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Wir kommen

Informationen zum Buch

»Ronja von Rönne wischt das Blau vom Himmel.« Georg Diez, Der Spiegel

»Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.«

Wenn jemand stirbt, zieht man sich schwarze Kleider an und geht zur Beerdigung. Oder man flieht gemeinsam mit seinen drei Beziehungspartnern und einer Schildkröte ans Meer. Nora entscheidet sich für Letzteres. Als ob Polyamorie helfen würde. Als ob Flucht helfen würde. Als ob man den Dämonen der Vergangenheit so einfach entkommt.

»Schnoddrig, überlegen, witzig, respektlos – endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur!« Joachim Lottmann

In Noras Heimatdorf gehört es sich, den Nachbarn zu grüßen, den Rasen zu mähen und am Ende des Lebens zu sterben. Dass sich plötzlich ausgerechnet Maja, Noras beste Freundin aus Kindheitstagen, an diese althergebrachten Regeln hält und einfach stirbt, kann Nora nicht glauben. Für eine Beerdigung hat Nora ohnehin keine Zeit: Nachts wecken sie Panikattacken, sie muss sich um eine Schildkröte kümmern und ihre einst so progressive Beziehung zu viert droht auseinanderzubrechen. Und dann fährt auch noch ihr Therapeut in Urlaub. Bis zu seiner Rückkehr soll Nora ihre Tage in einem Tagebuch dokumentieren. Also berichtet sie, wie sie sich mit Karl, Leonie, Jonas und einem schweigenden Kind ans Meer flüchtet, um das Verschworene zwischen ihnen zu retten. Doch statt hoffnungsvoller Zukunft drängt sich immer mehr Noras Vergangenheit in den Vordergrund. Es muss doch etwas geben, denken die vier, das sie wieder zusammenzuschweißen vermag, ein großes Fest etwa. Oder ein Mord.

»Wir kommen« ist ein radikales Buch, rasend komisch in seiner Verzweiflung und poetisch in seiner Grausamkeit.

Ronja von Rönne

Wir kommen

Roman

Für Bita

One Of Us Cannot Be Wrong

– Leonard Cohen

MAJA IST NICHT TOT. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.

Ihr Name sieht lächerlich aus, so schwarz umrandet, wie er da auf dem Brief vor mir steht und ganz ernst tut, als sei am 20. wirklich ihre Beerdigung, als würden an diesem Sonntag wirklich sämtliche Angehörige auf dem Dorffriedhof aufkreuzen, Kränze ablegen, Erde in eine Grube werfen und etwas Nettes über Maja sagen. Bullshit. Den meisten würde doch zu Maja überhaupt nichts Positives einfallen, außer vielleicht ihre phantastischen Brüste. Angenehm überrascht wären sie höchstens davon, dass sie jetzt in einer Kiste unter der Erde liegt und sich endlich so benimmt, wie es sich für die Bewohner unserer Gemeinde gehört. Sterben gehört bei uns nämlich genauso zu einem höflichen Miteinander wie akkurat gestutzte Rasen, denn wo kämen wir denn da hin, wenn jeder lebte, solange es ihm beliebt, und das Gras bis auf das Nachbargrundstück wuchert.

Die Pflicht, am Ende zu sterben, nehmen die meisten Dorfbewohner so ernst, dass sie innerlich schon verrecken, während sie noch am Leben sind, nur um ganz sicherzugehen, und um Sicherheit geht es schließlich in meinem Heimatdorf, um Sicherheit und Feuerwehrfeste und Diskussionen über Marderschäden. Solche Dinge gibt es bei uns im Dorf.

Was es noch nie im Dorf gab, ist eine Beerdigung, bei der alle völlig erleichtert wirkten, denn auch das gehört sich nicht. Eine Beerdigung für Maja wäre also absolut unmöglich, und das ist nur einer von vielen Gründen, warum Maja natürlich nicht so tot ist, wie es auf diesem Wisch geschrieben steht. Vielleicht ist lediglich wieder ihr altes Ich gestorben, das ist schon drei- oder viermal passiert, einmal, als sie Buddhistin wurde, und dann noch einmal, als sie wieder Atheistin oder Kommunistin oder Feministin wurde. Viel hat das nie ausgemacht, die neuen Majas waren der alten immer ziemlich ähnlich, das Lachen blieb dröhnend und alles an ihr unbedingt.

