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Wir wollten doch nur frei sein

Über die Autorin

Sarbjit Kaur Athwal ist britisch-indischer Abstammung und wächst in England auf. Als ihre Schwiegermutter den Mord an Sarbjits Schwägerin in Auftrag gibt, beginnt Sarbjit, für eine Verurteilung der Schuldigen zu kämpfen. Bis heute erhält sie Todesdrohungen aus der Gemeinde ihrer angeheirateten Familie. Die große Unterstützung, die Sarbjit während der Ermittlungen von DCI Clive Driscoll erhalten hat, hat ihr neue Kraft gegeben und Perspektiven aufgezeigt: Sie arbeitet inzwischen als Hilfspolizistin.

Sarbjit Kaur Athwal

Wir wollten doch
nur frei sein

Wie meine Verwandten zu Mördern wurden

Aus dem Englischen von
Isabell Lorenz

Inhalt
  1. DCI Clive Driscoll erzählt
  2. Prolog: Beschlossene Sache
  3. Teil eins: Ehre
    1. 1. Siegreich
    2. 2. Willkommen in Indien
    3. 3. Dies ist dein zukünftiger Ehemann
    4. 4. Ein Rocky ist er nicht gerade
    5. 5. Ich bin jetzt deine Mum
    6. 6. Glaub das bloß nicht
    7. 7. Eine schlechte Tochter
    8. 8. Du bist außer Rand und Band
    9. 9. Es ist ein Junge
    10. 10. Eine gute Schwester
    11. 11. 0800 555 111
  4. Teil zwei: Schande
    1. 12. Ich komme nicht zurück
    2. 13. Er ist doch mein einziger Enkel
    3. 14. Ich bringe das in Ordnung
    4. 15. Sag nichts
    5. 16. Doch nicht auch hier
    6. 17. Ich heiße Clive
    7. 18. Bloß nicht einschlafen
    8. 19. Sie wollen mich jetzt ernsthaft festnehmen?
    9. 20. Sagt eurem Vater, ich komme zurück
    10. 21. Sind Sie zu einem Urteil gekommen?
  5. Nachwort: Wenn ich ein Messer hätte
  6. Danksagung

DCI Clive Driscoll erzählt

Im Jahr 1998 verließ eine junge englische Frau ihr Zuhause – und kehrte nie mehr zurück.

Sie hatte nur ein einziges »Verbrechen« begangen: Sie hatte sich geweigert, das Leben zu führen, das ihr einige Verfechter von extremistischen religiösen Überzeugungen auferlegen wollten. Man kann natürlich sagen, dass diese Überzeugungen nur die individuelle Auslegung einer im Grunde friedfertigen Religion sind. Doch für mich bleibt es immer ein persönlicher Affront, wenn die Religion der Sikhs durch das Verhalten einiger weniger ihrer Anhänger befleckt wird. Ich habe Menschen aller Glaubensrichtungen kennengelernt, und die allermeisten von ihnen sind freundlich und führen ein friedliches, ehrbares Leben.

Leider habe ich in meiner Zeit als Police Officer immer wieder mit Betrügern zu tun gehabt, die versuchten, sich hinter einer Religion zu verstecken. Sie haben den Glauben dazu benutzt, ihre Verbrechen zu kaschieren. Bei den Ermittlungen halte ich es für essenziell, dass die Integrität aller Ermittlungsarbeit stets durch die Polizei gewahrt wird und die Suche nach Wahrheit über allen anderen Erwägungen steht.

Eines sollte klar sein: Ehrenmorde und andere religiös motivierte Gewalttaten sind ein Fluch für unsere Gesellschaft. Wenn junge Leute gezwungen oder genötigt werden, einen Lebensweg einzuschlagen, den sie nicht gehen wollen, ist das ein Verstoß gegen ihre Menschenrechte. Ein Mord als Strafe für die Nichtbefolgung der Glaubensgrundsätze anderer ist immer ein schweres Verbrechen und sollte von allen Polizeibehörden überall auf der Welt verfolgt werden. Und dies muss auch in unseren Zeiten gelten, in denen sich Polizeistreitkräfte mit strikten Sparmaßnahmen konfrontiert sehen. Die Verfolgung von Morden und anderen Kapitalverbrechen muss, ebenso wie der Schutz der Öffentlichkeit, oberste Priorität haben.

Denn eines wissen wir genau: Drohende Aufdeckung und Verurteilung ist im Kampf gegen diese furchtbaren Verbrechen eine wirkungsvolle Abschreckung.

Mein Sohn ist Angehöriger eines Kommandotrupps bei den Royal Marines. Er war in jüngster Zeit an einigen Einsätzen beteiligt und musste bereits viele Kameraden verlieren. Die Tapferkeit, die diese jungen Männer und Frauen Tag für Tag unter Beweis stellen, ist eine Inspiration für mich. Sarbjit Kaur Athwal, die Autorin des vorliegenden Buches, bewies mit ihrer Zeugenaussage ebenfalls großen Mut. Dieser erscheint mir im selben Maße tapfer und inspirierend wie der Einsatz der jungen Männer und Frauen, die unserem Land dienen. Und das gilt nicht nur für Sarbjit, sondern auch für all die anderen Zeugen, die Wahrheit und wirkliche Ehre an die oberste Stelle ihrer Werte setzen und vor Gericht gegen Ehrenmorde und verwandte Gewalttaten aussagen. Ihr Mut ist für mich mit dem von Militärangehörigen und dem von Streifenpolizisten, die auf unseren Straßen für Sicherheit sorgen, gleichzusetzen.

Der Druck, unter den Sarbjit im Vorfeld des Prozesses gesetzt wurde, war enorm. Sie wurde bedroht, und ihre Kinder sollten gegen sie aufgebracht werden. Diese Methoden lassen sich ohne Weiteres mit den Einschüchterungstaktiken großer Verbrecherorganisationen vergleichen.

Aber sie blieb standhaft und tat ihre Pflicht als Sikh.

Ich hoffe, die Leser dieses Buches glauben mir, wenn ich sage, dass diese Zeugin und noch eine weitere, die aus juristischen Gründen nicht namentlich genannt werden darf, bei meinen Ermittlungen eine ausschlaggebende Rolle spielten.

Mein Dank gilt außerdem Mr. Jagdeesh Singh und Surjits Eltern für die Hilfe, Unterstützung und Ermutigung, die sie mir während meiner Ermittlungen entgegenbrachten.

Ich möchte meinen persönlichen Dank auch allen Beamten aussprechen, die an der »Operation Yewlands« beteiligt waren. Die Polizei hat in diesem Fall einige Aufgaben mit großem Erfolg abgeschlossen, bei anderen hätten wir uns einen höheren Standard gewünscht. Letztendlich führte aber das Engagement dieser Beamten zur Anklageerhebung gegen Bachan Kaur Athwal und Sukhdave Singh Athwal.

Ich betrachte es als ein Privileg, dass ich bei allen von mir untersuchten Mordfällen die Leitung innehaben durfte. Für diese Ehre danke ich der Metropolitan Police.

Mein Dank gilt auch den Herausgebern von Wir wollten doch nur frei sein, dass sie mich gebeten haben, dieses Vorwort zu schreiben.

DCI Clive Driscoll, 2013

(Leiter der Sonderkommission Yewlands)

Prolog

Beschlossene Sache

Es schien ein ganz gewöhnliches Familientreffen zu sein. In einem ganz normalen Wohnzimmer, in einem ganz normalen Haus, in einer ganz normalen Straße im Londoner Westen. Aber an dem, was dann kommen sollte, war nichts mehr normal.

Zwei Brüder und eine Schwägerin – ich – warteten. Wir wollten erfahren, weshalb man uns zusammengerufen hatte. Alle Augen ruhten auf der Matriarchin. Sie saß auf dem Sofa, flankiert von ihren beiden Söhnen, die die alte Dame anhimmelten. Mit frommem Blick und respektvoll fürs Gebet gekleidet schaute sie im Zimmer umher, und dann sprach sie.

»Dann ist es also beschlossene Sache«, verkündete die alte Frau. »Wir müssen sie loswerden.«

Meine Schwägerin wird sterben.

Teil eins

Ehre

1

Siegreich

Es ist ein Fest für die Sinne. Die Luft ist geschwängert von Weihrauch und den Aromen einer geschäftigen Küche. Frauen in hellen Kleidern drängeln mit Männern, die ihre bunten Turbane tragen und deren Bärte bis auf die Brust reichen, um den besten Platz. Gesprächsfetzen wie aus Schnellfeuerwaffen werden gelegentlich von Lachsalven durchbrochen, die zwischen einem Bissen Chapati und einem Schluck eisgekühltem Lassi ertönen. Es ist ein typischer Festtag für die örtliche Sikh-Gemeinde. Und auch wenn Pandschabi die einzige Sprache hier ist, sind doch alle Gäste von weit her, von Amritsar oder Chandigarh, zusammengekommen. Sie befinden sich in Hounslow, im Westen Londons. Und sie haben sich versammelt, um einen neuen Erdenbürger willkommen zu heißen.

