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Wind in den Tamarinden

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Teil Eins
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  1. Teil Zwei
  2. 20
  3. 21
  4. 22
  5. 23
  6. 24
  7. 25
  8. 26
  9. 27
  10. 28
  11. 29
  12. 30
  1. Teil Drei
  2. 31
  3. 32
  4. 33
  5. 34
  6. 35
  7. 36
  8. 37
  9. 38
  10. 39
  11. 40
  12. 41
  13. 42
  14. 43
  1. Quellen
  2. Über die Autorin
  3. Fußnote

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1

Afrika, 1904

Die Soldaten kamen noch am selben Morgen, um sie in ihrem Zimmer in dem kleinen Gästehaus unter Arrest zu stellen. Nora wusste, dass jetzt alle etwas hatten, worüber sie reden konnten, die Offiziere abends in der Messe und die Farmer, die über Weihnachten in die Stadt kamen, und die Kaufleute mit ihren Frauen, und bestimmt waren einige auf ihrer Seite, aber die meisten würden gegen sie sein, und alle würden die falschen Gründe haben, weil niemand wissen konnte, warum sie es getan hatte.

Sie war bereits umgezogen, als die beiden Soldaten an ihre Tür klopften, und so blieb ihr danach nicht mehr viel übrig, als zu warten, bis sie abgeholt wurde. Sie empfand keine Scham wegen ihrer Tat, weder Scham noch Reue noch sonst etwas, wobei man sich schlecht fühlte. Sie empfand überhaupt nichts. Als die Stunden vergingen und niemand kam und sie fortbrachte, legte sie sich auf das schlichte Messingbett, denn in der Nacht hatte sie nicht viel geschlafen. Sie konnte auch jetzt nicht schlafen. Die beiden Soldaten standen in ihren sandbraunen Uniformen draußen auf dem Gang, die meiste Zeit fast reglos, aber manchmal hörte Nora die Dielen unter ihren Stiefeln knarren. Die Stiefel waren mit dem roten Staub der Straße bedeckt, und etwas davon lag auch auf dem dünnen Läufer vor dem Bett.

Über dem Kopfende des Bettes hing ein Kruzifix an der Wand, zwei dünne Streben aus Birkenholz, die Nora keinen Trost spendeten, weil ihr das Beten gestern Nacht vergangen war. Die Wände waren ebenfalls aus Holz, und gegen Mittag wurde es sehr heiß in dem kleinen Zimmer, als die Dezembersonne auf die zugezogenen Vorhänge brannte.

Nora fragte sich, wer sich um das Kind kümmern würde, falls sie ins Gefängnis kam. Sie hätte es gern bei sich gehabt, aber es war vernünftiger gewesen, es wegzugeben, solange nicht feststand, was aus ihr werden würde. Sie werden dich in die Hauptstadt bringen, dachte sie, eine lange Reise durch dieses abweisende, heiße Land, das keine richtigen Straßen hat und keine fertig verlegte Eisenbahn, nicht so wie bei uns zu Hause, und an jeder Station werden sie dich und die Soldaten anstarren, und deswegen ist es wahrscheinlich besser, dass du sein Kind nicht bei dir hast.

Als es Nachmittag wurde und das Leben erwachte, drangen durch das Fenster wieder die Geräusche der Straße - Pferdegetrappel, das Blöken von durstigem Vieh, das Quietschen der Ochsenkarren mit ihren schlecht geölten Radnaben und die lauten Stimmen der Eingeborenen. Nora wusste, dass auch sie reden würden, aber das störte sie nicht; es bedeutete nicht mehr als die hungrigen Schreie der Möwen bei ihren Sturzflügen über der Gischt der Bucht.

Am Abend stand sie auf und fragte die Soldaten vor der Tür, ob sie schon wüssten, was mit ihr geschehen würde. Die Soldaten hatten noch keine Anweisung erhalten. Sie waren sehr jung und respektvoll und fragten, ob sie ihr etwas zu essen kommen lassen sollten, aber Nora hatte keinen Hunger und bat nur um ein Glas Wasser.

Es machte ihr nichts aus zu warten, sie hatte die letzten Wochen mit nichts anderem verbracht. Wenn sie wartete, begann sie, außerhalb ihres Körpers zu leben. Sie lebte in Gedanken, die sie voraustrugen oder zurück, und das, woran sie dachte, schien ihr lange vergangen oder weit entfernt, auch wenn es erst vor Kurzem geschehen war.

Sie sah sich, nachdem Rainer sie verlassen hatte, allein mit dem Kind draußen auf der Farm. Sie sah sich mit Wilhelm, nach der Schlacht, bei der er verwundet worden war, wie er ins Lazarett getragen wurde, seine blutbefleckte Uniform staubig in der diesigen Abendsonne - roter Staub wie der auf dem Läufer in ihrem Zimmer jetzt -, und wie sie versuchte, seine Hand zu halten, und nicht wusste, ob er es überleben würde, aber sie hoffte es mit aller Kraft, weil sie nicht noch einmal etwas verlieren wollte, das sie liebte. Das war ihre Geschichte in diesem Land, Hoffnung, Liebe und Verlust und nach dem Verlust neue Hoffnung.

Und sie sah sich mit Balthasar, der das Land verkörperte und der sie hierher in dieses Zimmer gebracht hatte und dazu, dass die Soldaten vor ihrer Tür Wache hielten. Ihre Vergangenheit, dachte sie, war wie ein Kaleidoskop. Sie blickte auf alles zurück, und bei jeder Drehung erschien ein neues, buntes Bild, aber zusammengesetzt war es immer nur aus Scherben. Balthasar - stolz und schwarz, voller Leidenschaft, am Ende voller Zorn und Schmerz - leuchtete heller als die anderen, vielleicht weil sie ihn erst gestern zum letzten Mal gesehen hatte, als sie mit dem Messer in der Hand zu ihm gegangen war, um ihn zu erlösen.

Sie sah alle - Rainer und Wilhelm und Ludwig -, und sie fragte sich, ob einer von ihnen da sein würde, wenn die Soldaten sie in den Gerichtssaal eskortierten, und ob es Zeugen geben würde für das, was mit ihr geschah.

