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Winding River - Heimat meines Herzens

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PROLOG

Den Männern, die im Morgengrauen hinausritten, stand eine gefährliche Aufgabe bevor. Sie wollten „Psycho“ zur Strecke bringen, das wilde Kamel, das immer wieder die Rinderherden angriff und auf jeden Reiter losging, der ihm unerwartet in die Quere kam. Erst vor einigen Tagen hatte das angriffslustige Tier einen Viehhüter angefallen und ihm einen so gewaltigen Stoß vor die Brust versetzt, dass der Mann schwer verletzt ins Krankenhaus geflogen werden musste. Er wäre ums Leben gekommen, wären in letzter Minute nicht drei seiner Kameraden erschienen und hätten die wütende Bestie in die Flucht geschlagen.

Seit neuestem griff Psycho auch die Aborigines an, die Ureinwohner des Landes, die auf ihren Wanderungen das riesige Gebiet der McFarlane-Farm durchquerten. McFarlanes Leute waren über diese Vorfälle sehr beunruhigt und forderten Schutzmaßnahmen.

Kamele waren ursprünglich nicht in Australien beheimatet. Die frühen Siedler hatten sie ins Land geholt, um mit Hilfe dieser anspruchslosen Tiere ihre Handelsgüter durchs Outback zu transportieren. Unter den damaligen Bedingungen waren Kamele die idealen Lasttiere gewesen. Heutzutage hatten sie ausgedient, hatten jedoch eine Viertelmillion wilder Nachkommen hinterlassen, die eine zunehmende Bedrohung für Mensch und Umwelt darstellten. Auf ihren Streifzügen durch die Wüste richteten die wilden Kamele erhebliche Schäden an und störten das empfindliche Gleichgewicht der Natur.

McFarlane hatten die verwilderten Kamele bislang nicht weiter gestört. Mit der Zeit waren sie Teil des Outbacks geworden, und wenn sich bei Sonnenuntergang ihre Silhouetten auf den Sanddünen abzeichneten, boten sie einen friedlichen und malerischen Anblick. Doch nun war leider der Moment gekommen, wo Psycho getötet werden musste, bevor er selbst zum Killer wurde.

An jenem Morgen waren sie zu sechst: Der Farmer McFarlane, Gary Dingo, der beste Fährtensucher weit und breit, zwei Viehhüter, McFarlanes Aufseher Chas Branagan und dessen Sohn Luke, den die Männer aber schon als einen der ihren betrachteten. Mit vierzehn Jahren war Luke bereits über einen Meter achtzig groß. Er war ein erstklassiger Sportler, besaß Härte und Ausdauer und war ein ausgezeichneter Schütze. Und er galt als hochintelligent. Nicht mehr lange, und er würde ein so hervorragender Kenner des Buschs sein wie sein Vater Chas.

McFarlane hatte eine tiefe Zuneigung zu dem Jungen gefasst. Immer mehr sah er in Luke den Sohn, den er nie gehabt hatte. Seine Frau war bei der Geburt ihrer Tochter gestorben. In jener schicksalhaften Nacht, als der wildeste Sturm seit Menschengedenken über das Land gejagt war, hatte die schöne Storm McFarlane das Licht der Welt erblickt.

Storm war ein ebenso schwieriges wie hübsches Kind. Temperamentvoll und aufbrausend, hatte sie sich schon als kleines Mädchen gegen die Anweisungen des Vaters aufgelehnt, die doch nur ihrem Schutz dienen sollten. Doch Storm wollte sich so frei und ungehindert auf der Farm bewegen wie Luke Branagan, der immer wieder zur Zielscheibe ihres Zorns und ihrer Eifersucht wurde.

„Du behandelst ihn wie einen Sohn!“ hatte sie ihrem Vater zum Vorwurf gemacht. „Aber er ist es nicht, und mein Bruder ist er schon gar nicht!“

Luke gegenüber spielte Storm die Rolle der hochnäsigen Prinzessin und übertrieb es dabei oft. Doch er blieb von ihren theatralischen Ausbrüchen ziemlich unbeeindruckt und behandelte sie stets mit nachsichtiger Freundlichkeit.

