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Wind über den Schären

 

Es hatte zwei Tage lang ununterbrochen geregnet. Lasse hatte mehrfach seine Sorge geäußert, das Tennisturnier könnte abgesetzt werden, doch heute schien zum Glück endlich die Sonne wieder von einem strahlend blauen Himmel. Jetzt war es Valerie, die sich Sorgen machte, sie könnte ihrem Sohn das Turnier verderben.

Sie hatte ihm versprochen, pünktlich zu sein, hatte das Gericht aber wie so oft viel zu spät verlassen. Eigentlich hatte sie so etwas schon geahnt, als sie gelesen hatte, dass Torvid Persson den Vorsitz über die heutige Verhandlung haben würde. Richter Persson neigte zu moralisierenden Vorträgen, wenn ihm die Haltung eines Verfahrensbeteiligten nicht gefiel – und die konnten dauern.

Heute hatte der Mandant der Gegenseite das Missfallen des Richters erregt, und Valerie konnte sicher sein, dass sie den Prozess für ihren Mandanten gewonnen hatte, auch wenn das Urteil erst in ein paar Tagen gefällt werden würde. Sie war quasi mit dem Schlusswort aus der Verhandlung gestürzt und saß nun endlich in ihrem Wagen auf dem Weg zum Turnierplatz.

Das Gerichtsgebäude lag auf Riddarholmen. Wie üblich staute sich um diese Zeit der Verkehr auf der Centralbron. Der Riddarfjärden glitzerte im Sonnenlicht, Ausflugsdampfer glitten über die Wasseroberfläche. Auf der gegenüberliegenden Seite funkelten die drei Kronen auf dem Dach des Rathausturmes. Die Aussicht von dort oben auf Gamla Stan, die Altstadt Stockholms, war atemberaubend, Valerie hatte sie mehr als einmal genießen dürfen.

Jetzt allerdings nahm sie all das nicht wahr. Sie kam nur im Schritttempo voran, während sie gleichzeitig beruhigend auf ihren Sohn am anderen Ende der Leitung einsprach, der ihr wiederholt immer drängendere Nachrichten auf der Mailbox hinterlassen hatte.

»Jetzt reg dich bitte nicht auf, Schatz«, bat sie. »Ich bin ja gleich da.« Tatsächlich löste sich in diesem Moment der Stau auf, und sie gab Gas. Dabei dachte sie kurz an den Brief in ihrer Tasche. Er sollte eine Überraschung für Lasse sein, der ebenso gespannt auf diese Antwort gewartet hatte wie sie selbst. Und jetzt würde sie vor dem Tennisspiel wahrscheinlich keine Zeit mehr haben, ihm davon zu berichten.

Lasse schimpfte am anderen Ende der Leitung ungeduldig weiter, und Valerie fragte sich nicht zum ersten Mal, warum sie ihrem Sohn zu seinem zwölften Geburtstag ein Handy geschenkt hatte. Natürlich hatte sie ihm seinen größten Wunsch nicht abschlagen wollen, und eigentlich war es ja auch eine gute Idee gewesen, weil es ihr die Möglichkeit gab, schnell zu überprüfen, wo er war und ob es ihm gut ging. Sie steckte in dem nie enden wollenden Dilemma einer alleinerziehenden Mutter, die zwischen Beruf und Kindererziehung hin und her pendelte. Mit dem beständig schlechten Gewissen, dass dabei eine Seite zu kurz kam.

Nicht bedacht hatte Valerie allerdings, dass die Kontrolle auch andersherum funktionierte. Gerade beschwerte sich Lasse, dass sie ständig erst im letzten Moment auftauchte.

Valerie seufzte. »Ich hasse es ja auch, immer in letzter Minute zu kommen, aber ich konnte schließlich nicht einfach aus der Gerichtsverhandlung stürmen. Mach dir keine Sorgen, ich bin gleich da«, sagte sie und beendete das Gespräch.

Sie bog in die schmale Zufahrt zum Tennisplatz ein und parkte ihr Cabrio direkt vor dem Eingang, wo ein Schild auf das absolute Halteverbot aufmerksam machte. Egal.

Lasse hatte auf einem großen Stein gewartet und sprang nun herunter. Er hatte sich bereits umgezogen, die Tasche mit dem Schläger baumelte über seiner Schulter, als er jetzt auf seine Mutter zulief.

»Mama, na endlich!« Die Erleichterung war seiner Stimme deutlich anzuhören.

»Entschuldige bitte«, sagte Valerie und stieg eilig aus dem Wagen.

Lasse nahm ihre Hand und zog sie durch das Eingangstor, das in die steinerne Mauer eingelassen war, die den Club umgab. Der Kies knirschte unter ihren Füßen. Der Weg führte an sorgfältig gepflegten Blumenrabatten vorbei, Rhododendron und Rosen blühten in verschwenderischer Fülle. Seine Miene war finster. »Ich hasse Gerichte. Warum können Menschen sich nicht einfach so einigen?«

»Super Idee!« Valerie grinste und strich ihrem Sohn liebevoll über die Haare. Wenn das Leben doch so einfach wäre! »Allerdings wäre ich dann arbeitslos.« Sie blieb kurz stehen und zog den Brief aus ihrer Handtasche, den sie am Morgen aus dem Briefkasten geholt hatte. »Aber vielleicht wird ja trotzdem bald alles anders«, sagte sie lächelnd.

Lasse riss ihr den Brief aus der Hand und studierte im Gehen den Absender. »He, der ist ja von der Kanzlei Stekkelson!« Er schien sich wirklich zu freuen und schaute seine Mutter erwartungsvoll an: »Nehmen sie dich?«

Valerie freute sich über die Neugier ihres Sohnes. Natürlich hatte sie vor ihrer Bewerbung mehrfach mit ihm darüber gesprochen, eine solche Entscheidung konnte und wollte sie nicht alleine treffen. Sollte sie die Stelle bekommen und annehmen, würden sie aus Stockholm wegziehen, und damit würden sich auch für Lasse einige Dinge gravierend ändern. Er war hier aufgewachsen, besuchte hier die Schule und hatte hier seine Freunde.

Andererseits konnte Valerie aufgrund der Umstände nur wenig Zeit gemeinsam mit ihm verbringen. Sie war inzwischen als Rechtsanwältin sehr erfolgreich, die Fälle auf ihrem Schreibtisch häuften sich und nahmen immer mehr Zeit und Kraft in Anspruch. Valerie hatte in letzter Zeit zwar den Erfolg genossen, aber gleichzeitig das Gefühl gehabt, ihren Sohn zu vernachlässigen. Sie wusste, dass das eigentlich nicht stimmte, tief in ihrem Inneren aber machte sie dieser Umstand so unzufrieden, dass sie zu dem Schluss gekommen war, die Situation zu ändern. Nicht nur für Lasse, sondern auch für sich. Sie hatte zunächst überlegt, ihre Arbeitszeit zu verkürzen, sich in einem ehrlichen Moment aber eingestanden, dass dies nicht die optimale Lösung war. Ihr Leben schien ihr eng und hektisch, sie sehnte sich nach Ruhe und Weite.

Alles lief gut, sie konnte eigentlich zufrieden sein, und doch war da etwas, was ihr fehlte, ohne dass sie es benennen konnte. Es war nur ein Gefühl, das nicht verschwand.

Deshalb war in ihr der Entschluss zu einem großen Schnitt gereift: In einer Kleinstadt wie Boxenberg würde sie zur Ruhe kommen, durchatmen und auch mehr Zeit für Lasse haben. Das würde ihnen beiden guttun.

»Sie laden mich erst einmal zu einem Gespräch ein«, versuchte sie, seine Erwartungen zu bremsen. »Aber das ist der erste Schritt.«

Lasse war optimistisch. »Die nehmen dich ganz bestimmt«, prophezeite er und gab ihr den Brief zurück. Sein Blick fiel auf eine Gruppe junger Leute, die an ihnen vorbeihasteten. Er griff erneut nach der Hand seiner Mutter und zog sie eilig hinter sich her.

»Komm schon, Mama, ich bin gleich dran! Und drück mir die Daumen!«

»Mache ich«, versicherte Valerie und verfiel wie ihr Sohn in Laufschritt. Sie liebte dieses Kind so sehr und wünschte sich nichts mehr, als dass sie viel mehr solcher Momente miteinander verbringen konnten.

Auch am nächsten Tag schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Olof Wilander freute sich auf den Ausritt mit seinem besten Freund. Als Arbeitgeber trug er zwar die Last der Verantwortung für die Firma und seine Mitarbeiter, konnte sich andererseits seine Zeit aber einigermaßen frei einteilen und sich ab und an eine Auszeit während der regulären Arbeitszeit leisten.

Zumal er wusste, dass er sich hundertprozentig auf seine Mitarbeiter verlassen konnte. Es wäre ihm natürlich lieber gewesen, wenn sein Schwiegersohn in der Brauerei gewesen wäre, aber der traf sich heute mit seiner Frau in Stockholm. Zumindest glaubte Olof das.