Die glückliche, aber erschöpfte junge Frau presst das winzige glucksende Bündel an ihre Brust und lächelt. Wieder einmal. Sie kann nicht anders. Sie braucht nur das kleine Gesichtchen ihres Babys zu sehen oder ein schnelles Luftholen zu hören, und schon ist sie wieder erfüllt von Freude. Sie kann sich nicht vorstellen, jemals wieder unglücklich zu sein.

Ein Dutzend freundlicher Gesichter um sie herum scheint ihr zuzustimmen. Das kleine Wohnzimmer hat noch nie so viele Menschen beherbergt, noch nie hallte so viel Gelächter von seinen Wänden wider. Alle sind gekommen, um den neuen Erdenbürger anzuschauen, und die meisten würden ihn gern einmal halten.

Die Mutter sieht zu, wie ihr Erstgeborenes mit den großen Augen im Kreis der Bewunderer herumgereicht wird. Die Frauen liebkosen das Kind und machen gurrende Geräusche, während ihre Männer Grimassen schneiden oder den Säugling zu kitzeln versuchen. Die Mutter gehört zu ihren engsten Freunden und Verwandten, doch sie entspannt sich nicht, nimmt nicht die Augen von ihrem kleinen Schatz, bis ihr schließlich das sich windende Bündel zurückgegeben wird.

Als sie das Baby dann weiterreicht, lächelt eine Frau. »Meinen Glückwunsch, Amarjit Kaur«, sagt sie und berührt die sanfte Wange des Babys. »Aber es hätte ein Junge sein sollen.«

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Ich kam am 6. November 1969 zur Welt, als erstes Kind von Sewa Singh und Amarjit Kaur Bath aus Hounslow, London. Mädchen in einer indischen Familie zu sein ist nicht der beste Start ins Leben. In den Augen vieler brachte ich damit zum ersten Mal Schande über meine Familie.

Mums Eltern hatten mit der gesamten Familie ihre gewohnte Heimat verlassen, um mit Umweg über Singapur nach England zu ziehen. Im Gegensatz dazu war mein Vater der erste seiner Familie, der das indische Dorf im Pandschab verließ. Als er das tat, war er bereits ein verheirateter Mann. Sewa Singh und Amarjit Kaur waren von ihren Familien füreinander bestimmt worden und wurden in einer Zeremonie in Indien miteinander verheiratet, ohne einander vorher je gesehen zu haben.

Das Heim der Neuvermählten war ein Haus mit vier Zimmern in Hounslow. Nein, eigentlich war es bloß ein Teil des Hauses: Meine Großeltern wohnten in dem einen Zimmer, Mums Schwester und deren Kinder hatten ein weiteres Zimmer, ihr Bruder, dessen Frau und Kinder bewohnten das dritte. Somit blieb das kleinste Zimmer für Mum und Dad – und einen weiteren Bruder! Als ich dann noch dazukam, zwängten sie irgendwie noch ein Kinderbettchen hinein.

In solch einem überfüllten Haushalt aufzuwachsen war normal für Mum und Dad, und auch ich lernte nichts anderes kennen. Was auch immer das Wort für »Privatsphäre« auf Pandschabi sein mochte, ich würde es für eine ganze Weile nicht brauchen. Außer in den Momenten, in denen ich mal für kleine Mädchen musste, kann ich mich nicht daran erinnern, je von weniger als zwei Menschen umgeben gewesen zu sein.

Dass so viele Verwandte ständig in der Nähe waren, hatte den Vorteil, dass es nie an Leuten fehlte, die mir von den Wundern Indiens erzählten. Vor allem, wenn wir ins Bett gebracht wurden, saß ich mit meinen Cousins und Cousinen da und lauschte fasziniert, wie meine Tante wieder einmal eine schillernde Geschichte vor uns ausbreitete. Am Ende platzten meist unzählige Fragen aus mir heraus:

»Scheint die Sonne wirklich den ganzen Tag?«

»Spazieren die Kühe wirklich über die Straßen, da wo die Autos fahren?«

Es klang nach einem Ort voller Magie.

Weshalb Mum und Dad wohl stattdessen hier leben wollten?

Mit ihrer Großfamilie unter einem Dach zu wohnen war nicht die einzige Tradition, die meine Eltern aus Indien mitgebracht hatten. Wäre da nicht das englische Wetter gewesen, hätte keiner geglaubt, dass wir im Schatten des Flughafens von Heathrow lebten und nicht im Pandschab: Pandschabi war die einzige Sprache, die im Haus gesprochen wurde. Es war die einzige Sprache, die meine Großeltern beherrschten, und natürlich auch die einzige Sprache, die mir beigebracht wurde. Als mein Vater einen Job bei British Airways in Heathrow bekam, musste er Englisch in einem irrsinnigen Tempo lernen. Zu Hause wurde allerdings nie Englisch gesprochen. Dass diese Sprache überhaupt existierte, erfuhr ich erst, als ich in die Schule kam.

Manchmal schaute ich aus dem Schlafzimmerfenster, und mir fiel auf, dass die Passanten ganz anders gekleidet waren als ich. Sogar die Mädchen. Im Haus und außerhalb des Hauses trug ich immer die im Pandschab übliche Kleidung – salwar, locker sitzende Hosen, und kameez, eine Art längeres Hemd. Meine Mutter, meine Tanten und Cousinen hatten davon diverse Varianten in vielen Farben, und ich stellte mir gern die exotischen Farbtöne vor, die ich eines Tages tragen könnte. Vor allem eines war wichtig: Wann immer ich das Haus verließ, war mein Kopf bedeckt mit einer Art Schal, der chunni oder dapatta genannt wurde. Die Mädchen draußen vor meinem Fenster trugen so etwas zwar nicht, doch trotzdem habe ich mich nie als anders wahrgenommen. Alle in meinem Haus kleideten sich wie ich. Alle, mit denen ich je sprach, kleideten sich ebenso. Dies war die einzige Welt, die ich kannte.

Anders bin nicht ich. Anders sind die Mädchen vor meinem Fenster.

Nicht nur die Frauen in unserer Familie bedeckten ihren Kopf. Mein Vater, mein Großvater und alle Onkel trugen Turban. Zuerst war es in Indien nur Adligen erlaubt, solch auffällige Kopfbedeckungen zu tragen. Doch mein Vater erklärte mir, dass vor etwa dreihundert Jahren ein Mann namens Gobind Singh das geändert hatte. Er hatte verfügt, dass keine Gesellschaftsschicht einer anderen überlegen sein sollte. Allerdings erfuhr ich auch, dass Gobind Singh selber kein gewöhnlicher Mann war. Er war ein »Guru«, der letzte der zehn Oberhäupter der Sikh-Religion.

Wie bei so vielem war ich mir nicht bewusst, dass ich aus einer religiösen Familie kam. So waren wir nun mal.

Lebte denn nicht jedes Kind so?

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist der Besuch eines großen gelben Gebäudes ganz bei uns in der Nähe. Mein Vater erklärte mir, es sei der gurdwara, der Tempel. Ich wusste nur, dass das Haus aussah wie ein Schloss. Besonders fasziniert war ich von den zwei wunderschönen weißen Kuppeln auf den hohen Säulen zu beiden Seiten des Eingangs. Innen gab es aber weder Könige noch Königinnen. Nur viele Hundert Menschen, die genauso gekleidet waren wie wir. Ich war nicht das einzige Mädchen dort im besten Sonntagsstaat, und im ersten Moment fühlte ich mich von den vielen verschiedenen hellen Farben um mich herum wie überrollt.

Obwohl ich meine schönsten Schuhe trug, musste ich sie ausziehen. Ich folgte meinen Verwandten und sah Hunderte Schuhpaare neben der Wand aufgereiht. Dann gingen mein Vater, mein Großvater und die Onkel in die eine, meine Mutter und die Frauen meiner Familie in die andere Richtung.

Nie zuvor hatte ich solch einen riesigen Raum gesehen wie die Haupthalle des Tempels. Wenigstens war ich es gewohnt, unter vielen Menschen zu sein, wenn sie auch normalerweise nicht nach Geschlechtern getrennt waren. Überall sah man Menschen: alle schweigend, alle im Schneidersitz auf dem Boden, alle im stillen Gebet. Wie das ging, wusste ich. Ich war noch sehr klein, da hatte meine Großmutter es mir schon beigebracht. Es sei nun an der Zeit für meine Zwiesprache mit Gott. Nicht mit unserem Gott oder meinem Gott. Die Sikhs glauben, dass es nur eine einzige Gottheit gibt. Andere Religionen mögen Gott unter verschiedenen Namen anbeten, aber wie immer sie ihn auch nennen, es ist ein und derselbe Gott, zu dem wir alle beten.

Wenn mich an diesem Tag schon die Ausmaße des Raums überraschten, erschlug mich fast seine Ausstattung. Ich schaute hinauf zu den riesigen Bildern von Männern mit Turban und weißem Bart, die auf uns herabstarrten, und ich dachte: Diese Bilder haben wir auch bei uns zu Hause!