Warum begreift Storm nicht, dass ich sie über alles liebe? fragte McFarlane sich nun. Dass es mir vor allem um ihre Sicherheit geht? Auch heute Morgen, bei der Jagd auf Psycho, wäre Storm nur zu gern dabei gewesen. Was für ein Gedanke: Ein kaum zwölfjähriges Mädchen in rauer Männerrunde auf der Jagd nach einem durchgedrehten Kamel! Auch wenn Storm den ganzen Tag im Sattel sitzen konnte – sie war ein Mädchen, dem allerdings die leitende und liebende Hand einer Mutter fehlte.

Als die Männer nun die Wüste erreichten, teilten sie sich in zwei Gruppen auf. Die Luft flimmerte vor Hitze, und der aufkommende Wind verwischte jede Spur sofort wieder. Hier war Niemandsland, es war unbewohnt und menschenfeindlich. Abgesehen von einigen Falken, die auf der Suche nach Beute am Himmel kreisten, und Schwärmen grün und golden schillernder Wellensittiche, die über die Reiter hinwegflogen, schienen sie hier die einzigen Lebewesen zu sein.

Nach zwei Stunden ergebnisloser Suche rastete die Gruppe. Von dem angriffslustigen Kamel war bislang keine Spur zu sehen gewesen. Die Männer waren enttäuscht und unzufrieden, doch aufgeben wollten sie noch lange nicht. Psycho musste hier irgendwo stecken.

Erbarmungslos brannte die Sonne vom wolkenlos blauen Himmel. McFarlane spürte, dass seine Konzentration nachließ. Er war noch keine fünfzig, doch das harte, gefährliche Leben, das er geführt hatte, forderte seinen Tribut. Außerdem machte eine schlimme Beinverletzung aus dem Krieg ihm sehr zu schaffen, vor allem dann, wenn er zu lange im Sessel saß. Ein müder Mann wurde leicht unvorsichtig.

Luke und Matt, einer der beiden Viehhüter, waren einige Meter hinter McFarlane. Um sie her herrschte völlige Stille. Wie ein endloses Meer aus riesigen Wellen breiteten sich die roten Dünen vor ihnen aus. Nichts deutete auf die Anwesenheit des wilden Kamels hin. Doch das Tier beobachtete die Reitergruppe aus einem Hinterhalt. Seine Silhouette wurde von dem knorrigen Stamm und den herabhängenden Ästen einer Akazie verborgen.

Der verschlagene Psycho lauerte auf seine Chance. Dann brach er urplötzlich aus seinem Versteck hervor und stürmte mit beängstigender Geschwindigkeit direkt auf McFarlane zu. Der gewaltige Höcker auf Psychos Rücken schwankte dabei hin und her, und er schnaubte durch die zornig geblähten Nüstern, rasend vor Wut, dass sein Revier bedroht wurde. In der kristallklaren Wüstenluft war der Lärm Furcht einflößend.

McFarlane, zu Tode erschrocken, riss die Zügel seines Pferdes herum. Doch das angreifende Kamel versetzte das Pferd in Panik, sodass es sich schrill wiehernd aufbäumte. McFarlane wurde aus dem Sattel geschleudert und stürzte hart zu Boden.

Entsetzt verfolgte Luke das Geschehen, und sein Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Für den Bruchteil einer Sekunde war er wie gelähmt, dann handelte er schnell und entschlossen, ohne einen Gedanken an die eigene Sicherheit zu verlieren. Jede verlorene Sekunde konnte verheerende Folgen haben. Ihm blieb nur Zeit für einen einzigen Schuss, und der musste sitzen.

Luke legte den Finger an den Abzug, zielte und wartete ab. Seine Miene war konzentriert und entschlossen. Schon konnte er den schäumenden Speichel sehen, der dem Kamel vom Maul flog, schon roch er den animalischen Gestank, den Psycho verströmte …

Die Schussdetonation zerriss die Stille. Das Echo hallte zwischen den gewaltigen Felsbrocken wider, die in der Wüste verstreut lagen. Das Kamel bäumte sich noch einmal auf und fiel dann tödlich getroffen auf die Seite.

