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Winterherzen: Sarah`s Geschichte

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Howard

Sarah’s Geschichte

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Tatjána Lénárt-Seidnitzer

1. KAPITEL

Es war das Ende einer langen Woche. Sarah wusste, dass sie nach Hause gehen sollte. Doch allein der Gedanke an die brütende Augusthitze veranlasste sie, in ihrem Büro mit der angenehmen Klimaanlage zu bleiben.

Sie arbeitete nicht. Sie hatte den Stuhl herumgedreht und schaute seit einer Viertelstunde einfach aus dem Fenster. Es kümmerte sie nicht, dass es spät wurde. Die Sonne war so tief gesunken, dass sich die schwindelerregend hohen Wolkenkratzer aus Glas und Stahl gegen einen rot glühenden Himmel abhoben. Sie hatte wieder einmal die Sechs-Uhr-Nachrichten versäumt. Ihr Chef, Mr. Graham, war vor über einer Stunde gegangen. Es bestand kein Grund, sich nicht in die überfüllten Straßen zu begeben, doch sie hatte keine Lust, nach Hause zu gehen.

Sie hatte ihre Eigentumswohnung mit viel Mühe so behaglich und heimelig wie nur möglich gestaltet, doch in letzter Zeit quälte sie die Leere ihres Zuhauses. Sie konnte die Zimmer mit Musik füllen, sich einen Videofilm ansehen oder sich in ein Buch vertiefen, aber sie war dennoch allein. Allmählich entwickelte sich das zu einem Zustand der Einsamkeit statt der Zurückgezogenheit.

Vielleicht liegt es am Wetter, dachte sie müde. Der Sommer war heiß und feucht, doch sie wusste im Grunde, dass es nicht die Hitze war, die sie belastete. Es war das unausweichliche Gefühl, dass ihr die Zeit entglitt, dass der Sommer wieder einmal starb und dem Herbst das Feld räumte. Trotz der brütenden Hitze schien sie die Kälte des Winters bereits in den Knochen zu spüren. Es war mehr als der Wechsel von einer Jahreszeit zur anderen. Es war ihre Jugend, die ihr unausweichlich entglitt.

Die Jahre waren vergangen, und sie hatte sich in ihrer Arbeit vergraben, weil es sonst nichts gab. All die Dinge, die sie sich wirklich wünschte, waren an ihr vorbeigegangen. Sie wollte keine Reichtümer oder materiellen Dinge. Sie wollte Liebe, einen Ehemann und Kinder, ein Zuhause voller Fröhlichkeit und Sicherheit – all die Dinge, die sie als Kind nie kennengelernt hatte. Sie träumte nicht einmal mehr davon, und das war das Allertraurigste. Aber sie hatte nie eine Chance gehabt. Sie hatte sich in den einen Mann verliebt, den sie nicht haben konnte, und sie schien eine der Frauen zu sein, die nur einmal im Leben lieben können.

Gedämpft klingelte ihr Telefon. Mit erstaunter Miene griff sie zum Hörer. Wer mochte um diese Zeit noch anrufen? „Sarah Harper“, meldete sie sich sachlich.

„Sarah, hier ist Rome“, grüßte eine tiefe Stimme.

Ihr Herz machte einen Satz und pochte ihr dann bis zum Halse. Sie brauchte seinen Namen nicht zu hören, um ihn zu erkennen. Sie kannte seine Stimme wie ihre eigene. Sie schluckte schwer, richtete sich auf und redete sich ein, dass es nur ein gewöhnlicher Geschäftsanruf sei. „Ja, Mr. Matthews?“

„Ach komm, nenn mich nicht so! Es ist ja okay im Büro, aber jetzt reden wir privat.“

Sarah schluckte erneut, brachte aber kein Wort heraus. Hatten ihre Gedanken an ihn den Anruf verursacht? Schließlich war es Monate her, seit er mehr zu ihr gesagt hatte als einen höflichen Gruß, wenn er ins Büro kam, um mit Mr. Graham zu sprechen.

„Sarah?“ Er klang jetzt wirklich ungehalten.

