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Winterträume in Virgin River

 

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Robyn Carr

Winterträume in Virgin River

Roman

Aus dem Amerikanischen von Barbara Minden

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Knapp zehn Stunden, nachdem Rich Timm aus San Diego losgefahren war, kam er in Virgin River an. Diese sensationell kurze Fahrzeit hatte er zustande gebracht, weil er dazu neigte, solche Kleinigkeiten wie Geschwindigkeitsbegrenzungen geflissentlich zu übersehen. Außerdem war er den ganzen Tag mit seiner Zwillingsschwester Becca in einem Ford-Geländewagen eingesperrt gewesen, und nun reichte es ihm.

Als Becca aus dem Fenster auf das Städtchen blickte, murmelte sie: „Ist das dein Ernst?“

„Was?“, fragte Rich.

Das soll der Ort sein, den Denny nie wieder verlassen will? Es wirkt nicht gerade … du weißt schon … idyllisch.“

Rich parkte vor dem einzigen Lokal der Stadt, direkt neben einem Geländewagen, von dem er wusste, dass er einen seiner beiden Marine-Kumpels gehörte, mit denen er sich hier treffen wollte. „Vielleicht ist ihm etwas anderes wichtiger.“ Rich rangierte den Wagen in die Lücke. Bevor er den Zündschlüssel abzog, wandte er sich seiner Schwester zu. „Da ich Denny nicht vorwarnen durfte, dass du mitkommen würdest, versprich mir bitte, dass du keinen Ärger machst.“

„Rich“, sagte sie lachend. „Weshalb sollte ich denn Ärger machen?“

„Och, keine Ahnung“, erwiderte er und verdrehte die Augen. „Vielleicht weil du seine Exfreundin bist? Weil es sich eigentlich um einen Jagdausflug unter Männern handelt und du kein Mann bist und alle auf dich aufpassen müssen?“

„Auf mich muss niemand aufpassen“, erwiderte sie und lächelte dann süßlich. „Ich bin ganz wild darauf, deine anderen Freunde kennenzulernen. Und auf die Jagd – ich bin ganz versessen aufs Jagen.“

Finster schaute er sie an. „Stimmt. Du erwartest ja von mir, dir abzukaufen, dass du eine Ente schießen und sie ausnehmen willst?“

Und wenn ich sie mit meinen Zähnen ausnehmen müsste, um überzeugend zu wirken, dachte sie. „Na klar! Mir gefällt Fliegenfischen zwar ein bisschen besser, aber ich kann’s trotzdem kaum erwarten, es auszuprobieren.“ Sie öffnete die Tür. „Bist du bald fertig?“

Er schnaubte. „Mach keine Probleme. Und geh mir jetzt nicht eine Woche lang auf den Sack!“

„Sei nicht so ein Mistkerl“, gab sie unbeeindruckt zurück.

Becca hatte um drei Uhr morgens mit einem großen Koffer und einem Gewehr unter dem Arm vor Richs Reihenhaus gestanden. Als er, nur mit Boxershorts bekleidet, die Tür öffnete, sagte sie: „Stell dir mal vor! Ich habe diese Woche noch keine Pläne, und deshalb komme ich mit. Ich war noch nie bei einer Entenjagd oder beim Fliegenfischen dabei.“

„Du bist nicht ganz bei Trost, oder?“, fragte er und strich sich durchs vom Schlaf zerwühlte Haar. „Hattest du Mom und Dad nicht erzählt, du würdest Thanksgiving bei Doug feiern?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das klappt nicht, und ich will nicht, dass Mom und Dad ihre Reisepläne ändern, nur damit ich Thanksgiving nicht alleine verbringe.“

„Warum klappt es nicht?“

„Doug ist viel zu beschäftigt – er muss für zwei Tage den ganzen Weg runter zur Ostküste. Komm, das ist doch eine tolle Idee. Ein bisschen kurzfristig, aber es wird bestimmt lustig. Sei kein Spielverderber.“

„Und was ist mit Denny?“, fragte er. „Deinem Ex?“

Sie stemmte eine Hand in die Hüfte. „Glaubst du etwa, dass das Leben für uns alle seitdem nicht weitergegangen ist? Ich bin ihm nicht böse und mir sogar sicher, dass er es genauso sieht. Vielleicht hat er eine Freundin. Das hier ist jedenfalls die perfekte Gelegenheit, dafür zu sorgen, dass zwischen uns alles ganz lässig ist. Ich meine, echt – schon weil ihr Jungs miteinander befreundet seid … Und es ist außerdem schon lange vorbei.“

„Ja, aber es war brutal“, erwiderte Rich und betrachtete sie skeptisch von oben herab.

„Wir waren jung“, erklärte sie achselzuckend.

„Und was hält Doug davon?“, fragte Rich.

„Doug ist nicht der eifersüchtige Typ. Er hat gemeint, ich soll mich gut amüsieren. Außerdem ist Doug nicht dein Problem.“

„Ich weiß“, entgegnete Rich. „Ganz offensichtlich bist eher du mein Problem.“ Er ließ sie ins Haus hinein. „Du weißt hoffentlich, was du tust. Wenn du mir meinen Jagdausflug versaust, wirst du es bereuen.“

Becca hatte sich nicht halb so spontan entschlossen, wie sie vorgegeben hatte. Es waren eine Menge verschiedene Dinge zusammengekommen, und auf einmal hatte sie sich dabei ertappt, diese Geschichte zu planen. Rich hatte schon seit Wochen von dem Jagdausflug mit dem guten alten Denny gesprochen – dem Kerl, von dem sie einmal gedacht hatte, dass sie ihn heiraten würde. Dem Kerl, der vor drei Jahren mit ihr Schluss gemacht hatte. Dem Kerl, den sie immer noch viel zu sehr mochte. Dann hatte man plötzlich die Grundschule, an der sie unterrichtete, wegen unlösbarer finanzieller Probleme geschlossen, und sie war von einem auf den anderen Tag arbeitslos geworden. Und dann bat Doug, der Jurastudent, mit dem sie seit einem Jahr zusammen war, sie, sich einen Verlobungsring auszusuchen.

Sie hatte während der Ferien zu Thanksgiving also nichts weiter vor, als sich nach einem neuen Job umzusehen – trostlose Aussicht – und sich Gedanken darüber zu machen, dass Doug um ihre Hand anhalten würde, obwohl ihr letzter Freund ihr immer noch im Kopf herumspukte.

