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Winter im Herzen

Über die Autorin

Marianne Döring wurde 1942 als viertes Kind des Kaufmanns Ernst Döring und seiner Ehefrau Paula Döring in Danzig geboren. Sie heiratet mit 22 Jahren, doch lässt sie sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes von ihrem damaligen Mann scheiden und ist fortan alleinerziehend. Kinder sind ihr ein und alles, die eigenen und die vielen, die sie beruflich betreute, begleitete und förderte. In den 70er- und 80er-Jahren arbeitete Marianne Döring sich hoch, wurde Erzieherin, Kindergartenleiterin, Vorschulleiterin.

Sie lebt heute in Berlin.

Für meine Tochter Claudia,
meinen Sohn Martin und meine Enkelkinder
Phillip, Sebastian, Johanna
und Robin

INHALT

  1. Vorwort von Dr. Margot Käßmann
  2. Vorwort
  3. Meine Wurzeln (1942-1945)
  4. Kaltennordheim – Ein kaltes Dorf in Nachkriegsdeutschland (1945–1949)
    1. Der Kindergarten
    2. Meine Brüder
    3. Meine Mutter und ich
  5. Die Flucht (1949)
    1. Angstvolle Abenteuer
    2. Flüchtlingslager
  6. Bünde in Ost-Westfalen – Die Stadt auf der anderen Seite des Bahnhofs (1949-1950)
    1. Winkelstraße Nr. 10
    2. Allein zu viert
    3. Stippvisiten
  7. Hunnebrock – Ein neues Haus, aber kein Zuhause (1950-1952)
    1. Veränderungen
    2. Alltag mit meinen Brüdern
    3. Große Schwester – kleine Schwester
    4. »Onkel Dieter«
    5. Schlimmer denn je
    6. Meine letzten Monate in Hunnebrock
  8. Kinderheim Schölerberg in Osnabrück – Ein Heim und wieder keine Heimat (1952-1957)
    1. Mich hat keiner gefragt
    2. Heimleben
    3. Eigene Wege
  9. Nach dem Heim – Sogenannte Berufserfahrung (1957-1962)
    1. Erste Stationen
  10. Die Suche nach dem eigenen Weg – Erste Schritte in Richtung selbstbestimmtes Leben
    1. Eine richtige Ausbildung
  11. Nachwort

VORWORT
von Dr. Margot Käßmann

In der Vergangenheit habe ich viele Heimkinder kennengelernt, die von Willkürmaßnahmen der Erzieher, von Demütigungen, Schlägen und Misshandlungen in Kinder- und Jugendheimen berichten. Es ist ein erschreckendes Bild, das der Runde Tisch und diese persönlichen Berichte zur Situation in Heimen der Jugendfürsorge in den 50er- und 60er-Jahren entstehen lassen.

Schlimmes Leid und Unrecht bestimmte die Erziehungsmethoden der 50er- und 60er-Jahre nicht nur in den Heimen, sondern auch in der Familie, wie das Buch »Winter im Herzen« von Marianne Döring zeigt. Ihr Beispiel macht deutlich, dass in dieser Zeit nicht nur Gewaltanwendung gegen Kinder an der Tagesordnung war, sondern auch, wie massiver psychischer Druck den Willen eines Kindes brechen kann, wie das Recht auf Selbstbestimmung und die menschliche Würde verletzt wurden.

Darüber hinaus teilt Marianne Döring das Schicksal vieler Heimkinder, die in den Erziehungsanstalten und in der Familie nicht individuell gefördert und pädagogisch und psychisch vernachlässigt wurden. Dies ist kein Problem, das in nur der Vergangenheit liegt: Kinder brauchen starke, verlässliche Beziehungen. Alle, denen Kinder anvertraut sind, erleben, dass sie bei besonderer Förderung und liebevoller Zuneigung aufblühen und beginnen, an sich selbst zu glauben. Aus dieser Kraft schöpfen sie ihr gesamtes Leben über. Wer jedoch als Kind ständig erfährt, dass er nichts wert ist, wer auf diese Weise psychisch misshandelt wird, dessen gesamte Entwicklung ist davon beeinflusst, und er wird seinen Wert als Mensch auch als Erwachsener immer wieder aufs Stärkste in Frage stellen.

Im Evangelium nimmt Jesus Kinder besonders ernst. Er stellt sie in die Mitte, verweist darauf, dass sie ihr eigenes Recht haben. »Lasset die Kinder zu mir kommen«, sagt er. Deswegen berühren mich besonders die Demütigungen, die Kinder in Heimen kirchlicher Trägerschaft erfahren mussten. Dass ständig gesagt wurde: Du bist nichts wert, du wirst im Leben nichts schaffen, entspricht in keiner Weise der theologischen Grundüberzeugung, dass jeder Mensch einen eigenen Wert hat als Geschöpf Gottes, dass jeder Mensch eine angesehene Person ist, weil Gott ihn ansieht.

Mein Respekt gilt allen, die so offen darüber sprechen wie Marianne Döring, um sich den Schrecken der Vergangenheit zu stellen. Wir müssen die Betroffenen ernst nehmen. Denn Versöhnung mit der Vergangenheit ist nur möglich, wenn die Opfer gehört werden und die Täter Schuld bekennen. Auch wenn im Kontext der Zeit gesehen Gewalt in der Pädagogik in Schulen und Elternhäusern leider nur allzu üblich waren, müssen wir heute den Mut aufbringen, uns der Verantwortung zu stellen.

Viele verstecken ihr damaliges Leid heute, verdrängen diesen Abschnitt in ihrem Leben und sprechen nicht einmal mit ihren nächsten Angehörigen darüber. Doch genau das Gegenteil wäre nötig, um ihr Leid zu lindern: Die Betroffenen sollten therapeutische und seelsorgliche Begleitung erhalten, wenn sie das wünschen. Eine offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann für Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft einen Weg weisen, auf dem einfühlsam und achtsam miteinander umgegangen wird und in der Erziehung ohne Gewalt in einem respektvollen Umgang miteinander möglich ist.

Dr. Margot Käßmann

Ehemalige Landesbischöfin Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers
und Ratsvorsitzende der Evangalischen Kirche in Deutschland

VORWORT

Auf einer Geburtstagsfeier im Oktober 2008 hörte ich zufällig von dem Aufruf der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann: Alle ehemaligen Heimkinder aus den Jahren 1950/1960 sollten sich bei ihr melden.

Das betraf mich direkt, denn ich hatte von 1952 bis 1957 im »Evangelischen Kinderheim am Schölerberg« in Osnabrück gelebt – und gelitten.

Ich überlegte zwei oder drei Wochen, ob ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit treten sollte, dann meldete ich mich in Hannover. Ich hörte vom Verein ehemaliger Heimkinder (VEH), von Querelen dort, von einem geplanten Runden Tisch in Berlin mit ehemaligen Heimkindern, Vertretern von Bund, Ländern, Kirchen und der Jugendhilfe sowie der ehemaligen Vizepräsidentin des Bundestages Antje Vollmer als Vorsitzende. Es ging darum, wie sich diese Vertreter der öffentlichen Institutionen zu den aufgedeckten, meistens sehr schlimmen Ereignissen verhalten sollten und wollten, um eine adäquate Entschuldigung bei den Betroffenen und um die Frage, ob eine Entschädigung möglich sei.