Luke sprang vom Pferd und stürzte auf den reglos am Boden liegenden Farmer zu. „Mr. McFarlane!“, rief er. Seine Stimme klang heiser vor Angst um den Farmer und die vielen Menschen, die auf Winding River lebten und deren Existenz von diesem Mann abhing.

McFarlane blieb einen Moment liegen und rang vor Schmerz nach Atem. Haare und Gesicht waren über und über mit rotem Wüstenstaub bedeckt. „Es geht schon, Junge“, brachte er schließlich keuchend hervor. „Das war verdammt knapp.“

Luke schob sich den Hut in den Nacken und nickte. „Um ein Haar hätte das Biest Sie niedergetrampelt.“ Jetzt, da die Gefahr vorüber war, zitterte seine Stimme.

„Nicht, solange du in der Nähe bist. Du bist ein Mann, und ich bin stolz auf dich.“ Mühsam stützte McFarlane sich auf, streckte den Arm aus und ließ sich von Luke aufhelfen. „Ich glaube, du hast mir das Leben gerettet“, sagte er bewegt und legte dem Jungen seine große, starke Hand auf die Schulter. „Du hast der Angst tapfer ins Auge geblickt. Das werde ich dir nie vergessen.“

Der Junge wurde rot. An diesen Augenblick würde er sich sein Leben lang erinnern.

1. KAPITEL

Als sie die Wildpferde endlich in die Koppel getrieben hatten, war Lukes Gesicht völlig mit rotem Wüstenstaub bedeckt. Nach einem langen Arbeitstag unter der sengend heißen Sonne sehnte er sich nach einer Dusche und einem kalten Bier. Heute Abend erwartete der Farmer ihn zum Abendessen und einer anschließenden Schachpartie. Seit Langem waren die beiden Männer durch eine herzliche Freundschaft miteinander verbunden.

Athol McFarlane, inzwischen Anfang sechzig, war einst ein Bär von einem Mann gewesen, doch in letzter Zeit hatte Luke besorgt mit ansehen müssen, wie sein väterlicher Freund körperlich immer mehr verfiel. Der Major war der einzige Mensch, der Luke nach dem Tod seiner Eltern geblieben war. Major McFarlane verdankte seinen Spitznamen seiner Dienstzeit in der Armee, die er als hoch dekorierter Offizier beendet hatte. Doch es war eine Zeit gewesen, über die er niemals sprach und der er seine alte Kriegsverletzung verdankte, mit der es immer schlimmer geworden war. Doch nie beschwerte er sich über die ständigen Schmerzen. Die einzige Klage, die ihm jemals über die Lippen kam, galt seiner Tochter: „Wann kommt Storm endlich nach Hause?“

Der Major vermisste sie schrecklich, und Luke erging es nicht anders. Bis zum heutigen Tag hatte er sich über seine Gefühle für Storm nicht klar werden können. Er wusste nur, dass es besser für ihn war, nicht zu intensiv darüber nachzudenken.

Storm war Schmuckdesignerin. Ihre Schmuckstücke wurden bis nach New York verkauft. Aus allen Teilen der Welt reiste die Schickeria an, um den von Storm McFarlane entworfenen Schmuck zu erwerben. Als junge Frau von siebenundzwanzig Jahren hatte sie sich bereits einen beachtlichen Ruf erworben.

Zu einer Heirat hatte Storm sich bisher jedoch nicht entschließen können. Sie war zweimal verlobt gewesen, aber weder der eine noch der andere Bräutigam hatten es geschafft, Storm vor den Altar zu bringen. Wahrscheinlich könnte nicht einmal Superman ihren Ansprüchen gerecht werden, dachte Luke mit bitterem Humor und betrat den luxuriösen Bungalow, in dem er schon mit seiner Familie gewohnt hatte, ging ins Bad und streifte die staubige Arbeitskleidung ab. Er drehte die Dusche auf und gab sich ganz dem erfrischenden Gefühl hin, das das kalte Wasser auf der erhitzten Haut hervorrief. So weit war es also schon gekommen – für ihn, einen Mann von neunundzwanzig Jahren, war eine kalte Dusche der Gipfel des Genusses.

