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„Wir bitten nur um Dispens für den vorliegenden einzigartig liegenden Fall“ – die Habilitation Emmy Noethers

Das Zitat im Titel stammt aus dem Schreiben der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Abteilung der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen an den preußischen Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten vom 26. November 1915, in dem die Abteilung für Emmy Noether um Dispens von dem Erlass des 29. Mai 1908 bat, durch den in Preußen die Habilitation von Frauen als unzulässig galt.

Cordula Tollmien, geb. 1951, studierte Mathematik, Physik und Geschichte an der Universität Göttingen. Seit 1987 arbeitet sie als freiberufliche Historikerin und Schriftstellerin und veröffentlichte u. a. auch eine Reihe von Kinderbüchern. Sie war an dem 1987 publizierten Projekt zur Geschichte der Universität Göttingen im Nationalsozialismus beteiligt, arbeitete von 1991 bis 1993 als wissenschaftliche Lektorin bei der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte und trug Grundlegendes zum dritten Band der Göttinger Stadtgeschichte bei, der die Jahre 1866 bis 1989 behandelt. In den Jahren 2000 bis 2011 hatte sie einen Forschungsauftrag der Stadt Göttingen zur NS-Zwangsarbeit (www.zwangsarbeit-in-goettingen.de), und 2014 erschien ihr Buch über die Geschichte der jüdischen Göttinger Familie Hahn. Mit der Entwicklung der akademischen Frauenbildung und insbesondere mit den Biografien von Mathematikerinnen beschäftigt sie sich seit 1990 – dem Jahr, in dem ihre Arbeit erschien, in der erstmals die Geschichte der Habilitation Emmy Noethers im Detail nachgezeichnet wurde. 1995 publizierte sie eine Biografie der russischen Mathematikerin Sofja Kowalewskaja.

URL: www.tollmien.com

Die Lebens- und Familiengeschichte der Mathematikerin
Emmy Noether in Einzelaspekten 2/2021

Cordula Tollmien

„Wir bitten nur um Dispens für den vorliegenden einzigartig liegenden Fall“ – die Habilitation Emmy Noethers

Ein Mann wie Sie, schrieb Hedwig Pringsheim am 2. März 1916 an David Hilbert, ist doch warhaftig [sic!] ein König im eigentlichen Sinne. Die absolute innere und äußere Freiheit gibt Ihnen eine Ausnahmestelle und macht Sie zu einem Ausnahmemenschen.

In gewisser Weise ist David Hilbert der „Held“ dieser hier vorgelegten überaus spannenden Geschichte der Habilitation Emmy Noethers. Er steht dabei stellvertretend für die Männer, die dazu beitrugen, die den Frauen verschlossenen Türen der Universitäten zunächst einen Spalt und dann (sehr) langsam ganz zu öffnen.

Danksagung

Stellvertretend für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der von mir genutzten Archive, die mich auf vielfältige Weise unterstützt haben, seien hier Holger Berwinkel und Petra Vintrova vom Universitätsarchiv Göttingen genannt und Bärbel Mund von der Handschriftenabteilung der Göttinger Universitätsbibliothek, die mich seit Beginn meiner Studien über Emmy Noether vor nunmehr über 30 Jahren unterstützend begleitet. Mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben mir außerdem Roland Wengenmayr, Renate Tobies, Jörg-Dieter Schwethelm, Norbert Schappacher, David Rowe und Angelika Deese. In großer Dankbarkeit denke ich außerdem zurück an Frau Schulte, die jahrelang als Dekanatssekretärin in der Göttinger Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät wirkte und in dieser Zeit auch schon meinem Vater hilfreich zur Seite stand und die, als ich Ende der 1980er auf der Suche nach Dokumenten zu Emmy Noethers Lebensgeschichte war, das Gemeinsame Prüfungsamt der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultäten leitete (natürlich nicht formal, aber faktisch) und mir, als ich dort vorsprach, leicht grummelnd eine große Kiste vor die Füße schob mit den Worten „Das ist alles, was wir haben. Müssen Sie selber sehen, was Sie davon gebrauchen können.“ Und ich sah, dass ich alles gebrauchen konnte, und da Frau Schulte großzügig darüber hinwegsah, dass ich in der Mittagspause einige Kopien von den wichtigsten Dokumenten machte, war es mir möglich, die bis dato weitgehend unbekannte Habilitationsgeschichte Emmy Noethers in kürzester Zeit im Detail zu rekonstruieren und zu publizieren. Danke, Frau Schulte!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Der Antrag auf Habilitation Emmy Noethers

2. Vorgeschichte

Einladung nach Göttingen

Vortrag vor der Göttinger Mathematischen Gesellschaft

3. Erster Habilitationsversuch 1915

„Der Widerspruch der Minorität beruht lediglich auf der prinzipiellen Abneigung gegen die Zulassung einer Frau“ – Sondervoten gegen die Habilitation Emmy Noethers

Die Gutachten für Emmy Noethers Habilitationsgesuch

„Es hat mir in der letzten Fakultätssitzung durchaus ferngelegen, irgend einen der Herren Kollegen persönlich beleidigen zu wollen“ – Hilbert platzt der Kragen

„Aber meine Herren, eine Universität ist doch keine Badeanstalt!“

Der Kompromiss – Seminare unter Hilberts Namen

4. Zweiter Habilitationsversuch und Entscheidung des Ministers 1917

5. Zulassung zur Dozentenlaufbahn 1919

„Erst die Revolution hat sie geschaffen“ – die ersten Privatdozentinnen in Deutschland

„Beim Empfang der neuen Arbeit von Frl. Noether empfand ich es wieder als grosse Ungerechtigkeit, dass man ihr die venia legendi vorenthält“ – Einsteins Intervention

6. „Der in Ihrer Eingabe vom 12. Dezember 1919 vertretenen Auffassung, daß in der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht kein Hindernis gegen die Habilitierung erblickt werden darf, trete ich bei“ – Edith Steins Vorstoß für eine generelle Regelung der Frauenhabilitationen in Preußen

Die Husserlschülerin Edith Stein

„Gestatten Sie mir nur soviel zu sagen, daß es sich dabei um eine wertvolle Persönlichkeit handelt, die ein gütiges Entgegenkommen verdient“ – Husserl über Edith Stein

Der Erlass vom 21. Februar 1920

„Gänzlich ungeeignet ein ordentliches Lehramt zu vertreten“ – Karrierehemmnisse für Frauen während der Weimarer Republik

Anhang

Anhang 1: Veröffentlichungen Emmy Noethers bis 1919

Anhang 2: Emmy Noethers Habilitationslebenslauf 1919

Anhang 3: Emmy Noethers Lehrveranstaltungen vom Wintersemester 1916/17 bis zum Herbstzwischensemester 1919

Abkürzungsverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnisse

Verzeichnis der Literatur und gedruckten Quellen

Verzeichnis der ungedruckten Quellen

Personenregister

Vorankündigungen