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Wintercount

Dämmerung über dem Land der Sioux

Historischer Roman
von
Dallas Chief Eagle sen.

übersetzt von
Kerstin Groeper

Inhalt

HEIRAT UND GEFANGENNAHME

KEIN ENTKOMMEN

EINE FREMDE UMGEBUNG

DAS GELÜBDE

GALL SPRICHT

EIN UNBEFOLGTER RAT

MORD

STARKES-ECHO

DIE ZEIT VOR DEM SONNENTANZ

KEYASCHANTE ERFÜLLT SEIN GELÜBTE

DAS LAND DER MORGENDÄMMERUNG

DIE RATSVERSAMMLUNG

DIE BÜFFELJAGD UND EINE NACHRICHT

EIN STILLES BEGRÄBNIS

DIE SCHLACHT AM ROSEBUD

SOLDATEN UND ENTSCHEIDUNGEN

BLUTVERGIESSEN AM LITTLE BIG HORN

DIE ZEIT NACH DEN KRIEGSSCHREIEN

EIN BESUCH BEI DER-MIT-FELLEN-HANDELT

EIN VOR SICH HIN ROTTENDER INDIANER

DIE SUCHE NACH EINER VISION

TANZENDES FEUER

CRAZY HORSE KEHRT ZURÜCK

EINE SCHICKSALHAFTE ENTSCHEIDUNG

DULL KNIFE

DIE FLUCHT

DULL KNIFE KAPITULIERT

FLUCHT IN DEN TOD

DAS SCHICKSAL FOLGT VIELEN WEGEN

EINE NEUE LEBENSWEISE

DER SCHWARZROCK

EINE NEUE RELIGION

VORAHNUNGEN

DER LETZTE KAMPF

Vorwort des Herausgebers

Der TraumFänger Verlag wurde gegründet, um authentische historische und zeitgenössische Indianerromane zu veröffentlichen. Wir veröffentlichen Romane in Kooperation mit und von Indianern und nicht Romane über Indianer. Aus diesem Grund achten wir darauf, dass insbesondere weiße Autoren unseres Verlages bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört, dass der Autor bzw. die Autorin mit Angehörigen des Stammes, über den er/sie schreibt, in persönlichem Kontakt steht und wichtige Passagen in Kooperation mit indianischen Freunden geschrieben werden. Unabdingbar ist, dass der Autor, die Autorin persönlich vor Ort war. Da die Kultur eines Volkes nur über die Sprache zu begreifen ist, halten wir es auch für wichtig, dass unsere Autoren bzw. Autorinnen zumindest Grundzüge der jeweiligen Indianersprache sprechen.

Als Herausgeber von Büchern über Indianer bin ich mir bewusst, dass diese Kultur über Jahrhunderte einer systematischen Vernichtung ausgesetzt war. Ihre Geschichte wurde von den gleichen weißen Eroberern geschrieben, die dieses Volk fast ausgerottet haben. Jeder kann sich unter diesen Gesichtspunkten vorstellen, wie objektiv das ist, was heute als offizielle Geschichte der Eroberung Nordamerikas durch die Weißen dargestellt wird. Die indigenen Völker haben gerade deshalb das fundamentale Recht, dass ihre Kultur und Geschichte, sei es in Romanen oder in Fachbüchern, authentisch und wahrheitsgetreu aus ihrer Sicht dargestellt werden.

In dem Bestreben, authentische Romane zu publizieren, ist es mir eine außerordentliche Ehre und Freude, den Roman „Wintercount“ von Dallas Chief Eagle sen. zu veröffentlichen. Dallas hatte als Junge auf der Reservation Gelegenheit, die Angehörigen seines Volkes zu sprechen, die noch die freie Zeit auf den Plains erlebt hatten und Persönlichkeiten wie Crazy Horse, Red Cloud oder Spotted Tail noch persönlich gekannt hatten. Geboren 1925 in einem Tipi, wurde er zum unermüdlichen Bewahrer der Geschichte seines Stammes, seiner Sitten, Gebräuche und Spiritualität. Seine Gesprächspartner hatten noch erlebt, wie es war, über die Plains zu ziehen und den Büffel zu jagen; sie kämpften gegen die Vernichtungskriege der US Armee, deren Befehl u.a. lautete: „Alle männlichen Lakota über zwölf Jahre sind zu töten“. Er hatte auch die Gelegenheit, mit Überlebenden des Massakers von Wounded Knee persönlich zu sprechen. Das, was wir heute nur aus Berichten kennen, erfuhr er noch von den Menschen, die dies persönlich erlebt hatten – in ihrer eigenen Muttersprache.

Als mich vor ein paar Jahren ein indianischer Freund auf das Buch aufmerksam machte, waren meine Frau und ich davon begeistert. Obwohl wir damals noch nicht daran dachten, den TraumFänger Verlag zu gründen, wünschten wir uns, dieses einmalige Werk zu veröffentlichen. Mit Unterstützung von Freunden konnten wir vor einem Jahr mit dem Sohn des Autors Dallas Chief Eagle jr. in Verbindung treten. Dallas jr. unterstützte unser Vorhaben von Anfang an und autorisierte uns als einzigen deutschen Verlag, das Buch seines Vaters zu veröffentlichen. Die Übersetzung von Kerstin Groeper entstand in enger Zusammenarbeit mit ihm. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit erhielten die Hauptpersonen in der deutschen Übersetzung ihre ursprünglichen Lakota Namen Keyaschante und Tscheyesa-win wieder und auch der Hintergrund für diese Namensgebungen konnte dargestellt werden, was in der amerikanischen Ausgabe nicht der Fall ist.

Mein herzlicher Dank gilt Dallas jr. und Rebecca Chief Eagle sowie seinen Geschwistern Rhonda Leneaugh, Theresa Knag, Paul Chief Eagle, Sheela Farmer und Tekakwhita Herman. Ebenso geht mein Dank an Herrn Martin Krueger und last but very far from least unserm Freund und Mentor Leonard Little Finger.

Oyate witscha n’iktelo

Bruno Schmäling

Hohentann, im Sommer 2014

Die Indianer der Rocky Mountains

In der Mitte dieses Landes befand sich meine Heimat, das Land des Regenbogens, erschaffen vom Großen Geist, dort, wo die Erde auf das Spielfeld der Wolken und des Donners trifft und die Gipfel umhüllt sind vom Dunst des Sternenvolkes.

Wie Tipis im Himmel, geformt von der Hand der Geister, erheben sie sich als unangefochtene Monumente der Erde.

Die Menschen mit den Bögen und Pfeilen erzählen von diesem hohen Reich, wo sich die umherstreifenden Winde nur den steinernen Formen beugen.

Wo Seen daliegen wie verstreute Decken auf dem Boden einer Ratsversammlung und die Natur in ihrer friedlichen Meditation widerspiegeln.

Sie reflektieren die bedrohlichen Wände der gezackten Klippen, deren höchste Gipfel die Geiseln der reißenden Ströme sind.

Einst, da flüsterten die Wälder noch die Sprache der Natur, und die Tiere spielten im ungestörten Reich des Grüns.

Dort umschmeichelte uns der klagende Ruf der Liebesflöte und Trommeln vibrierten an den Plätzen der Espen.

Tanzende Kinder mit schwarzem Haar lachten und sangen, und man hörte ihre Stimmen über das Rauschen der schäumenden Flüsse hinweg.

Dann kam aus dem Land der Morgendämmerung ein neues Geräusch des Unfriedens, das alle Dinge des Großen Geistes mit Sorgen erdrückte.

Das heilige Land hallte wider unter den Rufen und Flüchen der Habgier.

Die Bedürfnisse der Eroberer waren das Maß aller Dinge und zerstörten den Glauben an uralte Rituale und Legenden.