Er war froh, dass seine eigene Frau nicht so umtriebig war wie seine Tochter. Sie betrieb mit großer Leidenschaft eine kleine Galerie in Boxenberg, in der sie Kunstgegenstände und Bilder von schwedischen Malern ausstellte. Aber sosehr sie ihre Arbeit auch liebte, trieb es sie nicht weg von Boxenberg. Sie war bodenständig und ein eher besonnener Typ. Olof fragte sich oft, wieso seine Tochter von dieser Unrast erfüllt war. Die hatte sie weder von Irma und schon gar nicht von ihm.

Olof schüttelte diese Gedanken ab, als er die Stallungen erreicht hatte. Dankbar betrachtete er die ausgedehnten Gebäude in falunroter Farbe mit weiß abgesetzten Fenstern und Türen, die inmitten blühender Wiesen vor ihm lagen. Erstaunt bemerkte er, dass vor dem Stall bereits ein gesatteltes Pferd am Gatter festgebunden stand. In diesem Moment schritt Ludvig mit einem zweiten aufgesattelten Pferd aus der offenen Stalltür.

»Du bist ja schon da«, stellte Olof fest. »Ich wundere mich immer wieder, dass der Chef der besten Kanzlei von Boxenberg es sich leisten kann, am helllichten Tag dem Müßiggang zu frönen.«

»Das sagt gerade der Richtige«, erwiderte Ludvig amüsiert. »Du bist ja auch nicht in deinem Büro.«

»Ich habe immerhin eine Ausrede, ich muss mich schließlich um meine Pferde kümmern«, sagte Olof grinsend. »Und außerdem beschäftige ich genug Leute. Im Gegensatz zu mir kannst du aber nicht delegieren. Deine Mandanten wollen immer nur dich sprechen.«

Olof löste die Zügel seines Pferdes vom Gatter, und beide Männer schwangen sich in den Sattel.

»Ich bin dabei, das zu ändern«, sagte Ludvig ernst. »Ich schaue mich gerade nach einem Partner um, der vielleicht irgendwann meine Kanzlei übernimmt.«

»Wird ja auch Zeit«, erwiderte Olof. Er wusste um das Dilemma seines Freundes. Der überzeugte Junggeselle hatte keinen erblichen Nachfolger für seine erfolgreiche Anwaltskanzlei, und das belastete ihn mit zunehmendem Alter. Sie hatten mehrfach darüber gesprochen, und Olof war ehrlich froh, dass Ludvig sich endlich dazu durchgerungen hatte, einen Nachfolger zu suchen. Das war sicher kein leichter Schritt gewesen. Olof hatte diese Sorgen nicht. Seine Tochter interessierte sich zwar nicht für die familieneigene Brauerei, hatte sich aber erfreulicherweise in einen sehr zuverlässigen Braumeister verliebt und ihn auch noch geheiratet. Olof hielt große Stücke auf seinen Schwiegersohn Markus und wusste, dass die Leitung der Brauerei bei ihm in besten Händen war, sobald er sich selbst zur Ruhe setzte.

Olof wünschte seinem Freund von Herzen, dass auch er einen Nachfolger fand, auf den er sich verlassen konnte. »Wie ist denn der augenblickliche Stand?«, fragte er neugierig, während sie gemächlich nebeneinanderher trabten.

»Es sind ein paar sehr viel versprechende Bewerbungen dabei«, sagte Ludvig. »Ich hoffe ja, dass ich so viel Glück haben werde wie du mit Markus.«

»Das würde ich dir nur wünschen«, erwiderte Olof ernst, bevor er grinsend hinzufügte: »Aber ich fürchte, da wirst du Pech haben. So einen wie Markus gibt es nur einmal.«

Ludvig lachte. »Ich danke dir, mein Freund, dass du mir so viele Hoffnungen machst. Es kann doch nicht sein, dass das Schicksal immer nur dir gnädig ist.«

Olof stimmte in das Lachen seines Freundes ein. Hätte er gewusst, wo Markus sich gerade aufhielt und welche Besprechung ihm an diesem Nachmittag so wichtig gewesen war, Olof wäre das Lachen im Halse stecken geblieben.

Die beiden Männer hatten sich zum Kaffee in einem Restaurant direkt am Wasser getroffen und übereinstimmend einen Platz auf einer der gemütlichen Sitzgruppen zwischen Palmkübeln auf der Terrasse gewählt. Es war warm. Die Sonnenstrahlen tanzten auf den Wellen, die ein vorbeifahrendes Boot erzeugte, und zauberten glitzernde Reflexe auf das Wasser.

Markus Hansen hatte seinen besten Freund seit Jahren nicht gesehen, den Kontakt zu ihm aber nie verloren. Sie kannten sich bereits seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Zusammen mit Leonie waren sie als Bund der Drei unzertrennlich gewesen.

Erst im Studium waren sie getrennte Wege gegangen. Während Markus und Thomas sich für den Studiengang Brauwesen und Getränketechnologie einschrieben, wollte Leonie Journalistin werden. Nach dem Studium zogen Markus und Thomas dann zunächst gemeinsam nach Kanada und verloren darüber den Kontakt zu Leonie.

Markus war erst nach Boxenberg zurückgekehrt, als sein Vater im Sterben lag. Dort hatte er auch Leonie wiedergetroffen und sofort die alte Vertrautheit zwischen ihnen gespürt. Im Nachhinein wusste er nicht, wie er diese schlimme Zeit ohne sie durchgestanden hätte.

Nach der Beerdigung seines Vaters war Markus nicht wie vorgesehen sofort nach Kanada zurückgekehrt. Kanada war ihm plötzlich unendlich weit weg erschienen. Als Olof ihm schließlich eine Stelle in seiner Brauerei angeboten hatte, hatte er nach einigem Zögern zugestimmt. Und beide hatten diese Entscheidung nie bereut. Markus nicht, und Olof erst recht nicht.

Thomas hingegen war damals sehr enttäuscht gewesen, hatte Markus seine Entscheidung aber nie verübelt. Nun war er nach Schweden gekommen, um seinen Freund nach Kanada zu locken.

»Es wäre doch deine Chance, noch mal nach Kanada zurückzukehren«, beschwor er seinen Freund. »Ich weiß, du hast dich hier wieder wunderbar eingelebt, und du hast einen ordentlichen Job, aber so ein Angebot wie das hier bekommt man nicht oft! Ich vertrete eine der größten Brauereien Kanadas, das kannst du mit dem kleinen Laden in Boxenberg nicht vergleichen. Lass uns die alten Zeiten aufleben und Kanada noch mal unsicher machen.« Thomas grinste verschmitzt.

Markus musste lachen, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. »Dein Angebot ist wirklich schmeichelhaft, aber ich wüsste nicht, wieso ich von Wilander weggehen sollte. Meine Heimat ist hier in Schweden, und der Job ist perfekt.«

Thomas schienen seine Worte nicht zu überzeugen. »Ach komm, kein Job ist perfekt. Wenn du genau hinsiehst, gibt es immer etwas, das du gerne anders hättest.« Er reichte Markus einen Umschlag. »Sieh dir unser Angebot einfach mal an«, bat er.

Markus nahm widerstrebend den Umschlag und wendete ihn zwischen seinen Fingern. Das Angebot interessierte ihn im Grunde überhaupt nicht.

»Ich habe meinem Chef gesagt, ich käme nicht ohne ein Ja von dir zurück. Also kannst du mich jetzt nicht hängen lassen.« Thomas gab nicht auf. »Oder soll ich mich hinter Leonie klemmen? Vielleicht will sie ja mal was von der Welt sehen.«

Markus lachte erneut laut auf. Thomas war sich wirklich treu geblieben. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er nicht mehr davon abzubringen. »Bei Leonie würdest du vielleicht sogar offene Türen einrennen«, sagte er nachdenklich. Er beugte sich ein wenig vor, grinste breit und fügte hinzu: »Aber wenn ich das richtig verstanden habe, sucht ihr keine Journalistin, sondern einen Braumeister.«

Thomas hob den Kopf und schaute sich um. »Apropos Leonie: Wo bleibt sie denn? Sie wollte sich doch hier mit uns treffen.«

Markus leerte seine Kaffeetasse. »Scheint mal wieder was dazwischengekommen zu sein«, sagte er und konnte nicht verhindern, dass ein bitterer Ton in seiner Stimme mitschwang. Wenigstens diesmal hätte sie sich freinehmen können. Thomas war auch ihr Freund. Er stellte die Tasse ab. »Sie ist sehr eingespannt in ihrem Job«, fügte er hinzu und wusste selbst nicht so genau, ob er die Abwesenheit seiner Frau damit vor dem Freund oder doch mehr vor sich selbst rechtfertigen wollte.

»Schade«, sagte Thomas. »Ich hätte mich gefreut, sie mal wiederzusehen.«

Markus zuckte mit den Schultern. Er war ja selbst enttäuscht, obwohl er sich inzwischen daran gewöhnt haben sollte, dass seine Frau ständig unterwegs war und zu Verabredungen entweder zu spät oder gar nicht erschien. Er wusste, wie wichtig ihr ihre Arbeit war, und konnte es bis zu einem gewissen Punkt sogar nachvollziehen. Schließlich liebte auch er seinen Job, aber der war nicht alles in seinem Leben.