„Ja, ich bin noch dran.“

„Ich verkaufe das Haus“, verkündete er ohne Umschweife. „Ich packe die Sachen von Diane und den Jungen ein. Ich gebe sie der Heilsarmee. Aber ich habe eine Schachtel mit Erinnerungen aus Dianes Schulzeit gefunden, Fotos von euch beiden und ähnliche Dinge. Wenn du etwas davon möchtest, kannst du es haben. Wenn nicht …“

Er vollendete den Satz nicht, aber sie wusste es. Wenn nicht, würde er alles verbrennen. Ihr schauderte bei der Vorstellung, die Sachen anzusehen und an die Jahre erinnert zu werden, die sie mit Diane aufgewachsen war, aber sie konnte ihn die Andenken auch nicht verbrennen lassen. „Ja“, brachte sie in rauem Ton hervor. „Ja, ich möchte sie gern haben.“

„Ich fahre jetzt zum Haus und packe weiter. Du kannst dir die Schachtel jederzeit heute Abend holen.“

„Ich komme. Danke“, flüsterte sie, und er legte auf, während sie den Hörer noch ans Ohr gepresst hielt.

Sarahs Hand zitterte, als sie schließlich auflegte. Hastig nahm sie ihre Tasche aus der untersten Schublade, machte die Lichter aus und verschloss die Bürotür hinter sich.

Nicht nur ihre Hand zitterte, sondern ihr ganzer Körper. Allein der Klang seiner Stimme übte stets diese Wirkung auf sie aus, obwohl sie sich seit Jahren dagegen wehrte, an ihn zu denken oder von ihm zu träumen. Sie hatte sich sogar in eine andere Abteilung versetzen lassen, um ihn nicht tagtäglich im Büro zu sehen, doch das hatte sich als sinnlos erwiesen. Er war beständig aufgestiegen und einer der Vizepräsidenten geworden. Ihre Position als Sekretärin des Seniorvizepräsidenten brachte sie ständig in Kontakt mit ihm. Zum Glück wahrte er eine rein geschäftsmäßige Haltung ihr gegenüber, und sie zwang sich, ihn ebenfalls so zu behandeln. Was blieb ihr anderes übrig, wenn sie so dumm war, sich in den Mann ihrer besten Freundin zu verlieben?

Obwohl es im Parkhaus einige Grade kälter war als auf der Straße, schlug ihr die Hitze entgegen, als sie zu ihrem Wagen ging, dem neuesten Modell eines Datsun 280-ZX. Das Auto war, wie sie befürchtete, ein Beispiel für ihre zunehmende Neigung, als Ersatz für die innere Leere Dinge zu sammeln. Es war großartig, brachte sie schneller als nötig überall hin, und es war ein Vergnügen, diesen Wagen zu fahren. Aber sie brauchte ihn nicht. Sein Vorgänger war in Ordnung gewesen und gar nicht so alt.

Statt direkt zu dem Haus in dem recht vornehmen Viertel zu fahren, in dem Rome und Diane gewohnt hatten, ging Sarah in ein Restaurant und vertrödelte anderthalb Stunden. Sie stocherte in ihren Meeresfrüchten herum, während ihr Gefühl ihr riet, schnell zu Rome zu fahren. Doch gleichzeitig widerstrebte es ihr irgendwie, das Haus zu betreten, in dem er mit Diane gelebt hatte, in dem sie mit Diane gelacht und mit den Babys gespielt hatte. Sie hatte es seit zwei Jahren nicht mehr betreten. Ja, es waren fast zwei Jahre seit dem Unfall vergangen.

Um acht Uhr beglich sie die Rechnung und fuhr gemächlich, bedächtig zu dem Haus. Ihr Herz pochte erneut heftig, ihr war ein wenig übel, und ihre Handflächen waren feucht.

Romes dunkelblauer Mercedes stand in der Auffahrt. Sie parkte dahinter und stieg aus. Zögernd ging sie zum Haus, stieg die fünf flachen Stufen hinauf und drückte den Klingelknopf. Das Gras war gemäht worden, wie ihr auffiel, und die Hecke gestutzt. Das Haus wirkte nicht leer, aber es war leer. Bedrückend leer.

Nach einer Weile öffnete Rome die Tür und ließ Sarah eintreten. Sein Anblick überwältigte sie. Sie hatte nicht erwartet, dass er einen dreiteiligen Anzug trug, aber sie hatte vergessen, wie kräftig er gebaut war, wie überwältigend er in Freizeitkleidung aussah. Er trug Turnschuhe ohne Socken, eine hautenge Jeans und ein weißes T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper umspannte, und er sah für sie einfach wundervoll aus.

