Logo weiterlesen.de
Wir bauen eine Krise

BAUANLEITUNG TEIL I

Wir bauen eine Krise

Vorwort

Wer hätte nicht gern eine Krise? Mächtig ist schon das Wort. Wer es Ausspricht und somit für sich in Anspruch nimmt, macht unmissverständlich klar, dass in seinem Leben etwas von immenser Bedeutung vorgeht. Es macht aus einem normalen Menschen eine Person die Beachtung findet, weil die Sache um die es geht von Außerordentlichkeit geprägt ist. Eine Krise durchbricht die Normalität und ist nicht einfach mit einem Federstrich erledigt. Die Energie, die sie fordert ist mindestens mit einem Halbmarathon zu vergleichen. Sie bringt alle Varianten an Gefühlen hervor.

Vom erhitzten Gemüt über den feuerroten Kopf mit Schweißausbruch bis hin zur blutleeren Variante mit Todesstarre ist alles enthalten.

Wer in einer Krise steckt, der mobilisiert sämtliche Ressourcen. Die eigenen wie die von Sympathisanten und Mitstreitern. Je größer diese Gruppe der Krisenanhänger ist, desto bedrohlicher wird das Szenario. Sollte die Gefolgschaft ebenso der bedrohlichen Situation ohne Lösungsansatz gegenüberstehen, wird das Ganze zu einem gemeinsamen Großprojekt. Jeder kann nun seine eigenen Befürchtungen mit einbringen. Das Ergebnis ist eine Bedrohung, die so gewaltig zu sein scheint, dass sie sich jeglicher Überprüfung entzieht.

Eine Krise zeichnet sich durch hohe Brisanz und Dringlichkeit aus, eine sogenannte Deadline ist im Anmarsch, die immer schneller näher kommt. Die fatalen Folgen rücken immer näher und scheinen unausweichlich. Ein Lösung muss her: Schnell. Am besten Vorgestern. Wenn jedoch alle gängigen Lösungsansätze versagen, folgen Angst, Panik, Todesstarre. Die Krise ist perfekt.

Was ist also eine Krise?

Eine dringende Problem-Situation, in der unsere bekannte Lösungsstrategien nicht zum gewünschten Ergebnis führen.

Was ist der Auslöser?

Ein Wunsch, Ziel oder ganz einfach eine Vorstellung vom Leben. Ob es nun darum geht, etwas zu verhindern, zu beseitigen oder es zu erreichen, spielt für diese Definition vorerst keine Rolle.

Was macht eine Krise so grauenvoll?

Zum einen die Tatsache, dass wir alles versucht haben und unser Ziel trotzdem nicht erreichen. Zum anderen die immer näher kommende Klarheit des definitiven Versagens. Ob menschlich, körperlich, wirtschaftlich oder einfach das Ende an sich.

Für was ist die Krise nützlich?

Ist sie eine Laune der Natur, ein menschliches Fehlverhalten oder sogar eine Anomalie? Steckt dahinter ein größerer Plan?

Ja, eine Krise ist nützlich. Tatsächlich ist sie ein Mittel zum Zweck, nämlich der Veränderung. Um etwas philosophischer zu werden: Veränderung ist die einzige sichere Konstante unserer Realität. Alles ist in Bewegung. Selbst Gebirge wachsen und schrumpfen mit den Jahrtausenden. Ab einem bestimmten Alter kann man dies Selbst im Spiegel beobachten, da ist plötzlich eine Falte da, die gestern noch nicht existierte, oder für Männer ein blanke Stelle wo gestern noch ein Haar war.

Leben heißt Veränderung und den eigenen Standpunkt zu verlassen gelingt über zwei unterschiedliche Möglichkeiten. Die Krise ist eine davon.

Eine Vermeidungsstrategie

Wie häufig hören wir Klagen von anderen, die sich über Ihr Leben beschweren und dennoch nichts ändern? Sie haben Probleme. Aber Probleme zwingen uns noch nicht, uns zu verändern. Wir können sie ertragen und aussitzen. In der Hoffnung, dass sie sich irgendwann von selbst lösen. Erst eine Krise, die Königin aller Problem-Situationen, zwingt uns zur Veränderung.