»Ich habe ja noch oft Gelegenheit, sie zu treffen, wenn ihr erst einmal in Kanada lebt«, sagte Thomas grinsend.

Als sie sich kurz darauf verabschiedeten, ließ Thomas keinen Zweifel daran, dass er nichts unversucht lassen würde, seinen Freund zu einer Zusage zu überreden.

Es war wie verhext. Während Valerie gestern erst in letzter Sekunde zum Tennisspiel ihres Sohnes erschienen war, hatte sie heute ausnahmsweise einmal pünktlich Feierabend machen können. Heute hätte sie Zeit für ihren Sohn gehabt, aber Lasse hatte sich mit einem Freund zum Radfahren verabredet.

Valerie war enttäuscht, ließ sich aber nichts anmerken. Sie wusste, dass dieses Gefühl vollkommen irrational und ungerecht war, und beschloss, die freie Zeit für sich zu nutzen. Sie zog ihre Laufhose und die neuen, kaum benutzten Joggingschuhe an und verließ gemeinsam mit ihrem Sohn die Wohnung, die sie schon vor Lasses Geburt mit Dag bezogen hatte. Als ihr Mann sie und Lasse vor fünf Jahren verlassen hatte, hatte sie kurz mit dem Gedanken gespielt, sich eine andere Wohnung zu suchen. Der Alltag in dieser Wohnung war am Anfang fast unerträglich gewesen. Jede Ecke, jedes Möbelstück, jedes Bild und selbst die Aussicht aus dem Fenster atmete die Erinnerung an glückliche Zeiten aus.

Sie hatte es ausgehalten. Vor allem wegen Lasse, weil der Junge nach dem Vater nicht auch noch das vertraute Zuhause verlieren sollte.

Inzwischen war sie froh über ihre Entscheidung. Die Scheidung von Dag lag so lange zurück, dass die Erinnerung nicht mehr wehtat. Sie konnten heute sogar wieder unbefangen miteinander umgehen, und das war nicht zuletzt für Lasse wichtig. Er hatte nach wie vor einen guten Kontakt zu seinem Vater, auch wenn sie sich nur in den Ferien sahen, weil Dag inzwischen auf Gotland lebte.

Jetzt hob Lasse draußen vor der Haustür mahnend den Zeigefinger. »Lass dich nicht ansprechen, Mama.«

Valerie schmunzelte. Wann hatte ihr Sohn eigentlich angefangen, sich als ihr Beschützer aufzuspielen? In letzter Zeit ermahnte er sie ständig, sie solle sich nicht von fremden Männern anreden lassen, und das in einem Tonfall, als wäre er ihr Vater und nicht sie seine Mutter.

»Ganz bestimmt nicht«, sagte sie grinsend. »Sei bitte pünktlich zum Abendessen zu Hause.«

»Klar. Bis später.« Er winkte seiner Mutter noch einmal zu, schwang sich aufs Rad und fuhr los.

Valerie spurtete in die entgegengesetzte Richtung. Die Straße führte geradewegs zum Riddarfjärden; sie liebte es, am Ufer entlangzulaufen, vorbei an den vielen kleinen Cafés und Restaurants. Auf den Bänken saßen Touristen ebenso wie Einheimische und genossen die Aussicht aufs Wasser. Der Wind rauschte leise in den alten Bäumen, und die Menschen, die am Ufer entlangflanierten, machten ihr lächelnd Platz.

Am Ende der Straße bog sie schwungvoll nach links ab – und prallte geradewegs in einen Mann. Er strauchelte, hielt sich an ihr fest und fing sich wieder.

Als er sich aufrichtete, traf sein Blick den ihren. Ihre Blicke verfingen sich ineinander, und sekundenlang schien die Zeit stillzustehen. Valerie fand als Erste die Sprache wieder.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie atemlos, »ich habe Sie nicht gesehen.«

Er wirkte besorgt. »Mir tut es leid. Haben Sie sich wehgetan?«

Valerie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, mir ist nichts passiert.«

Wieder fanden sich ihre Augen, ihre Blicke ließen einander nicht los. Beide sagten kein Wort.

Valerie registrierte, dass er braun gebrannt war, so als würde er sich viel im Freien aufhalten. Sein ohnehin helles Haar wirkte wie von der Sonne gebleicht, und seine blauen Augen strahlten. Er war groß, schlank und wirkte dennoch kräftig.

Valerie wurde sich peinlich bewusst, dass sie diesen Mann anstarrte. Sie trat einen Schritt zurück und stammelte: »Ich … äh … ich muss dann mal weiter. Ich habe ja noch acht Kilometer vor mir.«

»Soll ich Sie fahren?«, bot er sofort an.

Valerie betrachtete ihn belustigt. Er schien erst jetzt ihre Joggingkleidung zu bemerken, und sie lachten beide laut auf.

»Vielleicht würden Sie ja Ihr Training für heute abbrechen, und ich könnte Sie auf den Schrecken auf einen Kaffee einladen? Oder ein Glas Wein«, sagte er mit einer Handbewegung in Richtung des Restaurants, aus dem er offensichtlich gekommen war.

In diesem Moment klingelte sein Handy. Er entschuldigte sich und nahm das Gespräch an, nicht ohne ihr durch Gesten zu verstehen zu geben, sie möge doch bitte warten.

»Leonie, wo bist du?«, hörte Valerie ihn fragen. »Wir haben auf dich gewartet.«

Er lauschte einen Augenblick ins Telefon, bevor er sagte: »Ja, das verstehe ich natürlich. Thomas hätte sich einfach gefreut, dich zu sehen.«

Als er den Ausführungen der Anruferin erneut aufmerksam lauschte, fand Valerie die Situation zunehmend peinlich. Unruhig trippelte sie von einem Bein auf das andere, bevor sie sich mit einem knappen »Auf Wiedersehen« in Richtung des Mannes verabschiedete und weiterlief.

Er war sichtlich perplex und nahm kurz das Handy vom Ohr. »Auf Wiedersehen!«, hörte sie ihn hinter sich rufen.

Valerie hob nur noch kurz die Hand, schaute sich aber nicht mehr um. Sie lief in gemäßigtem Tempo am Ufer entlang, ihre Gedanken aber verweilten bei dem Fremden. Vielleicht hätte sie doch warten und seine Einladung annehmen sollen …

… und dann?

Valerie mochte den Gedanken nicht weiterspinnen und versuchte, das Bild dieses Mannes aus ihrem Kopf zu verdrängen. Es war völlig unvernünftig, sich durch eine kurze Begegnung aus der Fassung bringen zu lassen.

Drei Tage später hatte Lasse aufgrund einer Lehrerkonferenz schulfrei, und so nahm Valerie ihn mit nach Boxenberg, wo sie für diesen Tag das Vorstellungsgespräch vereinbart hatte. Lasse sollte ebenso wie sie selbst den Ort kennenlernen und entscheiden, ob er sich ein Leben dort vorstellen konnte. Vorausgesetzt, sie bekam den Job.

Valerie hatte das Verdeck ihres Wagens aufgeklappt. Es roch nach Meer, und auf ihren Lippen schmeckte sie das Salz der nahen Ostsee. Nirgendwo war die Luft so klar, schien die Landschaft so weit wie hier. Eine ganze Weile schon fuhren sie auf einer Landstraße, ohne dass ihnen ein anderes Fahrzeug begegnet war. Nur hin und wieder kamen sie an einem Gehöft oder einem einsamen Haus vorbei, bevor sie in ein lichtes Birkenwäldchen eintauchten. Durch die Äste und Blätter hindurch schimmerte blau die Ostsee.

Lasse hatte vor lauter Aufregung am Vorabend nicht einschlafen können und holte den mangelnden Schlaf nun auf der Fahrt nach.

Weit und breit war keine größere Ansiedlung zu sehen, und Valerie befürchtete schon, sich verfahren zu haben, als endlich ein Schild den Weg nach Boxenberg wies.

Sie lächelte zufrieden und bog in eine Straße ein, die geradewegs auf das Meer zuzuführen schien.

Lasse wachte auf und schaute sich schläfrig um.

»Wir sind gleich da«, sagte Valerie. »Schau doch mal, wie schön es hier ist! Und da! Dahinten ist sogar die Ostsee.«

Lasse setzte sich aufrecht hin, und Valerie fuhr ein bisschen langsamer. Das Blau des Himmels spiegelte sich im Wasser wider, weit draußen waren kleine Schäreninseln zu sehen.

Valerie, die ihren Sohn von der Seite anschaute, freute sich über sein lächelndes Gesicht. Lasse schien es hier ebenso gut zu gefallen wie ihr. »Gibt es in Boxenberg einen Tennisclub?«, fragte er eifrig.