2

Deutsches Reich, 1902

Im Herbst jenes Jahres lebte Nora Hendriksen in der Villa ihres Mannes, und von ihrem Zimmer aus konnte sie auf den großen Garten und bis über den Fluss sehen. Nachts hörte sie manchmal die Kastanien von den Bäumen unter ihrem Fenster fallen, und am Tag leuchtete das Laub an den Ästen gelb und rot in der Sonne. Das Wasser der Elbe war klar wie der Septemberhimmel. Auf den kleinen Wellen lag ein stetes Gleißen, außer wenn Regen aufzog, dann fand sich das Bleigrau der Wolken auch auf dem träge dahinrollenden Fluss. Vor dem schmiedeeisernen Tor des Anwesens fuhren die neuen Automobile die Straße entlang; es gab noch nicht viele, aber ihre Abgase legten sich auf die Stämme der Pappeln zu beiden Seiten der Chaussee, und einige der Blätter fielen ein wenig früher ab und gerieten unter die Reifen, und später verwandelten Regen und Schnee sie in Morast.

Es war das Jahr, in dem ihre jüngere Schwester Lissy heiratete. Wenn Nora später daran zurückdachte, kam es ihr vor, als wäre sie damals zum letzten Mal sorglos gewesen, mit dem Garten und dem Fluss und dem Himmel, dessen Blau so tief war, dass es in den Augen wehtat. Auch bei ihrer eigenen Hochzeit war sie unbeschwert gewesen, und an diesem Nachmittag, kurz bevor der Empfang begann, fiel ihr wieder ein, wie sie selbst es empfunden hatte: als ein Glück, dass es nicht mehr war - nicht mehr als bloße Unbeschwertheit. Das Leben an der Seite ihres Mannes würde irgendwann enden; es würde vorübergehen und sie nur wenig verändern. Das, was sie lieben konnte, hatte sie noch nicht gefunden.

Sie stand an dem kleinen Zierteich im Garten, neben den Apfelbäumen, wo man die Geräusche aus dem Haus kaum mitbekam, nur den Wind in den Zweigen und die Vögel, die sich über den anbrechenden Abend verständigten. Sie wollte einen Moment allein sein, bevor die ersten Gäste eintrafen,- ein paar Minuten lang sollte niemand etwas von ihr verlangen. Gestern der Polterabend, am Morgen die kirchliche Trauung, danach das Mittagessen mit den beiden Familien. Die ganze Zeit nur Lärm, Gelächter, Kindergeschrei, Hochrufe und in der Kirche der kleine Marsch von Mendelssohn, den danach jeder vor sich hin gesummt hatte, in Bruchstücken, immer wieder, sogar sie selbst.

Ludwig, ihr Mann, befand sich im Haus, überwachte die Vorbereitungen für das Essen und dirigierte das Personal. Nur wenn der Wind kurz den Atem anhielt, konnte sie ihn hören, seine Stimme und die ihrer Schwester. Geschirr klirrte. Am Flügel im Salon schlug jemand immer denselben Ton an, ein Cello fiel ein, kurz nur, dann rief ihre Schwester: »Nora!«

Nora rührte sich nicht.

Das Haus war groß, fast ein kleines Schloss mit Erkern und Türmen, die Mauern aus strengem Granit erbaut und von wildem Wein überwuchert bis hinauf zu den schiefergrauen Dachschindeln. In den bleiverglasten Fenstern leuchtete bunt das Familienwappen. Von der ausladenden Terrasse hinter dem Salon hatte man einen überwältigenden Blick auf den weitläufig zur Elbe hin abfallenden Garten, gestaltet im verschwenderischen Dunkelgrün von hohen Bäumen, dichten Hecken, Gebüsch und Rasen. Eine Eibenlaube auf der anderen Seite des Zierteichs bildete einen filigranen Kontrapunkt zu dem höher gelegenen Haus. Aus Anlass des abendlichen Diners hatte das Personal Garten und Terrasse mit Hunderten weißer Windlichter und farbiger Lampions an Stöcken und Girlanden geschmückt.

Der Wind setzte wieder ein und riffelte die Oberfläche des Teichs. Ein paar welke Blätter landeten zwischen den Seerosen. Nora genoss den schweren Geruch des Laubes und der Bäume im September, den Abschied von der Sommerblüte und das letzte üppige Farbenspiel. Der Frühling war die Zeit der Unschuld, der Herbst trug die Ahnung des Verlustes heran, dunkel wie der ferne Klang der Nebelhörner auf dem Fluss jenseits der Mauer, wo große Dampfer der Nordsee zustrebten.

»Nora!« Lissy erschien in der Fenstertür zur Veranda und hielt nach Nora Ausschau, ohne sie zu entdecken. Von jenseits des Hauses, wo die kieselbestreute Auffahrt ihren Bogen hinunter zur Chaussee schlug, ertönte Motorenlärm, das metallische Tuten vereinzelter Hupen und das Wiehern nervöser Pferde. Gelächter stieg auf. Das kleine Orchester im Salon intonierte eine Konzertouvertüre. Es war Zeit. Nora wandte sich wieder dem Haus zu, ging zurück über die ovalen Steinplatten, die durch das Lampionspalier zur Terrasse hinaufführten.

An einer der Blumenrabatten blieb sie stehen, um eine Septemberrose abzubrechen. Doch als sie die Blüte an ihr Gesicht hob, erschien ihr der schwache Duft wie ein Vorwurf. Im Haus gab es Blumen genug, längst geschnitten und zu Arrangements gebunden, die nichts mehr in sich trugen, weder Sommer noch Herbst, sondern lediglich Opulenz verkündeten. Ihr war, als hätte sie diesen vollkommenen Tag mit ihrer mutwilligen Tat beschädigt, sodass er nun nur noch verfallen konnte.

