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Winter - Erbe der Finsternis

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. Teil 1 - Die Nachtund was sie mit dir macht
  10. Teil 2 - Zu einem brennenden Lebenerwachen
  11. Teil 3 - Die Finsternis erfahren
  12. Epilog

Über das Buch

Die 16-jährige Winter Starr ist schon ihr Leben lang mit ihrer Großmutter dauernd umhergezogen. Gerade hat sie sich in London eingelebt und eine Freundin gefunden, da erkrankt ihre Großmutter schwer. Und Winter wird zu einer Pflegefamilie in eine walisische Kleinstadt geschickt. In der neuen Schule trifft sie auf den geheimnisvollen Rhys, vor dem ihr Pflegebruder Gareth sie jedoch warnt. Ist er nur eifersüchtig, oder ist Rhys tatsächlich gefährlich? Winter kann sich ihrer Gefühle nicht erwehren, und ihm scheint es ähnlich zu gehen. Nicht einmal sein dunkelstes Geheimnis kann ihre Liebe noch erschüttern. Doch damit begibt sie sich in allergrößte Gefahr ...

Über die Autorin

Asia Greenhorn wuchs in einer winzigen Stadt in Wales auf, inmitten des Snowdonia National Park. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrer treuen Siam-Katze Crumb in Mailand.

Prolog

»The Times«, 20. August 2012

Steht ein Vampir hinter dem Überfall in der Walton Street?

Die Polizeibehörden: »Von den Medien aufgebauscht«

Die Meinung des Experten

Oxford. Nach zweitägigem Krankenhausaufenthalt kehrt die neunzehnjährige Studentin Laura Campbell, die beim Verlassen des Kinos zwischen Walton und Cranham Street überfallen wurde, nach Hause zurück.

Nach Aussage der Familie steht sie »noch immer unter Schock«. Der behandelnde Arzt berichtet, sie sei verängstigt und nach wie vor nicht in der Lage, eine klare Rekonstruktion des tragischen Vorfalls zu liefern.

Der Fall erregt jedoch weiterhin Aufsehen, denn aufgrund erster Indiskretionen soll Laura ausgesagt haben, an der Bushaltestelle von einer Unbekannten in die Kehle gebissen worden zu sein, bevor ein Passant durch sein beherztes Eingreifen dem Überfall ein Ende setzte.

Das Mädchen kam glücklicherweise mit dem Schrecken davon, doch die Gewaltepisode wirft ein beunruhigendes Licht auf die ruhige kleine Universitätsstadt.

Nur wenige Einwohner sprechen offen von dem »Vampir von Walton«, doch hinter vorgehaltener Hand verbreitet sich das Gerücht. Unempfindlichere (oder vielleicht kaltschnäuzigere) Gemüter lachen sogar darüber. Doch das sind möglicherweise dieselben, die sorgsam darauf achten, ihr Haus nach Sonnenuntergang nicht mehr verlassen zu müssen.

Die Polizei wird derzeit überschwemmt mit mehrheitlich anonymen und ungenauen Meldungen von Studenten und Einwohnern, die die Vampirin gesehen oder von ihr gehört haben wollen. Dasselbe berichten die Zeitungsredaktionen.

»Es ist der übliche Effekt einer zynischen Ausschlachtung durch die Medien, das Ergebnis sensationslüsterner Artikel in den Lokalblättern«, so der Polizeipressesprecher. »Die Panikmache ist unverhältnismäßig und entbehrt jeder Grundlage.«

Die Presseerklärung hebt die Notwendigkeit hervor, nicht in Panik zu geraten, denn das führe zu falschen Indizien und erschwere so, die Ermittlungen in einem Fall abzuschließen, bei dem es sich lediglich um eine gewöhnliche Gewalttat handle. Zweifellos schrecklich. Aber nichts Besonderes.

»Wir verfolgen eine Spur, und ein Mädchen, das der Beschreibung entspricht, ist gegenwärtig in Untersuchungshaft. Der Rest ist Aberglaube, urbane Legende.«

Wir haben den Folklore-Experten Professor Kevin McArthur, der seit 1990 in Oxford lehrt, um seine Meinung gebeten.

»Was man gemeinhin eine urbane Legende nennt, ist nichts anderes als eine Geschichte, deren Entstehung auf eine Zeitungsnotiz zurückgeht. Anfangs ist sie vielleicht eine reine Spielerei, die sich dann mühelos verbreitet, bis sie in der kollektiven urbanen Vorstellungswelt zu einer Realität wird«, erklärt McArthur. »In unserer bürgerlichen und moralisch kodifizierten Gesellschaft haben erschreckende Gewaltepisoden ohne erkennbaren Grund eine große Wirkung. Deshalb floriert eine Art moderner Mythologie, die eine alternative und akzeptablere Version der Vorfälle liefert, denn der Täter kann unmöglich der liebenswürdige Nachbar sein: Er muss zu einem Ungeheuer, etwas Andersartigem werden. Nur so kann man sich weiterhin vormachen, das Böse könne uns nichts antun.«

In einer Londoner Wohnung schloss ein sechzehnjähriges Mädchen gähnend die Zeitung und widmete sich wieder seinem Frühstück.

Teil 1

Die Nacht
und was sie mit dir macht

Es war zehn Uhr, doch die Schläfrigkeit verflog nur langsam. Winter Starr legte die Zeitung beiseite und betrachtete deprimiert ihre Tasse mit den aufgequollenen Frühstücksflocken, die langsam in der Milch versanken.

Ihr Frühstück war zu einem Brei geworden. So fängt der Tag gleich mies an!, murrte sie innerlich und nahm skeptisch einen Löffel voll.

Vereinzelte Rice Krispies knisterten noch, dann waren sie still und überließen Winter dem tröstlichen Gedanken, dass wenigstens noch Schulferien waren.

Sie verlor sich in Plänen für den kommenden Tag, was ihrem kindlichen Gesicht einen allzu ernsthaften Ausdruck verlieh.

Viel zu viele Dinge hatte sie bisher vor sich hergeschoben: Ausstellungen, die sie besuchen, Bücher, die sie lesen wollte …

Oh Gott, das Shopping!, kam ihr plötzlich in den Sinn. Wie hat Mad es nur geschafft, mich schon wieder um den Finger zu wickeln?

Mad – Madison Winston – war ihre beste Freundin und mit Sicherheit die Einzige, von der sie sich trotz der Augusthitze fast bereitwillig von Geschäft zu Geschäft schleppen ließ.

Sie hatten sich gleich an Winters Ankunftstag in London kennengelernt. Ihre Großmutter und sie hatten gerade die ersten Gepäckstücke aus dem Auto geladen, und Madison hatte sie aus dem Fenster des Nachbarhauses eine Zeit lang beobachtet. Dann, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, waren Madison und ihr Bruder ihnen zu Hilfe gekommen.

Seither bildeten Madison und Kenneth eine Art Erweiterung ihrer Familie, sie waren etwas, das sich auf geheimnisvolle Art mit dem Begriff »Zuhause« verband.

Später hatte Kenneth den Clan auch auf seine Freunde ausgedehnt: Cob, Voice, Bad und Hard. Und als sie die Rockband Sin-derella gegründet hatten, war Winter zu ihrem Maskottchen geworden.

Die Stimme der Großmutter ließ sie aus ihren Gedanken auftauchen.

»Hast du die Koffer schon fertig gepackt, mein Schatz?«, fragte Marion Starr und trat mit raschem Schritt in die Küche.

Ihre Großmutter war eine sechzigjährige Frau voller Energie und mit einer unbändigen Reiselust. Bevor sie sich definitiv in London niedergelassen hatten, war sie mit Winter kreuz und quer durch das Vereinigte Königreich gereist.

»Ja, Oma. Ich hoffe, ich habe die richtigen Dinge eingepackt … Du hast ja nicht gesagt, wohin wir reisen.«

Die Frau sah sie für einen Augenblick forschend an, dann fiel ihr Blick auf die Zeitung, die am anderen Ende des Tisches lag.

»Du magst doch Überraschungen, oder?«, erwiderte sie und klemmte sich die Zeitung unter den Arm.

Winters große graue Augen lächelten. Seit ihre Großmutter ihr angekündigt hatte, dass sie erneut eine Reise machen würden, war sie bezüglich des Reiseziels immer sehr vage geblieben.

»Gehst du aus?«

»Ja, ich muss noch ein paar Dinge einkaufen. Und du?«

»Shopping mit Madison. Sie will sich für das Konzert der Sin etwas Neues besorgen …«

Marion Starr streichelte ihr über das dichte dunkle Haar.

»Madison hat recht. Schließlich treten die Sin-derella zum ersten Mal in einem Lokal auf. Das muss man feiern«, sagte sie sanft.

Gedankenverloren hob sie die silberne Halskette an, die ihre Enkelin immer um den Hals trug. Der Anhänger, eine facettierte Kristallkugel, funkelte im Morgenlicht.

Marion betrachtete ihn ein paar Sekunden lang. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr und seufzte.

»Ich muss gehen, wenn ich nicht zu spät kommen will. Sehen wir uns heute Nachmittag?«

Winter nickte.

»Bis später, Oma.«

Sie spülte die Frühstückstasse, reckte und streckte sich ein letztes Mal und ergab sich dem Gedanken, den Tag in Angriff zu nehmen.

Marion Starr machte gerade die letzten Einkäufe in dem kleinen Supermarkt am Ende der Straße. Sie musste sich beeilen, wenn sie vor Ladenschluss noch in die Reinigung wollte.

