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Wintermärchen mit einem Milliardär

1. KAPITEL

Graubünden, Schweizer Alpen

„Sie haben sich wirklich schon sehr verbessert!“ʺ Mit elegantem Schwung fuhr der Skilehrer von Rachel Chase neben ihr den Hügel herunter, an dessen Fuß das Skihotel Bollinger lag.

„Das stimmt nicht, Matt. Trotzdem danke für Ihre Geduld.“ Erleichtert atmete Rachel die frische, klare Bergluft ein und konzentrierte sich aufs Skifahren, mit dem sie gerade erst begonnen hatte. Auf Skiern fühlte sie sich immer noch nicht ganz sicher. Deshalb war sie auch froh, dass Matt ihr nicht von der Seite wich.

Das Skihotel Bollinger hatte sich in jeder Hinsicht als der perfekte Zufluchtsort erwiesen. Es stand in einem idyllischen Alpental direkt an einem See. Das Personal war hervorragend geschult, äußerst diskret und kümmerte sich um jedes ihrer Bedürfnisse. Max, der Manager, hatte ihr einen Bungalow angeboten, der ein wenig versteckt lag und ein paar Meter vom Haupthaus entfernt war. Diese Chance hatte Rachel ergriffen, ohne auch nur einen Moment lang zu zögern.

Eine ganze Woche war sie jetzt bereits hier und hatte ihren Koffer immer noch nicht ausgepackt. Sie rechnete jeden Augenblick damit, wieder abzureisen. Nach dem Albtraum in L. A., den sie wegen Petes Lügen hatte durchmachen müssen, konnte sie zunächst kaum glauben, wie ruhig und friedlich es hier war. Noch immer schauderte es sie, wenn sie an das Dauergeklingel der Telefone und das Blitzlichtgewitter der Kameras dachte, mit dem die Reporter sie bestürmt hatten. Sie versuchte, jeden Gedanken an ihren Mann, den alle nur „Dr. Pete“ nannten, zu verdrängen. Aber natürlich fragte sie sich, wie es ihm wohl gehen mochte – jetzt, da seine TV-Quoten wahrscheinlich tief im Keller waren und von seinem Ruhm nicht mehr viel übrig geblieben war. Sie kannte Pete. Um diesen Ruhm zurückzugewinnen, würde er alles tun. Er würde sich sogar mit seiner Frau versöhnen, obwohl er ihr öffentlich vorgeworfen hatte, sie habe ihn betrogen.

Rachel stand vor dem Bungalow, den sie für die Dauer ihres Aufenthalts gemietet hatte, und rieb sich das Handgelenk. Es war zwar längst verheilt, aber die Stelle war mehr als nur symbolisch. In seinem Wutanfall hatte Pete ihr damals den Arm gebrochen. Sie war sofort zum Arzt gegangen, der den Arm in Gips gelegt hatte. Danach hatte sie die Schlösser in ihrem gemeinsamen Haus austauschen lassen und eine einstweilige Verfügung gegen Pete erwirkt. Sie hatte ihn zwar nicht vor Gericht gezerrt – das hätte ihn wahrscheinlich zerstört. Aber sie hatte damit gedroht, ihn anzuklagen, wenn er sie nur noch einmal anrührte. Und das hätte sie auch gemacht, daran hatte ihr Anwalt keinen Zweifel gelassen.

Seit vielen Wochen war sie nicht mehr ans Telefon gegangen. Pete hatte alles versucht, um mit ihr in Kontakt zu treten – Schmeicheleien, Charme, Lügen und Drohungen. Er hatte sogar Rachels Mutter und Schwester eingespannt, um Druck auf sie auszuüben. Das war für sie sehr schmerzhaft gewesen. Sie hatte erfahren müssen, dass ihre Familie Pete mehr liebte als sie.