Erstaunt blickte er an ihrem eleganten Kostüm hinab. „Du warst noch nicht zu Hause?“

„Nein. Ich habe nur unterwegs zu Abend gegessen.“ Es war unangenehm warm im Haus. Er hatte einige Fenster geöffnet, die Klimaanlage war aber nicht eingeschaltet. Sie zog die leichte Leinenjacke aus und wollte sie schon in den Garderobenschrank hängen, wie sie es stets auf Besuch bei Diane getan hatte. Dann hielt sie inne und warf sie einfach über das Treppengeländer.

Während er sie hinaufführte, lockerte sie den Kragen ihrer weißen Seidenbluse und rollte sich die Ärmel bis zu den Ellbogen auf.

Rome blieb vor dem Schlafzimmer stehen, das er mit Diane geteilt hatte. Seine dunklen Augen blickten finster, sein Mund wirkte grimmig, als er die Tür aufschloss. „Die Sachen sind da drinnen im Schrank. Ich bin im Kinderzimmer und packe dort. Lass dir ruhig Zeit.“

Sarah wartete, bis er im anderen Schlafzimmer verschwunden war, bevor sie die Tür öffnete und eintrat. Sie schaltete das Licht ein und blieb stehen. Alles war so belassen, wie es am Tag des Unfalls gewesen war. Das Buch, in dem Diane gelesen hatte, lag auf dem Nachttisch. Ihr Nachthemd lag am Fußende des Bettes. Rome hatte seit ihrem Tod keine Nacht mehr in diesem Raum verbracht.

Sarah holte den Karton aus dem Schrank und setzte sich auf den Fußboden. Tränen verschleierten ihr die Sicht, als sie das erste Foto von sich und Diane herausnahm. Wenn es sie derart schmerzte, eine Freundin zu verlieren, wie musste Rome sich dann erst fühlen? Er hatte seine Frau und zwei Söhne verloren.

Sarah und Diane waren die gesamte Schulzeit über die besten Freundinnen gewesen. Diane hatte wie ein menschlicher Dynamo gewirkt und die stillere Sarah mit sich gerissen. Ihre blauen Augen hatten gefunkelt und ihre honigbraunen Locken gewippt, und sie hatte jeden mit ihrer überschäumenden Lebensfreude angesteckt. Sie hatte nie heiraten, sondern als berühmte Modedesignerin um die ganze Welt reisen wollen. Sarah dagegen hatte immer von einer richtigen, liebevollen Familie geträumt.

Irgendwie, irgendwann hatten sich ihre Pläne umgekehrt. Diane hatte sich in einen großen, dunkeläugigen, aufstrebenden leitenden Angestellten verliebt, und seit dem Moment wusste Sarah, dass sich ihr Traum niemals erfüllen würde. Diane hatte herzlich gern auf eine brillante Karriere als Modeschöpferin verzichtet, Rome Matthews geheiratet und ihm zwei bezaubernde Söhne geschenkt. Sarah hatte sich stillschweigend ihrem Beruf gewidmet, der ihren einzigen Trost darstellte.

Sie hatte versucht, Rome nicht zu lieben, hatte aber feststellen müssen, dass Gefühle sich nicht so leicht steuern ließen. Hätte sie ihn nicht schon vor seiner Bekanntschaft mit Diane geliebt, hätte sie ihre Gefühle vielleicht bezwingen können. Doch tief in ihrem Innern hatte sie auf den ersten Blick gewusst, dass er mehr als nur ein Arbeitskollege für sie war.

Es liegt an seinen Augen, dachte sie. Sie waren so tief und dunkel und voll brennender Intensität. Roman Caldwell Matthews war kein Leichtgewicht. Er besaß Triebkraft und Energie, verbunden mit einer blitzartigen Intelligenz, die ihn im Nu an die Spitze der Geschäftsleitung befördert hatte.

Dabei war er nicht schön. Sein Gesicht wirkte grob gemeißelt. Seine Wangenknochen waren zu scharf und hoch, seine Nase war ein wenig schief, und sein Kinn wirkte fest wie Granit. Er war ein Mann, der nach dem Leben griff und es nach seinem Belieben formte. Er war stets freundlich zu ihr, aber sie wusste, dass sie zu still und unscheinbar war, um diesen Mann mit seiner eindrucksvollen Persönlichkeit fesseln zu können.

