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Wintererde

ÜBER DIE AUTORINNEN:

Inge Notz, Jahrgang 1932, wurde im Westerwald geboren und arbeitete seit ihrer Kindheit als Magd und Dienstmädchen. Sie lebt heute in der Nähe von Marktoberdorf im Allgäu.

Katrin Hummel, geboren 1968 in Ulm, studierte in Straßburg und Freiburg Französisch, Geographie und Englisch. Sie ist Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Autorin mehrerer Sachbücher und Romane. Bei Bastei Lübbe erschienen von ihr die Titel »Gute Nacht, Liebster« (2008) und »Entsorgte Väter« (2010).

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG: HERBORN

Die Mutter stößt einen langen Schrei aus. Wir hören ihn durch die Tür des Schlafzimmers, in dem sie am Nachmittag mit der Hebamme verschwunden ist. Ein kalter Schauer jagt mir den Rücken hinunter. Meine Schwester Rosmarie sitzt neben mir auf der Eckbank und drückt sich an mich. Sie ist ein Jahr jünger als ich.

»Muss sie sterben?«, flüstert sie mir zu.

Es ist eine Frage, die ich selbst nicht zu stellen gewagt habe, obwohl ich seit Stunden – seit die Schreie der Mutter zu uns dringen wie Hilferufe – an nichts anderes denken kann. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals vor Angst. Ich hebe die Schultern und blicke im schwindenden Tageslicht, das durch das Küchenfenster fällt, unsicher hinüber zu meiner älteren Schwester Hannelore. Sie ist dreizehn und weiß oft die Antwort auf unsere Fragen. Doch nun sieht sie genauso verloren und ängstlich aus, wie ich selbst mich fühle. Gemeinsam harren wir in der kleinen Küche aus und lauschen den Geräuschen aus dem Nachbarraum, die unser atemloses Schweigen und das Ticken der Wanduhr, das aus dem Wohnzimmer zu uns herübertönt, durchbrechen.

Plötzlich öffnet sich die Tür, und die Hebamme schiebt ihren massigen Körper in die Öffnung.

»Heißes Wasser, schnell!«, befiehlt sie.

Sie ist eine kleine, dicke Frau mit einem weißen Trägerschurz über dem graublauen Kleid. Ihr Gesichtsausdruck ist so undefinierbar wie die anderen Male, wenn sie uns an diesem Nachmittag Aufträge erteilt hat. Aber auf ihrer Schürze erkenne ich nun zwei dunkle Flecken, die mir zuvor nicht aufgefallen sind. Ein Schauer jagt über meinen Rücken. Hannelore springt auf und eilt zum Herd, um frisches Wasser aufzusetzen. Doch die Hebamme lässt sich nicht mehr blicken, um es abzuholen. Erst nach einer Ewigkeit, wie es mir scheint, öffnet sich die Schlafzimmertür abermals, und sie tritt zu uns in die Küche, wobei sie die Tür sorgfältig hinter sich zuzieht.

»Die Mutter hat ein Kindle bekommen, aber es ist tot. Es kam zu spät«, verkündet sie mit unbewegter Miene.

Atemlos starren wir sie an.

»Eure Mutter lebt.«

Ich spüre, wie sich mein Herzschlag beruhigt. Rosmarie richtet sich auf, sie braucht den Schutz meines Kinderkörpers nun nicht mehr. Hannelore sieht traurig aus.

Am Abend schiebt die Hebamme die Wiege vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Darin liegt das reglose Baby, gewaschen und in weiße Säuglingswäsche gekleidet: Jäckchen, Hemdchen und Strampelhose. Wir stellen uns ringsherum auf und blicken auf unseren Bruder, der den Namen Georg tragen sollte. Er hat schwarze Haare und scheint zu schlafen. Ich kann nicht glauben, dass er tot ist, und so ergreife ich seine winzige Hand. Sie fühlt sich steif und kalt an, und ich zucke zurück. Rosmarie steht mir gegenüber und streichelt Georgs Stirn. Hannelore sinkt auf das Sofa, das neben dem Oranier Ofen steht.

»’s ist leichter zu ertragen, wenn man schreit«, sagt die Hebamme nüchtern, die neben uns steht und über Georg wacht.

Ich blicke sie an, dann laufe ich aus dem Raum und aus dem Haus in den Wald hinein, der hinter unserem Haus beginnt. Dort, unter dem hohen Dach der Fichten, versuche ich zu verstehen, was mit meinem Bruder geschehen ist.

Ich bin neun Jahre alt.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, kommt der Schreiner, ein großer, kräftiger Mann mit schwarzen Stiefeln. Er trägt einen schmalen, weißen Sarg unter dem Arm, der sehr zerbrechlich wirkt. Mit schweren Schritten geht er ins Wohnzimmer, stellt den Sarg auf den Tisch und blickt wortlos auf unseren Bruder herab. Es ist totenstill im Raum. Dann hebt die Mutter Georg, der sich die ganze Nacht über nicht bewegt hat, aus der Wiege und legt ihn sanft auf die Holzwolle und das weiße Papier, mit dem der Holzsarg ausgeschlagen ist. Ihr Gesicht ist so weiß und starr wie eine Maske. Es macht mir Angst, sie so zu sehen. Der Schreiner legt ein Tuch über den Sarg, dann wendet er sich zur Tür.

»Behüt euch Gott«, sagt er und nimmt Georg mit sich fort. Die Mutter und Hannelore weinen stumme Tränen. Rosmarie und ich stehen betreten daneben. Einerseits bin ich traurig, andererseits bin ich froh, dass wenigstens die Mutter noch bei uns ist. Auf unseren Vater können wir nicht zählen, er ist im Wirtshaus, wie fast immer, wenn er nicht bei der Arbeit oder auf dem Feld ist. Er schafft in einer Ofenfabrik in Niederscheld als Former. Mit dem Fahrrad fährt er die fünf Kilometer dorthin. Nach der Arbeit kommt er meist nicht nach Hause, sondern macht gleich in der Gaststätte »Gefahr« halt, wo er sich mit seinen Kumpanen betrinkt. Auch am Wochenende nach der Feldarbeit geht er dorthin und vertrinkt das meiste von dem, was er verdient hat.

Am Nachmittag steigen Rosmarie und ich hinauf auf den Dachboden, wo im Sommer die Blätter der Tabakpflanzen hängen, die wir mit Nadel und Faden aufgefädelt und auf eine Leine gehängt haben. Wir interessieren uns für die großen Koffer aus fester Pappe, die hier ebenfalls ihren Platz haben. Einmal im Jahr, wenn Vater Urlaub hat, fahren wir damit zu unseren Großeltern nach Amberg. Wir können diesen Tag kaum erwarten. Es ist für uns eine große Freude, sie zu besuchen, denn dort gibt es einen kleinen Tante-Emma-Laden, in dem wir Semmeln bekommen und wo wir in die bunten Gläser voller Bonbons mit Himbeer- und Waldmeistergeschmack greifen dürfen. Wenn wir sie zu gierig lutschen, wird der Oberkiefer ganz wund.

»Leg dich rein«, fordert Rosmarie mich auf, »dann mach ich zu.«

»Aber wenn ich keine Luft mehr bekomm’, machst auf, ja?«

Sie nickt.

Ich hebe meinen Rock hoch und krieche hinein. Sie macht den Koffer zu, doch als ich nach einer Weile rufe: »Aufmachen!«, reagiert sie nicht.

Ich trommele gegen den Koffer und glaube zu ersticken. Da höre ich Rosmarie lachen.

»Mach auf, ich krieg’ keine Luft mehr!«, rufe ich voller Angst. Ich stelle mir Mutters Gesicht vor, wie sie meinen toten Körper in einen Sarg legt.

Nach einer Ewigkeit höre ich das Schloss klicken. Böse sehe ich Rosmarie an, als ich herausklettere. Doch sie streckt mir nur die Zunge heraus und läuft weg. Keine von uns ahnt, dass wir diese Koffer schon bald benutzen werden. Und zwar nicht, um Urlaub zu machen.