Von diesem Augenblick an las ich viele Zeitungsartikel zum Thema, fand Berichte im Internet, nahm selbst Kontakt zu ehemaligen Heimkindern auf und lernte Menschen mit furchtbaren Schicksalen kennen.

Ich stellte fest, dass eine ganze Generation von Heimkindern, etwa eine halbe Million Menschen, ein ähnliches Schicksal erfahren hatte – und noch heute an den Spuren trägt. Und doch waren die Erlebnisse für jeden von uns auf andere Weise schrecklich. Wir sprachen darüber, was am meisten schmerzte, welche seelischen und körperlichen Folgen zurückgeblieben waren, uns noch heute quälen und nicht wiedergutzumachen sind. Wir fragten uns, wie wir bis heute »damit« gelebt haben? Welche Träume wir hatten von der Welt und was daraus geworden ist?

Manche von uns haben bis heute gar nicht über ihre Heimzeit sprechen können und werden es auch nie. Ich selbst verspürte mehr und mehr das Bedürfnis, zu reden, zu schreiben; ich wollte alles ganz genau erzählen, bis ins letzte Detail. Aber ich hatte auch die Zeit und den Abstand gebraucht. Ich musste erst fünfzig Jahre in mich gehen und 67 Jahre alt werden, bevor ich mich dem Kind in mir annähern konnte. Es ehrlich ansehen konnte.

Jetzt wollte ich endlich Zeugnis ablegen. Ich musste es aufschreiben.

All dies belastete mich persönlich mehr, als ich es anfangs zugeben mochte. Meine eigene Geschichte ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ich begann in meinen alten Tagebüchern zu lesen, und alles war wieder lebendig. Alle Tränen von damals, die geweinten und die ungeweinten, brachen sich Bahn. Es war, als wäre es gestern erst geschehen.

Die Zeit hat auch bei mir tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur die Heimzeit selbst, sondern besonders, was davor und auch danach geschehen war. Ich wurde wieder zu dem kleinen Mädchen Marianne, durchlitt alles noch einmal, was sie durchlitten hatte – und wurde endlich frei. Das hatte bisher keine Therapie geschafft.

Ich finde es für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft relevant und wichtig, dass unsere Heimschicksale erzählt werden; sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Ich hoffe, dass der Runde Tisch in Berlin und die vielen regionalen Runden Tische ein gutes Gremium zur Aufarbeitung und Klärung darstellen, wenn sie denn ehrlich daran interessiert sind.

Meine Lebensgeschichte habe ich dennoch aus ganz persönlicher Sicht geschrieben. Nicht, wie die Welt die Dinge sieht, sondern meine eigene Sichtweise war der Maßstab. Dabei zählte die Perspektive des Kindes in mir, das damals alles durchlebt hat.

Beim Schreiben war ich bemüht, die Menschen von damals sachlich und fair zu beschreiben. Meine Schwester Lilo, die wenig einfühlsam war und mich so sehr verprügelt hat, war damals, als unsere Mutter starb, eine junge Frau von 21 Jahren. Sie musste plötzlich die Verantwortung für drei Geschwister übernehmen, die im Krieg alle Schreckliches gesehen und erlebt hatten und davon geprägt waren. Darüber hinaus musste sie für unseren Lebensunterhalt aufkommen und sehr hart arbeiten.

Unser Vater unterstützte sie viel zu wenig, er beutete sie aus. Lilo hatte den Krieg erlebt, den Zusammenbruch des ganzen Landes und den Einmarsch der Alliierten. Sie war jung, sie wollte endlich leben, wollte ihr Überleben genießen, wenn auch alles rundherum in Trümmern lag. Lange Zeit hatte sie keine Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Erst viel später lernte ich auch andere Seiten an meiner Schwester kennen, obwohl ihre Härte immer blieb. Damals waren die meisten Menschen geprägt von den Ideen des Dritten Reiches und von den Kriegserlebnissen. Sie nahmen nur wahr, was sie ertragen konnten.

Ich blicke nicht im Zorn zurück, denn ich habe meinen Weg trotz allem gefunden. Zwar sind Spuren meiner schlimmen Kindheit geblieben, aber ich habe Vieles inzwischen verarbeitet und überwunden. Jedes von uns ehemaligen Heimkindern muss mit diesen Spuren leben, nicht alle schaffen es.

Ich kann wohl sagen, ich hatte Glück; das Glück, 47 Jahre lang als Kinderpflegerin, Erzieherin und Vorklassenleiterin mit Kindern zu arbeiten. Unter anderem habe ich auch eine der ersten rein türkischen »Kinderbetreuungsstuben« in Berlin-Wedding mit vierzig Kindern geleitet. Später eine Kinderkrippe in Kreuzberg mit insgesamt 23 Nationalitäten und sechzig Kindern. Meine Erzieherausbildung habe ich während dieser Zeit berufsbegleitend am sozialpädagogischen Institut der Arbeiterwohlfahrt gemacht und nebenbei als alleinerziehende Mutter für meine beiden eigenen Kinder gesorgt.

Mein Leitgedanke war immer, dass keines der Kinder, die mir anvertraut waren, jemals so traurig, so einsam, so hilflos, so verlassen und verzweifelt sein sollte, wie ich es war.

Und dennoch – meine Kinder, die ich nach der Scheidung alleine großgezogen habe, hatten es mit einer Mutter wie mir nicht leicht. Sie sind inzwischen 40 und 44 Jahre alt, und wir setzen uns immer noch über Grundsätze, Werte und Fragen der Moral und des Lebens auseinander.

Doch bei allen Fehlern, die ich vermutlich während ihrer Erziehung gemacht habe, konnten sie sich immer ganz sicher sein, dass ich sie gewollt, gewünscht, geliebt und bis heute niemals alleingelassen habe. Dieses Wissen hat sie stark gemacht und zu wunderbaren Menschen.

Für mein Buch wünsche ich mir, dass es in die Hände vieler Mütter und Väter, Brüder und Schwestern, Lehrer, Erzieher, einfach aller Menschen gelangt, die Verantwortung für Kinder übernehmen. Und dass es darauf hinweist, wie wertvoll jedes einzelne Kinderleben ist – und wie zerbrechlich.

Ein großer Wunsch ist geblieben. Ich würde so gerne etwas von meiner damaligen Beschützerin und Freundin Regina Schafer hören. 1962/63 arbeitete sie in Veyvey in der Schweiz am Genfer See in einem Rudolf-Steiner-Heim für behinderte Kinder. Dann verlor sich unser Kontakt.

KALTENNORDHEIM
Ein kaltes Dorf in Nachkriegsdeutschland (1945–1949)

Kaltennordheim, das kleine Dorf in der Rhön. Diesem im wahrsten Sinne des Wortes kalten Dorf im russischen Sektor gelten meine frühsten Kindheitserinnerungen. Erst hier nimmt meine Lebensgeschichte, die ich in chronologischen Stationen beschreiben will, für mich selbst Gestalt an.

Als wir in Kaltennordheim ankamen, litt unsere Mutter bereits an Krebs und zudem unter schweren Gallenkoliken und Rheuma. Unser Vater war noch in Kriegsgefangenschaft. Mein Bruder Axel, der sechs Jahre älter ist als ich, war damals zehn Jahre, Konrad, der zehn Jahre vor mir geboren worden war, war 13, und meine Schwester Lilo, die fast fünfzehn Jahre älter war als ich, 17 Jahre alt. Ich selbst war fast vier.