Lissy winkte ihr von der Terrasse aus. »Nora!« Sie trug das Brautkleid aus weißem Chiffon, in dem sie am Morgen getraut worden war, wollte sich davon nicht trennen, nur die Handschuhe hatte sie ausgezogen. Aus ihrer Frisur hatten sich ein paar Strähnen gelöst, die zu beiden Seiten ihres erhitzten Gesichts herabhingen. In der Hand hielt sie einen zerknitterten Briefbogen. »Also, hier steckst du! Ludwig sucht dich, alle suchen dich … Die ersten Gäste sind schon da, und die halbe Stadt ist noch auf dem Weg hierher.« Ihre atemlose Stimme wurde leiser, fast fürsorglich. »Was hast du dir nur dabei gedacht? Wenn jemand das hier liest …«

»Ich war im Garten«, sagte Nora. »Ich hatte vergessen, wie feucht das Laub um diese Jahreszeit schon ist.« Ihre altrosa Ballschuhe waren nass und über und über mit Grasflecken bedeckt, sodass man sie eigentlich nicht mehr vorzeigen konnte. Aber in diesen Schuhen hatte sie vor fünf Jahren mit Ludwig den Hochzeitswalzer getanzt und schon damals gewusst, dass sie sie wieder tragen würde, wenn ihre Schwester heiratete. Sie griff nach Lissys Hand, ohne den Brief zu beachten. »Ich wollte, dass du etwas von mir hast, weil wir uns von nun an doch bestimmt nicht mehr so häufig sehen werden. Deswegen habe ich dir den Brief geschrieben. Ich wünsche mir so sehr, dass du glücklich bist.«

»Aber ich bin glücklich - natürlich bin ich glücklich«, sagte Lissy, noch immer mit der etwas atemlosen, leisen, plötzlich eher vorwurfsvollen Stimme. »Ich bin jetzt eine Frau Konsul in spe. Warst du nicht glücklich, als du geheiratet hast? Was wolltest du im Garten? An so einem Tag ist dein Platz im Haus!«

»Du redest schon genauso wie Ludwig. Oder wie Papa.«

»Nur weil dein Mann Bankier und reich ist, muss nicht alles falsch sein, was er sagt.« Lissy schwieg kurz, ehe sie mit einem besorgten Blick auf Noras Schuhe hinzufügte: »Hat das was mit den Zigarrenkisten zu tun, von denen du geschrieben hast? Weißt du, manchmal mache ich mir wirklich Sorgen um dich.«

»Ich wollte nur - du solltest wissen, dass ich immer für dich da bin … Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du mal unglücklich bist oder verzweifelt …«

»Und deswegen willst du mein Herz in einer Zigarrenkiste vergraben?« Lissy schüttelte den Kopf. »Langsam fange ich an zu glauben, was die Leute alles so über dich sagen. Dabei wollte ich das nie, weil du meine Schwester bist. Wie kann jemand mit achtundzwanzig Jahren noch so einen Unsinn schreiben!? Ich habe doch nun meinen Mann. Ab jetzt ist Carl-Gustav für mich da. Weißt du, ich finde, du bist etwas überspannt, aber das nehme ich dir nicht übel. Ich habe dich trotzdem lieb, trotz all deiner Launen und Marotten.« Sie nahm Nora die Rose ab und drückte ihr dafür den Brief in die Hand. »Hier, das ist vielleicht eher was für deinen Dichter - Herz, Liebe, Schmerz, pas possible! Wie ich sehen musste, steht sein Name auch auf der Gästeliste.«

Sie drehte sich um und verschwand durch den Efeubogen über der Verandatür wieder im Haus.

Nora folgte ihr, einige Atemzüge lang wie benommen von einem Gefühl umfassender Liebe für ihre kleine Schwester, das sie glücklich stimmte. »Was die Leute über dich sagen«, wiederholte sie für sich. Sie wusste, was sie sagten. Sie sagten, dass sie die falsche Frau für den nüchternen, besonnenen Ludwig Hendriksen war - zu naiv, zu freisinnig, zu ungeduldig, zu versponnen, vielleicht sogar zu leidenschaftlich und in jedem Fall zu romantisch. Nichts gegen Leidenschaft, sagten die Männer, aber am Ende muss die Bilanz stimmen. Romantik ist etwas Wunderbares, sagten die Frauen, aber ein Haus kann man damit nicht führen.

Ludwig, stolz auf Noras Schönheit, hatte unter dem Strich ein schlechtes Geschäft gemacht. Er war ihrem Antlitz erlegen - dem blassen, zarten Oval mit den weich modellierten Wangenknochen, dem hellen Glanz der großen, blauen Augen, der hohen Stirn. Ja, schön war sie. Mit ihrem kupferroten Haar, den zart geschwungenen, vollen Lippen und der schlanken, hochgewachsenen Statur lenkte sie in der Oper, bei Bällen und Soireen sämtliche Blicke auf sich. Alles an ihr hätte Ludwig Neid und Bewunderung eingetragen, wäre nicht bald schon bekannt geworden, dass sie ungehorsam und hitzköpfig war und gelegentlich sogar einfach verschwand, ohne zu hinterlassen, wohin oder wie lange oder mit wem.

Viele sagten: gesellschaftlich untragbar, eine Belastung für sein Ansehen, eine Mesalliance, vielleicht sogar eine Schande. Und in Ludwigs Augen stand oft die stumme Frage: Warum hast du mich eigentlich geheiratet? Sie sah die Frage, und es tat ihr leid für ihn. Ihre Ehe war kinderlos geblieben. Eines Tages, dachte sie, werde ich Kinder haben, und die werde ich lieben und beschützen.

Glaub es ruhig, kleine Schwester, dachte Nora. Du hättest bloß ein Mal die Augen offen halten müssen. Aber Lissy war eingebildet, steif und nicht sehr klug, und sie hatte kein Wort von dem verstanden, was in dem Brief stand. Nora faltete den zerknitterten Bogen zusammen und schob ihn im Salon achtlos hinter eins von Ludwigs Gemälden, wo er zwischen Rahmen und Wand stecken blieb, geschützt durch das Bild einer Landschaft, über der sich dunkle Wolken zusammenballten.

Solange sie sich erinnern konnte, hatten sie und ihre Schwester sich wegen jeder Kleinigkeit gestritten. Erst in den letzten Jahren war eine brüchige Nähe zwischen ihnen entstanden. Dass Nora ihrer Schwester heute diesen Brief geschrieben hatte, bedeutete einen einseitigen Waffenstillstand. Lissy wusste noch nicht, was es hieß, verheiratet zu sein,- sie sollte wissen, dass sie ab jetzt eine Freundin hatte.