Dennoch hatte sie nicht erwartet, dass er sich auf den ersten Blick in die schöne Diane verlieben würde – damals in jenem Sommer anlässlich der Betriebsfeier, die Sarah zusammen mit Diane besucht hatte. Aber es war geschehen. Fünf Monate später hatten Diane und Rome geheiratet. Drei Monate nach ihrem ersten Hochzeitstag war Justin zur Welt gekommen, und zwei Jahre später Shane. Zwei wundervolle Jungen, mit dem Aussehen ihrer Mutter und der Entschlusskraft ihres Vaters, und Sarah liebte sie, weil es Romes Kinder waren.

Sie hatte Diane auch weiterhin nahegestanden, ihre Besuche jedoch auf die Zeiten beschränkt, wenn Rome geschäftlich verreist war, was allerdings sehr häufig vorkam. Sie wusste nicht genau, warum, aber sie spürte, dass er ihre enge Freundschaft mit Diane missbilligte, obgleich er ihres Wissens nie etwas Derartiges geäußert hatte. Vielleicht mochte er sie einfach nicht, obwohl sie ihm nie etwas getan hatte. Sie bemühte sich, ihm aus dem Weg zu gehen, und sie hatte Diane niemals etwas von ihren Gefühlen verraten. Es hätte Diane nur irritiert und ihrer Freundschaft geschadet.

Sarah hatte sich mit anderen Männern verabredet, aber nur gelegentlich. Es erschien ihr unfair, eine engere Beziehung einzugehen, sie konnte doch keine Liebe erwidern. Jeder, der sie fragte, wann sie zu heiraten gedachte, erhielt dieselbe Antwort: Sie liebte ihren Beruf zu sehr, um für irgendeinen Mann die Socken zu waschen. Es war eine unbekümmerte Standardantwort, die sie schützte, und es war eine Lüge. Ihr hatte nie an einer Karriere gelegen, aber ihr war nichts anderes geblieben, und daher gab sie ihr Bestes.

Rome hatte sehr an Diane und den Kindern gehangen. Der Autounfall vor inzwischen beinahe zwei Jahren hatte ihn fast vernichtet. In jedem Fall hatte er Romes Lachen vernichtet sowie das feurige Funkeln in seinen Augen.

Diane hatte die Jungen zur Schule gefahren, als ein Betrunkener aus seiner Spur gekommen war und sie frontal gerammt hatte. Wäre der Unglücksfahrer nicht auf der Stelle tot gewesen, hätte Rome ihn vermutlich eigenhändig erwürgt. Justin war sofort gestorben, Shane zwei Tage später und Diane nach zwei Wochen, ohne das Bewusstsein je wiedererlangt zu haben.

Bedächtig musterte Sarah die Fotos, sah sich selbst und Diane in verschiedenen Phasen der Kindheit und Jugend sowie die Jungen als Babys, Kleinkinder und lärmende Strolche. Auf einigen Fotos war Rome zu sehen, wie er mit den Kindern spielte, den Wagen wusch, den Rasen mähte, all die normalen Dinge tat, die Väter und Ehemänner taten.

Sarah verweilte bei einem Bild, auf dem er auf dem Rücken im Gras lag, nur mit kurzen Jeans-Shorts bekleidet, und Justin mit starken, gebräunten Armen hoch über den Kopf hielt.

„Hast du etwas gefunden, das dich interessiert?“

Erschrocken zuckte sie zusammen und ließ das Foto zurück in die Schachtel fallen. Ihr wurde bewusst, dass Rome ganz allgemein fragte und ihren sehnsüchtigen Blick auf das Foto nicht bemerkt hatte. Sie stand auf und strich sich den Rock glatt. „Ja, ich nehme die Schachtel. Da sind viele Fotos von Diane und den Jungen. Wenn du nicht …“

„Nimm sie“, sagte er schroff. Er blieb mitten im Raum stehen und schaute sich um, als hätte er ihn nie zuvor gesehen. Doch sein Blick wirkte trostlos, und sein Mund sah aus, als würde er nie wieder lächeln. Sarah wusste, dass er hin und wieder lächelte, auf gewisse Weise, doch es war nur eine höfliche Bewegung der Lippen statt ein Ausdruck von Humor. Das Lächeln erreichte nie seine Augen, erweckte nie das Funkeln von einst.

