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Winterseele – Kissed by Fear

Eins

Fear kommt.

Der Tag neigt sich dem Ende zu, ich melke die Kühe und warte darauf, meinen alten Freund wiederzutreffen. Gleich wird er da sein, er jagt über die Felder, wie nur ein Wesen seiner Art es kann.

Mit jedem Meter, den er sich nähert, werden die Kühe unruhiger, sie verdrehen die Augen und stampfen mit den Hufen. Ich weiß, es gibt nur einen Grund, warum er die Reise nach Wisconsin unternimmt: Er will mich wieder provozieren. Meine Grenzen austesten. Die Leere in meiner Seele durchdringen. Denn ich bin der einzige Mensch, den er nicht quälen, der einzige Mensch, der ihm ohne zu schaudern ins Gesicht blicken kann. Ich war ihm schon immer ein Rätsel.

»Es ist schon spät, ich muss ins Bett«, rufe ich und bemühe mich, Moras Euter behutsam anzufassen. Unseren anderen Kühen macht das Melken nichts aus, ganz gleich, wie grob ich bin, aber Mora stellt sich immer an. Ich versuche, sie zu beruhigen, und säusle ihr irgendeinen Nonsens ins zuckende Ohr. Nicht aus Mitleid oder Zuneigung, sondern allein aus der Erkenntnis, dass das Tier dann williger ist.

»Selbst für einen Besuch von mir bist du zu müde, Elizabeth?«

Fear lehnt im Türrahmen, gelassen und schön. Er kennt keine Zeit, er hat auf dieser Welt alles und nichts gesehen, er wird weder alt noch weise. Ohne ihn anzuschauen, habe ich sein weißblondes Haar, seinen schwarzen, wallenden Mantel vor Augen und kann seinen durchdringenden, heißkalten Blick spüren.

Ich schaue nicht zu ihm auf, denn nur das will er erreichen. Seine Macht ist immer da, in unendlich vielen Formen, sie fegt über mich hinweg. Plötzlich sehe ich einen Jungen, der sich in einem feuchtkalten Loch verkriecht, eine Frau, die zwischen kahlen Wänden kauert, einen alten Mann, der zurückweicht und sich an sein Gewehr klammert. Aufgerissene Augen, zitternde Lippen, absolute Einsamkeit.

Doch mich berührt das nicht.

Einen Moment lang hört man nur die Milch in den Eimer spritzen. Fear gibt einen tiefen Laut von sich, und kurz darauf bin ich bedeckt mit Spinnen. Mora tänzelt nervös, als sie spürt, dass ein paar von ihnen ihren Hinterlauf hochklettern. Ich merke, wie die Spinnen in Massen über meine Arme, meinen Oberkörper, meine Füße krabbeln. Sie sind klein und schwarz und ihre Beine sehen aus wie ein verfilztes Knäuel aus lebendigen Fäden.

»Dich hat wohl der Ehrgeiz gepackt«, sage ich kühl.

Fear seufzt und wedelt mit seiner blassen Hand. Die Spinnen verschwinden. »Und du hast dich nicht verändert.«

Ich melke weiter. Mit sicheren, festen Griffen. »Nein.«

»Nicht einmal ein kleines bisschen?« Fear tritt näher und ich spüre seine flirrende Energie, als er meine Gefühllosigkeit zu durchbrechen versucht.

Nichts.

Fear seufzt erneut. »Wie schmeckt deine Angst, Elizabeth?«, fragt er leise. »Wie würde es sich anfühlen, wenn sich deine Augen auf meine Berührung hin verdunkeln? Wenn du auf mein Kommando zu zittern beginnst?«

Ich mache weiter und antworte nicht.

Fear ist heute in Gesprächslaune. Er erzählt mir Geschichten, die ich schon oft gehört habe. Von Menschen, die er allein mit seinem Atem um den Verstand gebracht hat. Überall auf der Welt, zu jeder Sekunde des Tages wissen die Menschen, wer Fear ist, und er genießt es. Ich höre ihm aufmerksam zu, aber meine innere Leere wird nur noch größer.

»Warum kannst du als Einziger nicht loslassen?«, frage ich, als er fertig ist und nur noch den Bewegungen meiner Hände zuschaut. Die leergemolkene Mora sieht sich mit ihren großen braunen Augen erwartungsvoll um. Rasch stehe ich auf und schubse den Schemel weg, doch Fear stellt sich mir in den Weg. Ich drehe den Kopf, um seinem Blick zu begegnen, und füge hinzu: »Die anderen haben längst aufgegeben.«

Im Stall ist es absolut still, meine Stimme hat ein leises Echo. Fear muss merken, wie unbeteiligt sie klingt, als Beweis, dass er mich nicht quälen kann. Er rührt sich immer noch nicht, aber als ich einen Schritt mache, lässt er mich vorbei. Ich binde Mora los und führe sie in die Box.

»Von den anderen kommt keiner mehr.«

»Sie haben eben nicht mein Durchhaltevermögen«, meint Fear mit einem Lächeln. Ihm hat anscheinend gefallen, was ich gesagt habe. Vielleicht tröstet ihn, dass er nicht der Einzige ist, der keine Macht über mich hat.

Er lächelt sein spöttisches, verstohlenes Lächeln. »Möchtest du nicht die Wahrheit erfahren?« Dabei klingt er aufrichtig interessiert, obwohl er die Antwort bereits kennt.

Ich nehme den vollen Eimer. Die anderen habe ich schon in der handbetriebenen Milchzentrifuge geschleudert, in Flaschen gegossen und in den Kühler gestellt. Fear wartet auf eine Antwort, und ich gebe sie ihm noch einmal. Wenn er sie nur oft genug hört, dringt es vielleicht irgendwann zu ihm durch. Meine Schulter dreht sich mit der Kurbel der Zentrifuge. »Nein.« Das ist kein Trotz, sondern die Wahrheit. Die nackte, kalte, einfache Wahrheit.

Nachdem ich den dicken Rahm abgeschöpft und die Milch in eine Flasche gegossen habe, gehe ich nach draußen. Fear begleitet mich, die Hände in den Taschen. Es dämmert schon, die Sonne taucht zwischen Wolkenschleiern ab. Die Felder liegen im Dunkeln, die hohen Halme schaukeln sanft.

»Ich beobachte dich manchmal, weißt du«, sagt Fear auf einmal und lenkt meinen Blick auf ihn zurück. Wir stehen vor der Tür zum Wohnhaus. Er öffnet sie für mich und tritt zur Seite. Ich bewege mich extra laut, damit ich meine Mutter nicht erschrecke, stelle die Flasche auf die Anrichte, daneben die Zentrifuge. Die Milch schwappt im Glas. Meine Mutter sieht vom Spülbecken auf.

»Hast du den Stall abgeschlossen?«, fragt sie. Wie immer bemerkt sie Fears Anwesenheit nicht. Nur meinetwegen ist da dieser Schatten in ihrem Blick, meinetwegen klingt sie so nervös. Seit ich denken kann, schaut sie mich so an: Ich mache ihr Angst. Einmal habe ich mitbekommen, wie sie Dad gesagt hat, ich würde mich unnatürlich verhalten. Sie wünschte, ich wäre normal, so wie die anderen Teenager in Edson. Meine Bemühungen sind offenbar zwecklos.

Ich schüttle den Kopf. Mom nimmt die Flasche und die Zentrifuge. Die eine kommt in den Kühlschrank, die andere in die Spüle. Als sie sich abwendet, höre ich ein leises Seufzen. Sie öffnet die Kühlschranktür. »Tim wird wieder wütend, wenn er das merkt. Geh lieber noch mal raus.«

Fear sieht uns beiden zu, still und fasziniert zugleich. Er kennt das alles schon, aber es wird ihm wohl nie langweilig, mich und mein Leben zu analysieren. »Sie will dich nicht im Haus haben«, sagt er. Er will nicht gemein sein, er spricht nur das Offensichtliche aus.

Ich lasse die Fliegentür hinter mir zufallen. »Ich weiß.«

Fear folgt mir hinaus, sein Haar glänzt im schwachen Licht. Dieses Mal blickt er nachdenklich, fast deprimiert geradeaus. Eine Krähe fliegt über uns hinweg. Krah, krah.

»Geh«, sage ich zu Fear, als ich den Stall betrete. »Es wird sich nichts ändern.« Ich prüfe noch einmal, ob der Kühler geschlossen ist. Nachdem ich die Seitentür verriegelt habe, drängle ich mich an Fear vorbei, um durch die Garage nach draußen zu gehen.