Man hatte uns in einem Haus in der Brunnenstraße zwei Zimmer zugewiesen und gleich deutlich spüren lassen, dass Fremde hier unerwünscht waren – und Flüchtlinge sowieso. Die brachten doch nur Unruhe und Ärger. Und mussten versorgt werden, obwohl man selbst nicht viel hatte. Nachbarschaftshilfe war in diesen schlimmen Zeiten kaum zu erwarten.

Der Kindergarten

Sigrid

Die Probleme, mit der eine Flüchtlingsfamilie wie unsere damals zu kämpfen hatte, habe ich als Kind längst nicht alle durchschaut. Spüren konnte ich sie dennoch deutlich. Deshalb war ich froh über die Zeit, die ich nicht zu Hause verbringen musste und marschierte jeden Tag gerne in den Kindergarten. Dort konnte ich spielen, meine Sorgen für einige Zeit vergessen – und freundete mich bald mit Sigrid an. Durch sie lernte ich eine ganz neue Welt kennen.

Sigrid war das einzige Kind wohlhabender Eltern. Ihre Familie besaß ein ganzes Haus für sich alleine. Da ich mich an unsere Danziger Villa kaum erinnerte, meinte ich, noch nie so schöne und große Zimmer gesehen zu haben, mit so vielen Möbeln, Bildern und hübschen Gardinen. Es gab sogar ein Badezimmer mit Wassertoilette. Auch Sigrid hatte ihr eigenes Zimmer, es war voller Spielsachen. Ich war tief beeindruckt.

Wir dagegen hatten nur unsere zwei Zimmer und ein ekliges altes Plumpsklo hinten auf dem Hof. Im Winter war es lausig kalt dort, im Sommer wimmelte es nur so von Fliegen. Als Klopapier dienten aus alten Zeitungen zugeschnittene raue Papierstücke, die auf einem Nagel in der Wand aufgespießt waren. Durch die breiten Ritzen grober Holzbretter konnte man nach unten sehen. Es stank furchtbar – und zwar immer. Mir hatte unsere Mutter strikt verboten, diese Toilette zu betreten, sowohl aus Hygienegründen als auch weil die morschen Bretter einkrachen konnten. Ich musste auf unseren braunen Emaille-Nachttopf – ein ewiges Drama für mich. Auch meine Brüder waren sauer, weil ihnen die Aufgabe zuteil wurde, den Topf auszuleeren. Mir war das schrecklich peinlich, aber meine Mutter blieb eisern.

Während ich in der abgetragenen Kleidung eines Flüchtlingskindes ging, trug Sigrid hübsche Kleider. Auch hatte sie immer wieder neue Frisuren und war mit Spangen und Schleifen zurechtgemacht. Es war eine Freude, sie anzusehen. Aber in größtes Erstaunen versetzte mich doch der ruhige, liebevolle Ton, in dem man in ihrer Familie miteinander sprach. Das kannte ich von zu Hause nicht.

Sigrid hatte häufig entzündete Augen. Darum beneidete ich sie regelrecht. Wenn ich sie zum Kindergarten abholte, wusch ihre Mutter Sigrids Augen meistens noch einmal mit Borwasser aus. Ich hätte auch gerne entzündete Augen gehabt, wenn ich dafür nur halb so viel Zuwendung bekommen hätte wie meine Kindergartenfreundin.

Bei uns ging es stets sehr laut zu, es herrschte ein rauer Ton. Meine Brüder stritten viel und prügelten sich auch. Für die Bedürfnisse eines kleinen Mädchens nach Ruhe und Geborgenheit war da wenig Raum. Nie waren sie zärtlich zu mir oder verständnisvoll, nie trösteten sie mich, wenn ich traurig war.

Unsere Mutter hatte andere Sorgen. Sie quälten nicht nur die schmerzhaften Gallenkoliken, sie wusste auch nicht, wie es weitergehen sollte mit uns. Da sie so krank war, konnte sie nicht arbeiten, weshalb wir ständig Hunger hatten. Gerade die Jungs wurden nie richtig satt. Aber darüber sollten wir mit niemandem reden, denn im Dorf war man der Meinung, wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen. Es waren harte Zeiten, niemand half der alleinerziehenden Frau mit ihren vier Kindern. Dass sie krank war und wie krank sie war, interessierte niemanden, jeder hatte genug mit sich selbst zu tun.

Außer Tante Irene, meine Kindergartenleiterin. Sie wurde aufmerksam, als unsere Mutter für längere Zeit ins Krankenhaus kam, und wir drei Jüngeren ganz allein zu Hause waren. Meine Schwester Lilo hatte durch Vermittlung unseres Kinderarztes damals bereits nach Westdeutschland gehen können, um dort eine Ausbildung zur Säuglingsschwester zu absolvieren. So hatte sich unsere Mutter um eine Esserin weniger zu sorgen, dafür waren wir Kinder aber auch völlig auf uns allein gestellt.

Tante Irene

War der Kindergarten meine Welt, so spielte Tante Irene für mich die Hauptrolle darin. Sie war die Leiterin, aber vor allem war sie eine kluge und warmherzige Frau, die uns Kinder fair und gerecht behandelte. Ihre Regeln waren von allen gleichermaßen einzuhalten.

Dessen ungeachtet hatte sie immer ein offenes Ohr für uns, zeigte für jedes Kind Verständnis und nahm die Sorgen ihrer Schützlinge sehr ernst. Als eine der wenigen im Dorf hatte sie Kontakt zu meiner Mutter und war über unsere Situation im Bilde, was ich allerdings erst Jahre später von ihr selbst erfahren sollte.

Ich liebte Tante Irene von ganzem Herzen. An eine Szene im Kindergarten erinnere ich mich noch ganz deutlich: Wir mussten jeden Mittag schlafen – aufgereiht auf kleinen Pritschen bei zugezogenen Gardinen. Am vorderen Ende des Raumes saß Tante Irene und las oder handarbeitete. Auch ich gab mir wirklich Mühe, einzuschlafen, aber es ging nicht. Ich war einfach nicht müde.

Anscheinend schliefen wirklich alle außer mir. Ich langweilte mich entsetzlich, wagte aber kaum, mich zu bewegen, da Tante Irenes Blick immer mal wieder auf mir ruhte, mit leicht hochgezogenen Augenbrauen.

So starrte ich an die Decke oder auf den dunkelgrünen Linoleumfußboden. Der Geruch von Bohnerwachs stieg mir in die Nase. Manchmal fielen Sonnenstrahlen durch die Spalten der Gardinen und in gerader Linie auf den grünen Fußboden. Winzige Staubkörnchen vollführten darin einen seltsamen Tanz und schimmerten in allen Farben des Regenbogens. An meinem Daumen lutschend sah ich ihnen zu, erkannte bald zarte Elfen und winzige Gnome, die ihren lustigen Reigen nur für mich tanzten. Ansonsten herrschte, bis auf das zeitweilige Knarren der leinenbespannten Pritschen, absolute Stille im Raum. Die Mittagszeit erschien mir endlos.