Am Nachmittag war sie bereits an der Reinigung vorbeigekommen, hatte aber vergessen, dass sie noch Kleider abholen musste. Sie war lediglich etwas herumgeschlendert und hatte die Auslagen in den Schaufenstern betrachtet, um schließlich auf dem Nachhauseweg den Einkauf zu erledigen.

Schon den ganzen Tag über hatte die schwüle Hitze jede Tätigkeit beschwerlich gemacht, und jetzt schien sie ihr die letzten Kräfte zu rauben.

Oder vielleicht war Marion Starr einfach nervös, weil sie mit dem Sozialamt zu tun gehabt hatte. Sie mochte es nicht, von den Sozialarbeiterinnen besucht zu werden, und all die Fragen über Winter, sie selbst und ihr gemeinsames Leben bereiteten ihr immer Unbehagen. Sie bekam jedes Mal hämmernde Kopfschmerzen, die nur langsam wieder abklangen.

Sie raffte sich auf, ging weiter an den Regalen entlang und hielt immer wieder inne, um die einzelnen Einkäufe zu begutachten.

»Guten Tag, Mrs Starr.«

Die Begrüßung der Ladenbesitzerin Penny Ford ließ Marion aufschrecken. Sie hatte sie nicht kommen gehört.

»Guten Tag.«

Marion legte einige Dosen in den Einkaufskorb und blieb ein paar Meter weiter vor den Marmeladen stehen.

»Ist keine Orangenmarmelade mehr da?«

»Nein, tut mir leid, wir haben etwas Verspätung bei der Auslieferung. Aber wenn Sie morgen wiederkommen, finden Sie bestimmt welche …«

Marion schüttelte den Kopf.

»Schade. Ich fürchte, ich werde für eine Weile nicht vorbeikommen können.«

Eine ganze Weile, wenn alles gut geht, präzisierte sie innerlich.

Es musste die Hitze sein. Sie konnte sich nicht konzentrieren und fühlte sich immer kraftloser.

Plötzlich kam es ihr sogar vor, als würden die Regale nach vorn kippen und über ihr zusammenbrechen. Sie versuchte zurückzuweichen, aber die Muskeln wollten ihr nicht gehorchen. Dabei sollte sie am Abend doch noch Auto fahren …

»Ich sagte, fahren Sie noch mal in Urlaub, bevor die Schule Ihrer Enkelin wieder anfängt?«, wiederholte Penny Ford.

Marion atmete tief durch und versuchte, den plötzlichen Schwindelanfall unter Kontrolle zu bekommen.

»Ach, nein … Ich bin nur gerade ziemlich beschäftigt.«

Der Raum begann wieder zu wanken, und Marion fragte sich, ob sie es überhaupt schaffen würde zu verreisen. Doch sie konnten die Abreise nicht länger aufschieben.

Vorausgesetzt, es ist nicht bereits zu spät!

Marion Starr wusste, was das Treffen am Vormittag zu bedeuten hatte.

Unvermittelt befiel sie noch stärkerer Schwindel, und sie sank langsam in die Knie, um nicht hinzufallen.

Ihr Kopf fühlte sich an wie unter einer Glocke, und sie sah alles unscharf.

»Ist Ihnen nicht gut, Madam?«

Penny Ford näherte sich beunruhigt, doch Marion nahm es kaum wahr.

»Kommen Sie, Mrs Starr, ich helfe Ihnen auf!«

Sie fasste Marion um den Rücken und begann sie hochzuziehen. Doch auch das half ihr nicht, das Bewusstsein wiederzuerlangen.

Als Winter nach einer anstrengenden Shoppingtour nach Hause kam, war es bereits nach sechs Uhr. Sie war etwas erstaunt, als niemand auf ihr Klingeln reagierte.

Offenbar vergnügt sich sogar Oma beim Einkaufen mehr als ich!, dachte sie mit leichter Ironie, während sie den Hausschlüssel im Türschloss drehte.

Sie musste dringend etwas Kühles trinken und sich die Schuhe ausziehen.

Im Gegensatz zu ihrer Großmutter war Winter der Meinung, dass ein Einkaufsbummel bei der Hitze eine raffinierte Form von Masochismus darstellte, und die Rückkehr in die häusliche Ruhe erschien ihr kurzzeitig wie ein Traum.

Sie schlüpfte in ein uraltes, übergroßes T-Shirt und ausgebeulte kurze Hosen, deren einziger Vorzug darin bestand, bequem zu sein, und zog eines der neu erstandenen Bücher aus den Einkaufstüten. Den Ventilator vor sich und eine Flasche kühles Wasser daneben, legte sie sich auf ihr Bett und versank in der Lektüre.

So lässt sich’s leben!, dachte sie.

Erst sehr viel später, als das Abendlicht bereits dämmrig wurde, tauchte sie wieder aus der Lektüre auf. Sie schreckte hoch, als das Telefon läutete.

»Hallo?«, sagte sie lustlos und schalt sich einen Dummkopf, weil sie erschrocken war.

Doch dann wich jeder Ausdruck aus ihrem Gesicht, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung und Sorge.

»Winter Starr?«

»Am Apparat.«

»Ich bin Dr. Jonathan Taylor vom St-Charles-Krankenhaus. Es geht um Ihre Großmutter …«

Winter schluckte, um die Tränen zurückzudrängen, denn ihre Großmutter war ihre ganze Familie.

Als das Auto der Winstons auf dem Krankenhausparkplatz anhielt, hatte Winter feuchte Augen, und auch Madison war schrecklich beunruhigt.

Marion Starr war seit einigen Stunden auf der Intensivstation.

»Es tut mir so leid, Liebes«, sagte Susan Bray. Sie hatte sich sofort bereit erklärt, Winter zum Krankenhaus zu fahren.

Susan Bray war die Rechtsanwältin der Vormundschaftsbehörde, die sich seit Ewigkeiten um Winter und ihre Großmutter kümmerte, eine drahtige Frau mit einem schmalen Mund, der normalerweise mild lächelte.

In dem Moment jedoch stand ein aufrichtig betrübter Ausdruck auf ihrem hageren und reifen Gesicht.

»Ich werde nachher noch einmal mit den Ärzten sprechen, um mehr zu erfahren …«

Winter ertrug alles schweigend, sie sah einfach nur dem Minutenzeiger der Uhr im Wartesaal zu, dessen Ticktack im Stimmengewirr der Besucher unterging.

Die Anwältin warf ihr hin und wieder besorgte Blicke zu.

»Trink, Win!«, sagte Madison und reichte ihrer Freundin einen Kaffee aus dem Getränkeautomaten.

Dabei lächelte sie, um die Spannung zu lösen, und zog dann die Augenbrauen zu einer komischen strengen Miene zusammen.

Winter trank den Kaffee. Sie verbrannte sich die Zunge und nahm kein Aroma wahr.

Es war bereits nach Mitternacht.

»Wo willst du heute Nacht schlafen, Winter?«, fragte Susan und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Winter lächelte gezwungen.

»Wahrscheinlich hier, Susan. Ich gehe nicht fort, bevor ich nicht weiß, was mit Oma los ist …«

Die Anwältin seufzte, versuchte abzuschätzen, wo die Grenze ihrer beruflichen Kompetenzen verlief, und plante rasch die nächsten Schritte.

Sie war zum Glück eine praktische Frau, und nach all den Jahren, in denen sie sich um die beiden Starrs gekümmert hatte, war sie auf einen Fall wie diesen gefasst gewesen.

Als Erstes musste sie nun dringend ein paar Telefongespräche erledigen.

Gegen vier Uhr morgens legte Winter sich im Wartesaal erschöpft auf die Sitzreihe und zog dabei das leichte Sweatshirt eng um sich, das sie jedoch nicht vor der kalten Luft der Klimaanlage zu schützen vermochte.

Allmählich übermannte sie der Schlaf wie ein unerbittliches Betäubungsmittel.

Sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen, doch schließlich fiel sie in einen unruhigen, quälenden Dämmerschlaf.

Es war schlicht unvorstellbar für sie, dass ihrer Großmutter etwas zustoßen könnte. Beim bloßen Gedanken daran blieb ihr die Luft weg.

Sie stöhnte leise im Schlaf und kuschelte sich fröstelnd an ihre Freundin, die auf dem unbequemen Sitz neben ihr döste.

Eine leichte Berührung ließ sie hochfahren.

»Winter«, rief Susan Bray leise.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte das Mädchen, ohnmächtig zu werden. Sicher gab es Neuigkeiten von den Ärzten.

Sie fuhr mit der Hand an ihren Hals und drückte ihren Glücksbringer-Anhänger.

»Das Schlimmste ist überstanden, aber du musst stark sein, mein Schatz.«

Zum ersten Mal drückte Susan sie in einer Umarmung, die nach teurem Parfüm duftete, und wiegte sie langsam, bis der Druck ihrer Arme allmählich nachließ.

»Die Ärzte fürchten nicht mehr um ihr Leben, aber deine Großmutter ist im Koma«, erklärte sie ernst und liebevoll. Es gab keine andere Möglichkeit, ihr eine solche Botschaft zu überbringen. »Der Grund liegt möglicherweise nur in ihrem Zusammenbruch, aber es müssen noch weitere Untersuchungen durchgeführt werden.«

Winter presste die Lippen zusammen.

Ihr wurde schwindlig, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Madison umarmte sie fest, und Susan Bray ließ die beiden für einen Moment allein.

Das ist doch total verrückt!«, platzte Madison heraus, während sie mit langen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab ging. »Was für ein Scheißverfahren ist das denn?«

»Die Ärzte gehen davon aus, dass meine Oma mindestens noch ein paar Wochen im Krankenhaus bleiben muss, Mad«, antwortete Winter in möglichst neutralem Tonfall. »Sie machen einen Haufen Untersuchungen und hoffen, dass sie in Kürze aus dem Koma aufwacht, aber Susan musste in der Zwischenzeit eine Lösung für mich finden.«

Winter rutschte unruhig hin und her.