Als wir uns tags darauf um kurz nach sieben auf den Schulweg machen, ist der Streit vergessen. Während wir an der Brauerei mit ihrem See vorbeilaufen, auf dem wir im Winter immer Schlittschuh laufen, vorbei an den Apfelbäumen, von denen der Vater jedes Jahr einen anderen mietet, sodass wir hinaufsteigen und ernten können, sehe ich noch immer Georgs weißes Gesichtchen vor mir und den Kummer der Mutter. Ob mein Bruder es im Himmel wenigstens besser hat als wir anderen Kinder hier unten auf der Erde? Ist er nun im Paradies, von dem der Pfarrer jeden Sonntag predigt? Und weiter geht es, immer weiter. Eine halbe Stunde müssen wir laufen, und heute bin ich froh darüber. Hinauf auf die Eisenbahnbrücke mit ihren vielen Holzstufen, durch die Kaiserstraße, an der Kaiser-Maximilian-Statue vorbei und über die steinerne Brücke der Dill, auf der ich von Weitem die Ruth sehe, die in meine Klasse geht.

»Wart’ auf uns! Warte!«, rufe ich.

Sie dreht sich um und bleibt stehen. Als wir zu ihr gerannt kommen, lacht sie uns an. Sie ist meine beste Freundin, und wie ich trägt sie die Haare geflochten und zu Affenschaukeln gebunden. Am Sonntag, wenn wir zur Kirche gehen, bindet meine Mutter eine rote Schleife in jeden Zopf, aber heute hat die Ruth sogar die gleichen Haarspangen wie ich, und es tut mir gut, sie nach diesem Wochenende zu sehen. Ihr Lachen vertreibt Georgs Bild aus meinem Kopf. Mein Blick streift den gelben Stern, den sie seit Neuestem auf ihrer blauen Jacke trägt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, frage ich mich, was er zu bedeuten hat. Ich weiß, dass er bedeutet, dass sie Jüdin ist. Aber warum es so wichtig sein soll, dass sie diesen Stern tragen muss, will mir nicht in den Kopf. Die Ruth ist doch wie ich: Wir lachen fröhlich, wenn ich beim Kästchenhüpfen auf einem Bein balanciere und wie ein Storch aussehe, der gerade einen Frosch verschluckt hat. Ich mag sie gern. Und sie mich auch. Auch der Metzger und seine Frau tragen den Judenstern. Und als ich neulich beim Bäcker war, kam ich sofort dran, obwohl vor mir noch eine Frau stand. Als ich mich zu ihr umdrehte, sah ich, dass auch sie den Judenstern trug. Was hat es nur auf sich mit diesem Stern?

Wir laufen zusammen den Berg hinauf zum dicken alten Ritterturm mit seinem spitzen Dach, den niemand je betreten darf, und je näher wir dem Schulhaus kommen, desto mehr Kinder treffen wir. Die Mädchen tragen bunte Kleider und Spangensandalen, die Jungen kurze Hosen und karierte Hemden, und alle haben lederne Ranzen, aus denen Schwammdöschen und Trockenläppchen heraushängen, die hin und her wippen, wenn man rennt. Ich gehe gern zur Schule, obwohl der Lehrer sehr streng ist und immer einen Stock bei sich hat. Damit schlägt er uns, wenn er nicht zufrieden mit unserem Benehmen oder unseren Leistungen ist.

Das Schulgebäude mit seinen acht Klassenräumen taucht nun vor uns auf. Ein Stück dahinter liegt die Heilanstalt für spastisch gelähmte Kinder, in der meine Mutter ihre Ausbildung als Krankenpflegerin gemacht und meinen Vater kennengelernt hat. Jedes Mal, wenn ich das dunkle Gebäude sehe, gruselt es mich. Die kranken Kinder müssen auf Gutshöfen schaffen, und die Leute flüstern, dass diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind, umgebracht werden.

Die Ruth und ich beeilen uns, damit wir nicht zu spät kommen. Sonst müssen wir nachsitzen, eine ganze Stunde lang. Oder zwanzigmal schreiben: Ich darf nicht zu spät zur Schule kommen. Einmal ist mir das passiert, danach nie wieder, aus Angst vor Schlägen und Bestrafung. Auch meine Hausaufgaben mache ich immer – wer sie vergisst, muss beide Hände auf den Tisch legen und bekommt mit einem Tatzenstock Schläge darauf, sodass sie dick anschwellen. Und wehe, man zieht sie voreilig weg! Der Lehrer ruft dazu im Rhythmus seiner Schläge: »Merkt euch, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit sind Tugenden unseres deutschen Volkes!«

Der Pfarrer sagt, Schmerzen zu ertragen hat auch etwas Gutes. Aber das kann ich nicht glauben, auch wenn die Eltern nichts gegen diese Form der Strafe haben. Im Gegenteil. Wenn dem Vater zu Ohren kommt, dass eins von uns Mädchen in der Schule ungehorsam war, sagt er zur Mutter: »Sie soll sich in der Schule Schläge geben lassen.«

Das Schulhaus ist riesig: zweistöckig, mit großen weißen Fenstern und einem Walmdach. Die Turnhalle ist im Keller. Auf dem Schulhof steht ein Fahnenmast, an dem eine Hitler-Fahne weht. Als der Lehrer, der ein großer Nazi ist, das Klassenzimmer betritt, stehen wir auf und rufen: »Heil Hitler!«

Ich fühle mich komisch dabei. Mein Vater ist gegen die Nazis, aber das dürfen wir Kinder niemandem sagen. Dabei höre ich ihn oft beim Abendbrot sagen: »Diese ganze Nazibande sollte man verjagen. Dieser Hitler ist Deutschlands Unglück, der wird uns noch alle ins Verderben führen.«

Meine Mutter hingegen hat uns heimlich BDM-Jacken gekauft, samt dem dazugehörigen Rock und einer weißen Bluse. Sie hat gesagt: »’s ist nichts Unrecht’s dabei.«

Wenn der Vater im Wirtshaus ist, nehmen wir hinter seinem Rücken an den Aufmärschen teil, die stattfinden, wenn die Obrigkeit von der SA nach Herborn kommt.

In der Schule sagt der Lehrer: »Holt das Realienbuch heraus. Und lest der Reihe nach laut vor, einer nach dem anderen. Jeder einen Satz.«

Dann macht er auf dem Absatz kehrt. Seufzend blicken die Ruth und ich uns an. Das Realienbuch kennen wir schon so gut wie auswendig. Immerzu müssen wir daraus vorlesen, während der Lehrer auf dem Dachboden der Schule seine Patienten behandelt. Das macht er fast jeden Tag. Gleich in der Früh kommen die ersten, denn er beschäftigt sich im Nebenberuf mit Homöopathie und probiert sein Wissen gern während der Schulzeit an seinen Patienten aus.

Nach zwei Stunden steigt er herunter und gibt uns eine neue Aufgabe: Schönschrift üben. Sooft es auf die Tafel passt, sollen wir mit dem Griffel schreiben: Wie man die Kinder gewöhnt, so hat man sie.

Ich verstehe nicht, was das bedeutet, und mache mir auch keine Gedanken darüber. Mich interessiert nur, dass ich schön gleichmäßig schreibe. Als der Lehrer in einer Behandlungspause hinter meinem Rücken vorbeigeht, versteift sich mein Körper. Ich fürchte mich vor ihm. Die Ruth blickt mich erleichtert an, als er weitergeht, und ich erwidere ihren Blick.

Später liest er aus der Zeitung vor: »Das deutsche Afrikakorps landet in Libyen. Deutschland kommt dem Verbündeten Italien zur Hilfe. General Rommel verspricht dem Führer des Deutschen Volkes, Adolf Hitler, den Sieg über die Engländer und die Rückeroberung der Cyrenaika.«

Dann fordert er mich auf, die Karte »Südeuropa und Nordafrika« aus dem Kartenzimmer zu holen. Er rollt sie aus und hängt sie an den Kartenständer.

»Hier steht Rommel mit seinen Truppen«, sagt er und zeigt dabei auf den Namen einer Stadt.

Ich buchstabiere Benghasi und forme mit meinen Lippen leise jeden einzelnen Buchstaben.

»Unsere siegreichen Soldaten werden den Angsthasen von Italienern zeigen, was Kampfesgeist und Siegeswillen bewirken. In drei Wochen hat Rommel die Cyrenaika zurückerobert. Ruth, zeig uns, wo die Cyrenaika liegt!«, verlangt der Lehrer.

Die Ruth rutscht ängstlich aus ihrer Bank. Vor der großen Karte wirkt sie klein und verloren. Ich habe das Wort Cyrenaika längst gefunden. Darunter steht Libysche Wüste, und ohne nachzudenken, frage ich: »Kämpfen unsere Soldaten in einer Wüste? Da gibt es doch kein Wasser, und es ist heiß, und man sieht nur Sand!«

Der Lehrer lacht und wirkt für einen kurzen Augenblick fast freundlich und milde. Die Ruth ist erleichtert und zeigt mit dem langen Rohrstock auf das Wort Cyrenaika.