Mit dem vertrauten Bild des Guru Nanak Dev Ji, des Gründers der Sikh-Religion, das meinen Blick erwiderte, konnte ich nicht anders, als mich einfach wohlzufühlen.

Mir gefällt es hier.

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Meine Familie besuchte verschiedene Tempel. Der in Hounslow lag ganz in der Nähe unseres Zuhauses, aber die beiden anderen in Southall, der eine an der Park Avenue, der andere an der Havelock Road, wurden eher bei besonderen Gelegenheiten aufgesucht. Manchmal gab es von Priestern geleitete Gottesdienste, doch meistens waren wir unseren eigenen Gedanken überlassen. Nach dem Lärm und dem Gerede zu Hause empfand ich es als Erleichterung, wenn ich die Augen schließen und so etwas wie Stille genießen konnte.

Außerhalb des Gebetsraumes allerdings waren unsere Tempelbesuche von Geselligkeit geprägt. Ich weiß noch, wie ich einmal Mums Hand hielt und zu ihr aufschaute, während sie und ihre Freundinnen Neuigkeiten austauschten. Am anderen Ende des Raumes sah ich Dad und seine Freunde, die über einer Mahlzeit aus Chapati und Linsensuppe die Welt verbesserten.

Auf einmal bekam ich selber großen Hunger.

»Kann ich mir auch etwas langar holen, Mum?«, fragte ich.

Meine Mutter unterbrach ihr Gespräch und drückte meine Hand. »Na, dann los«, sagte sie. »Aber komm sofort zurück.«

In jedem Tempel auf der Welt gibt es langar, Getränke und vegetarisches Essen, und zwar für jeden, der möchte.

»Dazu muss man nicht einmal Sikh sein!«, hatte mir Dad erklärt. »Alle sind willkommen hier.«

Sobald das Gebäude um zwei Uhr morgens öffnet, kommen Freiwillige, und die großen Kochtöpfe, häufig noch warm vom Vorabend, werden aufgesetzt. Die herrlichen Gerüche der Gewürze und Öle gehörten zu den intensivsten Eindrücken bei meinem ersten Besuch in der gurdwara in Hounslow, und so ist es bis heute geblieben.

Noch etwas, das mich an zu Hause erinnert.

Und es gab noch weitere Berührungspunkte mit meinem Leben zu Hause. Schon als kleines Kind hatte ich viel über »die Gemeinde« gehört, aber gesehen hatte ich die Mitglieder nie. Ich wusste nicht, wer »sie« waren. Das änderte sich in dem Augenblick, in dem ich meinen Fuß in den Tempel in Hounslow setzte. Hier waren sie nun alle: die Männer, die Frauen, die religiösen Führer und die Freunde. Einige kannte ich schon – sie waren bei uns zu Hause gewesen oder wir bei ihnen –, doch die meisten waren mir fremd. Aber Mum und Dad formulierten es so: »Wir sind Sikhs. Wir sind alle eine große Familie.«

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Ich kann gut verstehen, dass jemand, der erst später im Leben zur Sikh-Religion findet, viel Neues aufnehmen muss. Erst Jahre später, als Erwachsene, habe ich begriffen, wie anders manche unserer Regeln wirken müssen. Sogar etwas so Schlichtes wie ein Name hat in dieser Religion sehr viel mehr Gewicht. Wie alles andere wird auch der Name von einem der Gurus selbst vorgeschrieben.

Nur dass dieser Guru gar kein Mensch ist.

Als sich die Lebenszeit des zehnten Gurus Gobind Singh ihrem Ende näherte, ernannte er keine Person als Nachfolger, wie es die Tradition seiner Vorgänger gewesen war, sondern einen Gegenstand. Ein Buch. Eine Bibel. Unsere Heilige Schrift. Das Wort Gottes.

Wer heute einen Sikh-Tempel oder ein Sikh-Haus betritt, sieht auf einem Podest unter einem kleinen Baldachin ein Exemplar des »elften Gurus« Granth Sahib, also des Heiligen Buches. Aus seinen eintausendvierhundertdreißig Versen ziehen wir all unser Wissen. Es prägt alles, was wir tun – sogar unsere Namen.

Bei meiner Geburt öffneten meine Eltern, wie auch schon ihre Eltern vor ihnen, ihr Exemplar des Heiligen Buches auf einer beliebigen Seite. Dann nahmen sie im Einklang mit der Tradition den ersten Buchstaben des ersten Wortes auf der Seite, es war ein »S«, und wählten danach meinen Namen aus. In der Sikh-Kultur gibt es nur wenige Hundert Namen, und alle haben eine religiöse oder moralische Bedeutung. Mein stolzer Vater entschied sich für »Sarbjit«, weil es »siegreich« bedeutet. Für sein erstgeborenes Kind erschien ihm das angemessen. Im Laufe der Jahre sollte ich jedoch die Berechtigung dieser Wahl mehr als einmal infrage stellen.

Dem Uneingeweihten mag ein weiterer Aspekt der Namen der Sikhs ungewöhnlich erscheinen. Ich habe zum Beispiel einen Schwager, der ebenfalls Sarbjit heißt, aber keiner in unserer Gemeinde wundert sich darüber. Weder hat er einen Mädchennamen, noch habe ich einen Jungennamen. Tatsächlich ist kein Name bei den Sikhs geschlechterspezifisch. Theoretisch kann man also den Namen wählen, noch bevor man das Geschlecht des Babys kennt. Auf dem Papier hält man uns auseinander, indem man den mittleren Namen betrachtet. Lautet dieser »Singh«, was »Löwe« bedeutet, ist der Namensträger männlich. Lautet er »Kaur«, also »Prinzessin« oder »Löwin«, ist der Träger des Namens weiblich. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Doch wie alles in meiner Kindheit stellte ich das nicht infrage. Ich kannte es schließlich nicht anders.

Weil mein Vater Sewa Singh Bath ist, weiß man, dass er ein Mann ist. Nach demselben Prinzip muss Amarjit Kaur also eine Frau sein. Doch wie bei den meisten Sikhs heißen meine wahren Eltern »Ehre« und »Schande«. Egal was ein Sikh auch tut, es ist bestimmt von einer schlichten Frage: Ist das, was ich tue, richtig oder falsch? Oder anders ausgedrückt: Bringe ich Ehre oder Schande über meine Familie? Und wenn es um unseren Glauben geht, besteht eine Familie nicht einfach nur aus zwei oder drei anderen Personen …

In Großbritannien leben zwar nur etwa vierhunderttausend Sikhs, doch manchmal fühlt es sich so an, als könnten sie alle über dein Leben bestimmen. Meine Eltern mussten nicht einfach nur ihre nächsten Verwandten zufriedenstellen, sondern auch entfernte Onkel und Tanten sowie all ihre Nachbarn. Hinzu kommt außerdem, dass jedes einzelne Mitglied ihres örtlichen Tempels zu allem etwas zu sagen hatte. Das Schlimmste, das einem Sikh zustoßen konnte, war es, die Achtung der Gemeinde zu verlieren – so kam es mir zumindest vor, während ich aufwuchs.

Aber das würde mir nie passieren. Indem ich nicht als Sarbjit Singh zur Welt gekommen war, hatte ich einmal Schande über meine Familie gebracht. Ich hatte nicht die Absicht, so etwas noch einmal zu tun.

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Eines muss man meinen Eltern zugutehalten: Sie machten sich die wenigsten Sorgen darüber, dass ich ein Mädchen war. Ohne Zweifel hätten sie lieber einen Jungen gehabt, allerdings nur, weil die Gemeinde sie lieber mit einem Jungen gesehen hätte. Und nur auf eigene Gefahr ignoriert ein Sikh die Gemeinde. Aber auch wenn ich kein Junge war, spielte ich für meine Eltern doch eine wichtige Rolle. Als ich zum Beispiel alt genug war, einen Teller zu tragen, machten sie mir klar, was meine Pflichten waren. Noch vor meinem fünften Geburtstag brachten sie mir bei, den Tisch abzuräumen, das Geschirr zu spülen, die Wäsche zu waschen und zu bügeln.

Von frühester Kindheit an war mir klar, dass ich zu einem Abbild meiner Mutter erzogen wurde. Doch ich hatte eine Aufgabe zu bewältigen, von der sie verschont geblieben war: die Schule.

Meine Mutter ist in Indien nach dem Krieg aufgewachsen. Und zu dieser Zeit war es ihrer Familie nicht wichtig, ihr eine Ausbildung zuteil werden zu lassen. Benachteiligt fühlte sie sich deswegen nicht. Sie war eine Frau. Was hätte ihr eine Ausbildung genutzt? Zwanzig Jahre später schien eine Ausbildung auch für mich bedeutungslos.

