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Winters Herz

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38

Über die Autorin

Alison Littlewood hat bereits Kurzgeschichten in zahlreichen Magazinen veröffentlicht. Winters Herz ist ihr erster Roman. Er wurde in Großbritanniens populärem Richard & Judy-Book-Club besprochen und mit Lob überhäuft. Littlewood lebt mit ihrem Partner in der Nähe von Wakefield in West Yorkshire. Besuchen Sie die Autorin auf: www.alisonlittlewood.co.uk

Kapitel 1

Der Nebel verschluckte alles: Moor, Farben, Geräusche. Sogar Ben auf dem Beifahrersitz war verstummt. Die Straße war kaum mehr als ein schmales Asphaltband, das sich durch etwas schlängelte, das Cass für ein Paradies auf Erden hielt – das sie als weit und hügelig und offen kannte, auch wenn es heute im Nebel verborgen lag.

Cass erhaschte einen Blick auf Farne und Heidekraut, alles war welk und farblos geworden. Vor ihr führte die Straße in eine flache Senke hinab, bevor sie sich wieder in die Höhe schlängelte. Sie nahm den Fuß vom Gaspedal, und der Wagen wurde langsamer.

»Was ist los?« Ben bewegte sich, und sie stellte fest, dass er geschlafen hatte. »Wo sind wir?«

»Saddleworth Moor.« Cass bremste, kam zum Stehen, deutete hinab in die Senke. »Ist das nicht verrückt? Man würde denken, dass der Nebel sich da unten sammelt, aber dort ist alles frei.« Sie wandte sich ihm zu. Sein Gesichtsausdruck war verschlossen, desinteressiert. »Das solltest du dir anschauen. Bei diesem Nebel bekommst du nicht viel vom Moor zu sehen.«

Er zuckte mit den Schultern. Mir doch egal.

Cass umfasste wieder das Lenkrad und nahm den Fuß von der Bremse. Als der Wagen anzurollen begann, trat sie das Pedal durch.

Ben wurde nach vorn geworfen und machte ein finsteres Gesicht. »Was soll das?«

Cass starrte weiter in die Senke hinunter.

Ben folgte ihrem Blick. »Da ist doch nichts.«

Ihr Sohn hatte recht, aber Cass umklammerte das Lenkrad trotzdem noch ein bisschen fester. »Hast du’s nicht gespürt?« Sie nahm den Fuß ein wenig von der Bremse, und der Wagen rollte wieder an. »Er bewegt sich zurück.«

Diesmal sah Ben es auch. Er setzte sich auf und blickte nach hinten in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Als Cass den Fuß ganz vom Bremspedal hob, rollte der Wagen noch schneller rückwärts. Hier ging es eindeutig bergauf. »Verdammt«, sagte sie halblaut. Ihr war schwindlig. »Das hier ist ein Hügel.«

»Wovon redest du?«

»Davon habe ich schon mal gehört. Es ist … ich weiß nicht, Ben … eine Art optische Illusion. Das Ganze sieht wie eine Senke aus, ist in Wirklichkeit aber ein Hügel. Die Straße fällt nicht ab, sondern steigt an.«

Bens Miene hellte sich auf, und Cass fühlte etwas über sich hinwegfluten. Hoffnung? Freude? Sie wusste es nicht.

»Wow!«, sagte er.

Sie streckte die Linke aus und rieb sein Knie. »Spür’s selbst. Ich lasse ihn rollen.«

»Also los, Mom!«

Cass lächelte, verringerte wieder den Druck aufs Bremspedal. Der Wagen begann zurückzurollen: erst langsam, dann schneller werdend. Plötzlich plärrte ein lautes Hupen in der Stille, zerriss die Luft und wurde dann tiefer, als etwas Dunkles an ihnen vorbeischoss. Kurz beleuchteten Scheinwerfer alles taghell; dann war der andere Wagen verschwunden.

Cass trat erneut auf die Bremse.

»Oh Mom«, stöhnte Ben genervt. Seine Miene war wieder so verschlossen wie bei Fahrtbeginn. Das war sie, seit Cass ihm erklärt hatte, dass sein Vater nicht mehr zurückkommen würde.

»Sorry.« Cass blickte in den Rückspiegel, sah aber nur eine geschlossene graue Wand. Sie gab behutsam Gas, fuhr diesmal vorwärts. Trotzdem kam der Wagen nur langsam voran. Cass gab noch mehr Gas – doch sie kamen zum Stehen. Sie atmete geräuschvoll aus.

»Mom, jetzt lass den Unsinn!«

Der Wagen rollte schaukelnd rückwärts. Cass bremste, beugte sich vor, hielt das Lenkrad fest und starrte auf die Straße vor ihnen. Sie hatte das Gefühl, etwas schiebe sie, aber dort vorn war nichts. Nur diese Senke. Eine runde natürliche Mulde, als sei ein riesiger Fußball auf weicher Erde aufgeschlagen.

Sie trat das Gaspedal durch, bis der Motor aufheulte. Plötzlich war der Wagen frei und schoss davon.

Ben gab einen aufgebrachten Laut von sich, verschränkte die Arme und wandte sich ab, um aus dem Seitenfenster zu starren.

»Sorry«, sagte Cass. »Keine Ahnung, was das war.«

»Du warst das.«

»Nein … das muss der Wind oder sonst was gewesen sein.« Cass’ Herz raste. Ihre Hände am Lenkrad waren feucht. Es hatte sich nicht wie der Wind angefühlt.

Ihr Sohn schwieg weiter.

Der Wagen überwand die Senke – den Hügel, erinnerte Cass sich –, und der Nebel umschloss sie wieder, verschluckte alle Geräusche, verschluckte die Straße bis auf einen grauen Streifen vor dem Wagen und die Grasbüschel, die ihren Rand markierten.

Cass versuchte auszumachen, ob sie bergauf oder bergab fuhren, aber sie musste sich ganz darauf konzentrieren, dem Verlauf der Straße zu folgen. Die weiße Nebelwand wich vor dem fahrenden Wagen zurück, sodass sie ein kurzes Stück weit sehen konnten, und schloss sich hinter ihnen wieder. Der Nebel dämpfte alles. Cass horchte auf das stetige Brummen des Motors, aber es schien nur da zu sein, wenn sie es zu hören versuchte. Der Nebel war wie eine sichtbare Stille.

Sie hatten schon länger kein anderes Auto mehr gesehen.

Ben rutschte auf seinem Sitz hin und her. »Sind wir noch immer im Moor? Es gefällt mir nicht.«

»Ja«, antwortete Cass und fragte sich im selben Moment, woher sie das so genau wusste. »Weit kann’s nicht mehr sein.«

Sie ließ den Blick auf der Straße. Diese Fahrt war eher ein Schweben. Es erinnerte sie an eines von Bens Videospielen: Man fuhr einen Rennwagen, und die Straße bestand nur aus zwei kurzen Linien vor einer stummelförmigen Haube. Es war unmöglich gewesen, die Spur zu halten.

»Was ist das?« Ben wand sich in seinem Sitz, blickte aus dem Seitenfenster. Als Cass zu ihm hinübersah, breitete sein Atemhauch sich auf der Scheibe aus. Es wirkte so, als verströme sein Körper Nebel ins Wageninnere.

»Lass das«, sagte sie, dann dachte sie: Warum?

Ben hob eine Hand und legte die gespreizten Finger ans Glas. Jeder Finger hinterließ eine dunkle Spur in dem Beschlag. Er drückte sich die Nase an der Scheibe platt.

»Was siehst du, Ben?«

»Ich dachte … nichts«, sagte er und sank wieder auf dem Sitz zusammen. »Es war nichts.«

Cass konzentrierte sich wieder auf die Straße. Das Licht der Scheinwerfer ließ den Nebel wie eine massive, weiße Wand erscheinen. Cass starrte angestrengt nach vorn, als er sich endlich aufzulösen schien, am Ende doch seine wahre Natur offenbarte – nichts als in der Luft schwebende Wassertröpfchen, eine wogende, flüchtige Erscheinung. In der Mitte schien der Nebel sich plötzlich zu verdichten, sodass in seinem Herzen etwas Dunkles sichtbar wurde.