Die Blassgesichter riefen zur Jagd.

Kriegsschreie durchbrachen die Stille des Waldes.

Die Luft war erstickt von anderen, fremden Schwingungen und Gedanken. Die rauchenden Mysterien aus Eisen überrollten den Tomahawk, sorgenvolle Trauergesänge klangen rhythmisch durch die Nächte.

Wie ein immerwährender Frost, quälte eisige Abneigung die Ureinwohner und ließ ihnen nur wenig Platz zum Überleben.

Hunger war ein ständiger Begleiter in den Tipis der Rocky Mountains, und trieb die narbigen und ungebeugten Köpfe ins flache Land.

Der Wille zu herrschen bestimmte das Handeln und den Geist der Eroberer und brachte dem Land der Rocky Mountains eine traurige Veränderung. Nun hält nur noch die einsame Fichte die Totenwache über meine Vorfahren. Denn die Blassgesichter sind gekommen, um für immer zu bleiben.

Dallas Chief Eagle

HEIRAT UND GEFANGENNAHME

„Wacht auf, wacht auf!“, schallte die Stimme des Ausrufers durch das Lager. Sein lauter Singsang durchbrach die Stille des frühen Morgens. „Zieht eure Festkleidung an, denn dies ist ein Tag der Freude! Heute wird eine neue Familie gegründet!“

Dieser Bekanntmachung folgte der zeremonielle schrille Schrei. Als er langsam durch das Sioux-Lager ging, wiederholte der Rufer seine Ankündigung und ließ ihr jedes Mal den zeremoniellen Schrei folgen.

In Erwartung des großen Ereignisses wurden die schläfrigen Augen schnell wach, und jeder bereitete sich darauf vor, den Tag in aller Fröhlichkeit zu verbringen. Aufgeregt schwatzend machten sich die Frauen an die Arbeit, denn das Festmahl, das jede Heirat begleitete, musste bereits früh zubereitet werden.

Junge Hunde wurden an Pfähle gebunden und zu Tode geprügelt, damit man ihre zarten Körper mit dem Essen zusammen kochen konnte. Es verlieh dem Eintopf ein besonders würziges und köstliches Aroma. Nachdem man sie auf das Feuer geworfen hatte, um die Haare abzusengen, wurden die jungen Hunde abgeschabt, gesäubert und zerlegt. In kleine Stücke geschnitten und mit wilden Rüben gekocht, wurde Hundefleisch als Delikatesse betrachtet und nur zu besonderen Gelegenheiten serviert.

Auserlesenes, getrocknetes Wildbret und getrocknetes Büffelfleisch wurden für ein weiteres schmackhaftes Gericht mit getrocknetem Mais gekocht. Durch das Kochen mit Kräutern und anderer Pflanzen wurden weitere Leckereien zubereitet oder zerstoßene Maiskörner wurden mit Büffeltalg und Bienenhonig vermischt, um daraus Wasna, eine Art Keks, zu formen. Soßen und Nachspeisen aus wilden Beeren vervollständigten das Menu für dieses Festmahl.

Aber selbst mit all den verschiedenen Aktivitäten war der Tag lang, und gegen Abend waren die Menschen der Spiele, des Kochens und des Scherzens überdrüssig und erwarteten freudig die Stunde, an der das Festmahl beginnen sollte.

Nun war endlich der Zeitpunkt gekommen, an dem Chiefeagle, der alte und geachtete Anführer des Lagers, sein Volk zusammenrief. Sein Name bedeutete nicht „Häuptlingsadler“, sondern Adler, der die anderen führt.

„Meine Verwandten!“, begann er mit Nachdruck. „Am heutigen Tag ist mein Herz sehr glücklich, obwohl ich auch ein wenig traurig bin; traurig deshalb, weil mein Zuhause einen starken, jungen Mann verlieren wird, der mir sehr ans Herz gewachsen ist. Dieser tapfere Junge hat in den wenigen Jahren seines Lebens bereits viele Dinge gelernt – Dinge, die manche Menschen aus diesem Land nie wissen werden.“

Die aufkommenden Gefühle erstickten seine Stimme und der alte Mann musste sich räuspern, bevor er fortfahren konnte. „Mit Weisheit und in edler Absicht wählte er einen schwierigen Weg, und gelobte, diesen bis zum Ende zu gehen. Er hat sich vom Rande des großen, weißen Weges eine zerbrechliche Blume für sein Herz gepflückt; eine wunderschöne Blume, die ihm viel Harmonie und zauberhafte Momente bringen wird.“

Er machte eine lange Pause, und sein Volk wartete still auf seine nächsten Worte. „Meine Stimme versagt mir, aber mein Herz wünscht ihnen alles Gute. Im Namen meines Volkes werde ich das Heilige Mysterium bitten, ihnen den Reichtum ewigen Glücks zu geben.“

Chiefeagle drehte sich langsam um seine Achse, und unter dem tosenden Beifall der Leute schritt er mit gesenktem Haupt auf sein Zelt zu.

Als er seine Fassung wiedererlangte, kehrte der alte Häuptling zurück, um zu verkünden, dass das Essen nun fertig sei. Daraufhin ging das ganze Dorf dazu über, große Mengen an Speisen zu verschlingen, bis sie buchstäblich platzten. Doch selbst dann baten sie noch um Nachschlag und hielten fordernd ihre Becher und Schüsseln hoch. Das Festmahl war mehr als reichlich gewesen, und was sie nicht mehr verzehren konnten, wurde für später aufgehoben. Die Sioux hatten zu viele Hungersnöte erlebt, um auch nur einen Krümel des Essens zu vergeuden. Es war kein Zufall, dass zum Schluss nicht der geringste Speiserest im Kochgeschirr zu finden war.

Während des gesamten Abendessens waren die Leute darauf bedacht, der Braut und dem Bräutigam genügend Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Keyaschante wurde für seinen Mut und seine Großzügigkeit sehr bewundert, und man mochte ihn wegen seines schüchternen und aufrichtigen Wesens. Sein Name bedeutete „Schildkrötenherz“ und gab ihm Kraft und Weisheit. Alle Herzen waren mit Freude darüber erfüllt, dass der Enkel ihres hoch geachteten Anführers Chiefeagle eine Frau heiraten würde, die mit ihrer hellen Haut und ihren blauen Augen längst eine der ihren geworden war.

Das Festessen verbrachten die Braut und der Bräutigam im Stehen, wie es der Brauch verlangte. Durch die blauschwarzen Haare von Tscheyesa-win stach ihre helle Haut noch mehr hervor. Ihre ungeflochtenen Haare umgaben ihr ovales Gesicht wie ein Wasserfall aus natürlichen Locken und ein leichter Windhauch schien mit ihnen zu spielen. Ihre blauen Augen waren groß und ausdrucksvoll, und ihre vollen, verletzlichen Lippen hatten die Farbe wilder Kirschblüten.

Tscheyesa-wins atemberaubende natürliche Schönheit wurde durch ihre Kleidung noch betont. Von den Schultern bis zu den Füßen war sie in weiße Rehhaut gehüllt und mit der wahren Kunstfertigkeit der Sioux waren ihre Mokassins, Leggins und das Kleid mit Mustern aus Stachelschweinborsten verziert. Ihre stolze und aufrechte Gestalt war in der Tat eine bemerkenswerte Erscheinung. Sie hatte eine sportliche Figur mit einer schlanken, zierlichen Taille und breiten Hüften, deren Anmut viele Jahre auf dem Rücken eines Pferdes verrieten. Umso ungewöhnlicher erschien daher ihr Name, denn Tscheyesa-win bedeutete „Frau, die immer weint“.