Valerie warf ihrem Sohn erneut einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentrierte. »Natürlich, das habe ich schon vor der Bewerbung recherchiert«, erwiderte sie schmunzelnd. »Ich würde dich doch nie an einen Ort verpflanzen, an dem du nicht spielen kannst.«

Lasse unterbrach sie aufgeregt.

»Da! Ein Reiter!« Er wies mit dem Finger in die Richtung schräg vor ihnen. »Wow, ist das Pferd schön! Mama, kann ich hier Reitstunden bekommen?«, bat er sehnsüchtig.

»Klar, warum nicht?«, stimmte Valerie zu und streichelte ihm zärtlich über das Haar. Bei aller Offenheit, die Lasse für den Umzug aufs Land zeigte, war Valerie sich doch bewusst, dass er die Konsequenzen nicht vollständig überblickte. Auf Lasse würden eine Menge Veränderungen zukommen. Ein neues Zuhause bedeutete auch eine neue Schule, eine neue Umgebung, neue Freunde und ein Alltag, in den sie sich erst finden mussten. Dazu kam der Abschied von seinen Freunden und damit der gewohnten Freizeitgestaltung, von der vertrauten Umgebung und nicht zuletzt von der Wohnung, in der er seit seiner Geburt lebte. Sie würde natürlich alles tun, um ihm den Wechsel zu erleichtern, aber Valerie hatte auch ein bisschen Angst, dass Lasse zu viel von diesem Wechsel erwartete. Arbeiten musste sie auch hier. Insbesondere in der ersten Zeit würde sie sich richtig in die Arbeit reinknien müssen, bis ihr die Arbeitsabläufe und die Fälle der Kanzlei Stekkelson vertraut waren.

Valerie lächelte über sich selbst. Sie hatte das Vorstellungsgespräch noch nicht einmal hinter sich gebracht und machte sich bereits jetzt schon Gedanken über Probleme, die erst anstanden, wenn sie den neuen Arbeitsvertrag in der Tasche hatte. Dabei gab es doch so viele potenzielle Hürden, vielleicht waren sie und Stekkelson sich ja von Anfang an nicht sympathisch, vielleicht war sie auch einfach nicht die Person, die er sich als Partnerin vorstellte, möglicherweise gefiel ihr selbst auch die Kanzlei nicht – in ein paar Tagen würde sie mehr wissen.

Sie fuhr etwas langsamer, als sie das Pferd und seinen Reiter passierte, der ebenfalls das Tempo gedrosselt hatte.

»Halt doch mal an«, quengelte Lasse. »Bitte, Mama.«

»Das geht jetzt nicht.« Valerie drückte das Gaspedal wieder tiefer durch. »Ich muss doch pünktlich zu meinem Vorstellungsgespräch kommen.«

Lasse schien enttäuscht, lächelte aber schnell wieder, als die Ostsee erneut zwischen den Bäumen hindurchschimmerte. Die grün bewachsenen oder felsig grauen Schäreninseln wirkten wie hingetupft auf der blauen Wasserfläche, zwischen ihnen schoben sich die weißen Dreiecke der Segelschiffe umher.

Als sie Boxenberg erreichten, blickte Valerie sich aufmerksam um. Das beschauliche Städtchen gefiel ihr auf Anhieb. Wie Ludvig Stekkelson am Telefon beschrieben hatte, wies kurz hinter dem Ortseingang ein Schild den Weg hinunter zum Hafen, sie folgten aber dem Hinweis zur Innenstadt.

Dort zeugten gemütliche Restaurants, Cafés und viele kleine Geschäfte von einem lebensfrohen Alltag. Die Straße führte zum Dorfplatz, um den sich pastellfarben gestrichene Wohn- und Geschäftshäuser gruppierten. Unter ihnen stach mit einem weißen Anstrich und steinernen Stufen imposant das Rathaus der Stadt hervor.

Valerie drosselte das Tempo und war dankbar, dass die Ampel vor ihr Rot zeigte. Laut Stekkelsons Beschreibung musste sie von hier in eine der Seitenstraßen einbiegen, wo sich die Kanzlei befand. Ihre Blicke glitten suchend die Straße entlang … und blieben an IHM haften. Er stand vor der Tür einer Gaststätte und unterhielt sich mit einem Mann. Er sah in diesem Augenblick auf, gerade so, als spüre er ihren Blick.

Valerie dachte im ersten Moment, ihre Fantasie spiele ihr einen Streich. Oft, zu oft hatte sie an den vergangenen drei Tagen an diesen Mann gedacht, mit dem sie am Riddarfjärden zusammengeprallt war. Ihm ausgerechnet hier in Boxenberg zu begegnen war doch sehr unwahrscheinlich.

Und doch war es so! Ihre Blicke verwoben sich ineinander, und Valerie vergaß die Welt um sich herum.

Auch der Mann schien nur Augen für sie zu haben und seinen Gesprächspartner, der neben ihm auf ihn einredete, gar nicht wahrzunehmen. Er lächelte jetzt.

Valerie lächelte zurück – und zuckte im nächsten Moment erschrocken zusammen, weil der Fahrer des Wagens hinter ihr ein wütendes Hupkonzert erklingen ließ.

»Mama, es ist schon ganz lange grün«, hörte sie Lasse neben sich sagen.

Valerie trat automatisch auf das Gaspedal und fragte sich Sekunden später, warum sie nicht einfach rechts rangefahren und ausgestiegen war, um den Mann zu begrüßen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Zufall sie ein drittes Mal zueinanderführen würde, war mehr als gering.

Markus war vollkommen überrascht. Diese Frau war ihm seit der ersten Begegnung nicht aus dem Kopf gegangen, und jetzt tauchte sie ausgerechnet hier in Boxenberg auf. Er bekam kaum noch mit, dass Leif sagte: »Also gut, für die Hochzeit am Samstag brauche ich zweihundertfünfzig Liter Premium extra.«

Auch als Leif laut und deutlich seinen Namen ausrief, wandte Markus seinen Blick nur kurz von dem hellen Cabrio.

»Wer ist das da in dem Auto?«, fragte Leif neugierig.

»Keine Ahnung«, behauptete Markus und lächelte bei dem Gedanken daran, dass das nicht einmal gelogen war. Die ganze Wahrheit war es zwar auch nicht, aber er konnte Leif ja kaum erzählen, dass er vor drei Tagen mit dieser Frau in Stockholm zusammengeprallt war und seither ständig an sie denken musste. Das käme einer sensationellen Neuigkeit gleich, die in Boxenberg rasend schnell die Runde machen würde.

Als der Wagen aus seinem Blickfeld verschwunden war, versuchte er, sich auf Leif zu konzentrieren, der seine Bestellung noch einmal wiederholte.

»Alles klar.« Markus nickte. »Zweihundertfünfzig Liter Premium extra. Bis dann.«

Markus machte sich zu Fuß auf den Weg zu einem weiteren Termin mit einem Gastwirt in Boxenberg. Als er die Galerie seiner Schwiegermutter passierte, stellte sie gerade das Schild auf den Bürgersteig, das verkündete, dass ihr Laden geöffnet hatte.

Irma Wilander war eine zierliche Frau, stets sehr gepflegt und elegant gekleidet. Sie lächelte erfreut, als sie ihn sah, und begrüßte ihn herzlich.

»Hej, Schwiegermutter«, gab Markus den Gruß zurück. »Wie geht es dir?«

Irma stützte sich auf das Schild. »Sehr gut«, sagte sie fröhlich, bevor sie hinzufügte: »Sag mal, wollt ihr morgen zum Essen kommen?«

Markus lief schon beim Gedanken an ein Essen bei Irma das Wasser im Mund zusammen. Seine Schwiegermutter war eine begnadete Köchin, und Markus bedauerte manchmal, dass Leonie in dieser Hinsicht so gar nichts von ihrer Mutter geerbt hatte. Leonie kochte überhaupt nicht gerne, sie hasste es geradezu.

»Danke für die Einladung«, sagte Markus jetzt. »Ich weiß allerdings noch nicht, wann Leonie zurück ist.«

Irma seufzte. »Sie ist einfach zu viel unterwegs. Ich weiß nicht, wie du das aushältst.« Sie wirkte ernsthaft besorgt, während sie langsam zum Eingang ihrer Galerie zurückging. Markus blieb an ihrer Seite und legte einen Arm um ihre Schultern. »Es ist alles okay«, sagte er ruhig und meinte es auch genau so. Für ihn und für Leonie war alles in Ordnung. Es war gut, so wie es war. Markus drückte Irma leicht an sich.

»Mach dir keine Sorgen, Schwiegermutter.«

Irma schien nicht überzeugt. »Ich will mich nicht einmischen, Markus«, sagte sie ernst. »Ich weiß nur, dass ich es für meine Ehe nicht gewollt hätte, dass Olof und ich uns nur einmal die Woche sehen.«

Am Eingang zur Galerie blieben sie stehen. Markus wandte sich seiner Schwiegermutter zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. Er empfand ihre Sorge nicht als Einmischung. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sie sich mehr Sorgen um ihn machte als um ihre Tochter. Weil er derjenige war, der allein gelassen wurde, der zu Hause warten musste, während Leonie genau das Leben führte, das sie sich immer gewünscht hatte.