Er schob die Hände in die Hosentaschen und straffte die Schultern, wie um sich gegen die Erinnerungen zu wappnen, die dieser Raum für ihn bergen musste. In diesem Bett hatte er mit Diane geschlafen und mit den Kindern herumgetollt.

Hastig hob Sarah die Schachtel auf und wandte den Blick von Rome ab, um seinen Schmerz nicht mit ansehen zu müssen.

Der Schmerz war ebenso in ihr wie in ihm. Sie liebte ihn genug, um ihm Diane zurückzuwünschen, damit er wieder lächeln konnte. Er gehörte ohnehin für immer Diane, denn ihr Tod hatte seine Liebe zu ihr nicht ausgelöscht. Er trauerte noch immer um sie.

„Ich bin im Kinderzimmer fertig“, erklärte er mit verschlossener Miene. „Es ist alles gepackt. Ich … ich …“ Plötzlich brach seine Stimme. Zorn verzerrte sein Gesicht. Er wirbelte herum und schlug mit der Faust auf die Kommode, sodass die Fläschchen und Dosen darauf klirrten. „Verdammt!“, fluchte er und sank dann resigniert in sich zusammen. „Irgendwie war es schlimmer, die Kinder zu verlieren, als Diane“, sagte er mit erstickter Stimme. „Sie waren noch so jung. Sie hatten keine Chance zu leben. Sie haben nie erfahren, wie es ist, in der Sportmannschaft der High School zu spielen, oder ins College zu gehen, oder zum ersten Mal eine Freundin zu küssen. Sie haben nie eine Frau geliebt, haben keine Kinder bekommen. Sie hatten nie eine Chance.“

Sarah drückte die Schachtel an die Brust. „Justin hat seine Freundin geküsst“, sagte sie zittrig, mit einem winzigen Lächeln trotz des Schmerzes. „Sie hieß Jennifer. Es gab vier Jennifers in seiner Klasse, aber er hat sehr entschieden verkündet, dass sie die hübscheste sei. Er hat sie auf den Mund geküsst und sie gefragt, ob sie ihn heiraten will, aber sie hat Angst bekommen und ist weggelaufen. Er hat mir gesagt, dass sie vermutlich noch nicht reif für die Ehe sei, dass er sie aber im Auge behalten wolle. Das ist fast wörtlich“, fügte sie hinzu. Sie hatte Justins Sprechweise imitiert, schleppend und erstaunlich klar für einen Siebenjährigen, und Romes Lippen zuckten.

Er blickte sie an, und plötzlich tanzten goldene Lichter in seinen schwarzbraunen Augen. Er gab einen erstickten Laut von sich, und dann lachte er laut und herzhaft. „Teufel auch, er war eine harte kleine Nuss“, meinte er schmunzelnd. „Jennifer hätte keine Chance gehabt.“

Ihr Herz schlug höher bei dem ersten richtigen Lachen, das sie seit zwei Jahren von Rome hörte. Seit dem Unfall hatte er nie von Diane oder den Jungen gesprochen, sondern all seine Erinnerungen zusammen mit dem Schmerz in sich aufgestaut. Sie hielt noch immer die Schachtel an sich gedrückt. „Diese Fotos … wenn du welche davon möchtest …“

„Danke.“ Er zuckte mit den Schultern, so als wollte er die Spannung aus ihnen vertreiben. „Es ist härter, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ist … immer noch beinahe unerträglich.“

Sarah versteifte sich innerlich. Sie konnte weder antworten noch ihn ansehen, ohne in Tränen auszubrechen. Zum Teil litt sie um seinetwillen, weil er so unendlich litt, doch sie durfte es ihm nicht noch schwerer machen. Sie hatte ihn nicht einmal bei den Beerdigungen in die Arme schließen können. Er hatte sich steif gegeben, mit abweisender Miene, durch seinen Schmerz von allen um sich her abgesondert. Er war allein, war unfähig, seinen Kummer zu teilen.

Als sie wieder aufblickte, saß er auf dem Bett, in dem er mit Diane geschlafen hatte, und hielt ihr Nachthemd in den Händen. Mit gesenktem Kopf ließ er die Seide immer wieder durch seine Finger gleiten.

„Rome …“ Sie hielt inne, wusste nicht, was sie sagen sollte. Was konnte sie schon sagen?