Jetzt konnte man auch die dumpfen Töne einer Trommel hören. Die im Herzen jungen Menschen wurden ungeduldig, und noch ehe die Älteren ihr Mahl beendet hatten, nahmen die jungen, stürmischen Krieger eine große, geschmückte Zeremonien-Trommel, trugen sie zum Mittelpunkt des Lagers und begannen den langsamen Rhythmus des Rund-Tanzes zu schlagen. Als die Trommeln lauter wurden, stimmten die Sänger ein Liebeslied an, das der Braut und dem Bräutigam huldigte.

Als das Lied beendet war, wurde es auf einmal ganz still, und nur ein einsamer Trommler schlug sanft mit halber Geschwindigkeit den Takt des vorherigen Liedes. Keyaschante und seine Braut erhoben sich, und er legte mit einer schüchternen Bewegung den Arm um ihre Taille. Seite an Seite betraten die beiden nun langsam, mit erhabenem Schritt den Tanzbereich. Mit verschränkten Händen und ohne einen Blick auf ihre Umgebung zu verschwenden, tanzten sie den Takt aus zwei wiegenden Schritten. Nachdem sie einmal den Kreis der Zuschauer abgeschritten hatten, nahmen die übrigen Trommler den Takt mit viel Freude wieder auf.

Dies war das Zeichen für die Frauen endlich aufzustehen und die Männer ihrer Wahl zum Tanz zu bitten. Paar um Paar reihte sich hinter der Braut und dem Bräutigam ein, folgte den Schritten des Kaninchen-Tanzes.

Leichtfüßig und anmutig bewegte Keyaschante seinen Körper zum Takt der Musik. Seine glänzenden schwarzen Haare waren auf Schulterlänge geschnitten, und ihre Spitzen strichen leicht über seine Nackenmuskulatur. Auf seinem Kopf trug er eine einzelne, gefleckte Adlerfeder, deren Spitze zwischen den Haarsträhnen ruhte. Sein mittelgroßer Körper bewegte sich mit der Gewandtheit eines Hirsches, Zeichen seines athletischen und aktiven Lebens. Sein kupferrotes Gesicht war mit einer männlichen Schönheit ausgestattet, und seine Augen leuchteten vor stolzer Würde.

Als der Tanz beendet war, erfüllten wilde Schreie und Kriegsrufe in allen Tonlagen die Luft. Doch der Ausrufer des Lagers überstimmte sie alle, als er rief: „Schaut euch noch ein letztes Mal die Liebenden an, ehe sie für immer miteinander verschmelzen.“

Die guten Wünsche hallten noch immer in den Ohren von Keyaschante und Tscheyesa-win, als sie in die Dunkelheit eintauchten, die sich nun langsam über die Ebene senkte. Der Tanz würde noch bis Sonnenaufgang weitergehen, aber das frisch vermählte Paar musste sich auf eine andere Reise begeben.

Die Klänge des Festes hinter sich lassend, wanderten sie in die Nacht hinein, und sie hielten nicht eher an, bis die Sterne in der Morgendämmerung ihren Glanz verloren. Sie wählten die Abgeschiedenheit einer schmalen Schlucht, die mit großen Kiefern und üppigem Gras bewachsen war, um dort ihr Eheleben aufzunehmen. Sie legten ihre Decken neben eine sprudelnde Quelle und ließen sich zum Rasten nieder.

Der indianischen Jugend ist eine gewisse Schüchternheit angeboren, und deshalb wagten sie es nicht, sich gegenseitig anzuschauen, obgleich der Wunsch dazu sehr stark war. Nach einem langen Augenblick, der den beiden wie die längste Stille ihres Lebens vorgekommen war, fand Keyaschante endlich den Mut zu sprechen.

„Tscheyesa-win…“, murmelte er, „die merkwürdigste Art von Schüchternheit umklammert mein Herz und raubt mir die Worte. Aber bald wird das wilde Schlagen meines Herzens vorüber sein.“

„Oh Keyaschante, mein Geliebter, auch mein Herz klopft wie verrückt. Nur wegen dir schlägt es auf diese Weise.“

Tscheyesa-wins weitere Worte gingen in Keyaschantes Umarmung unter. Die Stille war gebrochen und die schüchternen Ängste des Paares überwunden.

In glückseliger Abgeschiedenheit teilten die Frischvermählten die folgenden Stunden, bis ein neuer, zunehmender Mond am westlichen Himmel erschien. Gemäß der Legende war dies ein günstiger Zeitpunkt, um etwas Wichtiges zu unternehmen und die Hochzeit war sorgfältig geplant worden, sodass sie an Neumond stattfinden würde. Braut und Bräutigam zu diesem Zeitpunkt zu stören, hatte den Ausschluss aus dem Stamm zur Folge – die höchste Strafe für jede ernsthafte Verletzung der Stammesgesetze.

Der Tag huschte über die Erde und ein leichter Windhauch strich durch die Schlucht, als Tscheyesa-win endlich erwachte. Sie öffnete die Augen und erblickte eines der Wunder der Natur – einen erstaunlichen Sonnenuntergang, der die Erde in glühendes Rot tauchte.

Sie lag noch eine Weile im Halbschlaf, nahm aber trotzdem die wechselnden Farben wahr. Die Wirklichkeit schien so weit weg; weit, weit weg. Es kostete sie einige Überwindung daran zu denken, dass sie Feuerholz sammeln musste, ehe die Dunkelheit die Schlucht umhüllen würde. Völlig zu erwachen bedeutete jedoch, den Bann der Verzauberung endgültig zu brechen, und nur zögernd akzeptierte ihr Kopf diese Tatsache.

Schnell vergingen die Tage, und es wurde Zeit, die Rückreise zu ihrer neuen Heimstatt zu beginnen. Während Keyaschante und Tscheyesa-win ihre Wasserbeutel an der Quelle füllten, bedauerten beide, dass sie diesen schönen Platz nun verlassen mussten. Auf beide warteten ihre Verpflichtungen in der Gemeinschaft der anderen und die schönen, ungezwungenen Tage wären vorbei.

„He ihr! Sioux! Tut was ich sage! Ich hab’ Leute bei mir, also macht nichts, was ihr später bereuen würdet.“ Mit einem Schlag war die Ruhe der vergangenen Tage zerstört, und in Keyaschantes Bewusstsein stieg die harte Erkenntnis hoch, dass dies nur Ärger bedeuten konnte. „Geh von der Frau weg und leg dich da drüben bei dem toten Baum hin!“ Keyaschante erkannte an dem Akzent, dass es sich um einen Santee Sioux handeln musste, und seine Gedanken überschlugen sich in der bitteren Erkenntnis, dass diese Stimme nicht freundlich klang.

Als Keyaschante auf ein Knie herunterging, blickte er über seine Schulter und erkannte, dass die Stimme nicht übertrieben hatte. Drei weiße Männer tauchten aus dem Dickicht der Büsche am Ende des Lagers auf. Keyaschante schaute Tscheyesa-win an, als wolle er mit seinen Augen sagen, dass es keinen Sinn hatte, sich dem Befehl zu widersetzen. Dies zu tun, würde wahrscheinlich mit seinem Tod enden, und ihr würde man wehtun oder gar Schlimmeres zufügen.

Tscheyesa-win war unfähig, ihre Augen von dem Gesicht ihres Mannes abzuwenden. Nach außen hin erschien sie ruhig, aber ihr Herz klopfte wie wild. Geschichten von Leuten, die eine helle Haut wie die ihre hatten, rasten durch ihren Kopf, und sie hatte Angst. Ihre Unterarme und Handgelenke bedeckten sich mit feinen Schweißperlen und ihr Atem kam gepresst. Sie beobachtete, wie die drei weißen Männer Keyaschantes Waffen entfernten, aber sie konnte ihr Gemurmel nicht verstehen. Der Santee stand auf der anderen Seite und beobachtete sie mit Habichtaugen, denen weder die Schönheit des Mädchens noch die feine Machart ihrer Bekleidung entgingen.