Sie war auch nicht begeistert davon, dass sie London verlassen und zu einer unbekannten Familie ziehen musste. Aber hatte sie eine andere Wahl?

Die amtliche Verfügung war eindeutig, und sie hatte in ihrem Leben schon so viele Verfügungen gesehen, dass sie es aufgegeben hatte, sich dagegen aufzulehnen.

»Mad«, ermahnte sie ihre Freundin mit gedämpfter Stimme.

Es war deprimierend, wieder einmal jemandem, der in einer glücklichen Familie lebte, erklären zu müssen, wie das alles funktionierte.

Sie senkte instinktiv den Blick und versuchte, sich so klar und kurz wie möglich auszudrücken.

Solange Marion Starrs Gesundheitszustand nicht wiederhergestellt war, wurde Winter einer vorübergehenden Vormundschaft unterstellt.

»Du weißt, wie das läuft. Wenn das Sozialamt findet, dass uns ein Tapetenwechsel guttut, ziehen wir um, wenn es meint, dass wir Hilfe benötigen, kriegen wir täglich Besuch von Sozialarbeiterinnen. Und wenn wir Entscheidungen treffen müssen, werden sie uns vom Sozialamt nahegelegt. Solange meine Oma im Krankenhaus bleibt, muss ich mich also unverzüglich in ein bescheuertes Kaff in Wales verziehen und zusehen, dass es mir dort auch noch gefällt.«

Sie fühlte den skeptischen Blick der Freundin auf sich ruhen, bemühte sich aber, ihn zu ignorieren. Wie nahe sie sich auch waren, es gab Momente, in denen die beiden Mädchen in zwei völlig verschiedenen Welten zu leben schienen.

»Das ist echt ein Scheißsystem!«, beharrte Madison und schüttelte ihre zerzausten Zöpfchen.

Winter betrachtete ihr Piercing unter der Lippe und den kämpferischen Gesichtsausdruck. Madison war so gradlinig und voller Mut, dass es ihr manchmal das Herz erweichte.

»Es ist doch nur für ein paar Wochen, Mad«, tröstete sie die Freundin mit einem angedeuteten Lächeln, »die gehen schnell vorbei …«

»Das sind Tyrannen! Ruf mich wenigstens jeden Tag an und sieh zu, dass du bald zurückkommst, ansonsten rede ich mal ein Wörtchen mit dieser Vormundschaftsbehörde, okay?«

Das würde bestimmt eine interessante Unterhaltung werden, dachte Winter bei sich. Dann zog sie aufs Geratewohl eine DVD hervor und schob sie mit Nachdruck in den Player.

The Big Bang Theory, erste Staffel. Sie hatten jede Folge schon mehrmals gesehen, aber das machte nichts. Die Abenteuer der vier unbeholfenen Nerds aus Kalifornien waren genau das, was sie jetzt brauchten, um nicht an die eigenen Probleme zu denken.

Sie lagen auf dem Bett, hielten sich an der Hand und bemühten sich, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Während die nordwalisische Landschaft – eine verregnete ländliche Gegend in allen möglichen Grüntönen – rasch vor dem Autofenster vorüberzog, nagte Winter nervös an ihrer Lippe und trommelte mit den Fingern auf die Armstütze des Autositzes.

Sie konnte ihren letzten Besuch bei ihrer Großmutter einfach nicht vergessen: Marion Starr, die sie immer als stark und selbstsicher erlebt hatte, lag seit Tagen bewusstlos in einem Krankenhausbett.

Die Ärzte waren noch nicht in der Lage gewesen, die Ursache ihres Zustands zu ermitteln. Sie unterzogen sie sämtlichen Routineuntersuchungen und legten einen besonnenen Optimismus an den Tag.

»Du wirst sehen, es wird dir gefallen bei den Chiplins«, sagte Susan Bray, nachdem sie Winter zum x-ten Mal seufzen gehört hatte. Sie hatten auf dieser Reise nicht viel miteinander gesprochen.

Susan hatte sich auf das Fahren konzentriert, und Winter hatte ihren Gedanken nachgehangen und auf vereinzelte Fragen im Telegrammstil geantwortet.

Die Anwältin war nicht besonders geübt darin, bedrückte Sechzehnjährige zu trösten, aber vielleicht gab es auch einfach nichts Tröstendes zu sagen.

Als endlich ein Straßenschild anzeigte, dass es nur noch wenige Meilen bis zum nordwalisischen Cae Mefus waren, hatte Susan Bray zumindest den zweiten Grund für Winters Sorgen intuitiv erfasst.

»Die Chiplins sind eine tolle Familie«, versuchte sie es erneut.

Winter antwortete mit einem leichten Kopfnicken und wandte sich unwillig vom Fenster ab.

Als ihr in den Sinn kam, dass die pingelige und methodische Susan möglicherweise nicht begeistert war über die von ihrem Atem beschlagene und mit ihren Fingerabdrücken versehene Autoscheibe, war es bereits zu spät.

»Es sind ja bloß ein paar Wochen«, erwiderte sie knapp und setzte sich gerade hin.

Da es nun einmal unvermeidlich war, überwog langsam eine gewisse Neugier.

»Das Ehepaar Chiplin besteht aus Griffith und Morwenna. Ihr ältester Sohn Gareth ist ein Jahr älter als du und die Tochter Eleri ein Jahr jünger. Ihr müsstet euch eigentlich gut verstehen … Der Jüngste heißt Dai und ist neun. Ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass ich Morwenna gesagt habe, du hättest bestimmt nichts dagegen, hin und wieder auf ihn aufzupassen.«

Das Mädchen verzog verärgert die Lippen: Susan hatte ihren Job so gut gemacht, dass sie sogar schon eine Beschäftigung für sie gefunden hatte!

Es ist nur ein weiterer Umzug, mehr nicht, versuchte sie sich vergeblich einzureden, und sobald es Oma besser geht, kehrst du nach Hause zurück!

»Wie du siehst, ist Cae Mefus ein kleiner Ort, und im Vergleich zu London wird er dir wie ein Nest vorkommen, fürchte ich … Aber es soll eine gut bestückte Bibliothek geben. Und das Haus der Chiplins liegt ganz gut. Du wirst ein Zimmer für dich allein haben, und es gibt eine Internet-Flatrate.«

Die Chiplins schienen tatsächlich eine Bilderbuchfamilie zu sein. Winter lag schon die provozierende Frage auf der Zunge, wie denn ihr Hund hieß, aber sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Die Anwältin war nicht schuld an der Situation und versuchte ihr bloß zu helfen, so gut sie konnte.

»Gut«, sagte sie deshalb nur und gab sich Mühe, gelassen zu wirken.

In Wahrheit schlug ihr Herz wie wild und kalter Schweiß lief ihr über den Körper, während das Auto nun bereits durch die Straßen der Kleinstadt fuhr.

Komm schon, wiederholte sie innerlich, es wird bald vorbei sein

Sie griff automatisch nach ihrem Anhänger, drückte ihn leicht und tat so, als wäre wirklich alles in Ordnung.

»Lass Gareth die Tasche tragen, Winter«, sagte Morwenna Chiplin freundlich, aber bestimmt nach dem ersten zögerlichen Händedruck. »Als Erstes zeigen wir dir jetzt dein Zimmer.«

Sie war nicht viel älter als vierzig und gehörte zu dem Frauentyp, den man spontan mit dem Bild der Hausfrau und Mutter assoziierte: Sie hatte ein sympathisches Gesicht, ein liebesvolles Lächeln und strahlte eine natürliche Autorität aus, die erkennen ließ, dass sie es gewohnt war, sich Respekt zu verschaffen.

Morwenna hatte blonde Haare und blaugrüne Augen. Um genau zu sein, ließen sich alle Chiplins, die Winter bisher kennengelernt hatte – Gareth, Eleri und Dai – in diese Farbskala einordnen.

Da es gerade mal kurz zu regnen aufgehört hatte, standen sie noch immer auf dem Gartenweg vor dem Haus, doch offenbar wollte die Hausherrin nun in das Cottage zurückkehren.

Winter verspürte keinerlei Eile einzutreten, so als ließe ihr die Nähe zu Susan Brays Auto die Illusion einer Fluchtmöglichkeit. In der Hoffnung, das Unausweichliche hinauszuzögern, zeigte sie sich ausgesprochen interessiert an der äußeren Umgebung.

Verglichen mit ihrer Wohnung in London wirkte das Heim ihrer Gastfamilie wie aus einer anderen Epoche, ein weißes Cottage mit grauem Dach, identisch mit zehn anderen in einer Straße am Stadtrand von Cae Mefus.

Der kleine Garten mit einer Hängebirke vor dem Haus war gepflegt, der Gartenweg tadellos sauber. Eine niedrige weiße, an einigen Stellen moosbedeckte Mauer begrenzte das Grundstück.

»Los, Kinder!«, rief Morwenna und ging allen voran auf das Haus zu.

Gareth ergriff Winters Reisetasche, bevor sie etwas sagen konnte, und Winter blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen.

Mrs Chiplin war schon fast bei der Treppe angekommen, als die Anwältin sie zurückrief.

»Was meinen Sie, Morwenna, sollen wir noch kurz den bürokratischen Kram erledigen, während die Kinder Winter nach oben begleiten?«

Die Blicke der beiden Frauen trafen sich im Flur, und sie verstanden sich sofort.

