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Wintermädchen

Für meinen Bruder Ali

Zwei Welten

I. Kapitel – Elaine. Zwei Jahre zuvor

II. Kapitel – Die erste Rückkehr

III. Kapitel – Zu Hause

IV. Kapitel – Georg

V. Kapitel – Die zweite Rückkehr

VI. Kapitel – Die Heimkehr

Er hatte sich auf den Weg zwischen zwei Distanzen begeben und war irgendwo dazwischen geblieben. Ohne je wirklich anzukommen.

Zwei Welten

~ Heute ~

Der Mann sprach viel und schnell. Die Art, wie er sprach, dabei gestikulierte, und sein Mienenspiel verrieten eine Mischung aus Unsicherheit und Trotz. Als ob er wüsste, dass das, was er sagte, nicht haltbar war, er sich die Wahrheit aber nicht eingestehen wollte. Vor allem nicht, dass er für diese Wahrheit eine entscheidende Mitverantwortung trug. Sein Gegenüber hörte ihm zu, ließ ihn sprechen, fuhr nicht dazwischen. Obwohl jedes Wort, jeder Satz zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nur mehr Zeitverschwendung war. Er kannte solche Situationen. Sie waren ihm unangenehm.

Der Mann, der immer weiter sprach, sich immer mehr in Fahrt redete, musste doch wissen, dass es nicht nur sinnlos war, sondern vor allem würdelos. Er konnte nicht im Ernst glauben, dass irgendetwas von dem, was er jetzt sagte, den letztlich verheerenden Eindruck korrigieren konnte. Den Eindruck von der Lage des Unternehmens und vor allem den Eindruck von seiner Kompetenz und seinem Verhalten. Im Grunde war sein Auftritt jetzt, da alle Fakten unumstößlich klar lagen, beinahe das Schlimmste. Jetzt hätte er Größe zeigen können, zeigen müssen, Einsicht, sich seiner Verantwortung stellen und sie bekennen. Er tat es nicht, und er würde es auch nicht tun. Wie ein bockiger Teenager, der für jeden ersichtlich Mist gebaut hatte und der sich dann nicht nur herauszureden, sondern sogar noch zu produzieren versuchte. Aber der Mann war kein Teenager, sondern der Geschäftsführer eines Unternehmens mit fast 2000 Mitarbeitern. Und viele von ihnen würden die Zeche dessen zahlen müssen, was er weitgehend zu verantworten hatte.

„Glauben Sie mir, mein lieber Herr Kara, ich kenne mich aus, ich bin lange genug im Geschäft, um solche Zahlen“, dabei machte er eine abschätzige Handbewegung, „ja, sagen wir: auszuhalten. Man darf sich davon nicht ins Joch nehmen lassen, und Sie können versichert sein, dass ich noch einige, ich betone, einige Trümpfe im Ärmel habe.“ Er lächelte etwas gezwungen.

„Denn Sie, mein lieber Herr Kara, bewegen sich eben nur im Horizont der Zahlen, da kann man dann schon mal nervös werden, das verstehe ich durchaus, aber ich sage Ihnen aus meiner reichlichen Erfahrung an der Front, jaja, an der Front, mein Lieber, nicht vor dem Rechner, sozusagen in der Etappe, hahaha“ … Er holte kaum Luft.

„Ich sage Ihnen, viele dieser Zahlen, schon halb Totgesagte, haben ein viel längeres und zäheres Leben, als Sie sich das vielleicht vorstellen können, und es sind, mit aller Bescheidenheit, Männer wie ich, alte Frontkämpfer sozusagen, jaja, die dem … dem Zahlenjoch Paroli bieten.“

„Alte Frontkämpfer.“ Dieser Mann war nicht einmal 50, und eine „Front“ hatte er im Leben nicht gesehen.

Das Büro, in dem sie allein waren, war groß und teuer eingerichtet. Kirschholzmöbel, kleingetäfeltes Parkett, Holzpaneele an den Wänden, Bilder, wahrscheinlich wertvoll, Expressionismus, dachte der weiter zuhörende Mann. Er zögerte nur den Moment hinaus, in dem er den immer hektischer pulsierenden Wortnebel mit wenigen Sätzen auflösen würde. Auch wenn der Andere das dann unverändert nicht begreifen würde. Oder nicht begreifen wollte. Wie konnte man sich selbst nur so bloßstellen? Und je mehr der Andere sich selbst, sein Können, seine Erfahrung, seine Verbindungen und seinen eigenen Nimbus lobte, desto drastischer fiel nur der Kontrast zur Wirklichkeit aus. Das Empfinden von Peinlichkeit war dem Zuhörenden fast körperlich unangenehm.

Er zündete sich eine Zigarette an. Seine Blicke wanderten immer wieder und kaum merklich zu den hohen, doppelflügeligen Fenstern des Büros. Draußen eine dünn beschneite Dächerlandschaft, es graupelte aus einem trüben, schon dunkelnden Nachmittagshimmel. Winter. Der Winter machte ihn immer traurig. Nicht so wie viele Menschen, die den Sommer lieber mochten und jetzt unter den kurzen, oft düsteren Tagen litten. Es war etwas anderes, das er tief in sich vergraben hatte. Lange schon. Sein Blick kam zurück. Er saß dem anderen Mann an einem niedrigen Rauchglastisch gegenüber, wie dieser in einem der vier schweren, dunkelrotledernen Sessel. Auf dem Tisch Papiere, viele Diagramme, Tabellen.

Die Männer glichen sich in ihrer Kleidung: Gut geschnittene Anzüge in gedeckten Farben, hochwertige Hemden, Krawatten und Schuhe, beide trugen die Haare kurz, waren sorgfältig rasiert, hatten gepflegte Hände. Der Redende mochte vielleicht zehn Jahre älter sein, war aber in etwa genauso groß und schlank wie der Zuhörende. Nur ihre Nationalität oder besser, ihre ethnische Herkunft war verschieden. Obwohl auch der jetzt Zuhörende fließendes, akzentfreies Deutsch sprach, verrieten seine dichten pechschwarzen Haare, seine dunklen Augen und seine auch im Winter leicht olivfarbene Haut, dass er oder zumindest seine Familie aus dem Süden kam, dem orientalischen Süden. Ein gebürtiger Türke, ein Levantiner, ein Perser vielleicht oder ein Araber. Aber hier spielte das keine Rolle. Wer es bis hierher geschafft hatte, gehörte durch seine Funktion dazu, gleich, wer er sonst sein mochte und woher er kam. Die Funktion bestimmte hier, wer er für andere war. Der Erfolg, was er für andere war. Hier gab es nur den Erfolg oder sein Gegenteil. Und weil das so war, versuchte der Redende wahrscheinlich jetzt, wenn auch so aussichtslos, wenigstens die Fassade aufrechtzuerhalten. Er würde Angst haben, dass er mit dem Eingeständnis seines Misserfolges alles verlor. Vor den anderen. Vor sich.

Der immer noch zuhörende Mann drückte seine Zigarette aus, er räusperte sich. Es war Zeit, das Schauspiel zu beenden.

„Herr Doktor Breidenfels“, er hob wie beschwichtigend seine Hände. „Herr Doktor Breidenfels, lassen Sie uns an dem Punkt hier abbrechen, es führt ja nicht weiter.“ Der Andere verstummte plötzlich, sah ihn konsterniert an.

„Schauen Sie …“ Er zog eine der Tabellen zu sich. „Das Unternehmen ist seit gut zwei Jahren definitiv überschuldet, und wenn Sie bisher noch überlebt haben, dann deshalb, weil es mehrfach Kapitalzuführungen gegeben hat, meines Erachtens übrigens unter falschen Voraussetzungen.“

„Das ist … Also, das ist wirklich …“

„Das ist die Sachlage, Herr Doktor Breidenfels! Ich bin anscheinend, und das ist erstaunlich genug, der Erste, der es einfach nur ausspricht. Und das können wiederum Sie mir glauben: Ich werde nicht der Letzte sein.“

 Der Andere fuhr auf. „Was wollen Sie damit sagen, Herr Kara?“ „Ihnen muss doch klar sein, dass es jetzt weitere Prüfungen und Untersuchungen geben wird.“

„Ungeheuerlich, das ist ungeheuerlich!“ Der Mann federte aus seinem Sessel, stemmte die Hände in die Seiten.

„Das ist es in der Tat, Herr Doktor Breidenfels.“ Der Mann blieb sitzen, sprach ruhig und konzentriert.

„Aber Ihnen muss doch längst klar gewesen sein, dass die tatsächliche Lage spätestens im Zuge des angebahnten Verkaufsprozesses offenbar werden musste, und Sie dann auch den Anteilseignern dazu Rede und Antwort würden stehen müssen.“ Der Andere begann mit ausgreifenden Schritten auf und ab zu gehen.

„Wenn … wenn das wirklich so ist … so sein sollte, wie Sie hier vermuten …“

„Ich vermute das nicht, es sind Fakten, Herr Doktor Breidenfels.“

„Das … das wird sich noch herausstellen, und Sie können versichert sein, mein lieber Herr Kara, wenn ich feststellen sollte, dass es hier … hier Unregelmäßigkeiten gegeben hat, dann werde ich die Verantwortlichen …“

„Sie sind der Verantwortliche, Herr Doktor Breidenfels! Und Sie sind es nicht nur Ihrer Funktion, sondern auch Ihrem eigenen Handeln nach.“ Kara schüttelte kaum merklich den Kopf. Wie konnte sich dieser Mann nur in eine solche Lage bringen? Und wie hielt er selbst die Unwürdigkeit seines ganzen Auftritts aus? Jedes Mal, wenn er mit einer solchen Situation konfrontiert wurde, machte ihn das am meisten betroffen, auch wütend. Menschen in dieser Position, mit diesen Privilegien, mit dieser Verantwortung mussten sich doch würdig verhalten. Mindestens das oder vor allem das. Was sollte sie sonst und in Wirklichkeit unterscheiden von …

Früher, ganz früher, als ihm hier alles noch fremd gewesen war, als er sein eigenes tagtägliches Staunen über diese neue und so andere Welt noch kaum hatte bewältigen können, früher, als Kind, da hatte er geglaubt, dass alle die Menschen, die Anzüge trugen, die an irgendwelchen Schreibtischen saßen – dass sie alle würdig und groß sein müssten, kultiviert und gebildet und so anders als …

Später in seinem Hotelzimmer, wie immer eines der besten Häuser der Stadt, stand Harun Kara am Fenster und rauchte eine Zigarette. Es war dunkel geworden, aber durch die Dunkelheit schimmerte der jetzt dicht fallende Schnee. Die Aussicht ging auf einen großen Platz, gegenüber das machtvolle Säulenportal des Opernhauses. Aus dessen großflächigen Fenstern fiel Licht. Menschen auf der breiten Freitreppe. Die Oper war nicht sein Fall. Theater ja, auch sinfonische Konzerte, aber nicht beides zusammen. Er wollte sich entweder auf die Worte, die Handlung oder auf die Musik, die reine Poesie der Klänge konzentrieren. Mit ihrer Mischung konnte er nichts anfangen.