Sie war verwirrt. Weshalb dachte sie immer noch so viel an Denny? Weshalb träumte sie von ihm? Ging es ihr einfach darum, etwas haben zu wollen, das unerreichbar erschien, anstatt das Glück zu schätzen, das sie direkt vor der Nase hatte? Als Denny, kurz bevor er nach Afghanistan gegangen war, mit ihr Schluss gemacht hatte, war sie am Boden zerstört gewesen. Und als er zwei Jahre später wieder bei ihr aufgetaucht war, um ihr vorzuschlagen, es doch noch einmal miteinander zu versuchen, war sie stinksauer geworden. Sie hatte ihm gesagt, dass es zu spät war und sie kein Interesse mehr hatte. Vor einem Jahr hatte sie Doug Carey, einen attraktiven Jurastudenten im vierten Semester, kennengelernt, und ihre Mutter war extrem erleichtert gewesen! Beverly Timm fand, dass Doug viel besser zu ihrer Tochter passte. Doug hatte alles, was wichtig war. Er war ein guter Typ. Becca genoss es, mit ihm zusammen zu sein. Vor ihm lag eine glanzvolle Zukunft. Er kam aus einer erfolgreichen, wohlsituierten Familie, und er liebte sie. Seine Familie besaß sogar ein eigenes Segelboot! Es war absolut unsinnig, immer noch an Denny zu denken.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte Becca von einem Heiratsantrag unter dem Weihnachtsbaum und einem wundervollen Ring geträumt. Weihnachten war immer ihre Lieblingszeit gewesen – glitzernde Lichter, Weihnachtslieder, ihre Familie. Inzwischen fürchtete sie die Weihnachtszeit. Sie wünschte, sie würde Doug Carey immer noch heiraten wollen, doch solange die Gespenster der Vergangenheit noch in ihrem Kopf herumspukten, konnte sie sich nicht auf ihn einlassen. Es wäre absolut falsch. Und so unfair für sie beide.

Also hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie wollte Rich dazu bringen, sie mit nach Virgin River zu nehmen, dem Ort, den Denny sich als sein neues Zuhause ausgesucht hatte. Sie würde jagen und angeln gehen und probieren, herauszufinden, weshalb es ihr bisher nicht gelungen war, sich ganz von diesem Kerl zu lösen. Sie würde ihn wiedersehen und zu dem Schluss kommen, dass es nur eine Schwärmerei gewesen war – die erste Liebe zweier Kinder – und dass sie ihn in ihren Erinnerungen idealisiert hatte. Danach würde sie zu dem perfekten Mann nach Hause zurückkehren und ihn endlich so wertschätzen, wie er es verdient hatte. Schließlich würden sie glücklich miteinander leben, und Dennys Bild würde verblassen, bis es endlich für immer verschwand.

Sie blickte sich noch einmal um, während sie die Stufen zu dem Lokal im Blockhausstil, wo sich alle trafen, hinaufstieg. „Ist das wirklich sein Ernst?“, fragte sie noch einmal. Das hier war eine plumpe, alte Kleinstadt mit Häuschen, von denen an manchen Stellen die Farbe abblätterte. Es gab nicht einmal Straßenlaternen oder Bürgersteige. Außer einem winzigen Lebensmittelladen und diesem Lokal schienen keine weiteren Geschäfte zu existieren. Was taten diese Leute in ihrer Freizeit? Womit vertrieben sie sich die Zeit? Woran hatten sie Spaß? „Jagen und Fischen“, erinnerte sie sich selbst. „Juhu!“

Ja. Sie war hoffnungsfroh. Der bloße Anblick dieses hinterwäldlerischen Dorfes war vielversprechend – sie überlegte, was mit Denny geschehen und wo und wie alles schiefgelaufen war. Es hatte damit angefangen, dass sie dermaßen unterschiedlich waren. Nun musste sie nur noch einen Weg finden, ihr Leben weiterzuleben, damit sie einen Mann mit Juraexamen und einem eigenen Segelboot heiraten und glücklich werden konnte.

Denny Cutler war auf der Suche nach seinen Wurzeln nach Virgin River gekommen. Und ein Jahr nachdem er in Jacks Bar gestolpert war, war er sich sicher, dass er den Ort entdeckt hatte, wo er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Er hatte Freunde, die für ihn wie eine Familie waren. Außerdem hatte er eine Arbeit gefunden, wie er sie sich nicht einmal in seinen verrücktesten Träumen hätte vorstellen können – er war jetzt Farmer! Geschäftspartner von Jilly Farms, einem Bio-Hof, der schnelles und profitables Wachstum versprach.

Es war Jacks Idee gewesen, dass Denny einige seiner alten Kumpels, vielleicht aus der Zeit bei den Marines, wo er vier Jahre lang gedient hatte, nach Virgin River zu einem zünftigen Männerausflug einladen sollte – Jagen, Fischen, Pokern … Bei Jilly Farms war zum Ende des Herbstes nicht allzu viel los, und man konnte ihn für ein paar Tage entbehren. Er wusste genau, welche Jungs er einladen wollte. Troy, Dirk und Rich waren während seiner Stationierung im Irak wie Brüder für ihn gewesen. Dirk Curtis und Troy waren beides Reservisten und wohnten in der Nähe von Sacramento. Rich Timm, auch bekannt als Big Richie oder manchmal auch nur Big, stammte aus San Diego, wo Denny aufgewachsen war. Dennoch hatten sie sich erst im Corps kennengelernt. Rich war nach zwei Jahren bei den Marines ausgeschieden, hatte das College beendet und arbeitete nun als Ingenieur beim Highway Department in San Diego, wo er Highways und Brücken baute. Die Jungs mochten es, wandern, campen, jagen und angeln zu gehen – alles ein bisschen rustikal und abenteuerlich. Virgin River würde ihnen gefallen.

Es gab nur einen Nachteil bei seiner Freundschaft zu Rich – Rich war Beccas Zwillingsbruder. Jahre zuvor bei einem gemeinsamen Heimaturlaub in San Diego hatte Denny durch ihn seine ehemalige Freundin kennengelernt. Nachdem Denny und Becca miteinander Schluss gemacht hatten, hatte ihn die Freundschaft zu Rich immer wieder schmerzhaft an Becca erinnert.

Rich informierte ihn natürlich nur über Becca, wenn er ihn danach fragte, was er offenbar nicht sein lassen konnte, obwohl er diese Frau genauso endgültig vergessen wollte wie sie ihn.

Als die vier Jungs gemeinsam ihren Jagdausflug geplant hatten, stellte sich heraus, dass das Thanksgiving-Wochenende ihnen allen am besten passte. „Perfekt“, sagte Jack. „Wir haben die Ferienhütten der Riordans am Fluss, und mein Gästehaus steht ebenfalls zur Verfügung – wir haben also jede Menge Platz. Wir können Enten jagen, angeln, und Preacher serviert zu Thanksgiving immer ein großes Essen in der Bar. Am Tag nach Thanksgiving schlagen wir im Wald einen zehn Meter hohen Weihnachtsbaum, um ihn vor dem Lokal aufzustellen. Das ist ein Spektakel, das ihr euch nicht entgehen lassen solltet.“

Und so wurde alles geplant und verabredet. Troy, Dirk und Rich sollten am Sonntag vor Thanksgiving eintreffen und eine Woche später wieder nach Hause fahren.

