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Ein Fest der Liebe – Winter der Zärtlicheit

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Heute

“Bleib im Auto”, befahl Sierra McKettrick ihrem siebenjährigen Sohn Liam.

Mit großen Augen fixierte er sie durch seine Brille. “Ich möchte auch die Gräber sehen.” Entschlossen legte er eine Hand an den Türgriff.

“Ein andermal”, antwortete sie mit fester Stimme. Es war zwar übertrieben, zu befürchten, dass der Besuch eines Friedhofs eine Asthma-Attacke auslösen konnte, aber was Liams Gesundheit betraf, wollte sie kein Risiko eingehen. Sie setzte sich mit einem langen strengen Blick durch, allerdings nur mit Mühe und Not.

“Das ist nicht fair”, seufzte Liam, er klang resigniert. Normalerweise gab er nicht so schnell auf, doch nach der langen Fahrt von Florida nach North Arizona war er müde.

“Willkommen im wahren Leben”, erwiderte Sierra. Sie zog die Handbremse an, ließ den Motor laufen und stellte die Heizung auf die höchste Stufe. Dann kletterte sie aus ihrem alten Kombi.

Bis zu den Knöcheln im Schnee versunken, stand sie da und ließ die Umgebung auf sich wirken. Normale Menschen liegen nach ihrem Tod auf öffentlichen Friedhöfen, dachte sie verdrossen.

Die McKettricks aber hatten ihre eigenen Regeln, ob lebendig oder tot. Ihnen genügte ein normales Grab nicht. Oh nein. Sie mussten einen ganzen Ort nur für sich haben. Einen mit Ausblick.

Und was für einen Ausblick!

Sierra stopfte die Hände in die Taschen ihres Stoffmantels, der fast so schäbig war wie ihr Auto. Dann drehte sie sich in alle Richtungen, um einen prüfenden Blick auf die Triple M Ranch zu werfen, die sich weit über den Horizont hinaus erstreckte. Rote Tafelberge und Spitzkuppen von feinem Schnee überzogen, Wälder aus majestätischen Weißeichen entlang dem breiten und glitzernden Fluss. Ausgedehnte Weideflächen und sogar gelegentlich ein Kaktus, ein Fremder im Hochland, ein verirrter Reisender, der dort nicht hingehörte.

Genauso wenig wie sie.

Plötzlich spürte sie eine enorme Abneigung in sich aufsteigen, erkannte aber, dass es nicht ihre eigene, sondern die ihres verstorbenen Vaters Hank Breslin war.

Was die McKettricks betraf, hatte Sierra keine eigene Meinung, weil sie diese Leute überhaupt nicht kannte.

Sie hatte den Namen nur aus einem einzigen Grund angenommen – weil das Teil der Vereinbarung war. Liam brauchte ärztliche Versorgung, und sie konnte sie nicht bezahlen. Sierras leibliche Mutter Eve McKettrick hatte ein Treuhandkonto für ihren Enkel eingerichtet, an das jedoch Bedingungen geknüpft waren.

Bei den McKettricks, hörte sie ihren Vater sagen, als ob er neben ihr stünde, gibt es nichts ohne Bedingungen.

“Sei still”, rief Sierra laut aus. Sie war dankbar für Eves Hilfe, und wenn sie dafür den Namen McKettrick annehmen und ein Jahr auf der Triple M Ranch leben musste, sollte es so sein. Außerdem war es ja nicht so, dass sie irgendeine andere Alternative hatte.

Entschlossen näherte sie sich dem Friedhofseingang und marschierte unter dem verschnörkelten Torbogen mit der in graziösen Buchstaben gehaltenen Inschrift “McKettrick” hindurch.

In der Mitte stand die lebensgroße Bronzestatue eines Mannes, der stolz auf einem Pferderücken saß, breitschultrig und imposant, mit einem wehenden Tuch um den Hals und einem Revolver um die Hüfte.

Angus McKettrick, der Patriarch. Der Gründer von Triple M und der ganzen Familiendynastie. Sierra wusste wenig über ihn, aber als sie in sein strenges, entschlossenes und hartes Gesicht schaute, fühlte sie eine Art Seelenverwandtschaft.

Skrupelloser alter Mistkerl, hörte sie die Stimme von Hank Breslin. Von dir haben die McKettricks ihre Arroganz.

“Sei still”, wiederholte Sierra und schob ihre Hände noch tiefer in die Manteltaschen. So stand sie für einen langen Moment, lauschte dem ratternden Brummen ihres Automotors, dem einsamen Schrei eines nahen Vogels und dem Pochen des Bluts in ihren Ohren. Harzduft würzte die Luft.

Sierra drehte sich um und erblickte die marmornen Engel, die die Gräber von Angus McKettricks Ehefrauen markierten – Georgia, die Mutter von Rafe, Kade und Jeb, und Concepcion, die Mutter von Kate.

Suche nach Holt und Lorelei, hatte ihr Eve beim letzten Telefonat gesagt. Das ist unser Teil der Familie.

Sierra entdeckte noch andere Bronzestatuen, kleiner als die von Angus, aber nicht weniger eindrucksvoll. Es waren kunstvolle Objekte, Museumsstücke. Ohne ihr festes Zementfundament wären sie wahrscheinlich längst gestohlen worden. Andererseits hatte auch niemand an diesem einsamen und zugigen Ort die Gräber zerstört, was einiges über den Ruf der McKettricks aussagte.

Jeb McKettrick, der jüngste der Brüder, war als Cowboy mit gezogenem sechskalibrigen Revolver dargestellt, seine Ehefrau Chloe als schlanke Frau in einem typischen Kleid aus der Pionierzeit, die lächelnd ihre Augen mit einer Hand abschirmte. Sie waren von ihren Kindern, Enkeln, Urgroß- und ein paar Ururgroßenkeln umgeben, ihre imposanten Grabsteine ordentlich aufgereiht wie die Straßen einer Westernstadt.