Vorhin hatte er mit seinem Chef telefoniert. Berichtete von den letzten Ergebnissen und dem fruchtlos gebliebenen Gespräch mit Doktor Breidenfels.

„Man könnte wirklich glauben, dass dieser Mann völlig ahnungslos ist. Ich werde das nie begreifen.“

„Machen Sie sich darum keinen Kopf, Harun, das klärt sich jetzt alles von selbst“, hatte Schornröder gesagt und kurz geschnauft.

„Unser Freund Breidenfels kann jedenfalls schon mal das Büro räumen und übrigens froh sein, dass er es nicht mit mir zu tun hatte. Sehr gute Arbeit, Harun, wie immer. Aber apropos gute Arbeit – sagen Sie, macht es Ihnen etwas aus, gleich im Anschluss, also von dort nach Marseille zu fliegen, es brennt …“

„Bei Fratoc S.A.?“

„Exakt. Wie kommen Sie darauf?“

„Ich habe es erwartet. Erinnern Sie sich an mein Memo?“

„Deshalb möchte ich, dass Sie übermorgen hinfliegen. Was Sie an Unterlagen brauchen, lasse ich Ihnen zumailen. Und Harun“, wieder hatte Schornröder geschnauft, „wenn Sie morgen unsere Investorengruppe einführen, ich brauche es Ihnen im Grunde ja nicht zu sagen, bitte trotz allem kein Scherbengericht, Sie verstehen schon. Ich werde dafür sorgen, dass Breidenfels Ihnen nicht dazwischenpfuscht, der macht alles nur noch schlimmer.“

Sie hatten noch eine Weile gesprochen, über einige Details für morgen. Und für Marseille. Marseille war gut. Dort unten würde bestimmt kein Schnee liegen. Und der ausgehende Winter überhaupt ein anderes Gesicht haben. Eine Stadt am Meer, das war schön. Harun mochte Städte, die am Meer liegen. Ihr weiter Horizont zum Wasser hin hatte etwas Befreiendes. Alles konnte sich im Irgendwo verlieren. Kein Echo kam zurück. Harun hatte sich dann auf das breite Bett gesetzt, den Rücken gegen die Wand gelehnt, die Beine ausgestreckt und sein Notebook eingeschaltet. Die PowerPoint-Präsentation für morgen. Ein paar kleine Änderungen noch. Und grafische Spielereien.

„Mister PowerPoint“ – den Ruf hatte er sich erworben.

„Wenn ich sehe, wie Sie mit diesem Computerkram umgehen“, sagte Schornröder oft, „komme ich mir wie ein Steinzeitmensch vor.“

Aber Harun wünschte sich insgeheim, er würde die Tastatur eines Klaviers so beherrschen wie die eines PC. Immer wieder der Vorsatz, Unterricht zu nehmen, sich ein Klavier zu kaufen. Wie das gewesen wäre, wenigstens, aber was hieß hier „wenigstens“?! Wie das also gewesen wäre, auch nur annähernd so spielen zu können wie der Pianist in der einen oder anderen Bar, die er kannte. Man musste nur anfangen, einfach anfangen. Musste. Genauso musste er endlich mal die Bilder in seiner Wohnung aufhängen, die letzten Kisten ausräumen und die Bücher sortieren. Musste. Dafür reichte die wenige Zeit, die er zu Hause verbrachte, doch allemal. Musste.

Harun hatte keine Lust mehr, zum Essen auszugehen. Draußen zu sein, im Schnee. Nicht einmal im Taxi. Er würde im Hotelrestaurant essen. Oder, noch besser, im Kaminsalon, da wurde auch serviert. Und ein offenes Feuer brannte. Es war so beruhigend, in die marmorgefassten Flammen zu schauen. Und an manchen Abenden spielte in der dem Kaminsalon vorgelagerten Bar ein Pianist. Einfach nur im warmen Halbdunkel dort sitzen, nach dem Essen ein paar Zigaretten rauchen, den Blick verschwimmen und sich von den leicht angeschlagenen Melodien einhüllen lassen. Morgen daran denken, noch zwei Hemden und zwei T-Shirts zu kaufen, es gab hier im Haus eine gut sortierte Modeboutique.

Später kam ihm noch einmal Doktor Breidenfels in den Sinn. Wahrscheinlich würde ihm trotz allem nicht viel passieren. Entlassung, Abfindung, das würde es gewesen sein. Sein Vertrag gab es her. Und wahrscheinlich hatte niemand allzu großes Interesse an einer genauen Untersuchung darüber, wie es zu diesem Desaster kommen konnte. Zu viele hätten es bemerkt haben können, merken und etwas tun müssen. Vielleicht hatte Breidenfels auch nur gemacht, was besonders der Beirat und andere von ihm erwartet hatten: Die Dinge schön geredet und alle in den Hoffnungen gewogen, die sie offenbar hatten hören wollten. Es war immer wieder erstaunlich, wie viel Irrationalität man gerade dort begegnete, wo man sie nicht unbedingt erwartete.

Wenn ihn überhaupt etwas an seinem in jeder Hinsicht anstrengenden Job anstrengte, dann war es das. Das Irrationale. Obwohl er sich einen Habitus angewöhnt hatte, damit umzugehen. Das Rezept war einfach: Sich nicht darauf einlassen. Beim Rationalen bleiben. Ruhig, sachlich. Höflich, solange es ging. Der große Vorteil seines Jobs lag darin, dass die Projekte wechselten. Selbst wenn eines mal drei oder auch sechs Monate dauerte – letzteres kam kaum vor –, danach war es vorbei, ein neues Projekt, ein neues Unternehmen, eine andere Stadt, andere Menschen. Das erleichterte. Man schleifte nicht ab. Wurde nicht unweigerlich in irgendwelche Geflechte und Nähen verwickelt. Man blieb ein Externer. Ein Externer. Ich bin ein Externer … Als Harun merkte, dass ihm die Augen immer wieder zufielen, zeichnete er die Rechnung ab, gab der hübschen Bedienung ein großzügiges Trinkgeld und verließ den Kaminsalon.

Schornröder hatte wie immer Wort gehalten. Doktor Breidenfels tauchte am folgenden Tag nicht auf, und die Präsentation verlief nach Haruns Vorstellungen. Die Holländer waren Freunde klarer Worte und honorierten sie mit klaren Aussagen. Mehr war unter diesen Umständen nicht zu erwarten gewesen. Am Abend ging man gemeinsam essen, Breidenfels’ sichtlich um Haltung bemühte Sekretärin hatte ihnen einen Tisch in einem ausgezeichneten Speiselokal reserviert. Die Holländer erwiesen sich als angenehme Konversationspartner, wobei angenehm für Harun vor allem bedeutete, dass es unangestrengt möglich war, die Aufmerksamkeit immer auf die Gegenseite gerichtet zu lassen. Nur die einzige Frau in der Gruppe, eine sehr attraktive Halbasiatin, wahrscheinlich aus den ehemaligen Kolonien, hatte ein paar, allerdings taktvoll gebliebene, Versuche gemacht, mehr über Harun in Erfahrung zu bringen. Vielleicht das Erkennen eines anderen Externen … Wer wusste das schon?

Schade. Oder auch nicht. Es führte zu nichts. Keine Nähe führte zu irgendetwas. Außer immer zu sich. Und deshalb zu nichts. Deshalb war es gut, nur ein Passant zu sein, ein Passierender.

Bis zum Morgen seines Abfluges nach Marseille hatte es fast ununterbrochen geschneit, der endende Winter noch einmal und wie selten geworden zugeschlagen. Auch noch flächendeckend. Harun war froh gewesen, nicht in seine, laut Nachrichten und Wetterbericht, ebenfalls verschneite Heimatstadt zurückkehren zu müssen. Zumal er bis zum nächsten Projekt eigentlich auch noch ein paar Tage frei gehabt hätte. Wenn jetzt nicht die Sache mit Fratoc gekommen wäre.

Und es gab Weniges, was er mehr scheute als freie Tage im Winter. Im Norden Frankreichs sah es mit dem Wetter jetzt kaum besser aus. Aber hier unten, im Süden, vom späten Schneechaos in weiten Teilen Europas keine Spur. Stattdessen klarblauer Himmel und Temperaturen um 15 Grad. Dafür Chaos bei der Fratoc S.A. Chaos à la Francaise. Bei allem Chaos eben nie ohne jenen gewissen Charme. Harun mochte Frankreich und war, ohne es dabei je zu zeigen, immer wieder stolz darauf, die Sprache soweit gelernt zu haben, dass es ihm die in unterschiedlichem Grade alle chauvinistischen Angehörigen der Grande Nation mit Respekt vergalten. Ihm, dem Pass-Deutschen und – wie sollte man es nennen? –

Volkstürken, also für unwissende Augen Zugehörigen des muslimischen Kulturkreises. Deutscher oder Muslim. Zwei gerade hier in Frankreich nicht unbedingt immer optimale Ausgangspositionen. Genauso wenig wie jemand, der die Einheimischen mit kommentarlos forderndem Englisch überfiel. So brach Harun jede Front auf: Ein passabel Französisch sprechender Türke mit deutschem Pass. Auch das hatte offenbar Charme.

Und dann also drei wie erwartet turbulente, von morgens bis abends mit hintereinander gestauten Besprechungen, Telefonkonferenzen, hektischem Mail-Verkehr und Sitzungen gefüllte Tage. Die schmalen Zeitfugen dazwischen vor dem Notebook, immer wieder am Handy. Das allgegenwärtige „Zahlenjoch“, wie Breidenfels es genannt hatte. Immerhin das nicht ganz zu Unrecht. Ein ständiges Analysieren, Korrigieren, Jonglieren unter begleitendem Diskutieren, Intervenieren, Moderieren. Rational sind nur die Zahlen. Und manchmal nicht einmal die. Harun saß, wie stets in solchen Krisenlagen, noch bis spätnachts im Büro, bereitete den Tag nach, den kommenden vor, an dem er wiederum zu den Ersten gehörte, die erschienen. Es machte ihm nichts aus. Eher im Gegenteil. Und Französisch hin, Türke her, unter dem Strich war er eben doch ein Deutscher. Aber einer mit Charme, wenn auch etwas distanziert. Verbindlich distanziert. Zum Bedauern auch mancher Dame, der dieser zudem gut aussehende, immer gut gekleidete, kultiviert auftretende Mann unweigerlich ins Auge fiel.

Schließlich geschafft. Schornröder war zufrieden, die anderen waren es auch. Wenngleich sie solche Art straff geführten Marathons hier kaum gewöhnt waren. Freitag, Wochenende. Vom Balkon seines Hotels hier der Blick bis zum Meer. Im Hellen hatte Harun es nur bei seiner Ankunft kurz gesehen. Cote d’Azur. Wie wahr. Nachts war es sein Begleiter, sein Pförtner zum Schlaf gewesen. Er hatte die Balkontür gekippt gelassen, damit das sanfte Branden und Rauschen bis in sein Zimmer wehen konnte. Eigentlich müsste man irgendwo am Meer leben. Für ihn war es letztlich gleichgültig, wo er wohnte. Solange nur Flughafen und Bahnhof gut zu erreichen waren. Aber wenn er wirklich in irgendeiner Stadt am Meer lebte, würde er seine Wohnung dort dann endlich fertig einrichten? Würde er sich in der Stadt dann zu Hause fühlen, wenn er nach Hause käme? Würde er die Tage schätzen und wirklich genießen lernen, an denen er nicht arbeitete? Immerhin, er lebte doch auch jetzt zwar nicht am Meer, aber in einer Hafenstadt, die die Nähe des Meeres ahnen ließ.