»Gute Idee, Susan«, stimmte Morwenna zu, »Sie trinken doch noch einen Tee, oder?«

Die beiden Frauen verschwanden in einem Raum, schätzungsweise die Küche, und Eleri lächelte Winter zu.

»Komm«, forderte sie sie auf, »du musst zwar ziemlich Treppen steigen, aber es lohnt sich!«

Winters Zimmer war eine großzügig ausgebaute Mansarde.

»Sie ist noch ein bisschen leer, aber wir dachten, du würdest sie vielleicht gern selber einrichten, nach deinem Geschmack …«, erklärte das Mädchen und zeigte ihr den kleinen Schrank, den Schreibtisch, ein großes Bücherregal, das nur darauf wartete, mit ihren Büchern gefüllt zu werden, und ein französisches Bett, das breiter war als ihr altes in London.

Es war ein riesiger Raum mit drei großen Dachfenstern. Von den anderen Schlafzimmern getrennt, aber gemütlich, wie das Zimmer eines Ehrengasts.

Während sie alles eingehend betrachtete, wurde Winter sich bewusst, dass ihr der Geschmack der Chiplins besser gefiel, als sie sich vorgestellt hatte. Es war ein einfaches, sauberes Zimmer. Und viel zu behaglich für eine nur vorübergehende Unterkunft.

Nur bis Oma wieder gesund ist!, sagte Winter sich zum x-ten Mal.

Eleri und Dai traten unbefangen ins Zimmer. Gareth dagegen stand an den Türrahmen gelehnt da und wartete.

Es war eine nette Geste, mit der er gewissermaßen ausdrückte, dass er es bereits als ihr Zimmer betrachtete. Eine Botschaft, die Winter leicht beunruhigend fand, angesichts der Umstände.

Gareth Chiplin war großgewachsen für sein Alter, doch sein schlanker Körper hatte nichts Kindliches oder Mädchenhaftes, wie es für viele allzu schnell in die Höhe geschossene Siebzehnjährige typisch war. Er war im Gegenteil sehnig und kräftig, und sein schwarzes T-Shirt ließ einen athletischen Körperbau erkennen. Nur in seinem Gesicht zeigte sich noch eine vage Spur kindlicher Zartheit, die seine markanten Gesichtszüge etwas weicher machten, ebenso wie die unter glänzenden, aschblonden Haaren halb verdeckten Augen, deren undefinierbare Farbe zwischen bernsteinfarben, grün und blau schwankte.

Sein gleichgültiger Gesichtsausdruck war schwierig zu deuten: Möglich, dass er einfach nur tödlich gelangweilt war.

Die Reisetasche, die er hochgetragen hatte, lag zu seinen Füßen.

»Danke für die Tasche.«

»Keine Ursache. Sie ist leicht«, antwortete er mit einem schiefen Lächeln. »El hatte mich schon fast überzeugt, dass Mädchen nicht verreisen können, ohne ihr ganzes Zimmer mitzunehmen …«

Seine Schwester warf ihm einen drohenden Blick zu, dann schaute sie Winter ernst an.

»Glaub ihm bloß nichts«, sagte sie. »Dieser Ratschlag ist wertvoller, als du meinst!«

Gareths Grinsen verstärkte sich, und Winter hatte den Eindruck, dass die beiden sehr gut aufeinander eingespielt waren.

»Ich möchte es lieber Mama überlassen, dich durch das Haus zu führen«, sagt Eleri unvermittelt und schüttelte den blonden Pferdeschwanz. Sie saß im Schneidersitz auf dem Schreibtisch und machte nicht den Eindruck, als wollte sie so bald wieder aufstehen. »Sie ist mächtig stolz darauf, wie sie es eingerichtet hat, und ich möchte ihr ungern die Schau stehlen. Schätzungsweise will auch die Anwältin sich alles ansehen, bevor sie dich hierlässt …«

Davon war Winter keineswegs überzeugt. Susan würde wahrscheinlich alles, was sie interessierte, bei einer Tasse Tee erfahren.

Und wenn sie nicht gerade eine Leiche in der Kühltruhe fand, würde Susan ihre Meinung bezüglich Winters Aufenthalt hier kaum ändern.

»Schaut aber die chinesischen Vasen nicht allzu genau an«, fiel Gareth ein. »Dai hat eine zerschlagen, als er im Wohnzimmer Ball gespielt hat, und wir mussten sie heimlich zusammenleimen. Mama hat es bis jetzt noch nicht entdeckt …«

Der kleine Junge zog einen Schmollmund und warf Winter einen misstrauischen Blick zu. Er dachte wahrscheinlich, dass ein solches Geheimnis nicht mit Fremden geteilt werden sollte.

»Du hast schlecht geworfen«, protestierte er streitlustig. Sollte Winter petzen, würden die anderen beiden wenigstens mit drinhängen!

»Wenn du keine Bälle halten kannst, ist das nicht meine Schuld«, erwiderte sein Bruder.

Winter blinzelte. Familiendynamiken zu beobachten brachte sie immer in Verlegenheit. Wie die Streitereien zwischen Madison und Kenneth … Sie fühlte sich dann immer noch mehr wie eine Außenstehende, quasi ein Eindringling, der an einen Ort geraten war, wo er nicht hingehört.

Plötzlich schien es ihr albern, weiter auf ihre Schuhspitzen zu starren. Etwas steif setzte sie sich aufs Bett.

»Aber den Stadtrundgang machen wir mit dir«, verkündete Eleri. »Es gibt zwar rein gar nichts zu sehen, aber wenn du dir Mühe gibst, findest du es vielleicht sogar interessant.«

»Danke.«

Das Mädchen zog amüsiert die Schultern hoch.

»Mach dir keine Illusionen, diese Stadt ist tödlich langweilig.«

Instinktiv führte Winter ihre Hand an den Hals und tastete nach der vertrauten Kette.

Willkommen in Wales, Winter Starr, sagte sie sich freudlos.

Eleri hatte nicht übertrieben, als sie sagte, dass Cae Mefus nicht viele Unterhaltungsmöglichkeiten bot. Das Zentrum war klein, die wenigen Geschäfte waren voller Dinge, die für Hausfrauen recht nützlich, für Jugendliche jedoch völlig uninteressant waren, die Filme in der Videothek waren allesamt schon älter, und dann gab es noch einen Spielplatz voller Kinder und das Manaros, ein Pub, dessen Besitzer sich meistens weigerte, Alkohol an Minderjährige auszuschenken.

Fünf Tage waren seit ihrer Ankunft vergangen, und Winter hatte sie mehr oder weniger zurückgezogen in der Mansarde verbracht und ihre Gastfamilie nur zu den Mahlzeiten getroffen. Sie hatte keine Lust auf Gesellschaft, und die Chiplins wollten ihr Zeit lassen.

Sie hatte in dieser Zeit praktisch den ganzen Tag nur gelesen. Und eine rasche Überschlagsrechnung des verbliebenen Vorrats an mitgebrachten Büchern machte ihr klar, dass sie dringend etwas unternehmen musste.

Die Bibliothek von Cae Mefus befand sich im öffentlich zugänglichen Flügel eines großen Gebäudekomplexes, in dem auch die St-Dewi’s-Schule untergebracht war.

Winters Turnschuhe quietschten auf dem gebohnerten Fußboden, als sie mit prüfendem Blick an den Bücherregalen entlangging. Was sie sah, war ermutigend. Es gab hier Bücher jeder Gattung, antike Ausgaben ebenso wie Neuerscheinungen.

Seltsam war nur, dass trotz der offensichtlich großen Investitionen in den Bibliotheksbestand der Ort fast menschenleer war.

Vielleicht, dachte Winter, kommen die Jugendlichen von Cae Mefus nur ungern in die Nähe der Schule, solange sie nicht dazu gezwungen sind …

Etwas Einsamkeit war jedenfalls genau das, was sie brauchte. Sie wollte Ruhe tanken, bevor sie wieder in das betriebsame Haus der Chiplins zurückkehrte.

Sie wählte aus den zahlreichen Romanen, die ihr Interesse geweckt hatten, einen aus und setzte sich im Lesesaal an den Tisch, der dem großen Fenster am nächsten stand.

Es begann zu dämmern.

Rhys Llewelyn seufzte, klappte sein Buch zu und rollte die Schultern, um seine verkrampften Muskeln zu lockern.

Es musste schon fast Zeit sein für die Bibliotheksschließung und Mr Graves würde bald zu meckern anfangen wegen der beiden verspäteten Leser im Saal.

Das Mädchen neben dem Fenster hatte er noch nie gesehen, und das war ungewöhnlich in einem kleinen Ort wie Cae Mefus. Sie war vor Stunden lautlos eingetreten, war ziemlich lang leichtfüßig zwischen den Regalen umhergestreift und hatte dann ihre Wahl getroffen.

Er hatte sie eine Zeit lang beobachtet und einen Hauch von Traurigkeit in ihren hellen Augen wahrgenommen.

Mr Graves würde sie bestimmt gleich in seiner ruppigen Art wegschicken.

Der Junge war versucht, sie vorzuwarnen, doch der Bibliothekar kam ihm bereits entgegen und ließ ihm keine Möglichkeit.

»Llewelyn«, rief er, »stell die Bücher zurück und geh nach Hause. Und die da hinten kannst du gleich mitnehmen. Macht einen Spaziergang, wenn ihr nichts Besseres zu tun habt.«

Rhys täuschte einen Hustenanfall vor, um das Lachen zu verbergen.

»Gewiss, Mr Graves. Wird erledigt.«

Aufgeschreckt von den Stimmen, blickte Winter hoch.

Bis zu diesem Moment war die Bibliothek so still gewesen, dass es ihr vorkam, als würde sogar das Rascheln der Buchseiten widerhallen.