Als Fünfjährige hatte ich im Haus schon etliche Pflichten, und meine Familie schickte mich deshalb nur widerstrebend in die Grundschule. Hätte es die allgemeine Schulpflicht nicht gegeben, bezweifle ich sehr, dass meine Eltern mich überhaupt das Klassenzimmer hätten betreten lassen. Es dauerte nicht lange, und ich wünschte, sie hätten sich die Mühe gar nicht erst gemacht.

Mein erster Schultag war mühsam. Aber auch erhellend. Alle waren gleich angezogen – und so gar nicht, wie ich es gewohnt war. Die Mädchen trugen Kniestrümpfe und kurze Röcke, Blusen, Krawatten, Pullover. Alle in denselben Farben, im selben Stil, und alles war sehr, sehr fremd für mich. Meine Mutter ging mit mir über den überfüllten Schulhof und fand die Stelle, an der meine neuen Klassenkameraden sich versammelt hatten. Meine Lehrerin lächelte mich an und versicherte meiner Mutter, dass ich schon zurechtkommen würde. Wenigstens nahm ich an, dass sie das gemeint hatte.

Ich verstand nämlich kein einziges Wort von dem, was sie da redete!

Ich kann mir nicht vorstellen, wie man ein Kind ohne Kenntnis der Landessprache in die Schule schicken kann. Aber genau das passierte gerade mit mir. Die Lehrerin, die anderen Kinder, die Damen von der Essensausgabe – alle redeten in einer völlig fremden Sprache. Ich hätte genauso gut taub sein können. Wie sollte ich im Unterricht mitkommen, wenn ich nicht einmal ein schlichtes »Guten Tag« verstand?

Kaum wollte meine Mutter mich dort allein lassen, brach ich in Tränen aus. Damit stand ich zwar nicht alleine da, doch die anderen Schüler verstanden wenigstens, was um sie herum vorging.

Tag eins war die Hölle. Tag zwei war die Hölle. Tag drei war die Hölle. Ich verabscheute jede einzelne Minute jedes einzelnen Tages. Erst als ich dank einiger Intensivstunden in der Schule ein wenig die Sprache lernte, fühlte ich mich allmählich etwas wohler. Doch in der Schuluniform würde ich mich nie wohlfühlen. Davon war ich überzeugt. Irgendwie fühlte ich mich zur Schau gestellt und gleichzeitig eingeengt. Ich war eindeutig die Tochter meiner Eltern, und kaum kam ich nach Hause, schickte man mich zum Umziehen in mein Zimmer. Nicht damit meine schneeweißen Blusen geschont wurden, sondern damit auch die kleinste Spur westlicher Dekadenz getilgt wurde. Hätte ich mich vor Betreten des Hauses umziehen können, hätten meine Eltern mich sicher nicht daran gehindert.

Nach den fürchterlichen Stunden in der Schule war ich tatsächlich froh, wieder zurück zu meinen Pflichten in der Küche zu dürfen.

Die verstand ich wenigstens …

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Ich weiß nicht, wie gut ich im Unterricht hätte sein können, wenn ich bei Schuleintritt die Sprache beherrscht hätte. Aber gegen Ende meines ersten Schuljahres war nicht mehr die Sprache mein Problem. Kleine Kinder sind sehr gesellige Wesen, und selbst ich, so schüchtern und unbeholfen ich auch war, mischte mich von Zeit zu Zeit unter meine Mitschüler und lachte mit ihnen. Es ergaben sich zwar keine festen Freundschaften, doch ausgeschlossen wurde ich auch nicht.

Eines Tages nach der Schule gab mir ein Mädchen aus meiner Klasse zu meiner Freude einen Umschlag. Ich sah, dass etwa ein Dutzend weiterer Mitschüler einen bekommen hatten. Aufgeregt rissen wir die Umschläge auf. Die anderen jauchzten und quietschten vor Vergnügen, und das Mädchen, das mir den Umschlag gegeben hatte, stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, als wir unsere Mäntel anzogen und das Schulgebäude verließen.

Langsam entzifferte ich die Worte:

Liebe Sarbjit,

du bist zu Claires Geburtstagsparty eingeladen. Komm zu uns am …

Es war die Einladung zu einer Party. Jetzt war ich auch ganz aufgeregt.

Ich konnte es kaum erwarten, meiner Mutter die Karte zu zeigen. Doch noch ehe ich es ihr übersetzt hatte, schüttelte sie den Kopf.

»Mum, es ist eine Einladung«, sagte ich. »Zu einer Party! Darf ich hin? Bitte?«

»Nein«, erklärte sie schließlich. »Das wird nicht gehen.«

»Wieso denn nicht?«

»Weil da auch Jungen sein werden.«

Jungen? Für Jungen hatte ich gar keine Zeit. Also wieso sollte das ein Problem sein?

»Aber Mum«, bettelte ich, »alle gehen hin.«

»Wir sind nicht alle«, erwiderte sie. »Und das ist endgültig. Also Schluss jetzt.«

Ich war verzweifelt, und das sollte ich wieder und immer wieder sein, bis die anderen schließlich aufhörten, mich überhaupt einzuladen. Meine Mitschülerinnen voller Vorfreude über eine kommende Party am Freitag reden zu hören und dann mitzubekommen, wie sie in der darauffolgenden Woche von den Höhepunkten des Nachmittags schwärmten, war für mich eine regelrechte Qual. Es gab Tage, an denen ich verfluchte, dass ich schon so viel verstand. Ich durfte nicht einmal für ein oder zwei Stunden nach der Schule bei meinen Freundinnen zu Hause spielen. Und ich durfte auch niemanden zu uns einladen, was ich irgendwie merkwürdig fand. Schließlich hatte man mich gelehrt, dass die Sikh-Religion für alle offen war und jeden willkommen hieß, ganz gleich welchem Glauben er angehörte.

Der gurdwara, ein Zufluchtsort für alle. Tja, so viel dazu.

Bis dahin hatte ich nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas versäumte. Englisches Fernsehen kannte ich noch nicht, also fehlte es mir nicht. Richtiges Spielzeug hatte ich nie gehabt, kannte auch niemanden, der welches besaß. Wieder fehlte es mir also nicht. Aber nun sah ich Tag für Tag die Alternative zu meinem Leben, und je mehr ich davon sah, desto mehr sehnte ich mich danach. Auch Mum bekam das mit und beschloss, ein Machtwort zu sprechen. Mit aller Entschiedenheit.

»Dass du dich anziehst wie die anderen Mädchen, heißt noch lange nicht, dass du auch so sein musst wie sie«, erklärte sie.

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Als ich sechs war, zogen wir endlich aus dem Haus meiner Großeltern aus. Dads harte Arbeit für British Airways hatte sich gelohnt, und so hatte er sich die Anzahlung für ein eigenes Haus zusammengespart. Und das kam gerade zur rechten Zeit.

Ich war noch zu jung, um mich richtig an die Zeit zu erinnern, als meine Schwester im Jahr 1972 zur Welt kam, doch als Mum 1974 wieder schwanger wurde, war ich mir des Urteils all der Besucher im Haus – und damit auch dem der gesamten Gemeinde – deutlich bewusst: Zwei Mädchen in der Familie waren genug. Auf Kind Nummer drei lastete also ein enormer Druck, ein Druck, dem sein Körper sich widersetzte. Die kleine Kamaljit Kaur kam 1975 nur widerstrebend auf die Welt. Mir war das egal. Welche Sechsjährige wünscht sich nicht ein kleines Schwesterchen zum Spielen? Ich hatte meine Mutter oder meinen Vater sowieso nie für mich allein, hatte kaum Spielzeug oder Bücher. Was mich betraf, war klar: je mehr Geschwister, desto besser.

Ein Jahr später wiederholte sich das Ganze. Es war wieder eine Schwester, Inder, durch die unsere Familie sich vergrößerte. Doch dann passierte 1979 etwas Einschneidendes. Ohne größere Feierlichkeiten – schließlich war das Ganze schon fast Routine geworden – begab meine Mutter sich ins Bett, als die Wehen begannen, und wir übernahmen unsere üblichen Rollen. Sie hatte das alles schon so oft durchgemacht, dass wir alle längst wussten, was wir zu tun hatten, um nun auch ohne sie den normalen Ablauf im Haus aufrechtzuerhalten. Ich kümmerte mich um meine Schwestern, Dad arbeitete, und Mum wurde von ihren Eltern versorgt. Das Leben außerhalb des Entbindungszimmers verlief genau wie immer – von einer Tatsache abgesehen.

Diesmal kam Mum nicht mit einem Mädchen nieder.

Mir fiel damals nicht auf, ob die Feier üppiger ausfiel als sonst oder die Glückwünsche von Freunden und Verwandten herzlicher schienen. Das Einzige, das ich wusste und das mich interessierte, war mein kleiner Bruder. Ich war damals zehn. Der Altersunterschied war ideal. Leider würde in meinem eigenen Leben bald etwas Einschneidendes geschehen, das jedem Spaß mit meinen Geschwistern ein Ende setzte.