Irgendwann einmal fand ich heraus, dass einige der Kinder ins Bett machten. Ich staunte. Das konnte ich nicht verstehen und dachte, es müsse damit etwas Besonderes auf sich haben. Also entschied ich mich dafür, das auch einmal auszuprobieren. Zuerst traute ich mich nicht so recht, aber dann ließ ich es einfach laufen. Ein feuchtes, aber gutes und warmes Gefühl war das.

Aha, dachte ich, so ist das also, und wollte die wohlige Wärme noch ein bisschen länger genießen, doch damit war es bald vorbei. Sehr schnell wurde es unangenehm kühl auf meiner Pritsche, und meine Unterhose klebte kalt an meinem Po.

Endlich durften wir aufstehen. Gespannt wartete ich, was nun Besonderes geschehen würde, aber auch das war eine Enttäuschung. Tante Irene nahm die Angelegenheit kopfschüttelnd zur Kenntnis und meinte nur kurz: »So, so, unsere liebe Putti gehört nun auch zu den Kindern, die vergessen haben, vor dem Schlafen zur Toilette zu gehen.« – Putti war der liebevolle Spitzname, den mir unsere Mutter schon früh gegeben hatte, weil ich als Kind so rund und wohlgenährt aussah wie die Putten in unserer Kirche. – Wie alle »Bettmacher« musste auch ich meine Hose ausziehen und wie die anderen rund um den großen Kachelofen herumsitzen, bis unsere Unterhosen wieder trocken waren. Aber das war dann schon alles.

Tante Irene hatte hier einmal mehr ihr pädagogisches Geschick bewiesen. Sie nahm zur Kenntnis, was geschehen war, ohne uns vorzuführen oder zu bestrafen. Auch so hatte ich nicht das Bedürfnis, mein kleines Experiment zu wiederholen.

Der Weihnachtsmann wohnt auf der Hardt

Am Rande unseres Dorfes lag eine schöne bewaldete Kuppe, die »Hardt«. Auf ihr ging Tante Irene oftmals mit uns Kindern spazieren, und viele ihrer Geschichten rankten sich um diesen Berg.

So war es für jedes von uns Kindern eine ausgemachte Sache, dass der Weihnachtsmann dort oben lebte, denn das hatte Tante Irene erzählt. Das ganze Jahr über beobachtete er uns und wusste über alles genau Bescheid. Mir war das unheimlich, da ich eine große Daumenlutscherin war. Und ich brauchte meinen Daumen sehr. Neben meiner Mutter war er das Wichtigste für mich auf der Welt. Er gab mir ein Gefühl von Sicherheit, Ruhe und Trost.

Deshalb hoffte ich, wenn Tante Irene mich beim Daumenlutschen beobachtete und daran erinnerte, dass der Weihnachtsmann wirklich alles sehen würde, dass er mich vielleicht einfach wieder vergessen würde. Sicherheitshalber entschied ich mich im Kindergarten dennoch meistens dafür, in der Puppenecke zu spielen. Die konnte der Weihnachtsmann durchs Fenster nämlich nicht einsehen. Außerdem liebte ich Puppen sehr, besaß aber keine eigene.

Im Übrigen fand ich es auch nicht fair, ständig vom Weihnachtsmann beobachtet zu werden. Er wusste ja nichts von mir, kannte mich überhaupt nicht und hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich meinen Daumen brauchte. Gleichwohl wollte ich mir lieber keinen Ärger mit ihm einhandeln.

Hinaus in die Natur

Im Gegensatz zu meiner Freundin Sigrid war ich ein äußerst lebhaftes und fantasievolles Kind. Selten konnte ich lange stillsitzen. Ständig dachte ich mir neue Spiele aus, tobte und rannte, bis mir die Puste ausging. Ich lief über Wiesen, watete barfuß durch Bäche und Gräben, vor allem durch die Felda, den kleinen Fluss, der durch Kaltennordheim fließt. Das Wasser war nicht tief, es ging mir gerade bis zum Knie. Ich liebte es, von Stein zu Stein zu springen. Einen besonders großen Brocken ernannte ich zu meiner persönlichen Insel.

Auf ihr gelang es mir, mich eine Weile ganz still zu verhalten. Ich ließ mich vom Spiel der Sonnenstrahlen verzaubern, beobachtete kleine Fische, die sich zwischen Steinen versteckten, bestaunte die Wasserpflanzen und träumte von einer Welt von Nixen und Wasserwesen.

Manchmal versuchte ich auch, so lange durch das Wasser und über die Kiesel zu waten, bis mir die Kälte in die Füße kroch, sie unbeweglich, gefühllos werden ließ und ich es nicht mehr aushielt. Dann hüpfte ich ganz schnell ins Gras, um meine Füße dort so lange zu reiben, bis sie wieder warm wurden.

Tante Irene machte mit uns zahlreiche Ausflüge in die Natur. Singend gingen wir unserer Wege, und beim Frühstück auf der Wiese am Hang lauschten wir ihren Geschichten, die immer mit der Natur und unserer unmittelbaren Umgebung zu tun hatten. Sie zeigte uns, wie man Blumensträuße band und Kränze flocht. Sie wies uns auf Käfer, Schnecken, Ameisen und andere Tiere hin. Ich war an solchen Dingen sehr interessiert. So saß ich oft in einer Wiese und versuchte, wie durch eine Lupe, alles ganz genau zu betrachten und mich in das Leben der Tiere, Gräser und Blumen hineinzuversetzen, ganz als wäre ich ein Teil von ihnen.

So sehr ich diese Spaziergänge im Frühling und Sommer liebte, so wenig mochte ich sie im Herbst. Es pfiff ständig ein rauer Wind über die Hardt, und ich fror so schnell. Auch erfüllte es mich mit Traurigkeit, wenn die Bäume sich bunt färbten und die Blätter ganz langsam zu fallen begannen. Dann brauchte ich meinen Daumen noch viel mehr, hatte keine Lust zu singen und zu spielen und saß lieber alleine in einer Ecke. Ich wusste, dass nun bald der Winter Einzug halten würde, und den mochte ich noch viel weniger. Denn die Winter in Kaltennordheim waren lang und kalt und brachten viel zu viel Eis und Schnee.

Meine Brüder

Zu meinen Brüdern hatte ich ein sehr ambivalentes Verhältnis. Sie waren ein Teil meiner Familie, und ich hätte sie nur zu gerne vorbehaltlos geliebt und ihnen vertraut. Laut unserer Mutter war ich als Jüngste ihre Schutzbefohlene. Da sie sich, in ihrer Krankheit gefangen, nicht wirklich viel um mich kümmern konnte, war es an Konrad und Axel, auf mich aufzupassen. Mag sein, dass sie für diese Aufgabe damals einfach noch zu jung und damit überfordert waren. Dennoch ging vieles weit über harmlose Jungenstreiche hinaus.

Konrad machte ständig Blödsinn, war witzig und lustig. Aber ich konnte nie sicher sein, wann sich das Blatt wendete und seine Späße und Neckereien anfingen, sich gegen mich zu richten. Dass seine Witze oft auch fies und verletzend waren, kümmerte ihn wenig.

Axel dagegen nahm alles sehr ernst, er hatte wenig Sinn für Humor. Und immer schien er etwas von uns anderen zu erwarten, wobei ich nie genau wusste, woran ich bei ihm war. Gerne hätte ich ihn stolz gemacht als kleine Schwester, ihn zufriedengestellt. Aber das war gar nicht möglich. Er wollte wohl gar nicht, dass man seinem Anspruch genügte.