Als Absenderin steht Majas Mutter auf dem Umschlag, aber die hat früher schon kaum mitbekommen, dass Maja lebt, weshalb es mich wundern würde, wenn sie etwas von Majas Tod bemerkt hätte.

Ich schreibe das auf Anraten meines Therapeuten auf. Er ist jetzt zwei Wochen weg, im Urlaub, denn mein Therapeut hat das perfekte Leben. Ich habe nicht das perfekte Leben, deshalb habe ich den Therapeuten. Fotos einer glücklichen Familie zieren die Wände seiner Praxis. Familie am Strand. Familie beim Grillen. Familie im Zoo. Familie beim Lächeln. Vielleicht ist mein Therapeut aber auch viel gestörter als seine Patienten und schneidet seine Familienfotos aus Otto-Katalogen aus. Man hört ja so Sachen, und am Ende waren es immer die Netten.

Bei dem Therapeuten bin ich aus dem gleichen Grund, weshalb alle beim Therapeuten sind: Erst war alles in Ordnung, dann waren zwei, drei Dinge nicht mehr in Ordnung, und plötzlich wurde ich nachts von einer Panik geweckt, die nichts mit der Angst zu tun hat, die man von Klausuren kennt, einer Panik, die mir jedes Mal das Gefühl gibt, gleich zu ersticken, nur dass das Ersticken nie eintritt, die Angst davor aber stundenlang anhält, bis man schließlich mit einer Plastiktüte nachhelfen will.

Heute war meine zweite Sitzung, ich kann also noch nicht viel über den Erfolg der Therapie sagen, aber zwei Stunden reichen offensichtlich nicht, um alles wieder in Ordnung zu bringen.

Den Therapeuten hat mir Leonie empfohlen, seine Praxis liegt ein Stockwerk über ihrem Ernährungszentrum. Als ich den anderen vergangene Woche von der ersten Sitzung erzählte, sagte Jonas, ich sei seltsam in letzter Zeit, und Karl schob hinterher, ich solle mir auch ein paar Wochen Urlaub nehmen. Bei Leonie reagieren sie immer genervt, wenn sie von ihrer Therapie spricht.

Kurz vor Ende der Sitzung, während mein Therapeut seine Tasche zusammenpackte, fragte er hastig, ob ich Suizidgedanken hätte: »Hamsesuizidgedankn?« Ich habe verneint, schließlich könnte ich mir die Therapie sonst ja gleich sparen. Er nickte und sagte dann, ich solle mich beim Schreiben auf Details konzentrieren, er würde das nach seiner Rückkehr zusammen mit mir durchsehen, vielleicht käme man so auf die Ursache meiner Panikattacken. Es verunsichert mich, dass mein Therapeut ein paar leere Blätter als angemessenen Ersatz für seine Leistungen erachtet. Er hat auch wenig überzeugend geschaut, als er aufstand, in das Regal hinter seinem Stuhl griff, mir ein blau-gelbes Notizbuch reichte, vorne drauf ein Streichholz, und mit einem Lächeln sagte: »See, it’s a match!« Ich finde englische Wortwitze schwierig. Ich finde Therapeuten, die Wortwitze auf Englisch machen, noch schwieriger. Ich habe genickt. Das kann ich gut.

Aufschreiben also. Offensichtlich lernt man das im jahrelangen Psychologiestudium: mit müdem Blick vorzuschlagen, die Tage einfach aufzuschreiben. Dann sind sie zwar nicht besser, aber zumindest dokumentiert. Ich glaube, mein Therapeut hat nicht bedacht, dass es relativ wenig zu erzählen gibt. Denn eigentlich gehören nur Tage aufgeschrieben, an denen man vor lauter Erlebnissen keine Zeit hat, sie aufzuschreiben. Trotzdem schreibe ich jetzt eben, denn mein Therapeut hat oft recht. Er hat recht, wenn er sagt »Bis nächste Woche«, er hat recht, wenn er mir rät, »in Ruhe darüber nachzudenken«, er hat recht, wenn er sagt: »Ich bräuchte Ihr Krankenkassenkärtchen.«

Auf dem Nachhauseweg rief ich meine Agentin an und sagte, dass ich mir drei Wochen Urlaub nehmen wolle, und meine Agentin schrie mich an, dass das unmöglich sei, und ich schrie zurück, sie solle mich nicht immer so anschreien, und sie schrie, drei Wochen, aber keinen Tag länger, dann verschiebe sie jetzt eben die Supershopper. Das sagte sie wirklich, und erst jetzt, beim Aufschreiben, wundere ich mich darüber, dass ich solche Sätze verstehe.