Denny hatte ein paar harte Jahre durchgemacht, bevor er sich in Virgin River niederließ – seine Mutter war gestorben, er war wieder zum Corps zurückgekehrt und nach Afghanistan geschickt worden, und er hatte Becca verlassen, nachdem sie drei Jahre zusammen gewesen waren. Aber jetzt, mit fünfundzwanzig, schien es endlich auch für ihn einmal wieder richtig gut zu laufen. Das Leben war schön. Er war glücklich.

Troy und Dirk trafen um vier Uhr am Sonntagnachmittag ein. Denny war in der Bar, um sie mit einem Bier zu begrüßen, und sowohl Jack als auch Preacher waren ebenfalls dort. Dirk und Troy sollten in eine von Luke Riordans Ferienhütten ziehen. Deshalb schauten auch Luke und Colin Riordan auf ein schnelles Bier vorbei, damit sie bei der Willkommensfeier dabei waren. Preacher hatte ein herzhaftes Mahl geplant. Und weil es sich um einen Sonntagabend vor der Thanksgiving-Feiertagswoche handelte, hielten sich kaum weitere Gäste in der Bar auf – nur vier Jäger, die am Tisch in einer Ecke beim Kamin saßen und ihr Bier genossen.

Denny und seine Freunde hatten das Lokal praktisch für sich allein.

Und dann ging die Tür auf, und Big Richie kam herein. Er blieb im Türrahmen stehen und trug einen Gesichtsausdruck zur Schau, den Denny nur als schuldbewusst bezeichnen konnte. Gleich hinter Rich betrat sie die Bar.

Becca!

Was, zum Teufel? Denny stand mit offenem Mund neben Jack hinter dem Tresen. Sie reckte das Kinn und lächelte den versammelten Männern zu.

Lahm zuckte Rich die Achseln.

Gott, sie sieht immer noch umwerfend aus, dachte Denny. Eins siebzig, schlank, große blaue Augen. Ihr Haar wurde in großen, losen Locken von einer Spange am Hinterkopf zusammengehalten. Kleine Löckchen umrahmten ihr Gesicht. Ihre Haut war sonnengebräunt. Ein Strandhäschen. Sofort schoss Denny die Erinnerung, wie sie in einem winzigen Bikini aussah, durch den Kopf, obwohl ihre langen Beine und ihr perfekter Po auch in Jeans und Stiefeln super zur Geltung kamen.

Er stand völlig neben sich. Nur seine körperlichen Reaktionen auf sie funktionierten noch einwandfrei. Er war so froh, dass der Tresen ihn teilweise verdeckte.

Lächelnd kam sie hinter ihrem Bruder hervor und schritt zur Theke. Sie beachtete Denny kaum. „Hallo“, sagte sie und gab zuerst Troy die Hand. „Ich bin Becca. Richs Schwester. Ich hoffe, ich störe euch nicht.“

Dirk und Troy wussten von Becca, aber sie hatten sie bisher nicht getroffen. Troy nahm ihre Hand und lächelte. „Nein. Kein bisschen“, antwortete er sanft.

Sie grinste ihn an, da er ihre Hand nicht mehr losließ. „Ich wette, du hast auch einen Namen.“

„Ach … ja … ich glaube, er fällt mir in einer Sekunde wieder ein …“

„Troy“, sagte Denny ungeduldig. „Er heißt Troy.“

„Freut mich, dich kennenzulernen, Troy.“ Dann reichte sie Dirk die Hand.

„Dirk Curtis“, stellte er sich vor. „Freut mich, dich endlich mal kennenzulernen.“

„Becca, was tust du hier?“, wollte Denny wissen.

Sie zuckte die Achseln und neigte den Kopf zur Seite. „Nun, vermutlich entweder Enten jagen oder Fliegen fischen – zwei Dinge, die ich unbedingt mal ausprobieren wollte. Ich muss ein wenig meinen Horizont erweitern. Danke für die Einladung.“

„Ich habe dich nicht eingeladen.“

„Rich hat gemeint, dass es wahrscheinlich in Ordnung ist.“ Sie schaute zwischen Dirk und Troy hin und her. „Ihr Jungs habt doch nichts dagegen, oder?“

„Wir freuen uns“, erwiderte Dirk.

Troy lehnte sich mit dem Ellbogen auf den Tresen und stützte das Kinn auf die Hand. „Verstehe ich es recht, dass du weder jagst noch angelst?“

„Sie surft“, antwortete Denny knapp und blickte finster in die Runde.

„Unter anderem segle ich auch“, ergänzte sie erfreut. „Wenn ihr Jungs mir zeigt, wie man jagt und angelt, bringe ich euch gerne das Surfen bei. Ich kann das sehr viel besser als Rich, obwohl er vielleicht ein klein wenig besser segelt. Verbiegt euch bitte nicht, nur weil ich dabei bin – ich bin bei diesem Ausflug nur einer von euch. Ich verspreche, dass ich euch nicht im Weg stehen werde.“

„Stimmt“, sagte Denny.

„Im Ernst“, beharrte sie und schaute ihn mit zugekniffenen Augen an.

„Es wird dir noch leidtun, dass du das gesagt hast. Spätestens wenn einer dieser Clowns sich entscheidet, in ein Gebüsch zu pinkeln“, sagte er und zog die Augenbrauen hoch.

Colin Riordan brach in schallendes Gelächter aus, was Denny zum ersten Mal daran erinnerte, dass außer ihnen auch noch andere Menschen anwesend waren. Kurz nach Colins Lachanfall spürte er eine große Pranke auf seiner Schulter, und Preacher sagte: „Kannst du mir in der Küche zur Hand gehen, Denny?“

Er bedachte Becca mit einem letzten, müden Blick, bevor er dem großen Koch in die Küche folgte. Einmal dort angekommen, fand er sich Auge in Auge mit einem Mann, der es, wenn es um kämpferisches und einschüchterndes Starren ging, leicht mit ihm aufnehmen konnte. „Zum Henker, Dennis! Bist du von Affen aufgezogen worden?“, wollte Preacher wissen.

„Sie ist meine Ex, okay?“, erwiderte Denny als Erklärungsversuch.