Er schritt langsam auf sie zu und fragte: „Sprichst du Sioux?“ Unfähig zu sprechen, nickte sie nur, während sie in Keyaschantes Gesicht nach einer möglichen Anweisung forschte.

Der Santee Krieger wandte seine Aufmerksamkeit Keyaschante zu. „Mein Name ist Dürrer-Vogel. Und als wer bist du bekannt?“

„Man nennt mich Keyaschante“, antwortete der junge Sioux in einem gleichmäßigen Tonfall. „Was wollt ihr von uns?“

„Wir wollen eigentlich nur eure Pferde. Wir brauchen sie, um unsere Reise fortzuführen. Wir wollen weder dich noch deine Frau verletzen, aber nun müssen wir euch eben wegen ihr mitnehmen, bis wir die Paha Sapa, die Schwarzen Berge, überquert haben. Falls du zu deinem Lager zurückkehren könntest, würdest du andere mitbringen, die uns verfolgen. Wir sind auf dem Weg zu dem Ort des gelben Metalls, jenseits der Black Hills, wie der weiße Mann sie nennt.“

„Dies hier ist das heilige Land meines Volkes, der Tetonwan. Warum bringst du diese Männer in das heilige Gebiet? Was für ein Mann bist du, dass du deine Verwandten verrätst?“ Keyaschante spuckte auf den Boden vor Verachtung. „Denk doch mal an dich. Du hast die gleiche Farbe wie wir und du gehörst zu uns, nicht auf die Seite der weißen Leute, deren Herzen und Zungen gegen unser Volk sind.“

„Deine Zunge sollte diese Fragen nicht stellen, Keyaschante!“ Dürrer-Vogel drehte sich auf dem Absatz um und ging auf einen bartlosen weißen Jungen zu, um ihn zu den Pferden zu begleiten. Nach diesem bitteren Wortwechsel entwich kein weiteres Wort mehr den Lippen von Keyaschante und Dürrer-Vogel. Stattdessen wurden in unangenehmer Stille die Vorbereitungen für die Reise getroffen.

Tagelang war die kleine Gruppe unterwegs, immer auf der Hut, entdeckt zu werden. Geschickt vermied Dürrer-Vogel die Indianerlager, die sich entlang der Strecke befanden. Während der ganzen Reise bewegten sie sich hintereinander, wobei Dürrer-Vogel der Anführer war, gefolgt von Tscheyesa-win. Danach kamen die drei weißen Männer und Keyaschante war der Letzte. Diese Anordnung war eine Idee von Jim, dem bartlosen jungen Mann, der bald bemerkt hatte, dass Keyaschante nicht ohne Tscheyesa-win versuchen würde zu fliehen. Außerdem wusste er, dass Keyaschante der beste Mann sein würde, um Angriffe aus dem Hinterhalt abzuwehren.

Dürrer-Vogel drohte Keyaschante damit, dass man Tscheyesawin das Leben nähme, wenn irgendein Angriff von hinten erfolgen würde. Keyaschante traf daraufhin natürlich jede Vorsichtsmaßnahme, um einen möglichen Angriff abzuwehren. Manchmal ritt er in die Wälder, die gelegentlich an ihrem Weg lagen, dann wieder ritt er die Strecke zurück, die sie genommen hatten, um etwaige Spuren zu verwischen.

Immer hoffte er, dass er vielleicht die Chance hätte, vor einem möglichen Angriff mit seinen Leuten in Kontakt zu treten, damit er einen Plan zu ihrer Rettung ausarbeiten konnte.

Jede Nacht, nachdem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, stellte der Bartlose einen Zeitplan für die Wachen auf. Keyaschante wusste, dass dieser, trotz seiner jungen Jahre, der wahre Anführer der Bande war, und Dürrer-Vogel nur ein Kundschafter.

Tscheyesa-win blieb von Keyaschante getrennt und jede ihrer Bewegungen wurde argwöhnisch beobachtet. Sie war die Versicherung dafür, dass man das Land der Teton Sioux sicher durchqueren konnte, und alle wussten das. Dem jungen Paar wurde es nicht erlaubt, ein einziges Wort miteinander zu sprechen und ihre einzige Verständigungsmöglichkeit bestand aus Blicken und gelegentlich einem heimlichen Signal mit der Hand.

Eines Nachts, nach einem langen Tagesmarsch durch unwegsames Gelände, sah Keyaschante blicklos zum Sternenhimmel hinauf und dachte voller Sorge an Tscheyesa-win. Er fragte sich, wie sie das scharfe Tempo, das von Dürrer-Vogel bestimmt wurde, mithalten konnte. Er bemerkte nicht, dass Dürrer-Vogel sich näherte und zuckte beim Klang der Stimme des Santee zusammen.

„Keyaschante, es ist schwer für deine Frau, so zu reisen, wie wir dies tun. Es wird bald vorbei sein. Wir waren schnell, seitdem wir den Missouri Fluss überquert haben, und wir werden den Yellowstone Fluss in etwa drei Tagen erreichen.“

Dürrer-Vogel schwieg einen Moment und setzte sich müde zu Keyaschante. Erschien nervös zu sein, und dies stand im Widerspruch zu seinem sonst so selbstsicheren Gehabe der vergangenen Tage.

Mit leiser Stimme fuhr er fort: „Jim sagte, dass er dich und deine Frau gehen lassen wird. Er sagte auch, dass er dir die beiden lahmen Pferde geben wird. Wir werden bald aus eurem Gebiet verschwinden, und dann werdet ihr für uns nicht mehr länger von Nutzen sein.“

„Das ist gut“, antwortete Keyaschante. „Ich glaube nämlich, dass meine Frau nicht in der Lage ist, noch viel weiter zu gehen. Doch sage mir… warum bist du mit diesen Blassgesichtern zusammen? Wir sind doch beide Sioux, du und ich, wir müssen mit aufrechter Zunge miteinander sprechen, wie ein Bruder zum anderen.“

„Gut gesprochen, Keyaschante, aber du weißt nicht, was ich weiß.“ Der Santee hielt inne, um nach den richtigen Worten zu suchen. „Wenn ich an die Leute denke, die ich kenne, dann sehe ich eine lange Reihe, Indianer und Weiße; aber in den vergangenen Wintern sehe ich nur noch Weiße! Wie eine nicht enden wollende Flut!“

Eine gewisse Bitterkeit beschlich die Stimme Dürrer-Vogels. „In dem Land meiner Kindheit lebten wir als freies Volk, bis vor ein paar Jahren. Nun gibt es unser altes Leben nicht mehr, denn die Blassgesichter haben jetzt dort die Macht. Mit ihren vielen Blauröcken und Waffen haben sie all das genommen, was uns gehörte. Wir sind nichts anderes als das Treibholz nach einer Flut. Die weißen Männer besitzen das meiste unseres Landes, aber nicht gemeinsam mit ihren Brüdern, sondern allein. Sie streben danach, mehr als ihre Nächsten zu besitzen und bekämpfen sich untereinander. Sie gieren regelrecht nach diesen Besitztümern! Für sie scheint richtig und falsch das gleiche zu sein.“

Dürrer-Vogel kämpfte, um seine Gesichtszüge zu kontrollieren. „Für mein Volk gibt es keine Wünsche und Ziele mehr. Für die meisten besteht der Sinn des Lebens nur noch darin, sich zu betrinken, und nicht mehr darin, das zu bewahren, was ihren Brüdern seit hunderten von Monden gehörte. Ebenso weigern sich viele, ihre bisherige Lebensweise aufzugeben, denn sie verstehen unter Freiheit, dass sie das Recht haben, zu jagen, zu essen und zu feiern.“

