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Windelman

Über den Autor

Mitch Watson, Emmy-Award Gewinner, hat mit BEWARE THE BATMAN und dem Relaunch von SCOOBY-DOO zwei international erfolgreiche Cartoon-Serien kreiert. Seine REKKIT-RABBIT-Reihe war 2011 die beliebteste Cartoon-Serie in Frankreich. Mitch Watson lebt mit seiner Frau, seiner Tochter, einem Hund und einer 18 Jahre alten Katze ein sehr ruhiges Leben.

Mitch Watson

WINDELMAN

In zwei Schritten zum perfekten Papa

Aus dem Amerikanischen
von Gideon Ehret

EINFÜHRUNG

Willkommen, Väter in spe! Vor Ihnen liegt eine Reise, die Ihr ganzes Leben verändern wird. Eine Reise, für die Sie nicht gerüstet sind. Nicht die Bohne.

Diese Reise wird Sie in die Knie zwingen. Ihr schlechtes Gewissen wird zum Himmel schreien. Schuldgefühle, Ängste und die Gewissheit, ein Hochstapler und Scharlatan zu sein, werden Sie quälen. Tagtäglich werden Sie das Gefühl haben, dass Sie keine Ahnung haben, was Sie da eigentlich tun. Und wissen Sie was? Sie haben vollkommen recht.

Alles, was Sie zu wissen glaubten, ist falsch. Alles, was man Ihnen erzählt hat, entpuppt sich als Unsinn. Erinnern Sie sich an die Szene in MATRIX, wo Keanu Reeves erfährt, dass er bloß eine Kraftquelle für allerlei Maschinen ist? Sein ganzes Leben eine einzige Fiktion? Das trifft es in etwa. Sie wurden gelinkt. Die ganze Zeit. Das ist nicht Ihre Schuld. Sie hatten ja keine Ahnung. Genauso wenig wie ich. Aber Sie haben ja mich, und ich werde Ihnen helfen.

Mein Name ist Rance Cunningham, ich bin 35, selbstständiger Elektriker und Bauunternehmer, und habe soeben das erste Jahr als Vater überlebt.

Deswegen will ich Ihnen durch diese schwere Zeit helfen.

Ich war ganz allein, als meine Reise begann. Freunde, die ich fragte: »Was kommt auf mich zu, wenn Denise schwanger wird?«, lächelten nur verklärt und sagten, ein Mensch werde in mein Leben treten, den ich genauso lieben werde wie Denise. Meine zweite Große Liebe. Sie hatten recht: Ich liebe meine jetzt eineinhalbjährige Tochter so sehr wie meine Frau, aber alles andere kam ganz anders als gedacht. Ja, ich hatte mir immer ein Kind gewünscht. Und Denise in ihrem Kinderwunsch bestärkt. Als sie dann schwanger wurde, dachte ich allerdings, mein Job sei erledigt. Ich hatte meine Frau geschwängert. Was konnte man NOCH von mir verlangen? Verwandte, Freunde, Kollegen … niemand gab mir auch nur den geringsten Hinweis darauf, wie gründlich ich mich irrte. Alle ließen mich ins offene Messer laufen. Damit Ihnen das nicht passiert, schreibe ich dieses Buch.

Wenn Sie eine Frau sind, können Sie es gleich wieder weglegen. Lesen Sie nicht weiter! Ganze Regalkilometer sind vollgestopft mit Büchern über Ihre Belange, wie Schlafmangel, Stillprobleme, postnatale Depression. All diese Bücher werden Sie weiterbringen. Sie sind in guten Händen. Aber Ihr Mann braucht Hilfe. Deswegen ist dieses Buch für ihn. Gönnen Sie es ihm! Klappen Sie es zu und kümmern sich um Ihren eigenen Kram!

Ob dieses Buch medizinisch korrekt ist, weiß ich nicht. Schließlich bin ich kein Arzt. Ich hatte zwar vor, dieses oder jenes nachzulesen, und hatte mir sogar schon einige Bücher in der Stadtbibliothek von Seattle ausgeliehen, aber dann beauftragte mich ein Kunde mit der Installation einer riesigen Home Entertainment Anlage. Die Wände in seinem Haus waren so morsch, dass sie zerbröselten, als ich die Surround Lautsprecher aufhängen wollte … Ein Albtraum!