Wie immer half ich bei der Küchenarbeit, als Dad von der Arbeit nach Hause kam. Schälen und schneiden, abspülen und -trocknen – wenn ich nicht in der Schule war oder mich um meine Geschwister kümmerte, war das mein Leben. Nach den üblichen Begrüßungen sagte Dad irgendetwas zu Mum, und die beiden gingen ins Wohnzimmer. Sie setzten sich, und nach einer Weile riefen sie mich herein.

Dad saß unter dem Porträt des Guru Nanak und sah besonders streng aus. Sein Bart war kürzer und dunkler als der des ersten Gurus, aber für mich galt auch das Wort meines Vaters wie ein Gesetz. Das dachte ich zumindest, bis er mir erzählte, was er vorhatte.

»Wir fahren nach Indien.«

»Nach Indien? Wirklich?«

Unwillkürlich lächelte ich. Der einzige Urlaub, den ich bis dahin kannte, waren die Schulferien, und während denen änderte sich meistens eigentlich nichts. Wir fuhren niemals irgendwohin, außer am Wochenende auf Besuch zu Verwandten. Ich war zehn und nie außerhalb von London gewesen – aber jetzt würde ich nach Indien fahren.

Indien! Das Wort allein beschwor unbegrenzte Möglichkeiten und Träume herauf. All meine Onkel und Tanten sprachen so liebevoll von ihrer Heimat, und ich erinnerte mich noch an die wunderschönen Gutenachtgeschichten, in denen es um Indien ging. Für mich war Indien das Paradies auf Erden … und dahin sollten wir jetzt fahren!

»Wo werden wir denn wohnen?«, fragte ich, praktisch veranlagt, wie ich nun einmal war.

Jetzt musste Dad lächeln. »In meinem Haus natürlich.«

Das war nur logisch. Nach europäischen Maßstäben war unsere Familie alles andere als wohlhabend, aber mit Dads Gehalt von British Airways konnte man in Chandigarh lange leben. Und als Dads Vater starb, hatte Dad in Patti an der Grenze des Pandschab ein Haus gekauft, in dem seine Mutter und andere Verwandte leben sollten. Vor Kurzem hatte er sogar ein weiteres Haus gekauft, das renoviert werden musste. Mindestens zwei- oder dreimal im Jahr reiste er nach Patti. Als Angestellter bei British Airways bekam er billige Flugtickets, und nach Delhi zu jetten, so sagte Dad, sei für ihn wie das Einsteigen in einen Bus.

Meine Gedanken rasten. So vieles musste bedacht werden. Wenn Dads Haus in Patti in etwa so war wie dieses hier, gab es dort keinen Stuhl, der nicht schon längst von einem Hintern besetzt wäre.

»Und wo schlafen wir?«, wollte ich wissen.

Dad dachte über die Frage nach. »Ich denke, ich nehme das Zimmer meines Bruders«, antwortete er, »und du schläfst mit deiner Tante in einem Bett.«

Ein Bett mit Verwandten desselben Geschlechts zu teilen ist in unserer Kultur gang und gäbe. Es wird sogar als Beleidigung aufgefasst, wenn man das verweigert. Ich kannte meine Tante zwar nicht, aber wenn sie mich in ihr Zimmer ließ, wäre es mir eine Ehre.

»Na schön, aber wo schlafen Karmjit, Kamaljit und Inder?«, fragte ich. »Und was ist mit dem Baby? Haben die ein Babybettchen?«

In dem Moment verging meinem Vater das Lächeln. Hatte ich etwa zu viele Fragen gestellt? Dann schaute ich zu Mum. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie noch kein Wort gesagt hatte.

»Dein Bruder und deine Schwestern werden kein Bett brauchen«, erklärte Dad.

»Wieso nicht?«

Dad seufzte. »Weil sie nicht mitkommen.« Er schwieg einen Moment. »Sarbjit, meine Tochter, wir beide, du und ich, wir werden allein reisen.«

So schnell, wie meine Vorfreude gekommen war, schwand sie auch wieder, und mit der Vorfreude all mein Mut. Ich hatte mich nie kleiner und verwirrter gefühlt. Dies fühlte sich nicht mehr nach Urlaub an. Ich wusste nicht, was es war. Aber ich wusste, dass das, wonach es sich anhörte, mir nicht gefiel. Und bei aller exotischen Verlockung Indiens war mir klar, dass ich keinen Fuß in dieses Land setzen wollte. Nicht so. Nicht, wenn nicht meine ganze Familie mitkäme.

In meinem Kopf drehte sich alles. Wieso ich? Was hatte ich falsch gemacht?

»Ist das eine Strafe?«, fragte ich.

Jetzt meldete sich meine Mutter zu Wort. »Nein, nein, Sarbjit, du hast nichts falsch gemacht.«

»Wieso schickt ihr mich dann weg?«

Mum sah Dad an, der seinen Kopf erst in ihre, dann in meine Richtung schüttelte. Wütend war er nicht, doch mit so vielen Fragen hatte er nicht gerechnet. Nicht von mir. Ich war seine Älteste und bei Weitem die Bravste. Selbst mein knapp sechs Monate alter Bruder zeigte schon jetzt mehr Unabhängigkeitswillen, als ich es bisher in meinem ganzen Leben getan hatte. Nun erwartete mein Vater also, dass die Aussicht auf die Reise mich vor Freude in die Luft springen ließ. Die Chance, das Ursprungsland unserer Religion zu besuchen, sehen zu dürfen, wo die Wurzeln unserer Familie lagen … Es sollte mir eine Ehre sein, dorthin fahren zu dürfen. Stattdessen stand ich da und schien kurz davor zu sein, seine Autorität infrage zu stellen.

»Ich bringe dich nach Indien, damit du die Sitten und Bräuche unseres Landes kennenlernst«, erklärte er mit Nachdruck. »Deine Großmutter und deine Tanten werden dir beibringen, eine Frau zu sein. Sie werden dir zeigen, wie man sich um eine Familie kümmert, wie man einen Haushalt führt, wie man sauber macht und wie man indisch kocht.«

Wie man kocht? Wir wussten beide, dass ich gerade aus der Küche kam.

»Das kann ich doch auch hier lernen«, erwiderte ich. »Ich lerne es ja bereits hier.«

So viele Gedanken, so viele Fragen gingen mir gleichzeitig durch den Kopf. Was könnte indischer sein als unser Leben hier? Unser Stadtteil in London war sogar als »Klein-Indien« bekannt. Außerhalb der Schule sprach ich mit keinem, der einer anderen Religion oder Ethnie angehörte. Und für wie lange sollte mein Aufenthalt eigentlich dauern? Das Wort »Urlaub« war kein einziges Mal gefallen, und es hörte sich nicht so an, als könnten wir das Ganze in die Sommerferien quetschen.

Und lernen, »eine Frau zu sein«, was sollte das denn überhaupt bedeuten? Ich war zehn Jahre alt und konnte bereits kochen und putzen. Was gab es da sonst zu lernen?

Was immer meine Eltern sagten, mir kam es trotzdem wie eine Strafe vor.

Ich war verwirrt, und ich hatte Angst. Ich sollte fort von zu Hause, wurde zu einer Familie geschickt, die ich gar nicht kannte, und ich konnte nichts dagegen tun. Als meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen, erkannte ich an ihrem resignierten Gesichtsausdruck, dass die Entscheidung längst gefallen war.

»Pass nur auf, mein Schätzchen, ehe du dichs versiehst, bist du schon wieder zu Hause«, sagte sie. Dann fügte sie hinzu: »Und über deine Pflichten im Haushalt hier brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«

Meine Pflichten? Das war nun wirklich das Letzte, woran ich dachte. Was war mit meinem Bruder und mit meinen Schwestern? Nur in den Momenten, in denen ich mit ihnen spielte, war ich wirklich glücklich. Was, wenn sie nun dachten, dass ich sie verlassen wollte?

Was, wenn sie mich vergaßen?

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Für meine Eltern war die Sache mit der Reise in dem Moment abgetan, in dem sie mir davon erzählt hatten. Für mich sah das anders aus. Ich gab die Hoffnung nicht auf, dass dies alles nur ein böser Traum war.

Ich konnte es kaum erwarten, aus dem Wohnzimmer herauszukommen und alles meinen Schwestern zu erzählen. Vielleicht würden sie mir ja sagen, dass Mum und Dad nur Spaß gemacht hatten. Oder vielleicht würden sie unsere Eltern bitten, sich das noch einmal zu überlegen.

Karmjit und Inder waren in unserem Zimmer. Die Neuigkeit platzte förmlich aus mir heraus, und einen Moment später brachen wir alle in Tränen aus. Aber irgendetwas stimmte nicht. So hatte ich das nicht gewollt.