„Dürrer-Vogel“, unterbrach ihn Keyaschante, „das zu tun, was du tust, ist mit dem Mut einer Maus zu vergleichen. Wir sind ein stolzes Volk, und was wir jetzt tun, wird unsere Zukunft in den heiligen Paha Sapa beeinflussen. Wenn wir jetzt nicht handeln, sind wir Feiglinge. Nur Dummköpfe würden ihre Waffen niederlegen und kapitulieren. Das müssen wir den weißen Leuten verständlich machen. Wir müssen sie bekämpfen, um zu zeigen, dass wir keine Kinder sind. Ho! Es ist besser, im Kampf zu sterben!“

Dürrer-Vogel lachte bitter und entgegnete: „Ich werde dir etwas erzählen! Verstehe meine Worte und du wirst von meinen Taten nicht so empört sein.“

Er machte eine kurze Pause und fuhr dann mit monotoner Stimme fort: „Vor einiger Zeit wurde ich Kundschafter für die Blauröcke, den berittenen Soldaten der Regierung. Ich werde gar nicht erst versuchen, alle Gründe hierfür zu nennen, aber ich war einer der Überlebenden einer Gruppe Santees, die von der übermächtigen Streitmacht weißer Soldaten vernichtet worden war. Alle meine Verwandten wurden abgeschlachtet und das gleiche geschah auch mit meinem Geist. Mir blieb nichts als mein nackter Körper, und um diesen zu ernähren, trat ich den Soldaten bei. Sie versorgten mich mit Essen und Kleidung. Als Gegenleistung half ich ihnen als Scout.

Bald schon wurde ich der Anführer der Kundschafter, und dies vergrößerte natürlich die Möglichkeiten, meinen Leuten zu helfen. Auch kam ich in näheren Kontakt mit den Blauröcken und es entwickelte sich zwischen uns so etwas wie eine Freundschaft – mit Jim, dem Bartlosen, sogar eine engere Freundschaft.

Er lehrte mich die englische Sprache und zeigte mir die Lebensweise des weißen Mannes. Er unterstützte meine Gedanken und meine Taten. Er war unter den Weißen mein einzig wahrer Freund.“

Dürrer-Vogel fuhr in einer leisen, monotonen Stimme fort und es erweckte den Anschein, als würde er mit sich selbst reden.

„Eines Tages bekam er Schwierigkeiten und rechnete mit Vergeltung von den anderen Blauröcken. Daraufhin fragte er mich, ob ich sein Kundschafter werden wolle, und ich willigte ein. Er sagte mir, dass es seine Vorgesetzten nicht gerne sähen, wenn er den Armeeposten verließe, und deshalb müssten wir nachts gehen, während die anderen schliefen. In dieser Nacht schlichen wir und zwei weitere Männer aus dem Stützpunkt und machten uns auf den Weg zu den Goldfeldern.“

Er machte eine nachlässige Handbewegung und grunzte verächtlich.

„Als Anführer der Kundschafter war es leicht für mich, Pferde und Verpflegung für unsere lange Reise zu besorgen. Wir trieben die Pferde an, und sie waren bereits sehr müde, als wir auf euer Lager trafen. Wir hatten vor, eure Pferde zu stehlen, aber wir konnten es nicht, weil ihr zu dicht bei ihnen gewesen seid. Jim und die anderen wollten euch beide umbringen, aber ich überzeugte sie davon, dass dies nicht gut wäre.“

Um seine Worte zu unterstreichen, schlug Dürrer-Vogel leicht auf Keyaschantes Knie, dann fuhr er fort. „Falls deine Verwandten die schändliche Tat entdeckt hätten, würden sie uns wie Wölfe jagen, um euren Tod zu rächen. Es war das Beste, euch als Geiseln mitzunehmen, da eure Leute nichts unternehmen würden, um euch beide nicht zu gefährden. Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir euch freilassen werden, so dass ihr nach Hause gehen könnt.“

„Mein Herz liegt im Staub für dich, Dürrer-Vogel. Obwohl ich dir in vielen Punkten nicht zustimme, muss ich dir dafür danken, dass du unser Leben verschonst. Du wirst nie fürchten müssen, dass wir dich verraten, wenn wir frei sind. Tscheyesa-win wird dies verstehen. Aber sie kann die weißen Männer nicht verstehen, denn seit sie ein kleines Baby war, lebt sie wie eine Sioux und kennt nur unsere Kultur. Dürrer-Vogel, sag’ mir, was denken die weißen Männer über sie?“

„Seit dem ersten Tag gab ich ihnen zu verstehen, dass der Mann, der es wagen würde, sich an deiner blassgesichtigen Frau zu vergreifen, wie ein räudiger Hund sterben würde – mit einem Messer an seiner Kehle.“

„Jenem Bartlosen, der Jim genannt wird, traue ich nicht“, warnte Keyaschante. „Ich sehe das wachsende Verlangen in seinen Augen, wenn er Tscheyesa-win beobachtet, und das gefällt mir nicht. Mir liegt ihre Sicherheit sehr am Herzen. Er mag vielleicht dein guter Freund sein, aber das Verlangen nach einer Frau kann einen Mann verrückt machen.“

Dürrer-Vogel antwortete nicht, sondern stand auf und ging. Kurz nachdem er sein Nachtlager auf der anderen Seite des Feuers errichtet hatte, schaute er Keyaschante noch einmal an. Durch Zeichensprache gab er zu verstehen, dass er Jim im Auge behalten würde.

Keyaschante wusste, dass Dürrer-Vogel mit aufrechter Zunge gesprochen hatte, und als er sich auf den Boden legte, stellte er erschöpft fest, wie gut dies seinem schmerzenden Körper tat. Trotz seiner Müdigkeit konnte er lange nicht einschlafen. Zu viele Dinge spukten in seinem Kopf herum und er musste langsam Pläne machen, wie er nach seiner Freilassung zum Lager zurückgelangen konnte.

KEIN ENTKOMMEN

Mit dem Instinkt eines Tieres fühlte Keyaschante, dass etwas nicht in Ordnung war. Die inneren Augen des Kämpfers waren darauf ausgerichtet, drohende Gefahren zu erkennen, und die leichteste Bewegung in Tscheyesa-wins Nähe reichte aus, um ihn erstarren zu lassen. Jemand hatte vor, seine Braut zu belästigen, und das musste verhindert werden. Mit einem plötzlichen und kraftvollen Satz warf er sich auf den Schatten des Eindringlings. Mit seinen Beinen umklammerte er dessen Taille und seine kraftvollen Finger umfassten dessen Nacken. Ein schneller Ruck und sein Gegner lag leblos in seinen Armen. Das Genick war gebrochen, so schnell, dass er nicht einmal die Gelegenheit hatte, zu schreien.

Keyaschante hob Tscheyesa-win hoch und überlegte sich fieberhaft einen Plan zur Flucht. Jetzt hatte er keine Wahl mehr und ihm blieb nichts anderes übrig, als blitzschnell zu handeln.

Zwei der weißen Männer lagen noch immer schlafend am Boden, aber von Dürrer-Vogel fehlte jede Spur, demnach musste der Mann, den er gerade getötet hatte, einer der Weißen gewesen sein.

„Leise!“, flüsterte Keyaschante.