Meine Güte!

Nicht, dass es keine Abenteuer für ihn gegeben hätte. Einige Male hatte er sogar geglaubt, die Richtige gefunden zu haben, doch nach einigen Monaten hatte sich die anfängliche Begeisterung immer gelegt, und er verlor das Interesse. Umso erstaunlicher war, dass einige seiner Exfreundinnen ihm noch immer nachtrauerten. Carla war mit Abstand die Hartnäckigste. Sie war charmant, attraktiv und gut im Bett. Was also war los mit ihm? Es wurde Zeit, dass er eine Familie gründete – mit der richtigen Frau. Aber wer war sie, und wie sollte sie sein?

Bestimmt nicht wie Storm McFarlane, die es wie keine andere verstand, ihn immer wieder aus der Fassung zu bringen.

Luke trocknete sich ab und strich sich das Haar aus der Stirn. Manchmal erkannte er in seinem Spiegelbild die Züge seines Vaters wieder: die hohen Wangenknochen, den Schnitt der Augen und des Mundes. Die Farbe seines Haars, der Augen und der Haut jedoch hatte Luke von seiner Mutter. Es verging kaum ein Tag, an dem er seine Eltern nicht vermisste. Noch immer stand ihm lebhaft jener schreckliche Tag vor Augen, als er ins Büro des Schuldirektors gerufen worden war. Er hatte sofort gewusst, dass etwas Schlimmes geschehen war, aber nie hätte er damit gerechnet, Major McFarlane im Büro vorzufinden.

Luke erfuhr, dass seine Eltern auf dem Rückweg von Alice Springs bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen waren. Er war damals fünfzehn gewesen und hatte eine der renommiertesten Privatschulen des Landes besucht. Seine Eltern hätten sich ein solches Eliteinternat niemals leisten können, doch der Major hatte darauf bestanden, für die Kosten aufzukommen. Ein Nein hatte er nicht gelten lassen.

Als Ausdruck der Achtung wurden Lukes Eltern auf dem kleinen Familienfriedhof der McFarlanes beigesetzt, ungefähr fünf Kilometer vom Herrenhaus des Majors entfernt. Luke erinnerte sich noch, wie Storm auf dem Sanctuary Hill mit aschfahlem Gesicht neben ihm gestanden und seine Hand gehalten hatte. Dieses eine Mal hatte sie ihm wirklich Trost gespendet, und alle Feindseligkeiten waren vergessen gewesen.

Nachdem Luke das College als einer der Jahrgangsbesten beendet hatte, drängte der Major darauf, dass er – wie Storm – die Universität besuchte, was durchaus Lukes Wünschen entsprach. Er arbeitete hart und schloss das Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Auszeichnung ab, sodass ihm beruflich sämtliche Türen offen standen. Doch er wollte Rinderzüchter werden wie sein Vater.

Die Leitung einer so riesigen Farm wie Winding River jedoch war ein hartes und schwieriges Geschäft, bei dem Lukes Hochschulwissen allein nicht ausreichte. Aber er liebte das Leben im Outback. Es lag ihm im Blut. In der Stadt hatte er nie heimisch werden können. Das alles wusste der Major und machte Luke das Angebot, die Stelle seines Vaters zu übernehmen. Aufseher von Winding River und seiner beiden Außenstationen! Ein Spitzenjob mit einem großen und interessanten Verantwortungsbereich!

Luke nahm das Angebot nur zu gern an.

