.

Auf der anderen Straßenseite sah Harry Habicht Mikey, der sich an ein Geländer lehnte. Mikey stand schon seit einer Viertelstunde da und hatte mit seinem Handy die Pfütze gemeldet, während eine fremde Hand seinen Rucksack samt Laptop, Schulbüchern und Notizen mitnahm, den er an einen Laternenpfahl gelehnt hatte.

»Warum zappelt der Junge in der Pfütze?«, fragte der dreijährige Norm und blieb neben Mikey stehen. Der kniete inzwischen auf dem Boden, tippte wütend in sein Handy, ignorierte Norm und sagte ein Wort, das Norm nicht gefiel.

»Versteckst du dich?«, fragte Norm.

Er hatte ein bisschen Angst, denn sein Papa hatte ihm gesagt, er würde gleich wiederkommen und er solle auf gar keinen Fall weggehen, aber er war nicht wiedergekommen, und Norm wusste nicht mehr, wo er war. Es war kalt. Und der Mann mit dem Telefon sah ihn komisch an. Norm fragte sich, ob er in Gefahr war.

Ein paar Häuser weiter steckte Mrs. Assabian ihren geliebten Chihuahua Artemis in ein Fleecejäckchen und schnallte ihm sorgfältig den Gürtel unter dem Bäuchlein zu. »Wir wollen ja nicht, dass er sich verkühlt!« Dann legte sie ihm die Leine an. »Und jetzt mach, dass du loskommst, sonst kannst du was erleben«, keifte sie ihre neunjährige Tochter Jemima an, deren Auge von der letzten Tracht Prügel noch angeschwollen war. Sie drückte ihr die Leine in die Hand, stieß sie die Treppe hinunter und ging wieder nach drinnen.

Harry beobachtete die Bewegung der beiden kleinen Wesen, eines senkrecht, das andere waagerecht. Das Waagerechte hatte vier Beine. Das war das Entscheidende. Es huschte im Zickzack über den Gehweg und rannte plötzlich ein Stück nach vorn, ein Muster, dass Harry nur zu gut kannte. Er schoss vom Himmel.

Das ist aber ein großer Nager, dachte Harry, als er seine Krallen in das rote Mäntelchen stieß und das Vieh in die Luft hob. Doch plötzlich gab es einen Ruck, das Tier ließ sich nicht weiter heben. Harry flatterte.

Während sie in das Schaufenster des Schuhgeschäft sah, hatte Jemima plötzlich gespürt, wie ihr Arm in die Luft gerissen wurde. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Artemis mit baumelnden Pfötchen über ihr schwebte und darüber ein riesiger Vogel mit den Flügeln schlug.

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