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Für morgen, für immer

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Howard

Für morgen, für immer

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Tatjána Lénárt-Seidnitzer

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1. KAPITEL

Anson Edwards saß allein in seinem großen, eleganten Büro. Die Fingerspitzen aneinandergelegt, erwog er die Stärke seiner beiden Geschäftsführer und überlegte, wen er am besten nach Houston schicken sollte. Seine eigene Stärke beruhte auf der Fähigkeit, jede Situation schnell und genau einzuschätzen. Doch in diesem Fall wollte er keine spontane Entscheidung fällen.

Sein Instinkt verriet ihm, dass ein offener Übernahmeversuch von Bronsons Metallfirma fehlschlagen würde. Denn Sam Bronson war ein Rätsel – ein Mann, der stets mit verdeckten Karten spielte. Man durfte ihn nicht unterschätzen. Er war schlau genug, um verborgene Vermögenswerte zu besitzen.

Anson musste zunächst einmal herausfinden, worin diese Vermögenswerte bestanden und auf welche Höhe sie sich beliefen, bevor er einen Erfolg versprechenden Versuch unternehmen konnte, die Firma „Bronson Alloys“ unter die Fittiche der Aktiengesellschaft „Spencer-Nyle“ zu nehmen.

Er wusste, dass er die Herrschaft gewinnen konnte, indem er einfach wesentlich mehr bot, als die Firma wert war. Aber das war nicht seine Art. Er trug Verantwortung gegenüber den Aktienhaltern von „Spencer-Nyle“, und er war nicht leichtfertig. Er war bereit, die nötigen Schritte zu unternehmen, aber nicht mehr.

Er spielte mit dem Gedanken, ein Team von Prüfern nach Houston zu schicken. Das würde jedoch Bronson alarmieren und ihn veranlassen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, die sich über Monate hinziehen konnten. Und Anson wollte die Angelegenheit schnell erledigt wissen. Das Beste war ein einziger Mann, ein Mann, dem er in jeder Situation vertrauen konnte.

Er vertraute sowohl Rome Matthews als auch Max Conroy. Aber welcher von beiden war der Geeignetste für diese Aufgabe?

Rome Matthews war sein sorgsam ausgewählter, persönlich geschulter Nachfolger. Er war hart, schlau, zuverlässig und darauf bedacht, stets zu gewinnen. Aber er hatte sich im Laufe der Zeit einen beträchtlichen Namen erworben. Er war in Geschäftskreisen allzu bekannt, und Houston lag zu nahe bei Dallas, als dass er dort unerkannt bleiben konnte. Allein sein Auftauchen würde die Geschäftswelt alarmieren.

Max Conroy hingegen war weniger bekannt. Die Leute neigten dazu, ihn nicht so ernst wie Rome zu nehmen. Es lag an seinem blendenden Aussehen und der Gutmütigkeit, die er ausstrahlte. Man erwartete von ihm einfach nicht, dass er ein Ziel so hartnäckig verfolgte wie Rome. Aber im Innern war Max Conroy hart wie Stahl. Er besaß eine Rücksichtslosigkeit, die er geschickt verbarg. Seine Gutmütigkeit war nur eine Pose. Diejenigen, die ihn nicht kannten, hielten ihn eher für einen Playboy als für einen Geschäftsmann.

Also musste Max die Aufgabe übernehmen. Er hatte wesentlich größere Chancen, in aller Stille Informationen zu sammeln.

Erneut griff Anson zu einer Akte und blätterte durch das Informationsmaterial über das führende Personal bei „Bronson Alloys“. Über Sam Bronson persönlich hatte er nichts in Erfahrung bringen können. Der Mann war sehr vorsichtig und ein Genie.

Aber eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied, und Anson war fest entschlossen, Bronsons Schwachstelle zu finden.

Er stieß auf ein Foto von Bronsons Privatsekretärin und stutzte. Bronson schien ihr völlig zu vertrauen, doch es gab keinerlei Hinweise auf eine romantische Beziehung zwischen ihnen. Stirnrunzelnd musterte Anson das Foto. Die Frau war eine hübsche, dunkeläugige Blondine, aber keine große Schönheit. Ein verschlossener Ausdruck lag in ihren Augen. Sie war mit Jeff Halsey, dem Erben einer wohlhabenden Familie aus Houston, verheiratet gewesen, aber sie hatten sich vor fünf Jahren scheiden lassen. Sie war nun einunddreißig und hatte nicht wieder geheiratet. Ihr Name lautete Claire West brook.

Nachdenklich lehnte Anson sich zurück. Würde sie sich von Max’ Charme einfangen lassen? Es blieb abzuwarten. Claire Westbrook konnte sich durchaus als das von ihm gesuchte schwache Glied in Bronsons Kette erweisen.

Claire schlüpfte durch die Doppeltür hinaus und trat an die hüfthohe Mauer, welche die Terrasse vom Blumengarten trennte. Sie stützte die Hände auf den kühlen Stein und starrte blindlings auf den Garten, ohne das Meer von Blüten wahrzunehmen, das durch geschickt verteilte Lampen betont wurde.