Wie?

In meinen Seminaren benutze ich dafür folgendes Bild:

Problem-Situationen sind wie ein Becken, das mit Gülle gefüllt ist. Wir stehen mit beiden Füßen mitten in dieser unangenehmen Flüssigkeit. Der Gestank stört uns, doch steigen wir nicht aus. Warum? Weil diese Position zwei Vorteile hat: Die Gülle wärmt und bietet einen festen Stand.

Mit anderen Worten: Problem-Situationen geben uns eine gewisse Form von Sicherheit, denn wir wissen, mit ihnen umzugehen. Wir sind sozusagen gewohnt mit der Unwegsamkeit zu leben.

Eine Krise hingegen drückt uns tiefer in das Becken. So tief, dass der Unangenehme über die Nasenspitze steigt und wir nicht mehr atmen können. Die Situation wird unerträglich und lebensbedrohlich. Erst jetzt bieten wir unsere ganze Kraft auf, um aus dem Becken zu steigen. Wenn es nicht mehr anders geht.

Ich durfte eine interessante Beobachtung machen: ein Großteil der Menschen, die ich fragte, was sie von ihrem Leben erwarten, sagten mir:

„Ich möchte zufrieden sein“ und dies meist mit einem Gesichtsausdruck, der klar zu Verstehen gibt, dass sie dort noch nicht angekommen sind. Ob sie jetzt nur Probleme haben oder schon eine Krise, ist nicht von Belang.

Ist Zufriedenheit wirklich schon das Ende der Fahnenstange? Oder ist sie nicht ein anderer Ausdruck dafür, sich mit seiner Situation abzufinden und das Mögliche auf die realistische Größe zu minimieren? Frage ich nach den Lebensträumen und -vorstellungen (am besten aus der Kindheit), so werden diese mit pseudorealistischen Argumenten in die Tonne getreten oder auf den „St. Nimmerleinstag“ verschoben.

„Ich will Spaß und Freude haben, erfolgreich sein, mit Begeisterung und Leidenschaft leben.“ Warum? Verdiene ich das? Ist ein solches Leben vorstellbar?

Es erscheint uns als eine Utopie, eine romantische, alberne, naive und egoistische Wunschvorstellung. Von Sorgen, Problemen und Krisen des Alltags getrübt, erscheinen uns diese Wünsche als Utopien.

Sollte aber die Verwirklichung unserer Lebensträume- und Vorstellungen nicht der dringendste unserer Wünsche sein? Wollen wir wirklich in unseren Problemen und tägliche Sorgen stecken bleiben? Ihre Wärme und den festen Stand genießen, bis sie zur Krise angewachsen sind? Wie viel Zeit haben wir, wenn es um unser Leben geht? Wann ist der beste Zeitpunkt, unsere Probleme zu lösen? Sie ahnen es: Heute. Denn was morgen ist, wissen wir alle nicht.

Wie kann uns nun die Krise dabei helfen, an diesen Punkt zu kommen?

Ganz einfach: Wir kreieren uns eine Krise, die uns zur Veränderung zwingt. Wir tricksen unser Unterbewusstsein aus, welches permanent den leichtesten Weg sucht. Indem wir tief in unsere Probleme eintauchen, erhöhen wir den Druck, auszusteigen. Wie häufig haben wir schon gehört, dass jemand nach der Krise sein Leben wieder in Hand genommen hat und es jetzt bewusst genießt?

Also auf in die Krise!

Klang das gerade logisch? Sicher. Aber ich fürchte, es ist totaler Schwachsinn.

Immerhin leben viele Menschen nach der Maxime: „Ohne Schweiß kein Preis.“ Das ist natürlich ein Weg, den man zu seinem Glück nehmen kann. Sicher müssen wir auf unserem Weg zum Glück auch schwierige Zeiten durchmachen. Diese Zeiten adeln uns aber nicht, sondern kosten uns Kraft. Nicht unsere Leiden oder Opfer machen uns glücklich, sondern die Situationen, in denen wir unsere Leidenschaften ausleben können. Es gibt einen zweiten Weg sich zu verändern und den eigenen Standpunkt zu verlassen. Den Weg von Klarheit, Leidenschaft und Begeisterung. Diese Möglichkeit soll in diesem Buch nicht verborgen bleiben.