Sie suchte nach der plötzlichen Lärmquelle und kreuzte zufällig den Blick des Jungen mit den kastanienbraunen Haaren, der ihr entgegenkam.

»Ich fürchte, Mr Graves will hier schließen«, erklärte er.

Er war hochgewachsen, schlank, aber nicht zartgliedrig, und die Haare fielen ihm in einem faszinierenden Licht- und Schattenspiel in das gut geschnittene Gesicht.

»Ah!«

Winter nickte, bevor ihr bewusst wurde, wie albern der Ausruf geklungen haben musste.

Deshalb wandte sie den Blick schnell wieder ab, klappte das Buch zu und zog sich das Sweatshirt über. Dabei ließ sie sich viel mehr Zeit, als nötig gewesen wäre, in der Hoffnung, sich unbemerkt aus dem Staub machen zu können.

Der Junge und sie erreichten die Rückgabewagen jedoch im gleichen Moment.

»Nach dir«, sagte er und ließ ihr höflich den Vortritt.

»Danke.«

Winter beschleunigte ihre Bewegungen. Sie legte das Buch in den Rückgabewagen und sah, dass der Junge ihr die Hand hinhielt.

»Rhys Llewelyn«, stellte er sich vor.

»Winter Starr«, antwortete sie und drückte eilig seine Hand. Da ihr keine andere Wahl blieb, musste sie wohl oder übel auch seinen Blick erwidern, in der Hoffnung, ein angemessenes Desinteresse auszudrücken. Sie war nicht in Stimmung, Konversation zu machen, und es war ihr egal, wenn er das merkte.

Sie hob ihren Blick und sah Rhys’ Augen.

Ockerrot, ging ihr durch den Kopf. Die Iris seiner Augen war ockerrot. Dieses warme Kastanienbraun mit den schillernden roten Tönen war eindeutig die seltsamste Augenfarbe, die sie je gesehen hatte.

Um ihre Überraschung zu verbergen, zwang Winter sich, den Blick nicht abzuwenden.

»Bist du gerade erst hierhergezogen?«, fragte der Junge freundlich und sie bekam eine Gänsehaut.

Hierhergezogen?! Wir kam er nur darauf!

»Nein, nein!«, antwortete sie rasch. »Das heißt … Ich bin nur vorübergehend hier.«

Der Ausdruck, der in seinem Gesicht aufblitzte, war unmöglich zu enträtseln, und die Stimme des Bibliothekars ließ ihr auch gar keine Zeit dazu.

»Schwatzen könnt ihr draußen«, sagte er brüsk und begann, die Lichter zu löschen.

Rhys Llewelyn zuckte beinahe entschuldigend die Schultern.

»Er nimmt’s peinlich genau mit den Öffnungszeiten«, erklärte er.

Winter nickte.

Als wäre das alles vollkommen alltäglich für sie: der unsympathische Bibliothekar, der die einzigen beiden Leser des Orts aus der Bibliothek jagte, und die jaspisfarbenen Augen dieses Jungen.

Sie lächelte, und er lächelte zurück.

Er wirkte ebenso neugierig wie sie. Und irgendwie schaffte er es, ihre ganze Aufmerksamkeit gefangen zu nehmen.

Rhys konnte nicht aufhören, das Mädchen vor ihm zu mustern.

Und er wusste mit Sicherheit, dass sie dasselbe tat, und zwar auf eine außergewöhnlich ähnliche Art. Auf der Suche nach Einzelheiten, Nuancen …

Nach dem, was man durch die Augen einer Person von ihrer Seele zu erfassen vermochte.

Seltsam, dachte er, denn im Allgemeinen war er derjenige, der beobachtete. Es war eher selten, dass andere ihn so eindringlich ansahen.

Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist, Winter Starr?, fragte er sie innerlich und ließ dabei weiterhin seinen Blick über sie gleiten, während er ihr beim Verlassen des Gebäudes die Tür aufhielt.

Richter Moore starrte seit mehreren Sekunden auf die strohgelbe Farbe seines Scotchs, als hätte er vergessen, dass Susan Bray ihm gegenübersaß.

»Bist du dir deiner Entscheidung ganz sicher, Richard?«, fragte die Anwältin nach einer Weile erneut.

Seine Brille hob sich auf dem Nasenrücken, als er die Stirn runzelte, noch immer, ohne sie anzusehen.

Richard Moore konnte nervtötend sein, wenn er wollte.

»Ja«, erwiderte er dann in bestimmtem Ton. »Ich habe die Situation eingehend geprüft. Himmel noch mal! Ich habe alle Akten erneut durchgelesen und mir den ganzen Vormittag die psychologischen Ausführungen der Norton angehört, Susan.«

Er gab sich alle Mühe, unerschütterlich und gelangweilt zu wirken, doch die Anwältin ließ sich nicht täuschen. Der Fall Starr war von all denen, die seiner Supervision unterstanden, der schwierigste, und Moore war nicht so hartgesotten, wie er zu sein vorgab.

Sie versuchte einen letzten Vorstoß.

»Winter aus London wegbringen, in ihrem Alter …«

»Das ist es ja gerade«, bekräftigte der Richter, »das Mädchen braucht jemanden, der sich ihrer annimmt. Die Chiplins wurden mir als eine geeignete Familie empfohlen, sie bieten ihr ein sicheres Umfeld. Sie verfügen sowohl über die notwendigen Mittel als auch über die nötigen Kompetenzen. Außerdem haben sie mir bereits grünes Licht gegeben.«

Es schien in der Tat eine vernünftige Lösung. Zuverlässige Leute und etwas Stabilität.

Doch Richter Moore war nie bei den beiden Starrs zum Abendessen gewesen und hatte sie nie zusammen erlebt, im perfekten Mikrokosmos ihrer Küche.

»Richard, darf ich ihr wenigstens versprechen, dass ihre Großmutter zu ihr kommen wird, sobald es ihr besser geht?«, fragte sie zögernd.

Moore nickte langsam.

»Gewiss, wenn es so weit ist«, stimmte er zu, »aber der Umgang mit einer Person in vegetativem Zustand tut einem Mädchen in ihrem Alter nicht gut. Die klinischen Befunde schließen dauerhafte neurologische Schäden im Moment nicht aus, Susan. Auch die Norton war diesbezüglich kategorisch. Für den Augenblick ist es die beste Lösung, das Mädchen anderswo unterzubringen. Oder willst du etwa einen Teenager mit einer Alzheimerpatientin zusammenleben lassen?«

Susan Bray fühlte Widerwillen in sich aufsteigen und reagierte genervt.

»Die Ärzte haben keinen blassen Schimmer, was der Großmutter fehlt, Richard. Und sie haben kein Recht, sich auf einfache Vermutungen zu stützen!«

Da verstand der Richter. Er bedachte sie mit einem durchdringenden Blick, und sie spürte, wie sie errötete.

»Du bist ihre Anwältin, Bray. Und eine Referentin der Vormundschaftsbehörde«, sagte er betont ruhig. »Muss ich dich daran erinnern, dass ein freundschaftliches Verhältnis zu den Starrs äußerst unprofessionell wäre?«

Susan Bray fasste sich rasch und winkte mit einer Geste ab.

Sie griff nach dem Telefon und wählte die Nummer auf dem obersten Blatt der Formulare, die der Richter ihr hingeschoben hatte.

Nach dreimaligem Klingeln ertönte Greensleeves, von einem Streichorchester gespielt, und eine Tonbandstimme antwortete.

»St-Dewi’s-Schule, Guten Tag. Um mit dem Verwaltungssekretariat zu sprechen, wählen Sie bitte die Eins. Das Sekretariat der Schulleitung erreichen Sie unter der Zwei …«

Sie führte die Anweisungen mit so grimmigem Nachdruck aus, dass Richter Moore den Kopf schüttelte.

»Hier spricht Rechtsanwältin Susan Bray von der Vormundschaftsbehörde. Ich möchte für ein von mir betreutes Mädchen ein Aufnahmeverfahren in die Wege leiten …«

Die Abende bei den Chiplins waren immer sehr chaotisch. Winter empfand sechs unter demselben Dach lebende Personen als etwas Grundfalsches. Aber wahrscheinlich war sie einfach nur zu sehr an das Leben mit ihrer Großmutter gewöhnt, um sich so rasch auf einen Wechsel einstellen zu können.

Und um ehrlich zu sein, hatte sie auch gar keine Lust, sich darauf einzulassen, es handelte sich ja bloß noch um weitere zwei Wochen.

Sie wartete, bis der Film, den die Familie sich anschaute, spannend wurde, und verdrückte sich dann durch die Küchentür in den Garten hinter dem Haus.

Die Chiplins hatten vergessen, das Licht anzumachen, aber das nahm sie kaum wahr. Sie empfand die Dunkelheit des Sommerabends als wohltuend.

Jenseits des Gartenzauns erstreckten sich die Schatten der duftenden Weiden, und die Luft war erfüllt von der elektrisierenden Spannung, die ein Gewitter ankündigte.

Winter entfernte sich instinktiv ein paar Schritte von dem Schein der Lampen, der aus den Fenstern drang, und atmete tief durch.

Sie stellte sich vor, ganz allein zu sein, in diesem fast perfekten Moment.

In Wales roch es gleichzeitig süß und torfig nach feuchtem Gras und gefallenem Laub, das in der Erde versank.

Wenn man nicht auf die Stimmen hörte, die aus dem Haus drangen, waren die einzigen Geräusche das vom Wind bewegte Laubwerk und, etwas weiter weg, ein leises Scharren.