Dann kam Kade McKettrick, lässig, mit dem gleichen Revolver wie sein Bruder. Allerdings trug er ihn umgeschnallt und hielt ein offenes Buch in der Hand. Seine Ehefrau Mandy trug Hosen, eine locker sitzende Bluse und hielt eine Flinte in der Hand. Sie lächelte wie Chloe. Gemessen an der Anzahl von Gräbern um sie herum, waren sie ebenfalls sehr produktive Eltern gewesen.

Die Statue von Rafe McKettrick zeigte einen großen, kräftig gebauten Mann mit einem entschlossenen Kinn. Seine Frau Emmeline stand nah an seiner Seite, sie hatten die Arme umeinander gelegt, ihr Kopf ruhte an seinem Unterarm.

Sierra lächelte. Auch sie hatten für reichlich Nachkommen gesorgt.

Die letzte Statue versetzte ihr einen unerwarteten Stich. Hier also war Holt, Halbbruder von Rafe, Kade und Jeb und von Kate. In seinem langen Mantel sah er zugleich attraktiv und kämpferisch aus. Um den Hals hatte er zwei Munitionsgürtel gelegt, auf der Anstecknadel an seinem breiten Jackenrevers stand Texas Ranger.

Wie gebannt starrte Sierra in die Bronzeaugen und spürte wieder, wie sich tief in ihr etwas rührte. Von diesem Mann stamme ich ab, dachte sie. Wir haben die gleichen Gene.

Liam hupte ungeduldig. Er konnte es kaum erwarten, endlich das Ranchhaus zu sehen, das für die nächsten zwölf Monate ihr Zuhause sein würde.

Nach einem kurzen Winken in Liams Richtung ging Sierra zu Loreleis Statue. Sie saß auf einem Maultier, der lange, spitzenbesetzte Rock fiel zu beiden Seiten ihrer unglaublich schmalen Taille. Ein Männer- und kein Sonnenhut schützte ihr Gesicht vor der Sonne. Ihr lebhafter Blick ruhte liebevoll auf ihrem Ehemann Holt.

Nun legte Liam sich auf die Hupe.

Aus Furcht, er könnte sich selbst hinters Steuer setzen und zum Ranchhaus fahren, machte Sierra widerwillig kehrt. Sie folgte dem mit den Kiefernadeln und dem Laub der sechs hohen weißen Eichen übersäten Pfad zurück zu ihrem Auto.

Zurück zu ihrem Sohn.

“Sind alle McKettricks tot?”, fragte Liam, nachdem sie eingestiegen war und sich anschnallte.

“Nein” antwortete Sierra, die darauf wartete, dass der Teil von ihr, der noch immer zwischen den Gräbern herumwanderte, um ihre Ahnen kennenzulernen, sich ihr wieder anschloss. “Wir sind McKettricks, und wir sind nicht tot. Genauso wenig wie deine Großmutter oder Meg.” Sie wusste, dass es auch noch Cousins und Cousinen gab, die von Rafe, Kade und Jeb abstammten. Aber das einem Siebenjährigen zu erklären, war ihr zu kompliziert. Davon abgesehen musste sie sich selbst erst mal einen Überblick verschaffen.

“Ich dachte, ich heiße Liam Breslin”, bemerkte der kleine Junge ganz praktisch.

Eigentlich solltest du Liam Douglas heißen, überlegte Sierra und dachte an ihren ersten und einzigen Liebhaber. Wie immer, wenn ihr Liams Vater Adam in den Sinn kam, spürte sie ein Ziehen im Herzen, eine komplizierte Mischung aus Leidenschaft, Trauer und hilfloser Wut. Da sie nie mit Adam verheiratet gewesen war, hatte Liam ihren Mädchennamen bekommen.

“Jetzt sind wir McKettricks”, seufzte Sierra. “Du wirst das alles verstehen, wenn du älter bist.”

Wegen der steilen Abhänge zu allen Seiten parkte sie vorsichtig aus und fuhr zurück auf die Schotterstraßen, die nach Triple M führten.

“Ich kann das schon jetzt verstehen”, behauptete Liam, nachdem er die Sache – wie es seine Art war – gründlich abgewogen hatte. “Schließlich bin ich hochbegabt.”

“Du magst vielleicht hochbegabt sein”, entgegnete Sierra, die sich hoch konzentriert aufs Fahren konzentrierte, “aber du bist immer noch sieben Jahre alt.”

“Werde ich jetzt Cowboy und reite auf wilden Pferden und so was?”

Sierra unterdrückt ein Schaudern. “Nein”, sagte sie.

“Das ist ja doof.” Ihr Sohn verschränkte die Arme und schmiegte sich tiefer in seinen dicken Nylonmantel, den sie ihm gekauft hatte, als sie die Grenze zu den kälteren Staaten erreicht hatten. “Was ist denn gut daran, auf einer Ranch zu leben, wenn man kein Cowboy ist?”

2. KAPITEL

Der alte Kombi schlitterte in den Hof – halb gefrorener Kies spritzte vor den abgefahrenen Reifen auf – und kam abrupt zum Stehen. Travis Reid sah auf. Er stand hinter dem Pferdeanhänger von Jesse McKettricks verschmutztem schwarzen Truck und schob sich den Hut auf den Hinterkopf. Dann wartete er grinsend darauf, dass irgendein Teil von der alten Karre abfiel. Aber es gab noch Zeichen und Wunder.

Gleich darauf tauchte Jesse mit dem alten Baldy am Halfter hinter dem Trailer auf. “Wer ist das?”, fragte er und blinzelte in die späte Winternachmittagssonne.

Aber Travis hatte kaum einen Blick für ihn übrig. “Eine lange verloren geglaubte Verwandte von dir, wenn ich mich nicht täusche”, erwiderte er leichthin.

Der Kombi spuckte noch etwas Qualm, bevor er abstarb. Travis vermutete, dass das normal war. Er beobachtete interessiert, wie eine gut aussehende Frau vom Fahrersitz kletterte, das alte Auto einmal kurz musterte und der Fahrertür einen festen Tritt mit dem Fuß versetzte.

Sie war eine McKettrick, kein Zweifel.

Jesse ließ Baldy stehen, sprang vom Trailer und senkte die Rampe auf den Boden. “Megs Halbschwester?”, fragte er. “Die in Mexiko bei ihrem verrückten, betrunkenen Vater aufgewachsen ist?”