In diesem Augenblick erklang eine sanfte Stimme direkt hinter ihr. „Ist alles in Ordnung? Funktioniert der Schlüssel nicht?“

Rachel zuckte zusammen. Obwohl Pete sie nur zweimal geschlagen hatte, bevor sie ihn verlassen hatte, war sie doch immer noch sehr nervös. Sie atmete tief durch und wandte sich zu der hübschen brünetten jungen Frau um, die sie fragend ansah. Diese gehörte zum Personal des Hotels und damit zu den einzigen Menschen, denen Rachel derzeit vertrauen konnte. Außer ihrer Cousine Suzie, die ihr dabei geholfen hatte, sich einen neuen Pass zu besorgen und die sie mit mehreren Tausend Dollar ausgestattet hatte, von denen Pete nichts wusste.

Sie entschuldigte sich bei der jungen Frau und betrat dann den Bungalow. „Nein, es ist alles in Ordnung, Monika, danke.“ Im Wohnzimmer zog sie die Skistiefel aus und schlüpfte aus den dicken Socken.

Monika hatte ihr ein leichtes Mittagessen gebracht. Danach kamen Jami und Max auf einen Kaffee vorbei. Obwohl Rachel lieber allein geblieben wäre, unterhielt sie die drei mit ein paar Anekdoten aus Hollywood, die sie sehr zu amüsieren schienen. Schließlich riskierten diese Menschen ihr Leben, um sie zu beschützen. Deshalb hätte Rachel ihnen nie einen Wunsch abschlagen können.

Von der Terrasse aus beobachtete er, wie die Frau Hof hielt und wie seine Mitarbeiter an ihren Lippen hingen, als sei sie eine Gräfin. Vorher hatte er bei ihren Skiversuchen zugeschaut und den Eindruck gehabt, es sei ihr mehr um die Nähe von Matt, dem äußerst gut aussehenden Skilehrer, gegangen als ums Skifahren.

Frauen wie sie kannte er gut, und er verachtete sie. Sie glaubten, andere Menschen durch ihre Schönheit und ihren Charme um den Finger wickeln zu können. Nichts war ihnen wichtiger, als im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Eines wusste sie allerdings nicht – diese Frau Rachel Rinaldi, oder, wie ihr offizieller Name in der Talkshow ihres Mannes gelautet hatte, „Mrs Dr. Pete“. Auch er war von den Höhen des Ruhms auf den harten Boden der Realität gestürzt. Das tat weh, sehr weh sogar. Ja, er hatte dasselbe Schicksal erleiden müssen wie sie – und noch bevor er alt genug gewesen war, um die Schule zu verlassen, hatte er sich geschworen, dass ihm dies nie im Leben wieder passieren würde.

Jedenfalls würde er nicht zu ihren Opfern gehören, so viel stand fest.

„Hat jemand vergessen, mich zu dieser Party einzuladen?“

Rachel, die gerade eine Anekdote aus ihrer letzten Talkshow mit Pete zum Besten gegeben hatte, unterbrach sich mitten im Satz, und auch ihre kichernden Zuhörer verstummten.

Sie drehte sich unwillig um, weil sie sehen wollte, wer der Störenfried war. Aber der Anblick des Mannes, der im Türrahmen stand, verschlug ihr den Atem.

Der Mann war groß und schlank, verströmte eine Aura gefährlicher männlicher Sexualität, die sie unmittelbar berührte. Seine Gesichtszüge waren zwar nicht klassisch zu nennen, doch der durchdringende Blick seiner dunklen Augen und seine sinnlichen Lippen machten dies mehr als wett. Er wirkte ebenso elegant wie durchtrainiert, und sein hellgrauer Anzug war zweifellos maßgeschneidert. Rachel starrte ihn an. Bisher hatte in ihrem Leben nur ein Mann eine so umwerfende Wirkung auf sie gehabt.

Aber ich bin nicht mehr das Mädchen von damals … Sie zwang sich, seinen Blick zu erwidern, obwohl sie merkte, dass ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Doch sie würde vor keinem Mann mehr die Lider niederschlagen, das hatte sie sich selbst fest versprochen.

Deswegen sah sie ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Also gut, es ließ sich nicht leugnen, er war eine beeindruckende Erscheinung. Aber das Ganze war vermutlich nur Show.