Er sollte eigentlich noch am Freitagabend zurückfliegen. Aber etwas ist ihm die ganze Zeit über nicht aus dem Sinn gegangen. Denn in der Lobby des Hotels hatte Harun am ersten Tag eine Entdeckung gemacht: eine Postkarte, nur eine Bildpostkarte in einem Ständer. Sehr kunstvoll fotografiertes Motiv auf hochwertigem Papier. Eine Landschaftsaufnahme. Silbrig dahinströmender Fluss in einem felsigen Tal, teils grüne Anhöhen, Sommerhimmel darüber. Und weil die Karte eine französische Ortsbezeichnung trägt, fragte er den Concierge schließlich, wo die abgebildete Gegend läge. Der erklärte, dass sich dieses Tal etwa 40 Kilometer weiter landeinwärts befände. Im Esterel-Gebirge. Der kleine Fluss wäre ein Seitenarm der Rhône.

„Sehr, sehr reizvoll, Monsieur, wirklich, es lohnt sich.“

Und Harun hatte sich entschlossen, noch zu bleiben, sich Samstagvormittag einen Wagen gemietet. Er konnte genauso gut erst am Sonntag fliegen, hat seinen Flug umbuchen lassen. Kosten spielten keine Rolle. Das gehörte zu den kleinen Privilegien, die er sich lange erarbeitet hatte. Längst hätte er auch aufsteigen können in der Hierarchie seiner Firma. Man hatte es ihm mehr als einmal signalisiert und angeboten. Aber er hatte kein Interesse daran. Es war gut wie es jetzt war. Er konnte relativ unabhängig arbeiten, in eigener Verantwortung, ohne festes Team, ohne fixe Einbindung. Selbst da ein Externer. Unsere „Ein-Mann-Geheimwaffe“, wie Doktor Endress es nannte.

Und weil Harun gut war, sehr gut, ließ man ihn gewähren, Headhunter schliefen nicht, billigte ihm darüber hinaus eine Reihe persönlicher Vergünstigungen zu, die er maßvoll nutzte. Wie jetzt.

Auch diesen Samstag machte das Licht dem Namen der Region alle Ehre. Harun hatte ein kleines Peugeot-Cabriolet gewählt, sich eine wollene Mütze gekauft, er fuhr mit offenem Verdeck und Sitzheizung die kurvige Bergstraße entlang. Neben ihm eine Karte, auf der ihm der Concierge die Route zu diesem Tal markiert hatte. Er war froh, jetzt hier entlangzufahren, durch die zwar noch winterliche, aber offen unter dem blanken Licht liegende Natur, die schon auf den Frühling zu warten schien. Bei ihm oben, in seiner Stadt, lag immer noch Schnee.

Wäre er wie vorgesehen gestern zurückgeflogen, hätte er heute vielleicht Ines anrufen können. Besser, sie ihn. Ines war hübsch, nett, intelligent. Harun mochte ihre Gesellschaft. Besser als allein in der Wohnung zu sein. Aber es würde Probleme geben, früher oder später. Wie immer. Harun war fast sicher, dass Ines nicht einfach nur seine Gesellschaft mochte.

Er erreichte das Ziel seines Ausflugs. Auf einer Art Hochplateau gab es einen Parkplatz. Es standen nicht viele Wagen dort. Ein beliebtes Ausflugsziel, hatte der Concierge gesagt. Aber jetzt, im Winter wäre es meist nicht so voll.

Darauf hatte Harun gehofft. Dort auf Scharen von Menschen zu treffen, hätte jeden Zauber zerstört. Den Zauber, den er jetzt empfand, während sein Blick von der Höhe hinunter in das schmale Tal ging, wo der Fluss in der Mitte entlang strömte. Man konnte hier auf der Höhe oder unten an seinem Ufer bis zu einem großen Dorf oder einer kleinen, sehr kleinen Stadt gehen. Malerisch konservierte Vergangenheit. Auch davon gab es Postkarten im Hotel. Harun ging nach kurzem Überlegen einen teils mit eisernem Geländer flankierten Pfad hinunter, bis er das sandige und geröllige Ufer des Flusses erreicht hatte. Sein Rauschen und Plätschern hallte von den hohen Felswänden wider, sonst war es still. Niemand weit und breit zu sehen.

Gott lauschen … Ja, hier konnte man Gott lauschen. Harun schloss seine Augen, atmete tief, ein Schauer durchzitterte seinen ganzen Körper. Alles war auf einmal so nah und so unerreichbar zugleich. Er ging ein paar Schritte am Ufer entlang und bemerkte schließlich seine Tränen. Dann kehrte er langsam um, stieg den Pfad zurück hinauf. Wieder im Wagen, zündete er sich eine Zigarette an. Irgendwann vielleicht, irgendwann … Er fuhr den Weg zurück, aß in einem Restaurant am Hafen zu Mittag. Dann unternahm er einen langen Spaziergang am Strand, ließ die nachwirbelnden Gedanken und Bilder in ihm zur offenen Weite hinaus entweichen. Den Rest der Zeit bis zum Abflug am nächsten Vormittag verbrachte er in seinem Zimmer und auf dem Balkon.

~ Damals ~

Der kleine Junge ist dick vermummt. Ein kleines dahin springendes Bündel in dunklen Farben, das sich abhebt von den silberweiß übermantelten Konturen der Felsen, dem silberweiß überdeckten Boden und der silberblau schimmernden Oberfläche des kleinen Flusses, der hier am Boden des Tals entlang strömt und plätschert. An seinen Rändern scharf gezackte Eisstücke. Der kleine Junge springt Muster in die Schneedecke und ist so versunken dabei, dass er nichts um sich herum wahrzunehmen scheint. In seinem Kopf hält ihn die magische Vorstellung gefangen, dass er ein bestimmtes Muster, von dem er nicht einmal sagen könnte, wie es im Ganzen aussieht oder wann es fertig ist, dass er also dieses bestimmte unbestimmte Muster hier und jetzt auf seinem Weg vollenden muss, um den sonst geheimen Weg gezeigt zu bekommen, der von den ringsum hohen Felsen aus direkt in den Himmel führt.

Denn die Berge hier seien Stufen Allahs, sagen die Leute. Aber niemand könne sie je betreten. Außer wenn er tot sei, und Allah ihn dann zu sich hole. Natürlich nur, wenn er zuvor auch immer seine Gesetze befolgt habe. Aber Harun hat schon Geschichten gehört, Geschichten, die manchmal von den Alten erzählt werden, wenn alle um den Tisch oder am Ofen versammelt sind. Und diese Geschichten handeln von Menschen, die vor langer, unendlich langer Zeit den geheimen Weg entdeckt haben, der schon im Leben in den Himmel führt. Diese Menschen seien dann eines Tages plötzlich verschwunden, und niemand wisse oder habe je herausgefunden, wo sie geblieben seien. Was mit ihnen geschehen sei, darüber wird Unterschiedliches erzählt. Offenbar hängt es damit zusammen, was es für Menschen waren. Da gab es schlaue, die es mit ihrer List geschafft hatten, den Weg zu entdecken. Ihnen war das wohl nicht allzu gut bekommen, sie hatten sich an Allah versündigt. Und es gab andere, gute und gläubige Menschen, denen es in der Welt aber schlecht gegangen war, und ihnen hatte Allah selbst eines Tages den Weg gezeigt, sie direkt ins Paradies geführt.

Harun schwankt immer wieder zwischen Angst und Neugier. Ob Allah ihm böse sein würde, wenn er jetzt den Weg entdeckte, nachdem das Muster vollendet war? Auch wenn er dann nur einmal schauen würde, kurz schauen, wieder umkehren, niemandem den geheimen Weg verraten und auch nicht, was er an seinem Ende gesehen hätte? Niemandem …

Wenn es ihm wirklich gelänge, würde er es aber gern Bahar erzählen. Nur ihr. Und natürlich erst, nachdem sie sämtliche Schwüre geschworen hätte, es niemandem jemals zu erzählen. Der Weg, den er jetzt hier am Ufer des kleinen Flusses entlang springt oder entlang mustert, der Weg führt zu dem Dorf, wo Bahar lebt. Ein noch kleineres Dorf als das, wo Harun zu Hause ist. Zwei von vielen hier in den Bergen Ostanatoliens verstreuten Dörfern, deren Namen fast nur die Menschen hier kennen.

Jetzt im Winter gibt es weniger zu tun, die Schafe und Ziegen bleiben in ihren kleinen Ställen oder während der Sonnenstunden auf den kleinen Koppeln inmitten der Dörfer. Zwar muss Harun die meiste Zeit im Stall arbeiten, ausmisten, das Heu wenden, frische Ballen hereintragen helfen, die Tiere von Schmarotzern befreien, aber er hat sich längst ein paar Techniken und einen Rhythmus zurechtgelegt, dass er mit seinen Aufgaben gut fertig wird. Auch wenn seinem Cousin Erdoan das nicht gefällt.

„Der Schmarotzer macht sich auf unsere Kosten ein schönes Leben“, mault er immer wieder.

Aber seit Harun dem Onkel auf dem Markt hilft, damit der beim Handeln und Rechnen nicht mehr übervorteilt wird, genießt er gewisse Freiheiten.

Hoch oben, noch über den Felsen, kreisen zwei Bussarde, ihre Rufe hallen durch das Tal. Ob sie den Weg zum Himmel auch kennen? Der alte Mesut hat gelächelt, als Harun ihm davon berichtete, dass er einen Plan habe, die Stufen Allahs zu entdecken. Er, Harun, hätte nämlich einen Traum gehabt. Und in diesem Traum wäre es ein geheimes Muster gewesen, das man in den Schnee zeichnen müsse, um den Weg zu finden.

Und was er dann machen würde, wenn er den Weg entdeckt habe, hatte ihn Mesut gefragt.

„Vielleicht nur einmal kurz schauen“, hatte Harun geantwortet. Und vielleicht, wenn er denn schon einmal da wäre …

„Vielleicht also was noch, Harun?“ Der hatte sich kurz geniert.

„Also, wenn Allah nicht gerade sehr viel zu tun hat, dann würde ich ihn vielleicht fragen, wann … wann meine Eltern kommen und ob … ob er ihnen nicht sagen könnte, dass sie mich bald holen kommen sollen.“ Der alte Mesut hatte ihm über den Kopf mit dem dichten schwarzen Haar gestrichen.