“Glaub schon”, nickte Travis, der aus Megs E-Mails einiges über Sierra erfahren hatte. Doch keiner aus der Familie kannte Sierra gut, nicht einmal ihre Mutter Eve. Insofern waren die Informationen äußerst spärlich. Sie hatte einen siebenjährigen Sohn – der gerade aus dem Auto stieg – und in den letzten Jahren in Florida Cocktails serviert. Das war in etwa alles, was Travis von ihr wusste. Als Megs Verwalter und Pferdetrainer, und nicht zuletzt als ihr guter alter Freund, hatte Travis für Sierra die Vorratsschränke und den Kühlschrank aufgefüllt und dafür gesorgt, dass die Heizung lief. Außerdem hatte er ihren Chevrolet Blazer jeden Tag gestartet, um sicherzugehen, dass er ansprang.

Nach dem Aussehen des Kombis zu urteilen, war es eine gute Idee gewesen, Megs Anweisungen zu folgen.

“Wirst du mir jetzt mit diesem Pferd helfen”, frage Jesse gereizt, “oder willst du nur weiter dastehen und glotzen?”

“Im Augenblick”, gestand er, “würde ich lieber glotzen.”

Sierra McKettrick war groß und schlank, mit kurzem glänzenden Haar, dessen Farbe an ein edles kastanienbraunes Pferd erinnerte. Sie hatte große und wahrscheinlich blaue Augen, doch noch war sie nicht nah genug, um das genau zu erkennen.

Fluchend kletterte Jesse auf die Rampe zurück, wobei er möglichst viel Lärm machte. Wie fast alle McKettricks verstand er es, seinen Willen durchzusetzen. Zwar war er Frauen gegenüber gewöhnlich äußerst charmant, doch bei Sierra schien er das für überflüssig zu halten. Schließlich waren sie miteinander verwandt – da lohnte sich der Aufwand vermutlich nicht.

Travis jedoch ging einen Schritt auf die Frau und den Jungen zu, der ihn mit offenem Mund anstarrte.

“Ist das Megs Haus?”, fragte Sierra.

“Ja”, erwiderte Travis, streckte ihr die Hand entgegen, zog sie schnell wieder zurück, um den Arbeitshandschuh auszuziehen, dann hielt er sie ihr erneut hin. “Travis Reid.”

“Sierra Bres-McKettrick”, antwortete sie. Ihr Händedruck war fest. Und ihre Augen waren eindeutig blau. Die Art von Blau, das sich einem Mann direkt ins Herz bohrte. Sie lächelte, aber zögernd. Irgendwann im Laufe ihres Lebens hatte sie offenbar gelernt, vorsichtig mit ihrem Lächeln umzugehen. “Das ist mein Sohn, Liam.”

“Tag”, sagte Liam und straffte die schmalen Schultern.

Travis grinste. “Tag.” Von Meg wusste er, dass der Junge gesundheitliche Probleme hatte, davon war aber nichts zu erkennen.

“Das ist ja mal ein hässliches Pferd.” Liam zeigte auf den Anhänger.

Travis drehte sich um. Mitten auf der Rampe stand Baldy, ein graues Vieh mit klapprigen, gespreizten Beinen, roten Augen und kahlen, grauen Stellen auf dem glanzlosen Fell.

“Kann man wohl sagen”, stimmte Travis zu und blickte Jesse finster an, der ihm das Tier aufgehalst hatte. Es sah ihm ähnlich, in letzter Sekunde eine dramatische Rettungsaktion zu starten, um dann die Umsetzung jemand anderem zu überlassen.

Als Jesse grinste, stieg eine Art Beschützerinstinkt in Travis auf. Am liebsten hätte er sich zwischen Sierra und seinen ältesten Freund gestellt. Das brachte ihn irgendwie ziemlich durcheinander, er hatte fast das Gefühl, in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Was zum Teufel hatte das denn zu bedeuten?

“Ist das ein Rodeopferd?”, fragte Liam und wagte sich einen Schritt an Baldy heran.

Sierra reagierte schnell und packte ihn an seiner fellbesetzten Kapuze, um ihn zurückzuziehen. Die tief stehende Wintersonne spiegelte sich auf den Brillengläsern des Kindes, sodass man seine Augen nicht sehen konnte.

Jesse lachte. “In alten Zeiten war Baldy mal ein Rodeopferd. Die Cowboys haben vor Angst gezittert, wenn sie ihn reiten mussten. Jetzt allerdings hat er, wie du sehen kannst, seine besten Zeiten hinter sich.”

“Und Sie sind …?”, fragte Sierra mit kühlem Unterton. Vielleicht war sie die Eine unter tausend Frauen, die Jesse als das erkannten, was er war – eine sehr gut aussehende, freundliche Mogelpackung.

“Dein Cousin Jesse.”

Eingehend musterte sie seine ausgebeulten Jeans, das Arbeitshemd, die Schaffelljacke und die sehr teuren Stiefel. “Welche Linie …?”, erkundigte sie sich dann.

Die McKettricks sprachen so miteinander. Jeder von ihnen konnte seine Herkunft über verschiedenste Linien bis zum alten Angus zurückverfolgen. Man tat zwar gut daran, die Familie nicht als Ganzes zu beleidigen, aber davon abgesehen blieb jeder Ast des Familienstammbaums lieber unter sich.

“Jeb”, verkündete Jesse.

Sierra nickte.

Liams Aufmerksamkeit war noch immer ausschließlich auf das Pferd gerichtet. “Kann ich es reiten?”

“Klar”, antwortete Jesse.

“Auf keinen Fall”, sagte Sierra im gleichen Moment. “Wir hatten eine lange Fahrt”, fuhr sie fort. “Ich glaube, wir sollten erst einmal hineingehen.”

“Fühlt euch ganz wie zu Hause”, lächelte Travis und deutete auf das Haus. “Um eure Taschen kümmern Jesse und ich uns.”

Einen Moment zögerte sie. Wahrscheinlich fragte sie sich, ob sie sich damit zu etwas verpflichtete. Am Ende nickte sie. Nachdem sie Liam wieder an der Kapuze seines Mantels geschnappt hatte, drehte sie ihn vom Pferd weg und schob ihn zur Eingangstür.