Sollte Ihnen, liebe Väter, dieses Buch also nicht informativ genug erscheinen, kann ich Ihnen vorab verraten, dass es dreizehn hammerharte Cocktailrezepte enthält.

Na, bitte! Jetzt lesen Sie ja doch weiter. Völlig zu Recht, denn gleich zu Beginn von Denises Schwangerschaft wurde mir klar, wie wichtig Alkohol für den Fortbestand unserer Ehe war. Früher habe ich mich oft gefragt, warum mein Vater, wenn er abends von der Arbeit heimkam, sich als Erstes ein paar gehaltvolle Cocktails mixte. Hatte er denn einen so anstrengenden Beruf?

Erst als Denise schwanger wurde, konnte ich ihn verstehen.

Väter brauchen Alkohol. Als werdender Vater begriff ich schnell, dass Gott – ob Sie nun an ihn/sie/es glauben oder nicht – den Menschen die Fähigkeit verliehen hat, Alkohol zu brauen, um uns Männern das Dasein als Vater zu erleichtern. Denn Fakt ist: Im Grunde sind wir bei dieser ganzen Kindersache immer nur Beobachter. Seit Menschengedenken besteht unsere Aufgabe lediglich darin, unseren Frauen und Kindern eine warme Höhle und Fleisch zu beschaffen. Vielleicht noch eine Decke aus Mammutfell und einen Knochenkamm für die Frisur. Das Wesentliche. Der Kreislauf des Lebens eben.

Vermutlich ist so einem Höhlenmenschen einst der Kartoffelvorrat verfault. Die Dinger begannen zu fermentieren, er probierte etwas von dem heraussickernden Saft – und der Wodka war geboren. Bingo! Plötzlich hatte es einen Sinn, Vater zu sein. Mein eigener pflegte stets zu sagen: »Mit dem Ausnüchtern wartet man besser, bis die Kinder das College hinter sich haben. Bis dahin braucht man Stehvermögen. Die Leber eines Mannes schafft was weg. Gott hat sie ihm nicht ohne Grund gegeben, aber er muss sie trainieren.«

Deswegen habe ich verschiedenen Phasen der Kindesentwicklung einen passenden Cocktail vorangestellt. Sie werden es mir danken. Und können sich bei Gelegenheit revanchieren.

Nun also los …

VOR DER GEBURT:

TIEF DURCHATMEN UND IN
HAB-ACHT-STELLUNG GEHEN

Cocktail des Monats

DIE DREI WEISEN

6 cl Johnny Walker Black

6 cl Jim Beam

6 cl Jack Daniels

Alle Zutaten in ein großes Cocktailglas geben, mit Eis auffüllen, umrühren und in einen Bierkrug umfüllen. Schnell verbrauchen und mit einem Bier Ihrer Wahl nachspülen. Wenn die Drei Weisen nicht binnen einer halben Stunde mit Geschenken vorbeikommen, wiederholen Sie den Vorgang, bis die Jungs endlich antanzen.

1. KAPITEL
WARUM, ZUM TEUFEL, TU ICH MIR DAS AN?

Bevor wir in medias res gehen, will ich Ihnen verraten, wie ich in diese Situation geraten bin, also ich meine das Schwangerwerden. Sie alle haben Ihre eigenen Geschichten, die sich von meiner vermutlich unterscheiden. Aber Sie schreiben ja nicht dieses Buch. Sie sind der Leser. Folglich müssen Sie da jetzt durch.

Im Gegensatz zu vielen anderen Männern und sogar Frauen habe ich mir immer ein Kind gewünscht. (Ursprünglich wollte ich diesem Thema ein eigenes Kapitel widmen: POPPE KEINE FRAU ÜBER DREISSIG, WENN DU DIR KEIN KIND WÜNSCHST. Doch dann fand ich die Überschrift so selbsterklärend, dass sich das Kapitel als solches erübrigte.) Für mich war es nie eine Frage. Ich wollte ein Kind. Egal, ob Junge oder Mädchen. Das Problem waren die Frauen. Beziehungsweise mein nicht sehr glückliches Händchen bei der Partnerwahl. Ich stehe nämlich auf DURCHGEKNALLTE. Und zwar in allen Varianten:

Unsichere

Herrschsüchtige

Obsessive

Eifersüchtige

Beziehungsgeschädigte

Denn ihr großer Vorteil ist: Der Sex mit ihnen ist fantastisch.