So verschieden die beiden auch waren, einig zeigten sie sich stets darüber, dass sich eine kleine Schwester bestens zu Spielchen und Experimenten eignete. Sie tricksten mich immer wieder aus, hauten mich, zu ihrer großen Belustigung, in die Pfanne – was bei dem enormen Altersunterschied keine wirklich reife Leistung war. Aber Hauptsache, sie hatten ihren Spaß!

Das Schlimme mit Konrad

Im Herbst 1947 geschah das Schlimme mit Konrad. Es war ein dunkler, unfreundlicher Tag. Es regnete ununterbrochen. Als ich vom Kindergarten kam und in unsere Straße einbog, sah ich vor unserem Haus viele Menschen stehen – und ein dunkles Ungetüm von einem Wagen, das ich nicht genauer identifizieren konnte. Doch ich spürte, dass hier etwas los war, was auch mich anging und rannte auf die Ansammlung von Menschen zu. Auf dem groben, nassen Holzboden des Wagens, nur ein Stück Tuch unter sich, lag ganz zusammengekrümmt, mit schmerzverzerrtem Gesicht und geschlossenen Augen mein Bruder Konrad. Nichts war mehr von seinem typischen Grinsen zu sehen, kein frecher Spruch kam ihm über die Lippen.

Ein fremder Mann legte gerade eine graue Decke über seinen mageren Körper und klappte die triefnasse Plane herunter. Ein Wasserschwall klatschte vor meine Füße. Dann schob der Mann den Karren mit meinem Bruder durch den Regen davon.

Wohin bringt er ihn bloß?, fragte ich mich. Die umstehenden Leute tuschelten miteinander, sahen zu meiner Mutter herüber, aber niemand sprach sie an. Sie war eben eine Fremde hier, und mit Fremden ließ man sich nicht ein.

Aufgeregt zog ich an der Hand meiner Mutter, wieder und immer wieder fragte ich ungeduldig, was denn bloß los sei. Doch sie rührte sich nicht, wirkte wie gelähmt. Endlich erwachte sie aus ihrer Erstarrung und ging, noch immer stumm, mit mir ins Haus.

Obwohl mir ganz tief drinnen der Gedanke kam, dass ich Konrad nun vielleicht nie wiedersehen würde, war ich doch vielmehr über die äußeren Umstände erschüttert. Es ging mir in dem Moment nicht nur um meinen Bruder: Das Unmenschliche an der Situation empörte mich so. Dass ein Mensch, der vielleicht sterben wird, einfach so auf einem nassen, alten Plattenwagen, ohne Matratze, ohne eine warme Decke, abgeholt und weggefahren wurde. Dass niemand da war, ihn zu trösten, niemand mit ihm sprach, er ganz allein mit seinen Schmerzen auf diesem Wagen lag.

Auch litt ich um meine arme, traurige Mutter, die nur stumm und sehr gerade auf dem Sofa saß und nicht sprach. Warum können die Menschen nur blöde gucken und tuscheln? fragte ich mich. Warum spricht keiner ein Wort mit ihr? Und wieder: Warum schiebt der fremde Mann Konrad über die holprige Straße durch den Regen fort, und niemand von uns ist bei dem Sterbenden? All diese Fragen gingen mir gleichzeitig durch den Kopf. Dass so etwas Schlimmes an so einem düsteren Tag passieren musste, passte zu meinen trüben Herbstgefühlen. Es erschien mir alles unfassbar traurig und machte mich zugleich maßlos wütend.

Konrad starb nicht. Einige Tage später gingen wir ihn im Krankenhaus besuchen. Aber es war ganz schön knapp gewesen. Er hatte eine akute Blindarmentzündung mit Durchbruch gehabt. Stolz zeigte er mir seinen Bauch, der rot, blau und lila gefärbt war. Verschiedene Glasröhrchen und Schläuche hingen aus der Operationswunde, die durch blutdurchtränkte Verbände und Tücher abgedeckt war. Ich war erschüttert, entsetzt und voller Mitleid.

Konrad dagegen war schon wieder ganz der Alte, lachte, machte seine Witzchen über meine erschrockenen Blicke, schäkerte gleichzeitig fröhlich mit der Krankenschwester und malte uns seinen dramatischen »Fast-Tod« in buntesten Farben aus: Ärzte und Schwestern hatten ihn bereits aufgegeben, als er noch einmal zu Bewusstsein gekommen sei und voller Zorn über das Gehörte die Urinflasche nach ihnen geworfen habe, die dann am Türrahmen zerschellt sei. Wieder war ich schwer beeindruckt von meinem großen Bruder. Nach drei Wochen durfte er das Krankenhaus verlassen – und nichts von alledem war ihm mehr anzumerken.

Schlittenfahrten

In dem darauffolgenden Winter, ich erinnere mich noch genau daran, unternahm Axel ein paar halsbrecherische Schlittenfahrten mit mir. Mein Kindergarten lag auf der Anhöhe eines kleinen Hanges unter alten Bäumen. Über Baumwurzeln und Steine führte ein holpriger Weg den Hügel hinunter und endete an einer weißen Pforte, die das Grundstück von der Landstraße trennte.

Als es wieder einmal kräftig geschneit hatte, erklärte zunächst Konrad diesen Pfad zu seiner Rodelbahn, die er in rasanter Fahrt hinuntersauste. Geschickt lenkte er den Schlitten im Zick-Zack-Kurs um die Bäume herum und bremste gekonnt vor der Pforte, eingehüllt in eine weiße Wolke aus Schnee.

Natürlich wollte Axel ihn als jüngerer Bruder nachahmen, ihn am liebsten noch übertrumpfen. Deshalb sollte ich vorne bei ihm auf dem Schlitten mitfahren, gemeinsam würden wir noch mehr Fahrt aufnehmen. Hinter mir sitzend, lenkte er mit den Füßen, was manchmal auch ganz gut klappte – aber manchmal eben auch nicht. Zum »Üben« wurden die Fahrten deshalb wiederholt, immer und immer wieder.

Ich wollte von Anfang an nicht mit, denn ich hatte eine durchaus begründete Angst. Heulend und jammernd stand ich oben auf dem Hügel, machte Axel alle möglichen Versprechungen und bettelte geradezu um Gnade, nur um nicht noch einmal mitfahren zu müssen auf seinem selbstmörderischen Parcours. Aber es half nichts, Axel scherte sich nicht um mein Geheule und meine Furcht, sondern blieb hart.

»Halt die Klappe«, hieß es dann. Oder: »Sei still, du fährst hier mit und damit Schluss!« Und – zack – hatte er mich gepackt und schon wieder auf den Schlitten gesetzt. Wieder und wieder sausten wir den Weg hinunter, krachten gegen diesen oder jenen Baum und flogen im hohen Bogen in den Schnee. Manchmal schossen wir sogar durch die weiße Pforte, auf die Landstraße und in den gegenüberliegenden Straßengraben. Wir konnten froh sein, nicht von einem Auto oder Lastwagen erwischt worden zu sein. Noch häufiger flogen wir allerdings gegen den Pfosten des schmalen Eingangstores.