Seitdem ist mein Telefon ruhig geblieben. Ich sitze in meiner Wohnung. Wenn ich rausgucke, ist da Stadt. Gerade ist eine Uhrzeit. Der Himmel ist schmutzig von Vogelschwärmen.

In meinem Zimmer stehen eine alte Holzkiste, ein Bett, ein Schreibtisch, eine Kleiderstange. Das ganze Setting ist so unspektakulär, dass es höchstens für einen vernuschelten Independentfilm herhalten könnte. Es gäbe sehr viele, sehr lange Einstellungen in diesem Film, und die Kritiker würden sich bei der Premiere vor lauter Langeweile ständig »sehr authentisch«, »wirklich sehr authentisch« zuraunen und mit Popcorntüten knistern.

Bisher finde ich meinen Urlaub nicht so schön. Ich möchte die nächsten Tage ungern damit verbringen, Dinge zu hinterfragen, und das passiert ganz leicht, wenn man plötzlich Zeit hat. Mein Zimmer ist sehr ordentlich. Ich habe probeweise meinen Stiftebecher zu Boden gestoßen, um zu sehen, ob ich Lust auf Aufräumen habe. Habe ich nicht.

Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend mache. Vielleicht markiere ich etwas mit »gefällt mir«.

ES IST FRÜH AM MORGEN. Die Panikattacken kommen seit zwei Wochen, meistens nachts, begleitet von Atemnot und Herzrasen, dann liege ich stundenlang wach, bis die Panik sich wieder verabschiedet, wohin, weiß keiner. Ich verpasse nicht viel, die Geschäfte haben geschlossen und Jonas und Karl ihr Handy im Flugmodus.

Vor einer halben Stunde bin ich aufgewacht, saß aufrecht im Bett und dachte, ich muss sterben, und wollte nicht sterben und wollte sterben und las im Internet, das sei völlig normal, ich solle die Panik »einfach zulassen«.

Die Panikattacke war erschöpfend, aber an Schlaf ist trotzdem nicht mehr zu denken. Ich habe also all die Dinge erledigt, zu denen ich sonst nicht komme, wenn das Leben in Ordnung scheint. Ich habe in mein Zimmer gestarrt und über Mahngebühren nachgedacht. Ich habe mir den Tod vorgestellt und imaginäre Gespräche mit Menschen geführt, die mir verhasst sind. Ich habe mir die Zukunft ausgemalt, ziemlich schwarz, das macht zumindest schlank. Ich habe mir vorgestellt, wie Jonas und Karl mich verlassen. Wie ich alleine bin. Spätestens morgen früh werde ich wissen, welche Fehlentscheidungen in meinem Leben mich zu dem gemacht haben, was ich heute nicht bin, immer noch nicht bin und, wenn ich meiner Panik glauben darf, auch nie sein werde.

Es ist sehr still. Durch die Vorhänge fällt trübes Licht von Straßenlaternen. Schatten von Autos fahren die Wand entlang. Ich frage mich, wo Jonas gerade ist, ob er heute bei Karl und Leonie schläft, die drei haben sich den ganzen Tag nicht gemeldet.