Wie hatte Virginia nur Jeff und Helene zu dieser Party einladen können?

Natürlich hatte sie es absichtlich getan, um sich an dem Schock zu weiden, den Claire beim Erscheinen ihres Exehemannes und seiner wundervollen, schwangeren Frau nicht hatte verbergen können.

Tränen brannten in Claires Augen, und sie blinzelte heftig, um sie zurückzudrängen.

Eine zufällige Begegnung hätte sie mit Fassung ertragen können, aber Virginias vorsätzliche Grausamkeit erschütterte sie. Es hatte nie eine enge Freundschaft zwischen ihnen bestanden, dennoch hatte sie nicht mit einem derart heimtückischen Verhalten gerechnet.

Wie paradox, dass Claire die Einladung nur auf Drängen ihrer Schwester Martine angenommen hatte, die der Ansicht war, dass es ihr guttun würde, einmal aus ihrer Wohnung herauszukommen und unter Leute zu gehen.

Ihre gute Absicht ist wohl etwas fehlgeschlagen, dachte Claire spöttisch und unterdrückte den Drang zu weinen. Der Zwischenfall war es nicht wert, auch nur eine Träne zu vergießen, und sie hatte daraus eine Lektion gezogen: Traue niemals den alten Freundinnen deines Exmannes. Offensichtlich hatte Virginia ihr niemals verziehen, dass sie Mrs. Jeff Halsey gewesen war.

„Ist Ihnen der Rauch und der Lärm auch zu viel geworden?“

Claire wirbelte herum, erschreckt durch die Worte, die so dicht an ihrem Ohr gesprochen wurden. Sie hatte geglaubt, völlig allein auf der Terrasse zu sein. Fest entschlossen, niemanden ihren inneren Aufruhr spüren zu lassen, legte sie eine abweisende Miene auf und zog fragend eine Augenbraue hoch.

Der Lichtschein, der durch die gläserne Doppeltür fiel, enthüllte nur die Silhouette des Mannes. Seine Gesichtszüge blieben verborgen, aber sie war sicher, dass sie ihn nicht kannte. Er war groß und schlank, mit breiten Schultern unter dem makellos geschnittenen, weißen Dinnerjackett, und er stand ihr so nahe, dass sie den schwachen Duft seines Rasierwassers riechen konnte.

„Ich möchte mich entschuldigen. Ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er und stellte sich neben sie. „Ich sah Sie hinausgehen und dachte mir, dass ich auch ein wenig frische Luft genießen könnte. Wir sind uns nicht vorgestellt worden, oder? Maxwell Benedict.“

„Claire Westbrook“, murmelte sie. Nun erkannte sie ihn. Sie waren sich zwar wirklich nicht vorgestellt worden, aber sie hatte sein Erscheinen auf der Party bemerkt. Es war unmöglich, ihn zu übersehen. Er sah aus wie ein Fotomodell, mit dichten blonden Haaren und lebhaften Augen. Sie erinnerte sich, gedacht zu haben, dass ein Mann mit einem Gesicht wie seinem klein sein sollte, um der ausgleichenden Gerechtigkeit willen. Doch er war groß und bewegte sich mit einer lässigen Grazie, die jeden weiblichen Blick anzog.

Trotz der vollkommen geschnittenen Gesichtszüge hatte er nichts Weichliches an sich. Er wirkte durch und durch männlich, und wann immer er eine Frau ansah, sprach männliche Bewunderung aus seinem Blick. Nicht nur hübschen Frauen gegenüber ließ er seinen umwerfenden Charme spielen. Jede Frau, ob jung oder alt, ob hübsch oder hässlich, behandelte er mit einer Mischung aus Höflichkeit und Anerkennung, die alle samt und sonders dahinschmelzen ließ wie einen Schneeball in der heißen Sommersonne.

Wenn er erwartet, dass ich wie alle anderen dahinschmelze, dachte Claire trocken, dann wird er eine Enttäuschung erleben. Jeff hatte ihr einige harte Lektionen über gut aussehende, charmante Männer erteilt, und sie erinnerte sich an jede einzelne. Sie fühlte sich selbst vor diesem Mann sicher, dessen Charme so ausgeprägt war, dass er beinahe greifbar wirkte. Sein atemberaubendes Aussehen und sein strahlendes Lächeln überwältigten, sein ausgeprägt britischer Akzent faszinierte, und der ruhige Bariton seiner Stimme besänftigte. Claire fragte sich, ob es seine Gefühle wohl verletzte, dass sie unbeeindruckt blieb.

„Ich hatte den Eindruck, dass Sie aufgeregt waren, als Sie hinausgingen“, bemerkte er unvermittelt und lehnte sich an die Mauer, ungeachtet seines frischen weißen Abendjacketts. „Haben Sie irgendwelche Probleme?“

Gütiger Himmel, zu allem Überfluss ist er auch noch scharfsinnig, durchfuhr es Claire. Sie zuckte die Schultern und entgegnete leichthin: „Eigentlich nicht. Ich bin mir nur nicht sicher, wie ich mich in einer peinlichen Situation, in die ich hineingeraten bin, verhalten soll.“

„Wenn das der Fall ist, kann ich Ihnen dann auf irgendeine Art helfen?“ Sein Angebot klang ruhig, höflich und äußerst beherrscht.