Jeder Mann weiß, dass Durchgeknallte im Bett besser sind als Normalos. Versuchen Sie, sich an den besten Sex zu erinnern, den Sie je hatten. Sex, der so durch die Decke ging, dass Sie wünschten, Sie könnten Ihrer Mutter davon berichten. Und zwar am besten sofort. Sie würden sagen: »Hi, Mom! Rate mal, wo ich bin! Nein, nicht im Auto. In einem Zeppelin. Und ich habe gerade Sex. Mit einer Frau, die aussieht wie eine Vierzehnjährige, die gerade … Okay, Mom. Aber ihre Möpse sind der Wahnsinn, und aus irgendeinem Grund trägt sie ein Breitschwert. Vor ein paar Minuten hat sie ein Telefonbuch zerrissen, und zwar mit den Arschbacken … Wie sie heißt? Keine Ahnung. Sie hat irgendetwas gestöhnt, das sich wie »Glaaara!« anhörte, aber ob das ihr Name ist … Ist ja auch egal. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt ein Mensch ist. Ich weiß nur, dass sie ganz verrückt nach Sex ist. Und nach Rallyes mit Monster Trucks.«

Verstehen Sie, welche Art Sex ich meine? Ach so, hatten Sie selbst schon mal … Okay. Dann wissen Sie ja, dass man mit so einer keine Kinder haben möchte. Und genau das war auch mein Problem. Ich befand mich schon in den hässlicheren Regionen der Zwanziger und machte mir Sorgen, dass die Zeit langsam knapp würde.

Also was tun?

Natürlich! Eine Partnerbörse!

Was dabei herauskam? Nun ja …

MEINE SCHLIMMSTEN ERFAHRUNGEN BEIM ONLINEDATEN:

  1. Eine Frau, die sich als 35 ausgab, war in Wahrheit 50 und saß im Gefängnis.
  2. Eine andere bekam beim Abendessen Kopfschmerzen, und als ich ihr Aspirin anbot, brüllte sie das ganze Restaurant zusammen, weil sie dachte, ich wollte ihr K.O.-Tropfen geben.
  3. Eine andere erschien betrunken zum Date, kotzte mir das Auto voll und ruinierte eine Kabelrolle, die ich eigentlich am nächsten Tag auf der Arbeit brauchte.
  4. Eine andere klang am Telefon wie die Königin der Nacht, kam aber nicht zum vereinbarten Treffpunkt, weil sie sich in der Zwischenzeit umgebracht hatte.

Ich war also wieder da, wo ich angefangen hatte, und die Uhr tickte erbarmungslos weiter. Zur selben Zeit lernte mein WG-Kumpel Eric eine wunderbare Frau kennen und lieben. Es war wie im Kino. Die Frau, die er schließlich heiratete, Natia, war früher Friseurin und lesbisch gewesen. Als Eric sie kennenlernte, war sie mit einer Privatdetektivin namens Bree liiert. Natia behauptete, vom Nabel abwärts habe sie keinerlei Gefühle. Seit Jahren. Am allerwenigsten im Genitalbereich. Laut Eric kehrten diese Gefühle aber bereits bei ihrem ersten Date zurück. Daraufhin beendete sie augenblicklich ihr Dasein als Lesbe und schickte die Privatdetektivin in die Wüste. Eric hatte nicht nur eine Lesbe »bekehrt«, sondern sogar ihre Vagina wieder zum Leben erweckt, während ich noch dabei war, die Kotze aus meinem Auto zu wischen.

Als er aus unserer gemeinsamen Wohnung auszog, musste ich ebenfalls kündigen, weil ich mir die Miete allein nicht leisten konnte. Ich war an einem Tiefpunkt angekommen und glaubte nicht mehr daran, dass es die Richtige für mich gab.

Doch dann begegnete ich Denise.

Sie war gerade von Kalifornien nach Seattle gezogen und hatte mich beauftragt, die Elektrik in ihrer Wohnung auf Vordermann zu bringen. Sie war Grundschullehrerin, einssechzig und hatte braunes Haar. Das passte. Ich habe nämlich eine gewisse Scheu vor Frauen, die größer sind als ich (einssiebzig), weil ich mich von ihnen beobachtet fühle. Außerdem habe ich einen ziemlich kleinen Kopf, für den ich mich ohnehin schon schäme, und von oben betrachtet wirkt er noch kleiner. Das konnte mir mit Denise nicht passieren. Sie erinnerte mich an die junge Sally Field, bevor sie Burt Reynolds flachlegte: intelligent, gutmütig und gerade das richtige Quäntchen schlampig.