So viel zu meiner Motivation, dieses Buch zu schreiben. Nun noch ein paar Worte zum Inhalt.

Dieses Buch erzählt die Geschichte eines Menschen, der einen Schnellkurs zum Thema Krise erhält. Unfreiwillig.

Ich habe mich gegen den normalen Aufbau eines Sachbuches entschieden, weil sich mein Thema um etwas dreht, was uns täglich begegnet, somit kann ich die nötigen Informationen in einer Geschichte erläutern, die Ihnen die Möglichkeit gibt, sich mit dem Gelesenen zu identifizieren.

Ich möchte die 7 Bausteine einer Krise erklären. Den Marschallplan, todsicher eine Krise zu bekommen. Warum? Weil wir nur das verändern können, was wir verstehen. Also sehen wir uns erst mal an, wie eine Krise entsteht, bevor wir uns von ihr befreien.

Für diejenigen, die keine Zeit haben, weil sie bereits mittendrin stecken oder Geschichten einfach nur langweilig finden, habe ich diese Notizfelder angelegt. Sie bieten eine kurze Zusammenfassung der Geschichte. Die Informationen in diesen Notizfeldern sind kürzer, beinhalten aber nur eine grobe Zusammenfassung.

 

„Vier Tage!“ Eine Flut aus Wut und Angst erfasst mich.

„Jetzt reg dich nicht künstlich auf. Das hast du schon schneller geschafft.“

„Da gab es bereits eine vorhandene Recherche oder schon ein paar Interviews.“

Ich zeige auf die Pappmappe, die mir Markus zugeschoben hat.

„Das da ist ein halbes DIN A 4 Blatt und eine Visitenkarte von dem Seelenmechaniker. Das ist nicht mal ein Konzept, sondern ein Hirnfurz.“

Ich mache eine Kunstpause.

„Gib mir ne Woche.“

Markus faltete die Hände vor seinen Bierbauch. Er schwingt auf seinem Bürosessel hin und her, was bei ihm ein Kopfschütteln ersetzt, seit er einen chronisch eingeklemmten Nackenwirbel hat.

„Keine Chance. Du kannst froh sein, dass Marin krank geworden ist, sonst hätte ich gar nichts für dich.“

„Bei der Vorbereitung hat er sich wahrscheinlich die Kugel gegeben.“

„Jetzt heul hier nicht rum. Du wolltest einen Auftrag. Das ist er. Wenn du das Geld nicht brauchst, finde ich jemanden, der noch verzweifelter ist als du.“

Das Pochen in meinem Hals weitet sich auf meine Schläfen aus. Jetzt heißt es ruhig bleiben, sonst verbringe ich Weihnachten unter Mordanklage.

Markus scheint meine Gedanken zu erraten. „Eigentlich stehen Katrin und Mikka auf der Liste über dir. Ich tu dir hier einen gefallen, Nathan.“

OK. Nachricht angekommen: keine Fristverlängerung.

„Dann gib mir wenigstens nen Praktikanten, der für mich recherchiert.“

„Klar, aber der geht von deinem Gehalt ab.“

„Das geht nicht. Ich brauch die Kohle.“

„Dann wirst du’s allein schaffen müssen. Tut mir leid.“

„Klar doch.“

Ich ziehe die Mappe vom Tisch und gehe. Noch bevor die Tür ins Schloss fällt, wählt mein Handy die Nummer von Zuhause.

„Hallo?“

Ihre Stimme klingt nach Stress und blank liegenden Nerven. Wahrscheinlich machen die Kinder wieder Terror. Verdammte Ferien.

„Ich bin’s. Du kannst die Bestellungen abschicken.“

„Und das Geld?“

„Bekomm ich bald.“

Schweigen am anderen Ende. Ein stummes „Du überzeugst mich nicht“.