„Das kann eigentlich gar nicht sein. Schließlich bin ich ja der Gastgeber“, fuhr er fort. Seine Präsenz war so stark, dass sie den ganzen Raum zu füllen schien.

„Oh, Herr Bollinger, willkommen zurück. Wir hatten gedacht, Sie würden erst morgen eintreffen.“ Max wirkte mit einem Mal sehr nervös. Auch seinen Kollegen war anscheinend alles andere als wohl zumute.

Bollinger. Demnach war er der Besitzer des Hotels, der Sohn eines Schweizer Multimillionärs und einer berühmten Schauspielerin aus der französischen Schweiz. Rachel hatte vor etwa zehn Jahren Fotos von ihm gesehen, als er auf die Liste der schönsten Menschen der Welt gewählt worden war. Aber sie hatte ihn bisher nicht persönlich kennengelernt. Armand Bollinger – der Mann, der „der Wolf“ genannt wurde, was auf seinen ungezügelten Appetit in Liebesdingen und auf seine Skrupellosigkeit im Geschäftsleben hinwies. Jetzt wusste sie auch, warum: Das unterdrückte Feuer in seinem Blick war atemberaubend.

Er betrat das Zimmer. „Ich würde mich gern mit unserem Gast allein unterhalten.“ Seine Autorität duldete keinen Widerspruch. Stumm erhoben sich Jami, Max und Monika und verließen fluchtartig den Raum. Rachel wäre am liebsten mit ihnen gegangen.

Doch das Lächeln, mit dem er sie jetzt bedachte, war äußerst zuvorkommend und professionell. „Ms Chase, ich bin Armand Bollinger, der Hotelbesitzer.“ Seine Stimme klang wie weicher französischer Cognac. In dem grauen Maßanzug und dem dunkelgrauen Seidenhemd wirkte er wie die Verkörperung europäischer Eleganz.

Warum hatte sie dann das Gefühl, als würde unter dieser makellosen Fassade ein Sturm wüten? Warum spürte sie eine Verletzung, die sie sich nicht erklären konnte, die sie aber bis ins Innerste berührte?

„Hat man sich Ihrer gut angenommen? Haben Sie alles, was Sie brauchen?“

Das ist nicht der Grund, aus dem du hergekommen bist.

Rachel verfügte über ein ausgeprägtes psychologisches Wissen, und sie merkte sofort, dass hinter seinem gewinnenden Äußeren noch eine zweite Persönlichkeit lauerte. Eine zweite Person, die ganz anders war, wie ein Schatten.

Er weiß, wer ich bin.

Der Gedanke versetzte sie in Panik. Gleichzeitig wusste sie, dass sie sich keine Blöße geben würde. Nie wieder würde sie sich den Forderungen eines Mannes beugen.

„Danke, Herr Bollinger, man hat mich hier vorzüglich aufgenommen.“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Sind Sie gekommen, um mir zu sagen, dass ich abreisen muss?“

Armand starrte die zierliche Frau an. Sie trug Designer-Jeans, einen pinkfarbenen Kaschmirpulli und Pantoffeln mit dem Logo des Hotels. Im Fernsehen, als die rechte Hand von Dr. Pete, hatte sie mit hochhackigen Schuhen und einem engen Kostüm ganz anders ausgesehen. Sie war der eigentliche Grund für die Beliebtheit der Talkshow gewesen. Deshalb war er auch nicht überrascht gewesen, als er gelesen hatte, dass die Show vor Kurzem abgesetzt worden war.

Er hatte immer gedacht, dass Menschen auf dem Bildschirm viel attraktiver wirkten als im richtigen Leben. Bei Rachel schien das nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil, wenn er sie nicht an den großen braunen Augen oder ihrem berühmten Lächeln erkannt hätte, hätte er sie bestimmt nicht mit der stark geschminkten VIP-Persönlichkeit in Verbindung gebracht, über die die Medien so gern berichteten. Sie sah viel weniger glamourös aus, fast schon normal, doch zweifellos hübsch. Aber warum ging sie davon aus, dass er sie herauswerfen wollte? Sie musste doch wissen, warum er hier war!