Als ich ihnen alles erzählte hatte, hatte ich nur an mich gedacht, doch als ich die Tränen meiner Schwestern sah, fühlte ich mich mit jedem Moment stärker. Denn ich musste stark sein. Innerhalb von Minuten machte ich ein Wechselbad der Gefühle durch. In dem einen Moment wollte ich meinen Eltern noch ins Gesicht schreien: »Das ist unfair!« In dem nächsten verteidigte ich meinen Schwestern gegenüber ihren Entschluss. Auf keinen Fall wollte ich ihnen Angst machen. Und vor allem sollten sie nicht denken, dass der Tag käme, an dem man auch sie fortschickte.

Auch wenn ich ganz genau wusste, dass es so kommen würde.

Nein, das Ganze war mein Problem, und ich allein musste damit fertig werden. Wie unglücklich ich war, gestand ich von dem Moment an nur mir selber und Gott ein.

Mehrere Monate vergingen zwischen der Ankündigung und der tatsächlichen Abreise. An jedem neuen Tag fühlte es sich an, als könne ein Schwert jederzeit auf mich niederfallen.

Wird es heute sein? Werden sie es mir heute sagen?

Meinen Vater wollte ich nicht fragen. In meiner kindlichen Logik dachte ich: Wenn ich es nicht erwähne, vergisst er es vielleicht. Aber als ich das Antragsformular für einen Reisepass auf meinen Namen auf dem Küchentisch liegen sah, wusste ich, dass es nur noch eine Frage der Zeit war. Schließlich erklärte Dad, er versuche, für die Zeit seines Besuchs in Indien Termine für Bauarbeiten auf seinem Besitz zu machen. Sobald das geklärt sei, wolle er Flugtickets kaufen und wir würden abreisen.

In der Zwischenzeit lief alles weiter wie immer … mit einer drastischen Veränderung: September 1980 kam, und damit begann meine weiterführende Schulbildung auf der Brentford School für Mädchen. Hatte ich bisher gedacht, die Gewöhnung an die Grundschule in Hounslow sei schwierig gewesen, war die neue Schule, die fünfmal so groß wie die alte war, auch mindestens fünfmal so einschüchternd. Ich war zwar nicht die einzige Sikh auf der Schule, aber mein Englisch war immer noch nicht so gut wie das der meisten anderen. Sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen, wenn man sich gleichzeitig mit der Sprache abmüht, kann einen überfordern. Und es macht einen zum Außenseiter.

Schon an meinem ersten Tag dort lachte mich ein älteres Mädchen aus und sagte: »Geh doch dahin, wo du hergekommen bist.«

Ich konnte die Tränen gerade noch zurückhalten. Nicht der latente Rassismus hinter ihren Worten machte mich traurig, sondern die Tatsache, dass sie einen wunden Punkt berührt hatte. Ich war doch zu Hause, ich war in dem Land, aus dem ich kam. Aber bald, sehr bald schon, würde ich in das Land meiner Eltern reisen.

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Ich wurde beschimpft, ich mühte mich mit dem Lernen ab, und der Druck, dass ich mich mit niemandem anfreunden durfte, lastete außerdem auf mir. Wenn meine Mitschülerinnen nach der Schule zu anderen Mädchen nach Hause zum Spielen gingen, durfte ich nicht länger wegbleiben, als der Unterricht dauerte. Danach musste ich sofort zurück nach Hause, die »widerwärtige« Schuluniform, wie mein Großvater es ausgedrückt hatte, ausziehen und dann Gemüse schälen und schneiden oder putzen. Es gab kein Fernsehen, ich hatte keine Hobbys, keine Freunde und keine Wahlmöglichkeiten.

Und als ich eines Tages nach Hause kam, wartete Mum auf mich. »Dad hat heute eure Flugtickets gekauft«, sagte sie. »Es ist so weit.«

Indien, ich komme.

2

Willkommen in Indien

Als Erstes schlug mir die Hitze entgegen. Elf Sommer in England hatten meine Haut in keinster Weise auf die warme Umarmung durch die Luft vorbereiten können, die mich empfing, als ich meinem Dad auf die Gangway des Flugzeugs folgte und von Bord ging.

Als Nächstes kamen die Farben. Auch England hatte einen ordentlichen blauen Himmel, aber er war nicht so wie hier. Und es gab vor allem nicht so viel davon wie hier. Trotz des Geruchs von Öl und des donnernden Dröhnens der Motoren, die sich einen Wettstreit mit dem Geschrei von Flugzeugmechanikern und Bodenpersonal lieferten, konnte ich bei meinem ersten Betreten indischen Bodens nur daran denken, wie weit und rein der Himmel schien. Es war nicht ganz wie in den Gutenachtgeschichten, aber es fühlte sich tröstlich an. Unwillkürlich musste ich lächeln.

Vielleicht gefällt es mir ja hier.

Der Flughafen in Heathrow gilt als einer der geschäftigsten der Welt, und so kam es Dad und mir auch vor, als wir uns unseren Weg durch ankommende und abreisende Touristen und Geschäftsleute bahnten. Doch Delhi war noch einmal von völlig anderem Kaliber. Alle außer mir schienen zu wissen, wohin sie gingen, und alle schienen es dabei eilig zu haben. Personal und Passagiere flatterten wie Schmetterlinge hierhin und dorthin. Um jeden einzigen Quadratzentimeter Platz schienen mindestens drei Leute miteinander zu wetteifern. Und was den Lärm betraf … Nun, ein Schulhof bei Unterrichtsschluss würde hier untergehen.

Teils fasziniert, teils um mein Leben fürchtend, klammerte ich mich fester an die Hand meines Vaters und schaute besorgt zu ihm auf.

»Du gewöhnst dich schon noch daran«, meinte er lachend. »Aber«, fügte er hinzu, »lass nur ja meine Hand nicht los. Und lauf nicht weg.«

Ein Verwandter meines Vaters erwartete uns am Ausgang des Flughafens und führte uns zu einem staubigen alten Auto, das, so kam es mir zumindest vor, vollkommen willkürlich zwischen Tausenden, offensichtlich verlassenen, Fahrzeugen parkte. Hier und jetzt waren wir wirklich nicht mehr in England.

Obwohl ich gern jeden Zentimeter der Aussicht betrachtet hätte, die sich mir bot, schlief ich doch sehr bald im Auto ein. Als ich aufwachte, sah ich lauter Gesichter, die jedes einzelne Wagenfenster ausfüllten.

»Na los, Schlafmütze«, sagte Dad. »Jetzt ist es so weit. Begrüß deine Familie.«

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Um mir die Angst zu nehmen, hatte Dad versucht, aus der ganzen Reise einen einzigen Spaß zu machen. Ich hatte Bücher im Flugzeug und eine Puppe zum Spielen, und er wollte mich von der besorgniserregenden Erfahrung meines ersten Fluges ablenken, indem er meine Hand hielt und mir Geschichten über Indien erzählte. Nach einer Weile hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass alles nur ein Abenteuer war. Doch als ich zum ersten Mal meine neue Familie sah, dämmerte mir die Wahrheit:

Das ist hier kein Urlaub. Das ist hier ein Trainingslager.

Ich glaube, ich hatte mir meine indischen Verwandten in meinen Tagtraumfantasien als furchtbare Oger ausgemalt. Aber eigentlich sahen sie alle ganz normal aus. Abgesehen davon, dass einige Männer Shorts und T-Shirts trugen, waren alle angezogen wie meine Verwandten zu Hause und benahmen sich auch so.

Die alte Frau, die mich am festesten umarmte, war Dads Mutter, meine Großmutter Hernan Kaur. Sie war achtzig, aber immer noch voller Leben. Und sie redete gern. Es schien, als wolle sie vor Dad jedes noch so kleine Detail ihres Lebens entfalten, das sich seit seinem letzten Besuch ein Jahr zuvor zugetragen hatte. Obwohl wir zu Hause nur Pandschabi sprachen, brauchte ich doch eine Weile, um meine Ohren an Großmutters Akzent zu gewöhnen. Als Nächste sprach Dads Schwester, und mir wurde klar, was ich vor allen anderen Aufgaben erledigen müsste … ich musste zunächst einmal lernen, sie zu verstehen.

Meine neuen Onkel und Cousins entluden das Auto, und Dad und ich wurden in ein imposantes, von zwei mächtigen Säulen flankiertes Gebäude mit blauen Dachziegeln geführt. Bis jetzt war mir alles in diesem Land beinahe außerirdisch vorgekommen, doch auch jetzt blieb ich noch stehen und bewunderte, was ich sah. Das Gebäude war wunderschön und sehr, sehr groß. Erst als ich bemerkte, dass es keine anderen Gebäude daneben gab, wurde mir klar, dass es sich hier nicht um ein Hotel handelte.

Das ist ihr Zuhause!

Und für kurze Zeit würde es nun auch mein Zuhause sein. Nach Londoner Maßstäben konnte das lang gestreckte, einstöckige Gebäude beinahe als vornehmes Herrenhaus gelten. Ich mochte kaum glauben, dass dieses Haus meinem Dad gehörte. Wenn ich jetzt zurückblicke, ist das schon fast beängstigend. Denn diese Villa kostete bedeutend weniger als unser Häuschen in Hounslow. Außerdem war das Haus hier auch noch frei stehend und hatte einen eigenen Zaun und ein hohes Metalltor. So etwas Pompöses hatte ich noch nie gesehen. Die einzigen Häuser, die ich bisher kennengelernt hatte, standen wie Spielkarten, die dicht beieinander in einem Stapel steckten, in einer Reihe mit den Häusern anderer Leute. Wo waren hier die Reihen- und Hochhäuser?