Claire zögerte. Unwillkürlich erwachte ein Anflug von Interesse in ihr. Sie hatte durchaus erwartet, dass er sich wohlerzogen und weltgewandt verhielt, aber diese kühle Beherrschung, die von ihm ausging, überraschte sie. „Vielen Dank, aber es handelt sich nicht um ein wichtiges Problem.“

Sie brauchte sich nur einen geschickten Abgang zu verschaffen, ohne die Anwesenden spüren zu lassen, dass sie sich auf der Flucht befand. Es ging nicht um Jeff. Ihre Gefühle für ihn waren längst erloschen. Aber das Kind, das Helene erwartete, erinnerte sie an den Schmerz, den sie nie überwunden hatte, an das Baby, das sie verloren hatte …

Erneut öffneten sich die Glastüren. Claire erstarrte, als Virginia zu ihr stürmte und mit falschem Mitleid verkündete: „Claire, Darling, es tut mir ja so leid! Ich hatte keine Ahnung, dass Jeff und Helene kommen würden. Lloyd hat sie eingeladen, und ich war genauso entsetzt und überrascht wie du! Du Ärmste, bist du sehr schockiert? Schließlich wissen wir alle, wie niedergeschmettert du warst …“

Maxwell Benedict richtete sich auf, und Claire spürte sein ausgeprägtes Interesse. Hastig, bevor Virginia noch mehr sagen konnte, entgegnete sie: „Also wirklich, Virginia, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin überhaupt nicht schockiert.“ Ihr gelassener, kühler Tonfall war völlig überzeugend, obgleich es sich um eine ausgesprochene Lüge handelte. Sie war innerlich ein wenig gestorben, als sie von Helenes Schwangerschaft gehört hatte, und der Anblick von Jeffs Frau, so wunderschön und so voller Stolz schwanger, hatte ihr das Herz umgedreht. Noch immer quälte sie ein Gefühl des Verlustes. Es war der einzige Schmerz, den sie nicht überwinden konnte.

Virginia zögerte, verwirrt über die Gleichgültigkeit, die Claire zeigte. „Nun, wenn du dich wirklich wohlfühlst … Ich hatte befürchtet, dass du dir die Augen aus dem Kopf weinst, so ganz allein hier drau ßen.“

„Aber sie ist nicht allein“, wandte Maxwell Benedict sanft ein und legte einen Arm um Claires Schultern. Claire zuckte zusammen und wollte automatisch zurückweichen, aber seine Finger verstärkten den Druck auf ihrer nackten Schulter, und daher zwang sie sich, still zu stehen. „Und sie weint auch nicht. Obgleich ich entzückt wäre, ihr meine Schulter zu bieten, falls ihr danach zumute wäre. Nun, Claire, möchten Sie weinen?“

Einerseits missfiel es ihr, dass er so leichthin ihren Vornamen benutzte, obgleich sie sich gerade erst kennengelernt hatten. Aber andererseits war sie ihm dankbar, dass er ihr diese Gelegenheit bot, ihren Stolz zu wahren und Virginia nicht merken zu lassen, dass deren Intrige in gewisser Hinsicht gelungen war. Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite, auf eine bezaubernde Art, die sie bei ihrer Schwester Martine oft verfolgt hatte, und schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Ich glaube, ich möchte lieber tanzen.“

„Dann werden wir tanzen, meine Liebe. Entschuldigen Sie uns bitte, ja?“, bat er Virginia höflich und führte Claire an ihrer enttäuschten Gastgeberin vorbei ins Haus.

Nach der verhältnismäßigen Stille auf der Terrasse wirkte die Party noch überfüllter und lärmender als zuvor. Alkoholdünste mischten sich mit Zigarettenrauch, und die Musik aus der Stereoanlage übertönte noch das laute Gelächter und Geplauder. Mitten im Raum versuchten einige Gäste zu tanzen, aber es war so eng, dass sie sich nur auf der Stelle wiegen konnten.

Claire wollte gerade vorschlagen, auf den Tanz zu verzichten, als Maxwell Benedict bereits ihre Hand ergriff und sie mit dem anderen Arm an sich zog. Trotz des Gedränges hielt er sie nicht besonders eng, und erneut spürte sie diese strikte Beherrschung, die sein Verhalten stets zu bestimmen schien.

Vielleicht habe ich ihn falsch eingeschätzt, überlegte sie. Nur weil sein Gesicht so fein gemeißelt wie das eines griechischen Gottes war, hatte sie ihn automatisch für einen oberflächlichen Playboy gehalten. Doch diese kühle Beherrschung, die vielleicht auf einer typisch englischen Zurückhaltung beruhte, passte nicht zu einem Play boy.