Winter konzentrierte sich auf die Bewegungen und konnte schließlich einen Schatten erkennen, der aus einem Gebüsch heraustrat, unscharf und kaum erkennbar am Rand ihres Gesichtsfelds. Er hielt sich auf Distanz: ein wildes Tier wahrscheinlich, denn die Ponys waren so spät am Abend nicht mehr auf der Weide.

Ein paar Tage zuvor hatte Dai ihr erzählt, dass Dachse und Füchse nachts bis in die Wohngebiete vordrangen.

Winter lächelte. Von allen Familienmitgliedern hatte sie mit dem kleinen Jungen zweifellos den engsten Kontakt. Dass sie Morwenna nichts von der zerschlagenen chinesischen Vase gesagt hatte, musste ihn positiv beeindruckt haben.

Dann bemerkte sie, dass Gareth zu ihr nach draußen trat.

»Fandest du den Film nicht spannend?«, fragte er, als er sie im Dunkeln gefunden hatte.

»Nicht besonders«, antwortete Winter vage.

Obwohl er ihren Moment der Einsamkeit störte, wollte Winter sich Mühe geben, wenigstens höflich zu ihm zu sein. Die Chiplins waren im Grunde sehr nett zu ihr.

»Habe ich mir gedacht«, sagte Gareth und näherte sich, bis sie seine Gesichtszüge erkennen konnte.

Die kleine Flamme eines Feuerzeugs beleuchtete kurz sein Gesicht, als er sich eine Zigarette anzündete. Zum ersten Mal sah sie ihn etwas tun, das nicht ins Bild des Musterknaben passte, und Winter war gleichzeitig erstaunt und erleichtert.

Sie ließ ihm Zeit, um den inhalierten Zigarettenrauch auszuatmen.

»Wieso?«, fragte sie dann.

Bevor er antwortete, warf er ihr das schiefe Lächeln zu, das für Winter inzwischen schon zu seinen Gesichtszügen gehörte, eine Art Mittelding zwischen einem Grinsen und einem echten Lächeln.

»Weil du seit fast zwei Wochen hier bist und ich dich noch nie lachen gesehen habe. Nur mit Dai bist du manchmal nah dran …«

Er sah ihr direkt in die Augen, soweit es bei dem schwachen Licht möglich war, dann zuckte er mit den Schultern.

»Entschuldige«, sagte er dann, »es geht mich nichts an.«

Winter nickte, bevor sie es verhindern konnte.

Dann versuchte sie wieder einzulenken.

»Ich muss mich entschuldigen, ich glaube, ich bin nicht gerade die ideale Gesellschaft.«

Hinter seiner gleichgültigen Art schien Gareth ziemlich viel mitzubekommen. Er blies erneut den Zigarettenrauch aus und schüttelte beschwichtigend den Kopf.

»Mein Leben ist grad nicht so toll«, erklärte Winter. »Meine Oma, du weißt ja …«

»Und Cae Mefus«, fügte er ironisch hinzu. »Ich bin ein paarmal in London gewesen. Du musst an einen ganz anderen Lebensstil gewöhnt sein …«

Zweifellos wahr, aber Winter hatte keine Lust, darüber zu sprechen.

»Ja, es ist alles ziemlich anders hier«, gab sie leise zu.

»Sprich dich ruhig aus, wenn du willst«, sagte Gareth spontan.

»Da gibt es nicht viel zu erzählen.«

Besser gesagt, nur allzu viel. Aber Winter Starr hatte nicht die geringste Lust, mit einem Chiplin aus dem Distrikt Conwy Freundschaft zu schließen.

Gareth verzog die Lippen auf seine charakteristische Art. Die Zigarette war zwischen seinen Fingern heruntergebrannt, und mit einer letzten Rauchwolke schien auch das Gespräch zu verfliegen.

Winter gähnte und der Junge warf einen letzten, prüfenden Blick auf die dunklen Weiden, bevor er hinter ihr ins Haus trat.

Sie war im Krankenhaus. Das grässliche Summen der Apparate, die ihre Großmutter am Leben erhielten, schien ihr das Trommelfell zu zerfetzen. Ihre Großmutter lag unbeweglich im Bett und Winter beobachtete die kaum wahrnehmbaren und unregelmäßigen Bewegungen ihres Brustkorbs, das langsame, schleppende Einziehen und Ausstoßen des Atems. Bei jedem Atemzug fragte sie sich, ob wohl ein nächster folgen würde, und sie fühlte die Tränen über ihre Wangen rinnen.

Plötzlich war es ihr zu viel.

Winter verließ das Zimmer und stürzte in den Flur. Sie bekam keine Luft mehr, hatte Atemnot.

Sie musste sich beeilen …

Da waren viele Türen und sie erinnerte sich nicht mehr, wo der Ausgang war.

Eilig schritt sie durch die erstbeste Tür und befand sich im Treppenhaus. Sie stieg die Treppen hinab, immer drei Stufen auf einmal, ein Stockwerk nach dem andern.

Treppen und noch mehr Treppen.

Sie führten hinauf und hinunter und dennoch nirgendwohin …

Winter begann zu schreien.

Ihr eigener Schrei weckte sie auf.

Winter hatte Herzjagen wie noch nie in ihrem Leben, sie taumelte ins Bad und erfrischte sich das Gesicht mit Wasser, um die Spannung zu lösen.

Draußen war es noch dunkel, ein paar vereinzelte Vögel zwitscherten in den Bäumen, was bedeutete, dass der Tag anbrach.

Sie schaute auf den Wecker. Halb sieben.

Es hat keinen Zweck, ins Bett zurückzukehren …

Mit einem Achselzucken wandte sie sich ab und ging in die Küche. Sie wartete, bis ihr Herzschlag wieder regelmäßig wurde, und konzentrierte sich auf die nötigen Handgriffe, um sich eine riesige Tasse Nescafé zuzubereiten.

Das Kaffeearoma war so vertraut und beruhigend, dass sie lächeln musste. Sie konnte es nicht erwarten, Madison anzurufen und ihr zu erzählen …

Dass in Cae Mefus nichts Interessantes geschah. Dass ihr Zuhause und die Großmutter ihr fehlten. Dass sie fast umkam vor Sorge.

Dass der Bibliothekar unsympathisch war und dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie so viel gelesen hatte wie hier.

Winter seufzte. Das würde ein ziemlich rührseliges Telefongespräch werden.

Als sie jedoch an die Bibliothek zurückdachte, kam ihr in den Sinn, dass sie sich ein neues Buch besorgen wollte.

Es war noch so entsetzlich früh …

Vielleicht könnte sie vorher ihre Mails abrufen. Sie wollte gerade in die Mansarde zurückkehren, als sie Geräusche aus dem oberen Stockwerk vernahm.

Ihre Gastgeber waren offenbar Frühaufsteher.

Sie reagierte ganz spontan. Riss ein Blatt vom Magnetblock, der am Kühlschrank klebte, und kritzelte rasch eine Nachricht darauf.

Ich dreh kurz eine Runde.

Bis später,

Winter

Sie streifte den ganzen Vormittag am Fluss Elwy entlang durch das Gehölz.

Was ich möchte, zählt offenbar überhaupt nicht!«

Winters Stimme lag eine gute Oktave höher als normal, aber das Trommelfell der Rechtsanwältin gehörte an dem Nachmittag zu ihren allerletzten Sorgen.

Das Mädchen war fuchsteufelswild. Es war ihr egal, dass Dai im Wohnzimmer saß. Er hätte die Lautstärke des Fernsehers verdoppeln müssen, um das Gespräch nicht mit anzuhören.

Susan hatte Winter noch nie so erlebt, aber sie hätte mit ihrer Reaktion rechnen müssen.

In den vielen Jahren bei der Vormundschaftsbehörde hatte sie eines gelernt: Nimm einen gewöhnlichen Teenager und bring sein ganzes Leben durcheinander, dann kannst du dich auf alles gefasst machen.

Und Winter mit ihrer sehr speziellen familiären Situation konnte zudem nicht im Entferntesten als ein gewöhnlicher Teenager gelten.

»Ist es jetzt sogar dir egal, ob ich Freunde habe oder ein Zuhause? Ob mir die Schule gefällt, in die ich gehe?«

Susan hielt den Hörer etwas weiter vom Ohr weg und wartete, bis Winter sich etwas abgeregt hatte, dabei trommelte sie mit dem Stift auf die Formulare der St Dewi’s.

Hätte Moore ihr nicht die ganze Woche im Nacken gesessen, wäre es ihr vielleicht gelungen, die Norton zu überreden, den Anruf zu erledigen. Sie war schließlich Anwältin, verdammt noch mal, und kein psychiatrischer Notfalldienst.

Als sie den Eindruck hatte, der jungen Starr würde langsam der Atem ausgehen, nahm sie den Diskurs wieder auf.

»Ich weiß, dass das ein Schock für dich ist, Winnie«, sagte sie in ruhigem, besänftigendem Tonfall, »und es tut mir aufrichtig leid. Wir sind alle besorgt um deine Großmutter, und um dich … Aber die Leitung hält es für die beste Lösung und, ehrlich gesagt, bin ich ebenfalls dieser Meinung.«

Winter spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten, und kämpfte darum, sie zurückzuhalten. Sie war verwirrt und wütend, und obwohl sie wusste, dass es dumm war von ihr, fühlte sie sich verraten. Sie hatte Susan nicht anschreien wollen, doch die Anspannung der vergangenen Tage und die Verwirrung machten sie schwindlig.

Das hätte nicht geschehen dürfen!, wiederholte eine innere Stimme, und das Leben erschien ihr ungerechter denn je.

Sie hatte Susan Bray immer vertraut, sie hatte sich bis zu diesem Moment den Entscheidungen des Gerichts nie widersetzt, aber sie konnte nicht akzeptieren, dass ihre Existenz plötzlich so durcheinandergebracht wurde.

»Ich bin kein Paket, Susan«, sagte sie mit gedämpfter, aber immer noch wütender Stimme, »ihr könnt mich nicht einfach irgendwohin schicken. Ich dachte, du wärst Omas Freundin … Was meinst du, wie sie darauf reagieren wird?«

Auch das noch! Susan Bray seufzte hörbar und begann sich die Augenlider hinter den Brillengläsern zu reiben.

»Marion wird es akzeptieren, Winter«, versicherte sie ohne Zögern. Sie war es langsam leid, angeklagt zu werden. »Und abgesehen davon bin ich nicht nur ihre Freundin, sondern auch immer noch eure Anwältin. Hier und jetzt teile ich dir einfach nur mit, was das Gericht im Hinblick auf dein Wohlbefinden für angemessen hält.«

Sie betonte das Adjektiv mit Nachdruck. Sachlich und routiniert, Richard wäre stolz auf sie. Susan dagegen war es weit weniger. Eines war gewiss: Die beiden Starrs zu betreuen war noch nie einfach gewesen.

Wie konnte man gleichgültig bleiben, wenn ein Mädchen mit einem so klaren, offenen Blick einen anlächelte oder anklagte?

Sie waren Hunderte von Meilen voneinander entfernt, doch ihr war, als stünde Winter vor ihr, in all ihrem Zorn.

Es ist nun mal dein Job, Susan!, musste sie sich in Erinnerung rufen.

»Einverstanden, Frau Anwältin«, zischte Winter nun. »Besten Dank.«

Als Susan den Mund öffnete, um weiterzusprechen, hatte das Mädchen bereits aufgelegt.

Winter ließ sich kraftlos zu Boden gleiten, zog die Knie an die Brust und weinte. Der Zustand ihrer Großmutter verbesserte sich nicht. Seit mehr als zwei Wochen wartete sie auf die Bewilligung, sie besuchen zu können, und in der Zwischenzeit hatte das Sozialamt sie an der St Dewi’s angemeldet.

Die Tränen rannen lautlos über ihr Gesicht, dann begann sie zu schluchzen.

Sie wollte ihr altes Leben zurück. Mit aller Kraft.

Solange sie überzeugt war, dass es sich um eine vorübergehende Situation handelte, konnte sie alles ertragen, doch nun kam sie sich vor wie in dem Albtraum der vergangenen Nacht. Sie steckte in der Falle, bewegte sich über dunkle Treppen, die nirgendwohin führten, wohin sie sich auch wandte.

Zum ersten Mal, seit ihre Großmutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde, verlor sie die Nerven.

Es war furchtbar und befreiend.

Dai Chiplin wagte lange Zeit nicht, sich Winter zu nähern. Er hatte gleich gemerkt, dass sie es nicht schätzte, wenn man sie bedrängte, deshalb hielt er sich abwartend im Hintergrund.

Sie war noch nicht zu ihm zurückgekehrt, und erst in einer leisen Szene seines Lieblings-Trickfilms hörte er plötzlich, dass sie weinte.

Beim Geräusch seiner Schritte auf dem Teppichboden hob sie ruckartig den Kopf.

Oh Gott, dachte Winter, als sie ihn sah, ich sehe bestimmt grauenvoll aus!

Das Schlimmste war vorbei, sie fühlte sich leer und seltsam ruhig. Aber das Weinen hatte auf ihrem Gesicht ein Geschmier aus Tränen und Wimperntusche hinterlassen.

Der Junge zögerte einen Augenblick. In Winters geröteten Augen funkelte die Iris wie eine silberne, flüssige Scheibe und strahlte in einem unglaublich traurigen Licht …

Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und setzte sich neben sie.

»Weinst du wegen deiner Oma?«, fragte er. »Mama und Papa sagen, es geht ihr schlecht.«

Seine Nähe gab ihr Trost und Winter fühlte sich etwas schuldig.

»Ja, das auch. Aber es geht schon wieder.«

Dai antwortete mit einem bittersüßen Lächeln.

Sie verharrten eine Weile schweigend und betrachteten die Wand gegenüber, auf der die Schatten der dicht belaubten Bäume im Garten tanzten.

»Möchtest du etwas essen?«, fragte Winter schließlich und erhob sich.

Dai sprang auf, strahlend, als sei nichts geschehen. »Vielleicht ist noch Kuchen da!«, rief er.

Er nahm sie am Ärmel und führte sie in die Küche. Aus welchem unerklärlichen Grund er einen Wirrkopf wie sie so rasch ins Herz geschlossen hatte, war Winter ein Rätsel.

»Weißt du was?«, sagte sie unvermittelt, als sie vor einer Tasse Tee saßen. »Ich glaube, ich werde etwas länger hierbleiben als geplant.«

Dai schluckte und grinste.

»Es wird dir gefallen«, versicherte er.

Sie war vom Gegenteil überzeugt, lächelte jedoch zurück.

An ihrem ersten Schultag war Winter auf dem Weg zur St Dewi’s so in Gedanken versunken, dass sie Gareth und Eleri neben sich kaum wahrnahm.

Der milchig weiße Himmel spiegelte sich in den zahlreichen Pfützen auf der Straße, die Luft war windstill und klebrig feucht.

Das Klima trug ebenfalls dazu bei, dass sie es bereute, aufgestanden zu sein.

»Literatur in der ersten Stunde?«, fragte Eleri, um ein harmloses Thema aufzugreifen. Sie hatte ein sehr lebhaftes Temperament, und es war ihr unerträglich, auf dem ganzen Schulweg zu schweigen. »Dann hast du die Bertrand! Ein softer Einstieg, da hast du Glück! Ich hatte letztes Jahr die Fowler. Eine schöne Stunde Biologie, zum Aufwärmen …«

»Wie grausam!«, kommentierte Gareth.

Eleri ignorierte ihn.

»Es war wirklich nicht schön. Zum Glück hatten wir danach Sport«, fuhr sie fort.

»Magst du Sport?«, fragte Winter aufrichtig interessiert.

Eleri grinste in perfektem Chiplin-Stil.

»Überhaupt nicht. Aber ich liebe es zuzusehen, wenn andere Sport treiben! Das finde ich total entspannend.«

Sie wandte sich Winter zu und musterte sie aufmerksam.

»Und du?«

»Nicht wirklich«, antwortete Winter. Sie war nicht sportbegeistert, schwitzte nicht gern und langweilte sich bei den immer gleichen monotonen Trainingsübungen, aber sie war ziemlich beweglich und hatte eine gute Reaktion, sodass sie eigentlich ganz gern ab und zu Sport trieb.

Eleri hatte offensichtlich eine bessere Antwort erwartet.

»Ich habe mal ein bisschen Leichtathletik gemacht …«, verriet Winter daraufhin ohne große Begeisterung.

»Na, das ist eine Überraschung!«, rief Eleri. »Nimm’s mir nicht krumm, aber ich dachte schon, du tust nichts anderes als lesen.«

»Nein, das stimmt wirklich! Ich laufe sehr gern.«

»Wir haben einen Leichtathletik-Klub an der Schule.«

Winter zuckte mit den Schultern.

»Ehrlich gesagt, laufe ich lieber für mich allein. Es entspannt mich, das ist alles.«

Inzwischen waren sie an der St Dewi’s angekommen.

Winter bekam beinahe weiche Knie. Eine neue Schule und lauter unbekannte Klassenkameraden. Ein Teil von ihr redete sich weiter beharrlich ein, dass es nicht sein konnte.

Theoretisch hätte sie längst an solche Situationen gewöhnt sein müssen, denn sie hatte in Edinburgh den Kindergarten, bei Sheffield die Grundschule und in Birmingham die Mittelstufe besucht, bevor sie definitiv nach London gezogen war.

Und dennoch blieb jeder Umzug ein Trauma.

Als sie an der Bibliothek vorbeiging, war Winter für einen Moment versucht, sich dort zu verstecken. Es war ihr egal, ob sie den unhöflichen Mr Graves antreffen würde. Das war immer noch besser als eine Schar neuer Schüler aus allen Dörfern der Umgebung, die wahrscheinlich schon lange vor ihr von ihrer Ankunft erfahren hatten.

Leider blieb Eleri hartnäckig bei ihr untergehakt. Wenn sie keine dramatische Fluchtszene darbieten wollte, war ihr Schicksal damit besiegelt.

Eleri war zumindest so großzügig, ihr einen langen Blick auf die Parkanlage und den Gebäudekomplex zu erlauben.

Die Schule war ein modernes Bauwerk aus rotem Backstein mit Spiegelglasfenstern, was nicht recht zu den dicht belaubten Bäumen im Park passen wollte.

Eleri zeigte ihr kurz die beiden Pavillons mit den Klassenzimmern und den Laboratorien, die Turnhalle, das große Footballfeld und den Geräteschuppen. Dann zerrte sie Winter zurück in die Löwengrube.

Während sie an einer endlosen Reihe von Mädchen und Jungen vorbeischritt, die sich immer wieder umdrehten, um sie besser zu sehen, tröstete sich Winter mit dem Gedanken, dass die neue Schule wenigstens große Fenster hatte, die ihr gute Ablenkungsmöglichkeiten boten.

Es folgten Begrüßungen und Händeschütteln, und ihr kam der schreckliche Verdacht, mit der Schulkönigin der St Dewi’s zusammenzuleben.

»Andrew Lloyd.« Ein kräftiger junger Mann, attraktiv, mit einem etwas einfältigen Gesichtsausdruck, Kapitän der Footballmannschaft.

»Freut mich, Winter.«

»Cynthia Earle.« Braunhaarig, dunkle Augen. Sympathisch.

»Hallo.«

»Hallo.«

»Owen Pearson.« Eleris Freund. Ziemlich normal.

»Charles Atkins.« Hager, dicke Brillengläser, Typ Streber und Einzelgänger.

Und dann waren da noch Lorna Carter, ein herzförmiges, lächelndes Gesicht, Mary Compton, Cheerleaderin, und Claire Mason, blond, stark geschminkt, hübsch. Annie Parry, eine Natter, vermerkte Winter innerlich, um sich daran zu erinnern, dass sie vor ihr auf der Hut sein musste. Jimmy Miller, ein langhaariger Heavy-Metal-Rocker, der vage an Kurt Cobain erinnerte. Georgie Irgendwas, nichtssagend. Und dann eine Reihe völlig unverständlicher Namen.

Winter hatte langsam genug. Als sie sich damit abzufinden begann, dass sie offenbar die ganze Schule kennenlernen würde, noch bevor sie auch nur einen Fuß ins Gebäude gesetzt hatte, bemerkte sie, dass Eleri beim Vorstellen ihrer Schulkameraden nach einem ganz bestimmten Muster vorging und dass man anhand des Tonfalls, mit dem sie die Namen aussprach, ihre Beziehung zu ihnen entschlüsseln konnte.

In dem Meer von Gesichtern blieb ihr nur ein einziges im Kopf. Es gehörte einem Jungen, auf den Eleri von Weitem mit der Hand gezeigt hatte. Zusammen mit drei oder vier anderen Schülern hatte er etwas abseits gestanden.

»Der dort, das ist der Präsident der Nox’. Von ihm und seiner Gruppe hältst du dich besser fern.«

Die Schulglocke läutete, bevor Winter nachfragen konnte.

Auf dem Nachhauseweg stapfte Winter zügig neben Gareth und Eleri her und eilte dann als Erstes zum Briefkasten am Gartentor.

Keine Post.

Ach nein!, stöhnte sie innerlich.

Susan hatte versprochen, ihr die Genehmigung zu schicken, doch da war kein Schreiben vom Gericht.

Na, komm schon, versuchte sie sich zu beruhigen, Morwenna oder Griffith haben die Post vielleicht schon reingeholt!

Sie klammerte sich an diese zaghafte Hoffnung, ignorierte die neugierigen Blicke der anderen beiden und ging schnurstracks in die Küche.

»Hallo, Winter«, empfing Mrs Chiplin sie mit einem herzlichen Lächeln. »Na, wie war der erste Schultag?«

Winter zuckte mit den Schultern.

»Gut«, antwortete sie schnell. Von ihrem ersten Eindruck der St Dewi’s zu erzählen, war in dem Moment das Allerletzte, worauf sie Lust hatte.

Ihr Gesichtsausdruck musste sie verraten haben.

»Was ist denn, Liebes?«, fragte Morwenna.

Winter wechselte das Standbein und versuchte, gelassen zu wirken.

»Ist keine Post für mich gekommen?«, erkundigte sie sich schließlich.

Sie las die Antwort auf Morwennas Gesicht, noch bevor sie etwas sagte.

»Leider nein«, antwortete Mrs Chiplin, »aber Susan Bray hat heute Morgen angerufen.«

Sie unterbrach sich und schüttelte den Kopf, und Winters Haltung versteifte sich in der Erwartung.

»Es gibt leider immer noch keine Besserung.«

Das Gesicht des Mädchens verlor jeden Ausdruck, nur ihre Augen wurden glänzend. Es war traurig, sie so zu sehen, und Morwenna versuchte, sie zu trösten.

»Du wirst sehen, es wird alles gut werden! Susan hat gesagt, du sollst sie anrufen.«

»Danke«, murmelte Winter und wusste bereits, dass sie es nicht tun würde.

»Liebes, wenn ich etwas für dich tun kann …«

Winters Lippen zitterten vor Anstrengung, sich zu beherrschen. Morwenna bemerkte es und hätte sie gern in den Arm genommen.

Winter hatte sich jedoch in ihrer Gedankenwelt verschanzt und ließ ihr keinen Zugang.

»Ich gehe auf mein Zimmer. Danke trotzdem.«

Sie verließ die Küche, die Nerven bis zum Zerreißen gespannt.

Als Winter zum Abendessen herunterkam, waren für ihren Geschmack wie immer viel zu viele Leute in der Küche. Die ganze Familie Chiplin war versammelt und alle schwatzten durcheinander.

Griffith Chiplin schnitt Brot. Er hatte hellblondes Haar, blaue Augen und einen klaren Blick. Aus seiner an den Aschenbecher gelehnten Pfeife stieg träger Rauch auf.

Winter war noch nicht sehr vertraut mit ihm, doch sie erkannte bereits den Vanilleduft seines Pfeifentabaks, der ihn ständig umgab.

Morwenna rührte in einem Topf, Dai saß auf einem Hocker und las in einem Comicheft, und Eleri führte eine lebhafte Diskussion mit Gareth. Während Winter einen Augenblick an der Tür verharrte und sich fragte, ob sie diese Situation je würde ertragen können, drehte Gareth sich um und warf ihr einen raschen Blick zu, dann nahm er das Gespräch mit Eleri wieder auf.

Winters Unbehagen war ihm nicht entgangen, ebenso wenig wie ihr leidender Gesichtsausdruck, aber er wollte ihr offenbar Zeit lassen, sich kurz einen Überblick zu verschaffen, bevor sie sich ins Gewühl stürzte. Winter wusste das zu schätzen.

Das Ganze wirkte wie eine Szene aus einem Weihnachtsfilm, so voll von Liebe und großen Gefühlen, dass Winter befürchtete, gleich zuckerkrank zu werden.

Und dennoch war es auch eine Parallelwelt, die sie auf perverse Art faszinierte und die ihr vielleicht helfen würde, sich von der dunklen Schwere ihrer Gedanken abzulenken.

Die Szene hatte in Wahrheit nichts Schnulziges und Verkrampftes: Morwenna und ihr Mann sprachen ernsthaft miteinander, ohne sich gegenseitig mit »Schatz«, »Liebling« oder anderen dümmlichen Beinamen anzureden. Dai war mit sich selbst beschäftigt, Gareth und Eleri lieferten sich ein heftiges Wortgefecht unter Geschwistern.

Kurzum, es war alles authentisch und nicht sehr viel anders als die Abendessen mit ihrer Großmutter.

»Guten Abend«, sagte Winter schließlich, um auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen.

Für einen Moment dachte sie, dass der Zauber gleich verfliegen würde, doch dann begrüßte Griffith sie mit einem Klaps auf die Schulter.

Nach dem Abendessen zog Winter sich ins Wohnzimmer zurück.

Da er nun morgens wieder in die Schule musste, hatte Dai sich mit einem dicken Kuss auf die Wange von ihr verabschiedet und war schlafen gegangen, Eleri dagegen hatte, das Handy zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, offenbar noch Public Relations zu erledigen.

Also kein Familienfilm an diesem Abend. Das zumindest konnte als Verbesserung durchgehen.

Da nun Ruhe herrschte, blieb ihr nicht viel anderes übrig, als das leere Wohnzimmer in Augenschein zu nehmen.

Das Haus der Chiplins machte sie neugierig, doch im verzweifelten Versuch, den einzelnen Familienmitgliedern aus dem Weg zu gehen, hatte Winter bisher nicht viele Gelegenheiten gehabt, sich umzusehen.

Der Kamin faszinierte sie. Als sie klein war und mit ihrer Großmutter in Edinburgh lebte, hatten sie ebenfalls einen Kamin gehabt. Winter erinnerte sich, dass sie abendelang davorgesessen und dem Knistern des Feuers zugeschaut hatten.

Der Kamin der Chiplins wirkte uralt, und der steinerne Kaminsims war an einigen Stellen rauchgeschwärzt.

Am Rauchfang hatten ihre Gasteltern gut sichtbar eine Armbrust aus Holz und Metall aufgehängt, die schätzungsweise etwa gleich alt war wie der Kamin.

Winter betrachtete sie eingehend, vor allem das auf dem Griff eingravierte Wappen. Sie hatte den walisischen roten Drachen erwartet, doch das Bild auf dem Wappen hatte sie noch nie gesehen: eine Sonne auf einem Schild.

Es war eine winzige, unlackierte Silberplatte, doch die meisterhaft ausgeführte Gravierung war perfekt erkennbar.

»Magst du Waffen?«

Von Gareth überrascht, schreckte sie auf.

Er musste näher gekommen sein, während sie in die Betrachtung der Armbrust versunken gewesen war, und jetzt stand er nur einen Schritt von ihr entfernt.

Die Intensität, mit der er sie ansah, vermittelte ihr den Eindruck, etwas Falsches getan zu haben.

»Ich habe noch nie eine Armbrust aus der Nähe gesehen.«

Er nickte und wandte endlich den Blick von ihrem Gesicht ab.

»Sie ist sehr alt«, sagte er ernst. »Sie gehört seit Generationen unserer Familie.«

Er schien mehr mit sich selbst zu sprechen als mit ihr, und Winter sah ihn neugierig an.

»Gibt es eine Geschichte dazu?«

»Wie bei allen Dingen, nehme ich an …«, antwortete Gareth zerstreut.

Er drehte sich vom Kamin weg und setzte sich auf die Armlehne des Sofas.

»Ich bin bloß gekommen, um zu sehen, wie es dir geht«, sagte er beiläufig und wechselte das Thema.

Prächtig, war sie versucht zu antworten,

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