Nora ging durch die neben dem Salon gelegene Bibliothek in die Empfangshalle. Vor einem bräunlichen Spiegel neben dem Gewehrschrank mit den silber beschlagenen Jagdflinten blieb sie stehen, um ihre Erscheinung zu überprüfen. Wenn sie sich nicht bewegte, verschwanden die grasfleckigen Ballschuhe fast gänzlich unter dem Saum des jadegrünen, mit kunstvollen Purpurrüschen verzierten Seidenkleides, das sie für den Abend gewählt hatte. Hochgeschlossen am Hals, mit gebauschten, zum Handgelenk hin geriffelten Ärmeln, lag es oben eng an, fiel jedoch von der Taille abwärts weit wie eine Glocke. Die Handschuhe nahmen das Altrosa der Schuhe noch einmal auf, und am Hals zeugte ein großer Rubin in einer goldenen Ansteckbrosche von der Großzügigkeit ihres Mannes.

Der Salon, sonst der behaglichste Raum des Hauses, war bereits vom Lärm der ersten Gäste erfüllt. Sie bildeten kleine Gruppen vor dem Kaminfeuer oder um die mit dunkelgrünem Samt bezogenen Sessel und Sofas, auf denen die Älteren unter den Geladenen Platz genommen hatten. Livrierte Diener trugen Silbertabletts mit leise klirrenden Champagnergläsern von Gruppe zu Gruppe, Orientteppiche auf dem Parkettboden dämpften die Schritte.

Das zwölfköpfige Orchester aus Konzerthausmusikern saß in zwei Reihen vor den Verandafenstern, durch die das schwindende Licht des Tages auf ihre Notenblätter fiel. Sie spielten jetzt Wagner, passend zum Einzug der Gäste. Wie ein Metronom schlug das Pendel der großen schildpattverzierten Stutzuhr seinen eigenen Takt. Die Kerzen auf den Tischen und in den silbernen Haltern an den eichengetäfelten Wänden flackerten im Luftzug zwischen Terrasse und Empfangshalle, wo Lissy und Carl-Gustav Beermann Seite an Seite mit Ludwig das Begrüßungskomitee bildeten.

Ludwig empfing Nora mit einem tadelnden Blick. »Du kennst Herbert Woermann und seine Frau, nicht wahr, Nora?«, sagte er, und Nora nickte und schüttelte die erste von unzähligen kühlen Händen. In der Auffahrt vor der Tür stauten sich die Automobile, Daimler, Opel, Porsche und sogar ein unpatriotischer Peugeot, alle auf Hochglanz poliert und keines billiger als zwanzigtausend Mark.

»Schau dir diese Prozession an!«, flüsterte Nora ihrem Mann zu. »Ein Arbeiter braucht gut fünfundzwanzig Jahre, um sich nur ein solches Automobil leisten zu können, und dann hat er noch nicht gegessen, keine Miete bezahlt und auf Kleidung verzichtet.«

Ludwig hörte nicht auf zu lächeln. Er war einen halben Kopf größer als seine Frau, und obwohl er auf die fünfzig zuging, störte keine einzige graue Strähne das vollkommene Dunkelblond seines Haares. Seine Haut wies nur wenige Falten auf, am Hals und den Händen mehr als im Gesicht; sogar die Stirn war erstaunlich glatt. Das energische Kinn erwies sich bei näherem Hinsehen nicht als angeboren, sondern als bewusste Haltung, mit der er einen etwas zu kurz geratenen Unterkiefer auszugleichen suchte, indem er ihn so weit vorschob, bis Ober- und Unterlippe zusammen einen straffen, herrischen Mund ergaben. Für einen Mann seines Alters war seine Figur noch tadellos, abgesehen von einem kleinen Bauch, den aber der maßgeschneiderte Frack samt Seidenweste fast völlig verbarg.

Links von Nora standen die Frischvermählten, Carl-Gustav und Lissy, die jeden Gast mit Namen und stets dem gleichen herzlich wirkenden Lächeln begrüßten, jeden Schwager, Onkel oder Cousin, jede Tante, jeden Enkel und Neffen, und nicht nur die Familienangehörigen, sondern auch deren Verwandte und Freunde sowie sämtliche Honoratioren und Geschäftspartner, einschließlich der geladenen Offiziere, Senatoren und kirchlichen Würdenträger. In der linken Hand hielt sie noch immer die von Nora im Garten gebrochene Rose, die allein durch ihr leichtes Zittern Lissys innere Anspannung verriet. Nora glaubte fast, die zart gefiederten Blättchen und die Blütenstempel leise rascheln zu hören.

Konsul in spe Carl-Gustav Beermann, Erbe einer der größten norddeutschen Reedereien und ein auf weichliche Art gut aussehender, aber leicht zur Fülle neigender Mann, hielt die linke Hand geöffnet auf dem Rücken, als stünde er in Rührt-euch-Stellung auf dem Kasernenhof. Das dünne rötliche Haar trug er straff an den Kopf gekämmt. Seine Augen waren klein, die Lippen schienen sich beim Sprechen kaum zu bewegen, und er brachte es fertig, seine Braut während des halbstündigen Defilees der Gäste nicht ein Mal anzuschauen. Auf Nora erweckte er den Eindruck, als wäre er nur rein technisch am Leben. Aber vielleicht wünschte Lissy sich gar nichts anderes, und es zählte für sie vor allem, dass sein Vermögen das Ludwigs und der meisten anderen hier um einiges übertraf und er somit eine Art König in diesem Walhalla langweiliger Pfeffersäcke war.