“Schade, dass wir verwandt sind”, murmelte Jesse, der Sierra mit seinem Blick verfolgte.

“Ja, schade”, stimmte Travis ihm leise zu, obwohl er sich insgeheim mächtig darüber freute.

Das Haus war zweistöckig, lang gestreckt und zu allen Seiten von einer Veranda umgeben. Auf den ersten Blick wirkte es eher praktisch und stabil als elegant. Sie verspürte einen sehnsüchtigen Stich, als ob sie viele Jahre auf einer nebligen Straße herumgeirrt wäre und der Nebel nun plötzlich aufreißen würde.

“Diese Typen sind echte Cowboys”, strahlte Liam, als sie im Haus waren.

Während Sierra abwesend nickte, ließ sie den alten Holzfußboden, die Doppeltüren und die steile Treppe auf der rechten Seite, die hohen Decken und die antike Standuhr, die neben der Tür laut vor sich hin tickte, auf sich wirken. Neugierig sah sie in ein geräumiges Wohnzimmer, das man früher wahrscheinlich Salon genannt hatte, und bewunderte den riesigen offenen Natursteinkamin. Abgenutzte, aber bunte Teppiche hellten die ansonsten kompromisslos männliche Einrichtung aus Ledersofa, Stuhl und Tisch aus grob bearbeitetem Kiefernholz ein wenig auf, genau wie das Klavier, das in einem Alkoven mit deckenhohen Fenstern stand.

Ein eigenartig nostalgisches Gefühl überkam Sierra. Sie hatte noch nie einen Fuß auf Triple M gesetzt, geschweige denn das Heim von Holt und Lorelei McKettrick betreten. Doch alles wäre anders gekommen, wenn ihr Vater sie nicht an dem Tag, an dem Eve die Scheidung eingereicht hatte, entführt und nach San Miguel de Allende gebracht hätte. Sie hätte die Sommer hier verbracht, hätte Pferde geritten und Brombeeren gepflückt und wäre durch Bergflüsse gewatet, so wie Meg. Stattdessen war sie barfuß durch die Straßen von San Miguel gelaufen, ohne Erinnerung an ihre Mutter. Nur manchmal kam ihr ein schwacher Duft von teurem Parfüm bekannt vor, den sie zwischen den Touristenströmen aufschnappte, die die Märkte, Läden und Restaurants ihrer Heimatstadt bevölkerten.

“Mom?” Liam zerrte am Ärmel ihrer Jacke.

Sie erwachte aus ihren Träumen und sah lächelnd zu ihm hinunter. “Bist du hungrig, Kumpel?”

Darauf nickte er feierlich, doch als die Tür aufsprang und Travis mit zwei Koffern im Türrahmen erschien, strahlte er.

“Es gibt genug Essen in der Küche”, erklärte er. “Soll ich das Zeug hier nach oben tragen?”

“Ja”, erwiderte Sierra. “Danke.” So wüsste sie wenigstens, welche Räume sie und Liam bekamen, ohne nachfragen zu müssen. Meg hatte ihr erzählt, dass der Hausverwalter in einem Wohnwagen neben dem Stall wohnte. Nicht erwähnt hatte sie jedoch, dass er Anfang dreißig war und nicht in den Sechzigern, wie Sierra vermutet hatte. Außerdem sah er bemerkenswert gut aus: schlanker Körper, blaugrüne Augen und dunkelblondes Haar, das mal wieder geschnitten werden musste.

Bei diesen Gedanken errötete sie leicht und schob Liam schnell in Richtung Küche.

Der große Raum hatte denselben schönen Holzfußboden und war mit modernen Haushaltsgeräten ausgestattet, die neben dem alten schwarzen Holzofen in der linken Ecke recht eigentümlich wirkten. Der Tisch war lang und rustikal, mit Holzbänken an jeder Seite und einem Stuhl an jedem Ende.

“Solche Tische sind Tradition bei den McKettricks”, verkündete eine männliche Stimme hinter ihr.

Sierra schreckte hoch und drehte sich rasch. Vor ihr stand Jesse.

“Entschuldigung”, sagte er. Er sieht gut aus, dachte sich Sierra. Obwohl er eine ähnliche Haarfarbe wie Travis und auch seinen Körperbau hatte, ähnelten die beiden sich überhaupt nicht.

“Kein Problem”, erwiderte Sierra.

Erwartungsvoll riss Liam den Kühlschrank auf. “Mortadella!”, schrie er triumphierend.

“Heißa”, erwiderte Sierra mit einem trockenen Unterton, der an ihren Sohn vollkommen verschwendet war. “Wo Mortadella ist, muss auch Weißbrot sein.”

“Jesse!”, erklang Travis’ Stimme von der Eingangstür. “Komm und hilf mir!”

Nach einem freundlichen Lächeln in Sierras Richtung machte Jesse sich auf den Weg.

Sierra zog den Mantel aus, hängte ihn an einen Haken neben der Hintertür und forderte Liam auf, dasselbe zu tun. Eine Sekunde nachdem er das getan hatte, widmete er sich umgehend wieder der Mortadella. In einer bunt getupften Tüte entdeckte er Brot und begann, sich ein Sandwich zu machen.

Während Sierra ihn dabei beobachtete, spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen in ihrem Herzen. Liam war sehr eigenständig. Das hatte er lernen müssen, bei ihren vielen Nachtschichten im Club. Die alte Mrs. Davis von der Wohnung gegenüber war zwar ein gewissenhafter Babysitter gewesen, aber eben kein Mutterersatz.

Nachdem Liam am Tisch Platz genommen hatte, setzte Sierra Kaffee auf. Ihr Sohn saß mit dem Rücken zur Wand und konnte sie in der Küche beobachten.

“Cooles Haus”, bemerkte er zwischen zwei Bissen, “aber es spukt.”

In aller Ruhe nahm Sierra eine Suppendose vom Regal, öffnete sie, schüttete den Inhalt in einen Kochtopf und stellte ihn auf den modernen Gasherd. Liam war ein fantasievolles Kind, das oft überraschende Dinge von sich gab. Darum ließ Sierra gern ein paar Sekunden vergehen, bevor sie ihm antwortete.