„Dafür muss ich die nächsten vier Tage Vollgas geben.“

„Und das klappt?“

„Es muss.“

1. Der Königsweg

Mit reichlich Schwung stellt die Kellnerin die Tasse auf meinen Tisch. Ich glaube sie heißt Gabi. Aus ihrem Gesicht strahlt mir ein stechend roter Lippenstift entgegen, der zum Lack ihrer Fingernägel passt. Nur nicht zu ihrer Miene, die sich nur einmal im Jahr an Weihnachten zu rühren scheint.

Ohne zu fragen, ob ich noch etwas bestellen möchte, dreht sie sich um und geht. Ignorant wie immer.

Mein Stimmungsbarometer sinkt noch tiefer. Wenigstens der Espresso ist genießbar. Doch wegen des Kaffees bin ich nicht hier, sondern weil ich hier am besten nachdenken kann. Direkt vor der Glasfront des Cafés verläuft die Fußgängerzone. Gäste aller Gehaltsstufen treffen sich hier. Ein Großteil meiner besten Ideen kam mir genau hier.

Ich ziehe die Mappe hervor, die Marin so gewissenhaft vorbereitet hat. Die Visitenkarte gehört einem Dr. Karl Späth, Psychotherapeut. Das zweite Blatt sieht aus wie der Anfang eines Konzepts.

Krise

Nichts vermag unser Leben so grundlegend zu verändern wie eine Krise. Krisen markieren die häufigsten Wendepunkte unseres Lebens. Sie stehen für Angst vor Verlust und Versagen, aber auch für die Chance der Entwicklung. Krisen sind die Ausnahmesituationen unseres Daseins. Sie bringen uns an unsere Grenzen.

Das sollte wohl die Einleitung der Reportage werden. Noch während ich den Text lese, höre ich Marins tiefe, ernste Stimme, wie er den Zuhörern einen Crashkurs zum Thema Krise verpasst.

Ich stehe also tatsächlich ganz am Anfang. Die Bibliothek kann ich vergessen, dafür fehlt mir die Zeit, und das Internet meide ich bei Recherchen grundsätzlich. Frisst zu viel Zeit und bringt doch keine fundierten Ergebnisse. Ich krame mein Handy aus meiner Ledertasche und wähle die Nummer des Therapeuten.

„Praxis Dr. Späth, Kammer am Apparat.“

„Guten Tag, hier ist Nathan Voght, Radio Zeitlos. Ich mache eine Reportage zum Thema Krise und würde gerne einen Interviewtermin mit Dr. Späth vereinbaren.“

„Einen Augenblick bitte.“

Ein verzerrtes Klavierstück quält sich durch meinen Kopfhörer.

Weiß der Teufel, wo die Leute diese Aufnahmen her nehmen. Ich vermisse das Schweigen in der Leitung, wie es noch vor zwanzig Jahren üblich war. Da behielt man das Telefon am Ohr ohne Würgereiz zu bekommen.

„Herr Voght?“

Nein hier ist sein Sekretär. Herr Voght verziert gerade die Holzfliesen mit seinem Frühstück. „Ja?“

„Herr Dr. Späth ist gerade in einer Sitzung. Kann er sie später zurückrufen?“

„Natürlich. Auf der Nummer, die sie in ihrem Display sehen, bin ich den ganzen Tag zu erreichen.“

„Vielen Dank. Auf Wiederhören.“

„Ja, Wiederhören.“

Dann muss ich mit was anderem anfangen. Am besten hole ich mir erst mal die Zeitung. Da wimmelt es nur so von Krisen. Vielleicht ist ein Aufhänger für mich dabei.

Ich schlurfe durch das leere Café. Vorbei an einem alten Mann mit grauem Rauschebart, der ein Buch liest. Stammgast, so wie ich. Das Buch sieht nach Akademikerlektüre aus: liebloser Einband mit viel zu langem Titel. Vor ihm steht ein Teller mit Krümeln und eine halbleere Tasse mit Tee. Sind diese Dinger aus Glas nun Teegläser oder Glastassen? Vielleicht beides.