Inzwischen war er die rechte Hand des Majors. Besucher von außerhalb hielten ihn häufig für McFarlanes Sohn. Binnen kurzer Zeit hatte er eine steile Karriere gemacht, doch in diesem Teil der Welt, in der ein harter Konkurrenzkampf herrschte, gab es niemanden, der ihm seine Kompetenz absprach. Der Major übertrug ihm nach und nach immer mehr Aufgaben, bis Luke praktisch das gesamte Unternehmen allein leitete.

In frischem Hemd und sauberen Jeans ging Luke jetzt auf das Herrenhaus zu. Wie immer blieb er einen Moment davor stehen und betrachtete es bewundernd. Essex McFarlane hatte es um das Jahr achtzehnhundertachtzig erbauen lassen, als er aus Neusüdwales gekommen war, um das riesige Pachtland im Südwesten von Queensland zu übernehmen. Das wunderschöne zweistöckige Sandsteingebäude besaß ein Schieferdach, und die breiten Veranden wurden von schlanken weißen Säulen gestützt, die mit ihren ungewöhnlichen Kapitellen eine zauberhafte Kolonnade bildeten. Halbrunde Steinstufen führten zum Haupteingang hinauf.

Luke nahm schwungvoll je zwei Stufen auf einmal und betrat die geräumige, mit Orientteppichen ausgelegte Eingangshalle. Noni Mercer, die kleine, mollige Haushälterin, kam ihm lächelnd entgegen. „Wie geht’s, Luke? Schrecklich heiß heute, nicht wahr?“

Luke erwiderte ihr Lächeln. „Genau das richtige Wetter, um Wildpferde zu fangen.“ Luke mochte Noni sehr. Sie war eine liebenswürdige Frau von Ende fünfzig, hatte graue Löckchen, sanfte dunkle Augen und ein gütiges Herz.

„Ich muss dich warnen, Noni“, erklärte Luke. „Ich verzehre mich nach deinen Kochkünsten!“

„Das tust du doch immer.“ Noni errötete erfreut und betrachtete voller Zuneigung den großen, gut gebauten Luke. Sie kannte ihn von Kindesbeinen an und hatte miterlebt, wie er sich in einen hinreißenden jungen Mann verwandelt hatte. Sein rotbraunes Haar und die leuchtend blauen Augen hatte er von seiner Mutter Rose geerbt, die Noni als bezaubernde Frau in Erinnerung hatte.

Noni hatte eine große Schwäche für Luke Branagan, der seine Sonderstellung beim Major niemals zu seinem persönlichen Vorteil ausnutzte. Er war ein durch und durch anständiger Kerl, und es war Noni unbegreiflich, warum er und Storm nicht die besten Freunde waren. Sie vermutete, dass Luke insgeheim für die temperamentvolle Storm schwärmte, aber das würde er natürlich niemals zugeben.

„Dem Major geht es heute nicht besonders gut, Luke, aber er freut sich schon darauf, dich zu sehen. Du bist ihm ja fast wie ein Sohn.“

„Ich schätze, genau da liegt Storms Problem, Noni.“

Noni konnte nur zustimmend nicken. „Ich wünschte, sie würde nach Hause kommen“, sagte sie seufzend und hob den Kopf, als auf der oberen Galerie die schweren, schleppenden Schritte des Majors erklangen. „Aber ich weiß, dass sie zurzeit sehr viel zu tun hat. Sie hat großen Erfolg, und das freut mich von Herzen. Weißt du noch, wie sie die Gegend nach Opalen und Quarz abgesucht hat?“

„So hat alles angefangen. Jetzt steht sie vor einer großen Karriere.“

„Ja, ist das nicht wundervoll?“, pflichtete Noni ihm lächelnd bei. Sie besaß selbst einige kleine, sehr schöne Stücke aus Storms Kollektion. „Sie ist jedes Mal hellauf begeistert, wenn jemand sich in ihre Arbeiten verliebt.“

„Aber wenn jemand sich in sie verliebt, hält ihre Begeisterung sich in Grenzen“, bemerkte Luke leicht spöttisch. „Immerhin war sie schon zweimal verlobt, und keiner der beiden Männer hat es geschafft, sie zum Altar zu schleifen.“

„Willst du es ihr zum Vorwurf machen? Du bist ja auch nicht verheiratet“, erinnerte Noni ihn verschmitzt. „Ihr seid mir schon ein Paar!“

Inzwischen war Athol McFarlane auf dem oberen Treppenabsatz erschienen und ging langsam die Stufen hinunter, wobei er sich schwer auf seinen Stock stützte. Luke und Noni unterließen es wohlweislich, ihm ihre Hilfe anzubieten. Sie wussten, dass der Major sehr stolz und auf seine Unabhängigkeit bedacht war.