„Das tu nur, Harun, das tu dann nur. Du bist ein freundlicher, guter Junge, und Allah wäre dir gewiss nicht böse.“

Haruns Eltern sind kurz nach seiner Geburt in ein fremdes, fern liegendes Land gegangen, um dort zu arbeiten, bis sie unheimlich reich sein würden. Und dann wollten sie kommen und ihn zu sich holen. Seither und bis dahin lebt Harun im Haus seines Onkels Kemal. Aber er hätte gerne auch Eltern.

Falls er jetzt die Stufen Allahs entdeckte, wie lange würde es wohl dauern, bis er … ja, bis er dann am Ende der Stufen angekommen wäre, geschaut und vielleicht Allah kurz gefragt hätte?

Aber Bahar würde die ganze Zeit auf ihn warten, gar nicht wissen, wo er bliebe und sich bestimmt Sorgen machen. Das hat er gar nicht bedacht. Und außerdem ist es kalt. Wenn sie dann zu lange hier draußen auf ihn warten müsste, würde sie sich noch eine Erkältung holen. Für einen Moment verliert er seine Konzentration, gerät ins Straucheln, stolpert, versucht sich zu halten, aber landet schließlich bäuchlings im Schnee.

Oh nein! – Aus!

Das Muster darf doch nicht unterbrochen werden, keine Unregelmäßigkeit aufweisen! Das war’s! Dabei hat er schon so viel geschafft. Der ganze Weg, die ganze Anstrengung umsonst.

Zornig schlägt er mit den Armen in den Schnee, fast kommen ihm die Tränen. In dem Augenblick ertönt ein helles Lachen von einem der Felsen her. Harun schreckt hoch. Eine zweite kleine, ebenso dick vermummte Gestalt stürmt auf ihn zu.

„Was machst du denn da?“ Mit einem Mal ist aller Zorn verflogen, statt Tränen lacht auch Harun befreit auf, erhebt sich aus dem Schnee, klopft seine Sachen ab.

„Das … das war ein … ein Epi… ein Ex - pe - ri - ment“, sagt er etwas verlegen. Das Wort hat er vom alten Mesut gelernt. Wie schon viele geheimnisvolle Wörter, die außer ihnen beiden hier niemand kennt. Und das Rechnen.

Die zweite Gestalt ist ein kleines Mädchen, nur ihr Gesicht lugt unter einer Art Turban und Kapuze zugleich hervor. Es ist ein feines Gesicht mit zwei funkelnden Augen. Sie strahlen Harun an. Manchmal denkt er, ganz heimlich, tief in sich, dass diese Augen seine Stufen Allahs sind … Als leuchteten sie nur für ihn.

„Ein …??!“ Sie blickt fragend.

„Ach, nicht so wichtig“, sagt Harun. „Es hat sowieso nicht geklappt.“ Eigentlich ist er froh, denn so hat sich das Problem erledigt, dass Bahar hier umsonst auf ihn gewartet hätte. Und er hätte sich eigentlich denken können, dass sie ihn wieder irgendwo auf dem Weg erschrecken würde, indem sie plötzlich hinter einem der Felsen hervorspringt, wie sie es fast immer tut, wenn er hier unten zu ihr unterwegs ist.

„Gehen wir zu unserer Höhle?“, fragt er.

„Ja, und sieh mal.“ Bahar zeigt auf einen kleinen Beutel, den sie über der Schulter trägt. „Meine Mutter hat mir etwas zu essen mitgegeben und dir auch!“

„Fein.“

I. Kapitel – Elaine. Zwei Jahre zuvor

Drei Wochen São Paulo, dann, vor dem Rückflug nach Europa, Zwischenstopp in New York, dort zwei Tage Meeting in den Global Headquarters, anschließend eine Woche Mailand und, kurzfristig, acht Tage Prag, als Ersatz für einen plötzlich ausgefallenen Kollegen.

Belling hätte einen Kreislaufkollaps erlitten, hieß es. Burn-out, wurde sogar gemunkelt, nicht ohne Schadenfreude. Belling war so alt wie Harun. Arbeitete mindestens genauso viel. Harun hatte bislang kaum mit ihm zu tun gehabt. Aber er wusste, dass Belling ehrgeizig war, unbedingt und schnell nach vorne kommen wollte. Und dabei, was die Mittel anging, nicht zimperlich war. Seinen Job machte er wohl gut, er galt, wenn er auch sonst nicht sonderlich beliebt war, als hochkompetent. Ein Mann mit Zukunft.

Während Harun Bellings Projekt in Prag, wo man gerade in einer entscheidenden Phase steckte, weiterführte, bis dann ein neuer Teamleiter übernehmen würde, wurde bekannt, dass Belling für längere Zeit ausfiele. Etwas Ernstes also. Das Herz, hieß es. Zuviel gearbeitet. Zuviel geraucht. Zuviel Stress. Zuviel Druck aufgebaut. Sich zuviel zugemutet. Harun stellte sich vor, wie Belling sich fühlen mochte, dass ausgerechnet ihm das passiert war. Wahrscheinlich haderte er mit sich wegen der plötzlich offenbar gewordenen „Schwäche“. Ein Unfall, irgendeine äußere Einwirkung, ja, zwar ärgerlich, aber sozusagen überpersönlich. Krankheit oder am Ende bloß Überlastung dagegen ein persönliches Manko. Ein persönliches Defizit. Dem Tempo, den Belastungen des Jobs nicht gewachsen. Also aus dem Rennen. Selbstverschuldet. Solches Denken war verbreitet. Und Harun versuchte sich vorzustellen, wie er sich fühlen würde, wenn ihm so etwas passierte: Ausfallen wegen Überlastung, Überforderung. Dem Stress, dem Druck nicht standgehalten, Schwäche gezeigt haben. Er hatte nie darüber nachgedacht.

Bis jetzt. Also: Zuviel arbeiten? Vielleicht. Zuviel rauchen? Sicher. Aber Stress? Druck? Auch wenn er viel arbeitete, wenn die Arbeit bis auf die oft auch noch eingeschränkte Zeit des Schlafens sein Leben ganz beherrschte, wenn Termine drängten, Probleme sich häuften, wenn er kurzfristig, wie jetzt in Prag, einsprang, obwohl er gerade vier fordernde Wochen im Ausland hinter sich hatte, trotz alledem empfand er sich nicht als gestresst oder unter Druck. Nicht wirklich. Von einem gewissen Punkt an körperlich müde, erschöpft, ja, aber es blieb etwas Unmittelbares, das auch wieder verging. Stress und Druck kamen, wenn die Arbeit mittelbar wurde. Oder wenn man fürchten musste, das etwas nicht gelang, dass man scheiterte. Vor allem, wenn mit dem Scheitern mehr verbunden war als das Nichtgelingen von etwas Unmittelbarem. Harun fürchtete kein Scheitern und sah den Erfolg nicht als Mittel zu etwas. Auch das Gelingen blieb ihm unmittelbar. Freude, manchmal Stolz, das geschafft zu haben, worum es gerade ging. Wieder etwas abgehakt.

Bei Menschen wie Belling kam der eigentliche Druck nicht aus der Arbeit selbst, sondern aus ihrem Ehrgeiz, aus dem eigenen Karrierefahrplan, dem sie sich und das, was sie taten, unterwarfen. Er kam aus ihrer Ungeduld, ob und wann sie welche Stufe erreichen würden und ihrer daraus resultierenden inneren Spannung. Der Druck kam daher, dass sie Ziele verfolgten, die über das Unmittelbare hinausgingen. Dass es nicht nur einen Karrierefahrplan, sondern einen Lebensplan gab. Dass sie neben ihrem Beruf vielleicht noch eine Familie hatten. Erweiterter Planungsraum. Erweiterte Ziele. Mögliche Zielkonkurrenzen, Zielkonflikte. Belling war verheiratet, hatte, soweit Harun wusste, zwei Kinder. Pflichten. Ansprüche. Pläne. Ziele. Ein Leben.

Als Harun in die heimische Niederlassung seiner Firma in Deutschland zurückkam, sagte ihm Schornröder, dass Belling einen Hörsturz erlitten hätte. Nicht absehbar, wann er wieder fit wäre.

„Schön, dass Sie uns Prag in Gang gehalten haben. Henzel hat sich schon lobend über die Übergabe geäußert“, schnaufte Schornröder und fuhr sich mit einem riesigen Stofftaschentuch über die Stirn. In seinem Büro standen die Fenster offen, er mochte Klimaanlagen nicht, selbst bei diesen hochsommerlichen Temperaturen, die ihn auch wegen seiner Körperfülle gehörig schwitzen ließen. Henzel war der neue Projektleiter für Prag.

„São Paulo, Mailand, alles klar?“ Schornröder wischte mit der Hand ein paar Krümel von seiner wieder einmal etwas zu bunt geratenen Krawatte.

„Alles klar“, sagte Harun. „Ich werde die paar Tage hier nutzen, um ein paar Sachen nachzubereiten und die Präsentation für das Board zu machen.“

„Ausgezeichnet. Tun Sie das. Tja, und dann …“ Schornröder grinste nach einem Blick auf irgendeines der Papiere, die seinen ausladenden Schreibtisch ohne erkennbare Ordnung übereinander, ineinander, nebeneinander geschichtet bedeckten. Irgendwo dazwischen, wie eine Insel, ein Teller mit zwei belegten Brötchen. Eier, Salat, Tomaten. Eins war angebissen.

„Was halten Sie denn von Kapstadt, hm?“ Er trank einen kräftigen Schluck aus einer kleinen Wasserflasche, von denen immer ein ganzer Kasten in seinem Büro stand.

„Kapstadt“, wiederholte Harun, überlegte kurz.

„Meeijsebosch & Van Hees?“, fragte er dann.

„Ja, Potzdonnerwetter, kann man Sie denn mit gar nichts überraschen?!“, schüttelte Schornröder den Kopf, hob dann einen Finger.