Seit zwei Wochen geht das so. Seit zwei Wochen kippt alles, was gut war, ins nicht so Gute. Die anderen sagen, ich verhalte mich merkwürdig, und ich antworte dann, dass es mir leidtue, dass ich nicht wisse, woran das liegt, und dass ich glücklich sein müsste. Wir sind zu viert, damit wir uns nur zur anderen Seite rollen müssen, um nicht mehr allein zu sein, und damit es egal ist, auf welche Seite wir uns rollen, weil überall jemand liegt. Wenn einer sauer ist, sind es immerhin zwei nicht, wenn einer schlafen will, möchten bestimmt zwei noch weiterziehen, und wenn man keine Lust zum Kochen hat, haben es die anderen drei ganz sicher auch nicht, dann bestellt man eben Pizza. Eine klassische Beziehung, nur eben verteilt auf vier Säulen, damit nicht alles sofort zusammenkracht, wenn einer schwächelt.

Ich vermisse Jonas. Ich vermisse Karl. Ich bin eifersüchtig auf Leonie. Ich bin eifersüchtig auf jeden Gegenstand mit einem weiblichen Artikel. Die Marmelade. Die Tür. Alles Schlampen. Meine Mutter sagt, was man liebt, muss man ziehen lassen. Also habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich bei Leonie und Karl zum Essen eingeladen war, in die Wohnung, in der ich zuvor mit ihm gelebt hatte. Es gab Thaicurry, Karl und Leonie waren sehr verliebt, man hörte aus dem Babyphone das leise Schnarchen von Leonies Tochter, und Karl versuchte, mir zu zeigen, dass ich bei alldem auch irgendeine Rolle spielte, auch wenn keiner so richtig wusste, was das für eine sein sollte. Wir schwiegen uns an, bis Karl vorschlug, ich könnte ja zum Beispiel das dritte Rad am Wagen sein. Leonie warf ein, das sei eine blöde Idee, weil Dreiräder etwas für Kinder und Senioren seien, sie würde jetzt spontan einen alten Freund einladen, dann könnten wir zu viert einen schönen Abend haben.

Karl und Leonie hatten sich gerade den Tick angewöhnt, einander zu ergänzen. Karl sagte zum Beispiel: »Wer hat denn Lust auf Thai…?«, und Leonie ergänzte: »…curry!« Und dann lächelten sie sich an, als teilten sie ein Geheimnis, eine eigene Sprache, in der sie beide erkannten, dass auf dem Tisch verdammtes Thaicurry stand. Ich sah wütend auf den Topf und aß von dem Curry, bis absolut nichts mehr übrig war, mit dem die beiden blöde Wortspielchen machen konnten. Beim Essen sprach ich wenig, Leonie erzählte mir, ich müsse wieder Liebe zulassen, sie nehme mir ja nichts weg, und man könne Liebe unmöglich als Besitz betrachten. Die Liebe sei nämlich wie ein Vogel, der stirbt, wenn man ihn einsperrt. Dabei strich sie über Karls Hand. Ich starrte auf den Esstisch, der mal mein Esstisch gewesen war, auf die Teller, von denen ich schon hundertmal gegessen hatte, auf den Freund, der mal mein Freund gewesen war, und fragte mich, ob Leonie in ihrer Wohnung davor wohl inspirierende Wandtattoos hatte. Karl bemerkte meinen Blick und lächelte mir aufmunternd zu.

Als wir beim Nachtisch waren (»Rotwein …?«, »… creme!«), klingelte es. Karl nickte mir zu, ich solle ruhig aufmachen, irgendwie sei das ja auch immer noch meine Wohnung. Ich schob Leonies Mäntel an der Tür beiseite, um an die Klinke zu kommen.

Vor der Tür stand ein Mann. Der Mann hatte regennasses, braunes Haar, einen verhuschten Blick und war ein Stück größer als Karl. Ich rief in die Küche, dass ich mich verliebt hätte, sie bräuchten sich keine Sorgen mehr zu machen. Karl rief zurück, dass ihn das freue, Leonie rief, toll, sie liebe Pärchenabende, und der Mann an der Tür protestierte nicht, sondern sagte, dass er Jonas heiße. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, also nahm ich ihm den Mantel ab, und Jonas trat in meine ehemalige Wohnung und mein aktuelles Leben, erst unschlüssig, später immer noch unschlüssig.