Er ließ Tscheyesa-win sanft herunter, so dass sie laufen konnte. „Wegen Dürrer-Vogel können wir es nicht riskieren, unsere Pferde zu holen. Also folge mir!“

Er nahm Tscheyesa-wins Hand und führte sie lautlos im Schutz des Waldes nach Norden. Im Osten erwachte bereits die Morgendämmerung, aber es war noch nicht hell genug, um die vielen Zweige und Dornen des Unterholzes zu erkennen. Tscheyesawin bemühte sich, den großen Schritten ihres Mannes folgen zu können. Sie rannten fast durch das Gewirr des Unterholzes und Tscheyesa-win biss die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerzen aufzustöhnen. Als sie an einem besonders dichten Gestrüpp ankamen, bedeutete Keyaschante ihr, sich an der dichtesten Stelle zu verstecken und sich ruhig zu verhalten.

„Ich werde bald zurück sein!“, flüsterte er. „Ich muss die Pferde holen oder sie zumindest losbinden. Wir haben keine Chance zu entkommen, wenn sie die Pferde haben.“

Der Knall eines Schusses in der Ferne veranlasste Keyaschante, wieder in das Gestrüpp neben Tscheyesa-win zu klettern. Die dichten und verkrümmten Zweige der Pflaumenbäume boten ihnen dabei ein ideales Versteck.

Es wäre wahrscheinlich nicht sonderlich schwierig gewesen, die Begegnung mit den weißen Männern in diesem Dickicht zu vermeiden, aber Dürrer-Vogel war eine andere Sorte von Gegner und durfte nicht unterschätzt werden.

Würde er sich an der Suche beteiligen? Und wie gut war er im Spuren lesen? Das Paar entschied sich, seine Flucht fortzusetzen und den Abstand zwischen ihren Verfolgern zu vergrößern.

Sie rannten in Höchstgeschwindigkeit durch das Unterholz, gehetzt wie wilde Tiere, bis Tscheyesa-win plötzlich unter den hängenden Zweigen einer großen Kiefer zusammenbrach und sich hundeelend fühlte. Sie rollte sich zur Seite und übergab sich so heftig, dass nichts mehr in ihrem Magen blieb. Doch das Würgen hörte nicht auf und der unkontrollierbare Brechreiz saugte ihr noch das letzte bisschen Kraft aus dem Körper.

Keyaschante hockte sich besorgt neben sie und brachte ihr in einem Fetzen seines Lendenschurzes etwas Wasser. Durch die reine, süße Flüssigkeit fühlte sich Tscheyesa-win etwas besser, doch ihre Beine waren wie taub und sie konnte sich nicht bewegen.

„Wir sollten uns hier bis zum Sonnenuntergang ausruhen, dann müssen wir zu einer geschützten Stelle gehen; und zwar dahin, wo ich das Wasser geholt habe“, versuchte Keyaschante seine Frau zu ermutigen.

Im Moment sah es jedoch so aus, als ob Tscheyesa-win alles egal wäre, noch nicht einmal der Gedanke an ihre mögliche Gefangennahme konnte sie beunruhigen. Das Einzige was sie interessierte, war, ihrem geschundenen Körper etwas Ruhe zu gönnen, selbst wenn dies ihren Tod bedeuten würde.

„Ruhe dich aus, ich werde vorsichtig die Gegend erkunden und nach einen Unterschlupf suchen!“, flüsterte Keyaschante beruhigend.

Stunden später kehrte er zurück und hob das völlig erschöpfte Mädchen vom Boden auf.

Tscheyesa-win schlang instinktiv ihre Arme um seinen Nacken und schmiegte ihr Gesicht an seine Brust. Ein heftiger Schmerz durchzuckte ihre Beine und sie stöhnte darüber, dass man sie aufgeweckt hatte. Ihre sichtliche Pein schockierte Keyaschante und wie um sich zu verteidigen, rief er: „Es tut mir leid, aber wir müssen gehen. Wir müssen zu einem sicheren Ort gehen, wo es auch Wasser gibt. Es wird alles noch viel schlimmer, wenn wir uns nicht in Sicherheit bringen.“

Tscheyesa-win fühlte jede seiner Bewegungen in ihrem ausge laugten Körper, und es schien ihr wie eine Ewigkeit, ehe sie das beruhigende Geräusch des Wassers hörte, das sich murmelnd in ein kleines Tal ergoss.

Keyaschante legte sie sanft auf das grasbewachsene Ufer des Flusses und vergewisserte sich, dass ihre schmerzenden Beine in das kühlende Wasser des Flusses eingetaucht waren. Tscheyesa-win konnte fühlen, wie sich ihre übermüdeten Muskeln entspannten und wie der Wille zum Überleben wieder in ihren Körper zurückkehrte.

„Beweg dich nicht!“, warnte Keyaschante. Ich werde etwas zum Essen finden und bald zurückkehren!“ Flink lief er den kleinen Hügel hinauf und verschwand aus ihren Augen.

Sie lag da und starrte auf den Hang, ihre Hände umklammerten das lange Gras, das über ihre Beine strich. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, aber immer wenn sie an ihre Flucht aus der Gewalt der weißen Männer dachte, rann ihr ein Schauer über den Rücken. Das überwältigende Gefühl von Stolz und Trotz stieg in ihr auf, und sie wusste, dass sie ein Recht auf diese Gefühle hatte. Hatte sie ihrem Ehemann und den anderen nicht bewiesen, dass sie stark war und eine derartige Mühsal auf sich nehmen konnte? Sie fühlte sich wesentlich besser und fiel in einem tiefen Schlaf der völligen Erschöpfung.

Über das Land brach längst die Dämmerung herein, als Keyaschante ein erlegtes Kaninchen säuberte. Das plötzliche Geräusch eines brechenden Zweiges ließ ihn aufschrecken. Er wirbelte herum und sah einen Schatten, der sich viel zu schnell auf ihn fallen ließ. Er hörte ein lautes Krachen und warf sich mit dem Gesicht auf den Boden. Er presste seine Nase so fest auf die Erde, dass er kaum noch atmen konnte. Seine schnelle Reaktion bewahrte ihn vor der ganzen Wucht des Schlages, sodass er nur halb betäubt am Boden lag.

Durch den Nebel seiner drohenden Bewusstlosigkeit drang die flehende Stimme Tscheyesa-wins, und er konnte die bekannten Stimmen der beiden weißen Männer hören, als sie wütend vor sich hin fluchten. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht bewegen, und langsam senkte sich der Schleier des Vergessens über ihn, bis er schließlich nichts mehr hörte und sah.

Als Keyaschante sein Bewusstsein wiedererlangte, fühlte er schmerzerfüllt, dass er auf einem halbvergrabenen Baumstamm lag und all seiner Kleidung beraubt worden war. Als er seine Arme und Beine bewegen wollte, bemerkte er, dass man sie mit Rohleder an einige Pfähle gefesselt hatte, die fest im Boden verankert waren.

„Er versucht, sich zu bewegen“, rief eine kehlige Stimme.

Es war Keyaschante unmöglich, den Mann zusehen, aber als er die Peitsche auf seinem nackten Rücken und seinen Hüften spürte, wusste er, wer sein Peiniger war. Das knallende Geräusch der Peitsche ließ Keyaschante ebenso zusammenfahren wie der darauf folgende brennende Schmerz.

Er gab keinen Ton von sich, nur sein gepresster Atem zeigte die Qualen, die er erdulden musste. Immer wieder sauste die Peitsche auf ihn nieder, erbarmungslos und mit quälender Gleichmäßigkeit. Bei jedem Hieb biss er die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefer- und Nackenmuskulatur in Strängen hervortrat. Sein Rücken bog sich bei jedem Hieb und sackte dann hilflos vor Schmerzen in sich zusammen.