„Sie waren doch gerade in New York. Das haben Sie von Lonsdale, dieser verflixten Plaudertasche, oder?“

„Auch. Aber ich habe seit einiger Zeit schon die Meldungen verfolgt und eigentlich erwartet, dass …“

„Da kann man bloß hoffen, dass nicht alle so aufmerksam sind wie Sie, und dass Lonsdale es nicht auch noch ans Schwarze Brett hängt. Herrgott noch mal, es ist wirklich nicht zu fassen, was sich Leute in solchen Positionen leisten, Kindergarten“, schnaufte Schornröder, „wie im Kindergarten …!“

Es kam nicht allzu oft vor, dass Harun ein paar Tage in der Niederlassung verbrachte, morgens von seiner Wohnung aus zur Arbeit fuhr. Von Tür zu Tür brauchte er dann ungefähr 20 Minuten. Aufstehen, nicht am Buffet frühstücken, Kaffee auf dem Hocker neben der kleinen Küchenzeile, zur Arbeit fahren. Und abends zurück. Jeden Abend in der eigenen Wohnung. Beinahe ungewohnter als das Unterwegssein, das Schlafen im Hotel. Irritierend. Dafür hochsommerliches Wetter auch hier. Wie in den vergangenen fünf Wochen woanders. Und das Licht, die Wärme, die davon durchdrungene Atmosphäre schien die Orte einander anzunähern. Wie schon die immer gleich passierenden Sichträume unterwegs: Flughafen, Taxi, Hotel, Büros und Konferenzsäle. Lange Tage. Abendliches Leben. Gemeinsame Essen in Restaurants. Draußen überall gleißendes Wetter, nirgendwo Temperaturen unter 27 Grad, jetzt auch hier nicht. Nur das Blau des Himmels hatte unterschiedliche Tönungen. Und die Luft roch anders. Und dann waren da, vor allem abends und nachts, noch die Sirenen der Streifenwagen und Ambulanzen in den Straßen gewesen, anhand deren verschiedenen Rhythmen und Klangbildern sich wie immer unterscheiden ließ, wo man gerade oder zumindest, dass man nicht zu Hause war. Zu Hause …

Jetzt wieder hier, in der eigenen Stadt. Zwischenaufenthalt. Nächste Woche vermutlich schon Kapstadt. Wahrscheinlich für länger. Wieder eine Stadt am Meer. Harun freute sich darauf. Auf den Geruch des Wassers, den man je nach Wind in der Nase hatte, das Rauschen der Brandung abends, nachts, wenn das Hotel nicht zu weit von der Küste entfernt lag oder der Wind es weiter landeinwärts trug. Außerdem ging es in Kapstadt nie ganz so hektisch zu. Er würde die neue Camus-Biografie mitnehmen. Und dazu dessen Reisetagebücher. Kapstadt. Er war bereits dreimal dort gewesen, das letzte Mal vor zwei Jahren. Ob es dieses kleine Restaurant an der Mole noch gab? Geheimtipp damals. Mal sehen.

In der heimischen Firmenniederlassung gab es freie Büros, die von den Mitarbeitern genutzt wurden, die gerade im Haus, ansonsten aber meist unterwegs waren. Die Büros sahen alle gleich aus und waren gleich ausgestattet. Praktisch, unpersönlich. Aber die Fenster gingen in Richtung eines nahen Parks. Schöner Ausblick. Sommerlich sattes Grün. Das Gebäude war alt oder besser historisch, natürlich restauriert, kernsaniert, innen bis auf dekorative Elemente modern. Die bodentiefen Flügelfenster ließen sich öffnen, davor hüfthohe, filigrane Gitter. Praktisch, um sich hinauszulehnen und zu rauchen. Denn natürlich war in den Räumen das Rauchen untersagt.

Wie immer musste Harun sich hier besonders konzentrieren. Er war diesen Tagestakt nicht gewohnt. Und das Ungestörte, Unbedrängte. Als wäre er ein ganz gewöhnlicher Angestellter, der jeden Morgen zu seiner nahe gelegenen Arbeitsstelle fuhr und abends zurück in seine Wohnung kam. Dazwischen ein immer gleicher, beinahe behäbig dahin fließender Tageslauf. So kam es ihm jedenfalls vor. Nach den gerade vergangenen fünf Wochen unterwegs warf die vergleichsweise Stille hier das Echo der gerade vergangenen Bewegung in ihm zurück. Die sich in schnellem Tempo reihenden Bilder der wie immer vorübergehend gewesenen Kulissen. Obwohl ihm seine Stadt eigentlich nicht weniger vorübergehend vorkam als die anderen Städte, vor allem die, in denen er öfter war, die ihm genauso vertraut schienen, denn die meiste Zeit verbrachte er unter dem Strich doch unterwegs. Eigentlich blieb er auch hier unterwegs. Immer auf Abruf wieder irgendwo anders hin. Und er war gern unterwegs. Zu Hause zu sein hatte immer auch etwas Forderndes. Vor allem die Forderung, sich zu Hause zu fühlen, die ihn, gerade wenn er es ganz bewusst versuchte, überforderte.

Harun konnte sich auch nicht aufraffen, Ines anzurufen, ihr zu sagen, dass er wieder da wäre und ein paar Tage hätte. Vielleicht am Wochenende. Wenn das Wetter so blieb. Vielleicht könnte man an die See fahren. Vielleicht. Harun drückte die Zigarette am Geländer aus, tat die Kippe in eine leere Zigarettenschachtel und ließ das Fenster halbgeöffnet. Das hier oben nur noch leise, aber vernehmbar heran dringende Klanggewoge der Stadt half ihm sich zu konzentrieren.

Schade, dass Wolfgang nicht da war. Von einer seiner Vortragsreisen, die er regelmäßig unternahm, hatte er Karten geschrieben, kurze Billets, wie immer. Dieses Mal aus Wien, aus Rom. Auch er unterwegs. Aber sein Unterwegssein war anders, natürlich. Wolfgang erinnerte ihn immer an jenen Typus des reisenden Europäers aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Obwohl er nicht von Gestern war. Und wenn, dann im guten Sinne. Mit fast siebzig dazustehen wie Wolfgang war beneidenswert. Erstrebenswert. Aber ließ sich so etwas überhaupt anstreben? Wieder kam ihm Belling in den Sinn. Lebensplan. Ziele. Welchen Plan hatte er selbst, welche Ziele?

Am dritten Tag kam Doktor Endress, der Regionalleiter West- und Zentraleuropa, in das Büro, das Harun jetzt benutzte und eröffnete ihm, dass am Wochenende eine exquisit besetzte Managertagung in London stattfände, auf der er ihn, Harun, gerne sähe. Zumal durch Bellings Ausfall ein Platz freigeworden wäre. Belling. Klar, dass der sich dafür empfohlen hatte. Networking. Karriere ohne Networking funktionierte nicht. Oft genug, zu oft funktionierte sie vor allem durch Networking.

„Machen Sie sich bei solchen Anlässen nicht immer so rar, Herr Kara. Ich weiß ja, man hat zumal am Wochenende nicht immer Lust darauf“, mahnte Endress ihn wohlwollend, als Harun spontan und offenbar unverkennbar wenig Begeisterung dafür zeigte.

„Es ist nicht nur für Ihren weiteren Weg von Vorteil, sondern manchmal sagt man sich dann hinterher auch: Eigentlich war’s doch ganz nett … Also, Harun, ich lasse Sie auf unsere Equipe setzen. Einer unserer Besten sollte da doch nicht fehlen!“ Endress hatte ihm aufmunternd zugenickt.

Doktor Endress gehörte wie Wolfgang zu den Menschen, die Harun bewunderte. Nicht bloß, weil ersterer eine international angesehene Koryphäe war, sondern weil er Stil hatte und ihn ganz unmittelbar verkörperte. In seiner Erscheinung, schlank, groß, immer perfekt, aber dezent gekleidet, in seiner Haltung, immer beherrscht, konziliant, aber fest und klar. Ein Vorbild für ihn. Nicht bloß als Manager, sondern auch als Person. Endress, über sechzig, allerdings gute zehn Jahre jünger wirkend, war kultiviert, gebildet, sein Horizont reichte weit über das Berufliche hinaus.

Obwohl er immer eine gewisse, nie demonstrative oder gar brüskierende Distanz hielt, hatte sich im Lauf der Zeit doch das ein oder andere Gespräch zwischen ihnen ergeben. Darüber, vielleicht mehr noch als über Haruns anerkannte Leistungen, hatte sich ein unausgesprochenes Vertrauensverhältnis entwickelt, dem Harun nicht zuletzt auch seine privilegierte Position im Unternehmen verdankte. Abgesehen davon, dass er auch in Schornröder, dem Operationschef, einen gewichtigen Fürsprecher besaß.

Wobei das Paradox seiner Privilegierung darin lag, dass sie gerade nicht im Dienste einer solchen beschleunigten Karriere, sondern eher deren Gegenteil stand. So würde es jedenfalls Belling sehen. Harun dagegen war froh, dass es ihm bislang gelungen war, seinen weitgehend unabhängigen, sozusagen querhierarchischen Status zu halten.

„Unser hochmobiles Ein-Mann-Sonderkommando“, wie ihn Schornröder gerne nannte, oder auch „Der Passepartout“.

So wäre Harun von sich aus auch nie auf diese Tagung gefahren. Das blieb überhaupt das Einzige, was er sich von seinen Vorgesetzten dann doch gelegentlich an Kritik anhören musste. Neben der mittlerweile mehr oder weniger akzeptierten Tatsache, dass er keine Ambitionen zeigte, in der sozusagen politischen Hierarchie des Unternehmens nach oben zu steigen. Dass er sich dementsprechend auch bei allen Aktivitäten, die sich vorrangig um die berühmte Netzwerkpflege, um Kontakte oder mehr und weniger repräsentative Anlässe drehten, soweit irgend möglich zurückhielt. Die Gegenwart lauter Menschen, die ganz offenbar Pläne hatten, Ziele, die an ihrer und für ihre Zukunft arbeiteten, strengte ihn an. Zumal es gerade bei solchen Anlässen eben um so etwas wie den Austausch von Zukunft ging.

Bei dieser Tagung in London sollten Vorträge renommierter Manager im Mittelpunkt stehen, die darüber referieren würden, wie sie in den vergangenen fünf Jahren jeweilige Unternehmen saniert, umstrukturiert und auf Erfolgskurs gebracht hatten. Meist spielte da die mehr oder weniger eitle Selbstinszenierung sich darin gefallender Herren eine nicht unwesentliche Rolle, und Harun schien der so vorgeführte „Erfolg“ nicht selten auch etwas schal. Denn je ungerührter und überheblicher sich der harte Sanierer gegenüber den Folgen seiner Entscheidungen für viele Menschen gab, desto mattstählern glänzender der Nimbus im Kreise der anderen. Und seltsamerweise oder auch nicht seltsamerweise schien sich dieser Geist dann auch auf viele der Zuhörer zu übertragen, die sich bei den Gesprächen in den Pausen oder während der gemeinsamen Essen in entsprechendes Licht zu setzen suchten.

Jeder war natürlich erfolgreich und auf dem Weg, noch erfolgreicher zu werden. Und jeder wusste natürlich, wie er bekanntgewordene Probleme im eigenen oder einem anderen Unternehmen zweifellos erfolgreich lösen würde, wenn man ihn nur fragte. Jedenfalls erfolgreicher als die, die gerade damit befasst waren. Und natürlich rücksichtsloser. Nur keine falschen Sentimentalitäten. Das Leben war ein Kampf. Das Arbeitsleben erst recht. Und sie alle waren Kämpfer. Umso schlimmer, wenn man schwach wurde. Wie Belling jetzt offenbar.

Harun litt nicht an Komplexen, wusste um seine Fähigkeiten, seine Kompetenz, auch um seinen entsprechenden Ruf in der Branche. Er hatte keine Scheu, seine Meinung zu vertreten, aber diese Art aufdringlich ritualisierter und dabei nicht immer unbedingt gerechtfertigter Selbstpräsentation lag ihm nicht, hatte ihm nie gelegen. Auch nicht, wenn es um das eigene Fortkommen ging. Gerade dann nicht. Eigentlich wunderte er sich manchmal selbst, dass er es dennoch so weit gebracht hatte. Was dabei den Teil anbetraf, der nicht von der eigenen Leistung abhing, hatte er einfach Glück gehabt. Das Glück, Vorgesetzte zu finden, die eben in der Lage und auch bereit waren, reine Leistung zu honorieren, sich nicht blenden zu lassen oder irgendeiner Art von „Networking“ den Vorzug vor der besseren Qualifikation zu geben. Das war nicht selbstverständlich.