„Das haben wir kapiert“, entgegnete Preacher, die Hände in die Hüften gestemmt, die dunklen Augenbrauen finster über der Nasenwurzel zusammengezogen. „Und wie lautet deine Entschuldigung dafür, dass du dich wie ein Arsch benimmst …?“

„Es war kompliziert“, wandte Denny ein. „Meine Mutter starb, ich habe dichtgemacht, wollte nicht reden und habe Becca ausgeschlossen, als sie mir helfen wollte. Dann bin ich wieder zur Navy zurück und habe sie damit vor vollendete Tatsachen gestellt, worüber sie sehr erbost war. Deshalb habe ich Schluss gemacht, bevor ich zum Einsatz aufgebrochen bin. Sie sollte sich mit anderen Männern treffen können, während ich weg bin.“

Nachdem er mit der Geschichte fertig war, kam Jack in die Küche. Er hatte nur das Ende mitbekommen, brauchte allerdings keine weiteren Einzelheiten. So eine Geschichte hatte er schon einmal gehört. Jetzt lächelte Jack nachdenklich und nickte. „Klingt total logisch“, meinte er.

„Tut es das?“, fragte Denny.

„Natürlich. Du kannst es zwar nicht mal ertragen, wenn du siehst, wie sie einem Mann die Hand schüttelt, gibst sie aber frei, damit sie sich mit anderen Typen treffen kann. Oh, ja. Genial.“

„Es war nicht gerade die klügste Entscheidung meines Lebens“, erwiderte Denny. „Nach meinem zweijährigen Einsatz bin ich auch direkt zu ihr gegangen und habe mich entschuldigt, bevor ich sie fragte, ob wir es vielleicht noch mal miteinander versuchen könnten.“

„Und was hat sie gesagt?“, hakte Jack nach.

„Ich glaube, ihre direkte Reaktion war: ‚Träum weiter.‘ Wir stritten ein bisschen herum, bis sie mir erklärte, dass sie einen anderen habe und sich vermutlich im kommenden Jahr verloben würde. Das war der Augenblick, als ich mich entschloss, hierherzukommen, um noch einmal ganz von vorne anzufangen.“

„Nun, dreh dich lieber nicht um, Denny, doch deine Vergangenheit ist dir gefolgt. Du musst da rausgehen und dich entschuldigen. Noch einmal.“

„Jetzt mach aber mal halblang. Sie hätte nicht einfach hier auftauchen dürfen – mitten in mein … mein, was auch immer es ist. Sie hätte vorher anrufen sollen. Oder Big hätte anrufen sollen!“

„Du scheinst der Einzige zu sein, den ihre Anwesenheit stört“, wies Jack ihn zurecht.

„Rich wirkte auch kein bisschen glücklich. Und die anderen beiden? Sie sind nur dann nicht hinter Mädchen her, wenn sie schlafen. Ich bin mir sicher, dass sie begeistert sind, Becca kennenzulernen.“

„Wenn es dich stört, schlage ich vor, die Dinge etwas im Auge zu behalten“, riet Jack ihm.

Denny warf einen verstohlenen Blick auf Preacher, der nickte.

„Es beginnt schon mal damit, dass du ein Wörtchen mit Becca redest, um herauszufinden, ob du die Sache so weit regeln kannst, dass es dennoch eine schöne Woche für dich wird“, meinte Jack. „Du kannst nicht einfach allen die Laune verderben, nur weil du wegen eines Mädchens nicht mit dir im Reinen bist. Nenn es Waffenstillstand oder so ähnlich. Was auch immer dazu nötig ist.“ Und damit kehrte Jack wieder an den Tresen zurück.

In Wirklichkeit wäre Denny am liebsten durch die Hintertür abgehauen.

Nein, gar nicht wahr, dachte er. Noch lieber wäre er in den Gastraum zurückgekehrt und hätte sich Becca geschnappt, um sie wie verrückt zu küssen. Und um demjenigen, der versucht hätte, sich zwischen sie zu stellen, eine anständige Abreibung zu verpassen.

Aber eine Stimme in seinem Kopf sagte: Träum weiter. Ihre Stimme.

„Das ging doch ganz glatt“, sagte Becca, sobald Denny mit Preacher durch die Flügeltür hinter der Theke in der Küche verschwunden war. Jack stellte Rich schnell ein Bier hin und Becca ein Glas Wein, bevor er Denny und Preacher folgte.

Becca holte tief Luft und erklärte Troy und Dirk: „Falls euch Dennys merkwürdig geschockter Gesichtsausdruck entgangen sein sollte, wir waren mal zusammen.“

„Das wissen sie, Becca“, warf Rich ein. „Wir waren gemeinsam im Irak, erinnerst du dich?“

Troy lehnte immer noch mit dem Ellbogen an der Theke und schaute sie an. „Glaub mir, ich hatte keinen Blick für Denny übrig“, sagte er.

„Ich bin vermutlich der letzte Mensch, den er hier zu sehen erwartet hätte.“

„Nein“, entgegnete Rich gereizt. „Das wäre Luke Skywalker. Du bist nur der vorletzte.“ Er hob sein Bierglas und trank einen großen Schluck daraus.

„Wir sind nicht gerade in Freundschaft auseinandergegangen“, erklärte sie. „Aber das ist schon so lange her, und wir haben beide zu Rich gesagt, dass wir einander nichts nachtragen.“

„Weil man das so sagt, Becca“, warf Rich ungeduldig ein. „Ich habe dir erklärt, dass wir ihn vorher hätten anrufen sollen.“

„Meine Güte, es war halt eine spontane Entscheidung. Rich hat schon seit Wochen von diesem Ausflug geredet. Und ich hatte gerade nichts anderes vor.“ Sie grinste. „Ich dachte, dass der kalte Nebel und der scharfe Schießpulvergeruch die Stimmung ein bisschen auflockern würden, und hielt es für eine nette Abwechslung.“

„Nur damit du es weißt“, erklärte Dirk, „wir haben eine ziemlich strenge Regel, was den Umgang mit der Freundin eines anderen betrifft. Zum Beispiel: Nicht anfassen! Es sei denn, der Kerl gäbe seine ausdrückliche Erlaubnis. Wusstest du das?“

„Wollt ihr mich veräppeln? Seine Erlaubnis?“, fragte sie. „Das grenzt geradezu an ekelhaft.“

Dirk zuckte nur die Achseln. „So ist es unter Freunden.“

„Das ist kein Problem. Er hat mit mir Schluss gemacht. Vor über drei Jahren.“ Eigentlich wusste sie sogar ganz genau, vor wie vielen Tagen.

„Das ist vielleicht so eine Art Erlaubnis“, sagte Troy. „Findest du nicht, Dirk?“

„Lieber Gott“, stieß Rich hervor. „Ich brauche noch ein Bier! Sie ist meine Schwester! Auch wenn sie mir total auf den Sack …“

Luke verschluckte sich. Colin lachte. „Fühlst du dich langsam alt?“, fragte Luke seinen Bruder.