Ich hatte Beulen und blaue Flecken, aber es ging immer weiter, noch einmal und noch einmal den Berg hinab. Völlig durchnässt, zitternd, mit laufender Nase und eiskalten Füßen und Händen saß ich als Axels Galionsfigur auf dem Schlitten. Mein ängstlicher Blick, immer auf die vor uns liegende Strecke gerichtet, war durch dicke Tränen verschleiert.

Die Mutprobe

Zum Kindergarten durfte ich nicht alleine, sondern nur mit meinen Brüdern gehen. Einer von beiden brachte mich morgens hin, der andere holte mich ab. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte alleine gehen können, denn diese Wege mit meinen großen Brüdern entpuppten sich für mich zu einer Qual.

Sie zwangen mich beispielsweise im Sommer auf dem holprigen Weg zum Kindergarten barfuß zu gehen, zu laufen oder zu hüpfen. Die Wurzeln, die Steine und all die feinen Tannennadeln auf dem Waldboden piekten mir in die Fußsohlen.

Immer wollten die Jungs beweisen, wie stark, klug und erwachsen sie schon waren und wie klein und dämlich ich dagegen sei. Aber schließlich waren sie doch auch meine großen Brüder. Unsere Mutter hatte bestimmt, dass wir zusammenhalten sollten, vielleicht ahnend, dass sie nicht mehr lange leben würde.

Für mich war es auch deshalb schwer, mich zu wehren, weil ich mir so sehr wünschte, dass es anders wäre. Gerne hätte ich an meine Brüder geglaubt, aber mit der Zeit wagte ich nicht mehr recht, mich auf sie zu verlassen, obwohl unsere Mutter immer wieder sagte, eine Familie müsse zusammenhalten – und genau damit köderten sie mich (auch) immer wieder.

Ich war damals noch nicht alt genug, das zu durchschauen. Ihr Verhalten war für mich undurchsichtig und unberechenbar. So war ich ihnen ausgeliefert, und oft genug gingen ihre »Experimente« weit über ein normales Maß hinaus. Sie trieben wirklich gefährliche Spielchen mit mir. Ich hatte meistens furchtbare Angst, wusste aber, dass ich mir das niemals anmerken lassen durfte, damit hätte ich alles nur noch schlimmer gemacht.

Auch an jenem Tag, an dem sie sich etwas »ganz Besonderes« für mich ausgedacht hatten, wie sie mir sagten, gab es kein Entrinnen. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wer von den beiden mich an diesem Tag vom Kindergarten abholte, ich weiß nur noch, dass es unterwegs hieß, heute hätte ich eine »echte Mutprobe« zu bestehen. Dadurch könne ich beweisen, dass ich vielleicht doch nicht so klein und doof sei, wie andere Kinder in meinem Alter.

Zuerst glaubte ich fast daran, meinte in dieser Mutprobe plötzlich eine Chance zu erkennen, meinen Brüdern zu beweisen, was ich konnte.

Mein zweiter Bruder wartete am Fluss auf uns, an einer Stelle, an der die Felda gestaut wurde. Stromaufwärts bildete das Wasser hier eine tiefe, unbewegliche und dunkle Fläche, gestaut wurde es durch ein hochkant gestelltes, dickes Holzbrett. Über dieses Brett war ein stabiles Seil gespannt. Auf der anderen Seite des Brettes ging es etwa zwei bis drei Meter steil nach unten. Da die Felda nicht übermäßig viel Wasser trug, blickte man direkt auf dicke Steine und Geröll.

Ich sah in die Gesichter meiner feixenden Brüder und wusste sofort, worum es hier ging. Ich sollte über diesen Staudamm, dieses schmale Brett auf die andere Seite balancieren. Mir war klar, dass dieses »Experiment« durchaus gefährlich für mich war. Die nackte Angst stieg in mir auf.

Auf jeder Seite des schmalen Bretterdamms stand einer meiner Brüder. Sie lachten und rissen blöde Witze über meine »Feigheit«, um mich damit zu provozieren.

»Nun komm schon, Geißchen, du bist doch groß, du kannst das!«, rief Konrad. Doch als ich keine Anstalten machte, mich zu rühren, wurden seine Worte hämisch:

»Hey, du Ziege, meck, meck, meck! Bist du etwa feige?«, rief er, und auch Axel fing nun an, mich zu drängen:

»Ja, zeig uns, was du kannst.« Vor lauter Angst stand ich nur stocksteif da und bewegte mich keinen Meter. Aber sie ließen nicht locker:

»Ich hab’s ja gewusst, sie ist zu klein, zu blöde«, ging es in einem erbarmungslosen Ton weiter. »Nun mach schon, ich habe eine Stulle auf dich gewettet, enttäusch mich nicht.«

Nichts und niemand konnte mir in dieser Situation helfen. Irgendwann konnte ich ihre Sprüche nicht mehr hören und entschied mich, lieber den Tod in Kauf zu nehmen, nur damit es bald vorbei wäre – und machte tatsächlich die ersten Schritte Richtung Holzbrett. Vor Angst und Zorn konnte ich kaum atmen.

Vorsichtig ertasteten meine nackten Füße das rohe Holzbrett, während ich mit den Händen nach dem schwankenden Seil griff. Langsam hangelte ich mich vorwärts. Schritt für Schritt ging es voran. Ich wagte nicht nach rechts oder links zu sehen, sondern behielt nur meine Füße im Auge. Wie durch Watte und aus sehr weiter Ferne drangen die johlenden Stimmen meiner Brüder an mein Ohr.

Dann hatte ich es endlich geschafft. Die Anspannung war so groß gewesen, dass ich mich vor Erleichterung weinend auf den Boden fallen ließ. Das war ein Fehler, denn so gab ich den Jungs sofort wieder Grund zu neuem Spott. In solchen Momenten hasste ich sie alle beide für ihre Gemeinheiten, sie waren richtige Schweine.

Unsere Mutter wusste nichts von solchen »Spielchen«. Sie war zu krank und konnte die Wohnung nicht mehr verlassen. Häufig kam die Gemeindeschwester, um sie zu versorgen. Bald musste sie täglich bei unserer Mutter sein.

Das Bügeleisen

Allmählich entwickelte ich so meine Techniken, um mich auch mal gegen die beiden Jungs zu wehren. Manchmal versuchte ich sogar meinerseits, sie ein bisschen zu piesacken oder sie wenigstens zu ignorieren – was nicht immer funktionierte …

Eines Nachmittags, Axel und ich waren allein zu Hause, wollte ich mit meinem Puppenbügeleisen, das ich von irgendwem geschenkt bekommen hatte, bügeln. Mit Erlaubnis meiner Mutter konnte ich das kleine Eisen auf unserem Kohlenherd heiß machen, und manchmal »half« ich ihr dann damit bei der Wäsche.

Da es ziemlich lange dauerte, bis das Bügeleisen die nötige Hitze gespeichert hatte, sah ich mir in der Zwischenzeit ein Märchenbuch an. Axel erinnerte mich – zunächst freundlich – daran, dass das Bügeleisen inzwischen heiß war, aber ich hatte keine Lust, ihm zu antworten, sondern wollte ihn ärgern. Er blieb ruhig und erinnerte mich nach einer Weile noch einmal. Wieder überhörte ich seine Worte geflissentlich. Auch als er mich zum dritten Mal ansprach, reagierte ich nicht, sondern sah mir weiter demonstrativ die Bilder in meinem Buch an.