Vielleicht hatte seine Karriere umgekehrt sogar damit zu tun, dass ihm an „Karriere an sich“ nie gelegen war. Harun ging es wirklich nur um die jeweilige Sache, darum, diese Sache gut, sie bestmöglich zu machen und sich in dieser Gewissheit genau dort aufgehoben und eingebunden zu fühlen, wo er gerade war. Ohne den Blick ständig voraus, auf die nächste Stufe oder höhere Position gerichtet zu halten. Er hatte eigentlich immer nur in seiner jeweiligen Gegenwart gelebt. Eigentlich schon seit der Uni. Es war ihm unbedacht selbstverständlich gewesen, dass er mit seinen erstklassigen Leistungen, seinem immer höflichen, aber sicheren und festen Auftreten seinen Platz finden würde. Einen Platz dort, wo es Menschen wie Doktor Endress gab. Wo alles ganz anders war und weit, weit jenseits … Keine Vergangenheit. Und keine Zukunft. Nur Gegenwart, eine Abfolge von Gegenwarten. Keinen Lebensplan. Kein … Leben …

Dem Wochenende in London war nicht mehr auszuweichen gewesen. Harun hatte sich zur Freude seines Chefs anmelden lassen und war hingeflogen. London, ein Katzensprung. Wie viele Städte schon oft gesehen. Was man von Städten sah, in die einen berufliche Aufgaben führten, die termingedrängt um Schreib- und Konferenztische kreisten. Diesmal konnte man sich dort allerdings einfach im Strom treiben lassen. Es gab keine Termine außer dem Veranstaltungsplan, keine Probleme, keine Hektik, nur beobachten, zuhören. Und schließlich blieb auch das seine Welt oder zumindest der Teil davon, der sein Leben ohnehin weitestgehend bestimmte. Und weil ihn manchmal auch die arbeitsfreien Wochenenden deprimierten, die ungewohnte Stille in seiner Wohnung, von blassem oder düsterem Gedankenwucher umlauert, hatte er die Aussicht auf die beiden Tage London schließlich gar nicht mehr als so unangenehm empfunden.

Und so schön es vielleicht gewesen wäre, mit Ines an die See zu fahren, vorausgesetzt, sie hätte überhaupt Zeit gehabt, den Stunden mit ihr haftete auch immer etwas unausgesprochen Forderndes an. Am meisten scheute Harun die Enden ihrer Verabredungen, wenn sie sich dann trennten an der Schwelle zur Nacht und das Alleinsein hinterher desto schwerer wog. Wenn es auch unausweichlich blieb. Für ihn.

Das Hotel in London war wie zu erwarten erstklassig, die Besetzung der Tagung hochkarätig, die Eitelkeiten auf entsprechend hoher Frequenz. Harun trieb ohne jede Anstrengung durch die Stunden, begrüßte diejenigen, die er kannte, wurde von anderen begrüßt. Seine Welt. Man gehörte dazu. Die üblichen Konversationen flossen dahin, es gab sogar das ein und andere Interessante zu erfahren.

Und Samstagnachmittag klopfte ihm dann auf einmal jemand auf die Schulter. Harun sah sich verdutzt um und einem Mann seines Alters ins leicht verschmitzt lächelnde Gesicht. Für die ersten Sekunden wusste er ihn nicht unterzubringen, obwohl ihm sofort klar war, dass er den Mann kannte, aber schließlich begegneten ihm im Zuge seiner Arbeit ständig wechselnd so viele Menschen.

„Bin ich so alt geworden, dass du mich nicht mehr erkennst? Ich bin’s, Frank, Frank Keller … Arndt-Gymnasium, Sie erinnern sich hoffentlich noch, mein lieber Herr Kara …?“ Er hob mahnend den Zeigefinger.

Harun war es spürbar peinlich, ihn nicht sofort erkannt zu haben. Es war einfach zu überraschend gekommen.

„Nein … Ach was … Du siehst … Mensch, Frank … Ich bin nur völlig …!“

„Brauchst nicht taktvoll zu sein, sag’ ruhig, dass ich dein Vater sein könnte …“

Aber Frank Keller hatte sich im Gegenteil überhaupt nicht verändert. Und vielleicht mochte es gerade daran gelegen haben. Dasselbe offene Jungengesicht, die immer noch vollen, jetzt sorgfältig gestutzten blonden Haare und blitzenden blauen Augen. Harun berührte Franks Schultern. So viele Jahre …

„Quatsch, du siehst aus, als kämst du eben von unserer Abiturfeier. Das gibt es ja nicht. Wie lange haben wir uns jetzt nicht gesehen?“

„Ein paar Jährchen sind’s schon, mein Lieber“, lachte Frank. „Komm, lass uns was trinken und den nächsten Vortrag schwänzen, ich nehme wie üblich alle Schuld auf mich. Läuft mir doch der Herr Kara nach all den Jahren so einfach über den Weg … Das muss angemessen gefeiert werden!“

In der Oberstufe hatten sie beide Leistungskurse zusammen gehabt und auch sonst recht viel gemeinsam gemacht. Eine Viererbande, Frank Keller, Uwe Brink, Peter Löschwald und Harun. Eigentlich eine schöne Zeit. Damals war sein Vater, wenigstens zu einem Teil, noch stolz darauf gewesen, dass er zum Gymnasium ging. Gleichzeitig hatte er sich aber auch zunehmend daran gestört, dass Harun fast nur mit Deutschen Umgang hielt und sich dadurch immer mehr von der eigenen Kultur, ihren Traditionen und Werten entfernte. Zumindest von dem, was sein Vater dafür hielt.

Nach dem Abi waren zwei von ihnen zur Bundeswehr gegangen, Peter Löschwald sogar als Berufssoldat. Peter … Bei ihm war Harun damals die ersten Tage untergekommen, nachdem … Er schüttelte die sich eben wiederbeleben wollende Erinnerung ab. Frank ging damals für ein Jahr in die USA, sein Vater verfügte über gute Verbindungen. Irgendwie hatte sich das Leben nach dem Abi dann einfach verzweigt. Komisch eigentlich, nachdem man so eng nebeneinander, ja, erwachsen geworden war und sich währenddessen gar nicht vorstellen konnte, dass die gemeinsame Zeit einmal enden würde. Mit dem Ende der Schulzeit machte man zum ersten Mal die Erfahrung, dass das Leben aus vielen scheinbaren Ewigkeiten bestand. Ewigkeiten, die einfach vergingen, wenn ihre Zeit gekommen war, ganz undramatisch und ohne, dass man es recht merkte. Das dann jeweils Neue nahm einen viel zu sehr in Anspruch, und der Blick ging doch immer eher voraus, nicht zurück. Das kam später. Irgendwann … Nichts ging wirklich verloren. Und nun war da plötzlich Frank.

Haruns alter Schulkamerad lebte seit vier Jahren in Barcelona. Auch er hatte Karriere gemacht, war jetzt stellvertretender Leiter der Niederlassung einer internationalen Beratungsfirma. Natürlich bestand er auf einem Besuch, schwärmte leidenschaftlich von seiner Stadt am Meer, in der Harun auch bereits öfter gewesen war. Berufliche Aufenthalte. Das Übliche. Ohne eine Ahnung zu haben, dass Frank Keller dort lebte. Und sogar im gleichen Gewerbe tätig war. Sie hätten sich durchaus begegnen können. Nicht nur in Barcelona. Wie seltsam. Davon abgesehen gehörte Barcelona zu den Städten, deren Atmosphäre ihn immer besonders vereinnahmt hatte. Wenn er abends dann manchmal durch die Straßen, über die Plätze geschlendert war. Also musste Frank Keller ihn nicht allzu sehr drängen.

„Dann wirst du endlich auch Elaine kennenlernen. Sie wird dich dann bestimmt nach dem Frank von Damals fragen – also liefere bloß ein angemessen strahlendes Bild von mir. Ich verlasse mich auf dich!“

„Ehrensache, Frank!“

Trotz Haruns anfänglich schwelender Befürchtungen, damit könnte sich der Weg zu Erinnerungen auftun, die er tief in sich eingelagert hatte, wurde die überraschende Begegnung in London zu einem beschwingten Erlebnis. Schön, den alten Schulkameraden wiederzusehen. Und in Franks Gegenwart war es immer schwer bis unmöglich gewesen, in Trübsinn oder auch nur Tiefsinn zu verfallen. Eine Schulfreundin hatte einmal gesagt, allein wenn Frank lächelte, hellte sich jede Gewitterwolke auf. Daran hatte sich nichts geändert. Unter Verzicht auf das offizielle Programm verbrachten die beiden einen lebendigen, teils in gemeinsamer Erinnerung schwelgenden, teils die ihnen je unbekannten Wegstrecken des anderen austauschenden Abend. Frank erzählte viel, mit Leichtigkeit und Witz, wie früher, und Harun gelang es, wie immer bei geselligen Anlässen, unauffällig zurückhaltend zu bleiben. Die parallele berufliche Erfahrung lieferte zudem genügend Stoff und einen gemeinsamen Raum. Natürlich war Frank auch neugierig auf Haruns Privatleben, natürlich fragte er, aber er blieb jemand, der nicht hartnäckig insistierte.

„Und, die Liebe, Harun? Was machen die Frauen? Du kannst dich doch sicher vor Angeboten nicht retten.“ Er grinste, prostete ihm zu. „Oder bist du auch in festen Händen?“

„Frei wie ein Vogel!“, sagte Harun. „Ist entspannender bei einem Vielflieger wie mir … “

„Dachte ich auch lange … bis ich dann eben Elaine begegnet bin.“

 Elaine. Franks Lebensgefährtin seit sechs Jahren. Verheiratet waren sie nicht. Aber das sagte heute ja nichts. Und immerhin waren sie offenbar gemeinsam nach Barcelona gegangen. Das hieß, sie mit ihm. Elaine. Ein Name. Nicht mehr. Ein Foto führte Frank nicht mit sich.

„Ich hab’s nicht so mit Heiligenbildern“, lächelte er. „Außerdem ist das Original unvergleichlich …“

Harun war neugierig, wer und wie die Frau an Franks Seite wohl sein mochte. Die Frau, die es geschafft hatte, Frank an die Kette zu legen.

„Wenn du sie erst siehst und erlebst, wirst du mich schon verstehen“, sagte er.

„Ich bin gespannt …“

Doktor Endress behielt also Recht. Im Nachhinein war Harun froh, nach London geflogen zu sein. Die überraschende Wiederbegegnung mit dem alten Freund hatte ihm gut getan, und er freute sich wirklich auf den Besuch in Barcelona, den sie baldmöglichst realisieren wollten. Es schien, als wäre genügend Zeit vergangen, um sich wenigstens diesem Teil der Vergangenheit wieder nähern zu können, ohne dass Wunden aufgerissen würden. Wunden, die nichts mit den Freunden von damals zu tun hatten, sondern … Es gelang Harun, jene Gedanken nicht herankommen zu lassen. Darin hatte er schließlich auch eine jahrelange Übung.