„Wie lange sind Sie schon in den Staaten?“, fragte sie und beugte sich notgedrungen näher zu ihm hin, damit er sie hörte.

Ein recht seltsames Lächeln spielte um seine wohlgeformten Lippen. „Woher wissen Sie, dass ich kein gebürtiger Texaner bin?“

Sie schmunzelte. „Ich habe nur geraten.“

„Eigentlich habe ich einen gemischten Akzent. Wenn ich auf Urlaub oder über die Feiertage nach Hause fahre, beschwert sich meine Familie immer, dass ich zu amerikanisch spreche.“

Maxwell Benedict hatte ihre Frage nicht beantwortet, und Claire ließ es dabei bewenden. Es war ohnehin zu laut, um sich zu unterhalten. Ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrer augenblicklichen Lage, und sie suchte nach einem Ausweg, der für alle Beteiligten am wenigsten peinlich war. Sie wollte weder Jeff noch Helene in Verlegenheit bringen, denn die beiden waren genauso Opfer von Virginias Racheakt wie sie selbst.

Gerade als die Musik verstummte, rief jemand Maxwell Benedicts Namen. Claire nutzte die günstige Gelegenheit, bedankte sich höflich für den Tanz und ging davon, während er von der Frau zurückgehalten wurde, die seine Aufmerksamkeit gefordert hatte. Ein spöttisches Lächeln trat auf ihre Lippen. Es musste schrecklich für ihn sein, ständig von Frauen verfolgt zu werden. Der arme Mann litt vermutlich entsetzlich – wenn er es nicht gerade voll auskostete.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Virginia mit einer anderen Frau tuschelte, und dass alle beide sie aufmerksam und voller Neugier beobachteten. Getratsche!, dachte Claire verächtlich und beschloss unvermittelt, sich der Situation zu stellen. Mit hoch erhobenem Haupt und einem Lächeln auf dem Gesicht steuerte sie schnurstracks auf Jeff und Helene zu.

Als sie sich näherte, erstarrte Jeff sichtlich, und ein beunruhigter Ausdruck trat auf sein Gesicht. Er erkannte das Funkeln in ihren Augen und fürchtete offensichtlich, dass sie einen Skandal durch eine der heftigen Szenen, an die er sich so gut erinnerte, hervorrufen wür de.

Claire zwang sich, das strahlende Lächeln beizubehalten. Offensichtlich hatte sie einen Fehler begangen, indem sie während der fünf Jahre seit ihrer Scheidung jede engere Beziehung zu Männern gemieden hatte. Ihre Familie glaubte, dass sie Jeff noch immer nachtrauerte, und anscheinend teilte er diese Ansicht, zusammen mit Virginia und deren gesamtem Freundeskreis. Nun bot sich ihr die Gelegenheit, sich gelassen und höflich zu geben und zu beweisen, dass es ihr nichts mehr bedeutete.

„Hallo“, sagte sie fröhlich, hauptsächlich an Helene gewandt. „Ich glaube, Virginia hat uns drei eingeladen, um heute Abend für Unterhaltung zu sorgen. Aber ich bin nicht bereit, auf ihr Spiel einzugehen. Wollen wir ihr den Spaß verderben?“

Helene reagierte schnell und setzte ein Lächeln auf. „Ich möchte ihr am liebsten das Gesicht ‚verderben‘, aber wir sollten uns doch lieber zivilisiert verhalten.“

Als andere Gäste in Hörweite kamen, gab Claire eine witzige Schilderung von einem Einkaufsbummel zum Besten, bei dem alles schiefgegangen war. Helene steuerte ihre eigenen Erfahrungen bei, und zwischenzeitlich hatte Jeff sich wieder genug gefasst, um sich an dem Gespräch zu beteiligen.

Sie verhielten sich derart zivilisiert, dass Claire am liebsten laut aufgelacht hätte. Doch gleichzeitig war ihre Kehle wie zugeschnürt vor Anspannung. Wie lange mussten sie diese Farce noch aufrechterhalten? Sie wollte zwar ihren Stolz wahren, aber lange konnte sie es nicht mehr ertragen, mit Helene zu plaudern, die durch die Schwangerschaft sogar noch schöner geworden war.

Und dann legte sich eine warme Hand auf ihren Rücken. Zu ihrer Überraschung tauchte Maxwell Benedict neben ihr auf. „Es tut mir leid, dass ich aufgehalten wurde“, entschuldigte er sich sanft. „Können wir jetzt gehen, Claire?“

„Ja, natürlich, Max“, stimmte sie eifrig zu, denn diese günstige Gelegenheit zur Flucht konnte sie sich einfach nicht entgehen lassen. „Ach, übrigens, darf ich bekannt machen? Das sind Helene und Jeff Halsey.“

Mit galanter Höflichkeit murmelte er seinen Namen, beugte sich über Helenes Hand und schüttelte dann Jeffs. Claire lachte beinahe über den benommenen Blick in Helenes reizenden blauen Augen. Sie mochte zwar glücklich verheiratet und schwanger sein, aber das machte sie nicht immun gegen Maxwell Benedicts Charme. Er blickte zur Uhr und drängte: „Wir müssen jetzt aber wirklich gehen, Liebes.“

Claire zwang sich erneut zu einem Lächeln, während er sich höflich verabschiedete, und dann legte er mit festem Druck eine Hand auf ihren Rücken und führte sie zum Schlafzimmer, in dem sie ihre kleine Abendhandtasche abgelegt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie sie in dem Wirrwarr aus anderen Handtaschen, Seidenschals, Regenmänteln und Pelzjacken gefunden hatte.