„Luke!“, rief er mit dröhnender Stimme, und seine hageren Züge hellten sich auf. „Wie war dein Tag? Noni ist schon seit Stunden damit beschäftigt, dir deine Leibgerichte zu kochen.“

„Oh ja, sie verwöhnt mich.“ Luke musste lächeln, denn er wusste, dass der Major nicht übertrieb.

„Und du hast dir jeden Bissen verdient. In den letzten Jahren warst du mir eine unschätzbare Hilfe. Komm, gehen wir ins Arbeitszimmer. Kann sein, dass du am Wochenende nach Kingston fliegen musst. Höchste Zeit, dass man denen mal einen kleinen Überraschungsbesuch abstattet. Noni gibt uns Bescheid, wenn das Abendessen fertig ist.“

„Zu Befehl, Major.“ Noni salutierte zum Spaß und verschwand in der Küche.

Die Männer begaben sich ins Arbeitszimmer, einen alten, stilvollen Raum voller Bücher und Trophäen. Über dem Kamin hing ein Porträt von Storm, das der Major zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag in Auftrag gegeben hatte. Luke betrachtete es nachdenklich. Es zeigte Storm in einer weißen Seidenbluse und einer engen beigefarbenen Reithose. Um die schmale Taille trug sie einen auffallenden Gürtel mit einer opalbesetzten Silberschnalle, den sie selbst entworfen hatte, und das lange schwarze Haar fiel ihr offen über die Schultern. Ihr makelloser Teint wirkte frisch und strahlend, und ihre mandelförmigen Augen leuchteten in demselben Smaragdgrün wie das kleine, nachlässig um ihren Hals geknotete Tuch. Die eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte, in der anderen hielt sie einen weißen, mit einem breiten Schlangenlederband verzierten Cowboyhut. Wie oft hatte Luke sie schon in dieser Haltung dastehen sehen? Storm wirkte so lebendig, als könnte sie jeden Augenblick aus dem Bilderrahmen steigen.

In Lukes Arme.

Und dann?

Wann immer Luke das Gemälde betrachtete, erlag er dem erotischen Reiz, den es auf ihn ausübte. Das sexuelle Verlangen, das Storm in ihm auslösen konnte, war größer, als ihm lieb war.

Während Athol McFarlane seinen gewohnten Platz einnahm, beobachtete er Luke wachsam. „Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?“, wollte er wissen, als ihre Blicke sich begegneten.

„Sicher, Major, wenn es nicht um Storm geht“, konterte Luke schlagfertig.

McFarlane lachte. „Ist es nicht erstaunlich, dass keiner von euch beiden einen passenden Partner finden kann, solange der andere in der Nähe ist?“

Vor Überraschung wusste Luke nicht, was er antworten sollte.

„Ich will sie sehen, Luke“, fuhr McFarlane leise fort. In seiner Stimme lag eine solche Sehnsucht, dass Luke betroffen aufblickte. „Sorg dafür, dass Storm hierher kommt.“

„Was ist los mit Ihnen, Major? Warum vertrauen Sie sich mir nicht an?“

„Da gibt es nichts anzuvertrauen“, wich McFarlane aus. „Ich bin bloß alt und müde, und es ist mindestens vier Monate her, dass ich Storm das letzte Mal gesehen habe.“ Es waren genau vier Monate, eine Woche und drei Tage.