Cass sah eine Gestalt, die mit ausgebreiteten Armen auf der Straße stand. Gesichtszüge waren keine zu erkennen, nur Schatten.

Im selben Augenblick erinnerte sie sich an die berühmten Moormorde, die in den 1960er-Jahren in dieser Gegend verübt worden waren. Ja, hier im Saddleworth Moor lagen ermordete Kinder begraben. Waren sie alle gefunden worden? Sie wusste es nicht mehr. Zum Nachdenken blieb ihr auch keine Zeit. Noch während sie an die verlorenen Kinder dachte, bremste sie scharf und schlug das Lenkrad ein. Der Wagen schleuderte und schlingerte, aber dann griffen die Reifen, und sie kamen rumpelnd zum Stehen. Ben flog nach vorn, wurde von seinem Sicherheitsgurt gehalten und in den Sitz zurückgeworfen. Diesmal beschwerte er sich ausnahmsweise nicht.

Cass und Ben starrten sich an. Das Gesicht ihres Sohnes war weiß. Cass vermutete, dass ihres ähnlich aussah.

Sie sah in den Rückspiegel. Der von ihren Bremsleuchten grell angestrahlte Nebel waberte dicht hinter ihnen. Wenn jetzt ein weiteres Auto kam … Sie sah aus dem Seitenfenster. Wie weit sie auf die Gegenfahrbahn geraten war, ließ sich unmöglich feststellen.

Ein Klappern ließ sie den Atem anhalten. Ben schrie leise auf, und als Cass sich ihm zuwandte, sah sie an seinem Fenster die Umrisse eines Gesichts, das in den Wagen spähte. Ben wich davor zurück, sodass sein kleiner Arm gegen Cass’ Körper drückte. Sie zog ihn beschützend an sich.

Dann pochte jemand an die Scheibe. Eine Hand blitzte auf: nicht etwa zur Faust geballt, sondern mit locker gekrümmtem Zeigefinger, als klopfe jemand an eine Tür. Klopf klopf klopf. Am Mittelfinger steckte ein großer Ring, etwas mit Blüten und Blättern aus lebhaft gefärbten Steinen.

Klopf klopf klopf.

»Ben«, sagte Cass, »lass das Fenster runter.« Als er an sie gedrückt verharrte, fiel ihr ein, dass sie sein Fenster von ihrer Seite aus bedienen konnte. Sie legte ihm den rechten Arm noch fester um die Schultern und tastete mit der anderen Hand nach dem Schalter. Ein lautes Summen ertönte, dann sickerten Nebelfäden herein, brachten kalte, feuchte Luft mit sich.

»Gott sei Dank«, sagte eine Stimme. »Vielen Dank, dass Sie gehalten haben!« Die Gestalt beugte sich näher zu ihnen, und ihr Gesicht erwies sich als das einer Frau, deren dunkle Locken die feuchte Luft gekräuselt hatte. »Ich bin Sally«, sagte sie. »Fahren Sie nach Darnshaw?«

»Wir sollten jetzt weiterfahren«, sagte Sally. »Sie wollen doch nicht, dass ihnen jemand hinten reinfährt. Dies ist ein schlechter Platz zum Anhalten.«

Cass musste sich beherrschen, um die Frau nicht scharf zu mustern. Sally saß nun auf dem Beifahrersitz. Cass hatte Ben aufs Haar geküsst und ihn nach hinten klettern lassen, wo er zwischen Gepäck eingezwängt hockte. Seinen Platz nahm jetzt der dunkle Regenmantel der Frau ein. Beim Einsteigen hatte Cass gesehen, dass sie Stiefel trug, deren Rand mit Pelz besetzt war. Einer war bis oben hin durchnässt, als sei sie in ein Sumpfloch getreten. Und sie brachte einen Modergeruch mit, der den ganzen Wagen erfüllte.

»Tut mir leid, wenn ich Ihnen Angst gemacht habe«, sagte Sally. »Ich hatte weiter hinten eine Panne.«

»Oh«, sagte Cass. »Ich hab kein Auto gesehen.«

»Es steht in einer Haltebucht.«

Cass hatte auch keine Haltebucht gesehen, aber das sagte sie nicht. Sie hätte dicht an dem Wagen der Frau vorbeifahren können, ohne ihn zu bemerken. Die erwähnte Haltebucht war vielleicht nur eine Lücke in dem Saum aus Grasbüscheln am Straßenrand, vielleicht noch nicht einmal das.

»Hier oben funktioniert kein Handy – ich kann von Glück sagen, dass Sie vorbeigekommen sind. Der Heimweg wäre zu Fuß ziemlich lang geworden.« Sally lachte. »Scharfe Linkskurve voraus.« Sie unterbrach ihr Geplapper immer wieder, um Anweisungen zu erteilen, und Cass fuhr etwas schneller. War es so offensichtlich, dass sie die Straße nicht kannte?

»Bald kommen S-Kurven«, sagte Sally. »Die führen runter ins Dorf.« Sie drehte sich halb nach hinten um. »Ich hab einen Sohn ungefähr in deinem Alter«, sagte sie zu Ben.

Er gab keine Antwort. Einige Sekunden später fragte Cass: »Geht er auch auf die Grange School?«

Sally lächelte. »Sie sind die Lady, die eine Wohnung in der Foxdene Mill gemietet hat, nicht wahr?«

»Stimmt.« Die Welt ist klein. Die Neuigkeit hatte bereits die Runde gemacht.

»Ja, Damon besucht die Grange. Alle Kinder aus Darnshaw gehen dorthin. Die Schule ist sehr gut.«

»Das hab ich gehört«, meinte Cass. »Das ist einer der Gründe dafür, dass ich zurückgekommen bin.«

»Zurück?«

»Als Kind hab ich eine Zeit lang hier gelebt«, erklärte Cass.

»Wie reizend.«

»Wie ist denn Mrs. Cambrey?«

»Bitte?«

»Mrs. Cambrey. Die Rektorin. Am Telefon hat sie sehr nett geklungen.«

»Sie ist … ja, sie ist wunderbar.« In Sallys Stimme lag etwas Undefinierbares.

Cass musterte sie. »Ich hab am Montag einen Termin bei ihr.«

»Natürlich.« Sallys Stimme klang heiterer. »Nun, sie wird sicher begeistert sein, Sie beide hier zu haben. Ich bin’s jedenfalls. In Darnshaw ist’s sehr still. Wird Zeit, dass wir etwas frisches Blut bekommen.«

Sie verfielen in Schweigen, während Cass die Kurven bewältigte. Zwischen Steilabfällen auf einer Seite und hohen Stützmauern auf der anderen schlängelte die Straße sich nun tatsächlich bergab. Alles andere blieb im Nebel verborgen – doch dann plötzlich schoss der Wagen aus den Schwaden hervor, und sie hatten zu allen Seiten freie Sicht. Es war, als träte man aus einer Tür nach draußen. Im Rückspiegel sah Cass, dass der Nebel wie eine Wand quer über der Straße lag. Ben verdrehte sich auf dem Rücksitz den Hals, um ihn zu betrachten.

»Merkwürdig«, sagte Cass. »Der Nebel hat schlagartig aufgehört.«

Sally sah sich nicht um. »Das passiert manchmal. Er setzt sich auf den Hügeln fest. Kommt man etwas tiefer, ist alles wieder klar. Da, sehen Sie!« Sie deutete nach rechts. Dort stand ein Fasan auf der Stützmauer. Hinter ihm wuchsen orangerote Farne, die vom Regen dunkel waren, und einige schief stehende Krüppelkiefern. Cass glaubte, aus dem Augenwinkel heraus etwas wie einen blassen Lichtschein über Wasser huschen zu sehen, aber dann war dieser Eindruck schon wieder verschwunden.