»Ich habe eben eine ehrgeizige Frau geheiratet«, sagte er leise. »Leonie und ich kommen ganz gut zurecht.« Irma sagte nichts darauf, sie hatten dieses Gespräch schon so häufig geführt, aber ihr Seufzer verriet, dass sie

seine Einstellung nur schwer nachvollziehen konnte.

Markus lächelte und küsste sie auf die Wange, bevor er sich von ihr verabschiedete. Am Ende der Straße

drehte er sich noch einmal um. Irma stand immer noch an derselben Stelle und schaute ihm nach. Ihre Miene

wirkte besorgt.

Die Kanzlei gefiel ihr. Die Büros waren ansprechend, die Sekretärinnen wirkten so nett wie Ludvig Stekkelson offen und sympathisch. Nun saß Valerie ihm in seinem Büro gegenüber. Er hatte hinter seinem Schreibtisch Platz genommen, nachdem er ihr den Stuhl davor angeboten hatte. Vor ihm lag ihre Bewerbungsmappe.

Ludvig Stekkelson betrachtete Valerie nachdenklich. »Glauben Sie, Sie können sich an ein Leben in der Provinz gewöhnen?«

Valerie blickte ihm offen ins Gesicht. »Ja«, sagte sie sicher und überzeugt. Woher sie diese Überzeugung nahm, wusste sie selbst nicht so genau, sie spürte es einfach. Sie hatte immer in Stockholm gelebt, war dort aufgewachsen. Vielleicht war es die Erinnerung an die langen Sommerferien bei ihren Großeltern auf dem Land.

Valeries Mutter war ebenfalls alleinerziehend gewesen und hatte in den Ferien stets eine Betreuung für ihr Kind gebraucht, da sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter verdienen musste. Bei ihren Großeltern war Valerie immer herzlich willkommen gewesen.

Ihren Vater hatte Valerie nie kennengelernt. Früher hatte sie das bedrückt. Sie hatte ihre Mutter immer wieder mit Fragen bestürmt, aber die hatte darauf nur geantwortet, dass dieser Mann in ihrem Leben keine Rolle spielen würde.

Valerie hatte sich immer über die ausweichenden Antworten ihrer Mutter geärgert und trotzdem nie aufgehört zu fragen. Sie war sich sicher, dass der Vater im Leben eines Kindes sehr wohl eine Rolle spielte, hatte selbst immer wissen wollen, wer dieser Mann war. Wie dieser Mann war.

Valeries Mutter war kurz nach Lasses Geburt überraschend schnell nach einer Krebsdiagnose gestorben. Trotz ihres Schmerzes war Valerie damals froh gewesen, dass ihrer Mutter ein langer Leidensweg erspart geblieben war. Die Antwort auf die Frage nach Valeries Vater hatte sie mit ins Grab genommen.

»Was sagt denn Ihr Sohn zu einem Umzug aufs Land?«, wollte Ludvig Stekkelson wissen.

Valerie lachte. »Wenn Lasse Sport treiben kann, wäre er sogar in der Wüste Gobi zufrieden. Und wenn er hier auch noch reiten lernen kann, packt er seine Sachen sogar schneller als ich.«

Ludvig Stekkelson schmunzelte und warf einen kurzen Blick auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Er hob den Kopf und betrachtete sie ernst. »Modersson und Partner ist eine der renommiertesten Kanzleien in Stockholm. Sind Sie sicher, dass Sie da wegwollen?«

Valerie konnte die Verständnislosigkeit hinter der Frage nachvollziehen. Es war ungewöhnlich, dass eine ehrgeizige Anwältin einen solchen Wunsch hegte, die meisten Anwälte würde viel dafür geben, gerade in dieser Kanzlei zu arbeiten. Valerie selbst wusste, dass es rational gesehen eigentlich verrückt war, dort zu kündigen. Aber sie hatte lange und gründlich darüber nachgedacht.

»Ich habe sehr gerne in der Kanzlei gearbeitet«, sagte sie aufrichtig. »Und zudem sehr erfolgreich, wie Sie aus meinen Unterlagen ersehen können. Aber nach so vielen Jahren ist es an der Zeit, sich neu zu orientieren. Nicht nur, was den Wohnort angeht, sondern auch die Arbeit. Was ich im Internet über Ihre Kanzlei gelesen habe, hat mir sehr gefallen.«

Ludvig Stekkelson lächelte. Er schien mit ihrer Antwort zufrieden zu sein. »Ich glaube, wir würden gut miteinander auskommen«, stellte er fest und stand auf. »Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.«

Valerie erhob sich ebenfalls lächelnd. Sie hatte ein gutes Gefühl und spürte, dass sie mit Ludvig Stekkelson auf einer Wellenlänge lag.

»Ich werde mich in den nächsten Tagen bei Ihnen melden«, sagte er, während er sie zur Tür brachte.

Als er sie öffnete, sah Valerie im Vorzimmer einen Mann stehen, in dem sie sofort den Reiter erkannte, den sie auf der Hinfahrt gesehen hatten. Er reichte einer der beiden Sekretärinnen gerade ein Schriftstück.

»Hej, Olof.« Ludvig Stekkelson schien überrascht. »Hatten wir eine Verabredung?«

»Nein.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich wollte nur schnell den Vertragsentwurf unseres neuen Werbepartners bringen, damit du ihn …« Er brach ab, als sein Blick auf Valerie fiel, die schräg hinter Ludvig Stekkelson stand. Er zögerte kurz, setzte neu an, um seinen Satz zu beenden, ohne die Augen von Valerie zu nehmen. So plötzlich, wie seine Starre gekommen war, löste sie sich, kehrte sich sogar ins Gegenteil. Auf einmal hatte der Mann es sehr eilig.

»Ich will nicht stören, ich komme später wieder«, sagte er hastig und wandte sich zum Gehen.

Ludvig Stekkelson schüttelte den Kopf. »Nein, warte. Ich habe gleich Zeit für dich. Ach ja, das ist übrigens Frau Borg«, stellte er Valerie vor. »Sie interessiert sich für die Stelle in meiner Kanzlei. Frau Borg, das ist mein alter Freund Olof Wilander. Er braut das beste Bier hier in der Gegend.«

Valerie lächelte Olof Wilander freundlich an und reichte ihm die Hand.

»Freut mich, Herr Wilander«, sagte sie.

Olof Wilander erwiderte den Händedruck kurz, ganz so, als sei ihm die Berührung unangenehm. Sein Blick ruhte unablässig auf ihr, und seine Stimme klang ein wenig heiser, als er erwiderte: »Mich auch. Frau …?«, hakte er zu Valeries Verwunderung noch einmal nach. Immerhin hatte Ludvig Stekkelson ihren Namen bereits genannt.

»Borg«, mischte sich Ludvig Stekkelson ein, bevor Valerie etwas sagen konnte. Er verlieh seiner Stimme Nachdruck. »Valerie Borg.« Der Anwalt lächelte. »Den Namen solltest du dir merken.«

Olof Wilander sagte nichts, er verabschiedete sich nicht einmal von ihr, sondern ging wortlos in Ludvig Stekkelsons Büro.

Valerie fand dieses Benehmen merkwürdig und fühlte sich unbehaglich. Sie musste sich Mühe geben, sich auf Ludvig Stekkelson zu konzentrieren.

Der Anwalt schien für einen kurzen Moment ebenfalls irritiert zu sein, ging aber mit keinem weiteren Wort darauf ein. »Schauen Sie sich hier in Boxenberg noch ein wenig um, bevor Sie zurück nach Stockholm fahren«, schlug er freundlich vor. »Unser Städtchen wird Ihnen gefallen.«

Lasse wartete auf dem Marktplatz mit einem Eis auf sie. Er wirkte ziemlich zufrieden.

»Und?«, fragte er neugierig.

Valerie ließ ihren Sohn ein bisschen zappeln. »Was, und?«, stellte sie sich ahnungslos.

»Jetzt mach es nicht so spannend«, quengelte er. »Nimmt er dich?«

»Ich weiß nicht«, sagte Valerie, obwohl sie eigentlich davon überzeugt war, dass Ludvig Stekkelson sich für sie entscheiden würde. »Ich habe den Eindruck, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Er ist auf jeden Fall ein guter Anwalt, und er scheint auch sehr nett und menschlich zu sein.«

Lasse genügte diese Auskunft. »Okay, und wann kriege ich ein Pferd?«

Valerie lachte laut auf. »Noch habe ich keine Zusage. Aber er hat mir geraten, dass wir uns hier ein bisschen umsehen sollten.« Valerie legte ihre Hand auf die Schulter ihres Sohnes. »Also los, ich spendiere uns ein schönes Essen.«

Lasse nickte erleichtert. Es war ihm anzusehen, dass er sich bereits jetzt in Boxenberg wohlfühlte, und auch Valerie fühlte sich überraschend heimisch. Obwohl sie noch nie hier gewesen war, hatte sie das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

So war es also, wenn man von der Vergangenheit eingeholt wurde. Er hatte damit gerechnet, nach Kerstins Tod nie wieder mit ihr konfrontiert zu werden.