»Guten Abend, Herr Doktor … Herr Senator … Herr Pastor.« Wie leicht ihnen die immer gleichen Floskeln von den Lippen gingen. »Danke, dass Sie kommen konnten … die lange Reise auf sich genommen haben … uns die Ehre geben.« Und wie anmutig sie den Kopf neigen konnte. »Bitte, geben Sie dem Mädchen doch Ihren Mantel … tragen Sie sich dort ins Gästebuch ein … lassen Sie ein Foto von sich aufnehmen.«

Ein von Lissys Schwiegervater engagierter Fotograf hatte dicht am Eingang seine Kamera aufgebaut. In der einen Hand hielt er den Magnesiumblitz, in der anderen den Auslöser des klobigen Apparats. Sein Kopf verschwand immer wieder unter einem Tuch hinter der Kamera wie der eines Haubentauchers im Wasser. Nach der Begrüßung durch die Gastgeber bauten sich die Eingetroffenen einzeln, paarweise oder als Gruppe vor dem Hintergrund der Empfangshalle auf, und mit einem Laut, der wie ein unterdrücktes Husten klang, wurde alles in ein weißes Leuchten getaucht.

»Ah, ein Fotograf!«, rief Julius Reitböck, Mitinhaber des Bankhauses Benjamin, Reitböck jun. & Co., der wie die Hendriksens, die Beermanns, die Woermanns und einige andere Gäste Mitglied in der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika war, ihrer aller Steckenpferd. Sein Gesichtsausdruck war so ernst und bedeutungsvoll, als stünde er gerade im Begriff, einen Staatskredit aufzukündigen. »Faszinierende Technik, kaum zu glauben! Die Vorstellung, dass dieses Ereignis für die Ewigkeit festgehalten werden kann, nur mithilfe eines Holzkastens, etwas lichtempfindlichem Papier und Silberoxid - oder so ähnlich. Es soll jetzt sogar Apparate geben, die ganze Bewegungsabläufe fixieren - man nennt das >filmen< -, und es funktioniert!«

Er beugte sich über Noras Hand, klopfte Carl-Gustav Beermann auf die Schulter und steuerte dann umgehend den Platz vor der Kameralinse an, wo er sich gerade mit einer Hand über die linke Schläfe strich, als der Blitz des Fotografen ihn einfror. »Faszinierend«, bemerkte er noch einmal. Er nahm ein Glas von einem vorbeischwebenden Tablett und stürzte sich damit in das Gedränge jenseits der Schwelle zum Salon.

»Kommerzienrat Rotkötter und Gemahlin«, murmelte Noras Mann, mehr zu sich selbst als für ihre Ohren bestimmt. An der Brust des Kommerzienrats prangten mehrere Orden mit und ohne Band. Er sah aus wie ein Botschafter, der seinen Antrittsbesuch bei Hof absolvierte, in einem der kleineren, exotischen Königreiche auf der anderen Seite der Welt: etwas neugierig und gleichzeitig auf der Hut. Seine Frau, drei Jahre älter als er und ganz unpassend in schwarzer und scharlachroter Spitze gekleidet, übertraf seine Miene noch. Trotz eines Lächelns auf den stark geschminkten Lippen wirkte sie, als hätte sie beschlossen, den Rest ihrer Tage in abgrundtiefer Verbitterung zu verbringen.

»Korvettenkapitän Rasmussen«, sagte Noras Mann leise. »Börsenpräsident Peterson … Pastor Brügge … Frau Springer mit den Zwillingen Annegret und Annalena.«

Noras Finger schmerzten, und sie dachte, dass sie nicht eine Hand mehr schütteln könnte. Sie sehnte sich nach einem Schluck Champagner. Es gelang ihr nur schwer, ihre Enttäuschung zu verbergen. Sie hatte so sehr gehofft, dass Lissys Hochzeit anders werden würde, mehr als nur eine Wiederholung ihrer eigenen, die eher eine Aktionärsversammlung gewesen war als ein ausgelassenes Fest. Nur von der Terrasse klang Gelächter herüber, wo die jüngeren Gäste im Schein der Lampions die Abendluft genossen. Als das Orchester eine Pause einlegte, erkannte Nora die Stimme ihrer Cousine Marieluise und den Bariton von Ludwigs jüngerem Bruder Sebastian.

»Du meine Güte, wer hat denn diesen Tagedieb eingeladen?«, raunte Ludwig ihr ins Ohr.

Ihr Blick flog durch die Halle, bis er auf Rainer Maria Offergelt fiel - »ihren Dichter«, wie Lissy ihn herablassend genannt hatte. Er lehnte am Geländer der Treppe, in der Hand eine brennende Zigarette, obwohl die Etikette Tabakgenuss nur in der Bibliothek gestattete. Er trug einen schwarzen Frack, ein weißes Hemd unter einer schwarzen Samtweste und schwarze Reithosen, die in glänzenden schwarzen Stiefeln steckten. Eine breite schwarze Halsbinde verbarg den hohen Kragen. Sein Gesicht war blass, scharf geschnitten und wurde umrahmt von langen, schwarzen Haaren. In den braunen Augen von ungewöhnlicher Klarheit stand der abwesende, ferne Blick eines gefangenen Wildtiers, eines Leoparden vielleicht, der sich nach einer langen Reise in einem kleinen Käfig vor einem gaffenden Publikum wiederfindet.

Nora winkte ihm mit der linken Hand unauffällig zu. Wie stolz er sich gibt, dachte sie, stolz und romantisch und unwiderstehlich, und was heißt hier überhaupt mein Dichter? Er schrieb ihr Briefe voll offener Verehrung, durchtränkt von versteckter Leidenschaft. Er widmete ihr Gedichte, deren bleiches Feuer sie erregte, aber sie antwortete nur unregelmäßig und ermutigte ihn zu nichts, denn sie wusste, dass ihm bereits viele Frauen zu Füßen lagen. Dennoch hatte sie ihn auf die Gästeliste gesetzt und gebeten, zur Hochzeit ihrer Schwester etwas vorzutragen; Lissy konnte eine Prise Leidenschaft vertragen.

Jetzt, als er Noras Winken bemerkte, veränderte sich seine Miene. Die Kühle wich, und ein schüchternes Lächeln trat auf seine Lippen. Auf einmal hatte seine abweisende Haltung nichts Stolzes mehr, sondern verriet nur noch rührende Einsamkeit. Seine Augen verloren ihren fernen, kalten Ausdruck, und sein Gesicht nahm Farbe an, die all die scharfen Linien miteinander verschmolz, bis es weich wirkte wie das eines Kindes oder eines Liebenden. Er lächelte ihr zu. Einen Moment später wandte er sich ab und schien im nächsten Magnesiumblitz des Fotografen verschwunden.