Und auch sonst ist sie eine interessante Mischung, denn sie ist halb Jüdin und halb italienischstämmige Katholikin. Wie die meisten Frauen mit diesem Hintergrund ist sie eine klassische Schönheit. Wobei Jüdinnen grundsätzlich eins von beidem sind: atemberaubend schön oder unbeschreiblich hässlich. Dazwischen gibt es nichts. Wenn Sie eine angebliche Jüdin kennenlernen, die so lala aussieht, ist sie keine Jüdin, sondern wahrscheinlich Griechin. Am besten fragen Sie sie, was sie gern isst. Wenn sie »Feta« sagt, wissen Sie Bescheid.

Jedenfalls ging mit Denise von Anfang an die Post ab. Wir verabredeten uns sofort und waren von da an ein Paar. Ein Jahr später ließen wir uns von einem Elvis in der Graceland Chapel in Las Vegas trauen. Wir hatten das BLUE HAWAII-Paket gebucht, und der echte Elvis sang »Love Me Tender« vom Band, während wir es in der Hochzeitsnacht krachen ließen.

Damals war ich vierunddreißig, Denise zwei Jahre jünger. In einem Vorort von Seattle fanden wir einen Arzt, der Paaren beim Schwangerwerden hilft, und schon zwei Wochen später war es passiert.

An dieser Stelle begann das Abenteuer.

Nachdem mein ehemaliger Mitbewohner Eric und Natia ihr erstes Kind bekommen hatten, erzählte er mir eines Tages, dass man sich von seiner Frau verabschieden kann, wenn sie schwanger wird, weil man sie – beziehungsweise die Version, in die man sich ursprünglich einmal verliebt hat – frühestens in zwei Jahren wiedersieht. Damals dachte ich, er wollte mich verscheißern.

Aber er hatte recht.

Zumindest im übertragenen Sinne. Natürlich war Denise noch da. Aber eben auch noch etwas anderes, das unser Leben komplett auf den Kopf stellen sollte. Am Ende hat es unsere Beziehung bereichert und gestärkt, aber wenn man gerade mittendrin steckt, kann man das noch nicht so recht sehen. Was Sie sehen, ist, dass Ihre Frau und Sie zu Ihren eigenen Eltern mutieren, und das ist so beängstigend, dass Sie es nicht wahrhaben wollen. Das geht sogar so weit, dass Sie Ihre Eltern plötzlich verstehen. Obwohl sie eigentlich einen an der Waffel hatten mit ihrem ewigen »Du sollst es einmal besser haben als wir« und »MACH BLOSS NICHT DIE GLEICHEN FEHLER WIE WIR!«.

Wenn Sie ein Kind bekommen, ergibt alles, was einen an den eigenen Eltern immer so genervt hat, plötzlich auf erschreckende Weise einen Sinn.

Am liebsten würden Sie zum Telefon greifen oder gleich hinfahren und Ihren Eltern sagen, wie leid es Ihnen tut, dass sie so ein sturer Hund waren. Dass Sie hoffen, ihre Träume am Ende doch erfüllt und ihrem Leben einen Sinn gegeben zu haben. Lauter solche Sachen gehen Ihnen in Ihrem ersten Jahr als Vater durch den Kopf.

Leider fehlt Ihnen aber die Zeit, mit Ihren Eltern ins Gespräch zu kommen, weil sie alle Hände voll damit zu tun haben, ihr eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen, denn Sie merken: Sie befinden sich im freien Fall. Ihnen wird immer klarer, dass alles wieder von vorne losgeht, der sogenannte Kreislauf des Lebens: Schmerz, Schuld, Glück und am Ende das Eingeständnis (in dem Fall dann auf Seiten Ihres Kindes), dass Eltern eine ganze Menge auf sich nehmen, wofür man verdammt dankbar sein sollte.

Puh! Zeit für den ersten Cocktail.