Da fiel ihr etwas ein. »Sally«, sagte sie, »Sie kennen doch gewiss die Straße weiter hinten – wo sie scheinbar durch eine große schüsselförmige Senke führt.«

Ihre Mitfahrerin schwieg.

»Dort sind wir … aufgehalten worden. Es hat ausgesehen, als fuhren wir bergab, aber das stimmte nicht. Wir sind die ganze Zeit bergauf gefahren. Wissen Sie, welche Stelle ich meine?«

Sally runzelte die Stirn. »Nein, leider nicht. Hab auch nie gehört, dass es hier in der Gegend so was gibt. Wird wohl am Nebel gelegen haben. Der lässt manchmal alles ganz anders aussehen.«

»Aber es hat wirklich wie eine Senke gewirkt … doch wir sind zurückgerollt …«

»Das war nur der Nebel«, unterbrach Sally sie. »Wenn’s dort so was gäbe, würd ich’s wissen. Ich kenne diese Straße ziemlich gut.«

Diesmal schwieg Cass.

»Da sind wir«, sagte Sally. »Willkommen in Darnshaw!«

Die ersten Häuser kamen in Sicht: eine Zeile von Reihenhäusern aus Naturstein, der durch Rauch und Autoabgase geschwärzt war. Cass bog um die erste Ecke und befand sich nun auf einem Sträßchen, das dem Verlauf des Tals folgte. Hier und da zweigten Seitenstraßen ab, die zu weiteren kleinen Häusergruppen führten. Sie sah einen Lebensmittelladen, eine Poststelle, einen Fleischer, einen Gemüsehändler und ein Blumengeschäft. Zu beiden Seiten ragten unter bedecktem Himmel steile Hügel auf.

»Sie sind vorbeigefahren«, sagte Sally. »Das eben war Ihre Abzweigung. Aber wenn Ihnen ein kleiner Umweg nichts ausmacht, könnten Sie mich zu Hause absetzen.«

Cass nickte. Sie versuchte, in alle Seitenstraßen zu blicken, während Sally sie auf einen kleinen Park und die Schule aufmerksam machte. Auch erklärte sie ihnen, wo verschiedene Wanderwege begannen, von denen die meisten den Fluss entlangführten. Dann zeigte sie auf die Straße, in der sie wohnte: Willowbank Crescent. Eine unauffällige Straße mit Häusern in Ziegelbauweise statt aus Naturstein. Erst als Sally auf eine kleine Doppelhaushälfte zeigte, merkte Cass, dass die Frau zitterte.

»Sie werden nicht mit reinkommen wollen, schätze ich«, sagte Sally mit einer Hand auf dem Türgriff. »Sie wollen sich hier bestimmt erst eingewöhnen? Nun, nochmals vielen Dank.« Sie lächelte, stieg aus und schloss die Tür hinter sich.

Cass wendete in der nächsten Einfahrt und fuhr die Straße entlang zurück. Als sie wieder an dem Haus vorbeikam, sah sie, dass Sally noch davorstand. Cass winkte, bog auf die Hauptstraße ab und merkte erst dann, dass sie Ben keine Gelegenheit gegeben hatte, sich wieder nach vorn zu setzen.

»Wir sind bald da«, sagte sie über die Schulter hinweg.

Keine Antwort.

Cass fuhr langsam, sah sich um und stellte fest, dass ihr Sohn die Stirn runzelte. »Mir gefällt’s hier nicht«, sagte er. »Die Lady hat gemieft.«

»Ben, so was sagt man nicht!«

»Sie hat schlecht gerochen, und ich hasse es hier.«

»Du musst Darnshaw eine Chance geben. In deinem Alter habe ich’s geliebt.« Noch während sie das sagte, fragte sich Cass, ob das stimmte. Aber als sie nach langer Zeit den Namen Darnshaw wieder gehört hatte, hatte sie sich vorgestellt, wie Ben hier lachend über Hügel rannte und die idyllische Kindheit genoss, die sie ihm unbedingt ermöglichen wollte.

»Sie hat gestunken wie ein Metzgerladen.«

»Oh, Ben.« Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Auch sie hatte einen Geruch wahrgenommen. Ein Modergeruch, ein bisschen wie feuchte Wolle. Darunter noch etwas, unter dem erdigen Moorland – ein Geruch, der schärfer, animalischer war.

Wie ein Metzgerladen.

Cass musste über ihre überbordende Fantasie lächeln. »Komm, wir sehen uns die neue Wohnung an, ja?«

Die Mühle leuchtete inmitten winterlich kahler Bäume. Schon von der Abzweigung aus konnte Cass ein graues Schieferdach zwischen den hochgereckten Fingern alter Eichen sehen. Im Sommer würde der alte Bau malerisch wirken. Selbst jetzt, zu Beginn des neuen Jahres, wirkte der frisch sandgestrahlte Stein heiter und warm. Die Fotos waren ihm nicht gerecht geworden. Sie lächelte. »Na, was sagst du dazu?«

Ben zuckte mit den Schultern.

Die Zufahrt führte zu einer weiten Fläche hinunter, deren Kies unter den Autoreifen knirschte. Sie umgab die Mühle auch seitlich, aber Cass und Ben hatten nur Augen für die Front. In der dunkelrot gestrichenen Eingangsnische verkündete eine Glastafel mit geätzten Buchstaben Foxdene Mill.

Endlich bewegte Ben sich. »Gibt’s hier andere Kinder?« Er löste seinen Sicherheitsgurt und beugte sich zur Seite, um besser hinaussehen zu können. Das Gebäude hatte vier Etagen.

»Natürlich«, sagte Cass. Dem Prospekt nach war die Mühle in einundzwanzig Apartments umgebaut worden: je sechs in den drei Geschossen, mit Blick übers Tal oder auf den Mühlteich, und drei Dachterrassenwohnungen ganz oben. »Bestimmt gibt’s jede Menge. Du wirst hier viel Spaß haben.«

Sie hatten eine linke Eckwohnung auf der Rückseite des Gebäudes – mit Aussicht auf den Mühlteich und den Fluss. Cass hatte sie sich gesichert, sobald ihr der Prospekt in die Hand gefallen war, sich aber für Miete statt Kauf entschieden. Sie musste Ben rasch ein Zuhause schaffen, damit er in neuer Umgebung sesshaft werden konnte. Möbliert zu mieten bedeutete, dass alles vorhanden war: Betten, Schränke, Tische und Stühle. Und all diese Dinge brauchte sie auch. Sie hatten ihr nur zur Verfügung gestanden, solange sie in einer Dienstwohnung der Army lebte – und dort konnte sie ohne Pete nicht ewig bleiben.

Als der Prospekt in ihrem Briefkasten gelegen und sie gesehen hatte, dass die Mühle in Darnshaw stand, war ihr das wie ein Wink des Schicksals vorgekommen. Sie hatte die Wohnung unbesehen gemietet.

Cass parkte vor der Haustür. Als sie ausstieg, hörte sie den Fluss, der brausend und gluckernd zu Tal rauschte. Die Luft roch grün und rein: wie Waldland nach Regen. Sie sah nach oben und entdeckte den Turm, den sie auf den Fotos gesehen hatte. Die Turmuhr hatte ein weißes Zifferblatt, an das sie sich noch erinnerte, aber keine Zeiger. Hier im Tal stand die Zeit offenbar still – was nur passend war. Sie dachte daran, wie sie sich als kleines Mädchen übers Gartentor gelehnt und dem Rauschen des Flusses gelauscht hatte.

Ben stieg aus und blieb bei ihr stehen. Er sträubte sich, als sie ihm das Haar zerzauste, aber das war ihr egal. »Riechst du’s?«, fragte sie.