„Ihr Leben ist sehr ausgefüllt“, hielt Luke ihm vor Augen. „Sie ist eine schöne, begabte junge Frau aus bester Familie. Da kann es nicht ausbleiben, dass sie oft eingeladen wird. Außerdem nimmt ihre Arbeit sie sehr in Anspruch.“

Der Major zog die dichten Brauen zusammen. „Sie könnte hier arbeiten. In diesem Haus gibt es genügend leere Räume, die man zu einer Werkstatt umbauen könnte.“

„Haben Sie mit Storm darüber gesprochen?“

McFarlane seufzte bekümmert. „Vielleicht habe ich nicht die richtigen Worte gefunden.“

Luke betrachtete das hagere Gesicht des Majors, und seine Miene wurde sorgenvoll. „Wollen Sie, dass ich nach Sydney fliege und Storm hole?“

McFarlane blickte rasch auf. „Du bist doch sicher viel zu beschäftigt“, erwiderte er, doch seine Züge hatten sich unwillkürlich aufgehellt, und seine Schultern strafften sich.

„Wir haben hier alles unter Kontrolle“, versicherte Luke ihm. „Sandy ist gut eingearbeitet und kann mich für ein oder zwei Tage vertreten.“

„Wann kannst du aufbrechen?“ McFarlanes Stimme gewann zunehmend an Kraft.

„Was schlagen Sie vor?“

„Wie wär’s mit Freitag?“

Das war schon übermorgen! So gut der Major seine Sorgen auch verbergen mochte – irgendetwas stimmte nicht, das spürte Luke deutlich. Er hätte gern mit Tom Skinner darüber gesprochen, dem Arzt des Majors, doch abgesehen davon, dass McFarlane dies als unverzeihlichen Vertrauensbruch betrachtet hätte, war bisher jeder Versuch gescheitert, etwas aus Tom herauszubekommen.

Doch Luke hatte selbst Augen im Kopf. Der Major war ein sehr kranker Mann, und auch Storm wusste das. Weshalb, zum Teufel, kam sie dann nicht? War ihr die Sorge um ihren Vater nicht viel wichtiger als ihr kalter Krieg mit ihm, Luke?

„Was ist nun?“, riss McFarlane ihn aus seinen Gedanken.

„Kein Problem“, versicherte Luke und lächelte ihn aufmunternd an.

„Was ist eigentlich mit Carla?“, erkundigte der Major sich vielsagend.

„Wie meinen Sie das?“, fragte Luke zögernd. Er hatte keine große Lust, über Carla zu reden.

„Das weißt du ganz genau. Spielt sich noch etwas zwischen euch ab?“

Luke beschäftigte sich eingehend mit einem Briefbeschwerer. „Carla und ich sind gute Freunde, mehr nicht.“

„Sie sieht aber sehr viel mehr in dir, mein Junge“, spöttelte der Major. „Das Mädchen ist bis über beide Ohren in dich verliebt, und ihr Vater würde dich mit Kusshand zum Schwiegersohn nehmen. Ich mag Carla übrigens auch. Sie ist ein hübsches, aufgewecktes Mädchen. Doch ich glaube, du könntest etwas Besseres bekommen.“

„Eine Frau wie Storm?“

Der Major war plötzlich sehr ernst geworden. „Ich weiß, dass Storm es dir immer sehr schwer gemacht hat, aber sie weiß, was du wert bist, Luke, auch wenn sie es nie zugeben würde.“

„Das ist doch nur ein Traum von Ihnen, Major. Ein Traum, der sich nie erfüllen wird.“

Doch der Major ließ nicht locker. „Sieh mir in die Augen“, forderte er Luke auf, „und dann sag mir, dass Storm dir nichts bedeutet. Schließlich kenne ich dich.“

„Dann müssten Sie wissen, dass ich meine Zeit nicht damit verschwende, mein Herz an eine Frau zu hängen, die mich nicht will“, entgegnete Luke heftig, wohl wissend, dass er genau das tat.

„Hol sie nach Hause, Luke“, beschwor der Major ihn. „Mehr verlange ich nicht.

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