Sie wirft mir einen dankbaren Blick zu, und der Lehrer erklärt, dass unsere Soldaten in Afrika gut versorgt werden.

Auf dem Heimweg komme ich wieder am Güterbahnhof vorbei, wo nun, wie fast jede Woche, ein Lazarettzug steht. Durch die Scheiben der Abteile erkenne ich die Betten, in die ich neugierig hineinschaue. Die Soldaten tun mir leid: Einer hat keinen Fuß, der andere keinen Arm mehr, und der nächste ist am Kopf verletzt. Ich beobachte, wie die Verwundeten ausgeladen und in Sankas weggefahren werden. Sie kommen in Turnhallen unter, in Hotels oder öffentlichen Gebäuden, auch das Herborner Schloss wird mit ihnen belegt. Nachmittags besuchen die Rosmarie, die Ruth und ich sie manchmal und bringen ihnen ein Rippchen Schokolade. Oft treffen wir sie beim Kartenspielen an, und manchmal unterbrechen sie ihr Spiel und erzählen vom Krieg. Einer der Soldaten, der auf Krücken geht, hat uns erzählt, wie er sein Bein verloren hat. Das meiste von der Geschichte habe ich vergessen, aber dass feuerspeiende Drachen im Krieg Panzer heißen und dass die einem die Beine wegnehmen, weil sie zornig auf die Menschen sind, zornig darüber, dass die Menschen laufen können und sie nur kriechen können – das habe ich doch behalten. Zu Hause habe ich der Mutter davon erzählt. Sie wollte es nicht hören. Der Krieg ist für sie weit weg. Meine Eltern haben ein bisschen Geld. Es geht uns nicht schlecht. Wir haben eine Kuh, ein Schwein, zehn Hühner und zwei gepachtete Felder, auf denen wir Kartoffeln und Weizen anbauen.

Der April bringt uns viel Regen und wenig Sonne. Die Äcker erstrecken sich fahl in der noch kalten Luft, die braune Erde liegt gepflügt bereit und scheint darauf zu warten, dass der Bauer kommt und sät. Und während der Volksempfänger in der Stube verkündet, dass der deutsche Feldzug gegen Griechenland beginnt, blickt die Mutter aus dem Fenster auf die knorrigen Apfel- und Birnbäume, die zur Markierung der Feldgrenzen dienen. Sie tragen ein leichtes Grün und zeugen davon, dass es Frühjahr wird. Der Krieg scheint da zu sein und gleichzeitig weit weg.

»Geh, hol Kartoffeln aus dem Keller. ’s ist Zeit, weißt schon, oder?«

Ich nicke und steige die Stiege hinab in den nur spärlich beleuchteten Keller. Ich fürchte mich hier stets ein bisschen, es gibt unheimliche Schatten und einen fremdartigen Geruch. Mit leichtem Grauen stelle ich mir vor, die Kellertür fiele ins Schloss, die Mutter ginge fort, und ich müsste hier unten ausharren. Mit klopfendem Herzen und fliegenden Händen fülle ich meinen Korb, eile die Stufen wieder hinauf und laufe in den Hof. Dort machen die Mutter und ich uns daran, die Kartoffeln zu sortieren. In diesem Moment vermisse ich die Hannelore. Sie ist seit einigen Wochen im Reichsarbeitsdienst bei einem Bauern, ebenso wie unsere älteste Schwester Helga, die schon fünfzehn ist. Früher haben die beiden immer bei der Haus- und Feldarbeit geholfen, aber nun, da sie aus dem Haus sind, fällt mir die Rolle der Ältesten zu. Zum Spielen habe ich jetzt noch weniger Zeit als früher. Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die Straße schlage ich mir den Gedanken an ein lustiges Knopfspiel aus dem Kopf und konzentriere mich auf die Kartoffeln. Die ohne Augen kommen in einen Topf, sie werden später für uns gekocht oder dem Schwein vorgesetzt. Die mit Augen werden in zwei Gruppen sortiert: Die kleinen kommen sofort in einen Sack, die großen werden vorher zerschnitten, so dass an jeder Hälfte mindestens vier Augen sind. »Sonst wachsen sie nicht«, sagt die Mutter.

Ich nicke brav.

Bis zum nächsten Wochenende haben wir vier Säcke mit Saatkartoffeln vorbereitet und auf den eisenbereiften Wagen geladen. Mit unseren Weidenkörben, weißblauen Kopftüchern und bunten Schürzen über den Kleidern stehen Rosmarie und ich bereit, als der Vater das Gespann mit den zwei Kühen vorfährt. Die eine Kuh, Alma, gehört uns, die andere hat er sich geliehen. Wir dürfen auf das Brett steigen, das den Kutschbock bildet. Stolz, aber dennoch mit einem Sicherheitsabstand zum Vater, den wir fürchten, sitzen wir dort droben und blicken herab, nachdem sich der Wagen mit einem Knirschen in Bewegung gesetzt hat. Die Mutter bleibt bei Adolf und Johanna, unseren jüngsten Geschwistern. Johanna ist zwei, Adolf ein Jahr alt.

Unser Weg führt durch die Stadt und dann aus ihr hinaus. Ich genieße die Fahrt. Der Himmel leuchtet königsblau, kein noch so kleines Wölkchen ist zu sehen. Die Sonne ist schon recht kräftig und wärmt mir das Gesicht. Am Wegrand stehen Apfelbäume mit weißen und rosafarbenen Knospen. Amseln, Drosseln und Stare zwitschern, ein Fasan kreuzt mit langen Schritten in sicherer Entfernung unseren Weg. Er schreitet majestätisch, sein Schwanz ragt schräg nach oben. Der Vater schwingt die Peitsche, in der anderen Hand hält er eine Zigarette. Die Kühe gehen ein wenig schneller, um kurz darauf doch wieder in ihren lahmen Trott zurückzufallen. Nach etwa dreißig Minuten erreichen wir das Feld, das an andere Äcker grenzt. Der Vater spannt die Kühe vor den Pflug und zieht Furchen, wir Mädchen verteilen die Kartoffeln auf die Körbe, heben diese sodann vom Wagen herunter und knien uns neben eine der Furchen, die der Vater gezogen hat. Dann setzen wir in fußbreitem Abstand eine Kartoffel nach der anderen mit der Keimstelle nach oben in die krümelige braune Erde. Wenn ein Wurm herausguckt, ziehe ich ihn heraus und spiele mit ihm, bevor ich ihn wieder wegwerfe. Vor den Engerlingen ekele ich mich und lasse sie liegen. Es ist eine leichte, aber eintönige Arbeit, doch Rosmarie und ich ratschen unentwegt, sodass die Zeit schnell vergeht. Hinter uns schließt der Vater die Furchen mit dem Pflug und lässt hin und wieder die Peitsche über uns durch die Luft sausen, wenn er meint, wir würden zu viel reden anstatt gewissenhaft zu arbeiten. Am Abend schmerzen unsere Rücken, Hände, Knie, und die Fingernägel sind schwarz, aber alle Kartoffeln sind in der Erde verschwunden.

Am letzten Schultag vor den großen Ferien stellen sich alle acht Klassen auf dem Schulhof auf und sehen zu, wie der Hausmeister die Deutschlandfahne hisst. Mit hellen Stimmen singen wir das Deutschlandlied: »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!«

Anschließend hält der Direktor eine Rede. Er spricht vom Krieg und davon, dass wir nun gegen die Sowjetunion kämpfen, doch ich kann nur daran denken, dass ich nun für eine mir unendlich lang erscheinende Zeit nicht mehr in die Schule muss. Der Krieg macht mir keine Angst. Wenn ich nicht gerade an die Soldaten in den Lazarettzügen denke, ist er mir fast egal. Ich nehme ihn gar nicht ernst. Das wird schon kein richtiger Krieg sein, so ein blödes Zeug.

Und dann gehen wir hinein, um unsere Zeugnisheftchen entgegenzunehmen. Ich bin eine mittelmäßige Schülerin, aber in diesem Schuljahr hatte ich wenig Zeit zum Lernen, weil ich nach der Schule fast immer auf dem Feld oder im Haus schaffen musste. Schnell blättere ich die Seite für das zweite Halbjahr der dritten Klasse auf. Ich bete leise zum Herrgott, dass ich keine Fünf bekommen habe. Denn sonst versohlt mir der Vater den Hintern. Er kümmert sich zwar nie darum, dass wir unsere Hausaufgaben machen, und übt auch nicht Lesen oder Rechnen mit uns – das ist Mutters Aufgabe. Aber die Zeugnisse sieht er sich an.