Wieso ausgerechnet jetzt? Und wieso ausgerechnet hier, in Boxenberg?

Er beobachtete vom Fenster aus, wie sie aus dem Haus trat, während Ludvig im Vorzimmer mit einer seiner Sekretärinnen sprach. Kurz darauf trat sein Freund zu ihm und schloss die Tür hinter sich. »Ich muss mir die anderen Bewerber gar nicht erst ansehen«, sagte er, während er seinen Schreibtisch umrundete. »Diese Frau ist große Klasse. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass sich eine so erfahrene Anwältin für meine kleine Provinzkanzlei interessiert.« Er nahm die Bewerbung hoch, die noch auf seinem Schreibtisch lag.

»Das geht nicht«, sagte Olof scharf.

Ludvig Stekkelson schaute auf. »Wie bitte?«

»Du kannst sie nicht einstellen«, sagte Olof Borg mit dumpfer Stimme.

Ludvig Stekkelson musterte seinen Freund eindringlich. »Valerie Borg ist perfekt«, widersprach er. »Warum sollte ich sie nicht …?«

»Weil sie meine Tochter ist«, fiel Olof ihm heftig ins Wort.

Lasse hatte ein Sportgeschäft entdeckt, das ihn sofort mehr als das versprochene Essen interessierte. Sie verabredeten, er dürfe sich eine halbe Stunde in dem Laden umsehen, während sie die Gegend um den Marktplatz erkundete.

Langsam schlenderte Valerie durch die gemütlichen Straßen. Sie genoss es, ein paar Minuten alleine zu sein, und ließ die Stadt und die neuen Eindrücke auf sich wirken. Ihre Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster, während sie an den gemütlichen, pastellfarbenen Häusern vorbeischlenderte. Wie schon bei der Ankunft in Boxenberg überkam sie das Gefühl, hierherzugehören. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, hier zu leben. Und sie dachte an die Dinge, die sie aufgab; aber selbst bei dem Gedanken an den Abschied von ihrem vertrauten Umfeld, von ihrer Wohnung und den Kollegen in Stockholm empfand sie kein Unbehagen. Nur ihre Frauenrunde, allen voran ihre beste Freundin Johanna, würden ihr fehlen. Trotzdem, Boxenberg fühlte sich richtig an. Für sie und nicht zuletzt mit Lasse.

Valerie schaute auf ihre Armbanduhr. Die vereinbarte halbe Stunde war fast um, sie musste zurück zum Sportgeschäft. Sie drehte sich um – und da sah sie ihn wieder, er stand nur wenige Meter von ihr entfernt. Als spüre er ihren Blick auf sich, hob er den Kopf, und sofort flog ein Lächeln über sein Gesicht. Er verabschiedete sich mit einer kurzen Bemerkung von seinem Gesprächspartner und schritt eilig auf sie zu.

»Haben Sie sich verlaufen?«, fragte er sie vergnügt und fügte mit einem kurzen Zwinkern hinzu: »Oder suchen Sie etwa mich?«

Valerie lächelte und spürte sofort wieder diese Faszination, die sie bereits bei ihrer ersten Begegnung in Stockholm empfunden hatte. Es war, als würde die Luft zwischen ihnen vibrieren.

»Weder noch«, sagte sie. »Ich sehe mir den Ort an, während mein Sohn den Sportladen inspiziert.« Sie schaute sich um. »Es ist wirklich schön hier.«

»Ja, das finde ich auch«, stimmte er ihr zu. »Machen Sie Urlaub hier?«

Valerie freute sich über sein Interesse, schüttelte zur Antwort aber den Kopf. »Nein, ich hatte ein Vorstellungsgespräch. Es kann sein, dass mein Sohn und ich demnächst ganz hierherziehen«, sagte sie lächelnd.

Es war ihm deutlich anzusehen, dass ihn diese Aussicht erfreute. Er strahlte über das ganze Gesicht. »Dann brauchen Sie dringend jemanden, der Ihnen etwas über den Ort und die Gegend hier erzählt. Kann ich Sie heute zu einem Kaffee einladen?« Er brach ab, schaute sie unsicher an.

»Ich würde mich gern für mein Verhalten in Stockholm entschuldigen«, fuhr er schließlich fort. »Ich habe Sie einfach so stehen lassen, das ist sonst nicht meine Art.« Sein Blick ruhte in ihrem, es gelang ihr nicht, den Blick abzuwenden.

Dieser Mann hatte eine Wirkung auf sie, die sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es fiel ihr schwer, sich seiner Ausstrahlung zu entziehen. Wenn sie es recht bedachte, hatte sie bisher noch nie ein Mann so fasziniert. Nicht einmal Dag. Trotzdem schlug sie sein Angebot aus.

»Nein, es tut mir leid. Ich bin mit meinem Sohn zum Essen verabredet«, sagte sie.

»Na, dann zeige ich Ihnen das beste Lokal am Platz.«

Valerie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Alles in ihr drängte danach, seine Gegenwart noch länger auszukosten. Sie musste sich bemühen, ihn nicht anzustarren. Sein markantes Gesicht, seine sinnlichen Lippen …

Er lächelte entschuldigend. »Ich bin normalerweise nicht so aufdringlich«, sagte er. »Aber irgendwie finde ich es faszinierend, dass wir uns dauernd über den Weg laufen.« Sein Blick wurde plötzlich ernst, die Spannung zwischen ihnen schien sich zu verdichten, und Valerie hatte das Gefühl, dass ihr sogar das Atmen schwerfiel.

»Mein Name ist übrigens Markus Hansen«, stellte er sich vor. »Melden Sie sich einfach, falls Sie tatsächlich hierherziehen und Hilfe brauchen oder so.«

Valerie nickte. »Danke für das Angebot. Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen. Ich bin Valerie Borg.« Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste. Sie bedauerte es und spürte gleichzeitig Erleichterung.

»Ich muss jetzt los. War nett, Sie kennengelernt zu haben, Markus«, sagte sie hastig und wandte sich zum Gehen.

»Valerie!«, rief er ihr nach. Sie drehte sich um und sah in sein strahlendes Gesicht.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn es mit Ihrem neuen Job klappt«, sagte er fröhlich.

»Ich auch«, sagte Valerie – und meinte dabei nicht nur Boxenberg und die Stelle bei Stekkelson.

Ludvig hatte sich nach dieser Nachricht erst einmal setzen müssen. Olof hatte neben ihm in einem der Besucherstühle Platz genommen.

»Weiß Irma von Valerie Borg?«, wollte Ludvig wissen.

Olof schüttelte entsetzt den Kopf. »Nein! Du bist der Erste, dem ich es erzähle.«

Ludvig schien nicht gerade geschmeichelt. »Wie lange weißt du schon von ihr?«, fragte er weiter.

»Seit ihrer Geburt«, brachte Olof stockend hervor.

Ludvig lehnte sich seufzend in seinem Stuhl zurück. Es war ihm anzusehen, dass ihn das Geständnis seines Freundes erschütterte.

»Ihre Mutter hat mir kurz nach der Geburt Bescheid gegeben. Sie wollte einfach nur, dass ich es weiß. Mehr nicht. Sie wollte keine Anteilnahme, keine Treffen. Nichts!«, sagte er hart. Olof war Kerstin für diese Haltung immer dankbar gewesen. Sie hätte auch Wert auf Kontakt legen und damit alles zerstören können, was ihm wichtig war. Selbst die monatlichen Unterhaltszahlungen hatte er ihr regelrecht aufdrängen müssen, aber das war ihm wichtig gewesen, weil er damit sein Gewissen beruhigen und aufkommende Vatergefühle unterdrücken konnte, die ihn immer dann überfielen, wenn Kerstin ihm Fotos von diesem Kind schickte, das es eigentlich nicht geben durfte.

»Sie war eine sehr stolze Frau«, sagte er. In seiner Stimme lag nicht nur Dankbarkeit, sondern auch Bewunderung.

Ludvig schüttelte ungläubig den Kopf. »Du trägst das tatsächlich schon so lange mit dir herum?«, fragte er mit belegter Stimme. Er blickte seinen Freund an: »Warum um Himmels willen hast du Irma nichts gesagt? Du bist bei ihr geblieben, und Irma hätte dich niemals verlassen, da bin ich mir sicher.«

Olof betrachtete seinen Freund nachdenklich. Er hatte bestimmt mehr als tausend Mal über diese alles entscheidende Frage nachgedacht und war sich nicht so sicher wie sein Freund. Hätte Irma ihn verlassen, wenn sie von dem Kind gewusst hätte? Irma war eine sehr stolze Frau, und sosehr sie ihn auch liebte, ja immer geliebt hatte, hätte sie den Seitensprung ihres Mannes als Demütigung empfunden.