Bis jetzt hatte sie noch nicht versucht, ihn um den Finger zu wickeln, doch das war gewiss nur eine Frage der Zeit. Oh ja, Armand kannte alle Tricks der Ladys aus der oberen Gesellschaftsschicht, weil auch seine Familie einst zu den „Beautiful People“ gehört hatte. Eines Tages war damit plötzlich Schluss gewesen, obwohl keiner bisher die Wahrheit über den Tod seines Vaters oder die Familienschande kannte.

„Wenn Sie möchten, dass ich abreise, sagen Sie es mir besser gleich, Herr Bollinger. Es gibt keinen Grund, die Sache noch länger hinauszuzögern.“

Armand schüttelte den Kopf. „Ich wüsste nicht, warum ich Sie herauswerfen sollte, Ms Chase“, erwiderte er mit vollendeter Höflichkeit. „Schließlich sind Sie ein zahlender Gast und genießen deswegen alle Privilegien. Weshalb sollte ich etwas gegen Ihren Aufenthalt in unserem Hotel einzuwenden haben?“

„Nun, ich habe den Eindruck, dass Sie wütend auf mich sind“, entgegnete Rachel mit der entwaffnenden Offenheit, für die sie bekannt war.

„Wie kommen Sie denn darauf? Ich wollte nur wissen, ob auch alles zu Ihrer Zufriedenheit ist.“ Seine Miene blieb unverändert.

„Sie lügen!“ Rachel ließ sich nicht beirren. „Wir kennen uns zwar nicht, aber mir können Sie nichts vormachen. Aus irgendeinem Grund sind Sie sauer auf mich. Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit? Dann kann ich mich wieder in Ruhe meinem Mittagessen widmen.“

Armand hatte das Gefühl, als hätte sie ihm eine Ohrfeige gegeben. Ein solches Verhalten war er nicht gewohnt. Natürlich gab es immer wieder Gäste, die aus der Rolle fielen, weil sie glaubten, dass ihr Reichtum und ihre Privilegien sie schützen würden. Er hatte sich davon noch nie irritieren lassen, denn er wusste, dass er in seinem Reich der König war. Er war der Wolf, der das Rudel leitete.

Wie kam diese fremde Lady jetzt also dazu, ihn so vorzuführen? Niemand durchschaute ihn, nicht seit seinem zwölften Lebensjahr, als man ihn ins Internat gesteckt hatte. Einen Tag nachdem er seinem Vater die Nase gebrochen hatte.

In dieser Nacht war seine ganze Welt wie ein Kartenhaus zusammengestürzt. Seine Schwestern hatten ihre Unschuld verloren, und ihr Familiengefüge war zerbrochen. Obwohl der Tod ihres Vaters sie einander wieder nähergebracht hatte, war danach nichts mehr so gewesen wie zuvor.

Armand lächelte eisig. „Also gut, wie Sie wollen, Ms Chase – oder soll ich sagen, Mrs Rinaldi?“

Kein einziger Muskel zuckte in ihrem Gesicht, aber in der Tiefe ihrer Augen leuchtete etwas auf – ein Schmerz, etwas, was er schon einmal bei einer Frau gesehen und nie hatte wiedersehen wollen. Aber als sie sprach, klang ihre Stimme ganz ruhig, fast gelangweilt. „Ich habe gewusst, dass Sie mich sofort erkannt haben. Was wollen Sie von mir? Bitte seien Sie doch so nett und kommen Sie zum Punkt. Sonst verwelkt mein Salat noch, und das wäre wirklich schade.“

Wie unverschämt sie war! Das war ja unglaublich – in ihren Augen war er also nur ein Störenfried, der sie vom Mittagessen abhielt!

„Das kann ich auf gar keinen Fall zulassen, Ms Chase. Speisen Sie bitte in Ruhe weiter. Ich werde mich Ihnen anschließen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Rachel zögerte, und ihre Reaktion blieb ihm nicht verborgen. Sie wollte nicht, dass er bei ihr blieb, und das war wirklich ungewöhnlich. Normalerweise waren es immer die Frauen, die sich an ihn klammerten, während er eine nach der anderen verließ, ohne sich noch einmal umzublicken.