„Ich wache nachts immer noch auf und greife nach ihr“, murmelte er rau. „Dieses Nachthemd hat sie getragen, als ich zum letzten Mal mit ihr geschlafen habe. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie nicht mehr da ist. Es ist ein hohler Schmerz, der nicht weggeht, egal, wie viele Frauen ich mir nehme.“

Sarah rang nach Atem. Ihre meergrünen Augen nahmen einen verschlossenen Ausdruck an.

Er blickte auf, mit bitterer Miene. „Schockiert dich das, Sarah? Dass ich andere Frauen habe? Ich war Diane acht Jahre lang treu, habe nicht einmal eine andere geküsst, obwohl ich manchmal, wenn ich auf Geschäftsreise war, die ganze Nacht wach gelegen und mich so sehr nach einer Frau gesehnt habe, dass es schmerzte. Aber keine andere hätte es getan. Es musste Diane sein. Also habe ich gewartet, bis ich nach Hause kam, und dann haben wir die ganze Nacht nicht geschlafen.“ 

 Sarahs Kehle war wie zugeschnürt. Sie wich zurück. Sie wollte das nicht hören. Sie hatte stets versucht, ihn sich nicht im Bett mit Diane vorzustellen, ihre Freundin nicht zu beneiden, ihre Freundschaft nicht durch Eifersucht aufs Spiel zu setzen. Zu Dianes Lebzeiten war es ihr gelungen, doch nun riefen Romes Worte ungewollte Vorstellungen in ihr wach. Sie wandte sich von ihm ab.

Das Bett quietschte, als er aufstand. Plötzlich ergriff er sie hart an den Armen und wirbelte sie zu sich herum. Sein Gesicht war weiß und zornerfüllt. „Was ist los, heilige Sarah? Bist du derart in deinem mentalen Kloster vergraben, dass du es nicht ertragen kannst, von normalen Menschen zu hören, die sündigen Sex genießen?“

Sarah stand wie erstarrt, verblüfft über seinen Zorn. Undeutlich wurde ihr bewusst, dass er nicht ihr zürnte, sondern dem Schicksal, das ihm seine Frau genommen hatte. Doch Rome in Wut war ein furchterregender Mann.

Er schüttelte sie, so als wollte er sie dafür bestrafen, dass sie lebte, während Diane tot war. „Ich kann immer noch nicht mit einer anderen Frau schlafen“, stieß er mit gequälter Stimme hervor. „Ich spreche nicht von Sex. Ich habe mir schon zwei Monate nach Dianes Tod eine andere Frau genommen und mich gleich danach dafür gehasst und schuldig gefühlt. Ich hatte das Gefühl, Diane untreu zu sein. Ich habe es nicht mal besonders genossen, aber es in der nächsten Nacht wieder getan, um mich wieder schuldig zu fühlen. Ich wollte mich selbst dafür bestrafen, dass ich lebe und sie tot ist. Seitdem hat es viele Frauen gegeben. Jedes Mal, wenn ich Sex brauche, ist eine willige Frau da. Aber wenn es vorbei ist, muss ich gehen. In meinem Kopf bin ich immer noch Dianes Ehemann, und ich kann mit keiner anderen als ihr schlafen.“

Sarah fühlte sich wie erstickt durch seinen harten Griff, seinen heißen Atem auf ihrer Wange und sein zorniges Gesicht so nahe an ihrem. Sie riss sich von ihm los, ballte die Hände zu Fäusten. Sie wollte nichts von seinen Intimitäten mit anderen Frauen hören. Sie fixierte ihn mit einem verzweifelten Blick, aber er bemerkte es nicht.

Mit einem Stöhnen sank er auf die Knie und vergrub mit bebenden Schultern das Gesicht in den Händen. Sie ging neben ihm auf den Boden und schlang die Arme um ihn, wie sie es sich schon so oft ersehnt hatte. Augenblicklich presste er sie an sich. Er barg das Gesicht an ihren weichen Brüsten und schluchzte. Sarah hielt ihn fest umschlungen, streichelte sein Haar und ließ ihn weinen. Viel zu lange hatte er seinen Kummer in sich aufgestaut. Ihr Gesicht war feucht, doch sie spürte die heißen Tränen nicht, die ihr die Sicht verschleierten. Sie wiegte ihn sanft, ohne Worte. Nur ihre Nähe vertrieb seine bittere Einsamkeit.