Flammen schießen die Wände hoch. Die Hitze wirft mich zurück, ich falle auf die Seite. Ein kurzer, stechender Schmerz, doch schon wird mein Überlebensinstinkt geweckt: Schnell springe ich auf und suche nach einem Fluchtweg. Als ich zurück zum Nebeneingang renne, bricht über mir die Decke zusammen. Gerade noch rechtzeitig hechte ich zur Seite. Alle Ausgänge werden vom Feuer bewacht. Das Stroh lodert zischend auf. Die Kühe brüllen in Panik, meine Haut glüht vor Schmerz und Hitze. Ich gehe alle Möglichkeiten durch, aber Fear hat jeden Ausweg verbarrikadiert.

Die Hitze frisst sich mein Hosenbein hoch, an der Hüfte entlang, die Arme empor. Ich lasse mich fallen und wälze mich auf dem Boden. Es riecht nach verkohltem Fleisch. Mir wird klar, dass ich bei lebendigem Leib verbrenne. Die körperlichen Schmerzen rauben mir den Atem, mir laufen Tränen über die Wangen. Doch wirklich unerträglich sind die Schmerzen nur, weil sie von keinem Gefühlsansturm begleitet werden. Ich sollte außer mir sein. Ich sollte schreien vor blankem Entsetzen.

Doch ich spüre nichts. Ich bin nichts.

»Hör auf, Fear«, sage ich. Meine Wangen sind nass, meine Haut qualmt. Um mich herum knistert die Hölle.

Ich höre ihn erneut seufzen, genau wie meine Mutter vorhin. Im nächsten Augenblick ist das Feuer verschwunden. Alles ist wie zuvor, nichts ist kaputt oder verkohlt. Nur die Kühe werden sich so schnell nicht beruhigen. Um mich herum spüre ich Fears Energie. Ich blicke mich suchend nach ihm um, während die Verbrennungen auf meiner Haut verheilen – es war alles nur eine Illusion. Da steht er, an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Als wäre nichts geschehen.

»Wer hat dir das angetan?«, wundert er sich wohl zum tausendsten Mal. »Und warum? Wer kann eine solche Macht besitzen? Du bist rein menschlich – ich wüsste, wenn da noch etwas anderes wäre. Du bist nicht auserwählt, du hast keine Gabe. Warum …«

»Ich gehe jetzt ins Haus«, unterbreche ich ihn. »Wenn du mitkommen willst, tu das. Aber beruhige bitte zuerst die Kühe. Dad hat mir letztes Mal Hausarrest erteilt, als er die Tiere so verängstigt gesehen hat. Er dachte, es war meine Schuld.«

»Was hast du gegen Hausarrest? Du gehst sowieso nie raus.«

Ich erkläre es ihm nicht, aber die Sache ist eigentlich ganz einfach: Jedem normalen Teenager würde es etwas ausmachen, Hausarrest zu bekommen, deshalb tue ich so, als wäre es bei mir genauso. Ich versuche alles, um normal zu sein. Aber Fear muss das nicht wissen, sonst verbeißt er sich nur noch mehr.

»Ich werde keine Ruhe geben, bis ich deine Angst geschmeckt habe, Elizabeth«, schwört er mir. Dann ist er verschwunden.

Ich starre an die Wand und registriere die Abwesenheit jeder fremden Energie. Keine Gedanken, keine Wesen der anderen Ebene, die meine Normalität stören. Nur ich, das Geräusch meines Atems und das verängstigte Klagen der Kühe.

Langsam schließe ich die Tür.

Zwei

Mir wurde erzählt, dass ich als Kind geschrien habe. Ich habe gebrüllt, wenn etwas nicht nach meiner Nase ging. Meiner Mutter habe ich vergnügt an den Haaren gezogen. Und auch mit meinem Bruder habe ich mich oft gestritten. Wenn ich das jetzt höre, kommt es mir vor wie etwas, das eine andere Person erlebt hat. Das kleine Mädchen auf den Fotos sieht nicht aus wie ich. Die äußere Erscheinung stimmt natürlich. Das wilde blonde Haar, die blauen Augen, die glatte, sonnengebräunte Haut. Doch wenn mir niemand gesagt hätte, dass ich dieses kleine Mädchen bin, wäre ich nicht darauf gekommen. Ich erinnere mich zwar, wie es war, so jung zu sein – doch ich weiß nicht, wie ich zu der wurde, die ich jetzt bin.

Wenn ich mich mit dem Kind auf den Fotos vergleiche, fehlt etwas. Eine Seele. Ein inneres Leuchten. Ihr Lächeln ist unschuldig. Wenn ich zu lächeln versuche, wirkt es schwach und angestrengt. Falsch. Manchmal glaube ich, dieses Lächeln ist das Erkennungszeichen der Caldwells: Meine gesamte Familie lächelt so.

Ich sehe Dinge, die nur wenige Menschen sehen können. Aber für dieses Wissen, diese Wahrheiten, gibt es keine Erklärung. Natürlich weiß ich nicht alles. Ich kann zwar Wesen sehen, die niemand sonst sehen kann, ich kenne die andere Ebene und verstehe die menschliche Natur, aber mir fehlt etwas ganz Entscheidendes.

Ich weiß nicht, wie man fühlt.

Ich weiß nicht, wie befreiend die Trauer, wie selbstvergessen die Freude, wie erleichternd die Wut ist. Und natürlich empfinde ich keine Neugier für diese Gefühle.

Ich kann die selbstverständlichen Reaktionen der Menschen um mich herum nicht teilen. Ich kann nicht weinen, ich sehne mich nach nichts, ich kann nicht vor Angst zusammenzucken, ich kann nicht außer mir sein vor Freude. Nicht im eigentlichen Sinne. Inzwischen kann ich das alles sehr gut vortäuschen. Die einzige Empfindung, zu der ich fähig bin – und sie ist kein Gefühl, sondern etwas Körperliches –, ist diese alles umfassende innere Leere.

Als ich am Morgen nach Fears Besuch durch die Küche laufe, komme ich an den gerahmten Fotos des kleinen Mädchens vorbei, und ich erinnere mich wieder an die Geschichten. Mit meinen Schulbüchern unterm Arm betrachte ich ihr Lächeln. Ihre leuchtenden Augen. Dann wende ich mich ab und sehe beim Rausgehen auf die Uhr. Wieder zu spät.

Ich schließe leise die Tür – Dad sitzt draußen auf dem Mähdrescher, aber Mom schläft noch – und versuche, die Bilder aus dem Kopf zu bekommen.

Es ist ein kalter Morgen. Nebel zieht über den Boden. Unter meinen Sohlen knirscht der Schotter. Weiter hinten sehe ich einen Schatten in den Feldern, die Umrisse eines Menschen. Aber es ist kein Mensch. Der Schatten steht vollkommen unbeweglich da, eingehüllt in Nebel. Und genau das ist er. Nebel. Element. Anders. Mehr.

Ich sehe nicht nur die Gefühle dieser Welt – ich sehe alles.

Doch ich bleibe nicht stehen, um genauer hinzuschauen, dafür habe ich diese Dinge schon zu oft erlebt. Stattdessen werfe ich meine Tasche auf den Beifahrersitz und setze mich ans Steuer.

Der Motor heult auf, als mein Pick-up über den Schotterweg holpert. Den alten Chevy habe ich mir mit Babysitten zusammengespart. Im Innenraum riecht es nach Benzin. Ich kurble das Fenster runter, höre dem friedlichen Brummen des Motors zu und lasse mir die kühle Morgenluft ins Gesicht wehen.

Aber ein paar Minuten später schlagen meine Sinne Alarm und der kurze Moment der Ruhe ist dahin. Mein Blick sucht die Baumreihe neben mir ab. Da ist etwas. Etwas Übernatürliches. Genauso ist es auch, wenn Gefühle oder Elemente in der Nähe sind – die Leere wird größer, verfestigt sich, blockiert jegliche Empfindungen. Aber dieses Wesen kenne ich nicht.

Die Minuten vergehen, ich nähere mich der Stadt. Nichts passiert. Niemand taucht auf.

Als ich auf den Parkplatz der Schule einbiege, zeigt die Uhr 7:59 an, und es gibt immer noch keinen Grund, warum alle meine Nervenenden kribbeln.