„Älter“, antwortete Colin. „So gerne ich hierbleiben und mir alles bis zum Schluss ansehen würde, glaube ich, es wäre besser, jetzt loszufahren. Weidmannsheil.“ Fröhlich zwinkerte er ihnen zu.

„Ferienhütte Nummer vier, Jungs“, erklärte Luke. „Sie ist unverschlossen. Jack oder Denny erklären euch den Weg.“

„Oh, Sie sind Mr Riordan?“, fragte Becca. Auf sein Nicken hin fuhr sie fort: „Haben Sie zufällig noch eine freie Hütte, die ich mieten könnte? Andernfalls müsste ich bei Rich oder wer weiß wem … wohnen.“ Sie schüttelte den Kopf und erschauderte, als ob sie dieser Gedanke gruselte.

„Na klar“, antwortete Luke. „Versuchen Sie es mal mit der Nummer zwei – auch unverschlossen.“

„Cool.“ Becca strahlte.

„Sehr cool“, pflichtete Dirk ihr bei. „Danke, Mann. Wir sehen uns.“

„Ja, danke“, meinte jetzt auch Troy. „War nett, euch kennenzulernen. Wir sehen uns.“

Und dann kam Denny wieder zurück. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht sehr verändert. Es fing an, sie zu irritieren, dass er nicht wenigstens in der Lage war, so zu tun, als ob er sich freute, sie wiederzusehen. Vielleicht würde es einfacher, als sie gedacht hatte, einen Schlussstrich unter die Sache mit ihm zu ziehen.

Denny ging um den Tresen herum und baute sich vor Becca auf. „Ich muss mal einen Moment mit dir sprechen, Becca. In Ordnung?“

Das machte sie ein bisschen nervös, denn es klang, als ob er sich darauf vorbereitete, ihr mitzuteilen, wann der nächste Bus nach San Diego abfuhr. Sie hoffte, dass man ihr ihre Gefühle nicht anmerkte. Lächelnd neigte sie den Kopf zur Seite, betrachtete seine braunen Augen und sagte: „Klar. Schieß los.“

„Unter vier Augen.“ Er trat einen Schritt zurück. „Komm mit mir nach draußen. Es dauert nur eine Sekunde.“

Er wandte sich von ihr ab, und sie folgte ihm. Es war nicht mal halb sechs, und dennoch war es draußen schon fast komplett dunkel. Die Heizpilze auf der Veranda ließen sich trotz Dunkelheit noch gut erkennen. Sie waren allerdings nicht an. Erwartungsvoll blickte Becca Denny an. Sie zitterte vor Kälte.

„Tut mir leid“, sagte er. „Wenn ich gewusst hätte, dass du mitkommst, wenn ich Zeit gehabt hätte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, wäre ich viel …“

„Netter gewesen?“, unterbrach sie ihn und hob skeptisch die Augenbrauen.

„Becca, das ist ein Jagdausflug!“

„Das ist mir bewusst, Denny. Rich redet seit Wochen von nichts anderem.“

„Und was tust du dann hier?“

Sie holte Luft. „Das war alles sehr spontan. Ich habe gestern Abend gepackt. Als ich heute Morgen um drei bei Rich auftauchte und mitfahren wollte, hat ihn fast der Schlag getroffen. Ich habe ihm gesagt, dass ich dringend einen Tapetenwechsel, eine Pause, brauche. Er hat mich gewarnt, dass das eine schlechte Idee sei, weil bei dem Ausflug nur Männer dabei sind, und ich habe erwidert, dass ich darauf verzichten würde, mich zu betrinken und Zigarren zu rauchen, und dass ich mir eine eigene Hütte mieten würde und …, du weißt schon … Ich wollte einfach nur mal aus der Stadt raus. Es ist noch zu früh zum Skifahren und zu kalt, um ohne Neoprenanzug zu surfen.“

„Und was ist mit der Arbeit?“

„Na ja, man hat mir gekündigt. Die Privatschule, für die ich gearbeitet habe, hat dichtgemacht. Obwohl wir es haben kommen sehen, war es dennoch ein Schock. Ich werde mir eine Stelle als Vertretungslehrerin suchen, bis ich wieder was Festes gefunden habe. Aber im Moment sind Ferien, meine Eltern sind auf Reisen, und ich wollte etwas Lustiges unternehmen, um mich irgendwie davon abzulenken, dass ich wegen des Jobverlusts niedergeschlagen bin.“

Er schaute ihr einen kurzen Moment lang in die Augen, dann zog er ihr langsam die linke Hand aus der Jackentasche. „Ich sehe keinen Ring”, sagte er. „Was ist mit deinem Freund? Er kann unmöglich begeistert sein, dass du einen Jagdausflug mit anderen Männern machst.“

„Er hat mit seinen Vorbereitungen aufs Examen zu tun”, erklärte sie. „Und er fährt über Thanksgiving zu seiner Familie nach Cape Cod.“

„Vorbereitung aufs Examen?“, fragte Denny. „Du heiratest einen Studenten?“

„Einen Jurastudenten“, erklärte sie. „Und wir sind nicht verlobt. Zumindest noch nicht.“

„Doch du wirst dich mit ihm verloben?“

„Vielleicht. Wir haben darüber gesprochen. Wir haben uns Ringe angeschaut und so.“

„Okay.“ Denny zuckte mit den Schultern. „Und er hat nichts dagegen, dass du mit einem Haufen Männer – inklusive deinem Ex – einen Jagdausflug unternimmst?“

„Er vertraut mir“, antwortete sie. Außerdem gab es da noch den kleinen Haken, dass sie ihm nicht alle Einzelheiten erzählt hatte. Nicht, dass es ihr nicht möglich gewesen wäre, aber es hätte sein können, dass sie seine Lässigkeit in Bezug auf diese Veranstaltung doch ein wenig überschätzte. Sie hatte die Information, dass auch ihr Ex dabei sein würde, für sich behalten. Alles in allem war das aber genau Sinn und Zweck dieser Reise. Sie wollte sich in dieser Hinsicht noch vor Weihnachten über etwas klar werden.

Doug hatte sie erzählt, dass sie mit ihrem Bruder wegfahren würde. Doug mochte ihren Bruder.

„Okay, okay“, meinte Denny und rieb sich mit der Hand über den Nacken. „In Ordnung. Hör zu. Falls du unbedingt so einen Blödsinn machen willst …“

„Vorsicht“, warnte sie ihn und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Bist du wirklich hier, um mit uns zur Jagd zu gehen?“

Finster blickte sie ihn an. „Weshalb sollte ich denn sonst hier sein?“

„Hast du denn überhaupt ein Gewehr dabei?“

Sie beugte sich zu ihm. „Ja“, zischte sie.