Da setzte Axel mir plötzlich das heiße Bügeleisen auf meine rechte Hand – ganz still und ganz langsam. Es tat entsetzlich weh, ich musste damit zum Arzt. Es dauerte sehr lange, bis die Wunde verheilt war. Noch heute ist eine Narbe auf meiner Hand zu erkennen.

Grenzgänge

Konrad war zu dieser Zeit etwa fünfzehn Jahre alt und sehr groß gewachsen. Nach dem Weggang unserer älteren Schwester Lilo war er zum Familienoberhaupt und Vertrauten unserer Mutter avanciert. Um Geld für unseren täglichen Unterhalt zu verdienen, arbeitete er mit den Holzfällern im Wald. Außerdem ging er nachts immer wieder über die grüne Grenze, um im Westen die letzten Wertgegenstände einzutauschen, die unsere Mutter aus Danzig hatte retten können. Die Grenze wurde scharf bewacht, aber Konrad kannte sich gut aus. Er wusste wann die Wachablösung stattfand, ging nie bei Vollmond und sprach mit keinem Menschen darüber.

Aber eines Tages erwischten ihn die Russen dann doch und sperrten ihn erst mal ein. Wir wussten nicht, was los war, aber als er verschwunden blieb, wurde unsere Mutter schier verrückt vor Sorge um ihn. Konrad, ihre rechte Hand, mit dem sie alles besprach, tauchte einfach nicht wieder auf.

Erst ganze zwei Wochen später war er wieder da. Obwohl die Russen in dieser Angelegenheit keinen Spaß verstanden – sie schossen tatsächlich auf Flüchtlinge, Schmuggler und Schwarzmarkthändler, wir hatten große Angst vor ihnen –, hatten sie Konrad noch mal laufen lassen.

Nach seiner Verhaftung durfte er nicht mehr arbeiten und sich nicht mal in der Nähe der Grenze aufhalten. Deshalb zog er nun über die umliegenden Dörfer und bettelte um Essen für uns. Mit seinem Charme und seinem Witz überzeugte er so manche Bauersfrau. Auch sein starker Überlebenswille und seine Sturheit halfen ihm dabei.

Dass unsere Mutter sich in allem mit Konrad besprach und ihm so viel Verantwortung gab, führte zu großer Eifersucht zwischen den Brüdern. Sie waren sich schon zu Danziger Zeiten nie wirklich grün gewesen, während des Krieges und in den schwierigen Zeiten danach, verstärkte sich ihre Rivalität, und langsam entwickelten sie einen richtigen Hass aufeinander.

Wie schon gesagt, Axel war ganz anders als der witzige und gerissene Konrad, viel ernster, aber auch kleiner, fast schmächtig. Ihm fehlte die Unverfrorenheit und Sturheit seines älteren Bruders genauso wie eine gewisse Skrupellosigkeit. Zudem begegnete Axel allen Menschen mit äußerstem Misstrauen, er wirkte niemals so charmant wie Konrad. Zwar hatte er seine Ohren überall und kriegte viel mit, aber er schwieg darüber, machte den Mund nicht auf und missverstand Vieles. Er fühlte sich immer ungerecht behandelt und glaubte, von unserer Mutter nicht die gleiche Anerkennung zu bekommen wie Konrad.

Weil er nie richtig durchblicken ließ, was eigentlich mit ihm los war, was ihn störte und warum er stets so unzufrieden war, nannten wir ihn »Quiem«, was ihn sehr erboste. Das Wort ist wahrscheinlich eine familieneigene oder regionale Erfindung. Für uns beschrieb es Axels missvergnügte, fast verstockte Art, die wir als »verquiemt« abtaten. Das Leben war für alle hart, sodass sich niemand weiter um Axels persönliche Empfindlichkeiten kümmerte –, und er ließ auch niemanden an sich heran.

Konrad war selbstbewusst und legte sich seine Wahrheiten so zurecht, wie er sie gerade brauchte. Und Unwahrheiten und Schummeleien waren ihm nur schwer nachzuweisen. Manchmal hatte er Axel bei seinen Bettelgängen heimlich mitgenommen, obwohl unsere Mutter das strikt untersagt hatte. Er war ihr zu jung, und sie hatte schon genug Angst um ihren großen Sohn.

Wenn Konrad Axel unbemerkt mitnahm, ließ er ihn die ganze Arbeit machen und lieferte dann die Lebensmittel mit markigen Sprüchen bei unserer Mutter ab. Sie war Konrad so dankbar, dass sie ihn Axel gegenüber sogar als verantwortungsbewusstes Vorbild hinstellte. Dem platzte vor Zorn fast der Kragen. Aber natürlich konnte er nicht sagen, wie es in Wirklichkeit abgelaufen war – er war ja ohne Mutters Erlaubnis mitgegangen.

Einmal brach es dann doch aus ihm heraus, und unsere Mutter wurde furchtbar ärgerlich. Sie stauchte Konrad kräftig zusammen. Aber für längere Auseinandersetzungen mit den beiden Halbstarken war sie längst zu krank. Die ständigen Schmerzen raubten ihr alle Energie, und Medikamente gab es keine.

Meine Mutter und ich

Konrad war und blieb ein Angeber, wenn auch ein äußerst sympathischer, dem alle immer wieder auf den Leim gingen. Was mich jedoch am meisten mit ihm verband: Für ihn zählte nur ein einziger Mensch im Leben – und das war unsere Mutter. Auch er liebte sie abgöttisch und versuchte, ihr zu helfen, wo er nur konnte. Axel dagegen sollte sich im Laufe der Jahre mehr und mehr unserem Vater zuwenden. Er konnte unserer Mutter nicht verzeihen, dass sie immer wieder auf Konrad hereinfiel. Aber unser Vater glänzte durch Abwesenheit.

Der Mann auf dem Passbild

Lange Zeit wusste niemand, wo er sich aufhielt, und ob er überhaupt lebte. Ich konnte mich überhaupt nicht an ihn erinnern. Niemand hatte je mit mir über ihn gesprochen, und so interessierte er mich auch nicht. Er spielte keine Rolle in meinem Leben, er schien überhaupt nicht zu existieren.

Das Einzige, was ich von ihm kannte, war ein Passfoto, das in einem kleinen Messingrahmen auf einem Tischchen in der Ecke der Wohnküche stand. Manchmal, wenn mir langweilig war, hockte ich mich davor und betrachtete dieses Gesicht mit den hohen, breiten Wangenknochen. Über der Oberlippe hatte er ein eckiges, kleines Bärtchen stehenlassen, mit einem schmal ausrasierten Strich in der Mitte. Es wirkte viel zu klein in diesem großen Gesicht. Das Gesicht selbst kam mir alt vor.

Es war ein fremder Mann, der mich da, ohne ein Lächeln, aus dem Bilderrahmen anstarrte. Auch seine Augen wirkten fremd auf mich. Kein Gefühl konnte ich mit ihnen verbinden, nichts Lebendiges in ihnen entdecken.

Immer wieder schaute ich das Bild an und versuchte, darin etwas zu finden, das mit mir zu tun haben könnte, aber es gab nichts. Keine Ähnlichkeiten, keine Erinnerungen –, und so hakte ich das Kapitel »Vater« in meinem Leben zunächst einfach ab.