Während ich auf die Schultüren zulaufe, ziehe ich mir die Kapuze über den Kopf. Aus den Augenwinkeln scanne ich meine Umgebung. Die Dorseth-Brüder stehen da, bereit zum Aufmischen. Sie sind bekannt fürs Kiffen und Ärgermachen und sie werden ständig vom Unterricht ausgeschlossen. Auch die anderen Cliquen stehen beisammen. Ich gehöre zu keiner von ihnen. Aber auf der Mauer kurz hinter den Dorseths sitzt …

»Maggie«, sage ich und bleibe stehen. Ich bemerke sofort die Adern unter ihrer blassen Haut, das Zittern, die Schatten unter den Augen. Ihre pechschwarze Perücke glänzt schwach im Sonnenlicht. »Was machst du denn hier?«

Sie steckt ihr Buch ein und steht grinsend auf. Ihr Lächeln hat einen gegenteiligen Effekt. Sie hat so viel Make-up aufgelegt, dass ihr Blick matt und traurig wirkt. »Hallo auch«, sagt sie trocken. »Ich sehe schon, du hast mich schrecklich vermisst.«

Wenn ich jetzt widerspreche, ist sie bestimmt verletzt. »Natürlich freue ich mich, dich zu sehen«, sage ich, treffe aber den falschen Tonfall. »Ist lange her«, füge ich hinzu und strenge mich an, aufrichtig zu klingen. Ich gehe auf sie zu und umarme sie. Sie fühlt sich an wie ein Sack Knochen.

Ich mache einen Schritt zurück und mustere ihre Sachen: Maggies Geschmack wird immer krasser. Heute trägt sie eine Netzstrumpfhose mit Minirock plus Taschenkette, die ihr gegen die Hüfte klackert. Ihre Füße stecken in dicken Lederstiefeln, die ihr viel zu groß sind. Samthandschuhe verbergen ihre knochigen, bleichen Hände. Ihr Oberteil ist quasi nicht vorhanden. Aber Maggie ist so flachbusig, dass der tiefe Ausschnitt völlig sinnlos ist.

»Willst du mich nicht fragen?« Maggie macht einen Schritt zurück. Ich antworte nicht, zucke nur leicht mit den Schultern. Das Mädchen, das ich meine Freundin nenne, legt den Arm um mich und lenkt mich zum Schuleingang. Sie mag krank sein, aber sie packt fest zu. »Wie ich aus der Irrenanstalt entkommen bin?«, fährt sie fort. So nennt sie das Krankenhaus.

Wir ziehen die Blicke der anderen auf uns. Ich merke, wie Tyler Bentley, der Super-Footballer, uns anstarrt. Er bemerkt mich kaum, glotzt aber ununterbrochen Maggie an. Was will die hier?, formen seine Lippen. Er versteht es nicht. Keiner von denen hat auch nur eine Ahnung, was wirklich los ist. Sie denken, Maggie sei drogenabhängig, und Maggie lässt sie in dem Glauben. Sie schürt das Gerücht sogar noch. Denn sie möchte nicht, dass jemand die Wahrheit erfährt, sie will nicht bemitleidet werden.

»Du solltest zurück ins Krankenhaus«, sage ich. Eine Freundin muss mitfühlend sein, und Maggie ist vom Krebs schon halb zerfressen. Für sie ist es wahrscheinlich schon eine unglaubliche Anstrengung, das Bett zu verlassen.

»Wann kriege ich es zu sehen?«, übergeht sie meinen Kommentar. Das macht sie immer, sie springt einfach von einem Thema zum anderen. Ihr Lippenpiercing funkelt.

»Was meinst du?«

»Hey, wartet mal!«

Maggie dreht sich um, ihr Gesicht hellt sich auf. Der Junge, der eben gerufen hat, rennt auf uns zu, doch dann rauscht er vorbei und stellt sich zu seinen Freunden. Maggies Gesichtszüge entgleisen. Ich reiche ihr nicht. Sie braucht mehr, das weiß ich. Aber wo Reue, Bedauern, Sehnsucht, Kummer sein sollten – da bin nur ich. Das schwarze Loch, die weiße Leinwand, das leere Zimmer.

Maggie hat sich wieder gefangen, sie hakt sich bei mir unter und wir steuern über die Flure der Edson High in Richtung der Klassenräume. Ich weiche einer Colapfütze aus.

»Ich will dein neues Bild sehen«, verlangt Maggie. »Woran arbeitest du gerade?«

Die Glocke schrillt. »Der Unterricht geht gleich los«, erwidere ich. Sie nickt und versucht erst gar kein Lächeln oder eine Verabschiedung. Ihre Gedanken sind schon ganz woanders.

Als es zum zweiten Mal klingelt – meine letzte Chance, den Klassenraum rechtzeitig zu erreichen –, bleibe ich neben meinem Spind stehen und sehe zu, wie sich Maggie mit wackeligen, unsicheren Schritten entfernt. In nicht mal einer Stunde wird sie zurück ins Krankenhaus müssen. Ich bin zwar in der Lage, die menschliche Natur zu durchschauen, und Maggie ist so dermaßen stur, dass sie immer ihren Willen bekommt – aber trotzdem kann ich nicht verstehen, was sich ihre Eltern dabei gedacht haben, sie heute herkommen zu lassen.

»Elizabeth Caldwell!«, zischt eine Lehrerin im Vorbeigehen. Ich sehe sie kurz an und mache ein beschwichtigendes Handzeichen, aber wir wissen beide, dass ich wieder zu spät kommen werde. Langsam sammle ich meine Sachen zusammen und beobachte, wie Maggie über den Flur wankt. Gleich wird sie um die Ecke biegen und außer Sicht sein. Wahrscheinlich ist es vorerst das letzte Mal, dass ich sie sehe.

Ich stehe immer noch da, als sie stürzt.

Einen Moment zögere ich – ich muss jetzt wirklich in den Unterricht. Das ist keine normale Reaktion, mahnt mich mein Verstand. Also lasse ich alles fallen und renne los. Die Türen und die Plakate an den Wänden rauschen verschwommen vorbei. Als ich bei Maggie ankomme, knie ich mich neben sie hin und fasse sie an der Schulter.

Ihre Haut hat eine noch ungesündere Farbe angenommen, und ihre Lider flattern nicht einmal, als ich sie anspreche. Ich schaue mich um. Da ist niemand – außer einem schlaksigen Jungen, der uns stumm anstarrt. »Ruf den Notarzt!«, rufe ich ihm zu. Er wühlt in seinen Taschen und ich wende mich wieder Maggie zu. Es sieht aus, als würde sie nicht mehr atmen. Ich fühle ihren Puls, nur um sicherzugehen, dass sie noch lebt.

Es dauert fünf Minuten, bis der Krankenwagen da ist, und als die Sanitäter um die Ecke gerannt kommen und uns entdecken, drücken sie Maggie gleich eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht. Sie heben sie auf die Trage und rattern dabei Zahlen und Medizinerausdrücke runter, die ich nicht verstehe. Als sie Maggie mitnehmen, folge ich ihnen. Niemand hält mich auf. Der Flur ist jetzt voller Leute.

»Das ist doch die, die nichts isst, oder?«

»Nee, die kotzt alles aus, dachte ich.«

Die geflüsterten Spekulationen meiner Mitschüler dringen zu mir durch. Ich gehe mit den Sanitätern nach draußen, alle anderen folgen uns. Am Rand des Parkplatzes bleibe ich stehen, während die Männer Maggie eilig zum Krankenwagen tragen.

Kurz darauf sehe ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Maggies Mutter stürzt auf mich zu. »Was ist passiert?«, fragt sie mit hoher, zitternder Stimme. Ihre Hände krallen sich derart in ihre Handtasche, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Ihre Haare sind ein wildes Durcheinander.

»Sie ist zusammengebrochen.« Ich bin nicht die Einzige, die das Schauspiel verfolgt. Die Eingangsstufen sind mittlerweile übersät mit Schülern. In ihren Gesichtern steht die blanke Neugier. Kein Mitleid.

»Ich saß draußen im Auto«, erzählt Maggies Mutter mir mit angespannter Miene. Gefühle stellen sich direkt neben sie: schlechtes Gewissen, Sorge. Ich bemühe mich, den Blick weiter auf Maggies Mom zu richten. »Ich hätte nie zulassen dürfen, dass sie herkommt«, jammert sie jetzt. »Aber sie wollte unbedingt, und da dachte ich …«

Die Sanitäter knallen hinter Maggie die Türen zu.

»Ich muss hinterherfahren«, sagt ihre Mutter unter Tränen. Sie fasst mich kurz am Ellbogen, bevor sie zu ihrem Auto rennt. Die roten und blauen Lichter des Krankenwagens kreisen über den Parkplatz. Ich bleibe stehen, bis der Wagen quietschend auf die Hauptstraße abbiegt. Maggies Mom folgt ihm in ihrem Minivan. Bevor sie außer Sichtweite sind, wende ich mich ab. Schließlich kann ich nichts weiter tun.

Ich bin eine der Ersten, die zurück in den Klassenraum geht.

Drei

Joshua Hayes starrt mich schon wieder an. Ich klicke mit meinem Kugelschreiber und lege ihn auf den Tisch. Unser Geschichtslehrer faselt weiter vom Unabhängigkeitskrieg. »Als die Situation immer bedrohlicher wurde, beschloss Washington …«

»Hey, Freak!« Sophia Richardson stupst mich an, nur ganz kurz, damit Mr Anderson nichts merkt.