2. KAPITEL
SIE IST SCHWANGER! WAS NUN?

Ich will mich nicht im Einzelnen mit den neun Monaten aufhalten, die der Geburt Ihres Kindes vorausgehen. Wie die sich gestalten, hängt im Wesentlichen von Ihrer Frau ab. Wenn Sie Glück haben, kommt sie mit zwei, drei Monaten Übelkeit davon und schwebt die restliche Zeit auf Wolke sieben. Dass die dümmsten Frauen die leichtesten Schwangerschaften haben, ist zwar keine wissenschaftlich fundierte Erkenntnis, und ich möchte niemanden damit beleidigen, aber meine Freunde und ich haben das tatsächlich immer wieder beobachtet.

Wenn Ihre Frau also dumm und schwanger ist, haben Sie das große Los gezogen.

Mein Kumpel Kyle ist mit einer wunderschönen Russin verheiratet, Jewel. Wir sind uns nicht ganz sicher, aber wir glauben, dass er sie aus einem Versandhauskatalog hat. Jedenfalls verlief ihre Schwangerschaft so problemlos wie die in der Reality Soap der Kardashians. Ich selbst sehe mir solche Shows zwar nicht an, aber Denise liebt diese Art Fernsehunterhaltung, inklusive Promi Shopping Queen. Sie konsumiert dieses Zeug en masse. Ich erwähne die Kardashians nur, weil Jewel mich an die Kardashian-Schwester erinnerte, deren Schwangerschaft in der Show dokumentiert wurde, und ich schwöre: Diese Frau sah von Anfang bis Ende fantastisch aus und zog sich schließlich das Baby vor laufender Kamera eigenhändig aus dem Leib. (Nein, kein Witz! Wenn Sie mir nicht glauben, googeln Sie das Ereignis. Nur dass Sie es dann immer noch nicht glauben werden.)

Wie die Kardashians macht sich Jewel kaum Gedanken über Dinge, die nichts mit Verschönerungsmaßnahmen zu tun haben, aber sie ist wirklich nett und hat ihre Schwangerschaft bewundernswert durchgestanden. Höchstens zwei Wochen lang litt sie unter der Morgenübelkeit, danach ging es ihr blendend. Mit »blendend« meine ich: Sie strahlte vor Glück. Wie im Werbespot einer christlichen Sekte, wo alle ganz beseelt in die Kamera grinsen und Gottes Wunder preisen. Eine Art Heiligenschein umhüllte ihren kompletten Körper, und ihre Hormone verwandelten sie in eine Art Fruchtbarkeitsgöttin, deren einziger Daseinszweck darin bestand, Leben zu schenken. Kyle sagt, dass sie bis unmittelbar vor der Geburt sogar Sex hatten, weil Jewel glaubte, das täte dem Ungeborenen gut. Soviel ich weiß, stimmt das sogar, aber kriegen Sie eine Frau, die gerade literweise Wasser in ihren Zellen ansammelt, mal dazu, diese »Sex ist gut für das Baby«-Theorie zu unterstützen! Während Jewel, wie gesagt, eine Augenweide ist, kann man das von Kyle nicht gerade behaupten. Er ist schlaksig, hat unreine Haut, und sein Kopf ist eingedellt wie eine Erdnuss. Sein Sohn hat diese Delle geerbt, während sein Verstand – seinem sinnlosen Geplapper nach zu urteilen – wohl mehr nach Jewel kommt.

Was ich damit sagen will, ist: Eine schwierige Schwangerschaft muss nichts Schlechtes bedeuten.

Als Denise und ich schwanger wurden …

Wenn Sie die Abschweifung gestatten: Ich hasse es, wenn Männer sagen: »Als meine Frau und ich schwanger wurden …«, oder von »unserer Schwangerschaft« sprechen. Das gehört zu den Phrasen, die vor zwanzig Jahren aufkamen, als plötzlich alles »politisch korrekt« sein musste, und die sich dann leider festgesetzt haben. Natürlich bekommen wir beide ein Kind, aber nur meine Frau wird schwanger. Ich bleibe von Gewichts- und Hormonschwankungen verschont, und mein Körper muss am Ende auch keinen riesigen Brocken durch eine viel zu enge Stelle quetschen. Ich bekomme keinen Dammriss. Und niemand schneidet im Zweifelsfall acht Pfund Lebendgewicht aus meinem Bauch. Diese Strapazen nehmen ganz allein unsere Frauen auf sich, und das sollten wir anerkennen.

Zurück zum Thema.