“Wie kommst du darauf?”

“Weiß auch nicht”, meinte Liam kauend. Auf der Herfahrt hatten sie in einem Imbiss gefrühstückt, aber das war bereits Stunden her. Er musste sehr hungrig sein.

Wieder bekam sie ein schlechtes Gewissen, diesmal noch heftiger als zuvor. “Komm schon”, stupste sie ihn an. “Dafür muss es doch einen Grund geben.” Natürlich gibt es einen Grund, dachte sie. Der Friedhof der McKettricks – kein Wunder, dass er an den Tod dachte. Sie hätte warten und die Fahrt irgendwann allein unternehmen sollen, statt Liam mitzuschleppen.

Liam schaute sie nachdenklich an. “Da liegt so eine Art … Schwirren in der Luft”, sagte er. “Kann ich mir noch ein Sandwich machen?”

“Nur wenn du mir versprichst, zuerst was von der Suppe zu essen.”

“Abgemacht”, versprach Liam.

Sierra ging zu dem alten Geschirrschrank an der Wand neben dem Herd, obwohl sie nicht vorhatte, das unschätzbar wertvolle Geschirr darin zu benutzen.

Viele Generationen ihrer Familie hatten von diesen Tellern gegessen.

Ihr Blick blieb an einer Teekanne hängen. Sie sah gleichzeitig robust und wertvoll aus. Gebannt öffnete sie die Glastür und streckte die Hand aus, um sie zu berühren, aber nur mit den Fingerkuppen.

“Die Suppe kocht über”, verkündete Liam.

Entsetzt schreckte sie auf, machte auf dem Absatz kehrt und zog den Kochtopf von der Flamme.

“Mom”, murmelte Liam.

“Was?”

“Beruhige dich, es ist doch nur Suppe.”

Im selben Moment steckte Travis den Kopf zur Küchentür herein. “Die Sachen sind oben”, sagte er. “Brauchen Sie sonst noch etwas?”

Sierra starrte ihn lange an, als ob er eine fremde Sprache spräche. “Ähm, nein”, sagte sie schließlich. “Danke.” Wieder eine Pause. “Möchten Sie etwas essen?”

“Nein, danke. Ich muss mich noch um das verdammte Pferd kümmern.”

Schon war er wieder draußen.

“Wieso darf ich nicht auf dem Pferd reiten?”, fragte Liam.

Seufzend stellte Sierra ihm einen Teller Suppe vor die Nase. “Weil du nicht reiten kannst.”

Liams Seufzer klang wie das Echo ihres eigenen, worüber sie gelächelt hätte, wenn sie nicht gerade über ein so ernstes Thema sprechen würden, bei dem es um Leib und Leben ging.

“Wie soll ich es denn lernen, wenn du mich nicht lässt? Du bist überfürsorglich, und das könnte meiner Psyche schaden. Ich könnte echte psychologische Probleme entwickeln.”

“Es gibt Momente”, sagte Sierra und setzte sich mit ihrem eigenen Teller Suppe ihm gegenüber an den Tisch, “da wünschte ich, du wärst nicht so schlau.”

“Das habe ich von dir.”

“Nein”, widersprach Sierra. Liam hatte ihre Augen, ihr dichtes, feines Haar und ihre Beharrlichkeit, aber seine bemerkenswerte Intelligenz stammte von seinem Vater.

Denk nicht an Adam, ermahnte sie sich.

Dafür kam ihr Travis Reid in den Sinn.

Noch schlechter.

Nachdem Liam seine Suppe und ein zweites Sandwich verzehrt hatte, machte er sich auf, um das Haus zu erkunden, während Sierra gedankenvoll ihren Kaffee trank.

Das Telefon läutete.

Nach kurzem Suchen fand sie den kabellosen Hörer und nahm ab. “Hallo?”

“Du bist da!”, trillerte Meg.

Sierra bemerkte, dass sie den Geschirrschrank offen gelassen hatte und stand auf, um ihn zu schließen. “Ja”, sagte sie. Meg war am Telefon immer freundlich zu ihr gewesen, allerdings auf eine distanzierte Weise. Da Sierra ihre Halbschwester mit zwei zum letzten Mal gesehen hatte, waren sie im Grunde Fremde.

“Wie gefällt es dir? Das Haus, meine ich?”

“Davon hab ich noch nicht viel gesehen”, antwortete Sierra. “Liam und ich sind gerade angekommen und haben schnell etwas gegessen.” Ihre Hand streckte sich wie von selbst nach der Teekanne aus, und sie hatte das Gefühl, bei der Berührung einen ganz leichten elektrischen Schlag zu spüren. “Hier stehen eine Menge Antiquitäten herum”, dachte sie laut.

“Du kannst sie problemlos verwenden”, antwortete Meg. “Familientradition.”

Erst jetzt zog Sierra die Hand von der Teekanne zurück und schloss die Schranktüren.

“Familientradition?”, wiederholte sie.

“McKettrick-Regeln”, erklärte Meg. In ihrer Stimme war ein Lächeln zu hören. “Die Dinge sind dazu da, benutzt zu werden, egal, wie alt sie sind.”

“Aber wenn etwas kaputt geht …”

“… geht es kaputt”, beendete Meg den Satz. “Hast du Travis schon kennengelernt?”

“Ja”, sagte Sierra. “Und er ist vollkommen anders, als ich erwartet hatte.”

Meg lachte. “Was hast du denn erwartet?”

“So einen mürrischen alten Typen halt”, gestand Sierra. “Du sagtest ja, er würde sich um den Hof kümmern und in dem Wohnwagen neben dem Stall wohnen, da dachte ich …” Sie brach verlegen ab.

“Er ist niedlich und er ist alleinstehend”, informierte Meg sie.

“Sogar die Teekanne?”, grübelte Sierra.

“Wie bitte?”

“Entschuldige. Ich dachte gerade an die Teekanne im Küchenschrank – ich frage mich, ob ich wohl …”

“Ich weiß, welche du meinst”, antwortete Meg mit einer gewissen Zärtlichkeit in der Stimme. “Sie stammt von Lorelei. War ein Hochzeitsgeschenk.”