Er stand im Türrahmen und wartete. Er sagte nichts, und sein Gesichtsausdruck wirkte undeutbar. Warum war er ihr zu Hilfe geeilt? Sie konnte sich nicht erklären, warum er sich dieser Mühe unterzog. Schließlich waren sie sich völlig fremd. Das kurze Gespräch auf der Terrasse machte sie in ihren Augen nicht einmal zu entfernten Bekannten. Ihr Misstrauen erwachte, und sie schaltete innerlich auf völlige Abwehr.

Doch zunächst einmal galt es, sich einen würdevollen Abgang von der Party zu verschaffen. Und was war dazu besser geeignet als die Begleitung des atemberaubendsten Mannes, den sie je erblickt hatte? Gut aussehende, charmante Männer sind doch zu etwas nutze, dachte Claire, sie taugen zwar nicht für dauerhafte Beziehungen, aber man kann mit ihnen großartig Eindruck schinden.

Ein seltsam zynisches Lächeln spielte um seine sinnlichen Lippen, so als hätte er ihre Gedanken erraten. „Wollen wir?“, fragte er und reichte ihr die Hand.

Die Straßenlaternen streuten ihr silbriges Licht über die Wiese und die unzähligen Wagen, die in der Auffahrt und am Straßenrand parkten, und ließen die Sterne verblassen, die schwach am Himmel blinkten. Der Frühling war mit einer überschwänglichen Hitzewelle hereingebrochen und hatte die Kälte des Winters entschieden vertrieben. Die Nacht war warm und feucht.

Claire verließ die Party an Maxwell Benedicts Arm, doch sobald sich die Haustür hinter ihnen geschlossen hatte, wich sie vor seiner Berührung zurück. Ein Vogel zwitscherte schüchtern in einem Baum, verstummte dann, als ihre Schritte auf dem Bürgersteig ihn stör ten.

„Hat die Hexe dieses Treffen vorsätzlich arrangiert?“, fragte er mit ruhiger Stimme, in der jedoch ein stahlharter Unterton mitzuschwingen schien.

Erstaunt blickte Claire ihn an. Doch sein Gesicht wirkte so unbeteiligt, dass sie sich wohl getäuscht haben musste. „Es war zwar peinlich, aber nicht tragisch“, wehrte sie ab. Sie wollte diesen Fremden nicht spüren lassen, wie sehr es sie getroffen hatte.

Noch nie hatte sie anderen zeigen können, was in ihrem Innern vorging. Je mehr sie sich verletzt fühlte, desto mehr zog sie sich hinter einem bedeutungslosen Lächeln und einem nichtssagenden, unbewegten Gesichtsausdruck zurück. Es war eine Veranlagung, mit der sie als Kind häufig den Zorn und die Verzweiflung ihrer Mutter erweckt hatte. Alma Westbrook hatte entschieden versucht, Claire in die Fußstapfen ihrer älteren Tochter Martine treten zu lassen, die fröhlich und schön und talentiert war und mit ihrem sonnigen Lachen einen jeden erfreute. Doch je mehr sie sich bemüht hatte, Claire aus ihrer Verschlossenheit zu reißen, desto mehr hatte diese sich zurückgezogen, bis Alma es schließlich aufgegeben hatte.

Plötzlich wurde Claire sich des Schweigens zwischen ihr und Maxwell Benedict bewusst. Sie blieb auf dem Bürgersteig stehen und streckte ihre Hand aus. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mr. Benedict. Es war sehr nett, Sie kennenzulernen.“ Ihre Stimme klang höflich, aber abweisend, und stellte somit klar, dass sie den Abend als beendet betrachtete.

Er ergriff ihre Hand, schüttelte sie aber nicht. Stattdessen hielt er ihre Finger in einem leichten Griff, der nichts verlangte. „Werden Sie morgen Abend mit mir essen gehen, Claire?“, fragte er und fügte dann hinzu, so als spürte er ihre bevorstehende Ablehnung: „Bitte.“

Sie zögerte, ein wenig entwaffnet durch dieses „bitte“. Es schien, als wüsste er nicht, dass er die Gelegenheit von beinahe jeder Frau haben konnte, wann immer er wollte. Beinahe. „Vielen Dank, aber nein.“

Ein Funkeln trat in seine lebhaften Augen. „Sind Sie immer noch in Ihren Exmann verknallt?“

„Das geht Sie gar nichts an, Mr. Benedict.“

„Den Eindruck hatte ich vorhin aber nicht. Sie wirkten ziemlich erleichtert über meine Einmischung in etwas, das mich jetzt plötzlich nichts mehr angeht“, entgegnete er kühl.