Leider habe ich doch eine Fünf bekommen, in Mathematik. Ich schließe die Augen, denn ich weiß, was mir zu Hause blüht. Schweren Herzens mache ich mich nach der letzten Stunde auf den Heimweg. Nicht einmal die Ruth kann mich aufmuntern, obwohl sie sich Mühe gibt. Sie nimmt mich an der Hand, schlenkert sie hin und her, will mit mir hüpfen, ahmt das Muhen der Kühe nach, grunzt wie ein Schwein, schneidet fürchterliche Grimassen und pfeift grottenfalsch Lieder. Dann erzählt sie mir von den Zauberkünsten ihres Bruders.

»Er hat einen Zauberkasten und einen Zauberstab. Damit kann er Dinge herbei- und auch wieder wegzaubern. Er kann eine Reichsmark unter einem Becher wegzaubern, ohne den Becher zu berühren!«

Ich schaue sie erstaunt an. Dann lachen wir beide herzlich.

»Das glaube ich nicht«, sage ich.

»Doch! Ehrenwort!«

»Vielleicht kann er ja auch einen Fünfer einfach wegzaubern?«

Ich bleibe ungläubig, und doch fühle ich mich nun immerhin ermutigt, tapfer zu ertragen, was da kommen mag.

Als ich zu Hause ankomme, ist der Vater noch nicht da. Die Mutter sieht sich das Zeugnis an und sagt: »Da wird der Vater nicht zufrieden sein.«

Ich nicke und senke den Kopf.

Schon von Weitem sehe ich ihn am Abend den Berg zu unserem Haus hinaufkommen. Ich wünsche mir sehnlich, dass er nicht betrunken ist. Seinem Gang nach zu urteilen ist er nüchtern – wenigstens das. Sonst hätte er sich noch weniger in der Gewalt als sonst.

»Es gab Zeugnisse«, sagt die Mutter zur Begrüßung und wirft einen vielsagenden Blick auf mich. In diesem Moment fühle ich mich schutzlos und ungeliebt, denn nicht einmal sie hält zu mir.

»So?«, fragt der Vater.

Ich starre auf den Boden und bemühe mich, nicht herumzuzappeln. Mit einem verzweifelten Blick zur Mutter reiche ich ihm das Zeugnisheft. Doch sie dreht sich weg.

Der Vater wirft einen kurzen Blick hinein, dann befiehlt er mit kalter Stimme: »Dreh dich um, du Hinkel!«

Ich gehorche, und er zieht den Gürtel aus der Hose, hebt meinen Rock hoch und schlägt auf mich ein. Ich presse die Lippen zusammen, damit ja kein Laut zu hören ist. Er soll mich nicht schreien hören, sonst kommt zu den Schmerzen auch noch die Demütigung hinzu.

Als er von mir ablässt, laufe ich davon, so gut es eben geht, bis mich niemand mehr hört. Jetzt kann ich losheulen und meine Wut auf den Vater hinausschreien. Und auf die Mutter, die mich nicht beschützt hat. Ich schluchze lauthals, lasse mich auf die Erde fallen, schaue auf die blutigen Striemen, die meine Oberschenkel überziehen, und befühle die auf dem Rücken. Lieber Gott, so hilf mir doch! Lieber Gott?

Tage wird es dauern, bis ich wieder normal sitzen kann.

Abends im Bett, das ich mir mit der Rosmarie teile, knöpfen wir den leinenen Überzug meines Federbetts auf und schlüpfen hinein. Dort drinnen, in der warmen Höhle, zeige ich ihr meine Verletzungen, die nun rot und blutunterlaufen sind. Sie wirft einen kurzen Blick darauf, der Anblick ist nichts Neues für sie. Der Vater schlägt uns alle, und wenn er betrunken ist, auch ganz ohne Grund. Die letzte Züchtigung liegt erst knapp zwei Wochen zurück. Noch allzu gut erinnere ich mich an diesen Tag, an dem die Mutter mich abends, als ich vom Spielen in die Küche kam, aufforderte:

»Geh, hol den Vater heim.«

Ich nickte und rannte los, den Berg hinunter, bremste aber hinter der ersten Kurve ab und ging möglichst langsam weiter: über die hohe, metallene Eisenbahnbrücke, durch die Kaiserstraße, über die Dillbrücke und dann nach links in die Stadt hinein. Ich hatte es nicht eilig, den Vater abzuholen. Er würde eh nicht heimwollen. Als die »Gefahr« schließlich vor mir auftauchte, atmete ich tief durch und ging durch die schwere Eichentür hinein. Sofort umhüllte mich dichter Zigarettenrauch, aber ich kannte das schon und ließ mich davon nicht irritieren. Ich erspähte den Vater mit seinen Kumpanen am Stammtisch. Als ich mich näherte, sagte er wie jedes Mal: »Inge, setz dich her, kriegst eine Limonade.«

Er selbst bestellte sich noch ein Bier. Still setzte ich mich. Ich wusste, dass er die Zeit bis zum Heimgehen auf diese Art hinauszögern wollte, und ich sträubte mich nicht dagegen, denn zu Hause war er nicht so friedlich wie hier. Während er trank, zählte ich die Striche auf seinem Deckel. Acht Schoppen waren es bis jetzt gewesen, daran konnte ich ermessen, wie seine Laune beim Heimkommen sein würde.

Nach dem zehnten Bier stand der Vater auf und nickte mir zu. Ich folgte ihm, schweigend gingen wir nach Hause. Er würdigte mich keines Blickes, als ich neben ihm herging. Auch das kannte ich schon, und ich war nicht unglücklich darüber. Je weniger er mich beachtete, desto lieber war es mir. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass ich in diesem Zustand nichts Gutes von ihm zu erwarten hatte. Daheim eilte ich in die Küche, während der Vater noch im Flur seine Jacke auszog. Die Mutter hatte Röstkartoffeln mit Fleischwurst gemacht, und ein Duft nach gebratenen Zwiebeln lag in der Luft. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, obgleich ich wusste, dass es für uns Kinder und die Mutter nur Kartoffeln geben würde und das Fleisch dem Vater vorbehalten war.

»Mei, der Papa hat acht Schoppen Bier getrunken«, erzählte ich, während ich auf die Bank schlüpfte.

Da kam auch schon der Vater herein und brüllte: »Was hast gesagt?«

Er zog den Gürtel aus der Hose und holte aus. Ich war schon unter den Tisch gekrochen, doch er zog mich wieder hervor und erwischte meinen Rücken, wieder und wieder, während er schrie: »Was hast grad erzählt? Was hast der Mutter erzählt?«

Die Mutter rief, dass er aufhören sollte, da schlug er auch sie. Ich hörte, wie der Lederriemen auf ihre Haut traf, und es schmerzte mich ebenso sehr, als wenn er mich getroffen hätte. Weinend verkroch ich mich in den hintersten Winkel unter dem Tisch. Die Mutter schluchzte auch ganz fürchterlich.

Am nächsten Morgen tat der Vater so, als sei nichts gewesen. Und auch die Mutter und ich erwähnten die Schläge mit keinem Wort. Der Vater war wieder nüchtern, er würde ohnehin alles abstreiten.

Genau wie jetzt hatte Rosmarie abends im Bett einen Blick auf meine Striemen geworfen, und genau wie jetzt konnte ich damals ihr Mitleid spüren. Doch nun krabbelt sie aus unserer Höhle hinaus, richtet sich auf und sagt: »Der Vater spinnt, dass er dich so schlägt.«

Ich spüre einen Kloß in meinem Hals und nicke traurig. Es kommt mir so vor, als hätte ich niemanden auf der Welt, der mich beschützt. Mutters Gesicht vorhin, als sie sich wegdrehte, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Schrecklich einsam fühle ich mich. Aber ich kann meinen Kummer nicht in Worte fassen, sondern spüre ihn nur ganz tief in meiner Brust. Da sitzt er und drückt mich. Es wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wie auch? Solange der Vater lebt, wird er immer wieder zuschlagen. Hemmungslos. Und wir alle sind ihm ausgeliefert.

Aber eines Tages gehe ich einfach weg.