Lorelei. Die Matriarchin der Familie. Sierra machte einen Schritt zurück.

“Benutz sie”, bat Meg so, als ob sie Sierras Zurückweichen gespürt hätte.

Sierra schüttelte den Kopf. “Das kann ich nicht. Ich hatte ja keine Ahnung, wie alt sie ist. Wenn ich sie fallen lasse …”

“Sierra”, sagte Meg, “sie ist nicht aus Porzellan, sondern aus Gusseisen mit einer Emailleglasur.”

“Oh.”

“Ein bisschen so wie die McKettrick-Frauen, sagt Mom immer”, fuhr Meg fort. “Harte Schale, weicher Kern.”

Mom. Sierra schloss die Augen, um gegen die aufkeimenden Gefühle anzukämpfen, aber es half nichts.

“Wir lassen dir noch Zeit zum Eingewöhnen”, meinte Meg sanft, als Sierra nicht sprechen konnte. “Und dann kommen Mom und ich, wenn es dir recht ist natürlich.”

Meg und Eve lebten in San Antonio, Texas, wo sie für McKettrickCo arbeiteten. Also würden sie sicher nicht ohne Vorankündigung vorbeikommen.

Sierra musste schwer schlucken. “Es ist euer Haus”, sagte sie.

“Und deins”, stellte Meg sehr leise klar.

Danach musste Sierra Meg versprechen, anzurufen, wenn sie irgendetwas brauchte. Nach dem Telefonat ging Sierra zum Geschirrschrank, um die Teekanne zu holen. In dem Moment kam Liam die Hintertreppe hinuntergeflitzt. “Ich hab doch gesagt, dass es in diesem Haus spukt!”, schrie er, sein kleines Gesicht strahlte.

Die Teekanne war schwer – definitiv Gusseisen –, aber Sierra war trotzdem vorsichtig, als sie sie auf die Theke stellte. “Wovon in aller Welt sprichst du?”

“Ich habe gerade ein Kind gesehen”, verkündete Liam. “Oben, in meinem Zimmer!”

“Das bildest du dir ein.”

Liam schüttelte seinen Kopf. “Ich habe es gesehen!”

Prüfend legte Sierra eine Hand an seine Stirn. “Kein Fieber”, stellte sie besorgt fest.

“Mom”, protestierte Liam. “Ich bin nicht krank – und Wahnvorstellungen habe ich auch nicht.”

Wahnvorstellungen. Wie viele Siebenjährige benutzten dieses Wort? Seufzend nahm Sierra Liams eifriges Gesicht in beide Hände. “Hör zu. Es ist in Ordnung, Freunde zu erfinden, aber …”

“Er ist nicht erfunden.”

“Okay.” Natürlich könnte ein Nachbarskind im Haus sein, so unwahrscheinlich es auch klang, weil die nächsten Nachbarn Meilen entfernt wohnten. “Lass uns nachschauen.”

Zusammen stiegen sie die Hintertreppe hinauf, und Sierra bekam einen ersten Eindruck vom Obergeschoss. Der Flur war breit, es gab elektrisches Licht, obwohl die Lampen sehr alt aussahen. Doch das meiste Licht fiel durch die großen bogenförmigen Fenster am anderen Ende. Sechs Zimmertüren standen offen, was darauf hindeutete, dass Liam nacheinander jedes einzelne Zimmer besichtigt hatte, nachdem er vorhin aus der Küche verschwunden war.

Er führte sie in das mittlere Zimmer auf der linken Seite.

Niemand da.

Es war ein großer, perfekter Raum für einen Jungen. Zwei Erkerfenster gaben den Blick auf die Stallungen frei. Dort stand Baldy, das außerordentlich hässliche Pferd, tapfer in der Mitte des Geheges und sah aus, als ob es seinen Ausbruch planen würde. Travis stand neben Baldy und strich ihm sanft über den Rücken, während er ihm ein Halfter über den Kopf zog.

Ein zittriges Gefühl machte sich in Sierras Bauch breit.

“Mom”, platzte Liam heraus. “Er war hier. Er trug eine kurze Hose und komische Schuhe und Hosenträger.”

Etwas verärgert drehte Sierra sich zu ihrem Sohn um. Liam stand neben dem Fenster und untersuchte ein antikes Teleskop, das auf einem glänzenden Messingstativ saß. “Ich glaube dir”, sagte sie.

“Tust du nicht”, widersprach ihr Sohn. “Du gibst einfach nur nach.”

Sierra setzte sich auf die Seite des Bettes, die zwischen den beiden Fenstern lag. Wie die Schränke, so trug auch das Bett die Narben der Zeit, aber das Holz war robust. Das schlichte Kopfteil zierten verschlungene Ornamente, ein verblasster Quilt sorgte für etwas Farbe. “Gut, vielleicht ein bisschen”, gab sie zu, weil sie Liam sowieso nichts vormachen konnte. Er besaß ein unheimliches Talent dafür, die Dinge zu durchschauen. “Ich weiß nur nicht, was ich denken soll, das ist alles.”

“Glaubst du nicht an Geister?”

Ich glaube so ziemlich an gar nichts, dachte Sierra traurig. “Ich glaube an dich”, sagte sie und klopfte neben sich auf die Matratze. “Komm, setz dich mal.”

Widerstrebend gehorchte er, versteifte sich allerdings, als sie einen Arm um seine Schultern legte. “Wenn du glaubst, dass ich einen Mittagsschlaf mache, irrst du dich. Das meine ich todernst.”

Bei dem Wort todernst lief ihr ein Schauer über den Rücken. “Alles wird gut, weißt du”, versprach sie ihm sanft.

“Ich mag den Raum”, gestand Liam, und seine großen hoffnungsvollen Augen versetzten ihrem Herz einen Stich. Bisher hatten sie immer in billigen Wohnungen oder Hotelzimmern gewohnt. Ob Liam sich insgeheim schon immer nach so einem Zuhause gesehnt hatte? Nach einem Ort, wo er hingehörte und wie ein ganz normales Kind leben konnte?