Auf jeden Fall hatte ich noch kein Haus gesehen, das eine eigene Außenmauer brauchte, damit das Vieh nicht fortlief. Mit jedem Schritt erlebten meine Sinne etwas Neues. Auf einem Bauernhof war ich noch nie gewesen, doch je näher ich herantrat, desto klarer wurde mir, dass der Geruch um mich herum »tierischen« Ursprungs war. Katzen und Hunde hatte ich oft gehört und gesehen. Doch die vom Wind herangetragenen Gerüche und manche der Geräusche waren etwas völlig anderes.

Und es gab noch mehr Unterschiede als das Vieh, das sich nah am Haus tummelte. Als wir zur Haustür gingen, fiel mir auf, dass die blauen Dachziegel mit kleinen gelben Quadraten verziert waren. Ich schaute genauer hin und sah, dass es sich um minutiöse kleine Abbildungen idyllischer Szenen handelte. Jemand hatte wirklich viel Arbeit in dieses Haus gesteckt.

Was für den Innenraum nicht zu gelten schien. Nach dem Anblick der aufwendig gestalteten Fassade erwiesen sich die ersten Schritte über die Schwelle als ziemliche Enttäuschung. Gleich hinter dem Eingangsbereich führte eine Tür ins Bad und eine weitere in eine separate Toilette. Es folgten ein Wohnzimmer, zwei weitere Räume, eine Küche, eine Veranda und eine Treppe, die aufs Dach führte. Von seiner Größe abgesehen hatte das Haus nicht gerade viel zu bieten.

Doch ich betrachtete alles mit westlichem Blick. Was für mich zum Beispiel eine ziemlich standardmäßige Küche war, galt in Patti als das Beste vom Besten.

»Hier findest du weit und breit kein einziges Haus mit fließendem Wasser und Gasherd«, erklärte mein Vater voller Stolz. »Und ganz bestimmt«, fügte er hinzu und tätschelte dabei einen vertrauten weißen Gegenstand, »bekommst du auch so etwas hier nirgends zu Gesicht.«

»Ist das ein Kühlschrank?«

Er nickte, dann lachte er. »Willkommen in Indien«, sagte er.

Ich wurde weiter herumgeführt. Mir fiel auf, dass das Haus trotz seiner Größe nur drei Schlafzimmer besaß, die alle recht schlicht ausgestattet waren. Rasch überschlug ich die Zahl der vielen Menschen, die überall um uns herum waren, und mir wurde klar, dass ich tatsächlich das Bett mit einer meiner Tanten teilen müsste.

Nach dem ersten Schock der Ankunft und des Kennenlernens entspannte ich mich allmählich etwas. Unter vielen Menschen zu sein war mir schließlich vertraut. Und so fand ich es schön, meinen Vater mit seinem Onkel Tonga, seiner Schwester und ihrer Familie Neuigkeiten austauschen zu sehen. Mir gefiel sogar, dass Dad mit mir angab, doch als er mir seine Neffen vorstellte, brachte ich plötzlich keinen Ton mehr heraus. Die beiden waren erst zwölf beziehungsweise neun, theoretisch hätten wir also über vieles reden können. Aber ich wusste gar nicht mehr, wie lange es her war, dass ich mit einem Jungen gesprochen hatte. Ich musterte die Gesichter der Erwachsenen.

War das überhaupt erlaubt?

Nach dem Abendessen gingen Dad und ich früh ins Bett. Obwohl ich auf der Reise so viel geschlafen hatte, war der ganze Tag unterwegs für uns beide sehr anstrengend gewesen. Was auch immer meine Reise ins Unbekannte an Adrenalin in mir ausgeschüttet hatte, war nun so ziemlich abgeklungen. Ich spürte, wie mein Kopf das weiche Baumwollkissen berührte, und wusste, dass der Moment des Einschlafens nicht mehr fern war. Doch dann kamen die Sorgen. Ich war noch nie von zu Hause fort gewesen. Und ganz bestimmt hatte ich noch nie unter einem anderen Dach geschlafen als dem meiner Mutter. Wo war sie jetzt? Wie ging es meinen Schwestern? Was machten sie gerade? Noch bevor ich wusste, wie mir geschah, strömten die Tränen.

Zum Glück hatte ich mich bald wieder unter Kontrolle. Meine Tante sollte ja schließlich nicht sehen, wie verzweifelt ich in ihrem Haus war. Das wäre vollkommen respektlos gewesen.

Bald ist es ja vorbei, sagte ich mir. Ehe du dichs versiehst, bist du schon wieder zu Hause.

Das Haus mochte zwar anders sein als alles, was ich im Westen gesehen hatte, doch die Leute darin lebten fast genauso wie wir. Jedenfalls schien es so. Die Wahrheit sollte ich noch früh genug erfahren …

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In einem fremden Bett aufzuwachen war eine neue und unheimliche Erfahrung für mich. Zu begreifen, dass ich in einem fremden Land war, und das nicht einmal freiwillig, ließ ein ganz mulmiges Gefühl in mir aufsteigen. So vieles hier in meinem neuen Zuhause kannte ich nicht. Ich hatte auch keine Ahnung, weshalb ich überhaupt hier war. Obwohl sich mein Vater irgendwo im Haus befand und ich von Verwandten umgeben war, hatte ich mich noch nie so allein gefühlt. Zum Glück war ich erst fünf Minuten wach, als meine Tante in der Tür erschien und mich bat, ihr in der Küche mit dem Frühstück zu helfen.

Meine Lehrzeit zu »den Sitten und Bräuchen Indiens« hatte begonnen.

Nach dem Frühstück hatte Dad zu tun. Er musste die Renovierungsarbeiten auf seinem anderen Besitz im Dorf überwachen. Kaum war er gegangen, zeigte man mir, wie man den Tisch abräumt, das Geschirr wäscht und alles verstaut.

Falls ich dachte, dass damit der Unterricht für den Tag beendet war, hatte ich mich geirrt. Nach dem Frühstück begannen meine Tante und meine Großmutter mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen, und ich half dabei. Sollten sie beeindruckt gewesen sein von dem, was ich schon konnte, ließen sie sich nichts anmerken.

Der Vormittag verging schnell. Das Schnippeln und Schälen und Kochenlernen machte mir tatsächlich Spaß. Auch wenn es anstrengend war, mit Besteck und Schüsseln zu hantieren, die viel zu groß für mich waren, lenkte es mich doch ab. Ich kam gar nicht dazu, mich zu fragen, was gerade in England passierte. Hatte jemand in meiner Schule Bescheid gesagt? Würde man mich dort bei meiner Rückkehr tadeln? Ich hatte vor der Abreise keine Gelegenheit gehabt, mich zu verabschieden.

So angenehm ich meine Unterweisung zur Essensvorbereitung und zum Kochen auch fand, machte meine Tante mir doch unmissverständlich klar, dass dieser Unterricht kein Selbstzweck war. Er war nicht einfach nur eine Übung. Wie mein Vater gesagt hatte, wurde ich aufs Frausein vorbereitet, was immer das heißen mochte. Und dass die Familie heute essen musste, was ich gekocht hatte, verstärkte den Druck nur noch. Was ich gekocht hatte. Immer wenn ich daran dachte, zitterten mir die Hände. Das war in Ordnung, wenn ich den Teig für das Rotibrot knetete, Gewürze im Mörser zerrieb oder Linsen im Topf umrührte, aber wenn man Ingwer mit einem Messer hackt, dessen Schneide bis auf die Knochen durchdringen kann, sollte man lieber nicht nervös sein.

Die nächsten Tage verliefen genau nach diesem Muster: arbeiten, essen, arbeiten, essen, arbeiten, essen, arbeiten, ins Bett. Alle schienen zufrieden mit mir, nur ich selber war unzufrieden. Ich hatte allerdings so wenig Zeit für mich, dass ich keinen traurigen Gedanken an zu Hause nachhängen konnte, ja dass ich überhaupt kaum zum Nachdenken kam. Und obwohl der blaue Palast meilenweit von allem entfernt war, fühlte er sich genauso klaustrophobisch eng an wie unser kleines Haus in London. Das Haus war zwar weitläufig, aber irgendwer schien immer um mich herum zu sein. Ganz allein für mich konnte ich nur sein, wenn ich im Bett lag, und dann auch nur so lange, bis meine Tante ihren Platz neben mir einnahm. Das war für mich die einzige Gelegenheit zum Nachdenken. Und dann dachte ich, wie müde ich doch war, nachdem ich so schwer in dieser heißen Küche im indischen Sommer gearbeitet hatte. Und auch an meine viertausend Meilen entfernten Schwestern konnte ich nur in diesen Momenten denken. Danach weinte ich mich häufig in den Schlaf.