Viel Zeit habe ich nicht, um meinem Schmerz nachzuhängen. Die Feldarbeit verlangt nach vielen Helfern, da kommen die Ferien gerade recht.

Als die ersten Kartoffelblätter auf dem Acker zu sehen sind, müssen die Rosmarie und ich das Feld von Disteln, Klettenlabkraut, Windenknöterich und Weißem Gänsefuß befreien. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg, vorbei an blühenden Wiesen mit Arnika, Löwenzahn, Margeriten und Sauerampfer, den wir pflücken und aussaugen, obwohl er so schrecklich sauer ist. Und weiter geht es, entlang an dem großen Backsteingebäude, in dem sich die Pumpenfabrik befindet, die so hohe, mit Eisentrittleitern versehene Schornsteine hat, dass wir uns jedes Mal fragen, was das für Arbeiter sein müssen, die sich dort hinaufwagen. Mit unseren Harken lockern wir dann die Wurzeln, anschließend ziehen wir das Unkraut mit der Hand aus dem Acker. Wenn es schon blüht, legen wir es ganz vorsichtig auf die Erde, damit die Samen nicht überall hinfliegen. Dann kommt der Vater mit dem Pflug und häufelt links und rechts von den Pflanzen die Erde an.

Und als diese Arbeit getan ist, wartet schon die nächste. Es wird nun von Tag zu Tag wärmer, bis die Sonne schließlich so unbarmherzig brennt, heiß und trocken, dass die Feldfrucht zu versengen droht und am Mittag selbst die Vögel eine Ruh’ geben. Der Vater aber blickt in der Früh zufrieden in den wolkenlosen Himmel, spannt die Kühe ein und fährt den Wagen vor. Es geht zum Heumachen. Ein leichter Dunst liegt noch in der Luft, und ich spüre die letzte Kühle der morgendlichen Dämmerung auf meiner Haut, als die Rosmarie und ich in gebührendem Abstand neben dem Vater auf dem Kutschbock sitzen und wir aus der Stadt hinausfahren. Nachdem wir die Häuser hinter uns gelassen haben, glitzert die Landschaft wie von Silber und Diamanten überzogen, weil sich die Sonne in den Tautropfen spiegelt, die auf den Weiden liegen. Kaum sind wir angekommen, beginnt der Vater mit weit ausholenden Schwüngen das Mähen. Die Sense fährt durch das Gras, durch die abgeblühten Margeriten und den Wiesensalbei hindurch. Der rauschende Schwung der Sichel begleitet uns beim Schaffen. Ordentliche Schwaden lässt der Vater hinter sich, Rosmarie und ich ziehen sie mit dem Rechen auseinander, so dass sie in einer gleichmäßigen Schicht den Boden bedecken. Allmählich verschwindet der Tau, die Sonne steigt höher und trocknet das Gras, das schnell welk wird und sein sattes Grün verliert. Gegen zwölf Uhr wird es zu heiß. Wir rasten im Schatten, während der Vater die Sense mit hellem Klang an dem Wetzstein wetzt, den er in einem Kumpf am Hosenbund trägt. Das schleifende Geräusch dringt bis zu uns herüber und erinnert uns daran, dass wir unsere Glieder für einen Augenblick nicht bewegen müssen.

Die Mutter taucht nun am Rande der Wiese auf. Sie hat eine Milchkanne mit Wasser dabei, eine andere mit Malzkaffee, außerdem bringt sie uns Brote. Wir machen im Schatten Rast. Auch der Vater gesellt sich zu uns, holt seine grüne Zigarettenpackung hervor und zündet sich eine Eckstein an.

Das kühle Trinkwasser erfrischt mich, gern würde ich meinen Kopf damit benetzen.

Am späten Nachmittag, als die Schatten näher rücken, ist das Gras angetrocknet. Es beginnt, grau zu werden und schon ein wenig zu duften. Wir wenden es, und abends rechen wir es, sodass es in Zeilen daliegt und vom Tau nicht zu nass wird. Als die Dämmerung hereinbricht, ist die Wiese von gleichmäßigen, sauberen Zeilen überzogen.

Am Morgen des nächsten Tages breiten wir es wieder aus. Es ist nun viel leichter als gestern, auch raschelt und duftet es stärker und ist schon mehr Heu als Gras. Zweimal noch wenden wir es, bis der Vater am Nachmittag prüfend einige Halme zwischen den Fingern reibt und einen Blick gen Himmel wirft. Er nickt zufrieden.

»Morgen holen wir es heim«, sagt er.

Als wir anderntags aufs Feld fahren, trübt kein Wölkchen den Himmel. Die Sicht ist klar, im Hintergrund erkenne ich den Homberg. Davor breiten sich Felder und vereinzelte Häuser aus. Die Kühe trotten gemächlich ihres Weges, der Vater sitzt schweigend auf dem Bock. Schwärme von kleinen Fliegen surren um uns herum. Es wird ein heißer Tag werden wie auch schon die Tage davor. Ich freue mich auf das Bad, das ich am Abend in unserer eisernen Wanne werde nehmen dürfen, denn normalerweise waschen wir uns nur notdürftig in einer Waschschüssel. Wir haben kein Badezimmer, lediglich ein Wasserklosett mit Zugspülung, das von der Diele abgeht.

Das Heu ist knusprig trocken und raschelt beim Anheben, als der Vater ein letztes Mal prüfend mit der Hand hindurchfährt. Dann nickt er. Das ist das Signal, dass wir beginnen können. Wir verteilen uns auf der Wiese und rechen das Heu zu zwei dicken Zeilen zusammen. Der aufsteigende Staub setzt sich in Augen, Nase und Ohren fest. Mit der Heugabel lädt der Vater es auf den Wagen. Ich stehe oben und nehme jedes Büschel mit weit geöffneten Armen entgegen, um es dann richtig zu verteilen und festzutreten. Der Vater gibt derweil Kommandos: »An den Ecken aufsetzen! Miteinander verbinden! Fester treten!«

Wenn die Fuhre auseinanderfiele, wäre der Schaden groß.

Die Kühe sind unruhig, während sie dastehen. Mit ihren Schwänzen schlagen sie sich auf die Flanken und versuchen, die Bremsen zu verjagen. Die Rosmarie hilft ihnen dabei, indem sie mit Haselzweigen nach den Übeltätern schlägt.

Am Abend, als alles aufgeladen ist, machen wir uns auf den Weg zurück in die Stadt, wo der Vater eine Scheune angemietet hat. Ein Rudel Hirsche steht am Wegesrand, als wir schon die halbe Strecke zurückgelegt haben, sie laufen nicht einmal davon. Auch einige Rehe mit zwei Jungen kommen ganz nahe und nehmen doch kaum Notiz von uns.

Kaum haben wir die Scheune erreicht, springt der Vater vom Kutschbock, und wir klettern hinterher. Die Rosmarie und ich steigen hinauf auf den Heuboden. Unsere Aufgabe ist es, das Heu bis in den letzten Winkel unters Dach zu schieben, das der Vater mit der Gabel zu uns hinaufreicht.

»Drückt das Heu gut zusammen, dass es Platz hat, dann bekommt ihr ein Eis«, verspricht er. Wir nehmen es schwitzend und in einer Staubwolke stehend in Empfang und treten es mit den Füßen platt. Nach getaner Arbeit drückt er jeder von uns zehn Pfennige in die Hand. Ich wische mir den schwarzen Staub aus dem Gesicht und ignoriere meine brennenden Augen, dann rennen wir los. Vanille oder Schokolade, überlege ich. Vanille oder Schokolade? Vanille! Köstlich schmeckt das kalte Eis auf der Zunge. Langsam, ganz langsam lecke ich. Gerade so, dass nichts herunterfließt, aber der Genuss möglichst lange anhält.

»Die Kartoffelstauden sind gelb«, sagt der Vater, der am Kopfende sitzt, einige Tage darauf beim Abendessen.

Die Mutter hat eine Brotzeit mit Presssack bereitet, wir Kinder, die wir auf der langen Bank sitzen, kauen schweigend.

»Morgen ist Siebenschläfer, hoffentlich hält sich das Wetter«, gibt die Mutter zur Antwort.

Der Vater nickt. »Sag der Marianne Bescheid. Am Samstag bringen wir die Kartoffeln ein«, bestimmt er.

Die Marianne ist seine Schwester. Sie ist eine kleine, untersetzte Frau mit streng zurückgekämmten Haaren, die im Nacken zu einem Knoten gebunden sind. Sie hat selbst keine Landwirtschaft, sondern schafft beim Pfarrer als Haushälterin, sodass sie uns helfen kann, wenn Not am Mann ist.