»Willst du nicht in der Küche nachschauen, wie weit das Essen gediehen ist?«, fragte Ludwig leise.

»Unbedingt will ich das«, antwortete Nora ebenso leise. »Womöglich ist es schon zu weit gediehen oder noch nicht weit genug, und dann muss ich ihm ja Beine machen, nicht wahr?«

Kein Funken Humor, dachte sie, wie alle Bankiers. Sie ließ ihre Schwester und die beiden Männer stehen und wandte sich der Küche zu. Als sie dort eintraf, hielt sie ein Champagnerglas in der Hand, das sie unterwegs ergattert und bereits zur Hälfte geleert hatte. Ihre Wangen glühten. Sie war Alkohol nicht gewöhnt; selbst von einem Löffel Hustensaft wurde sie betrunken. Aber schließlich fiel auch der Champagner in ihre Verantwortung, und sie musste prüfen, wie weit er gediehen war.

Sie stieß die Schwingtür zur Küche auf, und die Hitze, die ihr entgegenschlug, raubte ihr fast den Atem. Die Luft war schwer von würzigen Gerüchen. Die Köchin scheuchte ihre fünf Gehilfen zwischen Suppen, Kartoffeln und Gemüse in brodelnden Töpfen hin und her, die Serviermädchen hantierten mit Stapeln von Geschirr auf der Anrichte, und der Weinkellner entkorkte eine Champagnerflasche nach der anderen. Das Wildschwein, das Carl-Gustav selbst geschossen hatte, lag auf dem Ofenblech, wo der Koch es mit Bratensoße übergoss. Glänzend rann die heiße Flüssigkeit über die nackten, braun geschmorten Flanken des Keilers, dessen Augen im Widerschein des Herdfeuers glommen, als wäre er noch am Leben.

Niemand nahm Notiz von Nora, alles schien bestens gediehen und weiter zu gedeihen. Sie lächelte vor Vergnügen beim Anblick all dieser Geschäftigkeit, die ihrer nicht bedurfte. Sie leerte ihr Glas und stellte es neben der Tür auf einem Tisch zu anderen benutzten Gläsern, bevor sie die Schwingtür mit dem Rücken wieder aufstieß und sich leise zurückzog.

Mit schnellen Schritten ging sie in den überfüllten Salon, vorbei an der Bibliothek, in der die Männer standen und rauchten, und hinaus auf die Terrasse, ohne mit jemandem ein Wort zu wechseln. Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Die Luft roch nach feuchtem Laub und schwach nach Salz. Die Lampions an der Pergola schaukelten leicht in einer frischen Brise, die von der Elbe heraufwehte. Nora stellte fest, dass sie niemanden suchte und eigentlich auch mit niemandem reden wollte, obwohl es auf der Veranda von fabelhaft aussehenden jungen Männern im maßgeschneiderten Frack nur so wimmelte, ganz zu schweigen von den unerhört schönen Frauen in extravaganten Ballkleidern, alle fröhlich, alle geistvoll, alle kultiviert und alle ungeheuer reich.

Nora trat an die Steinbalustrade und sah hinab in den von flackernden Windlichtern belebten Garten. Sie schloss die Augen, hielt ihre erhitzte Stirn in den kühlen Wind. Sie achtete nicht auf das Stimmengewirr, das Gelächter und die Orchesterklänge aus dem Salon, sondern lauschte dem Rauschen der Blätter in den Baumkronen. Es klang, als atmete die Erde im Schlaf.

Auf einmal spürte Nora, dass sie beobachtet wurde. Es war ein leichtes Brennen in ihrem Nacken wie von einem kleinen Pflaster, das nicht halten wollte. Sie blickte sich um, und dort stand Rainer Offergelt, beleuchtet von der Gaslaterne an der Hauswand. Er hielt zwei Gläser in der Hand, trank aber nur aus einem. Sein Haar bewegte sich im Wind. Eine kaum gezähmte Wildheit lag in seinen Augen, die sie so unverwandt anstarrten, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob er vielleicht verrückt war. Einen Herzschlag lang dachte sie, dass man sich vor ihm fürchten könnte. Doch dann bewegte er sich, und das Licht fiel aus einem anderen Winkel auf sein Gesicht. Nun wirkte es nur noch ernst, außerordentlich ernst und anziehend, ohne dass er eine Miene verzogen hätte. Vor dem düsteren Grün des Efeus schien es von innen heraus zu leuchten.

Er trat auf sie zu, blieb bei ihr stehen und reichte ihr das Glas, aus dem er noch nicht getrunken hatte. Sie setzte es an die Lippen, nahm diesmal aber nur einen kleinen Schluck. Er sagte: »Sie haben auf meinen letzten Brief nicht geantwortet.«

»Das ist so mit den letzten Briefen«, sagte sie. »Sie bleiben ohne Antwort.«

»Sie haben ihn aber gelesen?«

Nora deutete ein Nicken an.

»Ich habe Ihnen geschrieben, dass ich Sie liebe«, sagte er.