Das von Schornröder avisierte Projekt in Kapstadt verzögerte sich etwas, und zufällig bekam Harun einen Auftrag in Madrid. Es schien, als wollten die Umstände ein schnelles Wiedersehen der beiden alten Schulfreunde begünstigen.

Harun flog an einem Freitagmittag von Madrid nach Barcelona, hatte sich in einem kleinen, aber sehr guten Hotel am Stadtrand, unweit des Hauses, in dem Frank und Elaine lebten, ein Zimmer reserviert. Obwohl Frank ihm natürlich ein Quartier angeboten hatte.

„Wozu ein Hotel, unser Haus ist wirklich groß genug!“

Aber Harun war es lieber so. Vielleicht weil er nicht mehr gewöhnt war, mit anderen ein Dach zu teilen, sich nicht ganz zurückziehen zu können. Solche Art von Nähe irritierte ihn. Flüchtig kam ihm dabei der Gedanke, dass so etwas in der Türkei unmöglich gewesen wäre. Die Gastgeber empfänden es als persönliche Beleidigung, wenn der Gast nicht in deren vier Wänden übernachtete und zwar ganz gleich, wie eng und wenig komfortabel die auch sein mochten. Nähe … Alles war immer Nähe dort, selbst die größte Distanz.

Harun würde das Wochenende über bleiben und Montag dann gleich von Barcelona aus nach Paris fliegen, wo er oft zu tun hatte. Elaine war auch Französin, wie Frank gesagt hatte, sie stammte sogar aus Paris. Dann hätten sie zumindest ein erstes gemeinsames Konversationsthema. Sie spräche im Übrigen auch sehr gut Deutsch.

„Du hast doch immer gern und viel gelesen, damals jedenfalls und im Unterschied zu mir altem Banausen.“

„Tue ich noch.“

„Na, dann wirst du dich mit ihr ausgiebig über Literatur unterhalten können. Ich bin da ja leider ein bisschen schwach auf der Brust, immer noch“, hatte Frank gelacht, als sie telefonierten, um das Wochenende perfekt zu machen. Elaine war Übersetzerin für Romane, Kurzgeschichten, hin und wieder arbeitete sie auch für die Zeitung.

„Wahrscheinlich werdet ihr beide mich dann irgendwann ganz vergessen. Was aber den Vorteil hätte, dass ich vielleicht für ein, zwei Stunden ins Büro könnte. Du kennst das ja. Nimm’s mir dann nicht übel, wird auch bestimmt nicht lange dauern.“

Während Franks Stimme aus dem Telefonhörer erklungen war, hatte sich Harun sein verschmitzt lächelndes Gesicht vorgestellt. Er hatte sich wirklich kaum verändert.

Freitagnachmittag, zur Kaffeezeit, lief Harun von seinem Hotel aus zur angegebenen Adresse. Der Weg war nicht schwer zu finden, denn sie lag im gleichen Viertel. Sehr vornehme Gegend, ruhige Straßen, viele alte Villen mit großen Gärten. Üppiges Grün ragte über Mauern, bunte Farben blühten. Hier also hatten Frank und Elaine ihr originelles Häuschen gemietet, das sich der wohl aus der Art geschlagene Spross einer reichen Familie vor Jahrzehnten hatte errichten lassen. Harun stand eine Weile davor. Wirklich ein Schmuckstück. Nicht protzig oder repräsentativ wie die übrigen, mehr verspielt. Das täuschte auf den ersten Blick über die Größe hinweg. Bestimmt fühlte Frank sich hier wohl mit seiner Elaine. Eine Frau, ein Haus. Ein Leben. Harun spürte eine vage Aufregung und wunderte sich. Vielleicht lag es daran, dass er diese Art von Geselligkeit nicht gewöhnt war.

Und dann stand er Elaine gegenüber, die im die Tür geöffnet hatte.

 „Harun, nicht wahr?“

„Ja“, sagte er. Die ersten Worte sprachen beide Französisch.

Wenn man jemandem zum ersten Mal gegenüberstand, jemandem, von dem man schon das ein und andere gehört, jemandem, der eine enge Verbindung zu einem Freund hatte und jemandem, von dem man wusste, dass man ihn die nächsten zwei Tage aus der Nähe erleben würde, dann war die eigene Aufmerksamkeit natürlich schon im Voraus besonders gerichtet. Und als Elaine dann Harun begrüßte, nach einem kurzen, eigentümlich intensiven Blick aus ihren leicht geschrägten goldbraunen Augen, mit einem warmen Lächeln und, ganz selbstverständlich, auf französische oder auch hiesige Art mit leichten Küssen auf beide Wangen, fühlte er sich sofort von ihr angezogen. Ein ovales Gesicht mit hohen Wangen, das dunkelbraune, leicht gelockte Haar, das sie hochgesteckt trug, ihre schlanke Figur …

Elaine war eine sehr attraktive Frau. Bei Frank auch kaum anders zu erwarten. Ein undefinierbarer Duft ging von ihr aus, eine Mischung aus Vanille, Tabak und Lavendel … Sie hielt eine brennende Zigarette in der Linken. Harun hatte die unsinnige Empfindung, als wäre dies nicht sein erster Besuch, ihre erste Begegnung. Immer noch sahen beide sich an. Elaines Attraktivität war von der Art, die sofort nach innen zieht. Sie blieb nicht an der Oberfläche, erschöpfte sich nicht in jener Art spontan erotischem Reflex. Harun lächelte verlegen, räusperte sich …

„Na, dass der Herr Kara mich, das heißt uns, nun doch endlich mal beehrt …“ Sein alter Schulfreund war neben Elaine getreten und begrüßte Harun mit seinem freudigen Jungenlachen. „Komm rein und spare nicht mit Bewunderung …“

Gemeinsam zeigten sie ihm das in mediterranem Stil, sehr geschmackvoll eingerichtete Haus und den von geschickter Hand gestalteten, dabei aber genügend verwildert belassenen Garten, worauf besonders Elaine Wert gelegt hatte.

„Wenn du ihr Arbeitszimmer siehst, wirst du verstehen …“, neckte Frank. Elaine zog ihre Brauen hoch. Harun kam es vor, als müsste er sich von einem jetzt rasch um ihn wachsenden Gespinst befreien, das aus wirren Eindrücken und Gedanken bestand, die unzweifelhaft um Elaine kreisten. Er konnte sich nicht erinnern, dass eine Frau je so auf ihn gewirkt hatte. Unheimlich. Deshalb konzentrierte er sich umso mehr auf das, was er sah, was Frank oder Elaine sagten, und folgte der Aufforderung, nicht mit Bewunderung zu sparen. Was wenig schwer fiel, weil das Haus auch von innen wirklich ein Schmuckstück war. Offene Räume, viel Licht, Wände und Böden in Safran- und Ockertönen, dunkles Holz, die Möbel erinnerten an Fotos aus den Zwanziger Jahren. Sie schienen besonders ausgesucht und ließen viel freien Platz.

„Wir haben wirklich Glück gehabt“, sagte Frank. „Das ganze Ding hier war wie ein einziges, perfekt konserviertes Museum …“ Elaine nickte.

„Seit der Besitzer verstorben ist, hat man es, wie soll ich sagen, ja, gepflegt leer stehen lassen.“ Jetzt sprachen sie alle Deutsch. Elaine mit unverkennbar französischem Akzent, der ihrer eigentümlichen, beinahe etwas schleppenden Sprechweise zusätzlichen Reiz verlieh.

„Die Möbel waren schon drin …?“

„Nicht alle, aber viele klassische Stücke“, erklärte Elaine. „Spanisches Bauhaus sozusagen, ja … Wir haben dann so komplettiert …“

„Und warum hat man gerade euch das Haus vermietet?“

„Oh, das war Frank mit seinem großen Jungencharme, nicht?“ Elaine lächelte. „Er hat der alten Dame, der das Haus gehört, ganz ungehörig schöne Augen gemacht, und wir mussten aufpassen, dass sie ihn nicht noch adoptiert …“

„Was etwas für sich hätte“, sagte Frank. „Ganz alte und vor allem immer noch sehr reiche Familie … So, komm, jetzt geht’s nach oben und, wie gesagt, wenn du Elaines Arbeitszimmer siehst, wirst du ihre Vorliebe für wilde Gärten verstehen …“

„Du bist ein Lästermund … Harun, lass dich nicht von ihm beeinflussen“, sagte Elaine.

„Ich werde streng neutral sein.“ Die merkwürdige Aufregung, die Harun vorhin, als er vor dem Haus stand, in sich gespürt hatte, ließ nicht nach. Im Gegenteil. Es war, als vibriere irgendetwas in ihm. Eigentlich kein unangenehmes Gefühl. Nur irritierend. Vor allem, weil es offenbar mit Elaine zu tun hatte, deren Erscheinung und Bewegung ihn mehr und mehr gefangen nahm. Aber vorhin, vor dem Haus, hatte er Elaine doch noch gar nicht gesehen …

Von ihrem Arbeitsraum, den sie sich im ersten Stock eingerichtet hatte, ein quadratischer Raum mit großem Fenster und einem kleinen Balkon samt eiserner Wendeltreppe, die direkt in den Garten führte, ging sofort ein besonderer Zauber für Harun aus. Klar, worauf Frank angespielt hatte.

Wandhohe Kirschholzregale, von Büchern, Ordnern, Manuskriptstapeln überquellend, ein ebensolcher, bis auf den letzten Fleck von Büchern, bauchigen Mappen, Zeitungsteilen und bunten Zetteln belegter Schreibtisch, eine grüne Couch, davor ein flacher, gleichfalls voll belegter Tisch, es gab spanische, französische und deutsche Zeitungen mit deutlichen Lesespuren, über der Couch an der Wand dicht gehängte Schwarzweißfotografien, Landschaften, Stadtszenen, Portraits. Der ganze Raum lebte und mit ihm alle Dinge darin.

Und Haruns Blick tastete, seltsam berührt, über die Fülle von Kleinigkeiten: Die beiden randgefüllten Aschenbecher, den schwarzen Füllfederhalter auf dem Papierstapel neben dem aufgeklappten Notebook, die über eine Lehne der Couch geworfene, verblichen gemusterte Stola oder eine sichtlich bejahrte braunrote Ledertasche, die am Schreibtisch lehnte. In der Luft lag eine Mischung aus Zigarettenrauch, Parfümduft und dem Sommergeruch des Gartens. Es roch nach Gedanken, nach Tun, nach Atmen, Ruhe und Bewegung; nach gelebten Momenten, die hier ihren Ort gefunden haben. Dichte Spuren von Leben, das hier zu Hause war, sich ausgebreitet hatte, alles durchdrang. Unwillkürlich sah Harun seine eigene Wohnung vor sich –nicht mehr als eine beliebige Kulisse. Die Möbel und Dinge standen, lagen dort und hätten ebenso gut woanders stehen, liegen können. Ohne Beziehung zum Raum. Und sie hatten kein Zentrum.