Claire hob den Kopf und entzog ihm ihre Hand. „Also gut. Nein, ich bin nicht mehr in Jeff verliebt.“

„Ein Glück. Ich mag keine Rivalen.“

Ungläubig blickte Claire ihn an. Dann lachte sie und beschloss, seine Bemerkung nicht mit einer Antwort zu würdigen. Wofür hielt er sie denn? Für den größten Dummkopf auf Erden? Den hatte sie früher einmal dargestellt, aber nun nicht mehr. „Auf Wiedersehen, Mr. Benedict“, sagte sie mit Nachdruck und ging zu ihrem Wa gen.

Als sie die Tür öffnen wollte, kam ihr Maxwell mit seiner kräftigen, gebräunten Hand zuvor. Claire bedankte sich leise, während sie einstieg und den Wagenschlüssel aus ihrer Handtasche nahm.

Er stützte einen Arm auf das Dach und beugte sich zur Tür hinab. Seine türkisfarbenen Augen wirkten so dunkel wie das Meer. „Ich rufe Sie morgen an, Claire“, verkündete er ungerührt.

„Mr. Benedict, ich habe versucht, nicht unhöflich zu sein, aber ich bin nicht interessiert.“

„Ich bin bei den Behörden ordnungsgemäß gemeldet, und ich bin einigermaßen gut erzogen“, entgegnete er. Um seine Mundwinkel zuckte es belustigt, und unwillkürlich starrte sie beinahe fasziniert auf seine verführerischen Lippen. „Ich werde nicht von der Polizei gesucht, ich war nie verheiratet, und ich bin nett zu Kindern. Brauchen Sie Referenzen?“

Sie musste einfach lachen. „Ist Ihr Stammbaum eindrucksvoll?“

Er hockte in der offenen Wagentür und lächelte. „Makellos. Wollen wir morgen Abend beim Essen darüber reden?“

Claire überlegte einen langen Augenblick. Schon seit einiger Zeit fühlte sie sich einsam. Und was konnte es schaden, mit Maxwell Benedict essen zu gehen? Sie würde sich ganz bestimmt nicht in ihn verlieben, doch sie konnten sich unterhalten und lachen, ein gutes Mahl genießen und vielleicht Freundschaft schließen. Und daher gab sie nach. „Also gut“, sagte sie und seufzte.

Er lachte herzhaft, und seine Zähne leuchteten weiß in der Dunkelheit. „Welche Begeisterung! Ich verspreche Ihnen, dass ich mich gut benehmen werde. Wo soll ich Sie abholen? Und wann?“

Sie einigten sich auf einen Zeitpunkt, und Claire nannte ihm ihre Adresse. Einen Augenblick später fuhr sie davon.

Als sie an der ersten Ampel anhielt, runzelte sie bestürzt die Stirn. Warum hatte sie sich mit Maxwell Benedict verabredet? Sie hatte sich geschworen, seinen Typ wie die Pest zu meiden, und dennoch war es ihm gelungen, ihren Widerstand zu brechen und sie zum Lachen zu bringen. Er schien sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, und er war ihr sehr freundlich zu Hilfe gekommen. Sie musste sich eingestehen, dass sie ihn mochte. Er war viel zu gefährlich für ihren Seelenfrieden …

Während der restlichen Fahrt nach Hause beschloss Claire, die Verabredung abzusagen. Doch als sie ihre Wohnung betrat und die Tür hinter sich schloss, fühlte sie sich überwältigt von der leeren Stille der Räume. Sie hatte sich geweigert, sich ein Haustier anzuschaffen, weil es ihr wie die Krönung ihrer Einsamkeit erschienen war. Doch nun wünschte sie, ein Tier zu besitzen, das sie zu Hause willkommen hieß. Ein Hund oder eine Katze würden nicht mehr erwarten als einen vollen Bauch, ein warmes Plätzchen zum Schlafen und ab und an ein paar Streicheleinheiten.

Wenn sie es sich recht überlegte, brauchte auch ein Mensch nicht mehr. Nahrung. Unterkunft. Zuneigung. An Nahrung und Unterkunft hatte es ihr nie gemangelt. Während ihrer Kindheit waren ihr all die materiellen Werte der oberen Mittelklasse zuteil geworden. Sogar mit Zuneigung war sie bedacht worden, aber es hatte sich nur um die geistesabwesenden Krumen der aufopfernden Liebe gehandelt, die ihre Eltern Martine entgegenbrachten.

Claire konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Martine war in jeder Hinsicht vollkommen. Andere Geschwister hätten sich vielleicht einer schüchternen, ungeschickten jüngeren Schwester gegenüber aufgespielt. Aber Martine hatte sich stets nett und geduldig gegenüber Claire verhalten und kümmerte sich auch jetzt noch um sie. Wie sehr ihre blühende Anwaltspraxis, ihre aufgeweckten Kinder und ihr Ehemann sie auch in Atem hielten, sie fand immer Zeit, Claire mindestens zweimal pro Woche anzurufen.