Olof räusperte sich. »Dieses Kind hatte mit meinem Leben nichts zu tun«, sagte er nachdrücklich. »Es ist auf einer Geschäftsreise passiert, Kerstin war die Sekretärin eines Kunden. Es ging nur um eine einzige Nacht! Für uns beide war es nur ein Ausrutscher.«

Ludvig schnaufte. »Ein Ausrutscher mit Folgen.«

»Es hatte keine Folgen für mein tägliches Leben«, sagte Olof energisch und bemerkte im gleichen Moment, wie selbstgefällig und überheblich er klang.

»Ich habe immer für das Kind bezahlt«, sagte er in dem Versuch, sich zu rechtfertigen. »Kerstin hat mir bis zu ihrem Tod jährlich berichtet, wie es Valerie geht und was sie macht. Danach habe ich sie aus den Augen verloren.« Olof schwieg einen Augenblick, sein Blick glitt ins Leere.

»Sie ist jetzt eine erwachsene Frau«, sagte er nach einer Weile. Er betrachtete nachdenklich seine Hände. »Sie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich. Sie ist schön und erfolgreich«, sagte er leise.

»Selbstbewusst«, fügte Ludvig hinzu. »Und das ist sie ohne dich geworden.«

»Sie hat ihren Vater nie gebraucht«, erwiderte Olof heftig.

»Woher willst du das wissen? Sie hat nicht nur den Tod ihrer Mutter verkraften müssen; in ihren Unterlagen steht, dass sie schon seit einigen Jahren geschieden ist und ihr Kind alleine großzieht. Vielleicht hätte sie einen Vater gebraucht«, blieb Ludvig beharrlich. »Vielleicht würde sie sich auch einfach nur freuen, ihren Vater kennenzulernen«, fuhr er fort. Er erhob sich schwerfällig und betrachtete seinen Freund. »Und was ist mit dir? Willst du wirklich nicht wissen, was für ein Mensch deine Tochter ist?«

Olof schüttelte energisch den Kopf. »Das spielt keine Rolle«, sagte er knapp. »Für mich war es immer das Wichtigste, dass meine Familie keinen Schaden nimmt, ich wollte ihr das nicht antun. Ich hatte nicht nur eine Affäre, ich habe sogar ein Kind daraus. Und ich habe so viele Jahre lang geschwiegen. Glaubst du ernsthaft, Irma würde mir das verzeihen?«

»Natürlich glaube ich das«, fuhr Ludvig ihn so heftig an, dass Olof erschrak. Was wusste Ludvig denn schon? Er war nicht verheiratet und konnte sich kaum in seine Situation versetzen.

Ludvig ließ sich in seinen Sessel auf der anderen Seite des Schreibtischs fallen. Seine Stimme klang ruhig, als er fragte: »Was willst du denn jetzt machen?«

»Ich? Ich mache gar nichts«, sagte er. Er hatte nicht die ganzen Jahre geschwiegen, um jetzt die Bombe platzen zu lassen. Ludvig musste das verstehen. Mehr noch, er musste ihm helfen, die Sache auch weiterhin ruhen zu lassen.

»Du musst ihr absagen«, verlangte er. »Sie darf nicht nach Boxenberg kommen.«

»Entschuldige mal …!«, rief Ludvig empört, aber Olof ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Die Gefahr, dass alles rauskommt, ist viel zu groß«, sagte er. »Bitte, Ludvig, du musst ihr absagen.«

Ludvig schaute ihn lange und schweigend an. Es war ihm anzusehen, dass es in ihm arbeitete, aber schließlich nickte er. Mit sichtlichem Bedauern legte er Valeries Bewerbung zur Wiedervorlage in eine Mappe.

»Sie wäre die Richtige für meine Kanzlei gewesen. Aber gut, ich habe noch ein paar andere Bewerbungen auf meinem Tisch liegen.« Er seufzte tief auf. »Es fällt mir richtig schwer, aber wenn es für dich so wichtig ist, dass sie nicht hierherkommt, dann sage ich ihr ab. Ich warte noch ein paar Tage, und dann schicke ich ihr einen entsprechenden Brief.«

Olof war zutiefst erleichtert. »Danke. Glaube mir, es ist für alle besser so.«

Ludvig widersprach nicht, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass er diese Meinung nicht unbedingt teilte.

Olof verließ gedankenversunken die Kanzlei. Er beschloss, zu Fuß nach Hause zu laufen, um seinen Kopf frei zu bekommen.

Er hatte Kerstins Tod damals bedauert, aber im Laufe der Jahre hatte er sie und auch ihre gemeinsame Tochter erfolgreich aus seinen Gedanken verdrängt.

Aber jetzt … Die Begegnung mit Valerie hatte ihn zutiefst erschüttert. Seine ganze Welt drohte aus den Fugen zu geraten. Bisher hatte es in seinem Leben nur Leonie und Irma gegeben, auch wenn er um die Existenz dieser fremden Tochter wusste. Aber sie war weit weg gewesen, und oft hatte er einfach vergessen können, dass Leonie nicht sein einziges Kind war.

Verdammt, dachte er, es hätte nie zu dieser Begegnung kommen dürfen! Es würde lange dauern, bis er sie vergaß und sein Leben so weiterlief wie bisher.

Als er über den Marktplatz lief, stand plötzlich Leonie vor ihm. Olof starrte sie überrascht an.

»Du bist ja schon wieder zurück!«

Leonie flog ihm zur Begrüßung um den Hals, so wie sie es schon als kleines Mädchen gemacht hatte. Olof drückte sie liebevoll an sich. Er hatte sie sein ganzes Leben lang begleitet, glaubte alles von ihr zu wissen, und nun fragte er sich zum ersten Mal, wie es dem anderen Kind ergangen sein mochte in den Jahren, als es ohne Vater aufgewachsen war. Wie waren die Weihnachtsfeste gewesen, die Geburtstage? Wie hatte sie ihre erste Liebe erlebt, und wie war es ihr nach ihrer Scheidung ergangen?

Olof schämte sich plötzlich, weil Valerie für ihn nie mehr gewesen war als ein monatlicher Minusbetrag auf seinem Konto.

Leonie löste sich aus seiner Umarmung und lachte ihn fröhlich an. »Ich bin gerade angekommen«, sagte sie. »Ich war beim Endspiel der Basketballmeisterschaften in Göteborg.« Sie ließ ihren Vater los und trat einen Schritt zurück. »Schön, dich zu sehen.« Prüfend musterte sie ihn. »Wie geht es dir? Du siehst ein bisschen blass aus.«

»Ach was«, wehrte Olof schnell ab. »Es ist alles in Ordnung. Hast du Lust, deine Mutter in der Galerie zu besuchen?«

Leonie zwinkerte ihm zärtlich zu. »Ich war auf dem Weg zu ihr. Vielleicht hat sie ja einen Kaffee für uns.« Sie hängte sich bei ihrem Vater ein, während sie gemeinsam weiterschlenderten.

Olof bedachte seine erfolgreiche Tochter mit stolzem Blick, und sofort schlich sich der Gedanke an seine andere Tochter wieder in sein Bewusstsein. Valerie war ungefähr genauso alt wie Leonie. Sie war ebenso groß und schön, ebenso erfolgreich.

Mühsam schüttelte er den Gedanken ab und versuchte, sich auf Leonie zu konzentrieren.

»Und, hast du vom vielen Herumreisen noch immer nicht die Nase voll?«

Leonie schüttelte lächelnd den Kopf, sagte aber nichts. Ihre ständige Abwesenheit wurde in der Familie immer wieder thematisiert, weil Olof und Irma sich wirklich ernsthafte Sorgen machten. Dabei war Olof sicher, dass sie ihr damit oftmals auf die Nerven gingen. Es fiel ihm einfach sehr schwer zu begreifen, wie eine Ehe das über all die Jahre aushalten und zudem noch glücklich sein sollte.

»Ich bewundere Markus, weil er das mitmacht«, bemerkte er jetzt ernst. »Ich habe gehört, du hast ihn sogar in Stockholm versetzt.«

Leonie lachte. Sie wusste, dass Markus nichts gegen ihr hektisches Berufsleben einzuwenden hatte. »Er hat sich doch nicht etwa beklagt, oder? Ich habe ihm doch erklärt, dass ich nicht wegkonnte, weil die in die Verlängerung gegangen sind«, sagte sie.

Mit diesen Worten erreichten sie die Galerie. Irma hatte sie bereits durch die Glasscheibe der Eingangstür gesehen und kam ihnen zur Begrüßung an der Tür entgegen. Sie freute sich sichtlich, ihre Tochter wiederzusehen, und umarmte sie herzlich.

Für sie ist Leonie das einzige Kind, dachte Olof und ärgerte sich über sich selbst, als vor seinem inneren Auge schon wieder Valeries Gesicht auftauchte. Es war ihm schon auf der Landstraße Richtung Boxenberg vertraut vorgekommen, als sie bei seinem Anblick die Geschwindigkeit verringert hatte.