»Sie denken nur, dass Sie es tun«, antwortete Nora, »und nicht einmal das schickt sich!« Sie wandte sich wieder dem Garten mit den weißen Windlichtern zu. »Ist der Anblick nicht wunderschön? All diese kleinen Flämmchen - wie ein Sternbild, das vom Himmel gefallen ist, damit wir hier unten nicht vom Kurs abkommen. Haben Sie etwas für meine Schwester vorbereitet, das Sie zum Essen vortragen können?«

Offergelt sagte: »Was sich schickt, ist mir gleichgültig. Wozu ist ein Kurs gut, wenn wir alle Entdeckungen nur denen zu verdanken haben, die von ihm abgewichen sind? Überlassen Sie es den Bankiers und den Krämern, den Kurs zu halten, den der Kompass ihrer Fantasielosigkeit ihnen weist. Es gibt hellere Sternbilder als die am Himmel in unserem Herzen und mehr Himmelsrichtungen als nur vier, in die es fliegen kann. Wenn Sie das nicht wüssten, Nora, wären wir uns nie begegnet, und Sie hätten meine Briefe nicht geöffnet.«

»Das sind doch nur Worte« sagte sie, »alles, was Sie haben, sind Worte.«

»Und Ihr Mann«, entgegnete er, »was hat Ludwig Hendriksen? Die Worte sind wenigstens mein Eigentum, aber der Herr Bankier verleiht Geld, das ihm nicht gehört, an Leute, die keins haben, damit sie ihm dann als Schuldner zurückzahlen müssen, was sie ihm eigentlich gar nicht schuldig sind. Ich bin niemandem etwas schuldig, außer der Schönheit, und ich werde immer reich sein, denn die Liebe, wie alle Schöpfung, beginnt mit dem Wort.«

Nora hatte einen Atemzug lang das Gefühl, als schwankte der Boden unter ihr. Du darfst nicht trinken, ermahnte sie sich. Denk daran, was der Arzt gesagt hat. Mit der freien Hand griff sie nach der Balustrade. »Ich …« Sie unterbrach sich, schüttelte hastig den Kopf. »Ich habe gelegentliche Absenzen«, sagte sie, scheinbar zusammenhanglos. »Winzige Ohnmachtsanfälle, nach denen ich nicht weiß, was ich tue.«

Offergelt schwieg, als müsste er eine überlegte Diagnose stellen. »Haben Sie jemals von Friedrich Nietzsche gehört?«

»Ach ja, Nietzsche«, sagte Nora und trank trotzdem einen Schluck Champagner, einen größeren zur Abwechslung. »Den lesen ja jetzt alle, nicht wahr? Ist er nicht kürzlich gestorben?« Sie drehte sich um und sah zu den Fenstern des Salons und der Bibliothek hinüber. »Ich werde das Orchester bitten, etwas anderes zu spielen«, rief sie. »Immer nur Wagner ist auf Dauer unerträglich, dieses Geschwollene! Vielleicht haben sie Noten von Puccini.«

Sie ließ ihr Glas auf der Balustrade stehen. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick durch das Fenster zur Bibliothek. Vor dem Kamin standen Ludwig und ein gutes Dutzend anderer Männer im angeregten Gespräch, als wären sie bei einer Konferenz im Vorstandszimmer und nicht bei einer Hochzeitsfeier.

»Sehen Sie nur, da stehen sie wie Pinguine und palavern«, sagte Offergelt. »Wollen Sie wirklich in dieser Gesellschaft Ihr Leben verbringen? Fräcke und Uniformen, furchtbar steif, furchtbar wichtig, niemand wird jemals laut, nur ein Kopfnicken, eine kleine Handbewegung. Und bestimmt reden sie darüber, dass es Krieg geben wird, mit England oder schon wieder mit Frankreich, und überlegen, wie viel sich für jeden daran verdienen lässt. Kommen Sie mit!«

»Was haben Sie vor?«

»Arma virumque cano«, sagte Offergelt. »Ich singe von Männern und Waffen - und Geld. Vergil hat nur ein Wort vergessen, aber wenn Sie mitkommen, werden Sie es da drin hören können, ohne Unterlass.«

»Unsinn! Ich kenne niemanden, der so friedliebend ist wie Ludwig.«

»Als Ihr Mann vielleicht, aber nicht als Bankier«, erwiderte Offergelt. »Wenn es seinen Interessen nutzt, treibt er in Friedenszeiten eine Firma in den Bankrott, und im Krieg gibt er das Geld für die Kanonen, die eine Stadt in Schutt und Asche legen. Wirtschaft ist Wettbewerb, und die äußerste Form des Wettbewerbs ist Krieg, und wie bei jedem Wettbewerb gibt es Sieger und Verlierer. Die Bankiers und die Kanonenhersteller sind nie die Verlierer, nicht in Deutschland, nicht in England, nicht in Frankreich. Wissen Sie, wer der Verlierer ist? Der Arbeiter, der nach dem Bankrott auf der Straße steht oder nach der Schlacht tot im Schützengraben liegt, und er hat überall dasselbe Gesicht, überall auf der Welt. Wenn Sie mitkommen, beweise ich es Ihnen.«

»Gehen Sie meinetwegen allein!« Nora entzog ihm ihre Hand, und erst jetzt, als sie ihn nicht mehr berührte, merkte sie, wie angenehm ihr der sanfte Druck seiner schlanken Finger gewesen war. Er lächelte bedauernd, dann zuckte er mit den Schultern und wandte sich der Verandatür zu. Sie sah ihm nach, wie er sich durch eine Gruppe lachender junger Männer drängte. Eigentlich wollte ich ihn doch stehen lassen, dachte sie; ich gestatte ihm nicht, mich einfach so stehen zu lassen.

Sie folgte ihm und bemerkte gerade noch, wie er mit der rechten Schulter das Gemälde streifte, hinter dem sie den Brief an Lissy versteckt hatte. Das Bild schaukelte sacht. Der Brief rutschte hervor und fiel zu Boden. Nora wollte ihn aufheben, aber im selben Moment trug ein Windstoß von der Terrasse ihn ein Stück in den Salon hinein, wo er zwischen den Füßen der Gäste liegen blieb. Eine Hand griff nach dem zusammengefalteten Papier und entfaltete es.