Dennoch hatte es Claire stets geschmerzt, dass ihre Eltern Martine so offensichtlich den Vorzug gaben. Sie erinnerte sich deutlich, wie sie als Kind in den Spiegel gestarrt und sich gefragt hatte, was mit ihr nicht stimmte. Hätte sie ein hässliches Äußeres oder ein ungezogenes Wesen besessen, dann hätte sie verstehen können, warum sie ihren Eltern nicht gut genug war. Aber sie war ein recht hübsches Kind und bemühte sich stets so sehr, jeden zufriedenzustellen, bis sie erkannte, dass ihr Bestes einfach nicht gut genug war. Da begann sie, sich zu verschließen.

Sie konnte sich mit Martine einfach nicht messen. Das war es, was mit ihr nicht stimmte. Martine war schön, Claire hingegen nur hübsch. Martine besaß ein sonniges, offenes Wesen, Claire neigte zu unerklärlichen Tränenausbrüchen und schreckte vor Menschen zurück. Martine war begabt, eine hervorragende Klavierspielerin, Claire weigerte sich, ein Instrument zu erlernen, und verkroch sich oft mit einem Buch. Martine war intelligent und ehrgeizig, Claire war klug, strengte sich aber nicht besonders an. Martine heiratete einen gut aussehenden, ebenso ehrgeizigen jungen Anwalt, eröffnete eine Kanzlei mit ihm und bekam zwei niedliche, fröhliche Kinder. Claire heiratete Jeff – das einzige Mal in ihrem Leben, dass sie ihre Mutter wirklich zufriedenstellte –, doch die Ehe zerbrach …

Nun, mit einem Abstand von fünf Jahren, sah Claire sehr deutlich die Gründe für das Scheitern ihrer Ehe. Größtenteils war es ihre eigene Schuld. Sie hatte so sehr befürchtet, die Erwartungen nicht erfüllen zu können, die ihrer Meinung nach als Mrs. Jefferson Halsey an sie gestellt wurden. Daher hatte sie sich ständig bemüht, die perfekte Hausfrau, die perfekte Gastgeberin zu sein und sich so sehr verausgabt, dass für Jeff beinahe nichts übrig geblieben war. Eine Zeit lang hatte er es geduldet. Doch dann war die Kluft zwischen ihnen gewachsen. Er hatte sich anderweitig umgesehen und Helene entdeckt, die schön, älter als Claire und wundervoll selbstsicher war.

Nur Claires unverhoffte Schwangerschaft hatte damals eine Scheidung verhindert. Sie musste Jeff zugute halten, dass er sich sehr rücksichtsvoll und zärtlich ihr gegenüber erwiesen hatte. Obwohl er Helene liebte, hatte er die Beziehung zu ihr beendet.

Und dann hatte Claire die Fehlgeburt erlitten. Er hatte gewartet, bis sie sich körperlich davon erholt hatte, und sie dann um die Scheidung gebeten. Claire hatte gewusst, dass es vorbei war, noch bevor sie das Baby verlor. Vermutlich zur Enttäuschung von halb Houston war die Scheidung in aller Stille und ohne viel Aufhebens erfolgt.

Gleich nach Ablauf der gesetzlichen Wartefrist hatte Jeff schließlich Helene geheiratet, und ein Jahr später hatte sie ihm einen Sohn geboren. Nun war sie erneut schwanger …

Claire wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne, bevor sie zu Bett ging und nach dem Buch auf dem Nachttisch griff. Sie zwang sich, nicht an das Baby zu denken, das sie verloren hatte. Es gehörte der Vergangenheit an, genau wie ihre Ehe, und die Scheidung war das Beste, was ihr hatte passieren können. Dadurch war sie gezwungen worden, aufzuwachen und sich selbst kritisch zu betrachten. Sie hatte ihr Leben verschwendet in dem Bemühen, anderen zu gefallen anstatt sich selbst. In den vergangenen fünf Jahren hatte sie gelernt, sie selbst zu sein.

Im Großen und Ganzen war sie mit ihrem Leben zufrieden. Sie besaß eine gute Stellung, sie las, wann immer ihr danach zumute war, sie hörte die Musik, die ihr gefiel. Sie stand Martine nun näher denn je zuvor, weil sie sich nicht länger von ihr bedroht fühlte. Sie verstand sich sogar besser mit ihren Eltern – wenn ihre Mutter sie nur nicht ewig drängen würde, „einen netten jungen Mann zu suchen und eine Familie zu gründen“.

Claire ging nicht oft aus, denn sie sah keinen Sinn darin. Ihr lag nichts an einer gleichgültigen Ehe, die nur auf gemeinsamen Interessen beruhte, und sie war nicht der Typ, der zu glühender Leidenschaft neigte. Sie hatte gelernt, sich zu beherrschen und sich durch diese Beherrschung zu schützen. Wenn sie dadurch kühl und verschlossen wirkte, dann umso besser. Denn so schützte sie sich vor dem niederschmetternden Schmerz, den eine Zurückweisung hervorrief.