Am Anfang war Jonas nicht so überzeugt von unserer Viereridee. Einige Tage lang reichte ich ihm völlig aus. Doch bei einem Abendessen wenige Wochen später änderte er seine Meinung plötzlich. Als ich die Teller in die Küche trug, sah ich Leonie auf der Küchenzeile sitzen und Jonas, wie er vor ihr stand und ihr kurz über die Wange fuhr. Ich verließ die Küche schnell, eine Gabel fiel zu Boden, ich hob sie nicht auf, und später trafen wir zu viert die Abmachung, dass es innerhalb unserer Gruppe keine Grenzen geben sollte, dass also jede emotionale und sexuelle Konstellation zwischen uns erlaubt wäre.

Am Anfang kann man jede Abmachung treffen, da glaubt man ja auch, man sei ganz locker zusammen, zumindest bis einer von beiden etwas zu locker zusammen ist und der andere von Verlustangst nur so durchgeschüttelt wird. Oder es kommt eine Resignation, die schlapp fragt, ob es das denn nun sei, ob sich die Verliebtheit endlich umziehen könne, um sich Liebe zu nennen, diese echte, langweilige Liebe. Da stehe ich gerade mit Jonas, und vielleicht stehe ich alleine da, vielleicht bin ich die Einzige, die Blicke austauschen möchte, die nicht mehr Verliebt-, sondern Verbundenheit heißen, Verbundenheit, die es egal macht, ob alle anderen einen für bescheuert halten, weil man sich sogar zusammengesetzte Substantive teilt.

Thai?

Curry!

Ich will die Art von Liebe, die hält und japst, wenn man ihr einen neuen Brocken hinwirft, eine Schwangerschaft vielleicht oder eine gemeinsame Wohnung, damit der Strudel ins Unvermeidliche immer weitergeht. Denn sonst bleibt man nur stehen, schaut sich verwirrt um, wird müde, und irgendwann zuckt einer schneller als der andere mit den Schultern, und das war es eben dann, mal wieder, eine von den durchschnittlich vier Beziehungen, die der Deutsche in seinem Leben führt.

In Jonas’ und meine Beziehung ist etwas Seltsames gekrochen, etwas, das mich ermüdet, weil ich es kenne, und das mich frustriert, weil ich es nicht so früh erwartet habe. Ein Jahr ist vergangen, seit wir uns getroffen haben. Die ersten Monate, auch das ermüdet mich, weil es ein bekanntes Muster ist, bin ich eifrig wie ein Erstklässler, stecke meine ganze Energie ins Verzaubern und Phantastischsein, achte auf alles, was der andere sagt, gebe bei Google »der perfekte Blowjob« ein und lese alle Bücher, die er auf seinem Nachttisch liegen hat. Die darauffolgenden Monate versuche ich, diese Illusion aufrechtzuerhalten, weil sonst nur Realität übrigbleibt, und die kann man nun wirklich auch alleine haben. Jonas geht es ähnlich, wir haben darüber geredet, wir haben immer viel über solche Dinge geredet, weil wir sonst wahrscheinlich gar nichts mehr hätten, worüber wir reden können, und am Ende kommen wir stets zum gleichen Schluss: Es ist gut, dass wir es anders machen. Dass wir zu viert sind, dass wir dem anderen nie ganz gehören werden und dass wir einander dennoch verpflichtet sind.

Es ist immer noch finster, es ist immer noch nicht Morgen, und neben mir steht ein leeres Wasserglas. Man muss es in einem Zug leeren, das hilft gegen die Panik. Das steht im Internet, und es stimmt ja auch, egal, ob die Mutter gerade gestorben ist oder man durchs Staatsexamen fällt, jemand drückt einem ein Glas Wasser in die Hand. Hier hast du ein Glas von etwas, das nach nichts schmeckt. Gleich geht es dir besser. Oft stimmt es ja. Gesten helfen.

Das Schlimmste auf der Welt ist mein kaputter Computer. Das Einzige, was vielleicht noch schlimmer ist, ist, dass ein Computer das Schlimmste auf der Welt sein kann. Ich kann nichts daran ändern, dass mein kaputter Computer das Schlimmste auf der Welt ist. Es ist wichtig, dass mein kaputter Computer das Schlimmste auf der Welt ist, denn sonst wäre es etwas anderes, etwas, das man nicht zur Reparatur in einen dieser türkischen Läden mit aggressiver Handywerbung bringen kann.