“Ich auch”, gab Sierra zu. “Es hat eine freundliche Ausstrahlung.”

“Soll das ein Schrank sein?”, fragte Liam und deutete auf ein riesiges Ungetüm aus Kiefer, das fast die gesamte Wand einnahm.

Sierra nickte. “Das ist ein Kleiderschrank.”

“Vielleicht ist das so einer wie in dieser Geschichte. Man gelangt durch seine Rückwand in eine andere Welt. Da könnte ein Löwe drin sein und eine Hexe.” An seinem Lächeln sah sie, dass diese Möglichkeit ihn eher faszinierte als verängstigte.

Liebevoll zerzauste sie sein Haar. “Vielleicht”, stimmte sie zu.

Als Nächstes sah Liam zu dem Teleskop. “Wie schön wäre es, wenn ich da durchschauen und Andromeda sehen könnte”, meinte er. “Wusstest du, dass sich die gesamte Galaxie auf Kollisionskurs mit der Milchstraße befindet? Da wird die Hölle los sein, wenn die sich treffen.”

Sierra erschauerte bei dem Gedanken. Die meisten Eltern waren besorgt, dass ihre Kinder zu viele Videospiele spielten. Bei Liam musste man sich eher wegen der Wissenschafts- und Techniksender Sorgen machen, ganz zu schweigen von Sendungen wie Nova. Er beschäftigte sich beispielsweise mit dem Thema, dass die Erde ihr Magnetfeld verlor, und litt unter Albträumen von Kreaturen, die in dunklen Ozeanen unter dicken Eisschichten auf Jupitermonden schwammen. Oder handelte es sich um Saturn?

“Nicht aufregen, Mom”, sagte er mit einem verständnisvollen Lächeln. “Es wird noch zirka fünf Milliarden Jahre dauern, bevor so was passiert.”

“Bevor was passiert?”, fragte Sierra blinzelnd.

“Die Kollision”, erklärte er geduldig.

“Richtig.”

Liam gähnte. “Vielleicht werde ich doch einen Mittagsschlaf machen. Aber glaub nicht, dass das jetzt zur Regel wird.”

Sie strich über sein Haar und küsste seine Stirn. “Das ist mir klar”, dabei griff sie nach der Häkeldecke, die ordentlich gefaltet am Fußende des Bettes lag.

Nachdem Liam seine Schuhe ausgezogen hatte, streckte er sich erneut gähnend auf der blauen Chenillebettdecke aus. Behutsam legte er seine Brille auf den Nachttisch.

Beim Zudecken widerstand Sierra der Versuchung, ihn noch einmal auf die Stirn zu küssen. Als sie sich beim Verlassen des Zimmers umdrehte, schlief Liam bereits.

1919

Hannah McKettrick hörte ihren Sohn bereits lachen, bevor sie um das Haus auf den Stall zuritt. Die Satteltaschen um den Hals des Maultiers waren dick ausgebeult von der Post der letzten Woche. Der Schnee lag stellenweise meterhoch mit hart gefrorener Oberfläche, und der Januarwind blies frostig.

Als sie ihren Sohn nur mit einer dünnen Jacke und ohne Mütze in der Kälte sah, biss sie die Zähne zusammen. Er und ihr Schwager Doss bauten etwas, das wohl ein Schneefort werden sollte. Ihr Atem formte weiße Wolken in der eisigen Luft.

Angesichts Doss’ Ähnlichkeit mit seinem Bruder und ihrem verstorbenen Ehemann Gabe zog sich Hannahs Herz qualvoll zusammen. Dabei sollte sie seinen Anblick eigentlich gewohnt sein, da sie unter ein und demselben Dach lebten.

Sie trieb ihr Maultier mit den Absätzen ihrer Stiefel an, aber Seesaw-Two wurde nicht schneller. Er trottete einfach weiter.

“Was macht ihr hier draußen?”, rief Hannah.

Augenblicklich verstummten Tobias und Doss und drehten sich schuldbewusst zu ihr um.

Die Atemwolken lösten sich auf.

Tobias richtete sich auf und schob die schmalen Schultern zurück. Er war erst acht. Aber seit Gabes Sarg an einem warmen Sommertag im letzten Jahr in eine amerikanische Flagge gehüllt mit dem Zug nach Hause gebracht worden war, besaß er den Gesichtsausdruck eines Erwachsenen.

“Wir bauen nur eine Befestigung, Ma”, erklärte er.

Hannah blinzelte die brennenden Tränen weg. Gabe war als Soldat in einem Armeespital an der Grippe gestorben, ohne das Schlachtfeld auch nur gesehen zu haben. Tobias dachte wie ein Soldat, und Doss spornte ihn dazu an. Beides machte Hannah nicht sehr glücklich.

“Es ist kalt hier draußen”, sagte sie. “Du holst dir noch den Tod.”

Doss verlagerte sein Gewicht und schob den verbeulten Hut auf den Hinterkopf. Sein Gesicht verhärtete sich wie das Eis im Teich hinter dem Obstgarten, wo die Obstbäume stoisch mit ihren kahlen Ästen auf den Frühling warteten.

“Geh ins Haus!”, befahl Hannah ihrem Sohn.

Zögernd gehorchte Tobias.

Doss jedoch blieb und sah sie lange an.

Die Küchentür krachte lautstark ins Schloss.

“Du solltest ihm so etwas nicht sagen”, bemerkte Doss ruhig. Er hielt Seesaws Zügel fest, während sie vorsichtig abstieg und darauf achtete, dass ihr Wollrock nicht hochrutschte.

“Tobias hatte letzten Herbst eine Lungenentzündung. Er wäre fast gestorben und ist immer noch schwach, das weißt du genau. Und kaum kehre ich euch den Rücken zu, lockst du ihn nach draußen, um ein Schneefort zu bauen!”

Sie griffen gleichzeitig nach den Satteltaschen, und nach kurzem Ringen ließ sie los. “Er ist ein Kind”, sagte Doss. “Wenn es nach dir ginge, würde er nichts anderes tun als durchs Teleskop schauen und Schach spielen!”