Die Zeitung hängt an einem Haken in der Nähe der Glasfront. Hier sitzt noch ein früher Gast. Eine Frau in gelbem Kostüm, die in die Fußgängerzone hinaussieht und mechanisch in ihrer Tasse rührt. Der Schmuck ist dezent, verrät aber einen gewissen Wohlstand. Wie gesagt: hier treffen alle Schichten aufeinander. Zur Mittagspause werden sicher wieder ein paar Handwerker und Studenten hier aufschlagen. Ein bunter Mix, der die Fantasie anregt.

Wieder an meinem Tisch mache ich mich über die Schlagzeilen her. Ein Luftzug, der die Dezemberkälte in das Café weht, drückt mir die dünnen Seiten entgegen. Ich versuche, dagegen zu halten. Erfolglos. Also presse ich die ganze Zeitung auf den Tisch. Das Geräusch des Papiers knistert durch den Raum. Wer immer die Zeitung als nächster lesen möchte, wird ein Bügeleisen brauchen.

Noch bevor ich zur Tür sehe, drückt sich eine kalte und nasse Nase an meine Hand. Hektor schnüffelt und leckt abwechselnd an ihr. Er sabbert weniger als üblich. Ein schwacher Trost, denn der Dogge folgt nun das Herrchen.

„Platz.“

Andreas setzt sich unaufgefordert an meinen Tisch.

„Platz jetzt.“

Mit seinen dünnen Händen drückt er Hektors widerspenstigen Kopf in Richtung Boden. Es geht doch nichts über einen gut erzogenen Hund.

„Rate mal, mit wem ich mich jetzt gleich treffe?“

Mit deinem Schönheitschirurgen, der dir das Grinsen aus dem Gesicht operieren soll? denke ich.

„Keine Ahnung. Mit wem?“

„Ich hab doch einen Liegeplatz für mein Segelboot gesucht…“

Schnell greife ich nach meiner Tasse. Sie ist leer. Verdammt. Jetzt muss ich ihm zuhören, ohne etwas zu haben, womit ich meine Hände beschäftigen kann.

„Du segelst?“

Sein längliches Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse gespielter Enttäuschung.

„Seit drei Jahren schon.“

Und noch nicht den Admiralscoup gewonnen? Na egal, vielleicht merkt er an meinem erstaunten Gesicht, dass es mich nicht interessiert. Aber schon quält er mich weiter mit seinem selbstgefälligen Gequassel über die Probleme, einen Liegeplatz zu bekommen.

Sein Vortrag wird zweifellos den Schluss haben, dass er es auf seine unvergleichliche Weise geschafft hat, doch einen zu kriegen.

Andreas war schon immer ein Angeber, doch seit seiner Beförderung in die Geschäftsleitung ist er völlig abgehoben. Und jetzt stört mich der Typ auch noch bei der Arbeit.

„Ich hatte mal einen Schulkollegen, zu dem ich erst meine Beziehungen spielen lassen wollte. Die Eltern stinken vor Geld und besitzen drei Bootsstege mit sechzig Liegeplätzen. Doch das war mir zu peinlich. Bin ja kein Bittsteller.“ Warum erzählst du mir es dann. Außerdem hast du so viel Pietätgefühl doch gar nicht.

„Klar.“

„Dann hab ich mir gedacht, ich mach es so wie mein Mitschüler auf der Segelschule. Der hat sich ein Bootseignerschaft mit einem Rentner geteilt, der am liebsten unter der Woche in aller Ruhe auf dem See rumschippert und am Wochenende zuhause bleibt, doch so einen Rentner kann ich mir ja nicht aus dem Hut zaubern. Miete kommt für mich auch nicht in Frage, das machen nur Arme, und bei der Rederei Martin will ich mir kein Schiff kaufen, nur um für drei Jahre einen Liegeplatz zu haben.“

Abgesehen davon könntest du dir das nicht leisten.

Das ist was für Leute, die bereits drei Häuser haben und sich aus Langeweile noch ein Boot anschaffen.