Die ganze Familie samt der Marianne macht sich am Samstagmorgen bereit, um aufs Feld zu fahren. Der Vater trägt eine Schiebermütze, ein gestreiftes Hemd und eine braune Cordhose, als er sich auf den Kutschbock schwingt. Die Mutter setzt sich mit der Johanna und dem Adolf neben ihn, und der Rest der Gesellschaft – die Rosmarie, die Marianne und ich – geht hinterdrein. Die Zipfel unserer bunten Kopftücher wippen bei jedem Schritt in der Sonne, und die Marianne stimmt ein Lied an, während wir rasch ausschreiten: »Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp.« Ich singe die zweite Stimme, so gut es eben geht, die Marianne und die Rosmarie übernehmen die erste.

Kein noch so kleines Wölkchen lässt sich am blauen Himmel blicken, und das wundert mich nicht, denn beim Frühstück an Siebenschläfer war sich die Mutter sicher: »Scheint am Siebenschläfertag die Sonne, gibt es sieben Wochen Wonne.«

Ich kenne den Spruch seit meinen frühesten Kindertagen und bin felsenfest davon überzeugt, dass »Wonne« »gutes Wetter« bedeutet. So blinzele ich in die Sonne und genieße den Klang unserer Stimmen, die hinter dem Wagen erschallen.

Auf dem Feld angekommen, verteilt die Marianne die Harken und Körbe und weist uns unsere Plätze zu. »Jeder an eine eigene Furche, und immer nebeneinanderbleiben, dann schafft sich’s leichter«, fordert sie uns auf. Ich mag sie gern, sie hat etwas Mütterliches an sich und ist immer freundlich zu mir. Und so stelle ich mich neben die Rosmarie, die Harke mit den drei Zinken daran in der Hand, und beginne das Klauben. Staude für Staude lesen wir. Voller Früchte hängen die Pflanzen, die wir aus der Erde ziehen und im Knien mit den bloßen Händen abernten. Manchmal erwische ich eine riesengroße Kartoffel, die ich in den Korb lege, ab und zu auch eine in Herzform. Das ist dann etwas Besonderes, und ich überlege mir, was es bedeuten könnte. Dass ich jemanden mit einem guten Herzen treffe?

Der Vater jedenfalls wird mit dem Ertrag zufrieden sein, das kann selbst ich erkennen, und es beruhigt mich. Vielleicht wird er dann weniger trinken, denke ich. Tief atme ich den Geruch der Erde ein und erfreue mich an der Ruhe, die mich umgibt. Selbst der Adolf und die Johanna, die am Feldesrand spielen, sind ausnahmsweise mal still.

Einige Tage später komme ich aus der Schule und finde die Mutter mit stark geröteten Augen am Küchentisch vor.

»Musstest du weinen?«, frage ich sie überrascht.

»Der Vater muss nach Russland«, antwortet sie und sieht durch mich hindurch. »Am Samstag geht’s los.«

Ich denke mir, dass Vaters Reise etwas mit dem Krieg zu tun haben muss, obwohl die Mutter es nicht ausspricht. Doch dass ich unglücklich darüber bin, kann ich nicht sagen. Vom Vater habe ich Zeit meines Lebens nicht viel Gutes zu erwarten gehabt.

Und so bin ich sehr gefasst und kein bisschen traurig, als er sich zwei Tage später von uns verabschiedet. Auch die Eltern wirken vollkommen normal auf mich. Der Vater hat keine Uniform an, sondern seine ganz normale Kleidung, und in der Hand trägt er eine Aktentasche, als gehe er in ein Büro. Er gibt uns Kindern die Hand, und auch der Mutter. Dann geht er den Weg hinunter in die Stadt zur Sammelstelle. Wir wissen nicht, wann und ob wir ihn wiedersehen werden. Wir wissen nur, dass er in Russland eingesetzt wird.

Nach seiner Einberufung ist bei uns das Geld knapp. Wir leben von seinem Soldatensold, von zweihundert Reichsmark im Monat. Davon muss die Mutter sich selbst und uns vier Kinder, die wir noch zu Hause wohnen, ernähren. Daher ist es kein Wunder, dass unsere Tage in Herborn gezählt sind. Kurz nach meinem zehnten Geburtstag, im April 1942, verkauft die Mutter unser Haus und kauft von dem Geld ein Haus in ihrer Heimat, der Oberpfalz.

1. KAPITEL: RANSBACH

Der Zug nähert sich dampfend und fauchend. Wasser spritzt von seinen Achsen, weißer zischender Dampf steigt aus der schwarzen Lokomotive empor, an der etwa fünfzehn Abteile für Fahrgäste hängen. Auf den Trittbrettern vor den Türen hängen Leute. Der Zug scheint brechend voll zu sein, und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir darin Platz finden sollen. Doch dann steigen etliche Menschen aus, Gepäck wird verladen, und unser gesamtes Hab und Gut, das mit einem Möbelwagen zum Herborner Bahnhof transportiert worden ist, verschwindet tatsächlich in einem der Waggons. Ich schlucke meine Trauer hinunter, die Gedanken an die Ruth und unser Zuhause und die Angst vor der Ungewissheit, die uns in der Fremde erwartet.

»Haltet euch an den Händen, dass niemand verloren geht«, befiehlt die Mutter. Helga und Hannelore befolgen ihre Anweisung, jede von ihnen greift sich zwei von uns jüngeren Kindern. Die Mutter sieht angespannt aus. Tiefe Falten liegen rechts und links um ihren Mund, und ihre Stirn ist gefurcht, während sie die Verladung unserer Gepäckteile überwacht. Darunter befinden sich die beiden großen braunen Koffer vom Dachboden, mit denen Rosmarie und ich vor Kurzem noch gespielt haben und in denen nun unsere gesamte Kleidung verstaut ist. Außerdem haben wir noch einige große Kartons dabei, in denen Mutters Küchenutensilien und unsere Spielsachen stecken: Martha, meine Schildkröt-Puppe, die ich zu Weihnachten bekommen habe, deren weißes Himmelbett mit weißen Volants, Mutters Einmachgläser, Rosmaries und Johannas Puppenküche und Adolfs Schaukelpferdchen. Viel ist es nicht, was wir haben.

Mit klopfenden Herzen steigen wir in den Zug, in dem wir mit Müh und Not Sitzplätze auf zwei hellen Holzbänken finden. Mit einem durchdringenden Pfiff setzt er sich in Bewegung, und wir fahren stampfend, ratternd und bebend aus der Stadt hinaus. Ich mustere unsere Mitreisenden, wie wir auch haben sie ihre Koffer auf die Bänke gelegt und sich obendrauf gesetzt, weil sonst angesichts der Enge kein Platz für das Gepäck wäre. Ich frage mich nicht, wo all die Leute hinwollen, denn ich bin viel zu beeindruckt von der Fülle neuer Sinneseindrücke, die auf mich einstürmen. Dies ist etwas vollkommen anderes als die Reisen, die wir vor dem Krieg mit dem Vater unternommen haben. Diese drangvolle Enge, die musternden Blicke, die uns gestreift haben, während wir nach einem Platz gesucht haben. An der Wand unseres Abteils hängt ein Schild mit der Aufschrift »Feind hört mit«.

»Was heißt das?«, frage ich die Mutter.

Sie legt den Finger auf den Mund und bedeutet mir, ruhig zu sein.

Eine alte Frau, die mit uns im Abteil sitzt und einen geflochtenen Korb auf dem Schoß hält, erklärt mir lächelnd, dass im Krieg überall Feinde sind. Dann erzählt sie, dass sie auf ihrer letzten Reise in einem Zug saß, der beschossen wurde. Beklommen höre ich zu. Auch Rosmarie hängt an ihren Lippen. Besorgt blicke ich aus dem Fenster, doch draußen zieht unter einem bleigrauen Himmel nur die Landschaft vorbei. Dörfer mit schmalen Kirchtürmen wechseln sich mit Wäldern und Feldern ab, und in mancher lang gezogenen Kurve kann ich vor mir die Lokomotive sehen, die uns fleißig wie ein wohlerzogenes Ross unserem Ziel immer näher bringt.