Denise ist eine gebildete Frau. Sie hat einen Master in Pädagogik, liest gern und liebt gute Filme (nur beim Fernsehen lässt ihr Geschmack, wie gesagt, ein wenig zu wünschen übrig), sie treibt Sport und versteht sogar etwas von der Jagd. Ausgestattet mit diesem Erbe wächst meine Tochter wahrscheinlich zu einem rundum kompetenten, intelligenten Mädchen heran. Dummerweise sind es dieselben Qualitäten, die eine Schwangerschaft zum Albtraum werden lassen.

Denn: Kluge Frauen machen sich zu viele Gedanken. Sorry, kluge Frauen, aber das ist wahr. Mit Händen und Füßen wehrt ihr euch gegen den Zustand wohliger Ahnungslosigkeit, und es widerstrebt euch, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Stattdessen wollt ihr zu jedem Zeitpunkt ganz genau wissen, was gerade passiert und noch dazu warum es passiert:

Warum ist mir so übel?

Warum breche ich grundlos in Tränen aus?

Warum sehe ich noch nicht schwanger aus?

Warum wird mein Hintern immer dicker, während mein Bauch noch genauso aussieht wie vorher?

Warum habe ich einen Heißhunger auf rohes Fleisch? Habe ich etwa eine Teufelsbrut im Leib?

Und so weiter und so fort. Sobald eine Frage beantwortet ist, türmen sich schon die nächsten auf.

Jungs, das hört nie auf!

Wenn Sie eine kluge Frau geheiratet haben, wird sie sich jedes Buch besorgen, das sie finden kann, jede DVD, jede CD, die im weitesten Sinne mit dem Thema Schwangerschaften zu tun hat. Und selbst wenn sie jeden erreichbaren Laden, jeden Flohmarkt sowie alle Antiquariate und Auktionen in der Nähe leergekauft hat, hört die Sache immer noch nicht auf. Ich spreche von dem Schwarzen Loch, das offenbar extra für die intelligente Frau geschaffen wurde und sie süchtig macht: dem INTERNET. Und seinem willigen Erfüllungsgehilfen GOOGLE.

3. KAPITEL
DAS INTERNET IST BÖSE, UND GOOGLE KANN EHEN ZERSTÖREN

Als Denise schwanger wurde, habe ich sie aus Spaß gefragt: »Was, wenn unser Baby mit einem Horn auf dem Kopf geboren wird?«

Okay, das war ziemlich blöd von mir, aber ich hatte wohl ein Gläschen zu viel getrunken, und außerdem ist eine Frage wie diese typisch für meinen Humor. Wie ich Denise einschätzte, hätte sie zu jedem anderen Zeitpunkt darüber gelacht – was ich ja auch beabsichtigt hatte.

Dabei hatte ich allerdings vergessen, dass werdende Mütter keinen Humor besitzen, jedenfalls nicht, wenn es um ihre Kinder geht.

Folglich stürzte Denise umgehend an den PC und befragte das Netz, ob so etwas möglich ist. Und raten Sie mal, was sie fand!

Laut Internet gibt es dieses Phänomen nicht nur tatsächlich, sondern sogar ÖFTER, ALS MAN DENKT.

INFORMED7230@YAHOO.COM vermeldet: »Allein letztes Jahr wurden 368 Kinder mit einem sogenannten ›Babyhorn‹ geboren. Ärzte und Hebammen sprechen nicht gern darüber, untersuchen aber seit Jahren Gewebeproben aus diesen Hörnern, um herauszufinden, welche Umwelteinflüsse dafür verantwortlich sind.«

SEXYMD@GMAIL.COM weiß: »Ob Babys mit oder ohne Horn geboren werden, ist in erster Linie eine Frage der Ernährung. Wenn Frauen während der Schwangerschaft viel Käse essen, kann sich Kalzium auf der Stirn des Ungeborenen ablagern, das bei der Geburt, auf dem Weg durch den engen Geburtskanal, zusammengedrückt und zugespitzt werden kann, sodass es die Form eines Horns annimmt. Besonders häufig sind davon französische Babys betroffen, deren Mütter viel Rohmilchkäse mit hohen Anteilen von ›Hornkalzium‹ konsumieren.«