Ich sehe von meinem Blatt auf. »Ja?«

Sie zieht die Augenbrauen hoch, legt den Ellbogen auf die Stuhllehne und heuchelt Interesse. »Freitagabend ist ein Footballspiel. Kommst du mit?«

Anders als der Rest meiner Klasse tut Sophia nicht so, als gäbe es mich nicht. Ihre Verbitterung ist so groß, dass sie mich nicht wie alle anderen abgeschrieben hat. Stattdessen stichelt sie pausenlos, befragt mich zu Footballspielen und Partys. Genau wie Fear lauert sie auf eine Reaktion, obwohl sie die Antwort längst kennt: Ich verabrede mich nicht. Zumindest nicht, seitdem Maggie im Krankenhaus liegt und mich nicht mehr dazu drängt.

»Ich glaube nicht«, antworte ich.

Sophias schmallippiges Lächeln strahlt Zufriedenheit aus. Sie spielt mit den Spitzen ihrer geglätteten Haare und meint: »Mit dir will eh niemand was zu tun haben, du bist einfach zu …«

Eine Papierkugel trifft Sophia am Hinterkopf, sie zuckt fluchend zusammen. Kurz taucht sie ab, um das Wurfgeschoss aufzuheben, dann scannt sie den Raum nach dem Missetäter. Er hält den Kopf gesenkt und sieht angestrengt in sein Buch, aber ich glaube, dass Joshua Hayes nicht so unschuldig ist, wie er tut. Sophia ahnt das anscheinend auch und wird bleich. Sie wirkt immer so knallhart, aber sie ist seit Jahren in ihn verliebt, und ihre Gefühle werden nicht erwidert. Als sie mich jetzt wütend ansieht und die Augen verdreht, ist klar, dass sie mir an allem die Schuld gibt.

Jedes Verhalten hat einen Antrieb. Bei Sophia sind es Eifersucht und Kummer. Ich kenne eine Seite von ihr, die sie unbedingt verstecken will. Sie ist müde heute – ständig reibt sie sich die Augen, und das Gähnen kann sie kaum noch unterdrücken. Es kursieren alle möglichen Gerüchte, doch ich weiß es selbst am besten: Sophias kleine Schwester Morgan ist Autistin. Tagsüber wird sie betreut, aber Mrs Richardson arbeitet viel, und deshalb muss oft auch Sophia einspringen und auf ihre Schwester aufpassen.

Früher mal hat Sophia mich als ihre beste Freundin betrachtet. Ich war mehrmals in der Woche bei ihr, und wir haben mit Puppen gespielt oder irgendetwas anderes, das sie sich ausdachte. Sie hat immer versucht, Morgan vor mir zu verstecken, und mich so gut wie möglich von ihrer Schwester ferngehalten. Bis eines Tages die Betreuerin mit Morgan an die frische Luft ging. Da sah ich Sophias Schwester zum ersten Mal, und aus einem unerfindlichen Grund klammerte sich Morgan an mich wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring.

Seit diesem Tag war alles anders. Sobald ich im Haus war, kam Morgan zu mir, und wenn jemand sie von mir wegziehen wollte, schrie sie wie am Spieß. Mir war das alles natürlich egal, aber für Sophia brach eine Welt zusammen. Sie beobachtete uns mit zusammengekniffenen Augen und spitzem Mund. Ihre Gedanken standen ihr ins Gesicht geschrieben, ihr Missfallen spiegelte sich in jeder ihrer Bewegungen. Mrs Richardson rief mich an, wenn Morgan wieder einen ihrer Anfälle hatte, und fragte mich, ob ich auf sie aufpassen könnte – so habe ich das Geld für meinen Pick-up zusammenbekommen.

Irgendwann rief niemand mehr an. Ich wurde nicht mehr eingeladen. Und Sophia verabredete sich mit anderen Mädchen. Sie hatte endgültig genug. Ich glaube, ein Teil von ihr hoffte, ich würde sie beknien und um unsere Freundschaft kämpfen. Aber da ich die Sache wie immer rein logisch betrachtete, war mir klar, dass es zwecklos wäre. Also ging ich einfach meiner Wege.

Mr Anderson hat die Unruhe in der Klasse bemerkt und sein stechender Blick trifft erst Sophia und dann mich. Ich versinke in meinem Stuhl wie ein beschämter Schüler. Sophia funkelt mich noch einmal wütend an, dann lässt sie mich für den Rest der Stunde in Ruhe.

Der Tag vergeht schnell und für ein paar Stunden passiert nichts Außergewöhnliches. Ich sitze allein in der Schulkantine, ich höre mir an, was die Lehrer erzählen, und rede mit niemandem. Erst als ich nach Hause fahre, spüre ich es wieder. Da ist etwas. Ich bleibe mitten auf der Straße stehen und schaue mich um, durchforste meine Erinnerungen, ob ich diese Aura schon einmal gespürt habe. Aber ich kenne dieses Wesen noch nicht. Und trotzdem kommt es mir seltsam bekannt vor. Wie kann das sein? Es versteckt sich nicht vor mir, sondern ruft mich sogar, als hoffe es, dass ich es finde. Ist es ein Gefühl?

Aber zu Hause wartet Dad schon auf mich. Die Kühe melken sich nicht von selbst. Außerdem muss ich im Krankenhaus anrufen und fragen, wie es Maggie geht – so, wie es eine Freundin tun würde. Also lege ich den ersten Gang ein und fahre weiter.

Das Wesen bleibt bei mir, bis ich in die Einfahrt biege, dann verschwindet es und bleibt ein stummes Rätsel.

Doch ich weiß, dass es wiederkommen wird.

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Jeder hat seine Aufgabe. Es gibt Bemitleidenswerte, die ihre Bestimmung nicht kennen, und es gibt die, die nur ein Ziel ausfüllt und antreibt.

Anders als die Menschen haben Fear und die anderen seiner Art keine Regierung, keine Präsidenten oder Könige. Sie werden nur durch ihr Wesen gelenkt, das in jeder Pore, in jeder Ader, in jeder Wimper von ihnen steckt. Jede Daseinsform hat eine Aufgabe, folgt einem Plan. Es gibt ein Wesen für Licht, für Gesang, für Wind, Gras, Leben und Tod. Winter, Frühling, Herbst. Die Elemente und die Jahreszeiten. Sie gehören zu unserer Welt und sind doch getrennt von ihr. Sie existieren auf einer anderen Ebene, an unendlich vielen Orten zugleich, als geisthafte Wesen, die wir Menschen weder hören noch sehen können – es sei denn, etwas stimmt nicht mit einem, so wie mit mir.

Einige dieser Elemente und Gefühle habe ich kennengelernt. Die meisten aber nicht. Wenn ich also da draußen ein Wesen bemerke, so wie jetzt, weiß ich nicht automatisch, mit wem ich es zu tun habe. Es ist dunkel, dichter Nebel liegt über den Feldern. Eine Gestalt schreitet mit ausgestreckten Händen bedächtig durch das Korn.

Ist es Nebel?

Kurz danach ist der Fremde verschwunden. Er hat anscheinend zu Ende gebracht, wofür er gekommen ist. Ich wende den Blick vom Fenster ab und versuche, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Soweit ich verstehe, geht es um Football.

Es ist Freitagabend. Mein Bruder ist wie immer zum Wochenende nach Hause gekommen. Samstag und Sonntag arbeitet er im Supermarkt in der Stadt, am Montag geht er zurück aufs College. Ich schweige – ich glaube, meinen Eltern ist es lieber so – und halte den Kopf gesenkt. Betrachte die Muster in der geblümten Tischdecke und stochere im Essen herum. Mais mit Kartoffeln und Fleisch. Gelb, weiß, rosa.

»Liz, du hast den ganzen Abend noch nichts gesagt«, meint mein Bruder plötzlich, und als ich aufschaue, trifft mich sein freundlicher und aufmunternder Blick. Er hält mich wahrscheinlich für seltsam, so wie alle um mich herum, aber Charles ist trotzdem nett zu mir.

Doch heute Abend stimmt irgendetwas nicht mit ihm. Ich versuche, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Wahrscheinlich hat es mit der Uni zu tun. Er hat mir erzählt, dass er mit dem Stoff nicht klarkommt. Ich merke, wie seine Hand leicht zittert, als er das Glas hebt, wie er nervös zu Dad und zurück auf seinen Teller schaut. Hinter ihm steht Sorge, die Hand auf der Schulter meines Bruders. Das Gefühl beachtet mich nicht.