In Frankfurt, Nürnberg und Amberg müssen wir mit unserem Gepäck umsteigen, was jedes Mal eine große Aufregung ist. Und als wir nach acht Stunden mit donnernden Rädern den Güterbahnhof von Lauterach erreichen, wirkt der feste Boden unter meinen Füßen ganz ungewohnt. Auch die Lokomotive macht den Eindruck, als bleibe sie nur ungern stehen, störrisch wirkt sie auf mich, erhaben und stolz. Unser Gepäck wird auf zwei große Pferdefuhrwerke geladen, ich sehe kein einziges Auto, keinen Autobus. Die Abendsonne bricht mit hellen Streifen zwischen den Wolken hindurch. Die Mutter und wir sechs Kinder steigen auf eines der beiden Fuhrwerke, der Bauer knallt mit der Peitsche, und dann traben die Rösser los und aus der Stadt hinaus. Die Landschaft erstreckt sich wild und karg vor uns, steinige Massive und steile Hügel ragen auf, dazwischen windet sich die Lauterach in ihrem Bett. Schon bald endet die Straße, und wir holpern auf einen abschüssigen Feldweg, der sich in scharfen Kurven durch das Tal windet. Links von uns grenzen Wiesen, Kartoffel- und Kornfelder an den Fluss, rechts ragen die scharf gezackten Spitzen eines Felsens empor. Ich frage mich, ob unser neues Zuhause inmitten dieser bäuerlichen Landschaft liegen wird. Die Mutter hat uns den Namen des Ortes genannt, aber ich bin bisher nicht auf den Gedanken gekommen, dass er auf dem Lande liegen könnte. Wie selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, dass wir wieder in eine Stadt ziehen würden.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt taucht vor uns ein kleines Dorf auf, das aus geduckt erscheinenden, bunt verputzten Bauernhöfen besteht, in deren Mitte eine kleine gelb-weiß gestrichene Kirche ihren Zwiebelturm in den dunkler werdenden Himmel reckt. Die Hofstellen liegen wie hingestreut da, und im scheidenden Tageslicht erkenne ich nur wenige Lichtquellen in den Fenstern der Wohnstuben, an denen wir nun langsam vorbeiziehen. Straßenlaternen gibt es nicht, die Wege sind unbefestigt. Einige dürre Katzen lungern auf der Suche nach Mäusen herum. Wir passieren einen Gasthof und eine kleine Schule, dann verkündet die Mutter: »Da vorn ist es!«

Sie deutet auf ein dunkel und verlassen daliegendes Haus am Ortsausgang. Es ist aus grob behauenen, grauen Steinen gebaut, hat viele Fenster im Erdgeschoss und etwas weniger Fenster im Obergeschoss, das wirkt wie nachträglich hinzugefügt. Die Mutter erklärt uns, dass es ein ehemaliges Wirtshaus ist, was man ihm aber nicht mehr ansieht. Etwas zurück liegt eine Scheune, und ich erinnere mich, dass die Mutter erzählt hat, zu dem neuen Haus gehöre ein kleiner Acker und ein Stückchen Wald.

Entsetzt fragt die Hannelore die Mutter: »Wie konntest du bloß ein Haus in so einem Dorf kaufen?«

Die Mutter wirft ihr einen müden Blick zu und sagt: »Wir können froh sein, dass wir ein Dach überm Kopf haben. Hier sind wir sicherer als in Herborn.«

Dann kommt das Fuhrwerk mit einem Ruck zum Stehen, und wir Kinder steigen ab und betreten mit zögernden Schritten unser neues Zuhause.

Über einen kleinen Flur, der mit Pflastersteinen gepflastert ist, gelangen wir in ein großes Wohnzimmer, die ehemalige Gaststube, die von einem Kachelofen beheizt werden kann, an den sich eine Eckbank schmiegt. Der Boden des Raumes ist mit grauen Föhrendielen ausgelegt. Die benachbarte Küche ist dunkel und fensterlos, fast schwarz – ein abgerundetes Gewölbe, in dem sich ein riesiges Schürloch befindet. Sie hat einen Lehmboden, ich habe so etwas noch nie gesehen. Schaudernd wende ich mich ab und gehe die Holztreppe hinauf.

Im ersten Stock gibt es zwei Räume: ein großes Schlafzimmer und ein kleines. Nirgendwo erblicke ich ein Badezimmer, nirgendwo einen Wasserhahn, nirgends eine Steckdose. Rosmarie sieht sich unsicher um und greift nach meiner Hand.

Ich drücke sie und flüstere: »Schrecklich, oder?«

»Wären wir bloß in Herborn geblieben«, gibt sie leise zurück.

Ich nicke. Ein Leben in diesem Haus erscheint mir unvorstellbar.

In der Nacht kann ich nicht schlafen. Ich teile das Bett mit Rosmarie, im Nachbarbett liegen Johanna und Adolf. Auf den Kissen unter unseren Köpfen haben sich dunkle Schatten gebildet: Der Kohlenstaub von der Lokomotive, der sich auf der Reise in unseren Haaren festgesetzt hat, rieselt nun heraus. Den Atemzügen meiner Geschwister lauschend starre ich in das Dunkel, das mich umgibt. Durchs Fenster scheint ein schmaler weißer Mond, nicht stark genug, um mehr als einen blassen Schimmer hereinzuwerfen. Kein Laut ist zu hören. Ich bin diese Stille nicht gewohnt, sie kommt mir unheimlich vor. Ich vermisse mein altes Leben, das alte Haus, die Ruth und die Schule. Alles hier ist neu für mich, und mit leichtem Schaudern denke ich an das Plumpsklo, das in einem kleinen Häuschen neben dem Misthaufen liegt und dessen Tür ein herzförmiges Guckloch ziert. Als ich es vor dem Schlafengehen aufgesucht und durch das fliegenumschwirrte Loch in der Sitzbank geblickt habe, konnte ich sehen, was meine Vorgänger dort schon hinterlassen hatten. Statt Toilettenpapier hing Zeitungspapier an einem Nagel.

Ich schließe die Augen und nehme mir vor, alles zu tun, um dieser Armut zu entkommen. Was das allerdings genau sein könnte, kann ich mir nicht vorstellen. So falte ich die Hände und bete: »Lieber Gott, bitte mach, dass ich es später einmal besser habe.«

In den kommenden Wochen gewöhne ich mich nach und nach an mein neues Leben. Ich erkunde das Dorf, gehe in die neue Schule und helfe der Mutter nach Kräften, den Haushalt zu führen und etwas zu essen auf den Tisch zu bringen. Helga und Hannelore sind wieder im Reichsarbeitsdienst und ausgezogen, sodass es nur noch vier Kinder zu ernähren gilt, doch selbst das ist nicht leicht, denn das Essen ist inzwischen knapp. Rosmarie und ich müssen nach der Schule auf die Felder der Bauern, um die Kartoffeln aufzulesen, die bei der Ernte vergessen worden sind. Es sind rotblaue Knollen, ganz anders als jene, die wir in Herborn geerntet haben. Ihr Fleisch ist nahezu weiß, und sie schmecken köstlich, wenn sie gekocht sind. Wenn jede von uns es schafft, ein volles Körbchen nach Hause zu bringen, leuchten die Augen der Mutter.

Eines Mittags, als ich aus der Schule komme, steht sie mit der Högabäuerin auf der Straße und ratscht. Sie sehen mich nicht kommen, und als ich schon recht nah bin, höre ich, wie die Högabäuerin sagt, dass die Rote Armee unsere Soldaten in einem Kessel eingekreist hat und sie nur noch aus der Luft versorgt werden können. Wie gebannt bleibe ich stehen und hoffe, dass sie mich nicht bemerken. Doch plötzlich dreht die Mutter den Kopf ein wenig, und ich rutsche in ihr Blickfeld. Sie schimpft: »Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht lauschen sollst, wenn es um den Krieg geht!«

Ich flitze davon und überlege, ob der Vater unter den Soldaten ist. Möglich wäre das, denn die Mutter hat uns Kindern erzählt, dass wegen des Kriegsverlaufs nicht damit zu rechnen ist, dass er bald zurückkommt. Deshalb möchte sie auch mit der Bewirtschaftung des Feldes beginnen, das zu unserem Haus gehört. Aber wir haben keine Kuh, geschweige denn ein Pferd, das die Egge ziehen könnte. So wird schon das Aussäen des Weizens zu einem schwierigen Unterfangen. Reihe um Reihe ziehen die Rosmarie, die Mutter und ich mit der Harke, aber wir kommen nur sehr langsam voran, und die Zeit läuft uns davon. Am dritten Tag sagt die Mutter: »Jetzt reicht es mir. Wenn wir den Weizen nicht bald in die Erde bringen, ist es zu spät. Rosmarie, Inge, jetzt zieht ihr die Egge.«