Er rümpfte die Nase.

»Komm, wir sehen uns oben um, bevor wir ausladen.«

»Wo sind denn alle?«

Cass tippte den Zugangscode auf dem Tastenfeld neben der Tür ein. Als es piepste, legte sie eine Hand auf die Messingklinke. »Daran könnte ich mich gewöhnen«, sagte sie. Die Tür war extrabreit und vertäfelt. Wahrscheinlich nicht original, aber die Wirkung war trotzdem toll.

Die Eingangshalle war weitläufig und ein bisschen kalt. Links führte eine mit einem roten Läufer belegte Treppe nach oben. In die rechte Wand waren Briefkästen mit Messingziffern eingelassen, und die Tür direkt vor ihnen führte bestimmt in die Erdgeschosswohnungen. Die Eingangshalle besaß einen mit Steinplatten gefliesten Boden, dessen raue Oberfläche die Spuren vieler Jahre trug.

Cass hatte das Gefühl, den Weg nach oben bereits zu kennen: die Treppe hinauf, durch die Brandschutztür und in den Vorraum. Ben blieb etwas zurück, stampfte laut mit den Füßen auf.

Der Vorraum im ersten Stock war so prächtig wie das Foyer unten: roter Teppichboden, weitläufig, von weiß lackierten Türen gesäumt. Cass ging an ihnen vorbei, ohne nach links oder rechts zu sehen, bis sie vor einer stehen blieb. Sie sah wie alle anderen aus, aber irgendwie wusste sie, dass dies ihre war. Und tatsächlich trug die Tür eine 12 in Messingziffern.

Ein reizendes Apartment mit Blick auf den Mühlteich und das Tal hinunter, ein heiteres, friedliches Bild 

Cass zog den Schlüssel aus der Tasche. Der Anhänger bestand aus einem Stück Pappe, darauf prangten mit einem Kugelschreiber geschrieben die Zahl 12 sowie der schmutzige Fingerabdruck eines Bauarbeiters. Die Mühle war erst vor Kurzem kernsaniert worden. Alles würde neu sein; sie wären nach dem Umbau die ersten Bewohner. Cass spürte einen erwartungsvollen kleinen Schauder, als sie die Tür aufstieß. Aber als sie sich umdrehte, um Ben zuzulächeln, war sein Gesicht völlig ausdruckslos. Cass forderte ihn mit einer Handbewegung zum Eintreten auf.

Auch ihre Diele war von weißen Türen gesäumt, von denen nur die mittlere offen stand. Cass ging hindurch und fand sich in einem großen Wohnzimmer mit zwei Fensterwänden wieder. Als sie an das erste Fenster trat, wurde ihr klar, wie riesig es war. Sie würde gemütlich auf der Fensterbank sitzen können – vielleicht mit einem Buch oder nur, um die Aussicht zu genießen. Sie sah hinaus.

Der Mühlteich war ein giftgrüner Strich unter den Bäumen. Zwischen Mühle und Teich waren Kies- und Sandhaufen aufgetürmt, neben denen ein gelber Bagger vor sich hinrostete.

»Wo sind denn alle?«, fragte Ben, wie Cass auffiel, zum zweiten Mal.

»Heute ist Samstag«, sagte sie. »Da wird nicht gearbeitet. Bestimmt werden noch einige der Wohnungen ausgebaut.«

»Aber wo sind die anderen Bewohner?«

Cass runzelte die Stirn und trat ans nächste Fenster. Dieses führte auf einen mit Kies bestreuten großen Parkplatz hinaus, an dessen Ende ein Nebengebäude stand. An seiner Seite waren graue Papiersäcke gestapelt, die Zement zu enthalten schienen, und dahinter führte ein Zauntritt auf ein Feld und zu einem Pfad, der sich zum Fluss hinunterschlängelte. Hinter allem erhoben sich steile Hügel.

»Sieh nur«, sagte Cass, »wir können am Fluss spazieren gehen. Ist das nicht prima?«

»Aber wo sind die Kinder?« Ben machte ein finsteres Gesicht, kniff die Augen zusammen. In ihnen glitzerte es auf eine Weise, die Cass nicht gefiel. Als sie sich wieder dem Fenster zuwandte, fiel ihr etwas Merkwürdiges auf. Der Parkplatz war völlig leer.

»Ich will Dad«, sagte Ben.

»Ben, bitte.«

»Ich will, dass er zurückkommt – wie soll er uns jetzt finden? Er weiß überhaupt nicht, wo er suchen soll.« Er verzog weinerlich das Gesicht.

Cass beugte sich hinunter, legte die Arme um ihren Sohn. Bens ganzer Körper war heiß, und sie legte ihm eine Hand auf die Stirn, um zu fühlen, ob er Fieber hatte. Er schob ihre Hand nicht weg. »Ich will zu ihm«, wiederholte er.

»Ja, ich weiß. Tut mir leid, Ben, aber du musst begreifen, dass er nicht zurückkommt.«

Ben wehrte sich gegen ihre Umarmung, aber sie zog ihn enger an sich. Hielt ihn tröstend fest. »Ich will ihn auch«, flüsterte sie. »Ben, ich will ihn auch. Aber du wirst sehen, wir kommen zurecht.« Sie gab ihn frei. »Wir sind jetzt zu zweit«, sagte sie, »und alles kommt in Ordnung.«

Kapitel 2

Cass schlug die Augen auf. Um sie herum war alles grau – und das kam ihr falsch vor. Sie vernahm keinen Laut, und auch das war so nicht richtig, denn sie hatte eben noch etwas gehört. Sie war davon aufgewacht.

Eine Sekunde lang wurde alles sepiabraun, die Farbe der Wüste. Sie rieb sich die Augen. Sie war mit Pete zusammen gewesen; sie hatte von ihm geträumt.

Sie hörte ein Geräusch. Kratz, kratz.

Pete hatte sie in den Armen gehalten. Er hatte sie an sich gedrückt, während das Gebäude erzitterte und abfallender Putz auf ihren Kopf herabregnete, ihr Haar wie Schneeflocken bedeckte.

Kratz, kratz.

Cass wälzte sich auf den Rücken, streckte eine Hand aus und berührte die Wand neben ihrem Bett. Sie war rau unter ihren Fingerspitzen. Das Kratzen hörte auf. Stattdessen vernahm sie ein anderes Geräusch, als ob etwas auf kleinen Pfoten davonlief. Sie verzog das Gesicht.

Als sie sich wieder nach dem leeren Raum umdrehte, sah sie Pete vor sich stehen.

Sie blinzelte, aber er stand weiter dort, sein blondes Haar im Dunkel blassgrau. Er streckte die Arme aus, und seine Lippen bewegten sich. Sie konnte nicht hören, was er sagte. Während sie ihn beobachtete, öffnete er seine zu Fäusten geballten Hände, in denen blaue Edelsteine lagen. Sie glitzerten, brachten die einzige Farbe in den Raum. Die Steine fielen nacheinander zu Boden, und der Boden verschluckte sie. Alles war lautlos, alles farblos bis auf die Steine in seinen Händen.

Cass hörte ein Scheppern, das sie aus dem Bett springen ließ. Als sie sich wieder nach Pete umdrehte, war er verschwunden. Sie suchte unwillkürlich die blauen Edelsteine auf dem Teppich, aber dort war nichts.

Sie schluckte trocken, dann atmete sie tief durch. Sie musste einen klaren Kopf bewahren. Natürlich hatte sie eben von ihrem Mann geträumt. Diese Szene, die sie gesehen zu haben glaubte – sie war ein Nachbild gewesen, sonst nichts, eine im Halbschlaf gesehene Erinnerung.

Dann war ein neuer Laut zu hören. Ein trockenes Schleifen, als stapften schwere Stiefel durch Sand.