»Bei mir gibt es nichts zu erzählen«, murmle ich. Obwohl ich die Szene am Tisch beobachtet habe, habe ich keine Absicht, mich einzumischen. Wenn Charles schlechte Neuigkeiten hat, wird Tim – Dad – später jemanden brauchen, an dem er seine Wut auslassen kann. Und da Charles das Lieblingskind ist, wird es nicht ihn treffen. Mein Instinkt rät mir, mich unsichtbar zu machen, bis der unvermeidliche Sturm losbricht.

»Was ist mit deiner Freundin Maggie? Wie geht es ihr?«, hakt Charles nach.

»Gut«, nuschle ich in Richtung Tischplatte. Um Charles von der Fragerei abzuhalten, stopfe ich mir eine Kartoffel in den Mund.

Mein Vater sagt wieder etwas über Football und Charles wendet sich ihm zu. Ich richte den Blick auf Mom. Sie sieht müde aus. An ihrer Schläfe prangt eine neue Wunde. Sie bemüht sich, den Schmerz zu verbergen. Konzentriert streicht sie Butter auf ein Stück Brot, als sei das ihr einziger Lebenszweck.

»Sarah, ich habe nichts mehr zu trinken«, brummt mein Vater, und meine Mutter steht sofort auf. Charles lobt das Fleisch. Es ist nicht zu übersehen, was hier geschieht, aber mein Bruder versucht, das Offensichtliche hartnäckig zu ignorieren. Wir essen in eisigem Schweigen. Die Kartoffel liegt mir als geschmackloser Klumpen auf der Zunge. Tim hat den Kopf gesenkt, Charles’ Knie wippt. Mein Blick wandert wieder hinüber zum Fenster. Nebelschwaden ziehen über die Felder.

Als Mom aus der Küche zurückkommt, sehe ich, wie Groll ihr folgt und ihr die Hand auf die Schulter legt, als sie Dad sein Glas Milch hinstellt und sich wieder setzt. Der Stuhl protestiert mit einem langgezogenen Ächzen. Es wird immer noch nicht gesprochen. Wir tun, als gehörten wir zusammen, und wissen es doch besser.

Als sich unsere Blicke treffen, grüßt mich Groll mit einem Nicken. Er hat eine Glatze – obwohl sie unsterblich sind, haben Gefühle eine menschenähnliche Erscheinung –, und ich fand schon immer, dass er aussieht wie Meister Proper ohne Goldohrring.

»Wie geht’s, Kleine?«, fragt er mich. Er gehört zu den wenigen Gefühlen, die gerne mit mir reden. Aber eigentlich redet er mit jedem. Groll ist eine ziemliche Plaudertasche.

Ich entschuldige mich, schiebe meinen Stuhl zurück und schleiche mit meinem Glas in der Hand in die Küche. Ohne hinzuschauen weiß ich, dass Groll mir folgt.

Wenn ich scheinbar mit mir selbst spreche, kommt das bei meiner Familie gar nicht gut an, also sage ich so leise wie möglich: »Alles beim Alten.« Ich habe keine Lust, lange um den heißen Brei herumzureden. Wenn ich mit den Wesen der anderen Ebene spreche, lasse ich mich schon lange nicht mehr auf ihre geliebten Spielchen ein.

Ich drehe den Wasserhahn auf. Das Wasser strömt über den Glasrand ins Spülbecken. Doch das merke ich erst, als es mir kalt über die Finger rinnt. Schnell drehe ich es ab. Groll sieht mich prüfend an. Ich stelle mich neben ihn in den Türrahmen und betrachte die Menschen, die meine Familie sein sollen. Die Wände im Haus knacken laut in der bedrückenden Stille.

Groll hat meine Mutter zwar losgelassen, aber sein Wesen wirkt in ihr nach. Sie wird es noch stundenlang spüren. Und natürlich wird sie an diesem Abend noch von anderen Wesen berührt werden. Menschen stecken voller Gefühle. Mom verbirgt, was Groll mit ihr macht, so wie sie alles andere auch versteckt. Die einzige Gefühlsregung, die sie gegenüber Dad zeigt, sind ihre zusammengekniffenen Lippen. Aber ich bin die Einzige, der das auffällt.

»Fear sucht nach Antworten«, erzählt mir Groll jetzt. »Ich habe beobachtet, wie er die Zeitungsarchive durchforstet hat. Seit Jahrzehnten hat ihn kein Sterblicher so interessiert.«

»Er wird nichts finden«, antworte ich gelangweilt. Wenigstens muss ich ihm nichts vormachen. »Aber er hat ja offenbar nichts Besseres zu tun.«

Niemand am Esstisch bemerkt, dass ich die Szene betrachte. Charles’ Messer klackert gegen seinen Teller. Meine Eltern besprechen die Ernte.

Groll hat keine Antwort auf meinen Kommentar. Während wir schweigend nebeneinanderstehen, fällt mir auf einmal ein, dass er vielleicht etwas über das Wesen weiß, das ich heute wahrgenommen habe. Ich bin kurz davor, ihn zu fragen, aber irgendetwas hält mich davon ab.

Dad wird gleich auffallen, dass ich zu lange weg bin. Ich nicke Groll zum Abschied zu. Charles erzählt jetzt vom Supermarkt. Leise setze ich mich wieder hin und nehme einen Bissen von meinem nahezu unberührten Teller. Nur, um nicht aufzufallen.

»Ich werde gerufen«, lässt mich Groll wissen. Sein kahler Kopf glänzt im Licht der Deckenleuchte. »Dann noch viel Vergnügen mit diesen jämmerlichen Existenzen.«

Hier am Tisch kann ich nicht antworten, und er verschwindet. Groll ist ein einfach gestricktes Wesen, das seinen Zweck erfüllt. Er ist, was er ist, und viel mehr gibt es über ihn nicht zu wissen. Einmal hat er mir gesagt, dass er nicht begreift, warum ich mich noch unter die Menschen mische, warum ich diese Lüge lebe. Er versteht nicht, dass ich mein wahres Ich verstecke, weil mich die Leere sonst von innen auffrisst. Damit ich nicht zur wandelnden Kreatur werde, ohne Verbindung zur realen Welt und ohne Seele. Mein Leben in Edson ist alles andere als perfekt, aber es ist immerhin ein Leben. Das einzige, zu dem ich fähig bin. Und obwohl mich keine Gefühle mit dieser Familie oder diesem Ort verbinden, halte ich mich doch daran fest. Weil ich es kann.

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Nachdem ich Mom beim Abwasch geholfen habe – oder eher versucht habe zu helfen, während sie mir vorsichtig aus dem Weg geht und jeden Blick in meine Richtung vermeidet –, flüchte ich aus dem Haus und klettere auf den Heuboden der Scheune. Es ist ruhig hier, man hört nur die Kühe unten rumoren. Die Strahlen der untergehenden Sonne dringen durch die Risse in den Wänden. Entlang dieser Wände, auf Strohballen, lehnen meine Bilder. Dad hat mir erlaubt, sie hier zu lagern. Er benutzt den Heuboden nicht, weil das Dach undicht ist. Hier kommen ihm die Bilder nicht in die Quere.

Die Gemälde sind das Echo meiner Träume. Es sind Bilder und Eindrücke, die mir einfach in den Sinn kommen. Ich halte sie auf Leinwand fest, damit ich sie anschauen und so vielleicht etwas über mich herausfinden kann.

Eine Szene taucht immer wieder auf, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in wechselnden Farben. Immer derselbe Ort, immer dasselbe Motiv: Ein hübsches Mädchen, das ich nie zuvor gesehen habe, den Mund wie zum Schrei geöffnet, in ihren Armen liegt kraftlos ein Junge. Die beiden könnten in meinem Alter oder auch ein bisschen älter sein. Die Augen des Jungen sind geschlossen, er sieht friedlich aus. Rundherum stehen dicht an dicht Bäume, und aus der Dunkelheit tritt eine bullige, gesichtslose Gestalt. Es lässt sich nicht erkennen, wer oder was das sein kann, denn alles ist in tiefe Schatten getaucht. Die Gestalt überragt das weinende Mädchen und betrachtet den reglosen Jungen in ihren Armen, aber das Mädchen merkt davon nichts. Und genau da endet der Traum. Es ist das Ende einer Geschichte und der Beginn von etwas Neuem – doch ich weiß nicht, von was.

Natürlich gibt es noch mehr Leinwände. In meinen Träumen tauchen auch andere Dinge auf. Weitere rätselhafte Bilder, die immer wieder aufflackern. Die vagen Umrisse eines Hauses. Das aufgewühlte Wasser des Meeres. Ein Paar faltige, lachende Augen. Die langen Finger einer Frau, ein flatternder gelber Rock, das quirlige Durcheinander von lange vergangenen Partys und Feiern.

Immer wenn ich mir diese Bilder anschaue, zieht sich etwas in mir zusammen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, als sollte ich eigentlich etwas empfinden, aber meine innere Leere blockiert alles, wie eine undurchdringliche Mauer.