Meinem Vater meine Gefühle zu gestehen traute ich mich nicht. Ich wusste, wir könnten ewig in Indien bleiben, und er würde mich nicht nach meinen Gefühlen fragen. Und für meine Großmutter und ihre Kinder wäre mein Heimweh eine regelrechte Beleidigung gewesen. Sie waren ja schließlich meine Verwandten, oder? Waren sie denn so viel weniger wert als meine britische Familie, dass ich weinte und darum betteln wollte, von ihnen fortzukommen? Viele Menschen finden das vielleicht schwer zu verstehen, aber so war es nun einmal bei den Sikhs. Sie waren die Familie. Sie waren die Gemeinde. Ich sollte sie alle so lieben wie meine eigenen Schwestern und meinen kleinen Bruder. Es zerriss mir schier das Herz, dass ich nicht so empfinden konnte. Aber schließlich, so sagte ich mir, bin ich ja noch jung. Ich werde es schon lernen.

Was das Kochen anging, war ich überzeugt, dass Tante und Großmutter mir kaum mehr beibringen konnten als meine Mutter oder ihre Schwestern in England. Jedenfalls dachte ich das, bis man mich aufforderte, den Reis zu holen.

»Wo habt ihr den denn?«, fragte ich meine Tante.

Sie deutete hinter mich. Aber da waren keine Schränke, auch keine Regale, nur das offene Fenster.

»Komm mit«, sagte sie lachend, und ich folgte ihr nach draußen. »Siehst du das Feld da?«, fragte sie.

Ich war verwirrt. »Das Feld, das unter Wasser steht?«

Sie nickte.

»Das ist ein Reisfeld. Unser Reisfeld. Und jetzt muss geerntet werden.«

Ich kam aus London, und allein schon der Anblick von so viel offenem Land überforderte mich. Es war eine merkwürdige Erfahrung für mich, erkennen zu müssen, dass meine Familie hier so vieles von dem anbaute, was ich zu Hause mit meiner Mutter im Supermarkt kaufte. Und nicht nur die Reisfelder erstreckten sich, so weit mein Auge reichte, ich sah auch Felder mit Weizen, Gemüse, Obst, sogar Zuckerrohr und Baumwolle. Ich wusste, dass ich hier auf einem Bauernhof lebte, und ich wusste, dass Leute auf einem Bauernhof etwas anbauten. Gesehen hatte ich so etwas zuvor allerdings noch nie.

Und dann die vielen Tiere auf dem Hof. Kühe, Hühner, Schweine, Büffel … sie bewegten sich alle frei in ihrem eigenen umzäunten Gehege. Für mich, das Londoner Stadtmädchen, schien jedes Lebewesen hier sehr exotisch. Wie die meisten Sikhs ernährte ich mich vegetarisch und konnte mir nicht vorstellen, irgendein Geschöpf Gottes zu verspeisen. Das hinderte mich aber nicht daran, die schwerfälligen Bewegungen der Kühe und das verrückte, unruhige Hin und Her der Hühner mit Vergnügen zu beobachten. Die Hühner waren entweder sehr tapfer oder sehr dumm: Gefahr erkannten sie erst im letzten Moment und rannten dann aufgeregt gackernd davon. Weil ich kein Spielzeug und keine Hobbys hatte, machte ich es zu meinem Freizeitvergnügen, sie zu beobachten.

Als die erste Woche in die zweite überging und ich mein erstes eigenes Currygericht zubereitete, beschloss ich, es sei an der Zeit, mit Dad zu reden. Ich wollte einen Moment abpassen, in dem ich ihn allein antraf, aber das gestaltete sich als sehr schwierig. Eines Abends fand ich ihn dann auf der Veranda, wo er einen Augenblick des Alleinseins genoss. Das war die Gelegenheit für mich. Wenn ich mich nur traute.

»Dad«, sagte ich, und dabei klang meine Stimme kraftvoller, als ich mich fühlte. »Wann fahren wir denn wieder nach Hause?«

»Jetzt noch nicht, Schätzchen, aber bald.«

»Aber ich bin doch ganz brav gewesen. Ich habe hart gearbeitet. Ich habe alles über die Sitten und Bräuche Indiens gelernt.«

»Ja, du hast hart gearbeitet, Liebes. Ich bin sehr stolz auf dich. Aber das war erst der Anfang. Deine Tante kann dir noch sehr viel mehr beibringen.«

Ich wollte niemanden beleidigen, der uns vielleicht hören konnte, also widersprach ich nicht. Immerhin hatte Dad »bald« gesagt. Damit musste ich mich zufriedengeben. Doch als erneut eine Woche auf die andere folgte und ich dieselbe Frage wieder und wieder stellte, gab Dad mir weiterhin nur dieselbe Antwort.

»Bald, Liebes. Bald.«

Ich hätte ihm sicher eher glauben können, hätten gewisse Dinge nicht im Widerspruch zu seinen Worten gestanden. Wieso sagte man mir zum Beispiel plötzlich, ich solle für etwa zwei Stunden am Tag einen Privatlehrer bekommen? Wenn wir bald abreisten, wieso sollte Dad sich dann diese Mühe machen? Meine Schulbildung in England hatte ihn schließlich auch nicht sonderlich interessiert. Woher also jetzt das plötzliche Interesse?

Und tatsächlich erschien eines Tages ein Mann, und ich wurde aufgefordert, zu ihm ins Wohnzimmer zu gehen. Wie üblich trug ich in Anwesenheit eines Mannes einen Schal, um meinen Kopf zu bedecken. Er unterrichtete mich in Pandschabi und Hindi, und wir besprachen auch verschiedene allgemeine Themen. Die Aufmerksamkeit gefiel mir, und ich merkte außerdem, dass mir das Lernen in meiner eigenen Sprache bedeutend leichter fiel.

Schließlich war es so weit. Nachdem ich mich vier Monate lang bemüht hatte, mich einzuleben und so viel wie möglich zu lernen, wollte mir das Herz vor Freude schier platzen, als ich eines Tages bemerkte, dass Dad angefangen hatte zu packen. Sein Urlaub von der Arbeit war zu Ende.

Jetzt ist es so weit.

Nach sechzehn langen Wochen der Trennung von meiner Familie, in denen ich mehr und mehr beinahe wie ein Dienstmädchen behandelt worden war, und das in einem Land, in dem ich nichts hatte und fast niemanden kannte, durfte ich endlich nach Hause. Zurück nach England. Zurück in das Land, in das ich gehörte.

Das dachte ich jedenfalls.

Dad teilte mir die Neuigkeit so knapp wie nur möglich mit. Er fuhr zurück nach England, ich würde bleiben. Ich konnte es kaum glauben. Er verschwand, und ich sollte hier feststecken. Der einzige Mensch in diesem Land, den ich liebte, ließ mich im Stich. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Und ausnahmsweise versuchte ich es nicht einmal.

»Wein doch nicht, Sarbjit, nun wein doch nicht. Es ist ja nicht für lange«, sagte Dad. »Ich muss nur ein paar Dinge zu Hause erledigen, dann komme ich wieder zurück zu dir.«

»Wann?«, fragte ich.

»Bald. Sehr bald schon.«

Wieder diese Worte. Sie sagten mir alles, was ich wissen musste.

Die nächsten zwei Jahre würde ich meinen Vater nicht mehr sehen.

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Ich war schon einmal in Indien aufgewacht und hatte mich ganz verlassen gefühlt. Diesmal war ich es wirklich. Man hatte mich von meiner Familie getrennt, mich in ein Land am anderen Ende der Welt gebracht und mich dort ausgesetzt. Ich wusste, was meine Mutter gesagt hatte, ich wusste, was mein Vater versprochen hatte. Aber ich war elf und hatte noch nie solche Angst gehabt.

So wie mein Vater spielend damit fertiggeworden war, mich zurückzulassen, machte auch meine indische Familie einfach und mühelos weiter wie zuvor. Meine Tante und meine Großmutter behandelten mich nach Dads Abreise nicht anders. Zusätzlich zu dem Unterricht mit meinem Privatlehrer arbeitete und lernte ich sowieso bereits vierzehn Stunden am Tag. Wie sollten sie es da noch schlimmer für mich machen können?

Trotzdem gab es Veränderungen nach Dads Abreise.

Da ich täglich viel Zeit in der Küche verbrachte, bemerkte ich die ersten Anzeichen dort: Als ich beim Frühstück zum Kühlschrank ging, fiel mir auf, dass ich das vertraute dumpfe Brummen des Motors nicht mehr hörte. Der Inhalt war noch kalt, aber das Licht ging nicht an. Als ich dem Stromkabel folgte, entdeckte ich, dass der Stecker aus der Steckdose gezogen worden war. Ich nahm an, das Gerät sei kaputt, aber als ich den Gasherd benutzen wollte, zog meine Tante mich ...

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