„Bleib in meiner Nähe. Oder in der von Rich. Wir sorgen dafür, dass dir nichts passiert, und wir wissen auch, was zu tun ist. Mit dem Gewehr, meine ich.“

„Ich weiß auch, was man mit einem Gewehr macht“, erwiderte sie empört. „Ich habe zwar noch nie etwas anderes geschossen als Tontauben, aber ich weiß, wie es geht.“

„Du hast Tontauben geschossen?“, fragte er. Denny war Scharfschütze bei den Marines gewesen und hatte diverse Auszeichnungen für seine Leistungen bekommen.

„Wann denn das?“

Ihr Vater hatte es ihr beigebracht, aber sie sagte. „Mit meinem Freund.“ Weshalb sie log, war ihr selbst nicht ganz klar. Vielleicht damit er sie nicht für eine Versagerin hielt, die immer noch nicht über ihn hinweg war? Auch darüber würde sie nachdenken müssen.

„Großartig. Doch man muss noch viel mehr wissen als das. Wohnst du mit Rich bei Jack?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mr Riordan hat noch eine Ferienhütte. Ich fahre da raus. Ich teile mir kein Zimmer mit Rich – er ist schlampig.“

„Nein“, erklärte Denny. „Du kannst bei mir bleiben. Es ist zwar nur ein kleines Apartment, doch es ist gleich hier im Ort, die Straße runter. Der Vermieter und die Vermieterin werden sich darum kümmern, falls du etwas benötigst. Da bist du gut aufgehoben.“

„Es ist nicht deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich gut aufgehoben bin, Denny. Und wo bleibst du, wenn ich in deiner Wohnung schlafe?“

„Bei deinem schlampigen Bruder.“

2. KAPITEL

Als Becca mit neunzehn Studentin der University of Southern California war, hatte sie angefangen, mit Denny, einem Marine, auszugehen. Er war zu der Zeit mit ihrem Bruder im Camp Pendleton stationiert. Ein paar glückselige Monate lang sahen sich Becca und Denny jedes Wochenende, wenn sie von der USC nach Hause kam. Sie hatte sich sofort in ihn verliebt und blieb im Sommer zu Hause in San Diego. Sobald Denny sich von seiner Militärbasis entfernen durfte, gingen sie zum Surfen an den Strand oder spielten Volleyball, unternahmen Wanderungen in die Berge oder fuhren mit den Rädern an der Küste entlang, um möglichst jeden erdenklichen Augenblick gemeinsam zu verbringen.

Rich und Denny wurden für ein Jahr in den Irak geschickt, und sie schrieb Denny regelmäßig lange und überschwängliche Mails – manchmal sogar mehrere an einem Tag. Ihre liebevollen Carepakete waren stets mit vielen leckeren Sachen gefüllt. Als Denny aus dem Irak zurückkehrte, verließ er die Marines, und danach verbrachten sie ein himmlisches Jahr.

Sobald Becca während dieser Zeit von der Uni nach Hause kam, waren sie unzertrennlich. Sie konnten stundenlang miteinander lachen, sich stundenlang lieben. Sie sprachen sogar darüber, nach Beccas Examen zu heiraten.

Dann entwickelten sich die Dinge völlig verrückt. Dennys Mutter Sue, die seit Jahren gegen ihren Brustkrebs gekämpft hatte, war plötzlich sehr krank geworden. Während ihrer letzten Tage war Denny keine Sekunde von ihrem Krankenbett gewichen. Er war bei ihr, als sie starb, und Becca hatte alles nur Erdenkliche getan, um ihn zu stärken, obwohl es sich schwierig gestaltete, weil sie die meiste Zeit in der Schule war und sich auf die wöchentlichen Besuche und ihre täglichen Telefonate beschränken musste.

Aber Denny machte dicht. Er distanzierte sich und zog sich zurück. Anstatt sich bei ihr anzulehnen und ihren Trost anzunehmen, trat er schließlich wieder ins Corps ein, ohne ihr vorher ein Wort davon zu sagen und obwohl er genau wusste, dass man ihn in den Krieg zurückschicken würde. Und natürlich hatte er gleich darauf den Einsatzbefehl nach Afghanistan erhalten. Vor seiner Abreise sagte er zu ihr: „Die Welt ist hart, Becca. Und ich will nicht, dass du dir Sorgen machen musst. Oder den Kopf zerbrechen, wie du damit fertig werden sollst, falls mir etwas zustößt. Lass uns deshalb lieber eine Pause einlegen, bis ich hocherhobenen Hauptes nach Hause zurückkehre. In einem Jahr oder so können wir dann ja noch mal über alles reden …“

„Bist du bescheuert?“, hatte sie ihn gefragt, während sie die Tränen hinunterschluckte. „Weißt du nicht, wie sehr ich dich liebe?“

„Doch“, antwortete er. „Und deshalb fällt mir das hier gerade auch irgendwie schwer.“

„Aber wir sind seit drei Jahren zusammen. Wir haben sogar darüber gesprochen, zu heiraten!“

„Ja. Aber so weit hätte ich es nicht kommen lassen dürfen”, erwiderte er. „Komm. Lern andere Männer kennen. Amüsier dich. Du hast es verdient.“

Und so verschwand er – kehrte dem Land und ihrer Beziehung den Rücken. Ein paarmal versuchte Becca über Rich, dessen Freundschaft Denny offensichtlich nicht zu belastend erschien, Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber Denny reagierte nicht.

Es war ein schmerzhaftes, einsames Jahr. Nie würde sie die langen Nächte vergessen, in denen sie bis zwei, drei oder vier Uhr morgens aufgeblieben war, um die Nachrichten

über den Krieg aus Afghanistan, das L. A. zeitlich zwölf Stunden voraus war, anzusehen. Sie hatte nicht gewusst, dass ein Mensch allein in der Lage war, so viele Tränen zu vergießen. Sie nahm ab, und unter ihren Augen bildeten sich dunkle Ringe. Sie verlor ihren Humor und wurde von Tag zu Tag lethargischer. Ihre Noten wurden deutlich schlechter, obwohl sie bei der Stange blieb, damit sie das Studium abschließen konnte. Ihre Mutter stand ihr mit ihrer Sorge und ihrer Wut auf Denny zur Seite.

So schmerzhaft ihr diese Wahrheit auch erschien, musste Becca doch anerkennen, dass ihr Leben bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie glaubte, den Mann ihres Lebens verloren zu haben, ziemlich unkompliziert gewesen war. Die Sache mit Denny war eine schreckliche Erfahrung gewesen. Wenn sie in Kontakt geblieben wären und sie sich gelegentlich hätte vergewissern können, dass es ihm gut ging und dass er sie liebte, wäre sie sehr viel besser darüber hinweggekommen.