Ich sehe mir noch einmal den Jungen und das Mädchen an. Sie sind der Schlüssel zu allem. Auf dem Bild sitzt sie weinend da, Tränen strömen ihr über die Wangen. Sie trägt Jeans und ein langes T-Shirt. Mitten im Wald, umgeben von Baumstämmen, kauert sie auf dem moosbedeckten Boden. Ihr Blick ist zum Himmel gerichtet – die Sonne geht gerade unter, so wie jetzt bei mir, und der Horizont ist rotviolett gefärbt. Der zum Schrei aufgerissene Mund lässt die Zähne des Mädchens im Dämmerlicht leuchten. In ihrem Gesicht steht ein Schmerz, der meine Vorstellungskraft übersteigt. Der Junge, um den sie die Arme geschlungen hat, liegt bewegungslos auf dem Boden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die beiden von Blut umgeben sind.

Natürlich können diese Bilder nichts erklären. Sie wirbeln nur noch mehr Fragen auf, deren Antworten ich nicht kenne. Wer sind diese Menschen? Wer wohnt in dem Haus? Ist das alles real? Warum träume ich davon? Mein Verstand rät mir, es lieber zu vergessen, aber mein Instinkt drängt mich, dem Geheimnis nachzugehen.

In meinem Kopf stecken noch mehr Bilder. Doch die Leere lässt mich nicht an sie heran, sie ist wie ein festes Schloss an einer Tür, die ich zu öffnen versuche. Immer und immer wieder sehe ich die Schatten, die Bäume, den aufgerissenen Mund des Mädchens, seinen stummen Schrei.

Du wirst alles vergessen.

Der Satz ist plötzlich klar in meinem Kopf. Ich setze mich auf einen Heuballen vor dem Scheunenfenster. Diese Erinnerung ist neu. Die Stimme ist mir unbekannt, aber etwas sagt mir, dass ich sie kennen sollte. Ich greife nach diesem Satz, halte ihn fest, sage ihn mir immer wieder vor und versuche, ihn einzuordnen. Das ist vielleicht der Beweis, dass irgendetwas mit mir passiert ist. Jemand hat mir etwas angetan, hat mich zu dem gemacht, was ich bin.

Du wirst alles vergessen.

Nein, nicht alles, denke ich. Die Mauer bröckelt, so viel ist klar. Wo sollten sonst diese Träume herkommen?

Wie immer wäge ich alles genau ab. Ich sehe Dinge, die nur wenige Menschen sehen können. Diese Träume, diese Leere …

»Elizabeth.«

Ich drehe mich zu der vertrauten Stimme um. Fear steht in einer dunklen Ecke. Er beobachtet mich, die Mundwinkel zu einem Grinsen verzogen.

Blinzelnd schaue ich zu ihm hoch. Ich habe sein Kommen nicht bemerkt. »Normalerweise besuchst du mich nicht so oft«, sage ich nach einer Weile. »Du hast etwas herausgefunden.«

Ein Windstoß weht durch das geöffnete Fenster und fährt wie eine unsichtbare Hand durch Fears weißblonde Haare. Er nimmt keine Notiz davon, sondern sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ich glaube eher, hier ist etwas passiert. Als ich hereinkam, wirkte es, als wärst du auf einem anderen Planeten. Was war da los, hm? Hast du etwas entdeckt in deinem hübschen kleinen Kopf?«

Er hat meine Bilder noch nie gesehen, und obwohl ich nicht zu ihnen hinüberschaue, wendet Fear den Blick von mir ab und mustert die Leinwände. Mit hochgezogenen Augenbrauen schreitet er neugierig vor den Bildern auf und ab, speichert jedes Detail als Schlüssel zu meinem Geheimnis. »Von diesem … Hobby hast du mir nie erzählt.« Vor einem Bild bleibt er stehen, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Er legt den Kopf schräg und das seidige Haar streift sein Kinn. »Du malst zu schlampig. Man kann beim besten Willen nicht erkennen, wer dieses Mädchen ist. Ich kann nur ihre Zähne und die dunklen Haare sehen.« Er hebt die Hand und fährt dem Mädchen auf dem Bild über die Wange. Im selben Moment streichen Phantomfinger über meine Haut.

»Lass das«, sage ich.

»Sonst was?« Er fährt herum und funkelt mich an. »Dir macht es doch sowieso nichts.« Als ich nicht antworte, spricht er sanfter weiter. »Erzähl es mir.«

Ich schüttle den Kopf. »Das geht dich nichts an.«

Er tritt näher. Ich merke, wie die Luft um uns abkühlt und seine Aura mich umfängt. Als ich wieder einmal keine Reaktion zeige, seufzt er. Ich sehe im Sitzen zu ihm auf.

»Das hat nichts mit Langeweile oder Neugier zu tun«, erklärt er mit glitzernden Augen. »Ich habe Mitleid mit dir, Elizabeth. Ich will dir helfen.«

Ich stehe auf und komme ihm dabei so nah, dass sich unsere Oberkörper beinahe berühren. Die Mauer, die Leere in mir beginnt zu beben. Es ist eine seltsame, fremde Empfindung. Ich lege den Kopf nach hinten, um seinem ernsten Blick zu begegnen.

»Du hast kein Mitleid«, sage ich kalt. »Du möchtest mir nicht helfen. Du willst nur dir selbst helfen.«

Er verzieht sein hübsches Gesicht. Ballt die Fäuste, kontrolliert sich dann aber und zwingt sich, die Hände wieder zu öffnen. Kurz darauf ist sein verschmitztes Grinsen zurück. Doch hinter der Fassade lauert noch immer seine wahre Absicht. »Du erstaunst mich, eisige Elizabeth.«

Ich schaue von ihm zu den Bildern. Schatten fallen auf die Leinwände, als die Dunkelheit sich anschleicht. »Was du auch gefunden hast, Fear, es kann nichts bedeuten. Wenn mir jemand das angetan hat, hat er auch dafür gesorgt, alle Spuren zu beseitigen.«

»Ah.« Er hebt einen Finger. »Das stimmt nicht ganz. Ich habe das hier gefunden.« Er greift in seinen schwarzen Mantel und holt eine vergilbte Zeitung hervor, deren Inhalt er aber vor mir versteckt.

»Was ist das?«, frage ich, obwohl er natürlich genau diese Reaktion provozieren will.

Fear faltet die Zeitung auf, und, um mich zu ärgern, tut er so, als würde er sie lesen. Doch ich spiele nicht mit, greife nicht danach. Er seufzt, gibt nach und hält sie mir hin. »Na schön. Wenn du es unbedingt willst.«

Ich halte die Zeitung mit beiden Händen und entdecke auf dem Titelblatt ein Foto von mir. Darauf bin ich vielleicht drei oder vier Jahre alt – es ist eins der Bilder, die Mom gerahmt im Wohnzimmer hängen hat. Es zeigt das Mädchen, in dem ich mich nicht erkenne: Ihr Gesicht strahlt, ihre Augen leuchten. Mädchen überlebt Autounfall, lautet die Überschrift. Aber als ich mir den Text ansehe – ich komme gerade einmal bis zum zweiten Satz –, verschwindet auf einmal der gesamte Artikel. Die Buchstaben, das Bild – alles verblasst, bis ich nur noch ein leeres Blatt vor mir habe.

»Was ist?« Fear zieht die Stirn in Falten, als ich ihm die Zeitung zurückgebe. Er mustert nachdenklich die leere Seite. »Die Hinweise verdichten sich«, murmelt er. »Nun wissen wir zumindest, dass hier jemand die Fäden zieht. Es könnte tatsächlich irgendeine Macht im Spiel sein, die deinen Zustand herbeigeführt hat.«

»Und wie sollen wir das herausfinden?«, frage ich, während ich mich wieder setze und aus dem Fenster schaue. Das Stroh sticht mir von unten in die Schenkel. »Ich glaube, was da passiert ist, ist geschehen, damit ich etwas vergesse. Mir wurden schließlich nicht nur die Gefühle genommen, sondern auch die Erinnerungen.« Das stimmt natürlich nur, wenn meine Träume wirklich Erlebnisse aus meiner Vergangenheit sind. Aber vielleicht sind es ja auch die Erinnerungen einer anderen Person? Doch wieso weiß ich nicht, wann oder wie das alles mit mir passiert ist?

Ich sehe zu Fear auf, dessen Blick noch intensiver ist als zuvor. »Vielleicht wurde dir das angetan, um etwas geheim zu halten. Vielleicht hast du etwas gesehen, das du nicht sehen solltest …«

Die Sonne ist inzwischen hinter dem Horizont verschwunden und die blassen Umrisse des Mondes zeichnen sich vor dem blauen Nachthimmel ab.