Sie schüttelte den Kopf. Das Geräusch blieb, aber es verwandelte sich in etwas, das sie einzuordnen wusste, und Cass begann wieder zu atmen. Kratz, kratz.

In den Wänden waren Mäuse. Kratz, kratz. Das klang nicht mehr nach Stiefeln im Sand, sondern nach dem Kratzen winziger Pfoten. In einem so alten Gebäude gab es natürlich Mäuse. Das hätte sie sich denken können. Sie würde Fallen oder Gift kaufen müssen. Sie stellte sich vor, wie Ben auf eine Falle stieß und einen kleinen Kadaver mit grauem Fell am Schwanz hochhielt, und verzog das Gesicht.

Als Cass die Augen verengte, konnte sie rechts vor sich einen dunkleren Fleck erkennen, der die Tür war. Sie ging darauf zu und tastete sich in die Diele hinaus, ohne Licht zu machen. Unter Bens Tür leuchtete ein blasser Schein hervor. Sie ertastete die Klinke und ging hinein.

Bens Nachtlicht – ein kleiner blauer Plastikmond – leuchtete schwach. Es hatte zu den ersten Dingen gehört, die sie ausgepackt hatte. Seit Pete sie zum letzten Mal verlassen hatte, schlief ihr Sohn nicht mehr gern ohne Licht.

Er hatte sich fest in die Decke gewickelt, ein kompaktes kleines Bündel. Cass beugte sich darüber und sah ihm ins Gesicht … dann schrak sie zurück. Seine weit offenen Augen starrten zu ihr auf. Sie holte tief Luft, dann wedelte sie mit der Hand vor seinem Gesicht, aber er bewegte sich nicht. Im bläulichen Schein des Nachtlichts wirkten seine Wangen blass und eingefallen.

Er schlief mit offenen Augen.

Cass zog die Decke etwas von seinem Gesicht weg, lockerte sie und achtete darauf, ihn dabei nicht zu wecken. Ein Teil ihres Ichs wollte dies zwar, um seinen Augen ihren Ausdruck wiederzugeben, aber es war bestimmt besser, ihn nicht zu stören. Besser, ihn schlafen zu lassen. Sie überzeugte sich davon, dass er gut zugedeckt war. Das war ihr wichtig, dann blieb sie stehen und betrachtete wieder sein Gesicht. Sie wusste, dass sie noch etwas für ihn tun musste – es fiel ihr nur gerade nicht ein.

Dann kam sie drauf. Schon streckte sie eine Hand aus, bevor sie sich im letzten Moment zusammenriss.

Was sie hatte tun wollen, war ganz einfach: die Hand ausstrecken, sie auf seine Lider legen und ihm die Augen schließen – wie einem Toten. Cass überlief ein kalter Schauder.

Sie verließ rückwärtsgehend lautlos das Zimmer.

Kapitel 3

Ben stand im Wohnzimmer, sah aus dem Fenster. Cass streckte sich noch leicht verschlafen, dann ging sie zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Wir sind noch immer hier«, sagte er mit schwacher Stimme.

Sie beugte sich hinunter, um ihn zu umarmen, und spürte zarte Knochen unter seinem Schlafanzug. »Wollen wir nicht den Fernseher aufstellen?«, schlug sie vor. »Für deine Videospiele.«

Er machte große Augen. »Können wir? Das würde mir gefallen, Mami.«

Mami. Als sei er wieder ein Kleinkind. Cass lächelte, hob ihn auf die Fensterbank, stopfte ihm ein Kissen in den Rücken. »Sieh zu, wie die Welt sich dreht«, sagte sie. »Sag Bescheid, wenn irgendwas passiert.« Sie sah aus dem Fenster. Nirgends ein Auto, keine Bewegung. Der Himmel war bedeckt, alle Farben waren gedämpft, es gab nicht mal eine Brise, die die Zweige bewegte. Dort draußen passierte überhaupt nichts. Gut, dachte sie. Nichts war gut.

Wenig später hockte Ben wie gebannt vor dem Fernseher, und Cass baute in einer Zimmerecke ihren Computer auf. Die Internetverbindung funktionierte so gut, wie der Immobilienmakler versprochen hatte. Das war eine Erleichterung. Sie wusste, dass der Handyempfang hier schlecht war, deshalb würde das Netz ihre Lebensader sein. Für einen Kunden – ihren bisher einzigen Kunden – sollte sie eine neue Website erstellen, und das musste klappen. Nachdem Pete nun fort war, musste sie sich um Ben kümmern und etwas für ihn aufbauen: ein neues Leben für sie beide.

»Ich möchte ein Spiel spielen, Mom«, rief Ben ihr zu.

Sie richtete ihm die Konsole ein, dann kehrte sie an den Monitor zurück, wo eine E-Mail ihres Kunden mit einigen Änderungswünschen für die Website wartete. Sie antwortete: »Werde die Änderungen schnellstmöglich hochladen, damit Sie sie sich ansehen können.« Ihr Kunde würde nicht mal bemerken, dass sie umgezogen war.

Danach schaltete sie ihren PC ab; heute war Sonntag, die Arbeit konnte bis Montag warten. Darauf hatte ihr Vater immer bestanden, und sie hatte dieses Prinzip von ihm übernommen.

Cass sah zu Ben hinüber. Er hockte, den Controller der Spielkonsole im Schoß, auf dem Teppichboden und starrte mit offen stehendem Mund den Fernsehschirm an.

»Ben, was hast du?« Sie ging zu ihm und sah, dass auf dem Bildschirm sein Lieblingsspiel lief. Es war ein Kriegsspiel, und das Gefechtsfeld war mit Trümmern und Stacheldraht übersät. Alles war sepiabraun, sandfarben.

»Ben?«

Dieses Spiel hatte sein Vater ihm geschenkt. Cass war damals der Meinung, Ben sei noch zu jung dafür, aber Pete hatte es gefallen, und sie hatten es zusammen gespielt. So waren die beiden eine Zeit lang gemeinsam Soldaten gewesen.

Sie streckte eine Hand aus und strich Ben das Haar glatt, dann nahm sie das Gamepad von seinem Schoß. Als er die Unterlippe vorschieben wollte, kniete sie neben ihm nieder, umarmte ihn und drückte seinen Kopf fest an sich.

»Komm, Schatz«, sagte sie, »draußen ist herrliches Wetter. Was hältst du davon, wenn wir uns ein bisschen umsehen?«

Als sie die ins Dorf führende schmale Straße hinaufgingen, sah Cass sich nach der Mühle um. Der gelbbraune Stein passte wundervoll zum Wetter, verschwamm mit den Braun- und Grüntönen der Umgebung. Es tat gut, draußen zu sein, die saubere, kalte Luft zu atmen. Auf ihrem Weg durch das Gebäude hatte Cass festgestellt, dass es ihr nicht gefiel, durch die stille Mühle zu gehen. Obwohl sie aufmerksam gehorcht hatte, hatte sie keinen Laut aus irgendeiner der anderen Wohnungen vernommen. Die hochroten Teppiche schluckten auch das Geräusch ihrer eigenen Schritte, sodass man den Eindruck gewann, hier sei überhaupt niemand.

Die Geschäfte im Dorf waren bis auf den Lebensmittelladen geschlossen. Cass kaufte ein paar Bonbons für Ben. Die Grauhaarige an der Kasse verzog keine Miene; sie nahm Cass’ Geld schweigend entgegen, gab schweigend heraus und nickte nur, als Cass sich verabschiedete.

Draußen wechselte Cass einen Blick mit Ben; dann brachen sie beide in Gelächter aus, und sie war der unfreundlichen Frau kurzzeitig dankbar. Ben bot ihr von den Bonbons an, und sie nahm einen.

Sie gingen weiter zum Park, der zum Fluss hin abfiel. Der Rasen war sehr kurz gewachsen und mit kahlen Stellen durchsetzt. Drunten am Fluss gab es einen kleinen Spielplatz mit Schaukeln, einem Karussell und einer Rutsche. Unter den Büschen, die den Blick auf das rauschende Wasser verbargen, hatten sich leere Chipsbeutel und Schokoriegelhüllen angesammelt, als suchten sie Schutz vor Regen.