Die Stimme Tscheyesa-wins drang an Keyaschantes Ohr, ihr Wehklagen schien weit entfernt, und ihr Schluchzen klang wie das Klagen eines Rehs. Der Gedanke an sie verlieh ihm schier übernatürliche Kräfte – eine grimmige Entschlossenheit, die Qualen des Auspeitschens zu erdulden und irgendwann die verantwortlichen Männer umzubringen. Als er spürte, wie das Blut aus den diagonal verlaufenden Peitschenstriemen über seinen Rücken floss, schwor er insgeheim, sich dafür zu rächen. Irgendwann wurde sein Peiniger müde und übergab die Peitsche dem anderen Mann, der nun dem Beispiel seines Kameraden folgte und von der anderen Seite ein blutiges Muster auf Keyaschantes Rücken schlug.

Der geschundene Körper hatte mittlerweile aufgehört, sich unter den gnadenlosen Hieben aufzubäumen. Bewusstlosigkeit linderte die Schmerzen, trotzdem fuhr der Mann fort, bis das Muster aus blutigen Quadraten fertig war, und auf den enthäuteten Kanälen das rohe Fleisch hervorstand.

Von dem Tod des Indianers überzeugt, legte sein Peiniger endlich die Peitsche nieder, und sein Gesicht drückte deutlich seine Zufriedenheit mit dieser scheußlichen Tat aus.

Während der gesamten Zurschaustellung dieser exzessiven Gewalt, war Tscheyesa-win im festen Griff eines weißen Mannes festgehalten worden und hatte, zur Hilflosigkeit verdammt, alles mit ansehen müssen. Jeder Hieb schnitt tiefer in ihr Herz und gab ihr die Kraft, sich gegen die Weißen aufzulehnen. Ihr Körper bäumte sich gegen die Umklammerung auf, ihr entsetztes Schreien hallte über die Lichtung, von den Männern nur mit höhnischem Gelächter begleitet. Als die Weißen ohne Gnade mit dem Auspeitschen fort fuhren, forderten die Seelenqualen, die Tscheyesa-win erleiden musste, ihren Tribut, und sie brach in das mitleiderregende Wehklagen aus, das indianische Frauen zum Zeitpunkt ihres Todes anstimmen. Ein hoher, schriller Ton unendlichen Leids.

Als die Weißen endlich aufhörten ihn auszupeitschen, waren das Wehklagen Tscheyesa-wins und das heftige Atmen der beiden Männer die einzigen Geräusche, die man hören konnte.

Tscheyesa-win wusste, dass kein Mensch diese qualvollen Schmerzen, die Keyaschante erlitten hatte, überleben würde. Allein die Hoffnung, wie sie nur Frauen zu Eigen ist, veranlasste sie, immer wieder „Bitte … Bitte … lasst ihn leben … lasst ihn doch leben … bitte …“, zu flüstern.

Von dem Flehen in ihrer Stimme erweicht, lockerte der Mann, der sie festhielt, seinen Griff, und sie rannte zu der entblößten Gestalt. Sie warf sich auf ihre Knie und liebkoste Keyaschantes Kopf.

Die weißen Männer standen wie versteinert, und mit Unbehagen beobachteten sie Tscheyesa-win, die mit ihren Lippen zärtlich das bleiche Gesicht, die Schultern und den blutigen Rücken ihres Mannes liebkoste. Das Blut in ihrem Gesicht verstärkte den Ausdruck blanken Entsetzens in ihren Augen. Die Männer waren unfähig, dieses Bild noch länger zu ertragen und wandten sich wortlos ab.

Tscheyesa-win aber warf sich weinend neben die niedergestreckte Gestalt und fuhr ihr mit ihren Fingerspitzen durch das schwarze Haar. Sie sagte sich, dass nun ohnehin alles vorbei wäre und dass sie ebenfalls sterben würde, wenn Keyaschante starb.

Mit einem Satz sprang sie auf ihre Füße, rannte zu der Stelle, wo die weißen Männer knieten und griff nach dem Messer, das einer von ihnen trug. Instinktiv schlug er gegen ihren Arm, um das Messer abzuwehren und es fiel zu Boden. Dabei bemerkte er nicht ihren Fuß, der ihn wohlgezielt zwischen die Beine traf. Er krümmte sich vor Schmerzen, während sich Tscheyesa-win bereits dem anderen Mann zudrehte.

Sie war jetzt kein kleines, hysterisches Mädchen mehr, sondern eine bis zum Äußersten gereizte Frau, die wie ein Puma töten würde. Sie stürzte sich auf den völlig verdutzten Weißen, grub ihre Zähne tief in das Fleisch seines Gesichtes und biss ein Stück seiner Wange heraus. Einer der Männer wand sich vor Schmerzen auf dem Boden, der andere hielt sich die Hände vor sein verletztes Gesicht, während sie endlich das Messer entdeckte und entschlossen danach griff.

Hasserfüllt hob sie das Messer auf und wollte es dem Rotbärtigen in seine Eingeweide rammen, doch ein fester Griff schloss sich um ihre Handgelenke und entwand ihr das Messer. Es war Dürrer-Vogel, der das Messer quer über die Lichtung warf. „Nein! Nein, Tscheyesa-win, das Messer ist zu schnell und viel zu gnädig! Wir müssen sie durch die Peitsche sterben lassen - so wie es deinem Mann ergangen ist!“

Dürrer-Vogel drehte sich auf dem Absatz herum und schlug den Weißen mit der zerfleischten Wange mit der ganzen Kraft seiner Faust zu Boden. Dann ertönte plötzlich ein Schuss, Dürrer-Vogel fasste sich an die Brust und mit dem Ausdruck des Todes auf seinem Gesicht fiel er nach hinten.

EINE FREMDE UMGEBUNG

Tscheyesa-win war nur noch körperlich anwesend. Sie lief wie in Trance, nahm kaum wahr, was um sie herum geschah. Die knirschenden Geräusche der Pferdehufe und die gelegentlich gesprochenen Worte der zwei weißen Männer schienen ihr weit weg und unwirklich. Das Einzige, das sie wirklich fühlte, war der grobe Strick um ihren Hals, der mit dem anderen Ende an einem Sattel befestigt war. Die Nacht war dunkel, aber nicht annähernd so dunkel, wie die tiefe Verzweiflung in ihrer Seele.

Nach und nach belebte die kühle Nachtluft Tscheyesa-win. Sie begann klar zu denken und ihre Lage zu begreifen. Eine tiefe Mutlosigkeit überkam sie, und sie sagte sich, dass es eine Erleichterung sein würde, der Wahrheit ins Auge zu blicken … sie hatte den Mut verloren, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. Ohne Mut aber wurde das Gefühl der Verzweiflung immer stärker, und sie hasste die Erde in ihrer grausamen Schönheit, sie hasste die weißen Männer, vor denen sie stets gewarnt worden war; sie hasste die ganze Welt und sehnte sich danach, bald von all ihrem Übel befreit zu werden.

Sie war derart in Gedanken vertieft, dass sie ihre Umgebung nicht wahrnahm und auch den Blitz nicht sah, der den nächtlichen Himmel erhellte. Die Regentropfen auf ihrem Gesicht ließen sie aufschrecken, und als sie aufblickte, sah sie die Morgendämmerung, die bereits den östlichen Himmel verfärbte. Die Männer schienen jedoch weder ihr, noch dem Nahen des Tages Aufmerksamkeit zu schenken. Man sah ihnen die Strapazen der langen schlaflosen Reise an, denn sie hingen kraftlos in ihren Sätteln.