Andererseits – was ging ihn diese Fremde mit ihren schlechten Manieren an? Schließlich war sie nicht einmal sein Typ. Und es gab Wichtigeres in seinem Leben als die Ansprüche verwöhnter Frauen, die letztlich immer auf eines hinausliefen: Jede wollte sich rühmen, den Wolf gezähmt zu haben. Aber das gelang ihnen nicht.

„Gern, Herr Bollinger“, erwiderte Rachel schließlich bei einem zuckersüßen Lächeln, das ihre wahren Gefühle nicht verbergen konnte. „Es ist mir ein Vergnügen.“

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.“ Eigentlich konnte es ihm ja egal sein. Aber was hatte er nur getan, um ihr Missfallen zu erregen?

Er betrachtete ihren Salat Niçoise, der wirklich nicht mehr sehr frisch wirkte, und winkte einen Kellner heran, um einen neuen für sie zu bestellen. Rachel erhob zwar sofort Einspruch, aber davon wollte er nichts hören.

Seufzend wies sie auf einen der vier freien Stühle am Tisch, als ob es ihr ganz egal wäre, wo er Platz nahm. „Bitte setzen Sie sich doch, Herr Bollinger!“

Die Frau hatte wirklich Nerven – sie lud ihn an seinen eigenen Tisch ein! Erneut spürte er Wut auf sie – Wut und noch etwas anderes, was er sich nicht erklären konnte.

„Natürlich werden Sie einen neuen Salat bekommen“, sagte er kühl, nachdem er Platz genommen hatte. „Das gehört bei uns zum Standard. Weder im Restaurant noch auf den Zimmern wird man Ihnen je etwas servieren, das nicht den höchsten Ansprüchen genügt.“

Rachel sah ihn überrascht an. „Was wollen Sie damit sagen? Kann man diesen Bungalow denn nicht auch mieten?“

Armand schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin davon ausgegangen, dass mein Geschäftsführer Sie darüber informiert hat. Ich wohne hier.“

Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet, sie starrte ihn an. „Oh, aber das … das habe ich nicht gewusst. Es … es tut mir leid, ich …“

„Wollen Sie etwa behaupten, Max hätte Sie über diese Tatsache im Unklaren gelassen?“, fragte er, die Augenbrauen hochgezogen.

Ihre Wangen röteten sich, das Ganze war ihr offenbar sehr peinlich. „Nein, natürlich nicht. Ich … das muss ich wohl verdrängt haben. Ich habe den Bungalow gesehen, und weil er so abgeschieden liegt, dachte ich … dachte ich …“

„Sie haben den guten Max bezirzt, geben Sie es ruhig zu“, unterbrach Armand sie. Es gefiel ihm, sie so am Boden zerstört zu sehen. Das machte sie ein wenig menschlicher.

„Bitte, Sie dürfen Ihrem Personal nicht die Schuld daran geben“, sagte sie nachdrücklich. „Alle waren so gut zu mir, ich … ich könnte es nicht ertragen, wenn einer Ihrer Mitarbeiter meinetwegen Unannehmlichkeiten bekommen würde.“

Armand sah sie stirnrunzelnd an. Sie wirkte in diesem Augenblick aufrichtig bekümmert – gar nicht wie die Frau, die er aus dem Fernsehen kannte und von der er sich ein bestimmtes Bild gemacht hatte. Die Frau, die jede Situation unter Kontrolle hatte, die perfekte Gastgeberin, die alles in den Griff bekam.