Cass und Ben lieferten sich einen Wettlauf zu den Schaukeln, dann saßen sie dort nebeneinander.

»Tach auch«, sagte eine Männerstimme hinter ihnen.

Als Cass sich umdrehte, sah sie einen alten Mann den Fußweg vom Fluss heraufkommen. Ein schwarzer Hund mit grauer Schnauze folgte ihm durch die Lücke in den Büschen. Am Schädel das Alten klebten noch ein paar letzte graue Haarsträhnen. Er zog wegen der Kälte die Schultern hoch, hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Seine Backen waren rot geädert.

Ben sprang von der Schaukel, lief zu ihm und bückte sich, um den Hund zu streicheln. Während Cass sich vornahm, mit ihrem Sohn mal ein ernstes Wort über das richtige Verhalten gegenüber Fremden zu reden, lächelte sie dem Alten zu.

»Sie sin’ aus der Mühle«, sagte der Mann.

Neuigkeiten verbreiteten sich schnell. Wusste das ganze Dorf von ihnen?

»Bert Tanner«, stellte er sich vor, »aus der Mietwohnung.« Das sagte er, als setze er voraus, dass sie wusste, wo die Mietwohnung lag.

»Ich bin Cass.« Sie schüttelte ihm die Hand. »Und das hier ist Ben.« Sie drehten sich um und beobachteten, wie Ben den Hund streichelte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Der Hund war ein kräftiger, stämmiger Mischling mit schon ergrauter Schnauze. Ben rümpfte die Nase, als der Köter ihm ins Gesicht hechelte.

»Is’ schon alt«, sagte der Mann, »genau wie ich. War schon als Junge hier.«

Cass wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. »Wie nett.«

Ben sprang auf und lief in die Büsche. Dort streckte er eine Hand aus und wühlte zwischen dem angewehten Müll herum.

»Nein, Ben, nicht im Schmutz …«, begann sie, als er sich umdrehte und einen verblassten grünen Tennisball hochhielt. Der Ball sah ziemlich zerbissen aus. Er hielt ihn dem Hund vor die Schnauze.

»Captain jagt kein’ Ball mehr, mein Junge.«

Als Ben ihn trotzdem warf, landete der Ball auf einer schrägen Rasenfläche und rollte ein Stück weit zurück. Der Hund sah dorthin, schnüffelte, sah kurz zu Ben hinüber und watschelte langsam und schwanzwedelnd die kleine Steigung hinauf. Dort angekommen schnappte er sich den Ball und drehte sich nach Ben um, als wolle er fragen: Kommst du?

»Donnerwetter«, sagte Bert. »Du kannst’s mit Hunden, mein Junge.«

Er wandte sich an Cass und deutete auf den Fluss. »Netter Spaziergang«, sagte er. »Nur ’n bisschen lang. Das Gehen tut mir gut. Auch wenn ich nicht mehr viel aus Darnshaw rauskomm’.« Er begann ihr zu erklären, wo die Schule und die Geschäfte waren, und Cass ließ ihn reden. Er brauchte nicht zu erfahren, dass Sally ihr schon alles gezeigt hatte. Sie gingen miteinander ins Dorf zurück. »Da drüben is’ das Postamt. Ich wohn’ gleich drüber, wenn Sie mal was brauch’n. Bloß sagen.«

Sie lächelte gerührt. »Das ist sehr nett von Ihnen. Danke, Bert.«

»Und da ob’n is’ die Kirche.«

Er sagte »Kiche« – ohne das r. Cass folgte seinem Blick und erstarrte.

Die ziemlich hoch auf dem Hügel stehende Kirche reckte ihren Turm in den blassgrauen Himmel. Von hier aus schien sie wie ein unheimliches Wesen über ihnen aufzuragen. Aber das war es nicht, was Cass erzittern ließ.

»Sie sin’ wohl keine Kirchgängerin«, sagte Bert.

Sie sah ihn an. Er hatte sehr blasse Augen, wässrig unter hängenden Lidern.

»Daran liegt’s nicht«, sagte sie. »In meiner Kindheit sind wir immer hingegangen. Sie ist irgendwie der einzige Teil von Darnshaw, der vertraut wirkt. Alte Erinnerungen, nehme ich an.«

»Wie’n Schauder, der einem übern Rück’n läuft.«

»So was in dieser Art, ja.«

»Tja, wenn Sie mal geh’n woll’n, sind Sie immer willkommen. Der Pfarrer kommt jed’n zweit’n Sonntag von Moorfoot rüber. Nächste Woche isses wieder so weit.«

Cass wollte ihm erklären, sie gehe nicht mehr in die Kirche, aber irgendetwas in seinem Blick hielt sie davon ab, und sie nickte nur. Ben kam mit dem blassgrünen Ball in der Hand und einem Leuchten in den Augen herangestürmt.

Bert nickte. »Wir woll’n weiter. Denk’n Sie daran, was ich gesagt hab. Brauch’n Sie mal was, kommen Sie zu mir. Über dem Postamt.«

Sie sahen den beiden nach, als sie gingen. Ben neben ihr keuchte noch immer. Ihr Sohn war mehr gelaufen als der Hund. Cass betrachtete den stillen Park. Wenn auch sie gingen, würde er leer sein. Das war traurig. Sie hatte Ben Kinder versprochen, mit denen er spielen konnte, jede Menge Kinder, und jetzt hatten sie nur einen alten Mann und seinen Hund gefunden.

Trotzdem lächelte ihr Sohn sie an, wobei seine Zähne blitzten. »Darf ich ihn behalten, Mom?, fragte er und hielt ihr den schmutzigen, vollgesabberten Tennisball hin.

»Natürlich.« Cass erwiderte sein Lächeln. Sie sah zum Himmel auf. Die Unterseite der Wolkendecke erschien formlos eben. Während Cass sie betrachtete, schwebten ganz kleine Schneeflocken aus ihr herab und wurden wie Asche davongetragen.

Ben streckte die Hand aus. »Es schneit!«, rief er.

Cass legte den Kopf in den Nacken und ließ die Schneeflocken auf ihr Gesicht fallen. Sie waren so winzig, dass sie kaum bemerkte, als sie auftrafen. Sie spürte nur, wie Kälte sich über ihre Haut ausbreitete.

Kapitel 4

Das Tal war teilweise in Nebelschwaden gehüllt und erinnerte an ein unvollendetes Gemälde. Der Schnee war nicht liegen geblieben, aber Cass hatte trotzdem Bens wärmste Jacke herausgelegt. Als sie ihn weckte, verzog er das Gesicht, als müsse er eine scheußliche Medizin schlucken, aber er sagte nichts. Es war Montagmorgen, und er sollte in die Schule.

Auf der Hauptstraße durchs Dorf herrschte mehr Verkehr, als Cass insgesamt seit ihrer Ankunft hier gesehen hatte. In jedem Auto saß ein Kind auf dem Beifahrersitz, Cass brauchte sich also über den Weg zur Schule keine Gedanken zu machen, weil sie einfach nur in der Kolonne mitfahren musste. Der Parkplatz war bereits voll, aber sie schaffte es, sich ganz hinten in eine Lücke neben einem schlampig geparkten Land Rover zu quetschen.

»Sorry.« Eine junge Frau mit glattem schwarzen Haar winkte ihr von der anderen Seite des Rovers aus zu. »Hab’s heute Morgen ein bisschen eilig. Ich bin Lucy.«

»Ich bin Cass. Und das ist kein Problem.« Cass sah ein kleines Mädchen, das um die Motorhaube des Land Rovers herumspähte und lächelte der Kleinen zu, während sie Ben aussteigen ließ. Sie stellte ihren Sohn vor.