Bis Denny wieder heil in die USA zurückkehrte, war sie eine frischgebackene Grundschullehrerin und hatte viel über alles nachgedacht. Dennys Handeln war unvernünftig gewesen. Sie hatte erwartet, dass ihre Beziehung eine echte Partnerschaft war, in der in schlimmen Zeiten der eine auf den anderen zählen konnte.

Rich berichtete ihr, dass Denny seine zweijährige Verpflichtung in Camp Lejeune beendet hatte. Dennoch nahm er, obwohl er wieder in den Staaten war, erst einmal keinen Kontakt zu ihr auf. Becca zog daraus ihre Lehren und dachte darüber nach, was ihr in einer Beziehung wichtig war. Sie war sich jedoch keinesfalls sicher, ob es je dazu kommen würde, diese Gedanken mit Denny zu teilen. Doch dann geschah genau das. Denny schied zum zweiten Mal aus dem Militärdienst aus, Rich gab ihm Beccas neue Adresse, und Denny kam, um sie wiederzusehen.

„Okay“, sagte er. „Es war blöd, mich von dir zu trennen. Aber ich war völlig durcheinander wegen Moms Tod. Wenn du mitspielst, würde ich es gerne noch mal probieren.“

„Mitspielen?“, wiederholte sie perplex, außer sich. Er hatte sie fallen lassen und sie zwei schmerzhaft lange Jahre ignoriert, und jetzt wollte er einfach wieder von vorn anfangen? Mitspielen?

„Schau, Becca, ich bin in der Lage, zuzugeben, dass ich völlig fertig war, okay?“

„Das steht außer Frage, Denny“, gab sie zurück. „Ich unterrichte inzwischen an der Schule, weißt du. Zweite Klasse. Siebenjährige. Ich liebe sie – sie sind wertvoll. Eines meiner Kinder hat das Tourette-Syndrom, und manche Tage sind wirklich schlimm für diesen Jungen. Eines meiner kleinen Mädchen erholt sich gerade von einer sechsmonatigen Chemotherapie nach einer Leukämie-Diagnose. Falls wir – du und ich – es wieder miteinander probieren und uns noch einmal ineinander verlieben, heiraten und eine Familie gründen und falls dann eines unserer Kinder krank würde, würdest du dann wieder einfach abhauen? Wäre es dann wieder zu schwierig für dich?“

„Ich gebe zu, ich habe mich geirrt.“

„Würdest du dich wieder irren? Und weggehen, um, was auch immer dir Sorgen bereitet, mit dir alleine auszumachen? Mich verlassen, während du versuchst, wieder zu Verstand zu kommen?“

„Das hoffe ich nicht.“

Sie reckte das Kinn, blinzelte die Tränen weg und sagte: „Ich habe zwei Jahre lang nichts von dir gehört. Inzwischen habe ich einen Freund, der mich nicht verlassen wird, wenn es mal schwierig wird.“

„Wirklich?“, fragte er. „Davon hat Rich gar nichts gesagt …“

„Rich hat ihn noch nicht kennengelernt. Und in einem Jahr werde ich mich vermutlich verloben. Ich nehme an, das bedeutet, dass ich nicht mehr mitspiele. Du müsstest schon mit etwas Fesselnderem um die Ecke kommen, wenn du eine zweite Chance haben willst.“

Sein erschrockener und ungläubiger Gesichtsausdruck verschaffte ihr Genugtuung. Hatte er denn wirklich geglaubt, er könnte es dermaßen vermasseln, und dann mit einer lahmen Entschuldigung wieder in ihr Leben zurückkehren und den erlittenen Schmerz und die Einsamkeit der vergangenen zwei Jahre ungeschehen machen?

Ja, das hatte er offensichtlich. „Gut, ich hab’s echt versaut. Es tut mir leid, Becca. Ich bin ein Idiot, und es tut mir leid.“

Und dann war er gegangen. Hatte sie verlassen. Und San Diego. Rich wusste, dass er in ein kleines Städtchen im Norden Kaliforniens gezogen war, um nach seinem biologischen Vater zu suchen und noch einmal von vorne anzufangen.

Vor lauer Wut und weil sie sich so verletzt fühlte, hatte sie ihm das mit dem neuen Freund vorgemacht. Und auch mit der bevorstehenden Verlobung. Deshalb hatte sie, die, seit sie um Denny trauerte, nicht mehr mit einem Mann ausgegangen war, sich mit einem Typen verabredet, den sie am Strand kennengelernt hatte – Doug Carey von der UCLA Law School. Und sie fand rasch heraus, dass er kein besonders komplizierter Mensch war. Er verfügte über eine ganze Reihe guter Eigenschaften – Hirn, Bildung, Geld, Selbstvertrauen und blendendes Aussehen. Der Gedanke, für immer mit ihm zusammenzuleben, hätte Beccas Laune erheblich bessern müssen. Ihre Mutter Beverly jedenfalls war völlig aus dem Häuschen.

Doch Becca kam es vor, als ob Denny eine Lücke in ihrem Herzen hinterlassen hatte. Sie wusste, dass sie die Chance, Doug zu heiraten, ergreifen sollte. Doch gleichzeitig ängstigte sie dieser Gedanke zu Tode. Sie musste über Denny hinwegkommen, falls sie jemals wieder glücklich sein wollte.

Und nun standen sie da, Denny und Becca, beide fünfundzwanzig, sechs Jahre älter als zu der Zeit, als sie sich kennengelernt hatten. Die letzten Jahre waren wirklich heftig gewesen. Dann hatte Rich plötzlich angefangen, über den bevorstehenden Jagdausflug mit Denny zu reden, und sie hatte sich gefragt: Ist das die Chance, ihn wiederzusehen und herauszufinden, weshalb ich ihn nicht loslassen kann?

Und plötzlich war sie arbeitslos geworden. Doug war mit seinem Abschlussexamen an der UCLA beschäftigt und flog über Thanksgiving nach Hause zu seinen Eltern. Er hatte sie eingeladen, mitzukommen, aber sie hatte ihre Entscheidung schon getroffen – sie wollte lieber mit Rich zur Jagd gehen. Sie hatte ihre Mutter nicht richtig angelogen, aber sie hatte gesagt: „Mache dir keine Sorgen wegen Thanksgiving. Doug hat mich nach Cape Cod eingeladen.“ Deshalb hatten ihre Eltern eine Last-Minute-Reise nach Cabo gebucht, weil ihre Kinder nicht nach Hause kommen würden. Becca war in ein Geschäft für Sport- und Outdoor-Ausrüstungen gegangen, hatte einen großen Koffer gepackt, war im Morgengrauen bei Rich aufgetaucht und hatte darauf bestanden, mit ihm zu kommen. Ein für alle Mal werde ich mich mit dieser Sache auseinandersetzen!

Und nun standen sie und Denny sich gemeinsam auf der Veranda vor Jacks Lokal gegenüber und starrten einander an. Versuchten, dieses merkwürdige Treffen in den Griff zu bekommen.