Entsetzt starren wir sie an: »Aber das können wir doch gar nicht. Dazu haben wir keine Kraft!«

»Wir versuchen es, ich helfe auch mit. Ein bisschen Arbeit hat noch niemandem geschadet«, beharrt die Mutter und bindet einen Strick an die Egge, denn wir haben nicht einmal ein Ledergeschirr, in das sie uns einspannen könnte. Die Rosmarie wirft mir einen unsicheren Blick zu, aber ich zucke nur die Achseln und ergreife den Strick, den die Mutter mir hinhält. Die Rosmarie tut es mir gleich, und dann setzt sich die Egge schwerfällig in Bewegung. Wir legen uns mit ganzer Kraft ins Zeug, während die Mutter uns folgt und von hinten dafür sorgt, dass wir in der Spur bleiben. Zwei Stunden lang eggen wir. Der Schweiß läuft uns in Strömen über das Gesicht, unendlich schwer lassen sich die Zinken durch den aufgebrochenen Boden führen, und der Strick auf unseren Schultern schneidet tief ins Fleisch. Was denkt sie sich nur dabei, die Mutter? Als wir die letzte Furche gezogen haben, sinken wir erschöpft zu Boden. Ein zweites Mal werden wir es nicht schaffen zu eggen, obwohl es nötig wäre. Mit schmerzenden Armen liege ich neben der Rosmarie, aber ich bin auch stolz.

*

»Nimm, lauf nach Hohenfels«, sagt die Mutter in der Früh und drückt mir eine gelbe und zwei rote Lebensmittelmarken in die Hand. Es sind Pfingstferien, ich muss nicht in die Schule, und so schultere ich den Rucksack und ziehe durchs Dorf, vorbei an den Hausgärten mit ihren Salatköpfen und den herumstromernden Hunden. Der Frühling drängt mit Macht herbei, die Natur ist in einem Rausch aus Farben und Düften erblüht. Die Lauterach ist zu einem stolzen Fluss angeschwollen, der sich glitzernd und leuchtend durch die satte grüne Ebene aus Wiesen und Feldern schlängelt. In der Ferne ruft ein Kuckuck. Die Marken trage ich wie einen Schatz in meiner Hand. Zwei Laibe Brot und ein Stück Butter werde ich mit etwas Glück dafür bekommen, und ich freue mich schon jetzt darauf. Denn normalerweise haben wir bloß Tafelmargarine, die in kleine Würfel verpackt und viel billiger ist. Sie schmeckt leicht salzig und bei Weitem nicht so gut, ist aber immer noch besser als trocken Brot.

Beim Königswirt treffe ich auf die Anneliese, meine Freundin. Sie steht auf der Treppe, die zum Haus hinaufführt, und unterhält sich mit dem Beh, dem Dorfdeppen, einem grauhaarigen, bärtigen alten Mann in schmutziger Kleidung, der dort jeden Tag sitzt und etwas zu essen bekommt. Als ich näher trete, höre ich, wie er sagt: »Meudl, bei euch gibt’s das beste Essen.«

Dazu rollt er mit den Augen, so dass man nur noch das Weiße darin sieht. Irre sieht er aus, total irre.

Die Anneliese kichert und läuft zu mir herüber. Sie ist die Tochter des Wirtes, das drittjüngste von zehn Kindern, ein großes Mädchen mit Zöpfen, das sehr gut Schifferklavier spielen kann. Ebenso wie ich muss sie ihre Nase in alles stecken, was sie nichts angeht. Ich besuche sie oft, und dann singen wir gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester, dem Annerl, Lieder, die sie auf dem Schifferklavier begleitet. Ihr älterer Bruder Peter spielt Gitarre, und ihre älteste Schwester Eva, die ich wegen ihrer Schönheit sehr bewundere, singt dazu mit ihrer tiefen Stimme, wenn sie nicht gerade in der Gaststube oder auf dem Hof zu tun hat. Manchmal erzählt die Eva uns auch Geschichten vom Riesen, der den Leuten alles schmiedet, was sie ihm bringen. Man muss das Eisen nur an einen bestimmten Ort legen, dann liegt am nächsten Tag Werkzeug da, und das geht nie kaputt. Meine Lieblingsgeschichte geht so: Ein Edelmann hat vor Urzeiten einmal einen Knecht gehabt, der so gewaltig groß und stark war, dass er schneller als alle anderen das Korn hat mähen können. So gaben ihm alle anderen Knechte vor der Mahd je einen Schilling, auf dass er langsamer vorangehe. Nun hat zu jener Zeit auch der Riese einen Knecht gehabt, den er dem Edelmann zur Mahd hat entsenden müssen – einen starken und stämmigen Kerl. Als dieser Knecht zur Mahd gekommen ist und der Knecht des Edelmanns wie gewöhnlich seinen Hut vom Kopf genommen hat, um den Mahdschilling einzusammeln, hat ihm der Knecht des Riesen erklärt: »Von mir bekommst du nichts. Ich werde mit dir mithalten.«

Und so begann die Mahd: Der Knecht des Edelmanns ging voraus, dahinter der Knecht des Riesen. So gewaltig aber der Erste voranging, der Zweite folgte ihm stets auf den Fersen. Blieb der Erste stehen, um seinen Wetzstein herauszuziehen und die Sense zu schärfen, lächelte der Zweite nur und sagte: »So etwas habe ich nicht nötig.«

Nach dem Frühstück ging die Mahd im gleichen Tempo weiter. Als endlich Mittag gemacht wurde, ging der Knecht des Edelmannes in einen nahen Busch. Jedermann glaubte, er wolle sich ausruhen. Als er aber nicht zurückkam und man ihn suchte, fand man ihn tot auf.

Wieder und wieder muss uns die Eva diese Geschichte erzählen, und das tut sie mit ernster Stimme, während wir beiden Mädchen ihr mit offenen Mündern lauschen und uns recht grausam den Tod des Knechts ausmalen. Die Eva hat ihren Spaß mit uns, und wir den unseren mit ihr.

Die Anneliese hat noch einen älteren Bruder, den Sepp, der im Krieg ist. Ich kenne ihn nur aus Annelieses Erzählungen, denn jeden Morgen gehen wir beiden Mädchen zusammen zur Schule, und wir erzählen einander von unseren Familien und dem, was wir erlebt haben, als wir uns noch nicht kannten. Annelieses Eltern sind wohlhabend, denn sie sind nicht nur Bauern und Gastwirte, sondern auch Besitzer der einzigen Krämerei im Dorf. Dort kann man Zucker, Marmelade, Kraut oder große Essiggurken kaufen, die in Fässern schwimmen und mit einer Holzzange herausgeholt werden.

»Kommst du mit nach Hohenfels?«, frage ich sie.

»Ich frag nur schnell die Mutter«, ruft sie und rennt die Treppe hinauf, am immer noch kauenden Beh vorbei, ins Haus hinein.

Kurz darauf kommt sie zurück. Wie ich trägt sie nun einen olivgrünen Baumwollrucksack auf dem Rücken und einige Lebensmittelmarken in der Hand.

Mir wird ganz leicht ums Herz, denn der Weg nach Hohenfels führt über den Teufelsfelsen, und allein fürchte ich mich immer sehr, dort vorbeizugehen. Mit der Anneliese hingegen ist es wie ein kleiner Ausflug. Wir schreiten zügig aus dem Dorf hinaus und biegen dann rechts ab auf den Weg durch das Lauterachtal, der nach Hohenfels führt. Er verläuft etwas oberhalb der Lauterach und ist gesäumt von Himbeer- und Brombeerhecken, von Kopfweiden, wilden Birn- und Apfelbäumen und hohen Felsen. Links unter uns sehen wir den Fluss hurtig dahinfließen, daneben windet sich ein Feldweg, von dem aus jene Felder zugänglich sind, die sich rechts und links der Lauterach erstrecken. Vor uns kommt aus dem Gestrüpp am Fuß einer Hecke ein winziger Vogel hervor, setzt sich ein Stück höher auf einen Zweig, richtet den kleinen Schwanz auf und singt sein schallendes Lied. Als wir uns dem wild gezackten Teufelsfelsen nähern, nimmt die Anneliese meine Hand, und wir stimmen ein Lied an, um uns Mut zu machen: »W

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