Allmählich beruhigte er sich und ließ die Hände an ihrem Rücken hinaufwandern. Sie spürte die warme Luft auf ihren Brüsten, als er tief durchatmete. Die Knospen verhärteten sich, eine unwillkürliche Reaktion, und sie vergrub automatisch die Finger in seinem Haar.

Er hob den Kopf. Mit feuchten Augen blickte er sie an, wischte ihr zärtlich die Tränen von den Wangen. „Sarah“, flüsterte er seufzend und berührte ihre Lippen mit seinen.

Sie erstarrte, hielt den Atem an. Es war nur ein schlichter Kuss der Dankbarkeit, doch ihr schwindelte vor Glück. Sie sank an seinen Körper, und er stützte sie augenblicklich und drückte sie an sich.

Erneut hob er den Kopf und betrachtete sie. Er war zu sehr Mann, um ihre Reaktion nicht richtig zu verstehen. Sein Blick glitt zu ihrem vollen, leicht geöffneten Mund, und dann küsste er sie erneut. Diesmal hatte die Berührung seiner Lippen nichts Zärtliches. Es war vielmehr ein hungriger, fordernder Kuss, ein intimer Kuss, der sie vor Verlangen aufseufzen ließ.

Er drückte sie an sich und sank mit ihr auf den Boden. Es entsprach so sehr ihren wenigen verbotenen Träumen, dass sie vergaß, wo sie waren, dass sie alles vergaß außer Rome. Sie bog sich ihm entgegen, suchte die berauschende Schwere seines Körpers. Sarah verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum, spürte nur das Verlangen, das zwischen ihnen aufloderte, spürte nur seine Hände, mit denen er ihre Brüste liebkoste, unter ihren Rock fuhr und sie aufreizend zwischen den Schenkeln streichelte. Sie dachte nicht einmal an Protest. Sie ließ ihn tun, wie ihm beliebte, gab sich völlig den wundervollen Empfindungen hin, die er ihr mit seinen Händen bereitete. Er kannte die Frauen, und seine erfahrenen Berührungen erregten sie maßlos.

Er sprang auf, hob sie mühelos auf die Arme, trug sie mit wenigen schnellen Schritten zum Bett. Mit einem leisen Stöhnen legte er sich auf sie, drängte ihre Beine mit seinen auseinander und schmiegte sich an sie.

Sarah klammerte sich an ihn, benommen vor Verlangen. Sie liebte ihn schon so lange, und in diesem Moment schienen sich all ihre geheimen Wünsche zu erfüllen. Sie war bereit, ihm alles zu gestatten, alles zu geben, und sie wusste, was er von ihr wollte. Sie spürte das Ausmaß seines Verlangens, als er sich an sie presste.

Dann plötzlich erstarrte er, rollte sich von ihr fort und setze sich auf die Bettkante. Er beugte sich vor und barg das Gesicht in den Händen. „Zum Teufel mit dir!“, stieß er geradezu angewidert hervor. „Du warst angeblich ihre Freundin, aber du vergnügst dich mit ihrem Mann, in ihrem Bett.“

Benommen setzte Sarah sich ebenfalls auf, richtete ihre Kleidung und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie hörte den Vorwurf in seiner Stimme und konnte ihm nicht böse sein. Sie wusste, wie schuldig er sich fühlen musste und wie verletzlich er nach seinem Gefühlsausbruch war. „Ich war ihre beste Freundin“, erwiderte sie mit zittriger Stimme.

„Du benimmst dich aber nicht so.“

Mit weichen Knien glitt sie vom Bett. „Wir sind beide durcheinander und haben ein bisschen die Beherrschung verloren. Ich habe Diane wie eine Schwester geliebt, und ich vermisse sie auch. Es besteht kein Grund, sich schuldig zu fühlen. Es war nichts Sexuelles dabei. Wir waren nur beide aufgeregt …“

Mit zorniger Miene sprang er auf. „Nichts Sexuelles? Zum Teufel! Ich war zwischen deinen Beinen. Einen Moment später, und es wäre passiert. Wie hättest du es dann genannt? Hätten wir uns gegenseitig getröstet? Himmel, du hast ja überhaupt keine Ahnung von Sex! Du bist viel zu sehr Eisberg, um etwas von Männern oder ihren Wünschen zu verstehen.“

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