AUF DEM WEG ZUR APOTHEKE musste ich eine Straße überqueren. An der Ampel stritt sich eine Frau mit einem Mann.

Die Frau sagte: »Ich will da nicht hin.«

Der Mann sagte: »Du kommst mit.«

Ich wäre auch gerne mitgekommen, aber mich fragte der Mann nicht, und so wurde nichts aus der Entführung.

Später klingelte mein Telefon. Karl wollte sich mit mir treffen, weil er unglücklich war. Ich wollte mich nicht mit ihm treffen, weil ich unglücklich war. Dazwischen war ich in einem Café. Ich bestellte einen Kaffee, weil es sich so gehört, in Cafés Kaffee zu bestellen, und der Kellner nickte freundlich. Es ist jetzt Sommer, und das bleibt bis zum Herbst so, sagen sie.

Ich habe Maja geschrieben und gefragt, was der Brief soll, bisher hat sie nicht geantwortet.

JONAS SAGT, ICH SOLLE MAL RAUSGEHEN. Ich möchte nicht rausgehen. Ich möchte mit Jonas herumliegen. Ich möchte, dass wir viel zu verliebt sind, um an so etwas wie »Rausgehen« auch nur zu denken. »Rausgehen« ist für Leute, die nicht mit Jonas zusammen sind. Draußen ist so viel. Drinnen auch, aber übersichtlicher, und wenn das auch zu viel wird, kann man das WLAN ja ausstellen.

So viele Tage liegen vor mir, bis ich wieder arbeiten muss, und warten faulig darauf, mit Erlebnissen gefüllt zu werden. Drei Wochen Urlaub sind zu lange, aber ich traue mich nicht, meine Agentin wieder anzurufen. Also verlebe ich Tage, die ja doch nur Entschuldigungen sind für Abende, an denen man sich kurz sehr betrunken sicher ist, dass morgen alles besser wird. Ich will lieber nicht. Es liegen alte Schokobonpapiere auf meinem Bett.

Später bin ich in den Park gegangen. Ich füttere jeden Tag die Spatzen, aber ich glaube, sie mögen mich trotzdem nicht. Irgendwann werden sie ein Schild basteln: »Wir sind Spatzen und als solche verdammt, dein Brot zu essen. Das heißt aber nicht, dass wir Sympathien für dich hegen. Es ist eine reine Instinkthandlung, keine Zuneigungsbekundung, mach dir da nichts vor.« Die Schrift würde gegen Ende immer kleiner werden, damit alles aufs Schild passt. Dazu werden sie heftig mit den Köpfchen nicken.

Ich brauche Hilfe.

MIT JONAS BEI LEONIE UND KARL GEFRÜHSTÜCKT. Ich weiß nicht, warum sie das immer Frühstück nennen, es gab noch nie Frühstück, wenn wir bei Leonie und Karl waren, sondern nur Sekt, den Karl Champagner nennt, als ob das irgendetwas besser machen würde. Die Brötchen, die ich jedes Mal mitbringe, liegen immer noch von letzter Woche herum, und wir verarbeiten sie nie zu Semmelknödeln.

Häufig sind es einfach Katertage, die den beiden das Glück aus den Synapsen saugen. Am Morgen ertragen sich Leonie und Karl nicht mehr, und dann ruft Leonie Jonas an und heult, und Jonas sagt: »Klar kommen wir rum, klar, wir bringen Brötchen mit, Leonie, wein doch nicht, braucht ihr noch etwas für Emma-Lou?« Jonas fragt immer nach Leonies Tochter. Ich liege meist daneben, überlege, ob es wohl zu kalt für ein Kleid ist, und bin genervt von Leonie.

Heute schleppte sich dahin und wollte einfach nicht morgen werden. Wir lagen zu viert auf der Couchlandschaft und sahen auf den Fernseher und stritten über Zeug, das uns beschäftigt, weil uns sonst wenig beschäftigt. Es ging vage um Politik, Popkultur, Geschlechterrollen und Literatur.