„Wir werden jetzt wieder reingehen, was trinken, lachen und Preachers Abendessen aufessen müssen“, erklärte ihr Denny. „Wir werden einen Waffenstillstand schließen und die Vergangenheit ruhen lassen. Wie auch immer.“

„Fein“, erwiderte sie. „Ich bin schließlich nicht diejenige, die so tut, als gäbe es ein Problem.“

„Du hast mich kalt erwischt“, warf er ein. „Ich hätte dich nicht so grob behandeln dürfen. Entschuldige. Aber ich hatte mich auf einen Ausflug unter Männern gefreut, und du bist nun definitiv kein Mann.“

Okay. Wenigstens das hatte er registriert. Sie bemerkte ihn ebenfalls – diesen kantigen, unrasierten Kiefer, das strubbelige Haar, das aussah, als müsste es mal wieder ausgedünnt werden, die großen braunen Augen, die breiten Schultern. Die Art, wie ihm die enge Jeans auf den Hüften saß. Und seine langen Beine. All das sorgte dafür, dass ihr warm wurde. Kleine Notiz an mich selbst, erinnere dich an diese Reaktion. Es gibt zwar keinen logischen Grund dafür, aber es passiert immer noch. Ich spüre ihn überall. Verdammt noch mal.

„Ich habe darauf bestanden, und Rich dachte, es wäre in Ordnung, wenn ich keine Probleme mache. Bei Outdoor-Sportarten kann ich mithalten.“

„Du hast ihn unter Druck gesetzt“, sagte Denny.

„Ich bin die Ältere – er kann mir nichts abschlagen. Ich sagte ihm, dass ich dringend einen Tapetenwechsel brauche und dass ich mich prima anpassen würde.“

„Ja. Sicher.“

„Nennst du das einen Waffenstillstand? Zu sticheln und mir das Gefühl zu geben, dass ich in dein Territorium eingedrungen bin? Die anderen Männer schienen nichts dagegen zu haben.“

„Schau, Becca, wir hätten zuerst miteinander sprechen sollen, findest du nicht? Offenbar nehmen wir uns doch noch ein paar Dinge übel.“

Sie steckte die Hände in die Jackentaschen. „Na ja, ich war diejenige, die fallen gelassen wurde, und ich hege keinen Groll.“

„Ich sagte bereits, dass es mir leidtut. Und du hast mich gleich danach fallen lassen. Du musst zugeben, dass ich mich entschuldigt habe.“

Sie grinste schief und schüttelte traurig den Kopf. „Ja, das hast du.“

„Was hätte ich denn noch tun sollen?“

„Ich habe mich gefragt …“, begann sie, „… ob es dir je in den Sinn gekommen ist, dass du vielleicht etwas mehr hättest tun können, als dich bloß zu entschuldigen. Du hättest es zum Beispiel ein zweites Mal probieren können, finde ich. Oder, hey – vielleicht sogar ein drittes. Du hättest mir zum Beispiel Blumen schenken können. Du hättest versuchen können, mir zu beweisen, dass es dir wirklich leidtut und dass du nicht mehr bei Verstand warst. Aber da hast du schon im Zug gesessen, um San Diego den Rücken zu kehren. Mir ist jetzt kalt. Ich gehe an den Kamin zurück. Außerdem werde ich meinen Wein austrinken, ein gutes Essen genießen und mich mit meinen neuen Freunden amüsieren. Wenn du dich schlecht fühlen willst, dann tu das. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein.“ Damit wandte sie sich ab und ging ins Lokal zurück.

Und Denny dachte: Mit ein paar Blumen hätte ich alles ändern können?

Beim Abendessen herrschte eine gelöste Atmosphäre; die Männer schwelgten in Erinnerungen, man witzelte herum. Nur das Thema Denny und Becca wurde strikt gemieden. Lediglich Denny war ein wenig schweigsamer als sonst, aber das schien niemandem aufzufallen. Vielleicht weil Becca hinreißend, lustig und ein bisschen zum Flirten aufgelegt war.

Denny hätte sie am liebsten geschüttelt.

Niemand war erleichterter als er, als es endlich Zeit für alle wurde, sich zu verabschieden und sich in die Quartiere zurückzuziehen. Dieser Ausflug entwickelte sich nicht so, wie er es erwartet hatte.

Troy und Dirk fuhren zu ihrer Hütte am Fluss, und Denny und Rich begleiteten Becca die Straße hinunter zu Dennys Apartment über der Garage der Familie Fitch. „Ich zeige Becca das Zimmer und packe ein paar Sachen zusammen“, erklärte Denny. „Ich kann ihr meine Schlüssel geben und ihr für alle Fälle meinen Wagen dalassen, aber sie wird ihn bestimmt nicht brauchen.“

„Sicher“, sagte Rich. „Ich warte hier. Aber ein bisschen Beeilung bitte, ja? Ich bin seit vier Uhr auf den Beinen …“

„Fünf Minuten“, erwiderte Denny und ging hinein.

Becca war schon halb oben und kämpfte mit ihrem sehr großen Koffer. Denny nahm zwei Treppenstufen auf einmal. „Ich nehme ihn.“

„Nein. Bitte. Ich bestehe darauf, meine eigenen Lasten selbst zu tragen.“

„Komm schon, gib her“, beharrte er und nahm ihr den Koffer aus der Hand.

Dabei wäre er beinahe die Stufen hinuntergepurzelt. Das Ding wog mindestens eine Tonne. „Jesus“, fluchte er. „Was schleppst du denn in diesem Ding mit dir rum?“

„Kleidung. Warme Kleidung. Ein paar Jacken. Stiefel.“

„Und Wackersteine?“

„Ich bin gut damit klargekommen“, sagte sie. „Gib ihn mir wieder.“

„Nein. Jetzt trage ich ihn“, erwiderte er brummend.

Sie ging vor ihm die Treppe hinauf, wich ihm aus und wartete oben auf ihn. „Danke, Denny”, sagte sie. „Sehr aufmerksam.“

Er öffnete die Tür.

„Oh.“ Lachend schüttelte sie den Kopf. „Ich hatte erwartet, dass du sie mir aufschließen würdest.“

„Hier schließt fast niemand ab.“ Er knipste den Lichtschalter gleich neben der Tür an und stellte den Koffer ab.

Langsam ging Denny zur Truhe am Fußende seines Bettes und nahm einen Militärrucksack heraus. Dann ging er ins Bad, um sich sein Rasierzeug zu holen. Und während er dort war, suchte er nach einem sauberen Handtuch für Becca und warf sein gebrauchtes Handtuch in den Wäschesack. Als er aus dem Bad zurückkehrte, stand sie mitten im Zimmer und sah sich alles an.

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