“Ich habe durchaus die Absicht, dass es auch weiterhin nach mir geht”, erwiderte sie. “Tobias ist mein Sohn, und ich werde mir nicht von dir sagen lassen, wie ich ihn zu erziehen habe!”

Mit Schwung warf Doss sich die Satteltaschen über die Schulter und trat zurück, seine braungrünen Augen verfinsterten sich. “Er ist der Sohn meines Bruders – und ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass du aus ihm ein verweichlichtes kleines Hündchen machst, das an deinen Rockschößen klebt.”

“Das reicht, Doss. Du hast genug gesagt”, erwiderte sie knapp.

Da lehnte er sich so weit nach vorn, dass ihre Nasen sich beinahe berührten. “Ich habe noch nicht mal angefangen zu reden, Mrs. McKettrick.”

Hannah ließ ihn stehen und marschierte Richtung Haus. Der Schnee war fast kniehoch, was es schwierig machte, wütend davonzustapfen. Ohne sich umzudrehen, rief sie ihm über die Schulter zu: “In einer Stunde ist das Abendessen fertig, aber vielleicht isst du ja lieber bei den Arbeitern.”

Doss’ Lachen ärgerte sie, was er sicherlich auch beabsichtigt hatte. “Mit dem alten Charlie kommt man zwar viel leichter aus als mit dir, aber wenn es ums Kochen geht, kann er dir nicht das Wasser reichen. Wie auch immer, er ist für einen Monat weg, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.”

Obwohl ihr in Gabes altem Wollmantel bitterkalt war, spürte Hannah, wie sie errötete. Gabes Geruch verflüchtigte sich langsam aus dem alten Gewebe, und sie wünschte, sie wüsste einen Weg, ihn festzuhalten.

“Ganz wie du willst”, erwiderte sie scharf.

Tobias schob gerade ein Holzscheit in den Herd, als sie hereinkam. Glühende Funken stoben den schwarzen Rauchfang hinauf, bevor er die Ofenklappe mit einem lauten Knall schloss.

“Wir haben doch nur ein Fort gebaut”, brummte er.

Hannah wurde ganz reglos bei seinem Anblick, so, als ob jemand ein Lasso über sie geworfen und fest zugezogen hätte. “Ich könnte Brot und Würstchen in Bratensoße machen”, sagte sie leise.

Aber Tobias ignorierte ihr Friedensangebot. “Du bist hinuntergeritten, um den Postwagen abzufangen”, meinte er, ohne sie anzusehen. “Habe ich irgendwelche Briefe bekommen?” Mit den Händen in den hinteren Hosentaschen und den dunkelblonden Haaren, die in der durchs Fenster schimmernden Wintersonne glänzten, sah er aus wie Gabe in seinem Alter.

“Einen von deinem Großvater”, sagte Hannah. Automatisch hängte sie ihre Mütze an den üblichen Haken, zog die gestrickten Fäustlinge aus und stopfte sie in die Taschen von Gabes Mantel. Den Mantel streifte sie immer zuletzt ab, weil sie es hasste, sich von ihm zu trennen.

“Welcher Großvater?” Tobias wärmte seine Hände am Ofen und weigerte sich noch immer, seine Mutter anzusehen.

Hannahs Familie lebte in Missoula, Montana, in einem großen Haus an einer dreispurigen Wohnstraße, und sie vermisste sie schrecklich. Dass Tobias auf einen Brief von Holt und nicht von ihrem Vater hoffte, schmerzte sie ein wenig.

“Der McKettrick-Opa”, antwortete sie.

“Gut”, nickte Tobias.

Die Hintertür ging auf, und Doss trat ein, noch immer die Satteltaschen über der Schulter. Normalerweise klopfte er vor dem Eintreten den Schnee von seinen Stiefeln, aber heute war er stur.

Hannah ging zum Ofen und füllte eine Schüssel mit heißem Wasser, um das Geschirr zu spülen, bevor sie zu kochen begann.

“Fang”, rief Doss fröhlich.

Als sie sich umdrehte, sah sie die Satteltasche mit der Post durch die Luft fliegen. Tobias fing sie geschickt und mit einem Grinsen auf.

Wann hatte er sie zuletzt so angegrinst?

Aufgeregt durchwühlte der Kleine die Taschen und fand schließlich den dicken, in San Antonio, Texas, abgestempelten Umschlag. Ihre Schwiegereltern Holt und Lorelei McKettrick besaßen eine Farm etwas außerhalb dieser weit entfernten Stadt. Seit Kriegsbeginn verbrachten sie viel Zeit dort, auch wenn Triple M nach wie vor ihr Zuhause war. Hannah kannte sie kaum. Auch Tobias kannte seine Großeltern nicht, doch seit er lesen konnte, führte er einen lebhaften Schriftverkehr mit den beiden. Seit Gabes Tod kamen die Briefe wöchentlich.

Natürlich waren Gabes Eltern zum Begräbnis gekommen, und seitdem hegte Hannah insgeheim eine bestimmte Befürchtung. Holt und Lorelei sahen in Tobias ihren verlorenen Sohn, genau wie sie selbst. Vor ihrer Abreise boten sie Hannah an, ihn mit nach Texas zu nehmen. Sie brauchte nicht abzulehnen – das erledigte Tobias für sie, aber er war sichtlich hin- und hergerissen. Ein Teil von ihm wollte mit.

Bis zur Abreise von Holt und Lorelei hatte Hannah furchtbare Ängste ausgestanden. Und wann immer nun ein Brief von ihnen kam, fühlte sie die Sorgen wieder in sich aufsteigen.

Sie sah Doss zu, wie er sich aus seiner Jacke schälte. Er war zusammen mit Gabe in die Army eingetreten, und auch er hatte die Grippe bekommen, aber überlebt. Nachdem er seinen toten Bruder zur Beerdigung nach Hause gebracht hatte, war er bei Hannah auf der Farm geblieben. Obwohl sie nie darüber gesprochen hatten, wusste sie, dass Doss nicht mit seinen Eltern nach Texas gegangen war, um sich hier um Tobias zu kümmern.

Womöglich befürchteten die McKettricks, dass sie zurück nach Montana gehen würde, sobald sie über den Tod ihres ...

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