„Dann hab ich von nem Freund erfahren, dass er eine reiche Witwe kennt, die einen schönen Scherenkreuzer im eigenen Hafen liegen hat. Ein Erinnerungsstück an ihren verstorbenen Mann, das bewegt werden muss, und dafür sucht sie noch jemanden.“

Toll, dann ist die Geschichte gleich zu Ende.

„Is ja ein toller Zufall.“

„Du musst nur die richtigen Leute kennen. Aber dieser Deal kommt für mich auch nicht in Frage, immerhin will ich mein eigenes Schiffchen fahren und nicht davon abhängig sein, dass die Frau das Boot behalten will und dass ihr meine Nase passt. Aber du weißt ja, wie gut ich mit Menschen kann…“

Wo ist die Kamera wenn du sie brauchst? Das sollte ich aufnehmen und ans Fernsehen schicken. Deutschland sucht das größte Ego.

„Ich hab doch jeden Donnerstagabend meinen Stammtisch in der Hafenkneipe, nicht dass ich so ein Stammtischbruder bin, doch durch meine angenehme Art, sagt nach 3 Monaten der Hafenmeister zu mir, ich soll doch meine Bewerbung um einen Liegeplatz morgen vorbeibringen, denn es wird entschieden, wer den neuen Platz bekommt, der nächste Woche frei wird. Jeden will man ja auch nicht im Hafen, aber ich sei ja so ein netter Menschen, dass er sich für mich einsetzen würde.“

Andreas schlägt auf den Tisch, wohl aus Begeisterung. Ich zucke zusammen und versuche, zu lächeln.

„Der Hammer, oder?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, steht er auf.

„Und jetzt treffe ich mich gleich mit jemandem, der sein Boot verkaufen will. Cool oder?“

Unvermittelt steht Andreas auf und schlendert zu einem Tisch nahe der Fensterfront. Hektor braucht einen Augenblick, um zu bemerken, dass es weiter geht. Die Dogge trottet hinter seinem Herrchen her und setzt sich mit erwartungsvollem Schwanzwedeln vor seinen Stuhl. Wieder wird sein Kopf zu Boden gedrückt.

Ich streiche die Zeitung so glatt es geht. Da trifft ein dumpfes Geräusch mein Ohr. Bwm!

Ich glaube, das kam von der Eingangstür. Da, schon wieder. Bwm! Die Eingangstür ist aus massivem Holz. Die Beschläge aus Messing. Ein kleines Fenster mit dickem Fensterkreuz ermöglicht einen Blick nach draußen. In diesem Fleck aus Tageslicht erscheint das Gesicht eines Mannes, das mich sofort an die amerikanische Bulldogge aus „Tom und Jerry“ erinnert.

Genauso mies gelaunt und cholerisch starrt er in das Café. Offenbar sieht er nicht, dass die Kellnerin ihm ein Zeichen gibt, er soll den Eingang um die Ecke benutzen. Nach dem Motto „So haben wir das schon immer gemacht“ wuchtet er sein Gewicht ein drittes Mal gegen die Tür. Bwm!

Der gute Mann hat ja eigentlich Recht. Hier geht’s rein, doch seit zwei Monaten ist der Türschließer defekt. Deshalb auch das große Schild an der Tür, dass die Gäste bitte den zweiten Eingang in der Fußgängerzone benutzen sollen. Die Bulldogge scheint jedoch fest entschlossen, das Problem auf ihre eigene Art zu lösen. Die Tür muss irgendwann ja nachgeben. Noch bevor die Kellnerin das Fenster in der Tür öffnen kann, wirft er sich ein viertes Mal dagegen. Bwm!

Dieses Verhalten erinnert mich an eine Geschichte, die ich mal gelesen habe („Who moved my cheese“ von Spencer Johnson). Es geht dabei um Mäuse und Zwerge, die in einem Labor-Labyrinth in den Kammern nach Käse suchen. Beide finden auf ihre eigene Art dieselbe Käsekammer. Die Mäuse der Nase nach und mit Mut, die Zwerge Stück für Stück vortastend. Nur kein Risiko eingehen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wir bauen eine Krise" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen