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Windworte

Jens Nickel

Windworte

Das Erste Buch der Pferde

Für Dee Lee Up A Sunny
und für Claudia und Mama

Fliegende Pferde landen am Strand
sie kamen über‘s weite Meer
keiner weiß woher

(Joachim Reichel)

Die Worte der Pferde

Die Sprache der Pferde unterscheidet sich vollkommen von der Unsrigen.

Entgegen unserer Auffassung, sie hätten lediglich wenige unterschiedliche Rufe, dazu noch ein paar Grunz- und Schnaublaute, ist ihre Sprache tatsächlich jedoch viel umfangreicher als die der Menschen. Mehr noch, sie können sich mit ihrer Art der Rede auch wesentlich schneller verständigen. Im Gegensatz zu uns haben sie nämlich drei unterschiedliche Quellen, aus denen ihre Worte entstehen: Erstens das Wiehern, ihre Rufe, die auch wir zumindest hören, jedoch nur wenig verstehen können; zweitens die geheimnisvollen Worte, welche sie in ihren Gefühlen sowohl untereinander vernehmen, die ihnen aber auch vom Wind auf unterschiedliche Weise übermittelt werden (dieser Teil ihrer Sprache wird besonders von den Stuten gut beherrscht); schließlich und vor allem aber drittens die Worte ihrer Körper. Und dieser Quell ihrer Sprache ist von einer derartig großen Vielfalt und Ausdruckskraft, wie wir es uns kaum vorstellen können.

Es besteht daher das Problem, dass man ihre Sprache nur sehr schwer in die menschliche übersetzen kann. Dazu kommt noch der Umstand, dass einige Dinge von ihnen ganz anders benannt werden, als wir es tun, und dass es in der Welt der Pferde Dinge gibt, welche wir gar nicht kennen.

Dass es doch möglich geworden ist, die hier vorliegende Geschichte in für den Menschen verständliche Worte zu fassen und schließlich niederzuschreiben, ist einer besonderen Stute zu verdanken, die es mit wahrhaft übermenschlicher Geduld vollbracht hat, dem Verfasser wenigstens die allernotwendigsten Grundkenntnisse zu vermitteln, damit dieser sich überhaupt erst in der Lage befinden konnte, jene Legende zu erzählen, die heute noch in allen Pferden lebt. Obwohl sie darauf bestand, dass ihr wahrer Pferdename nicht genannt würde und ihre Leistung nicht weiter zu erwähnen sei, ergreift der Verfasser hiermit die Gelegenheit, ihr in höchster Form und mit tiefstem Respekt dafür zu danken. Denn sie lehrte ihm nicht nur Worte der Pferde, sondern auch vieles, was er über sich selbst nicht wußte und ohne sie nie erfahren hätte.

Hier nun einige Begriffe, deren Erläuterung nützlich ist:

Wanderung

Ein mehrdeutiger Begriff, der schlicht eine Reise oder einen Weg bezeichnet, aber auch unterschiedliche Zeitabschnitte verdeutlicht, zum Beispiel den Ablauf eines Jahres oder eines ganzen Lebens.

Langfellzeit

Entspricht etwa dem Winter.

Kaltland

Land, in dem sich die Pferde im Winter aufhalten.

Kurzfellzeit

Frühjahr, Sommer, Herbst.

Warmland

Weideland, welches zur Kurzfellzeit bewandert wird.

Sonnenlauf

Ein ganzer Tag, sowie auch die helle Zeit des Tages.

Sternlauf

Nacht, also die dunkle Zeit des Sonnenlaufes.

Rundmond

Vollmond, auch die Zeit zwischen zwei Vollmonden, also etwa ein Monat.

Neusonne

Osten. Auch die aufgehende Sonne, der Morgen.

Hochsonne

Süden. Auch der Mittag.

Altsonne

Westen. Auch die untergehende Sonne, der Abend.

Sonnenleere

Der Norden.

Herdenstute, Führerin

Die Stute, welche von einer Herde als diejenige erwählt wurde, sie zu leiten.

Herdenhengst

Ein Hengst, der zusammen mit einer Führerin einige Stuten und Nachkommen in seiner Herde zusammenhält.

Lernende

Junge Pferde, die nicht mehr als Fohlen neben ihrer Mutter laufen, aber in ihrer Herde zu erwachsenen Pferden erzogen werden.

Herdenreife

Nach der Zeit als Lernende erhalten die Pferde ihre Herdenreife. Für den Hengst bedeutet dies, seine Geburtsherde verlassen zu müssen, aber das Recht zu besitzen, eine eigene Herde zu gründen, wenn er es denn vermag. Eine Stute erlangt das Recht, ein Fohlen zu bekommen, kann aber nun auch zur Führerin gewählt werden.

Einzelläufer

Ein Hengst, der keine eigene Herde hat. Solche Hengste wandern zum Teil allein, besonders, wenn sie älter sind. Eine Gruppe solcher Hengste nennt sich ebenfalls Einzelläufer.

Töter

Raubtier.

Sprachlose

Menschen.

Wolfsähnliche

Hunde, die mit den Sprachlosen zusammenleben.

Die Pferde des Ersten Buches

Die Herde des Telor

Sudee braune Stute, Schwester von Kaschak

Kaschak brauner Hengst, Sudees Bruder

Zoki dunkelgrau mit schwarzem Aalstrich, Mutter von Sudee & Kaschak

Telor schwarzer Herdenhengst und Vater von Sudee und Kaschak

Anga sehr helle Isabelle, Herdenstute der Telor-Herde

Ques große sandfarbene Stute, brauner Aalstrich, Streifen an den Beinen

Jinea junge, sehr hübsche braune Stute

Fera fuchsrote Stute, Mutter von Gipe

Dowab etwas ältere Dunkelfuchsstute

Kuaja alte fuchsfarbene Stute, Gefährtin von Debao

Debao älteste Stute der Telor-Herde, braun, Kuajas Gefährtin

Perus dreifarbiger Schecke, Lernender

Gipe lernende Fuchsstute

Die Herde des Resal

Resal sandfarben mit dunklem Aalstrich, Herdenhengst

Masil Fuchs, Resals Herdenstute

Nafe alte graue Stute

Jula schwarze Stute

Wylk fuchsrote Stute

Gala schwarze Stute

Einzelläufer

Ragork dunkelgrauer und stichelhaariger, mächtiger Einzelläufer

Lemkil uralter schwarzer Einzelläufer

Howo isabellfarbener Einzelläufer

Grepper dunkler Fuchs

Andere Pferde

Graman weißgrauer Herdenhengst mit dunkelgrauen Flecken

Sashe schwarzweiß gescheckte Führerin von Gramans Herde

Fralo Herdenhengst von Debaos und Kuajas Geburtsherde, braun

Rasor schwarzer Herdenhengst von Dowabs Geburtsherde

Bralia ebenfalls schwarz und Herdenführerin der Rasor-Herde

Dorants brauner Herdenhengst des Lernenden Resal

Marash brauner Herdenhengst des Lernenden Telor

 

Image

Prolog

Die Körper der beiden Pferde waren abgemagert, und ihr schwindendes Langfell hing in stumpfen Fetzen an der Haut, unter der sich die Knochen deutlich abzeichneten. Doch die Schritte der vorausgehenden Stute waren trotz ihrer sichtbaren Schwäche sicher und ruhig. Langsam und gleichmäßig, von der Weisheit vieler Wanderungen geführt, bewegte sie sich über die Ebene. Es gab keinen Grund, innezuhalten und die Umgebung zu prüfen oder nach Nahrung zu suchen. Das Land war vollkommen leer, nur ihre eigenen Tritte und die ihres Begleiters waren zu hören.

Seit etwa zwei Sonnenläufen waren sie in der Ebene unterwegs, immer in Richtung der Hochsonne, wo sich fern am Horizont unter einem wolkenlosen tiefblauen Himmel eine endlose Bergkette abzeichnete, von der sich ein einzelnes gewaltiges Massiv deutlich abhob. Jener Große Berg war dem Gebirge vorgelagert. Unten im flachen Land gab es nichts. Nichts außer einzelnen Steinen, keiner größer als ein Huf. Der Boden sprach davon, vor vielen, vielen Wanderungen einmal fruchtbares Weideland gewesen zu sein. Jedoch wuchs jetzt nichts mehr hier, und es gab nicht einmal Überreste von Gestrüpp oder gar Bäumen. Auch Wasser hatten sie bisher nicht gefunden oder auch nur gewittert. Es war eine vollkommene Leere, ohne ein Geräusch, ohne Wind, und scheinbar ohne Ende, bis auf den Großen Berg und seine kleineren Verwandten in der Hochsonne. Sie konnten nicht einmal feststellen, ob es heiß oder kalt war. Ihr Empfinden war von dem Nichts um sie herum betäubt.

Aber die Stute war nicht beunruhigt, obwohl auch bei ihrem Begleiter der Mangel an Nahrung und Wasser sich längst schmerzhaft bemerkbar gemacht hatte. Immerhin war es einfach, die Anwesenheit möglicher Feinde sehr früh zu bemerken, da es nirgendwo tückische Deckungen gab, hinter denen sich ein Töter verstecken konnte, und da die Stille das geringste Geräusch sofort den beweglichen Ohren der beiden Pferde verraten hätte. Jedoch war nichts geschehen, seit sie das Kaltland hinter sich gelassen hatten. Es gab zwar kein Wasser und keine Nahrung, aber es gab offenbar auch keine Gefahr, die sie unmittelbar bedrohen konnte, und das war gut. Zu viele Wanderungen lagen hinter ihnen, während derer die verschiedensten Gefahren immer stärker und mächtiger geworden waren. Mächtiger, als es sogar die Ältesten der Windherden zu berichten gewusst hatten. Schließlich übermächtig.

Die Stute erinnerte sich an die Erzählungen, in denen sich Herden gelegentlich noch begegneten. Das war, bevor sie neben ihrer Mutter lief. Doch selbst zu jener Zeit, so erzählten damals die Älteren, waren die Begegnungen bereits selten geworden. Immer weniger neue Herden bildeten sich, und so wurden diese im Laufe der Zeit kleiner und schwächer, da es an neuem Blut mangelte. Die Wanderungen der Begegnungen, die immer viele starke Herden hervorgebracht hatten, waren vergangen. Und nun waren nur noch sie und ihr Begleiter übrig. Und dieser, ein Hengst, war deutlich unruhiger als die Stute.

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum wir das Kaltland zur Hochsonne hin verlassen haben. Keine Herde ist jemals hierher gezogen. Wir hätten wieder zum Warmland ziehen sollen. Die Langfellzeit ist fast um.“ Immer wieder blickte der Hengst sich um in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

„Es spielt keine Rolle mehr, dass die Langfellzeit bald endet. Die Wanderungen sind vorbei. Das ist der Grund.“

„Was soll das heißen, die Wanderungen sind vorbei?“ Der Hengst straffte seinen Hals. „Es war immer so, nach jeder Langfellzeit sind wir in das Warmland Richtung Sonnenleere gegangen, und wenn das Kurzfell ging, zogen wir zurück ins Kaltland. Wanderung für Wanderung, seit die ersten Windherden in ihr Weideland gekommen sind.“

Die Stute legte kurz ihre Ohren an. „Du warst und bist ein starker Herdenhengst, aber du verstehst den Wind nicht. Und du hast auch mich nicht verstanden: die Wanderungen zwischen Kaltland und Warmland sind vorbei, das weißt du. Dies hat der Wind zu mir gesprochen, und deshalb sind wir hier.“

„Du weißt, dass ich dir überall hin gefolgt bin, wo immer du uns auch hingeführt hast. Aber ich meine, wir sollten irgendwo in der Sonnenleere weiter nach verbliebenen Pferden suchen.“ Der Hengst ließ den Kopf sinken und krümmte sich kurz, als ein weiterer Schmerz durch seinen Bauch zog.

Die Stute blies ein kurzes, fast mütterliches Schnauben zu ihm. „Es gibt dort keine Herden mehr. Das weißt du doch auch. Wir sind die Letzten.“

„Was mich beunruhigt ist, dass ich dir glaube. Ich fühle, du hast Recht, weil keine Stute wie du den Wind versteht. Eben weil ich dir glaube, habe ich keine Sorge um uns, aber die Anderen dürfen mir doch nicht gleichgültig sein.“ Er blickte ratlos zum Horizont mit dem Großen Berg.

„Du musst uns nicht mehr schützen. Warum auch immer wir zum Großen Berg gehen sollen, es ist unsere Aufgabe. Wir können nicht zurück, weil sonst alles enden würde.“

„Wenn nur wir übrig sind, endet die Zeit der Windherden sowieso. Und auch die Zeit aller anderer Herden. Weshalb sollen wir also hier in dieser toten Ebene verhungern? Wir halten das nicht mehr lange durch. Sollten wir nicht…?“

„Es müsste uns bereits viel schlechter gehen, wenn der Wind unrecht hätte. Aber er schützt uns. Sieh doch, es ist so ruhig hier, unser Weg wird nicht gestört. Und ich spüre, dass wir am Großen Berg die Antwort finden, und es ist nicht mehr weit. Vertraue dem Wind, wie wir es immer getan haben. Er hat die Erste Windherde gebracht und uns stets geführt, und er tut es auch jetzt. Wir müssen wissen, ob es vollbracht ist. Erst dann…“ Sie sprach nicht weiter.

Doch der Hengst war nicht vollständig überzeugt. Er hielt sich zwar stets innerhalb ihres gemeinsamen Herdenkreises, aber er fiel zunehmend immer wieder in einen Trab, der ihn mal näher hin und mal weiter fort von seiner Stute brachte. Auf diese Weise hatte er bereits viel mehr an Wegstrecke zurückgelegt und Kraft verbraucht als seine Führerin, die stets im Schritt stur Richtung Hochsonne ging, ohne ein Anzeichen von Beunruhigung, jedoch mit tief gesenktem Kopf.

Die Suchenden

Die Botschaft des Windes

In diesem Sternlauf sollte es geschehen.

Zoki hatte seit einigen Sonnenläufen auf diesen Moment gewartet. Nun schien er gekommen zu sein. Das Wetter war stets milder geworden, und die Windherde hatte das Warmland erreicht, was sie am üppiger werdenden Bewuchs erkennen konnte. Die Sonne hatte wieder Kraft, und so ließen alle Pferde ihrer Herde keine Gelegenheit aus, sich von ihrem langen Fell zu trennen, indem sie sich an allem rieben, was dazu geeignet war, und sich intensiv die Hälse knabberten. Und auch der Wind sprach zuversichtlich zu ihr, wenn Zoki sich ausruhte. Dies musste sie nun immer öfter tun, denn die Last des Fohlens in ihrem Leib war beträchtlich, und die Zeit des Langen Felles und ihre Trächtigkeit hatten sie geschwächt.

Aber Zoki war eine erfahrene Stute. Sie war reich an Wanderungen, und sie hatte bereits einigen Pferden das Leben geschenkt. Einige blieben in ihrer Herde, manche schlossen sich anderen Windherden an. Nie hatte sie ein Fohlen verloren, und alle ihre Nachkommen überlebten, bis Zoki sie von sich fortgeschickt und in ihr eigenes Leben entlassen hatte. Sie war sehr stolz darauf.

Ihr Stolz, neben ihrem Hang zur Eigensinnigkeit, unterschied sie von den anderen. Sie pflegte kaum eine innige Verbindung innerhalb Telors Herde. Außer vielleicht zu Anga, der Führerin. Anga war die einzige Stute, die so gut mit dem Wind sprechen konnte wie Zoki selbst. Daher waren es immer Anga und Zoki, die letztendlich entschieden, welche Stuten Telors Fohlen tragen sollten. Telor selbst akzeptierte dies meist ohne größere Auseinandersetzungen, und es war bezeichnend für Zoki, dass er nie versucht hatte, über sie zu bestimmen, obwohl sie keine Führerin war. Letztendlich war es wohl ihre Merkwürdigkeit, welche die Herde davon abhielt, sie an ihre Spitze zu setzen, und ihr Stolz, mit dem sie ihre Eigenschaften pflegte.

Der Sternlauf begann langsam, das Licht wurde milder, der Wind schlief ein und ließ angenehme Wärme in der aufkommenden Dunkelheit erwarten. Über den ganzen Sonnenlauf war es schon angenehm gewesen, und nun lösten sich die letzten Wolken auf und die Sterne nahmen an Helligkeit und Menge zu. Zoki hielt die Wehen zurück, denn sie hatte noch keine Lösung für das Problem gefunden, sich für die Geburt von der Herde zu entfernen. Die Umgebung erschien ihr zwar sicher, jedoch hatte Telor die für gebärende Stuten lästige Angewohnheit, den Verbund der Herde stets peinlichst genau zu überwachen. So war es also nicht einfach, sich ungestört zurückzuziehen. Jedoch, wenn der Moment schließlich kommen sollte, war Zoki bereit.

Gerade als Zoki darüber nachdachte, ob sie nun die Geduld verlieren sollte, hörte sie, wie Telor begann, eindrucksvoll zu schnauben und zu grunzen. Jinea, eine temperamentvolle, zierliche junge Stute, die von Telor während der letzten Wanderung aus einer anderen unbekannten Herde zu ihnen gebracht worden war, bot sich ihm an. Und zwischen Zoki und dem angehenden Liebespaar ging Anga langsam auf und ab. Ein kurzer Wink mit einem Ohr von Anga zu ihr, und Zoki begriff, dass nun der richtige Augenblick gekommen war. Anga war nicht nur eine weise Führerin, sondern es mangelte ihr auch nicht an List.

Während Telor für Jinea seinen ganzen Charme aufbrachte, entfernte sich Zoki still und langsam von der Herde. Einige der älteren Stuten blickten ihr wissend nach. „Der Wind ist mit Dir“, brummelte Ques. „Wir hören Dich, falls du Hilfe benötigst. Und mach Dir keine Gedanken über die Jüngeren, um die kümmere ich mich schon, damit sie nicht auf dumme Ideen kommen!“ Mit einem verschmitzten Blick bewegte Ques ihren breiten Körper in Richtung der Lernenden. „Hey, ihr Langnasen, glaubt ihr vielleicht, es ist für euch schon Zeit zum Nichtstun? Ich werd´ euch helfen, euch hier faul die Mähnen zu knabbern, los los, vorwärts, ein paar nette Sprünge will ich sehen…!“, und mit derlei Gewieher und Kopfschlagen mischte sie sich unter die Heranwachsenden, die sich mit freudigem Gequieke sofort nur noch ums Herumtoben kümmerten.

Zoki ging beruhigt weiter. Die Geräusche der Herde wurden schwächer, aber ihr gutes Gehör würde auch in größerer Entfernung alles bemerken, was ungewöhnlich wäre. Doch es waren meist nur die Imponierreden von Telor zu hören, die von entzückten Lauten der Bewunderung Jineas beantwortet wurden, sowie die liebenswürdig ruppigen Kommandos von Ques bei ihren spontan einberufenen Übungen für die Lernenden.

Jedoch, da Zoki nun allein war, spürte sie die Last der Verantwortung und die drohende Hilflosigkeit, die ihr nun bevorstand. Sie wusste, dass sie trotz der Wachsamkeit der anderen Stuten für eine längere Zeit vollkommen hilflos sein würde, sollte während der Geburt ein Töter auftauchen. Diese Gefahr bestand immer, denn das Blut, welches sie vergießen würde, war ein weit zu witternder Verräter. Aber der Sternlauf war windstill, und so würde der Wind ihren Blutgeruch nah bei ihr behalten.

Trotzdem kostete sie es, wie bei allen ihren Geburten zuvor, große Überwindung, allein und weit entfernt von der Herde zu sein. Ihre Ohren waren in stetiger Bewegung, und sie blickte sich immer wieder in jede Richtung um. Jedes spontane Geräusch, und wenn es nur der Ruf eines Sternlaufvogels war, ließen ihre Augen das Weiße zeigen. Doch war nun bald keine Zeit mehr, sich um Sicherheit zu sorgen, denn sie hatte einen Platz erreicht, den sie für die bevorstehende Aufgabe für geeignet hielt. In einer kleinen Gruppe von Büschen befand sich eine Senke, bedeckt mit altem Gras aus der letzten Langfellzeit. Hier war sie sicher vor Gefahren, und falls der Wind doch ihren Geruch forttragen wollte, so musste er die Büsche zuvor um Erlaubnis fragen, ob sie ihn passieren lassen würden. Der Boden schließlich war weich und für die Zeit des Liegens und den Fall des Fohlens gut geeignet.

Der Mond stieg über den Rand des Buschwerks und bot sein silbernes Licht an.

Zoki erfasste eine ungewöhnlich heftige Wehe. Die Pausen zwischen den Wehen waren kürzer geworden. Sie beschloss, die Geburt nun nicht mehr aufzuhalten und versank in Konzentration auf das Bevorstehende. Zu viele Geburten hatte sie bereits vollbracht, sie wurde nicht mehr nervös wie die meisten jungen werdenden Mütter, denn sie vertraute auf sich und ihre Instinkte und das Wissen, jeder Gefahr für sich und ihr Ungeborenes umso erfolgreicher zu entgehen, je besser und schneller sie nun ihre Aufgabe erledigte.

Als ihr Bewusstsein sich fort von der Umgebung und hinein in ihren Körper begeben hatte, erteilte sie dem fast fertigen Leben in ihrem Leib seinen ersten Befehl: „Es ist soweit, mein Kleines. Beginne Deine erste Wanderung.“

Das Ungeborene gehorchte. Der Schmerz war überwältigend.

Zoki erschrak, und fast war sie versucht, ihren Geist aus der Tiefe ihres Leibes wieder hervorzuholen, um vor der plötzlichen Qual zu fliehen, doch sie fand schnell wieder ihre Beherrschung und konzentrierte sich weiter.

Doch mit dem übermächtigen, nie zuvor gekannten Schmerz kam eine weitere Empfindung zu ihr.

Angst.

Und diese Angst war mächtig, denn sie wurde genährt von der Sorge einer Mutter, die bei all ihren früheren Geburten noch nie solche Pein erdulden musste. Was war das, was ging hier vor sich? Warum war es diesmal anders? Zoki hatte keine Antworten, und mit aller ihr verfügbaren Kraft versuchte sie, ihren Geist wieder zu beherrschen, um ihn zurück in ihren Leib zu senden, denn dort musste sie sein; bei ihrem Fohlen auf seiner ersten und schweren Wanderung aus ihr heraus in die Welt der Lebenden.

Die Wehen kamen immer schneller, und mit jeder versank sie tiefer in Trance.

Auf dem Gipfel eines besonders heftigen Schmerzes stieg eine warme Dunkelheit auf, die gleichmäßig zunahm und sie im selben Maße fester umfing, wie Zoki versuchte, von dieser Dunkelheit fern zu bleiben. Doch je näher das Dunkel sich um ihren Geist legte, desto ruhiger wurde sie, und ihr Herz schlug langsamer, und ihr Atem ging flacher, und sie wurde Eins mit dem Sternlauf um sie …

Zoki.

Zoki.

Sei unbesorgt und höre, Zoki.

Zoki glitt durch die gleichmäßige Ruhe des Sternlaufs. Wie das ewige Rauschen der Luft über den unendlichen Weiden des Warmlandes erreichten sie die Worte des Windes.

Sei ohne Furcht. Du hast die Kraft für beide Leben, die du gebären wirst.

Mit einem tiefen Seufzer empfing sie die Nachricht des Windes.

Zwei Fohlen warten in deinem Leib. Du musst sie die Bedeutung der Wanderungen lehren. Deine Fohlen tragen die Bestimmung aller Wanderungen in sich. Sie müssen das Wissen aller Wanderungen und aller Herden an die Große Herde weitergeben und bewahren.

Zoki legte ihre Ohren an. Ihr Geist war nun vollkommen mit dem Wind verschmolzen, während ihr Körper in die entscheidende Phase der Geburt eintrat. Ihre Fohlen begaben sich auf den Weg in das Weideland. Sie nahm die Worte des Windes auf, ohne sie in Frage zu stellen, aber sie spürte, dass sie die Botschaft nicht verstand.

„Wer ist die Große Herde? Wo finde ich sie?“

Dies wird nicht deine Aufgabe sein. Du musst sie deinen Fohlen überlassen.

„Was soll ich tun, Wind?“

Alle Wanderungen werden einst vollendet sein. Doch jede Wanderung, die endet, bringt eine neue Wanderung hervor.

Später waren ihre eigenen Atemzüge das erste, was Zoki wieder bewusst wahrnahm. Sie spürte eine unendliche Erschöpfung, aber zugleich auch Erleichterung, je mehr sie begriff, dass sie am Leben und wieder bei Bewusstsein war. Und ihr erster klarer Gedanke war, nach ihrem – nach ihren beiden Fohlen zu sehen, denn die Geburt musste vorüber sein.

Die Worte des Windes jedoch versanken in den Tiefen ihres Geistes.

Zwillinge

Zoki hob ihren Kopf und wandte ihn ihrer Kruppe zu. Hinter ihr waren zwei Fohlen mühsam damit beschäftigt, sich zum ersten Male vom Boden auf ihre eigenen Hufe zu erheben.

Zwei Fohlen warten in deinem Leib.

Die Worte des Windes hallten in ihrem Geist leise nach. Zoki durchflutete ein gewaltiges und unbeschreibliches Gefühl von Liebe, Sorge, Kraft und dem Willen, für diese Fohlen da zu sein, was immer es auch koste. Es war mehr als nur die große Seltenheit einer geglückten Zwillingsgeburt, die sie empfinden ließ, dass diese beiden Pferde etwas Besonderes waren. Etwas hatte sich in ihr verändert. Sie spürte ihren eigenen Stolz und war sich ihrer Zielstrebigkeit mehr denn je bewusst. Doch mit dem Anblick ihrer beiden Neugeborenen wusste sie auch, diese Zielstrebigkeit galt ihrer Aufgabe, diese Fohlen auf die Botschaft vorzubereiten, die der Wind ihr mitgeteilt hatte.

Liebevoll beschnupperte sie beide und leckte sie trocken. Es waren ein Hengst und eine Stute. Beide waren natürlich kleiner und schmächtiger als die einzeln Geborenen, die sie zuvor bekommen hatte, aber sie wirkten trotzdem kräftig und gesund. Ihr gemeinsamer Lebenswille strahlte ab auf ihre Mutter, so dass sie sich beruhigt einmal mehr entspannte und ausstreckte und die Erschöpfung der anstrengenden Geburt aus ihrem Körper fließen ließ.

Sie prüfte ihre Umgebung. Der Sternlauf neigte sich seinem Ende zu, doch es war weiterhin friedlich und ruhig. Sonnenlauf sendete seine Vorboten, ein schwacher goldener Schein und eine kühle frische Luft.

Das Hengstchen vollbrachte es zuerst, auf seinen eigenen Hufen zu stehen. Mit unverkennbar stolzer Miene blickte er auf seine Mutter, die noch im weichen Gras lag. Doch sogleich sprang auch seine Schwester auf, schwankte und stieß gegen ihren Bruder, woraufhin beide in einem Knäuel aus viel zu langen Beinen wieder zu Boden fielen. Zoki brummelte voller Freude ihren zwei Fohlen zu, die bereits wieder damit beschäftigt waren, erneut aufzustehen.

Nach kurzer Zeit stand Zoki wieder auf den Beinen und sammelte ihre Kräfte. Zunächst war sie allerdings vollauf damit beschäftigt, ihren Fohlen den richtigen Weg zum Euter zu erklären, denn die beiden suchten noch vollkommen ohne Orientierung meist zwischen den Vorderbeinen der Mutter. Doch bald hatte das Stutfohlen eine Zitze gefunden, und das appetitliche Geräusch des Saugens lockte ihren Bruder ebenfalls an die richtige Stelle. Der Kleine stieß seine Schwester weg, doch diese ließ sich nicht beeindrucken, sondern wechselte einfach auf die andere Seite ihrer Mutter, um dort ungestört weiterzutrinken. Wieder kam der Bruder ihr nach, und wieder versuchte er, sich den belegten Platz zu erobern. Doch diesmal gab die kleine Stute nicht nach, und mit fast erstauntem Ausdruck in seinen jungen Augen betrachtete er kurz seine Schwester und ging schließlich zurück auf die gegenüberliegende Seite. Zoki brummelte freundlich und lobend, hatten ihr doch beide Fohlen soeben gezeigt, dass sie offenbar den Geist besaßen, redliche Pferde und anständige Mitglieder ihrer Herde zu werden. Endlich hatten beide Fohlen sicher die Zitzen angenommen und nahmen über die magische erste Milch zum ersten Mal Verbindung mit ihrer Mutter außerhalb ihres Leibes auf. Die Luft war erfüllt vom warmen mütterlichen Duft und der wachsenden Kraft der jungen Lebenden.

Zoki schloss ihre Augen und begab sich erneut in ihr Inneres. Dies war der Augenblick der Begrüßung.

„Willkommen, meine Fohlen. Ich bin Zoki, eure Mutterstute. Mit meiner ersten Milch gebe ich Euch den Geist aller Pferde und des Windes mit auf eure Wanderungen. Möget ihr nie allein sein, und möge Friede stets in eurer Herde sein.“

Die Geschwister unterbrachen ihr hungriges Saugen kurz mit einem ersten zärtlichen Wiehern. So schnell, wie sie und alle Pferde nach der Geburt auf den Hufen waren, so schnell entfachte der Wind ihr eigenes Leben in ihnen.

Sie waren bereit für ihre Namen.

Die kleine Stute trat mit ihrem Bruder vor Zoki, überließ ihm aber den Platz direkt bei der Mutter. Zoki neigte ihren Kopf und strich zärtlich mit ihrer Oberlippe über die Stirn des Hengstes, worauf dieser die Ohren spitzte und still stand. Zoki ließ ihren Geist mit dem Wind verschmelzen und berührte mit ihren Nüstern die ihres Sohnes. Sanft hauchte sie ihren Atem in seinen Körper.

„Dein Name ist Kaschak. Erfülle ihn auf deinen Wanderungen mit dem Klang von Gerechtigkeit und Stärke, wie es der Wind und die Würde aller Pferde gebieten.“

Kaschak brummelte zufrieden, hob seinen Kopf und blickte auf zu Zoki, dann überließ er es seiner Schwester, nun vorzutreten. Wieder liebkoste die Mutter die Stirn des Fohlens, und es stand mit erhobenem Haupt still. Zoki atmete tief ein und hauchte in die kleinen Nüstern ihrer Tochter.

„Dein Name ist Sudee. Erfülle ihn auf Deinen Wanderungen mit dem Klang von Weisheit und Zuversicht, wie es der Wind und die Würde aller Pferde gebieten.“

Auch Sudee ließ ein zufriedenes kindliches Grunzen erklingen, wandte sich kurz ihrer Mutter und dann wieder ihrem Bruder zu. Zoki verabschiedete sich vom Wind und holte ihren Geist wieder herauf in ihr Bewusstsein. Amüsiert beobachtete sie, wie Kaschak und Sudee die Feierlichkeit der Begrüßungszeremonie für beendet erklärten, indem sie ihre ersten übermütigen Sprünge versuchten, dabei aber nie die Nähe zur Mutter verloren.

Mittlerweile war der Sternlauf vorüber. Nach der Zeremonie hatten die Fohlen zunächst geschlafen, um sich von den ersten Anstrengungen ihres neuen Lebens zu erholen. Nun führte die Mutter ihre Zwillinge vom Platz der Geburt fort.

Ein strahlender junger Sonnenlauf empfing sie mit einer milden Brise. In die Ferne erstreckte sich sanft hügeliges Weideland, durchsetzt von einzelnen kleinen Busch- oder Baumgruppen, bis weithin zum Horizont. Dies war das Warmland, in dem die Windherden ihre Kurzfellzeit verbrachten. Zoki prüfte die Richtung zu Telors Herde. Sie war nicht schwer zu bestimmen, denn ihre Abwesenheit war mittlerweile allen aufgefallen, und so vernahm sie deutlich die energischen Rufe des Herdenhengstes. Alle waren in Aufruhr, also beschleunigte sie ihre Schritte zurück zu ihrer Herde, so schnell es mit Sudee und Kaschak eben ging.

Anga, die Führerin, glänzte im frühen Licht der Neusonne. Ihr Körper war gestrafft, und sie witterte in alle Richtungen. Sie stand leicht abseits ihrer Herde und erblickte Zoki und die Fohlen als erste. Mit einem erfreuten Schrei galoppierte sie zu ihnen. Die ganze Telor-Herde folgte sofort, und alle brachen in erleichtertes Jubelgewieher aus.

Zoki erschrak, und mit ihr Sudee und Kaschak. Aufgeregt hielt sie ihre Fohlen nahe bei sich. Sie riss ihre Augen weit auf und zeigte den Ankommenden das Weiße. „Bleibt von meinen Fohlen weg! Keiner kommt uns zu nahe! Weg, lasst sie in Ruhe! Sie können Euch noch nicht einmal richtig sehen, also seid vorsichtig!“ Ihre mütterliche Sorge war stärker als die Freude über die Rückkehr in ihre Herde.

„Zoki!“ begrüßte Anga die Zurückgekehrte. Sie erkannte Zokis Besorgnis und sorgte dafür, dass die anderen Stuten ruhiger wurden und etwas Abstand hielten. „Fast hab ich mir schon Sorgen gemacht! Du warst lange fort diesmal, aber nun sehe ich den Grund! Zwei Fohlen, bei allen Windherden, das ist ja fantastisch! Und beide sehen so gesund aus, dem Wind sei gedankt!“

„Ich bin auch froh, wieder bei euch zu sein, Anga. Wenn ich geahnt hätte, zwei Fohlen in meinem Leib zu tragen, hätte ich es Dir mitgeteilt. Aber ich hatte keine Ahnung! Es tut mir leid, dass ihr warten musstet. Aber halte mir diese Meute von Stutentrampeln vom Leib, sie treten mir noch auf die Kleinen!“ Sudee und Kaschak drängten sich an ihre Mutter und tänzelten aufgeregt auf der Stelle. Zoki gab beruhigende Laute von sich und kraulte ihre strutzigen Mähnen liebevoll mit den Lippen.

„Du weißt doch, wie aufregend das für die Herde ist. Sie werden sich schon beruhigen, und niemand ist unvorsichtig mit deinen Fohlen, ich verspreche es Dir. Und es braucht dir auch nichts leid tun, es ist alles gut. Du hast dir die Zeit genommen, die dir der Wind für diese schwierige Geburt gegeben hat und die für deine Aufgabe nötig war.“

Ques trat neben Anga. „Na entzückend! Zwillinge! Da haben wir es wieder: Zoki hat einen ihrer tollen Einfälle und setzt gleich mal eben zwei Fohlen in die Welt! Bei allen Winden! Kommt her, ihr süßen Wildäpfelchen, und lasst euch von mir beknabbern!“ Alle Stuten und Lernende kamen langsam näher zu den Ankömmlingen und brummelten voller Begeisterung und Freundlichkeit, doch auch Ques gab sehr darauf acht, dass die Lernenden nicht zu ungestüm waren, damit die Kleinen sich nicht verletzten und Zoki etwas Ruhe und Vertrauen in die Achtsamkeit ihrer Herde fand.

Plötzlich sprangen alle Pferde auseinander. Laut wiehernd und mit wild schlagendem Haupt brach Telor sich seinen Weg durch die Gruppe. Die Fohlen erschraken und kauerten sich ängstlich an den Leib der Mutter. „Zum Kaltmond mit dir, Zoki! Wo bist du gewesen? Wie kannst du es wagen, dich von meiner Herde davonzustehlen und… Oooh!“

Beim Anblick der beiden Fohlen erstarrte der schwarze Hengst. „Schnaub ab, Telor.“, sprach Anga und schlug mit angelegten Ohren ihren Kopf verärgert in Richtung des Hengstes. „Du bist gleich doppelt Vater geworden. Kein Grund zur Aufregung.“

Schlagartig änderte sich Telors Auftritt. „Ja… Fohlen? Gleich zwei? Schon jetzt? Aber ich dachte, es wäre noch zu früh… Zoki! Das ist ja… bei allen Winden und Herden, das ist ja fantastisch! Doch warum hast du es mir nicht gesagt?“ Liebevoll grunzend beschnupperte er Kaschak und Sudee, denen dies nicht so sehr gefiel, und scharrte voller Bewunderung mit dem Vorderhuf. Zoki ließ es widerwillig kurz zu, war aber aufs Höchste angespannt und beobachtete jede Bewegung des mächtigen Hengstes, bevor sie ihre Fohlen mit ihrem Körper vor ihm schützte.

„Komm schon, Telor“, polterte Ques, „seit wann werden Hengste in Stutenangelegenheiten eingeweiht? Sei lieber froh, dass alle wieder in deiner Herde sind!“

„Ich bin wirklich sehr glücklich.“ Der Hengst ging endlich etwas auf Distanz zu Mutter und Fohlen. „Ebenso über diese beiden neuen Mitglieder unserer Herde wie über deine Rückkehr, Zoki. Ich danke dir. Wie sind die Namen der beiden Fohlen?“

„Die Stute trägt den Namen Sudee“, verkündete Zoki, „und der Hengst heißt Kaschak.“

„Sudee und Kaschak! Eure Namen sollen vor allen Herden in Würde erklingen! Ich bin Telor, Hengst der Telor-Herde, und ich heiße Euch willkommen, mit uns viele Wanderungen zu durchlaufen! Möge der Wind zu euch sprechen!“ Die Herde bejubelte die neuen Namen.

Verlegen und schüchtern zogen die beiden Fohlen es weiterhin vor, in der Nähe ihrer Mutter zu bleiben. Langsam beruhigte sich die Herde, jedoch blieben die meisten Stuten immer etwas näher bei den Kleinen, soweit Zoki es eben erlaubte. Die Lernenden hatten fürs erste das Interesse verloren und widmeten sich wieder ihren Hauptbeschäftigungen: Fressen, laufen, schlafen. Mit fortschreitendem Sonnenlauf setzte sich die Herde dann bald wieder in Bewegung.

So begann die erste Wanderung von Sudee und Kaschak in der Windherde des Telor.

Die Herde der Zwillinge

Im ersten Viertel der bei ihrer Geburt angebrochenen Kurzfellzeit lernten Sudee und Kaschak die Pferde ihre Herde und noch vieles mehr kennen. Anga führte zunächst langsamer als sonst, da die Zwillinge zwar kräftig, jedoch kleiner waren als gewöhnliche Fohlen, die ohne Geschwister auf die Welt kamen. Auf diese Weise sorgte sie dafür, dass Zoki und ihre jungen Nachkommen Kräfte sammeln konnten. Besonders die an Wanderungen reiche Zoki schien sich nicht nur von der frühen und kräftezehrenden Geburt, sondern auch von der Anstrengung des Säugens nur langsam zu erholen.

Telor war bereits seit vielen Wanderungen der Herdenhengst. Er war schwarz wie verbranntes Holz, von mittlerer Größe, jedoch mit einer breit ausladenden Brust. Auffallend war seine Mähne, die zu beiden Seiten seines imposant gewölbten Halses in dichten und langen welligen Strähnen fiel. Sein Schweif war von derselben Art und stets so lang, dass er auf dem Boden auflag. Während seiner frühen Wanderungen ging er keiner Konfrontation mit anderen Hengsten aus dem Wege, er galt unter den Windherden sogar als recht angriffslustig, was seinen Namen nicht immer wohl erklingen ließ. Jedoch bald nachdem er die Stuten Anga und Ques für seine Herde gewinnen konnte, änderte sich dies. Mit Anga verband ihn schnell eine tiefe Vertrautheit, und sie war es auch, die ihn in die Worte des Windes einweihen konnte, welche er zuvor kaum zu hören vermochte. Und Ques, ausgerechnet eine Stute, zeigte ihm, dass Kraft und Kampfgeschick bei weitem nicht alles sind, was ein Herdenhengst – oder irgendein Pferd – für seine ihm zugeteilte Aufgabe braucht. Auf diese Weise wurde Telor zu einem sehr weisen und umsichtigen Herdenhengst, der die Seinen zwar immer ohne Zögern mit seinem Leben verteidigen würde, aber den Kampf mit anderen Hengsten meist durch diplomatisches Geschick vermeiden konnte. Und so wurde sein Name unter allen Herden schließlich mit großem Respekt ausgesprochen.

Schon recht bald nachdem Anga zur Herde kam, wurde sie von den Stuten zur Führerin erwählt. Ihr Fell war fast weiß, das genaue Gegenteil zu Telor, und mit einem leichten Schimmer, wie man ihn bei Altsonne in der Langfellzeit am Himmel sieht. Damals zählte sie zwar erst wenige Wanderungen, aber ihr umsichtiges und ruhiges Wesen wurde sehr schnell von allen geschätzt. Zugleich war sie außergewöhnlich sensibel, wusste immer, wie es jedem einzelnen Pferd erging, und ihre Wachsamkeit hatte die Absichten vieler Töter vereitelt. Dazu war sie bescheiden, drängte nie nach Anerkennung und Respekt, aber bestand immer auf die erste Prüfung neuen Wassers oder neuer unbekannter Nahrung. Der Wind war ständig mit ihr in Verbindung, sie musste kaum meditieren, um ihn zu verstehen, sondern konnte seine Worte in allen Formen hören, in denen er ihr begegnete. Ihr gelang es, Telor diese Kunst nahezubringen, der zwar immer nach den Worten des Windes suchte, aber es lange nicht verstand, sie in ihrer Vollkommenheit zu hören.

Ques, eine sandfarbene, kräftige Stute mit einem dunklen Strich von Mähne zu Schweif, kam während einer kalten und harten Sturmnacht im Kaltland zu ihnen. Telor wollte keine weitere Stute, da das Angebot an Nahrung knapp war. Jedoch ließ sich Ques nicht verjagen, und so kam es zu einem ungewöhnlichen Kampf zwischen Hengst und Stute, in dem sie ihren Platz in der Herde behaupten wollte. Der Kampf war einzigartig, denn sie kämpfte nicht wie eine Stute, sondern verteidigte sich gegen Telor, als wäre sie selbst ein Hengst: auf die Hinterbeine steigend, frontal, ihre Vorderhufe und ihre kräftigen Kiefer einsetzend. Es war der Persönlichkeit und dem diplomatischen Geschick Angas zu verdanken, dass der Kampf würdevoll endete und Telor überzeugt werden konnte, die hilfesuchende Stute aufzunehmen. Wären sich die Kontrahenten selbst überlassen gewesen, ein Pferd hätte wohl sein Leben verloren, und der Sieger hätte seine Ehre verwirkt. Telor wurde daraufhin zu einem anderen Hengst, gereifter und stärker, und ihn und Ques verband bald ein unzertrennliches Band des gegenseitigen Respektes und unzerstörbarer Kameradschaft.

Jinea war jung und hatte ihre Herdenreife erst während der vergangenen Kurzfellzeit erlangt. Sie kam zur Telor-Herde, während diese zuvor im Kaltland weidete. Mit ihrer temperamentvollen Art war sie in der Graman-Herde immer wieder mit einer älteren Stute aneinandergeraten, welche in Sorge um ihre gute Verbindung zu ihrem Herdenhengst war, und so setzte sie sich sehr früh von ihrer Geburtsherde ab, als beide Herden einst in gemeinsamer Nähe weideten, ging nicht mehr zurück und schloss sich ein paar Sonnenläufe später der Telor-Herde an. Anga erkannte den Vorteil frischen Blutes für Telors Herde, und sie spürte außerdem eine ruhige Kraft im Inneren der lebhaften Stute mit ihrem glanzroten Fell und der großen Blesse.

Fera war die Mutter einer der beiden Lernenden in jener Wanderung: Gipe, eine Fuchsstute wie ihre Mutter. Zusammen mit ihr lernte der junge Hengst Perus. Der Gescheckte war nicht in der Telor-Herde geboren, und niemand außer ihm selbst wusste, wer seine Eltern waren und wo er herstammte. Dowab, eine ältere dunkle Fuchsstute, fand ihn zum Ende der Langfellzeit, bevor Gipe geboren wurde. Sie sorgte dafür, dass der Kleine in Telors Herde bleiben konnte. Er war fast noch ein Fohlen, erschöpft, lahmte, war einsam und verwirrt, doch gerade alt genug, um schon ohne Mutter überleben zu können. Perus wurde gesund und stark, doch verschlossen, und seine Seele hatte Narben. Nie sprach er über seine Herkunft oder gar seine Mutter.

Die rote Kuaja und die braune Debao schließlich waren die ältesten Stuten und einst die Ersten, die Telor an sich binden und so seine eigene Herde bilden konnte. Sie waren seit vielen Wanderungen engste Gefährtinnen.

Die Telor-Herde zog weiter durch ihr Warmland. Wie seit ewigen Fellwechseln durchstreifte die Windherde ihr bevorzugtes Weideland. Sudee und Kaschak lernten schnell, ihre Umgebung einzuschätzen, und neben ausgiebigen Lauf- und spielerischen Kampfwettbewerben mit Perus und Gipe verbesserten sie ihre Beweglichkeit zunehmend unter der Anleitung von Ques, wenn sie nicht gerade eines ihrer vielen Erholungsnickerchen pflegten oder von ihrer Mutter Zoki lernten.

Einmal geschah es, dass Jinea sich an der Spitze der grasenden Herde aufhielt. Die Sonne stand an ihrem Hoch und brannte glühend vom Himmel, es war der bisher heißeste Sonnenlauf während ihrer Wanderung. Dumpfe Trägheit lastete auf der gesamten Herde, und niemand ahnte etwas von der versteckten Gefahr, der sie sich langsam näherten. Die Luft war erfüllt vom Schwirren der Insekten, die ständig um die Pferde kreisten, so dass sie immer wieder mürrisch ihre Köpfe schüttelten. Das Gras stand dicht, die Luft flimmerte über dem Boden. Kein Pferd sah, was dort zwischen den Grasbüscheln sie schon lange beobachtete, lauernd, bewegungslos, voller Konzentration.

Die Pferde kamen näher. Jinea ging vor den anderen. Anga hatte es bemerkt, aber die brütende Hitze und trügerische Ruhe während der Mitte des Sonnenlaufes veranlasste sie, nicht weiter auf die junge Stute zu achten. Aber jemand anderes achtete nun sehr genau auf Jinea. Nichtsahnend ging sie Schritt für Schritt weiter. Noch drei Pferdelängen. Jinea rupfte etwas von dem harten Gras ab. Es war ihr zu hart, und so ließ sie es wieder aus ihrem Maul fallen und ging langsam weiter. Noch zwei Pferdelängen. Ganz leise raschelte es vor ihr. Sie zuckte unbewusst mit einem Ohr, doch ihr Geist entschied, dass dort nichts war. Eine Pferdelänge. Wieder senkte sie den Kopf und beroch das dürre Gras. Sie bemerkte nicht die zwei Augen mit den starren, geschlitzten Pupillen, die mit höchster Präzision jede Bewegung des Pferdes aufnahmen. Eine gespaltene Zunge zuckte zwischen tödlichen Fangzähnen in die Luft. Doch dann tat die ahnungslose Jinea etwas Unerwartetes.

Sie schnaubte.

In diesem Augenblick bäumte sich die im Gras verborgene Schlange blitzartig auf, zischte und rasselte laut mit ihrem Körperende. Urplötzlich erschrak die Stute und sprang einige Sprünge zur Seite. Durch die gesamte Herde ging ein blitzartiger Ruck, alle sprangen auf und jagten gleichzeitig von dem Ort der plötzlichen Bedrohung einige Sprünge fort. Dann wurden sie langsamer, Jinea wandte sich um und beobachtete laut schnaubend die Stelle, von der sie geflohen war. Die gesamte Herde hatte die Fluchtbewegung zur gleichen Zeit mit ihr gemacht. Erst nachdem die junge Stute sich beruhigt hatte, wurden auch die anderen Pferde wieder ruhiger. Aber die Herde mied die Stelle, von der Jinea aus geflohen war.

„Was war denn los, Jinea?“, fragte Fera.

„Eine Klapperschlange!“, antwortete diese. „Ich hab sie gesehen, als ich nur noch eine Länge von ihr entfernt war. Scheußliches Ding!“

Und damit ging die Herde wieder ihrer Hauptbeschäftigung, dem Grasen nach, zog aber langsam von dem Platz des Geschehens fort.

Sudee und Kaschak waren erstaunt. Noch nie hatten sie die gesamte Herde so schnell und so gleichzeitig losspringen sehen.

„Wow, war das heftig!“ rief Kaschak aus. „Ich weiß gar nicht, warum wir alle losgaloppiert sind!“ Seine Augen waren weit aufgerissen.

„Ja! Ich hab auch gar nichts mitbekommen, aber plötzlich sind alle gerannt – und ich auch, einfach so!“ Sudee wusste nicht, ob sie begeistert war oder sich gruseln sollte.

„Das ist eine unserer größten Stärken“, klärte Zoki sie auf.

„Du meinst, einfach loszurennen, ohne zu wissen, warum?“ Kaschak blickte seine Mutter an, als wären ihr Hörner gewachsen.

„Und ohne zu wissen, wohin und wie weit?“ Auch Sudee schien kein Verständnis zu haben.

Zoki brummelte. „Ganz so ist es nicht. Aber es kommt einem fast so vor, da habt ihr Recht. Tatsächlich wissen aber unsere Körper und unser Geist einfach schneller, was zu tun ist, als wir es selbst merken. Versteht ihr“?

„Nein…!“ kam es zweifach zurück.

Zoki dachte kurz nach. „Ich glaube, ihr könnt es doch schon verstehen, wenn ich es euch erkläre. Also passt auf:

Die Schlange, die Jinea gesehen hat, kann einem Pferd genauso gefährlich werden wie ein hungriger Töter. Damit ihr also nichts passiert, musste Jinea so schnell es geht weg von der Schlange, bevor diese sie vielleicht beißt. Ihr wisst, dass die Schlange sehr schnell zustoßen kann. Also musste Jinea noch schneller sein. Kein Pferd kann erstmal in Ruhe überlegen: wo kommt denn das komische Geräusch her? Oder: Hat der Töter Hunger? Oder eben: Ist das denn eine gefährliche Schlange? Wenn wir zögern, sind wir im Nachteil. Und deswegen ist genau dies eine unserer größten Stärken: schnell zu sein! Immer schneller als die Gefahr, die uns droht!“

„Cool! Dann sind wir also schneller, als wir denken können?“ staunte Sudee.

„Ja! Pferde sind die Schnellsten! Wir sind schneller als alle anderen Tiere!“ Übermütig sprang Kaschak herum.

Zoki gab ein freundliches Wiehern von sich. „Wenn alles gut geht – ja! So bringen wir uns jedenfalls erst einmal in sichere Entfernung und können dann überlegen, was weiter zu tun ist.“

Kaschak dachte nach. „Also, Jinea hat die Schlange gesehen, ist sofort losgelaufen und hat dann erst gemerkt, weshalb? Das ist echt komisch…“

Sudee nickte zustimmend. „Und noch was verstehe ich nicht: Wie kommt es, dass wir alle, die ganze Herde, sogar Telor und Anga, auch gleichzeitig losgelaufen sind? Wir haben ja die Schlange gar nicht selbst gesehen!“

„Ihr seid zwei sehr kluge Fohlen“, lobte Zoki die Zwillinge. „Was ihr gerade erlebt habt, gehört alles zusammen. Wir können nicht nur schnell laufen, sondern wir bemerken auch sehr schnell Dinge, die um uns herum geschehen. Wir sehen und spüren gleichzeitig, was in der Herde passiert. So schützen wir uns gegenseitig. Wenn ein Pferd erschrickt, bekommen das alle anderen mit. Und zwar genauso schnell und im selben Moment, wie der Schreck des einzelnen Pferdes dauert. Deswegen kann sich die gesamte Herde zugleich in Sicherheit bringen.“

„Mir brummt der Kopf!“ stöhnte Kaschak. „Das ist wirklich alles ziemlich schwierig!“

„Keine Sorge, mein kleiner Hengst, mit der Zeit wirst du ganz von selbst alles verstehen. Jedes Pferd ist dazu bestimmt, ein Teil einer Herde zu sein. Ihr müsst nichts weiter tun, als zu lauschen und zu schauen, und eure Sinne sind für euch da, und der Wind erzählt euch alles.“

„Also, das ist mir jetzt einfach zu kompliziert!“ Sudee schüttelte ihren Kopf. „Aber wenn sowieso alles von selbst funktioniert und ich gar nicht nachzudenken brauche, dann können wir jetzt auch genauso gut spielen gehen!“ Und damit sprang Sudee übermütig ihren Bruder an, der sofort um seine Mutter herumrannte, um sich in Deckung zu bringen.

„He, ihr Windläufer, lasst eure Mutter mal ein wenig in Ruhe und kommt zu mir! Ich zeige euch ein besonders wichtiges Manöver! Ach was, das wichtigste Manöver überhaupt!“

Sofort sprangen Kaschak und Sudee mit aufgestellten Ohren hinter Ques her, die einige Galoppsprünge von der übrigen Herde fortsprang, allerdings langsam genug, dass die beiden Fohlen aufschließen konnten. Zoki schaute zufrieden ihren Fohlen nach. Ques war eine zuverlässige Stute, man konnte ihr die Fohlen schon einmal anvertrauen. Und eine kleine Pause von den beiden konnte Zoki gerade ganz gut gebrauchen.

„Das wichtigste Manöver? Was ist es? Steigen? Das können wir schon!“, wieherte Kaschak. Die Anstrengung, seiner Mutter zuzuhören, war schon wieder verflogen.

„Wurzelkopf!“, quiekte Sudee mit schlagendem Kopf zu ihrem Bruder. „Glaubst du im Ernst, Ques weiß nicht, was wir schon können und was nicht? Sei nicht so eingebildet!“ Und schon sprangen die beiden Fohlen - sich balgend - um Ques herum.

„Schluss jetzt! Ihr habt beide recht: Natürlich weiß ich, was ihr schon alles draufhabt, und ja, das Manöver habt ihr beide auch schon ausgeführt. Es ist euch nur noch nicht aufgefallen, und ihr wisst nicht, wofür es gut ist.“

Staunend hielten Kaschak und Sudee in ihrer Balgerei inne und starrten Ques an. „Wir haben es schon gemacht, aber wissen es nicht?“, fragte Kaschak ungläubig. „Sowas hatten wir doch gerade erst…!“

„Es ist mit diesem wie mit allen Manövern, Gängen und Sprüngen, die wir kennen. Ihr lernt sie zunächst in euren ersten Sonnenläufen, damit ihr in der Herde und bei eurer Mutter bleiben könnt und so sicher seid. Andernfalls wären alle Fohlen eine leichte Beute für Töter. Später lernt ihr dann, die einzelnen Bewegungen zu unterscheiden und wann ihr sie am besten einsetzt. Und genau darum geht es jetzt.“

„Nun zeig schon, was ist es?“ Sudee war nun genauso ungeduldig wie ihr Bruder.

„Es ist die Angaloppwendung aus dem Stand. Sie ist deswegen so wichtig, weil sie euch am schnellsten von einer Gefahr in die entgegengesetzte Richtung fortbringt. Bei einer plötzlichen Bedrohung führt die gesamte Herde dieses Manöver gleichzeitig aus. Passt gut auf!“

Die Geschwister standen gebannt Schulter an Schulter und sahen Ques zu, wie sie zunächst ganz gemächlich in ruhigem Schritt einige Längen weiterging, um dann zum Weiden anzuhalten. Plötzlich kam schlagartig Spannung in ihren gesamten Körper, blitzschnell verlagerte sie ihr Gewicht auf die Hinterbeine, stieß sich mit den Vorderbeinen vom Boden zur Seite ab, setzte das Hinterbein, welches zur neuen Richtung stand, seitlich ab, drehte und stieß sich mit dem anderen Hinterbein in einen rasanten Fluchtgalopp, der sie in die entgegengesetzte Richtung von ihrer Startposition fortbrachte. Das alles ging so schnell, dass die beiden Fohlen nur noch hochgereckte Köpfe mit aufgestellten Ohren und einen weißen Rand in den Augen hatten.

Nach wenigen Galoppsprüngen, in denen Ques ihre ganze Beschleunigungskraft demonstrierte, bremste sie hart auf beiden Hinterhufen, kehrte um und trabte zu den staunenden Fohlen zurück.

„Und das haben wir schon gemacht?“, fragten beide gleichzeitig.

„Na klar. Schon oft und lange. Aber noch nie, wenn ihr es wirklich einmal musstet. Und damit dies im Falle eines – der Wind schütze uns – hoffentlich nicht so bald stattfindenden Angriffs eines Töters auch richtig klappt, werden wir das nun üben. Also: Wer zuerst?“

„Ich!“ Sudee ließ ihrem Bruder bereitwillig den Vortritt. Kaschak brachte sich in Position, senkte den Kopf zum Grasen, um sodann auf seine Hinterbeine zu schnellen. Aber er stieg mit seinen Vorderbeinen zu hoch, und so konnte er sich nicht schnell genug in die Drehung abstoßen. „Nicht schlecht, Kaschak!“, lobte Ques trotzdem, „du zeigst viel Kraft in deiner Hinterhand, das ist gut! Aber du musst aufpassen, dass du für die Drehung vorn nicht zu hoch kommst, sonst wendest du zu langsam und kannst anschließend nicht richtig in den Galopp beschleunigen. Denk dran, diese Bewegung ist vollkommen auf Schnelligkeit ausgelegt! Versuch´s nochmal!“

Diesmal gelang dem kleinen Hengst die Wendung auf seinem Hinterhuf, und so konnte er die halbe Drehung fast vollenden und davon galoppieren. „Sehr gut! Denk dran, du musst in genau die entgegengesetzte Richtung losgaloppieren! Jetzt du, Sudee.“

Sudee weidete und entspannte sich. Ques legte grade etwas ungeduldig ihre Ohren an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, spannte sich der Körper des Fohlens, sie stieg und stieß sich mit den Vorderhufen vom Boden ab, drehte und rannte davon. Es war eine fast perfekte Ausführung des so wichtigen Manövers.

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