Luftmaschen

Ob meine Mutter ihren Ehemann vermisste, darüber machte ich mir als Kind keine Gedanken. Dass wir vier ohne die Unterstützung unseres Vaters so ziemlich aufgeschmissen waren in jener Zeit, war mehr als deutlich. Dazu kam, dass meine Mutter natürlich auch Sehnsucht nach ihrer heilen, wohlgeordneten und gesicherten Welt in Danzig hatte, aus der sie, wie so viele Flüchtlinge, abrupt herausgerissen worden war.

Die Menschen um uns herum in Kaltennordheim konnten das nicht verstehen, sie lebten ja nach wie vor in ihrer Heimat, hatten weder den Einmarsch der Russen erlebt noch das flammende Inferno eines brennenden Danzig und keine Flucht mit vier Kindern über Hunderte von Kilometern.

An Regentagen und langen, dunklen Abenden saß meine Mutter handarbeitend auf dem Sofa und hing ihren Erinnerungen an ihr altes Leben nach. Sooft ich durfte, leistete ich ihr Gesellschaft und verbrachte so die schönsten Stunden mit ihr. Sie strickte an Pullovern für Konrad und Axel. Die Jungs wuchsen so schnell, dass meine Mutter immer wieder die zu kurz gewordenen Ärmel ihrer Pullover aufribbeln und neue Teile anstricken musste.

Um mich zu beschäftigen, hatte sie mir eine Häkelnadel gegeben und gezeigt, wie man damit einfache Luftmaschen häkeln konnte. Ich nahm meine Aufgabe sehr ernst, wollte mich nützlich machen, es ihr gleich tun. Also häkelte ich endlose Bänder. Hin und wieder stand ich auf und legte so ein Band der Länge nach quer durch die ganze Wohnküche, um seine Länge zu messen. Meine Mutter lobte mich, und ich war stolz und glücklich. Diese friedliche und stille Zeit gehörte nur uns beiden.

Im Nachhinein stellte ich irgendwann fest, dass meine Mutter die kunstvoll gehäkelten Bänder immer wieder aufribbelte, wenn ich abends endlich im Bett war. Auch Wolle war ein knappes Gut damals. Als ich dahinterkam, war ich trotzdem tief enttäuscht. Wenn ich auch bemüht war, das Problem mit der Wollknappheit zu verstehen, wollte ich doch so gerne meinen Beitrag leisten. Also begann ich am nächsten Tag unverdrossen von vorn.

Die Glühbirne

Im Winter zog mich meine Mutter morgens an – das ging schneller –, denn in unseren beiden Zimmern war es immer lausig kalt. Geheizt wurde überhaupt nur die Wohnküche, da wir kaum Brennmaterial hatten. Die Jungen suchten zwar im Wald nach Holz, aber das taten andere auch.

Meine Mutter setzte mich zum Anziehen auf den Küchentisch. Wie alle Kinder saß ich natürlich nicht still, sondern hampelte und zappelte herum und erzählte ihr ununterbrochen Geschichten, während sie mir das Leibchen auf dem Rücken zuknöpfte, an dem die langen Strümpfe per Gummiband festgemacht wurden. Wenn ich dies alleine versuchte, erwischte ich meistens einen Knopf auf falscher Höhe. Dann saßen die Strümpfe unterschiedlich hoch. Immer wieder waren sie auch einfach zu kurz geworden, dann endeten sie kurz über dem Knie und ließen die Oberschenkel frei. In der kalten, feuchten Luft scheuerte dann Haut auf Haut, sodass alles rot und wund wurde und ich mich kaum noch zu bewegen wagte.

Als ich eines Tages gerade wieder auf dem Küchentisch saß, entdeckte ich, dass über mir in der Küchenlampe die Glühbirne fehlte. Verwundert und neugierig steckte ich zwei Finger in die Öffnung, so schnell, dass meine Mutter mich nicht mehr daran hindern konnte. Ein kräftiger elektrischer Schlag durchfuhr mich. Entsetzt brüllte ich auf.

Meine Mutter tröstete mich und legte einen wunderbaren, großen Verband um meine ganze Hand – obwohl doch gar nichts zu sehen war. Stolz zog ich damit in den Kindergarten und bekam die entsprechende Bewunderung und Anteilnahme der anderen Kinder. Kaum hörten abends Konrad und Axel von meinem Unglück, lachten beide Brüder mich aus und ärgerten mich tagelang damit. Wie immer zeigten ihre Gemeinheiten Wirkung: Ich schämte mich sehr und fühlte mich klein und dumm.

Besonders, weil mir durch den furchtbaren elektrischen Schlag noch ein anderes Missgeschick passiert war. Ein kleiner Pups war mir entfleucht, was Axel zu meinem Unglück mitbekommen hatte. Er erzählte Konrad davon, und die beiden amüsierten sich köstlich über ihre kleine Schwester – und nutzten meine Bestürzung zudem, um eine neue Tischordnung durchzusetzen.

Unser Esstisch hatte an einer Stelle einen schwarzbraunen Fleck. Der Abdruck unseres Bügeleisens. Immer wieder kam es bei den Mahlzeiten zum Streit darum, wer an diesem Platz zu sitzen hatte. Bisher hatte ich mich dagegen wehren können. Doch nach meinem Malheur fühlte ich mich so scheußlich, dass ich die neue Sitzordnung ohne Widerstand hinnahm. Tagelang hatte ich kaum Appetit, wenn ich nur das Grinsen meiner Brüder sah – bis meine Mutter endlich energisch durchgriff. Danach herrschte erst mal wieder Ruhe, aber der Platz mit dem Fleck war von nun an meiner.

Blitzblanke Schuhe

Unsere Schuhe zu putzen war die Aufgabe der Jungs. Ich hatte ihnen oft dabei zugesehen und war mir sicher, dass ich dies auch längst konnte. Eines Tages war unsere Mutter damit einverstanden, dass ich wenigstens mal versuchen durfte, meine Schuhe alleine zu putzen.

Korrekt bereitete ich alles vor, wie ich es bei Axel und Konrad beobachtet hatte: Ich legte ein Stück Zeitungspapier mitten in der Wohnküche aus und stellte die kleine Holzfußbank bereit und den Putzkasten daneben. Dann setzte ich mich und begann zunächst damit, meine braunen Halbschuhe mit einer harten Bürste vom groben Schmutz zu befreien. Danach öffnete ich die Schuhcremedose und begann gründlich und genussvoll, die Schuhe damit einzureiben. Sehr genussvoll sogar.

Meine Mutter saß strickend auf dem Sofa und beobachtete von dort aus mein Tun. Ab und zu erinnerte sie mich daran, dass ich die Creme nicht zu dick auftragen dürfe, das sei Verschwendung, und die Schuhe würden sonst auch nicht blank werden. Ich antwortete mit einem selbstbewussten »Ja, Mutti, ich weiß doch! Ich habe bei Konrad und Axel schon so oft zugesehen. Ich mache es wirklich richtig«. Währenddessen verteilte ich die weiche Masse hingebungsvoll auf dem Schuhleder. Noch einmal und noch einmal. Es machte einfach Spaß, die glitschige Creme aufzutragen, und es ging auch so wunderbar leicht.

Meine Mutter runzelte die Stirn, ließ mich aber weitermachen. Erst als die Dose komplett leer war, verkündete ich stolz: »Fertig!« Meine Mutter erwiderte: »Na, dann putz die Schuhe noch schön blank, sie sollen richtig glänzen.«

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