„Keine Angst, das wird nicht geschehen, Ms Chase“, erwiderte er schnell. „Aber so, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Das würde viel zu viel Aufmerksamkeit erregen, was Sie doch bestimmt vermeiden wollen, oder?“

Rachel sprang auf, sie war leichenblass. „Ich werde Ihr Hotel auf der Stelle verlassen. Können Sie mir sagen, wann der nächste Zug geht?“

Er hob abwehrend die Hand. „Moment, Moment, Sie müssen nicht gleich abreisen. Ich könnte Ihnen eine andere Suite im Hotel anbieten. Dann wären Sie nur ein Gast wie alle anderen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht möglich. Am besten, ich gehe auf der Stelle. Ich habe Ihnen schon genug Scherereien gemacht.“

Später hätte er nicht sagen können, was ihn dazu bewogen hatte, seine Meinung zu ändern. Vielleicht hatte es etwas mit ihrem gejagten Gesichtsausdruck zu tun, mit der Angst, die sich hinter ihrem arroganten Auftreten verbarg. Einer Angst, die sie vor ihm zu verstecken versuchte und die trotzdem deutlich spürbar war. Die Mauer, die sie um sich errichtet hatte, begann zu bröckeln, und dahinter war die Frau im Begriff, zusammenzubrechen. Ich kann nirgendwohin, drückte ihr gehetzter Blick aus. Genau so hatte seine Mutter ausgesehen – an dem Tag, als Armands Vater ihn ins Internat geschickt hatte.

„Sie müssen nicht gehen, Ms Chase“, sagte er abrupt und fragte sich gleichzeitig, was in ihn gefahren war. „Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.“

2. KAPITEL

Rachel sah ihn entgeistert an. „Was haben Sie gerade gesagt?“, fragte sie, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Nein, das … ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Sie richtig verstanden habe. Ich meine …“ Sie merkte selbst, dass ihre Worte keinen Sinn ergaben, und verstummte abrupt.

Armand sah sie amüsiert an. „Sie haben mich in der Tat missverstanden. Ich meinte natürlich, ein geschäftliches Angebot. Vielleicht hätte ich mich deutlicher ausdrücken sollen.“

Wollte er sie auf den Arm nehmen? Lachte er sie aus, weil sie einen Moment lang geglaubt hatte, dass er sie attraktiv finden könnte?

Rachel spürte, dass sie errötete. „Selbstverständlich, ich … also, mir ist klar, dass ich nicht …“ Erneut brach sie mitten im Satz ab. Die ganze Situation war einfach zu peinlich.

In diesem Augenblick klopfte jemand an, und sie beide zuckten zusammen.

„Lassen Sie nur, ich gehe schon“, sagte sie und eilte zur Tür.

Es war ein Kellner, den sie nicht kannte, er trug ein Tablett. Rachel dankte ihm und nahm es ihm ab. Dann kehrte sie damit ins Wohnzimmer zurück. Sie war sehr vorsichtig, was Fremde betraf. Je weniger andere Leute von ihrem Aufenthalt mitbekamen, desto besser.

„Ich habe mir erlaubt, uns einen Weißwein zu bestellen“, sagte Armand und zeigte auf das Tablett mit der Flasche und den zwei Gläsern. „Möchten Sie ein Glas?“ Er entkorkte die Flasche, goss ein Glas voll Wein ein und reichte es ihr lächelnd.

Es war ein Chardonnay, Rachels Lieblingssorte. Sie nahm das Glas entgegen und sagte stirnrunzelnd: „Ich hatte den Eindruck, dass man uns von der Terrasse aus beobachtet.“

Armand nickte. „Natürlich sind die Gäste neugierig, wer sich hier während meiner Anwesenheit eingemietet hat. Sie denken wahrscheinlich, es handelt sich um einen prominenten Gast, der nicht erkannt werden will. Aber ich habe bisher keine Reporter gesehen, deshalb glaube ich auch nicht, dass Sie sich Sorgen machen müssen. Trotzdem müssen wir beide eine Lösung für das Problem finden.“

Sie sah ihn herausfordernd an. „Warum ist meine Anwesenheit denn ein solches Problem für Sie?“

„Ganz einfach – wie ich Ihnen bereits sagte, ist dieser Bungalow mein Zuhause, Ms Chase. Ich bringe keine Frauen hierher, niemals. Deshalb erregt die Tatsache, dass Sie hier sind, natürlich Aufsehen. Und Sie befinden sich in einer schwierigen Situation. Ihr Mann lässt in der Presse verlauten, dass er auf einer Versöhnung mit Ihnen besteht. Aber die Fotos, die Sie zusammen zeigen, sind offensichtlich Fälschungen. Denn sonst wären Sie ja nicht hier − und er in L. A.“

Falls das eine Frage sein sollte, dachte Rachel nicht daran, sie zu beantworten. Stattdessen nahm sie sich einen Teller, füllte etwas Salat auf und begann zu essen.