»Das ist Jessica«, sagte Lucy. »Ihr werdet sicher gute Freunde. Jess, du könntest auf Ben aufpassen, weil er doch neu ist. Willst du nicht mit ihm reingehen?«

»Wir haben erst einen Termin bei Mrs. Cambrey«, erklärte Cass. »Aber ihr könntet später miteinander spielen, nicht wahr?«

Jessica nickte. Sie war ein paar Zentimeter kleiner als Ben und ein Mädchen – er freundete sich nicht oft mit Mädchen an. Cass sah, wie ihr Sohn die Unterlippe vorschob. Nun, sie hatten es versucht, und wer konnte schon wissen, wie so etwas ausging? Vielleicht vertrugen die beiden sich trotzdem gut.

»Mrs. Cambrey ist echt nett«, sagte Lucy. »Tja, ich muss weiter.« Sie beobachtete, wie Jessica sich auf den Weg zu der zweiflügligen Eingangstür machte, und winkte, bevor sie in den Land Rover stieg.

»Gut«, sagte Cass in bemüht positivem Tonfall. »Die Rektorin scheint schon mal in Ordnung zu sein, nicht wahr, Ben? Also los!«

Die Eingangshalle war düster, selbst wenn man aus diesem grauen Morgen kam. Während Cass sich zu orientieren versuchte, sah sie, dass die Wände mit Kindermalereien bedeckt waren. Fröhliche Farbkleckse, die dort im Halbdunkel leuchteten, und Cass nahm schwach den Geruch von Plakatfarbe wahr.

Sie gingen an Klassenzimmern vorbei, in denen Kinder lachend und schwatzend ihre Jacken aufhängten. Das Schulgebäude war ebenerdig, und Cass konnte Büros am Ende des Korridors sehen. An einer Tür stand Lehrerzimmer, an einer anderen Schulleitung und darunter Mrs. Cambrey.

Cass klopfte an und klopfte nochmals, als keine Antwort kam. Sie brachte ihr Ohr etwas näher an die Tür heran, um zu hören, ob jemand in dem Zimmer war.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte eine Stimme hinter ihr. Es war eine Männerstimme, weich und kultiviert. »Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen. Aber es gibt so viel zu organisieren.«

Als Cass sich umdrehte, sah sie einen großen, schlanken Mann mit dunklen Locken und sorgfältig getrimmtem Dreitagebart, der sein leicht hohlwangiges Gesicht nachzeichnete. Er erwiderte ihren Blick, ergriff ihre Hand und drückte sie. »Heute Morgen ist alles etwas chaotisch«, sagte er. »Kommen Sie bitte herein.«

Er ging voraus ins Büro, und sie nahmen auf beiden Seiten eines mit Papieren überhäuften großen Schreibtischs Platz. Cass starrte das vor ihr stehende Schild mit der Aufschrift Mrs. Cambrey an.

Der Mann folgte ihrem Blick, nahm das Schild weg und legte es in eine Schublade. »Mrs. Cambrey musste leider verreisen«, sagte er. »Ein Notfall in der Familie. Ich bin Mr. Remick – Theodore Remick – und vertrete sie.« Er wandte sich an ihren Sohn. »Und du musst Ben sein.« Er streckte ihm die Hand hin. Ben starrte sie an, sah kurz zu Cass hinüber, dann schüttelte er Mr. Remicks Rechte und lächelte zu ihm auf.

Sie besprachen ein paar Dinge – Bens bisherige Schulleistungen, Unterrichtszeiten, Freizeitaktivitäten –, und Cass fand den Lehrer tüchtig und effizient. Dann stand er auf, und sie folgte seinem Beispiel. Als sie das Büro verließen, wandte Mr. Remick sich nochmals an Ben. »Du kommst in meine Klasse«, sagte er. »Wir werden uns bestimmt prima verstehen.«

In diesem Moment gellte eine Stimme durch den Flur. »Cassandra! Juu-huu, Cassandra, kommen Sie, Sie müssen alle kennenlernen!«

Cass drehte sich um und sah Sally auf sich zukommen, die einen Jungen ungefähr in Bens Alter mit sich zog. Ihr folgten drei weitere Frauen.

»Dies ist meine Ritterin in schimmernder Wehr«, sagte Sally, als sie herankamen. »Cassandra hat mich neulich praktisch aus dem Moor gerettet.« Dann bemerkte sie Mr. Remick, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie fasste Cass am Arm und zog sie mit sich, wobei ihre Locken Cass’ Schultern streiften. »Oh, Sie haben wirklich Glück«, wisperte sie. »Er ist ein Fuchs, nicht wahr?«

Cass unterdrückte ein Lächeln. Das hatte Mr. Remick bestimmt gehört.

»Kommen Sie, lernen Sie die Mädels kennen. Das hier sind Helen, Dot und Myra. Mädels, dies ist Cassandra.«

»Freut mich, Sie alle kennenzulernen. Ich heiße übrigens nur Cass – das ist die Abkürzung für Cassidy.«

»Cassidy? Na, den Namen hab ich ja noch nie gehört«, sagte Sally.

»Er kommt von …«

»Wie David – David Cassidy.« Sally lachte schallend laut.

»Sie haben den neuen Lehrer kennengelernt«, sagte Myra. Es klang fast vorwurfsvoll. Sie war eine untersetzte Frau in einem geblümten Kleid und hatte langes rotbraunes Haar.

»Er ist zum Anbeißen, nicht wahr?« Sally lachte.

Ein Mundwinkel Myras zuckte. »Er ist ein Geschenk Gottes.«

»Stimmt«, erwiderte Sally. »Wir haben um jemanden wie ihn gebetet.«

Helen lächelte sie an. »Ich wette, dass du’s getan hast. Du Glückspilz«, sagte sie, und alle lachten.

Cass sah sie der Reihe nach an.

Sally lachte lauter und länger als die anderen. »Stimmt, das bin ich. Und das weiß ich.« Sie lächelte Cass zu. »Bin Lehrerassistentin«, sagte sie. »Hab immer Mrs. Cambrey geholfen, und …«

»Und …«, sagten die anderen im Chor.

»Natürlich hat sie sich als Erste auf ihn gestürzt.« Sally nickte in Cass’ Richtung.

»Ich musste nur einiges wegen Ben mit ihm besprechen. Heute ist sein erster Tag.« Cass sah sich nach ihrem Sohn um, aber der war bereits von einem der Klassenzimmer verschluckt worden. Sie wusste nicht, in welchem er nun war.

»Er ist bestimmt in Damons Klasse«, meinte Sally. »Oder wäre Dämon richtiger?« Sie prustete vor Lachen, und die anderen stimmten ein. »Nun, ich muss jetzt los – neue Bekanntschaften machen. Solange er sein Herz noch nicht an eine andere verloren hat.« Sie sah sich nach Cass um, bevor sie im nächsten Klassenzimmer verschwand. »Vergessen Sie nicht, uns bald mal zu besuchen!« Dann war sie fort, und auf dem Flur wurde es still. Als Cass sich zu den anderen Frauen umdrehte, entfernten die drei sich bereits.

Sie wandte sich wieder den Türen der Klassenzimmer zu, die inzwischen alle geschlossen waren, und überlegte, ob sie versuchen sollte, durch die Glaseinsätze zu spähen. Aber Ben würde sie vielleicht sehen, und Sally würde ihren Sohn aufgrund dessen womöglich bereits an seinem ersten Tag in Verlegenheit bringen.

Also wandte sich Cass nach einer Weile ab und ging allein in Richtung Ausgang davon.