Mein Favorit, UDDER_FRIEND24@AOL.COM, erteilt ausführliche Ratschläge, wie man aus seinem »Hornbaby« eine ganz normale Kreatur Gottes machen kann: »Das Horn muss entfernt werden, wenn das Kind drei Tage alt ist und BEVOR sich die Spitze durch die Kopfhaut bohrt. Manche Hörner brauchen zehn Tage, bis sie voll entwickelt sind. Länger als drei Tage mit der Entfernung zu warten, kann für das Baby also sehr qualvoll werden. Tasten Sie mit den Fingerspitzen nach dem genauen Sitz des Hornansatzes und denken Sie sich einen Kreis um diese Stelle. Drücken Sie ein HEISSES EISEN auf diese Kreislinie. So sorgen Sie dafür, dass sich an der Hornwurzel kein neues Hörnchen bildet. Sollte das aber doch passieren, wiederholen Sie das Prozedere. Wenn Sie das Eisen auf die Hornwurzel drücken, müssen Sie kräftig pusten, um den Rauch zu vertreiben, der sich bildet. Sonst können Sie kaum sehen, was Sie tun. Machen Sie sich vorher klar, dass das Baby schreien und sich winden wird, selbst wenn Sie die betroffene Stelle örtlich betäubt haben. Trotzdem müssen Sie das Eisen zehn Sekunden lang andrücken, und zwar kräftig, um alle Hornschichten zu erreichen. Sobald sich an der behandelten Stelle ein orange-brauner Fleck bildet, können Sie die gelösten Hornschichten entfernen. Anschließend kühlen Sie die Wunde mit Eiswürfeln, damit der Brand unter der Haut nicht weiterschwelt. Zu große Hitze kann die Nebenhöhlen schädigen und später zu Atembeschwerden führen.«

Wow, UDDER_FRIEND24@AOL.COM, vielen Dank! Meine Frau hat sich vor Angst fast in die Hose gemacht!

Sollten Sie sich fragen, warum ich Ihnen all das erzähle, will ich Ihnen Folgendes verraten: Egal, was Sie suchen und welche Frage Sie auch haben – immer hat sich irgendjemand bereits im Netz darüber ausgelassen. Sie brauchen nur das Stichwort einzugeben, und schon finden Sie Ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. UDDER_FRIEND24@AOL.COM könnte jeder sein. Aber ich gehe jede Wette ein, dass Sie kein Gespräch mit ihm anfangen würden, wenn er Ihnen analog über den Weg liefe. Denn UDDER_FRIEND24@AOL.COM ist der Irre mit den regenbogenfarbenen Hosenträgern und der zu kurzen Hose, den Sie im Supermarkt mitleidig belächeln. Oder die Frau, deren Kinder alle anderen Kinder in der Kita verprügeln.

Und dieser Person vertrauen Sie Ihre Sorgen über Gesundheit und Wohlergehen Ihres Kindes an? Warum tun Sie das?

Ich sage Ihnen, warum: weil Ihre Frau das entsprechende Stichwort googelt.

Deswegen ist das Internet DAS BÖSE schlechthin und sollte schleunigst wieder abgeschafft werden.

Da das kaum in Ihrer Macht liegen dürfte, verbannen Sie es wenigstens von Ihrem Rechner. Und zwar schnell, bevor es zu spät ist. Ja, es wird ein herber Verlust sein, aber es ist ja nicht für immer. Nur während der ersten zwei Jahre brauchen Sie eine internetfreie Zone. Danach normalisiert sich der Hormonhaushalt Ihrer Frau wieder. Ihre Pornos können Sie sich in der Zwischenzeit ja woanders besorgen. Erinnern Sie sich noch an die Gute Alte Zeit, als Sie in eine heruntergekommene Tanke schlichen, um Pornohefte und eine Zeitung aus Papier zu kaufen? Das möglichst unauffällige Hin- und Hergehen, mit dem Sie vertuschen wollten, worauf Sie es abgesehen hatten? Das Abwarten, bis kein anderer Kunde an der Kasse steht, und dann der Sprint quer durch den Laden, damit niemand den Schweinkram unter Ihrem Arm identifizieren konnte? Die strikte Vermeidung von Blickkontakt mit der Dicken, die an diesem Tag die Kasse bediente? War das nicht herrlich?