Als der Himmel sich schließlich aufhellte, konnte Tscheyesa-win sehen, dass sie eine Ebene durchquerten, die sich in Wellen vor ihnen ausbreitete – die Ausläufer der dunklen Berge hinter sich lassend. Nun, da das Tageslicht auf die Erde zurückgekehrt war, schöpfte auch sie wieder Hoffnung. Tief in ihrem Inneren hörte sie eine mahnende Stimme, eine Stimme, die sie ins Leben zurückholte! Fast erschrocken stellte sie fest, dass sie den Rat ihrer indianischen Mutter völlig vergessen hatte! Nun erinnerte sie sich wieder an deren Worte: ‚Lass deinen Lebenswillen nicht herumtappen wie bei einem blinden Mann! Habe Vertrauen. Es gibt immer eine stärkere Hand als die der Menschen, und diese wird dich führen.’

Tscheyesa-wins momentane Situation schien zwar die Worte ihrer Mutter Lügen zu strafen, dennoch gaben ihr diese Worte Trost. Sie durfte nicht verzweifeln, obwohl sie gezwungen wurde zu laufen, wie man ein Tier an der Leine hinterher zerren würde. Ihr Geist wurde neu belebt, und sie wusste, dass das Große Geheimnis ihr Leben erträglich machen würde, aber es hing von ihr ab, dies auch zu ermöglichen.

Die aufkeimende Hoffnung in ihrem Herzen stand im extremen Gegensatz zu ihrem Erscheinungsbild. Ihre Mokassins waren schlammverschmiert und durchnässt, ihr einst so schönes Kleid war von oben bis unten zerrissen – als deutlicher Beweis für ihre erlittenen Qualen. Ihre langen Haare, auf die sie immer so stolz gewesen war, waren nur noch ein verfilztes Gewirr, und Strähnen feuchter Locken hingen ihr ins Gesicht. Zu Hause im Lager hatte man ihr einmal gesagt, dass sie wie eine Wilde aussähe, wenn sie ihre Haare nicht flechten würde, aber solche Bemerkungen wurden von ihren Freunden eher scherzhaft und nicht ohne eine gewisse Bewunderung gemacht. Wenn sie ihr Haar jetzt sehen würden, bedeckt von Blättern und blutverkrustet, dann würden sie sicherlich …

Schluss damit, rief sie sich zur Ordnung. Sie wusste, dass sie sich ihr Haar kurz schneiden musste – wie dies die älteren Frauen tun, wenn sie um eine geliebte Person trauern, die niemals mehr lebend auf die Erde zurückkehren wird. Auch würde sie sich tiefe Schnitte an ihren Armen und Beinen zufügen, um auf diese Weise ihren ungeheuren Verlust auszudrücken.

Sie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie die Pferde vor ihr einfach stehen blieben. Sie hob den Kopf und stellte fest, dass die beiden Männer sie auf merkwürdige Weise anstarrten. Sie erwiderte den Blick und weigerte sich standhaft, ihre Augen zu senken.

Die Männer konnten ihren verächtlichen Blick jedoch nicht lange ertragen und wandten nun ihrerseits die Augen ab. Sie bereiteten das Essen zu, ohne Tscheyesa-win anzusehen, und gaben ihr eine Portion, ohne ein Wort zu sagen.

Tscheyesa-win bezweifelte, dass sie fähig sein würde, das Essen zu sich zu nehmen, aber sie wusste, dass sie es tun musste, um bei Kräften zu bleiben. Die Männer schienen sich ausruhen zu wollen, und ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, dass sie es nicht wagen würden, sie zu belästigen. Also legte auch sie sich nieder, um zu schlafen.

Tscheyesa-win erwachte durch das unangenehme Gefühl, dass ihr zu heiß war, und ihre leichte Bewegung erregte die Aufmerksamkeit ihrer ungewollten Begleiter. Sofort kamen sie auf sie zu und gaben ihr zu verstehen, dass sie die Reise fortsetzen wollten, obwohl die Sonne am Himmel ihren höchsten Punkt längst erreicht hatte. Weit würden sie an diesen Tag bestimmt nicht mehr kommen!

Mit einiger Zufriedenheit spürte sie, dass ihre Fesseln nicht mehr so fest saßen und der Schritt der Pferde sich verlangsamt hatte. Die Erkenntnis, dass diese Männer sie nun etwas besser behandelten, konnte jedoch in keiner Weise ihr Verlangen nach Rache stillen.

Die Sonne stand nur noch eine Handbreit über dem Horizont, als die Gruppe sich einer Siedlung näherte. Anhand der merkwürdigen Bauweise der Häuser wusste Tscheyesa-win, dass dies ein Dorf der Weißen war, und wieder wurde sie von einer bösen Ahnung beschlichen. Dies war nicht ihr Volk und in Anbetracht ihrer bisherigen Erfahrungen mit ihnen, hatte sie nichts Gutes zu erwarten.

Nicht weit von der Siedlung entfernt trafen sie auf eine kleine Gruppe berittener Männer. Sie unterhielten sich eine Weile in ihrer merkwürdigen Sprache und während des Gesprächs fielen gelegentlich laute Worte. Aufgrund der vielen Seitenblicke, die ihr zugeworfen wurden, wusste Tscheyesa-win, dass die Männer über sie redeten.

Um ihre Verachtung darüber zu zeigen, schüttelte sie trotzig ihren Kopf, so, als versuchte sie, die Fliegen zu verscheuchen, die um die Gruppe herum flogen.

Tscheyesa-win erschien es, als würden die Männer über ihren Kaufpreis verhandeln, denn sie erhielt die gleichen abschätzenden Blicke, welche die tapferen Krieger den Pferden zuwarfen, die sonst auf dem Tauschplatz des Dorfes angeboten wurden.

Als die Unterhaltung fortgeführt wurde, war es aufgrund der vielen verärgerten Worte offensichtlich, dass die Männer sich nicht einig waren. Zu ihrer Überraschung zuckten die beiden Männer, die sie gefangen genommen hatten, mit ihren Schultern und gestatteten den Fremden, sie zu entwaffnen.

Einer der fremden Männer entfernte den Strick, der um ihren Hals lag – zu Tscheyesa-wins Erstaunen sehr behutsam und vorsichtig.

Die junge Frau wurde zu der Siedlung mitgenommen, die aus einer Ansammlung merkwürdiger Häuser bestand. Ihre anfängliche Verwirrung verwandelte sich schnell in Ärger, als Männer, Frauen und Kinder aller Art kamen, um sie anzuschauen. Sie empfand es als äußerst entwürdigend, wie ein preisgekröntes Pony ausgestellt zu werden.

Eine untersetzte, jedoch freundlich aussehende Frau kümmerte sich um Tscheyesa-win und führte sie in eine kleine Blockhütte. Tscheyesa-win war von der Frau fasziniert, aber noch mehr verwunderten sie die Dinge, die sie tat.

Die Frau bereitete das Essen in einer geradezu lächerlichen Weise zu und benutzte dazu merkwürdiges Kochgeschirr. Der Geruch kochenden Essens war jedoch sehr verlockend, besonders wenn man an die Art der Verpflegung dachte, die Tscheyesa-win während der vergangenen Tage erhalten hatte.

An dem Tisch des weißen Mannes auf Stühlen zu sitzen, war eine weitere neue Erfahrung für Tscheyesa-win, aber all das Befremdliche hinderte Tscheyesa-win nicht daran, alles Greifbare an Essen zu vertilgen. Sie hatte einen wahren Heißhunger, in Anbetracht der knappen Rationen der vergangenen Tage auch kein Wunder.

Die weiße Frau schaute sie erstaunt an, denn Tscheyesa-win schaufelte das Essen mit einem Stück Brot vom Teller direkt in ihren Mund, hatte noch nie etwas von Tischmanieren oder dem Essen mit Messer und Gabel gehört. Da sie dankbar für die Mahlzeit war, handelte sie gemäß dem indianischen Brauch, der besagte, dass man den Gastgeber beleidigte, wenn etwas Essen auf dem Teller verblieb.

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