Karl öffnete eine Flasche Sekt, schenkte uns ein und lehnte sich zurück. »Ich glaube, wir sind dem Poststrukturalismus entkommen. Seit gestern«, sagte er, und Jonas sagte, dass das Quatsch sei, und dann diskutierten wir, bis Leonie anfing zu weinen, weil sie nicht wusste, was Poststrukturalismus ist, und überhaupt sei Karl nur mit ihr zusammen, weil sie schwarz sei, und eigentlich sei das auch Rassismus, nur halt positiver, aber positiv heiße noch lange nicht gut, man sei ja auch nicht erleichtert, wenn der HIV-Test positiv ausfällt. Keiner lachte, weil der Witz alt und geschmacklos ist, und wir sind jung und geschmackvoll. Zwischendurch kam Leonies Tochter ins Zimmer und spielte eine Runde Stein, Schere, Papier mit Jonas. Emma-Lou redet nie, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, sie jemals etwas sagen gehört zu haben.

Leonie sagt, das sei eine späte Trotzphase, weil Emma-Lou nicht wie die anderen Kinder Süßkram in den Kindergarten mitbekommt. »Die Anlage für Fettleibigkeit wird schon in den ersten Lebensjahren gelegt«, sagte sie, und Leonie muss das wissen, sie verdient mit hübsch maskierter Essstörung schließlich ihr Geld. Sie selbst isst meistens nichts oder Ungesundes, am liebsten Cheeseburger ohne Gemüse, selbst das Gürkchen pult sie ab, und dreimal die Woche steht sie vor dicken Frauen, lächelt hinreißend und spricht von ausgewogener Ernährung. Von Kohlenhydraten, die man weglassen, und Proteinen, die man zu sich nehmen soll. In der Pause stopft sie Marsriegel in sich hinein. Karl findet das irre komisch, denn Karl liebt Metawitze. Ich weiß nicht, warum ich mit Leuten befreundet bin, die von sich behaupten, Metawitze zu mögen.

Karl fragte, wie die Therapie laufe. Ich sagte okay, und dass ich mir tatsächlich ein paar Wochen Urlaub genommen hatte. Leonie stieß Rauch aus und sagte, ihr Urlaub gehe auch nächste Woche los. Karl nickte und erzählte dann weiter von dem Ratgeber, an dem er aktuell arbeitet.

»Die Stadt ist trostlos. Generell, urbanes Leben ist over.« Karl redete, aber niemand schien ihm noch zuzuhören, Leonie lackierte sich die Nägel in einem leichten Apricotton, Jonas spielte mit Emma-Lou. Als Leonies Nägel trocken waren und die zweite Flasche Sekt leer war, ging sie ins Schlafzimmer. Jonas begleitete sie. Karl wollte folgen, aber Leonie schüttelte nur lächelnd den Kopf. Karl setzte sich wieder, ein bisschen zu abrupt, und sagte, dass Glück auch Loslassen bedeute. Ich nickte und fragte, ob wir nicht wieder ans Meer fahren könnten.

Ich wollte an die Küste, zu Karls Strandhaus mit Pool im Vorgarten und Küche mit Induktionsherd. In das Haus fuhren wir früher immer, wenn etwas schlimm war. Als mein Hund Rattengift fraß, fuhren wir zum ersten Mal dorthin, als die Rezensionen zu Karls Sachbuch erschienen, fuhren wir zum zweiten Mal, später, als vieles schlimm wurde zwischen Karl und mir, fuhren wir bei jedem kleinen Streit dorthin, die Koffer waren immer gepackt, wir besaßen plötzlich Reisezahnbürsten und Reisewecker, und zu meinem Geburtstag schenkte mir Karl eine Reiseapotheke. Der Tank von Karls Ford war zu jener Zeit sicherheitshalber immer voll, denn wir stritten häufig. Karl sagte zum Beispiel, er finde meinen Job albern, wir fuhren ans Meer. Ich sagte, enge Jeans stünden ihm nicht, wir fuhren ans Meer. Er sagte, ich solle gefälligst auch mal abwaschen, wir fuhren ans Meer. Ich sagte etwas, wir fuhren ans Meer. Karl sagte nichts, wir fuhren ans Meer. In dem Jahr bekam er von seinen Eltern, denen das Haus gehörte, zu Weihnachten ein Päckchen, darin die Haustürschlüssel und eine Besitzurkunde.

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