Hinter der glänzend lackierten Eingangstür der Mühle erwartete sie Stille. Cass war schon auf dem Weg zum Treppenaufgang, als ihr die geschlossenen Türen einfielen, die sie in ihrem Stockwerk erwarteten. Sie änderte ihre Meinung und ging stattdessen durch die Tür, die aus der Eingangshalle in den Vorraum des Erdgeschosses führte. Mit seinem roten Teppichboden und den weißen Türen sah er genau wie der im ersten Stock aus. Die Apartments hier waren von 1 bis 6 nummeriert. Cass ging die Reihe entlang und horchte auf irgendwelche Laute, aber hinter den Türen blieb es still.

Sie machte kehrt und klopfte diesmal leise an jede Tür, an der sie vorbeikam. Als sie die Wohnung erreichte, die genau unter ihrer lag, ließ sie ihre Hand auf der Türklinke ruhen, während sie horchte, und spürte, wie sie unter ihrem Griff nachgab.

Cass packte fester zu und drückte die Klinke herab. Dabei war ein Klicken zu hören.

Sie sah sich in dem Vorraum um und stellte fest, dass sie nach wie vor allein war. Sie starrte die Nummer 6 aus Messing an, dann stieß sie die Tür mit einer Hand auf, während sie mit der anderen anklopfte. Ihre Lippen bildeten ein Hallo, aber irgendwie brachte sie keinen Ton heraus; die Geräuschlosigkeit der Mühle hatte ihre Stimme verschluckt.

Cass stellte mit einem Blick fest, dass sie sich die Mühe des Anklopfens hätte sparen können: Das Apartment war nicht nur leer, sondern befand sich noch im Rohbau. Der Fußboden bestand aus nackten Bodendielen, und sie sah sofort, weshalb die Wohnung so kalt war. Die Fenster waren unverglast, sodass nichts das Einströmen der beißend kalten Luft verhinderte. Sie wurde auch von keinen Wänden aufgehalten, denn die bestanden vorerst nur aus Holzgerüsten, die mit Gipskarton beplankt werden sollten. Zwischen den Kanthölzern konnte Cass Leitungsbündel sehen, die zu lose auf dem Boden liegenden Steckdosen führten.

Sie durchquerte den Raum, wobei ihre Schritte auf den Dielen hallten, und sah aus dem Fenster. Der Bagger stand noch immer zwischen den Kieshaufen. Das Führerhaus war leer. Sie sah auf ihre Armbanduhr: Kurz vor zehn Uhr an einem Montagmorgen, und die Bauarbeiter waren nicht gekommen.

Sie sah zu Boden und entdeckte dort etwas: halb in einem Haufen aus Abfällen und Hobelspänen begraben lag eine Kinderpuppe. Cass hob sie auf und klopfte sie ab. Zwei Fetzen Stoff waren ungefähr in Menschenform zugeschnitten und zusammengenäht worden, aber das Ergebnis sah erbärmlich aus, und das Gewebe war fleckig und schimmelig. Die Puppe erinnerte sie an einen Lebkuchenmann. Das Haar bestand aus einzelnen Wollfäden, und das Gesicht war aufgemalt. Hingekritzelte Linien deuteten ein Top und einen Rock an. Cass brachte sie näher an ihr Gesicht heran; sie roch eigenartig. Sie konnte schon viele Jahre alt sein, hatte vielleicht jemandem gehört, der in der Mühle arbeitete, aber so sah sie eigentlich nicht aus. Das Gesicht schien mit einem Filzschreiber aufgezeichnet zu sein.

Sie sah erneut zu Boden und entdeckte eine weitere Puppe, die jedoch kleiner war. Anscheinend sollte sie einen Jungen darstellen. Er trug ein T-Shirt und Shorts.

Cass verzog das Gesicht und ließ die Puppe fallen. Sie hatte das Gefühl, als seien ihre Fingerspitzen vom Staub besudelt.

Aus den Wohnungen im zweiten Stock sowie den drei Penthouses drang ebenfalls kein Laut. Cass rüttelte auch hier an den Klinken, wurde kühner und drückte gegen die Türen, weil sie sich danach sehnte, die Aussicht von ganz oben zu genießen, aber sie fand keine Tür, die sich öffnen ließ.

Als Cass in ihr eigenes Stockwerk zurückkam, sah sie unter der Tür von Nummer 10 eine Zeitung stecken, die halb hindurchgeschoben war. Sie blieb kopfschüttelnd stehen. Eigenartig, dass jemand heraufgekommen war, um sie zuzustellen, wo es doch im Erdgeschoss Briefkästen gab. Sie trat näher und klopfte an die Tür.

Sie wartete. Niemand kam. Cass horchte auch an dieser Tür, hörte aber nichts; die Bewohner mussten ausgegangen sein.

Auch ihr Klopfen an die übrigen Wohnungstüren blieb unbeantwortet.

Sie dachte an ihr Gespräch mit dem Immobilienmakler. »Die Nummer zwölf ist frei«, hatte er gesagt, als sei das eine überraschende Entdeckung, und sie tue gut daran, rasch zuzusagen, bevor jemand sie ihr wegschnappte. Als hätte es einen regelrechten Ansturm auf die Wohnungen in der Mühle gegeben.

Cass erinnerte sich an die Kratzgeräusche, die sie nachts gehört hatte, und spürte einen leichten Schauder. Sie verdrängte diese Erinnerung, schloss die eigene Tür auf, fuhr ihren Computer hoch und ignorierte das Gefühl der Leere hinter sich.

Ihr Kunde hatte eine weitere E-Mail geschickt – mehr Arbeit, als Cass erwartet hatte, aber das war gut, weil sie ihm die berechnen konnte. Sie machte sich daran, die gewünschten Änderungen an der Website vorzunehmen, verschob Bilder, änderte Layouts und hakte in Gedanken ab, was erledigt war, während sie sich in ihre Arbeit vertiefte. Zuletzt lud sie die Dateien hoch und schickte dem Kunden eine E-Mail: »Alles erledigt. Hoffentlich gefällt es Ihnen. Lassen Sie mich wissen, was ich sonst noch für Sie tun kann.«

Sie lehnte sich zurück und rieb sich die Augen, danach stand sie auf, um ihre steifen Glieder zu recken, und drehte sich um.

Die Welt draußen war weiß.

Cass stieß vor Überraschung einen leisen Schrei aus und trat ans Fenster.

Der Parkplatz war mit einer zwei bis drei Zentimeter hohen Schneeschicht bedeckt. Die steilen Hügel waren ebenso weiß wie der Himmel; die Flocken, von denen die Luft erfüllt war, waren dick und segelten träge herab, setzten sich überall fest. Schnee bedeckte die Bäume, ließ Äste und Zweige dicker erscheinen. Der einzige Farbklecks war der gelbe Bagger zwischen den Kieshaufen. Die Welt war einfarbig geworden.

Sie dachte an Ben und murmelte einen Fluch. Wenigstens hatte er seine wärmste Jacke dabei, die rote.

Aber die Straße. Cass stellte sich den Schulweg vor: Die Hauptstraße führte geradewegs durchs Tal, verlief im Dorf mehr oder weniger eben. Aber die zur Mühle hinunterführende kleinere Straße konnte bei Eis und Schnee heimtückisch sein. Sie atmete tief durch. Daran hatte sie nie gedacht; sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, die Zufahrt zur Mühle zu begutachten. Trotzdem spielte das eigentlich keine Rolle – sie selbst konnte überall arbeiten. Und wenn der Straßenzustand allzu schlecht wurde, konnte sie Ben zu Fuß in die Schule bringen.

Cass sah aus dem Fenster. Obwohl er vielleicht Probleme brachte, war der Schnee schön. Er rief eine Erinnerung wach, die in ihrer Lebhaftigkeit überraschend war. Cass und ihr Vater und ihre Mutter, die gemeinsam durch Schnee gingen, als so etwas noch möglich gewesen war. Unter ihrem Mantel trug Cass ein mit Rüschen besetztes weißes Kleid, und sie drehte darin Pirouetten, teils weil der Schnee um ihr Haar wirbelte, teils weil sie wusste, dass die anderen Kinder ...

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