»Vielleicht«, sage ich.

Bevor ich ihn fragen kann, was sonst noch in dem Zeitungsbericht stand, steckt Fear das Blatt zurück in seinen Mantel und beugt sich zu mir herab. »Es fällt mir schwer, mich von dir loszureißen«, flüstert er. »Aber ich war schon viel zu lange hier. Bis bald, Elizabeth.« Seine Lippen berühren mein Ohr, sein eisiger Atem weht mir ins Gesicht. Er riecht eindeutig nach Erdbeeren.

Fear verschwindet, und eine Sekunde später springt ein Mann aus einer Ecke des Dachbodens, in der Hand ein langes Messer, das er mir in den Bauch rammen will. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, sein Gesicht ist hinter einer Skimaske versteckt. Als ich ihn nur anstarre und keinen Laut von mir gebe, löst sich der Angreifer genau in dem Moment in Luft auf, als er zusticht.

»Fear?«, rufe ich.

»War nur ein Test«, lacht er. Seine Stimme kommt bereits aus dem Nachthimmel.

Vier

»Du warst das.«

Jemand flüstert mir ins Ohr. Die Worte sind ein Zischen, ergeben keinen Sinn für meinen halb betäubten Verstand. Aber der Eindruck, dass mich jemand beobachtet, lässt mich mit einem Schlag wach werden. Fear? Meine Augen öffnen sich, müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Aus der Schwärze erscheinen langsam bekannte Umrisse. Kommode, Spiegel, Stuhl. Ich bin allein, um mich nur meine Möbel und die Nacht. Doch Reste irgendeiner Macht flimmern in der Luft. Langsam setze ich mich auf. Draußen regnet es, die Tropfen klopfen leise gegen die Fensterscheibe und werfen zitternde Schatten ins Zimmer.

Irgendetwas stimmt hier nicht.

»Du warst das.«

Ich fahre herum. Die Stimme kommt von links. Sie klingt jung, weich. Ich erkenne menschliche Umrisse, jemand steht in der Ecke. Eine schlanke Gestalt, die vorher nicht da war. Kein Gefühl, sagen mir meine Sinne. Etwas anderes. »Wer bist du?«, frage ich. Donner grollt.

Der seltsame Besucher rührt sich nicht. Sagt kein Wort. Eine gefühlte Ewigkeit verharren wir schweigend. Mir liegen so viele Fragen auf der Zunge. Das Gewitter wird stärker, ein Blitz erhellt den Raum. Jetzt kann ich sein Gesicht erkennen.

Das kann nicht sein.

Das kann nicht stimmen.

Er sieht mich weiter an, mit vorwurfsvollem Blick, aus diesen mir so vertrauten Augen. Dafür gibt es keine Erklärung. Denn er ist es. Der Junge aus meinen Bildern. Der Junge, der sich nie bewegt, nie verändert, der nie spricht. Der Junge, über dessen Tod das schöne Mädchen so erbärmlich weint.

»Du bist tot«, sage ich und klammere mich an der Bettdecke fest. Das kann nicht sein, beharrt mein Verstand. Das ist eins von Fears Spielchen. Eine Illusion. Die Leere in mir regt sich. Ich stelle mir vor, wie sich in einer Mauer ein Stein lockert, der Mörtel herunterregnet.

Der Junge nimmt nichts davon wahr. Der Raum ist wieder in Dunkelheit gehüllt. Einen Augenblick frage ich mich, ob er verschwunden ist, in die verborgenen Winkel meines Bewusstseins abgetaucht, als seine Stimme wieder an mein Ohr dringt: »Du hast mich getötet«, flüstert er.

Ein zweiter Blitz erhellt das Zimmer, und ich sehe, wie sich eine Blutspur vom Haaransatz über sein ganzes Gesicht zieht.

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Ich reiße die Augen auf und fahre hoch, schaue in die Zimmerecke, in der niemand steht.

Ich wusste es. Es war nur ein Traum.

Kein Flüstern, kein Blut, nur das Hier und Jetzt dieser Welt.

Seltsam.

Der Regen draußen trommelt sanft gegen die Fensterscheibe, nicht mehr so unheilvoll wie eben. Ich schiebe die Decken weg. Es ist heiß, viel zu heiß. Ich lege mich wieder hin und sehne den Schlaf herbei.

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Ich kenne Joshua Hayes, seit wir klein waren. Wir sind schon zusammen in den Kindergarten gegangen, und obwohl wir nie wirklich befreundet waren, haben wir uns immer im Auge behalten. Einmal in der fünften Klasse, als mehrere Jungs mich umzingelten und mich kniffen und schubsten, hat mich Joshua verteidigt und musste zur Strafe nachsitzen. Er hatte hinterher mehr blaue Flecken als ich.

Erst auf der Highschool haben sich seine Gefühle für mich verändert. Er beobachtet mich, als würde er mehr sehen, als da ist. Offensichtlich verwechselt er mein Schweigen mit Nachdenklichkeit und interpretiert meine Einsamkeit als bewussten Wunsch, mich abzugrenzen. Er hat zwar recht, dass ich anders bin als die anderen, aber er irrt sich, was den Grund betrifft. Ich bin nichts Besonderes und auch keine Einzelgängerin. Doch ich lasse ihn in dem Glauben, solange er sich von mir fernhält.

Trotzdem würde er mich gern ansprechen – ich merke, dass seine Sehnsucht stärker wird, und in der Schule wird er jetzt immer häufiger von Gefühlen besucht. Ich schaue zu und warte ab, doch ich weiß, dass ich das Feuer irgendwann löschen muss.

»Für unser kommendes Projekt möchte ich, dass ihr in Paaren arbeitet«, verkündet Mrs Farmer am Montagmorgen zum Ende der Stunde. Sie streicht sich müde das Haar aus dem Gesicht.

»Worum geht es bei dem Projekt?«, fragt Susie Yank, das zierliche Mädchen, das alle zur nerdigen Besserwisserin abgestempelt haben. Dabei ist sie eigentlich nur einsam und rettet sich ins Lernen, weil sie niemanden hat. Neben ihr steht Sehnsucht, die Hand auf Susies Schulter, während diese zu Sophia hinüberschaut und sich wahrscheinlich vorstellt, wie es wäre, sie als Freundin zu haben. Sehnsucht ist wunderschön, mit langem glattem Haar und leicht schräg gestellten exotischen Augen.

Mrs Farmer seufzt. »Das wollte ich gerade erklären. Eure Aufgabe ist es, zusammen mit einem Partner eine Mappe mit eigenen Texten zusammenzustellen. Wir konzentrieren uns ab jetzt eine Weile aufs Kreative Schreiben und lassen die Klassiker ruhen. Ich setze dabei auf Partnerarbeit, weil ich weiß, dass manche von euch Schwierigkeiten mit dem Schreiben haben. So könnt ihr euch gegenseitig helfen und Ideen austauschen.«

»Und die Mappe …«

»In die Mappe« – Mrs Farmer wirft Susie einen genervten Blick zu – »kommen zwei Gedichte und eine Kurzgeschichte, dazu zwei Leser-Rezensionen eurer Mitschüler. Auf dem Handout könnt ihr nachlesen, was in diesen Rückmeldungen stehen soll, außerdem gibt es einen Leitfaden zu den Gedichten und der Kurzgeschichte.«

Während sie die Blätter austeilt, spüre ich Joshuas Blicke. Sehnsucht hat sich verdoppelt und steht jetzt auch neben ihm. Sie ist heute anscheinend ziemlich aufgedreht: Statt Joshua an der Schulter zu fassen, beugt sie sich herab und drückt ihm einen langen Kuss auf die Lippen. Joshua sieht sie natürlich nicht, aber Menschen haben genau wie alle Lebewesen dieser Erde Instinkte, und er wendet sich stirnrunzelnd von mir ab und fährt sich über den Mund. Er wird diese Berührung als Einbildung abtun.

Sehnsucht zwinkert mir zu. »Armer Kerl«, bemitleidet sie Joshua und sieht mich an. »Du quälst ihn. Warum gibst du ihm keine Chance? Er ist doch so süß.«

Ich antworte nicht. Sehnsucht streicht Joshua über die Wange, grinst mich noch einmal an und verschwindet. Sie hat auch Susie alleingelassen, aber ihre Aura hängt noch in der Luft. Im Moment ist kein anderes Gefühl im Raum.