„Was sagst du?“, fragte Elaine ihn, trat ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an.

Langsam ließ sie den Rauch entweichen.

„Ja, das hier ist mein wildes Reich, le génie chez soi, nicht wahr …?“ Und sie lächelte. „Frank ist es ein Rätsel, wie ich in diesem Chaos arbeiten kann.“

„Künstler“, rief Frank in gespielter Verzweiflung aus, „Künstler …“

Später saßen sie dann im Garten, im Schatten alter Bäume, tranken Kaffee und aßen von den Petits Fours, die Elaine selbst gemacht hatte. Frank und Harun tauchten in ihre gemeinsamen Erinnerungen, unterhielten Elaine mit zahlreichen Geschichten und Anekdoten. Elaine hörte aufmerksam zu, und mehr als einmal sah Harun sich dabei ihrem intensiven, beinahe forschenden Blick ausgesetzt. Sie lachten viel, vor allem Franks Lachen wirkte wie früher ansteckend, und Harun konnte sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal so leichte und unbeschwerte Stunden verbracht hatte.

Dass er seinen Blick immer wieder von Elaines Gesicht weg zwingen musste, dessen Züge und Mimik ihn genauso immer wieder in den Bann zogen wie auch ihre Gesten, die Bewegung ihrer Arme, ihres Oberkörpers, blieb eine merkwürdige Irritation. Es war dabei auch nicht oder nicht nur ihre irgendwo zwischen Frau und Mädchen hin und her schwingende Attraktivität, diese Mischung aus Grazilität und Reife, sicher noch betont von ihrem unweigerlich reizenden französischen Akzent, es war eben jene besondere Tiefe, die Harun in ihr ahnte, und in die er sich gezogen fühlte. Eine Tiefe, die von ungewisser Melancholie bestimmt war. Für den Abend wurde Harun dann in die gemeinsame Vorbereitung eines spanischen Essens eingespannt. Elaine forderte ihn auf, sie auf eine kleine Einkaufsfahrt in die Stadt zu begleiten, um verschiedene frische Zutaten zu besorgen.

„Die Zeit kann Frank dann ganz unschuldig nutzen, um sich mit seinem Laptop zu beschäftigen. Er leidet sonst nämlich an Entzugserscheinungen …“

„Alte Petze“, knurrte Frank augenzwinkernd und drehte Elaine eine Nase.

„Und dafür wird er nachher alle Schälarbeiten übernehmen …“

„Harun, bitte leg ein gutes Wort für mich ein …“

Und so fuhren Elaine und Harun dann in ihrem kleinen Renault in die Stadt. Harun war froh, um nicht zu sagen glücklich, mit Elaine allein zu sein. Zugleich etwas beschämt. Was waren das für unsinnige Empfindungen? Das war die Frau oder Lebenspartnerin seines alten Freundes. Die er heute das erste Mal sah. Harun versuchte daher, den lockeren Ton zu halten, der die ganze Zeit zwischen ihnen geherrscht hatte.

„Ich werde Frank nachher beim Schälen unterstützen, zu viel mehr reichen meine Küchenkünste leider auch nicht.“

„Oh, lass dich da nicht täuschen, Harun, wenn Frank dazu aufgelegt ist und sich die Zeit nimmt, dann lohnt es sich, am Tisch zu sitzen. Und ich nehme an, dir zu Ehren lässt er heute Abend etwas von seiner Kunst sehen.“

Harun war überrascht und spürte sogar einen kleinen Stich.

„Das hätte ich ihm gar nicht …“

„Naja, seine Talente beschränken sich bisher auf die spanische Küche, die hat’s ihm nämlich angetan.“ Elaine fuhr schnell und sicher. Auch beim Autofahren hatten all ihre Bewegungen etwas ebenso Nachlässiges wie Konzentriertes. Harun musste sich Mühe geben, ihren Nacken, ihr Profil, ihre schlanken, festen Arme, die das schlichte grüne Sommerkleid freiließ, nicht zu auffällig zu beobachten. Unwillkürlich sinnierte er über Elaines Hautfarbe, die weder auffällig gebräunt noch eigentlich hell ist. Ein dunkles Weiß, ein von Innen her gedunkeltes Weiß. Wie ein geheimer Schatten der Melancholie, den er in ihr ahnt … Was waren das für absurde Gedanken?!

Sie mussten nicht allzu weit fahren. Elaine rangierte den Wagen geschickt in eine kleine Parklücke vor einer alten Markthalle mit verblichen blau gestrichenen Fenstern in der Höhe, wo sich, wie in südeuropäischen Ländern üblich, die Stände mit Frischware reihten: Alle Sorten Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Früchte. Blecherne Lampen, die an langen Befestigungen von der Decke hingen. Gefliester Boden, der regelmäßig abgespritzt wurde. Dazwischen ineinander übergehende Gerüche und das laute Hallen von Stimmen und Geräuschen. Elaine kannte sich hier aus, ging zielsicher von einem Stand zum nächsten, sah, prüfte, parlierte mit den Verkäufern, und in Haruns beiden Händen sammelten sich die Tüten. Elaine lächelte ihm zwischendurch zu, erklärte etwas, berührte manchmal leicht seinen Arm. Und Harun wünschte sich, jetzt unbegrenzte Stunden vor sich zu haben. Allein mit ihr. Und wenn es nur wäre, dass sie weiter und ohne Ende durch diese Markthalle gingen … Was war das? Was sollte das?

An einer Art Kaffeebar lud Elaine ihn ein. „Das haben wir uns jetzt verdient. Besonders natürlich mein fleißiger Träger!“

Beide rauchten, Harun gab ihr Feuer.

„Das ist auch, was wir an Spanien so lieben“, erklärte sie. „An Spanien und am Süden, weißt du, diese, wie soll ich es sagen, diese Sinnlichkeit schon im Alltäglichen, ganz ohne jede Inszenierung, es liegt einfach in der Luft, im Licht und … und in den Menschen.“

„Ich verstehe schon, was du meinst … Ich bin ja selber … Also eigentlich … In meiner … Kultur …“ Harun war verwirrt, seine Gedanken, mehr seine Gefühle eilten ihm voraus, die Worte kamen nicht hinterher …

„Ja, Frank hat gesagt, dass du ursprünglich aus der Türkei kommst. Wobei das bei deinem Namen auch kein Geheimnis ist, nicht?“ Sie lächelte ihn wieder an.

„Ich war zwar noch nie dort, aber ich könnte mir denken, dass dieses Mediterrane, dieses Südliche im Lebenstakt da auch überall gegenwärtig ist. Vielleicht mit etwas anderem Akzent, aber alles, was mit dem Licht, der Luft, dem Essen, der Geselligkeit und vielleicht auch mit dem Herzen zusammenhängt, wird bestimmt eine Ähnlichkeit haben, oder?“

„Ja.“ Harun nickte. Und widerstand dem jetzt unpassenden, unsinnigen Impuls, ihr zu erzählen, dass er bis auf seine frühe Kindheit nie mehr in dem Land gewesen, dass seine Verbindung zur … zur türkischen Welt lange schon ganz abgerissen war. Seit jenem erbitterten Streit mit seinem Vater vor so vielen Jahren …

„Ich … ich mag diese Lebensart auch sehr, es ist wie eine Art Geborgenheit, ein Aufgehobensein, ein … wie ein Grundton in allem, der mit jedem Augenblick verbindet.“

Wieder sah Elaine ihn mit einem ihrer intensiven Blicke an. Sie nickte langsam, ließ eine Rauchwolke entweichen.

„Weißt du, Harun, ich denke manchmal, es gibt Menschen, die genau eine solche Lebenswelt um sich herum brauchen, wie als Kontrapunkt zu ihrem … ja, zu ihrem eigentlich melancholischen Wesen. Und es ist komisch, aber gerade im Süden, der so in allem doch das Gegenteil ist, gibt es, glaube ich, viele Melancholiker. Aber sie werden im Gleichgewicht gehalten.“

Harun war beinahe ergriffen von diesen Worten, aber noch bevor er Gelegenheit hatte, darauf zu antworten, drückte Elaine ihre Zigarette aus.

„Komm, lass uns gehen, sonst verplaudern wir den Abend noch hier.“

 Und wie gern hätte Harun den Abend hier verplaudert … Unsinn. Wahnsinn. Wohin sollte das führen?

Sie fuhren zurück. Elaine nahm einen kleinen Umweg und zeigte ihm eine Stelle am Rande der sich hier die Hügel heraufwindenden Straße, von der aus man bis aufs Meer sehen konnte. Der Teil der Stadt, in dem das Haus stand, lag deutlich höher.

„Hier bin ich oft und lasse meine Gedanken frei. Und sie können nirgendwo freier sein als zum Meer hin, nicht …“

„Vielleicht, weil sie nicht zurückkommen. Der Horizont nimmt sie uns ab …“

„Ja, vielleicht …“ Wieder registrierte er ihren aufmerksamen, beinahe forschenden Blick und hatte Mühe, ihm standzuhalten. Aus Furcht, sie könnte merken, dass es ihn Anstrengung kostete, ihrem Blick standzuhalten. Was war da, in diesem Blick? Was zog ihn so hinein? Es war unheimlich.

Sie setzten ihre Fahrt fort.

Frank saß noch an einem kleinen Schreibtisch, der in einer Nische des Wohnraums stand, klappte schwungvoll sein Notebook zu, als die beiden hereinkamen, nahm Harun lachend einige Tüten ab.

„Ja, mein Lieber, sonst bin ich hier der Lastesel.“ Elaine drückte Frank einen Kuss auf die Wange.

„Du Armer …“

Frank öffnete in der geräumigen, offenen Küche einen Rotwein. Dann arbeiteten die drei dort gemeinsam an einer besonderen Paella, die Frank aus verschiedenen Rezepten kombinierte. Harun glitt in einem seltsamen Gefühlsgemisch durch diese Stunden. Er fühlte sich wohl, so wohl wie selten, zusammen mit den beiden, aber seine innere Aufmerksamkeit für Elaine wuchs immer mehr, zugleich mit ihr ein noch vager Schmerz und ein dafür umso deutlicheres schlechtes Gewissen Frank gegenüber. Harun konnte noch nicht ausmachen, was es war, das ihn auf eine so unheimliche, weil ebenso starke wie nicht erklärliche Weise zu ihr zog. Irgendetwas ging von ihr aus. Und irgendetwas entstand zwischen ihnen, es war nicht zu leugnen, etwas noch nicht Fassbares, weder zu Denkendes noch gar Auszusprechendes. So kam es ihm vor.

Er verscheuchte diese Empfindungen und Gedanken. Sie irritierten, verwirrten, lähmten ihn. Desto mehr versuchte er, sich Franks wie immer leichter und scherzender Art anzupassen, unbeschwert und schlagfertig zu sein. Zwischendurch immer wieder Elaines Blick, den er Bruchteile von Sekunden auffing. Was sagte, was fragte dieser Blick?

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