„Ich verstehe gut, dass Sie nicht darüber sprechen wollen“, bemerkte er trocken. „Aber diese Vogel-Strauß-Politik wird Ihnen nichts nutzen. Wir haben ein gemeinsames Problem, deshalb müssen wir es auch gemeinsam lösen. Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Hier geht es vor allem um Kommunikation.“

„Kommunikation? Was wollen Sie damit sagen? Erwarten Sie irgendwelche Geständnisse von mir? Das können Sie sich sparen. Sie sind der Besitzer dieses Hotels. Die Entscheidung, was mit mir geschieht, liegt ganz allein bei Ihnen.“

Armand hatte ebenfalls zu essen begonnen, jetzt legte er die Gabel beiseite. „Sind Sie immer so voreilig? Sie kennen mich doch gar nicht. Vielleicht behagt Ihnen meine Lösung ja gar nicht.“

„Fakt ist, dass Sie fast so viel zu verlieren haben wie ich“, entgegnete Rachel. „Deswegen müssen wir uns auch um äußerste Diskretion bemühen. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie mich bitten werden, Ihre Geliebte zu sein.“

„Warum nicht? Wäre das so abwegig?“

Sie blieb ihm die Antwort schuldig. Jedenfalls weiß ich, dass er mich nicht schlagen wird. Ich bin ein zahlender Gast, und er kann es sich nicht leisten, sich mich zum Feind zu machen.

Das Wissen, dass sie keine Angst vor diesem Mann zu haben brauchte, erleichterte sie. Außerdem stellte sie überrascht fest, dass das Gespräch anfing, ihr Spaß zu machen. Also lächelte sie ihn einfach nur an.

Die Wirkung auf Armand war umwerfend: Er hatte das Gefühl, als hätte ihn jemand in den Magen geboxt. Denn Rachel versuchte ja nicht, mit ihm zu flirten oder ihn um den kleinen Finger zu wickeln. Sie lächelte offenbar, weil ihr danach war. Es kam ihm vor, als würde er in einen tiefblauen Himmel blicken – einen Himmel, der vorher von dunklen Wolken bedeckt gewesen war. Seine Laune verbesserte sich schlagartig.

Dennoch hätte er nicht sagen können, warum ausgerechnet diese Frau eine so starke Faszination auf ihn ausübte. Schließlich hatte er in seinem Leben schon Hunderte schöner Frauen getroffen. Aber dieses Thema wollte er im Moment nicht vertiefen. Mit einem Gast zu flirten, war verboten. Armand hatte es sich zum Prinzip gemacht, Arbeit und Privatleben strikt voneinander zu trennen. So sollte es auch bleiben.

„Ich schlage vor, wir beenden zunächst unser Mittagessen und wenden uns dann dem Geschäftlichen zu“, erwiderte er betont sachlich.

Rachel sah ihn an, ihre Augen funkelten vergnügt. „Gut, wie Sie wünschen. Dann sage ich erst einmal Prost!“ Sie hob ihr Glas und trank daraus, bevor er reagieren konnte.

„Ah, köstlich“, sagte sie und leerte das Glas in einem Zug. „Dieser Wein ist himmlisch. Sind Sie so nett und schenken mir nach?“

„Sie scheinen sich mit Weinen auszukennen“, sagte er, als er ihrem Wunsch nachkam. „Das Weingut, von dem dieser Chardonnay stammt, ist über achthundert Jahre alt.“

„Erstaunlich“, antwortete sie bewundernd. „Da, wo ich herkomme, wird bereits alles, was über hundert Jahre alt ist, historisch genannt.“ Sie setzte das Glas ab und sah ihn bittend an. „Herr Bollinger seien Sie doch so freundlich und sagen Sie mir, warum Sie hier sind.

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