»Hier, Zombie.« Sophia hält mir das Handout hin. Sie wedelt damit vor meiner Nase herum. »Hallo, jemand zu Hause?« Ich will das Blatt nehmen, doch Sophia zieht es weg. In ihrem Gesicht steht Ablehnung. »Du bist so ein Freak«, ätzt sie. »Was ist eigentlich los mit dir? Hä?«

»Nichts, was ich sage, wird dir als Antwort genügen«, erwidere ich und werfe einen Blick zu Mrs Farmer, die jetzt auf die Uhr schaut. Ihre Brille hängt ihr schief auf der Nase. Ich wende mich wieder Sophia zu. »Kann ich jetzt bitte das Blatt haben?« Natürlich nützt das nichts, aber ich versuche es trotzdem – einfach, weil es normal wäre, so zu reagieren.

Sophia wedelt wieder mit dem Handout vor meinem Gesicht herum. »Na, was machst du jetzt?«, zischt sie. »Nimm es mir doch ab, Elizabeth. Hol es dir doch.« Sie hält mir das Blatt hin, nur um es sofort wieder wegzuziehen, wenn ich danach greife. Ich rühre mich nicht und denke nach. Mrs Farmer hat noch nichts bemerkt, und wenn ich jetzt Ärger mache, lande ich am Ende noch beim Rektor und mein Vater bekommt ein Schreiben von der Schule.

Sophia lacht mich aus, und andere fallen ins Gelächter ein, weil sie glauben, ich könnte mich vor Angst nicht mehr rühren. Fear ist aber ausnahmsweise mal nicht zu sehen.

»Ich nehme es gerne.« Joshua macht eine rasche Bewegung, und Sophia schaltet erst, als ihr das Blatt schon aus den Fingern gezogen wird. Sie funkelt Joshua böse an.

»Keiner hat dich gebeten, dich einzumischen«, presst sie wutentbrannt hervor. Sie möchte so gerne, dass er sie mag, aber sie kann sich nicht überwinden, nett zu mir zu sein.

Auf Joshuas Gesicht erscheint ein herausforderndes Grinsen. »Natürlich nicht. Deswegen macht es ja solchen Spaß.« Er reicht mir das Blatt. Sein Blick sagt mehr als tausend Worte. Freude, Mut und Stolz stehen dicht neben ihm. Joshua hat eine freche Miene aufgesetzt, aber die Anwesenheit der drei Emotionen offenbart mir seine wahren Gefühle.

»Danke«, sage ich.

Sophia hat sich wieder umgedreht, doch ihre steifen Schultern versprechen übelste Beleidigungen, die auf mich warten. Wut steht neben ihr und tut so, als wäre ich nicht da – aus irgendeinem Grund mag er mich nicht.

Mrs Farmer redet weiter, und ich gebe vor, ihr zuzuhören.

»Für dich immer«, höre ich Joshua sagen, worauf ich ihn noch einmal ansehe. Er spielt den Clown, grinst mich an, tippt sich an einen imaginären Hut und geht zurück zu seinem Platz. Freude ist jetzt weg, aber ich weiß, dass sie noch in ihm nachwirkt, so beschwingt, wie er läuft. Mut bleibt bei mir stehen. Er ist eins der Gefühle, die ich noch nicht kennengelernt habe, aber aus irgendeinem Grund weiß ich instinktiv, wer er ist.

Die Pausenklingel läutet und auf einmal bricht Hektik im Klassenzimmer aus. Alle springen zur Tür, als würde ihr Leben davon abhängen. Joshuas Blick ruht noch einmal auf mir, bevor er geht.

»Spätestens morgen solltet ihr dann euren Partner gefunden haben.« Mrs Farmer muss beinahe schreien, um gehört zu werden. Sie folgt dem Strom in den Flur.

Kurz darauf bin ich mit Mut allein.

Ich stehe auf und sammle mein Zeug ein. »Du bist nicht so schön wie dein Gegenstück«, sage ich. »Aber dafür bist du nicht so rastlos.«

Mut – Fears Bruder und natürlicher Feind – mustert mich von oben bis unten. Er hat eine lange Aristokratennase und seine dichten schwarzen Locken fallen ihm in den Nacken.

»Natürlich nicht. Ich bin all das, was er nicht ist.«

Das stimmt – er ist so dunkel wie sein Bruder blass ist. In unserem kleinen und nichtssagenden Klassenraum ist er eine imposante Erscheinung.

»Du bist ein interessantes Wesen«, sagt er und mustert mich. In seiner Stimme schwingt ein Hauch von Neugier mit. »Ich habe die Geschichten gehört über eine Sterbliche, die wir nicht berühren können. Wirklich außergewöhnlich. Ich verstehe, warum Fear so fasziniert ist.«

»Er hasst alles, was er nicht begreifen kann.«

Mut nimmt das mit nachdenklicher Miene auf. »Du bist ganz schön jung, um schon so viel zu wissen. In unserer Welt ist Wissen gefährlich. Versuche, daran zu denken.«

»Du würdest also Unwissenheit bevorzugen?« Ich bemühe mich um einen höflichen Ton. Seine Antwort könnte mir weiterhelfen.

Mut dreht den Kopf, er ist offenbar gerade abgelenkt, weil irgendjemand auf der Welt einen Anstoß von ihm benötigt. Sein Körper flirrt und zuckt – ein Zeichen, dass er einem Ruf folgt, indem er eine Kopie seiner selbst schickt. »Wie sagen die Menschen noch?«, murmelt er dann und sieht mich wieder an. »Unwissenheit ist ein Segen. Richtig?«

Er wird jetzt jeden Augenblick verschwinden. Ich beende das Gespräch, indem ich verspreche: »Ich behalte das im Kopf.« Als Mut sich nicht rührt, füge ich hinzu: »Ist noch etwas?«

Er steht so dicht neben mir, dass ich seine Hitze spüre. Es fühlt sich seltsam an, da Fear immer so kalt ist. Muts Stimme zerfließt wie Lava, als er sagt: »Sei lieber freundlich zu diesem Jungen, der dich verteidigt hat.«

»Ich dachte, die andere Ebene mischt sich nicht in menschliche Angelegenheiten ein«, erwidere ich.

Mut wendet sich zum Gehen. Er ist anders als die anderen, er verschwindet nicht so blitzartig wie sie. Im Türrahmen bleibt er stehen, dreht sich aber nicht zu mir um. »Auch wir verändern uns. Wir erfahren immer mehr darüber, was es heißt, sterblich zu sein. Sei freundlich zu ihm«, wiederholt er. »Du hast nicht nur Fears Interesse geweckt. Auch andere von uns beobachten dich. Jemand glaubt, dass du diesen Jungen am Ende noch brauchen wirst.«

Bevor ich auch nur eine der Fragen stellen kann, die sich durch seine Bemerkung aufdrängen – Welches Ende? Wer beobachtet mich? Warum sollte ich Joshua brauchen? –, ist er auch schon weg. Ich lasse ihn gehen. Er ist vielleicht anders, aber er ist und bleibt ein Gefühl – und Gefühle lieben Rätsel.

Fünf

Gleich als ich aus meinem Pick-up steige und der Schotter unter meinen Turnschuhen knirscht, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Es liegt eine drückende Stille über allem, wie ein böses Omen. Niemand hat die Kühe zum Melken in den Stall gebracht. Dads Wagen ist weg.

Ich gehe auf das Haus zu, hänge mir die Tasche über die Schulter. Die Stille rauscht in meinen Ohren. Hinter mir lasse ich wie üblich die Tür laut zufallen, um mich anzukündigen, aber Mom ist nicht in der Küche. Nachdem ich meine Tasche neben dem Tisch abgestellt habe, sehe ich in jedes Zimmer. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich gehe die Treppe hoch, und als ich am Badezimmer vorbeikomme, durchbricht ein Schluchzen die Stille: Mom.

Ich weiß sofort, was los ist. Mein erster Impuls ist, umzudrehen und mich irgendwo zu verstecken. Aber mein zweiter Impuls ist stärker: Spiele deine Rolle. Ein normaler Mensch – eine normale Tochter – würde jetzt nicht einfach wegrennen.

Rasch laufe ich zurück in die Küche, schnappe mir ein Tuch, befeuchte es und haste wieder nach oben. Meine Mutter hat die Tür abgeschlossen. Ich fahre mit den Fingern den Türrahmen entlang und suche nach dem kleinen Haken. Sobald ich ihn ertastet habe, lasse ich ihn hochschnappen und drehe den Knauf.

»Verschwinde!«, schreit meine Mutter, als sie sieht, dass ich es bin. Die verlaufene Wimperntusche hat schwarze Striemen auf ihrer Wange hinterlassen. Aus einem Riss in ihrer Lippe blutet es.

»Ist es schlimm?«, frage ich, obwohl ich weiß, dass sie mir nicht antworten wird. Stattdessen umklammert sie ihre Knie und wippt vor und zurück. Mit dem Hinterkopf schlägt sie dabei immer wieder gegen die Wand, also fasse ich sie am Arm, damit sie aufhört.

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