Ich rate Ihnen, beizeiten mit dem Internet-Entzug anzufangen, damit Sie und vor allem Ihre Frau es nicht so schwer haben, wenn es ernst wird. Spätestens im letzten Schwangerschaftsdrittel. Versuchen Sie, den Ausstieg sanft und stufenweise einzuleiten. Finden Sie Mittel und Wege, die Netzgeschwindigkeit sukzessive zu reduzieren. Downloaden Sie illegal Filme und Software. Dadurch wird Ihr Netz so langsam, dass Ihre Frau vielleicht ganz von allein aufgibt. Wenn sie dann ihr Smartphone benutzt, um online zu gehen, kaufen Sie in einem Elektromarkt einen Störsender, der ihr den Zugang zum Netz versperrt. Ihr Ziel muss sein, Ihre Frau von der Welt zu isolieren. Der Einzige, bei dem sie Rat sucht, sollten Sie sein, und was Sie ihr dann sagen, sollte stets das Gleiche sein, nämlich: »Schatz, ich habe gerade keine Zeit.«

4. KAPITEL
LEBENSVERSICHERUNG

Im vierten Schwangerschaftsmonat hatte ich gerade einen privaten Vorführraum verkabelt und freute mich beim Heimkommen auf den feierabendlichen HÖSCHENSHAKER (6 cl Gin, 12 cl Orangensaft, 4 cl süßer Wermut), als Denise plötzlich vor mir stand und ganz aufgeregt schrie:

»Wir brauchen eine Lebensversicherung!«

»Nein, brauchen wir nicht.«

»Aber was wird aus mir, wenn du stirbst? Wie soll ich dann das Kind großziehen?«

»Warum sollte ich denn sterben? Hat mein Hautarzt angerufen? Mir hat er gesagt, das Ding auf meiner Nase sei bloß ein Mitesser.«

»Wir müssen überlegen, welche Versicherungssumme sinnvoll ist. Wahrscheinlich sollte deine Summe höher sein als meine.«

»Warum das denn?«

»Weil du vermutlich vor mir stirbst. Männer sterben nun mal früher.«

»Richtig. Weil sie von ihren Frauen wegen der Versicherungssumme umgebracht werden.«

»Warum liebst du mich nicht mehr?«

»Was? Ich … Ist das jetzt ein neues Thema, oder reden wir immer noch über Lebensversicherungen?«

So fing es an. Ich kam von der Arbeit nach Hause, und Denise hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ich bald sterben und sie mittellos zurücklassen würde. Keine Ahnung, warum. Ich wusste nur, dass sie neuerdings den ganzen Tag vor dem Fernseher hockte und sich das Programm eines Kabelkanals namens INVESTIGATION DISCOVERY ansah, der zum Basispaket unseres örtlichen Providers gehörte. In der Senderwahl rangiert er irgendwo in den Hundertern, und das Programm besteht praktisch 24 Stunden am Tag aus Berichten über echte Kriminalfälle. Soviel ich weiß, produziert dieser Kanal einige Sendungen selbst, bei anderen handelt es sich um Wiederholungen älterer Serien wie 48 HOURS MYSTERY. Nach Denises Idee mit der Lebensversicherung schaltete ich dieses Programm selbst einmal ein, um festzustellen, worum es dort wirklich ging …

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Und denken Sie jetzt bitte nicht, dass ich übertreibe! Eine Sendung nach der anderen handelte von Frauen, die ihre Männer umbrachten. Es gab sendereigene Formate wie TODESBRÄUTE und HEILIGE (PIIIEP), WEN HABE ICH DA BLOSS GEHEIRATET?, die praktisch Hilfe zur Selbsthilfe boten, weil die Zielgruppe offenbar Frauen waren, die sich ihrer Gatten entledigen wollten.

Im Laufe einer einzigen Woche steigerten sich Denises Angstzustände zu regelrechten Panikattacken, und ich begann, um mein Leben zu fürchten.

Wir haben einen Hund, Kosmo, und ich gewöhnte mir an, ihn neben meinem Bett schlafen zu lassen. Kosmo leidet, da er eine Zeit lang im Tierheim gelebt hat, unter der Hundevariante des posttraumatischen Stresssyndroms und fürchtet sich vor allem, was sich schnell bewegt. Sollte Denise vorhaben, mich im Schlaf zu ermorden (offenbar die favorisierte Methode in dem Programm), würde Kosmo so unruhig, dass ich aufwachen und ihren perfiden Plan vereiteln könnte.

Bevor ich morgens zur Arbeit fuhr, prüfte ich die Bremsen meines Wagens.

Ich gewöhnte mir ab zu duschen, weil ich Denise keine Gelegenheit bieten wollte, ein Radio oder einen Föhn in die Kabine zu werfen und mich durch einen elektrischen Schlag um die Ecke zu bringen.

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