Sie hatte sich ihr Leben freiwillig und ganz bewusst so eingerichtet. Aber warum hatte sie dann die Verabredung mit Maxwell Benedict angenommen? Trotz seines ausgeprägten Humors war er nichts weiter als ein Playboy, und er hatte keinen Platz in ihrem Leben.

Mit einem Seufzer schloss sie das Buch, denn sie konnte sich ohnehin nicht darauf konzentrieren. Sein hübsches Gesicht drängte sich ständig vor die Buchstaben. Ein besorgter Ausdruck lag in ihren braunen Augen, als sie das Licht löschte und die Bettdecke hochzog. Denn trotz der warnenden Stimme ihres Instinktes wusste sie, dass sie die Verabredung nicht absagen würde.

Max saß in seinem Hotelzimmer, die Füße auf den Tisch gelegt und eine Kanne Kaffee neben sich. Mit gerunzelter Stirn las er einen der dicken Berichte, die er per Post erhalten hatte. Geistesabwesend griff er nach der Kanne und bemerkte ungehalten, dass sie beinahe leer war. Er stellte sie zurück auf das Tablett und schob es von sich. Kaffee! Er war geradezu süchtig nach dem Zeug geworden – eine von mehreren amerikanischen Angewohnheiten, die er sich zugelegt hatte.

Seine Lesegeschwindigkeit war außergewöhnlich hoch. Schnell beendete er den Bericht und warf ihn beiseite. Anson hatte Hinweise erhalten, dass eine weitere Firma an „Bronson Alloys“ interessiert war. Diese Tatsache allein wirkte schon beunruhigend, aber noch alarmierender schienen ihm die Gerüchte, dass diese Firma Verbindungen zu Osteuropa unterhielt. Wenn die Gerüchte stimmten, dann war irgendwie durchgesickert, dass Sam Bronson eine Legierung entwickelt hatte, die leicht und nahezu unverwüstbar und der Legierung überlegen war, die derzeit für Spionageflugzeuge verwendet wurde. Bislang hatte Sam Bronson zwar noch nicht offiziell bekannt gegeben, diese Legierung entwickelt zu haben, aber diesbezügliche Gerüchte waren schon seit einiger Zeit im Umlauf.

Die Situation gefiel ihm ganz und gar nicht. Ein Übernahmeversuch vonseiten einer anderen Firma würde ihn zwingen, schnell zu handeln – vielleicht früher, als er dazu bereit war. Und das würde das Risiko eines Fehlschlags beträchtlich erhöhen. Er hasste Fehlschläge. Er war zu ehrgeizig, um sich mit weniger als einem völligen Sieg zufriedenzugeben, was immer er auch anfasste.

Max griff erneut zu dem Bericht und blätterte ihn durch, doch seine Gedanken schweiften ab. Diese Frau, Claire Westbrook … Sie war anders, als er erwartet hatte. Anson hielt sie für das mögliche schwache Glied, und er selbst hatte vorausgesetzt, dass er sie so mühelos wie alle anderen Frauen betören konnte. Aber es hatte nicht geklappt. Sie war so kühl und ruhig, beinahe allzu beherrscht. Und obwohl sie seine Dinnereinladung schließlich angenommen hatte, vermutete er, dass andere Gründe dahintersteckten.

Seit er erwachsen war, verfolgte ihn das weibliche Geschlecht förmlich. Er schätzte Frauen, genoss ihre Gesellschaft, begehrte sie, hatte sich aber nie sonderlich bemühen müssen. Es war das erste Mal, dass eine Frau ihn kühl angesehen und sich dann völlig unbeeindruckt abgewandt hatte. Es gefiel ihm nicht. Er fühlte sich gereizt und herausgefordert, und er durfte keines von beidem empfinden. Es war eine rein geschäftliche Angelegenheit. Er wollte ohne Gewissensbisse seinen Charme einsetzen, um die benötigten Informationen zu erlangen. Der Kampf um eine Firma blieb schließlich ein Kampf, trotz zivilisierter Vorstandssitzungen und dreiteiliger Anzüge.

Doch Verführung hatte nie zu seinem Plan gehört. Daher war ihm seine ungewollte Zuneigung zu ihr doppelt unliebsam. Er konnte sich keine Ablenkung leisten. Er musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren, so schnell, wie es nur ging, die Informationen erhalten – und dann die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.

Er war äußerst sinnlich veranlagt, aber bisher hatte er seine körperlichen Bedürfnisse stets durch die Kraft seines kühlen Verstandes beherrscht. Er war Herr über seinen Körper, nicht umgekehrt. Die Natur hatte ihn zwar mit einem ausgeprägten sexuellen Appetit ausgestattet, der weniger kluge Männer beherrscht hätte, aber seine geistigen Fähigkeiten waren derart ausgeprägt und mächtig, dass sie stets die Oberhand behielten.

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