Aber Valerie war nicht alleine im Wagen gewesen! Neben ihr hatte ein Junge gesessen! Kerstin hatte ihm geschrieben, dass Valerie ein Kind zur Welt gebracht hatte, aber erst in diesem Moment wurde Olof wirklich bewusst, dass er nicht nur zweifacher Vater, sondern auch Großvater war.

Sein Blick fiel auf Irma und Leonie. Die beiden lachten miteinander, plapperten munter und umarmten sich wieder.

Du musst sie vergessen, diese andere Tochter, befahl er sich energisch. Du musst sie vergessen!

Er würde alles vernichten, was er jemals an Informationen von Kerstin erhalten hatte. Alle ihre Briefe und Fotos befanden sich in einem Safe im Arbeitszimmer, zu dem nur er den Code besaß.

Es würde eine symbolische Geste sein. Sie würde besiegeln, dass er diese beiden Menschen, die gerade bei ihm waren, niemals unglücklich machen würde.

Valerie und Lasse lehnten an der Reling der Fähre von Djurgården zurück in Richtung Altstadt. Valerie hatte sich früher aus dem Büro stehlen können und endlich einmal Zeit für ihren Sohn gehabt. Sie hatte ihn direkt von der Schule abgeholt, und er hatte entscheiden dürfen, wie sie den Nachmittag gemeinsam verbringen sollten. Er hatte nicht lange überlegt. »Ich möchte ein Picknick auf Djurgården machen, Mama! Können wir bitte, bitte, bitte mit der Fähre übersetzen? Bitte, Mama!«, hatte er gesagt und mit einem schelmischen Lächeln hinzugefügt: »Das ist einer meiner Lieblingsorte in Stockholm, den werde ich vermissen.«

Nach einem erfüllten Nachmittag auf der grünen Halbinsel vor den Toren Stockholms stand die Sonne nun tief und tauchte die Stadt mit ihren prachtvollen Fassaden in ein goldenes Licht. Die Fähre umrundete Kastellholmen mit dem braunroten, imposanten Kastell, auf dessen Turm ein Wimpel in schwedischen Farben im Abendwind flatterte.

Valerie war erfüllt von einer tiefen Wehmut, die sie immer in Momenten des Abschieds überkam. Ja, sie war in dieser Stadt aufgewachsen, hatte ihr Leben lang hier gelebt – aber ihr Zuhause, das würde in Zukunft woanders sein. Zumindest wünschte sich sich das so sehr. Dennoch war ihre Skepsis gerade in den letzten zwei Tagen gewachsen. Sie war sich sehr sicher gewesen, dass Stekkelson sich für sie entscheiden würde und hatte insgeheim auf eine schnelle Entscheidung gehofft. Nun waren schon drei Tage vergangen, und sie hatte immer noch nichts gehört. Sie mühte sich, ihre Erwartung zu bremsen; ziemlich erfolglos. Sie musste sich eingestehen, dass sie sehr enttäuscht wäre, wenn Ludvig Stekkelson ihr absagen würde.

Für ihren Sohn hingegen schien der Umzug bereits festzustehen. »Wann ziehen wir um?«, fragte Lasse, während er seine Nase in den Fahrtwind hielt. »Ich freue mich echt darauf, in Boxenberg zu wohnen.«

Valerie strich ihm übers Haar. »Wir müssen erst einmal abwarten. Vielleicht entscheidet sich Herr Stekkelson ja doch gegen mich.«

Lasse schüttelte den Kopf, für ihn schien diese Möglichkeit nicht wirklich in Betracht zu kommen. Er legte beruhigend die Hand auf den Arm seiner Mutter. »Du hast doch gesagt, ihr habt euch gut verstanden.«

Valerie lächelte. »Haben wir auch. Ich bin auch fast sicher, dass ich den Job bekomme.«

Lasse blinzelte zu ihr auf, als ihm die tief stehende Sonne direkt ins Gesicht schien. »Nur fast?«

»Eigentlich ganz«, sagte Valerie endlich und sprach damit aus, was ihr Gefühl ihr sagte. »Es gibt zumindest nichts, was gegen mich spricht«, sagte sie lachend und legte einen Arm um die Schultern ihres Sohnes. Gemeinsam schauten sie hinaus aufs Wasser und genossen den Augenblick, während die Fähre auf den Anleger zusteuerte.

Olof hatte es nicht übers Herz gebracht, die Briefe und Fotos zu vernichten. Sie waren Zeugnis eines ganzen Lebens, an dem er nicht teilgehabt hatte. Dem Leben seiner Tochter.

Bisher war sie nicht mehr gewesen als ein lachendes Mädchen, ein hübscher Teenager und zuletzt eine schöne Frau – auf Papier. Jetzt war sie ein Mensch aus Fleisch und Blut, und der Gedanke an sie ließ Olof nicht los.

Vor vier Tagen war seine Welt zutiefst erschüttert worden. Er hatte versucht, den Gedanken an Valerie zu verdrängen, was ihm nicht gelungen war. Er hatte sich so gut es ging zusammengerissen, trotzdem lebte er in der ständigen Angst, Irma könnte seine Zerstreuung bemerken, oder, noch schlimmer, er könnte ihr Misstrauen durch eine unbedachte Bemerkung hervorrufen oder sich gar verraten. Am Dienstag war er froh gewesen, dass Markus und Leonie wirklich zum Essen gekommen waren. Leonie hatte so viel von ihrem letzten Auftrag erzählt und Irma von der jungen Bildhauerin, die sie entdeckt und deren Werke sie jetzt in der Galerie ausstellte, berichtet. Sie schienen nicht bemerkt zu haben, wie still er selbst an diesem Abend war. Markus hatte ebenso wie Olof ziemlich ruhig dabeigesessen. Aber im Gegensatz zu ihm selbst hatte Markus den Erzählungen der beiden Frauen offensichtlich aufmerksam gelauscht.

Tagsüber gelang es Olof, sich in seine Arbeit zu flüchten und sich damit zumindest zeitweise abzulenken. Nachts war das unmöglich, und so lag Olof auch jetzt wieder im Bett neben seiner Frau, wälzte sich ruhelos von einer Seite auf die andere, während Irma tief und fest schlief. Es war schon weit nach Mitternacht, wie er mit einem Blick auf den Wecker feststellte.

Er drehte sich wieder auf die andere Seite und betrachtete im Licht des Mondes, der durch die Scheibe schien, das entspannte Gesicht seiner Frau. Sie lächelte leicht im Schlaf, und Olof spürte mit aller Deutlichkeit, wie sehr er sie liebte. Sie hatten ihr ganzes Leben miteinander verbracht, waren beide hier in Boxenberg aufgewachsen, waren zusammen zur Schule gegangen und hatten sich bereits als Teenager ineinander verliebt. Ebenso wie Leonie und Markus, dachte Olof wehmütig, auch wenn die es sich damals nicht eingestanden hatten.

Abgesehen von Markus’ Abstecher nach Kanada waren auch sie ihr ganzes Leben zusammen gewesen, wobei Leonies Reisen die Beziehung sicher auf eine harte Probe stellten. Olof hatte nie verstanden, wie eine Ehe auf dieser Basis funktionieren konnte, für ihn wäre das undenkbar. Markus musste seine Frau sehr lieben, wenn er mit ihrer ständigen Abwesenheit zurechtkam. Aber seine Tochter war eben erfolgreich. Ebenso wie Valerie …

Olof hätte sich ohrfeigen können. Seine Gedanken drehten sich ständig im Kreis. Irma, Leonie, Valerie – und dann begann es wieder von vorn.

Er hielt es im Bett nicht mehr aus. Leise, um Irma nicht zu wecken, erhob er sich und ging nach unten in sein Arbeitszimmer. Dort schaltete er nur die kleine Lampe auf seinem Schreibtisch an und öffnete den Safe, in dem er ansonsten nur wichtige Papiere bezüglich der Brauerei verwahrte, und zog ein Bündel Briefe heraus.

Olof hatte sich seit Montag mehrfach vorgenommen, die Briefe und Fotos zu vernichten, hatte es aber jedes Mal nicht übers Herz gebracht. Er wusste, sie lagen sicher in seinem Safe, viele Jahre schon, er brauchte sie nicht hervorzuholen. Es ging darum, die Gedanken aus dem Kopf zu verbannen, und das brauchte einfach Zeit. Und Distanz. Gut, dass Ludvig Valerie abgesagt hatte, in ihrer Gegenwart würde ihm ein Vergessen und das Verheimlichen schwerfallen.

Jetzt, in diesem Moment, war er dankbar, den symbolischen Akt noch nicht vollzogen zu haben und die Fotos in der Hand halten zu können. Nachdenklich betrachtete er eines nach dem anderen. Immer wieder, er konnte sich nicht sattsehen.

Er betrachtete erstaunt die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Kerstin und Valerie. Aber jetzt, wo er die Fotos zum ersten Mal in all den Jahren genauer betrachtete, jeden Gesichtszug seiner Tochter studierte, wurde ihm bewusst, dass es da einige Merkmale gab, die sie von ihm geerbt hatte.

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