Plötzlich stand Lissy neben Nora. Sie hielt noch immer die Rose, die inzwischen ganz aufgegangen war. Schon als Kind hatte Lissy nichts, was ihr gefiel, freiwillig wieder losgelassen, oft einen ganzen Tag lang nicht. »Ist das Essen nicht bald fertig?«, fragte sie. »Carl-Gustav hat schrecklichen Hunger.«

»Es muss jeden Moment so weit sein«, sagte Nora. »Worüber reden sie denn da in der Bibliothek?«

»Über Russland«, antwortete Lissy geistesabwesend, »und Japan. Und Zar Nikolaus.« Sie seufzte. »Herr Oppenheim wollte wissen, ob es nach unserer Meinung mit der Herrschaft des Zaren zu Ende geht, wenn es zwischen Russland und Japan zum Krieg kommt, und Carl-Gustav meinte, über den Krieg würde er sich alle Fälle noch retten können, aber für die Zeit danach sähe es düster aus.«

»Nach unserer Meinung?«, wiederholte Nora. »Seit wann hast du denn eine Meinung zu politischen Fragen?«

Lissy runzelte die Stirn. »Carl-Gustav sagt, wenn England und Frankreich noch enger zusammenrücken, sieht es auch für uns düster aus. Er sagt, die Briten rücken uns überall mächtig auf die Pelle, bauen neue Kriegsschiffe, verstärken ihre Truppen in den Kolonien. Er macht sich Sorgen um seine Investitionen in Deutsch-Südwest, genau wie Ludwig übrigens auch. Die Portugiesen und die Briten scheinen uns da in die Klammer zu nehmen, und wenn wir die nationalen Interessen in Afrika schützen wollen, müssen wir unsere Schutztruppen ebenfalls aufstocken.«

»Du lieber Gott, da hat wohl jemand den Kleiderschrank aufgemacht, und die ganzen Patrioten sind herausgeflattert«, sagte Nora so laut, dass man es in der Bibliothek hören konnte. Alle anwesenden Männer starrten sie an, nur Ludwig blickte peinlich berührt zu Boden. Sein Blick blieb an ihren Ballschuhen hängen, den Grasflecken auf dem altrosa Satin. Als sie sein Gesicht sah, musste sie lachen. Da hob er den Kopf und sagte etwas verloren:

»Wegen dieses Lachens habe ich sie geheiratet, und das sind die Schuhe, die sie bei unserer Hochzeit anhatte.«

Nora dachte, dass sie ihm dafür gern einen Kuss gegeben hätte, aber ehe sie zu ihm gehen konnte, hörte sie Gelächter hinter sich.

»Dein Herz«, las eine laute Männerstimme vor, »gib immer gut acht auf dein Herz …«

Es dauerte eine Sekunde, bis Nora die Worte wiedererkannte. Der Brief, dachte sie; jemand liest den verflixten Brief vor!

» … vergiss nie, was für ein Wunder es ist, was es alles aushält: Liebe, Schmerz, Freude, Angst …«

Sie wollte in den Salon laufen, zu dem taktlosen Vorleser, und ihm den Brief aus der Hand reißen. Aber sie blieb stehen, behielt sogar noch eine Zeit lang ihr Lächeln bei, ohne es zu merken.

»So viel setzt ihm zu«, fuhr die Männerstimme fort, »aber es gibt nicht auf, es schlägt und hält durch, von der allerersten Stunde an, Tage, Wochen, Monate, Jahre. Es ist so tapfer wie nur irgendwas, und es schlägt immer weiter, sogar wenn jemand es einfach wegwirft oder mit Füßen tritt. Dann liegt es da, unbeachtet, allein, vielleicht sogar im Regen, aber es hütet noch immer alle Erinnerungen an Leid und Freude und sogar die Liebe - einfach, weil es nicht anders kann.«

Manchmal, las Nora in Gedanken weiter, manchmal stelle ich mir vor, dass ich all die achtlos weggeworfenen Herzen aufhebe und abwische und dann in einer von Ludwigs Zigarrenkisten vergrabe, jedes für sich, damit es wieder einen Platz hat, an dem es sich ausruhen kann. Und weil es dein Herz ist und weil du meine kleine, kleine Schwester bist, will ich, dass es niemals bitter wird, niemals anders als voller Liebe …

Sie lief aus der Bibliothek hinaus auf die inzwischen fast leere Terrasse. Die Zigarrenkiste war nur ein Bild, dachte sie, es ist mir einfach so eingefallen. Aber es war nicht gut, das erkannte sie jetzt, sie hätte es anders ausdrücken müssen, den ganzen Brief, sie hätte sich mehr Mühe geben, sorgfältiger formulieren müssen. Es klang ja wie aus der Feder einer Geistesgestörten. Kein Wunder, dass Lissy sie nicht verstanden hatte! Nora spürte, wie ihr die Hitze von den Wangen bis in die Stirn stieg. Tränen des Zorns brannten in ihren Augen. Sie trat an die Steinbalustrade und sah hinab auf die Windlichter im Garten und dachte: Außerdem musst du deine Fantasie im Zaum halten. Aber dann dachte sie: Warum eigentlich?

Im Haus erklang der Messinggong zum Beginn des Diners.

3

Es hatte Nora schon immer beeindruckt, mit welchem Gleichmut Lissy sich in ihr Schicksal fügte, nur um es sich dann so auszuschmücken, als wäre es selbst gewählt. Nora dagegen protestierte, begehrte auf, sie wehrte sich mit aller Kraft, kämpfte bis zuletzt, ehe sie sich schließlich unterwarf, aber nie für lange.

Jetzt saß Lissy wie selbstverständlich an der Seite eines ihr noch fremden Ehemannes dort, wo das Brautpaar über das Hochzeitsbankett präsidierte. Von den dunkel getäfelten Wänden blickten aus Ebenholzrahmen die Vorfahren einer fremden Familie auf ihre Gäste herab, die an den vier langen Tischen Platz gefunden hatten.

Tischtücher aus rosa Atlas bedeckten die Tafeln, darüber gebreitet lagen vier elfenbeinfarbene Burano-Spitzen-Decken, und auf jeder standen zwei mächtige Schalen aus Murano-Glas, gefüllt mit üppigen Rosengebinden in Gelb, Rot und Rosa. Silberne Kerzenleuchter wechselten sich mit Kristallkaraffen und Fingerschalen ab. Silbernes Besteck, frisch poliert, teilte den Abglanz der Kerzen mit dem Geschirr aus Meißener und Nymphenburger Porzellan.

Hinter den englischen Fenstern zum Garten bewegten sich die Bäume heftig im weiter auffrischenden Wind. Einer der Diener mühte sich auf der Terrasse, die erloschenen Lampions und Windlichter wieder anzuzünden. Morgen werden wir Sturm haben, dachte Nora geistesabwesend. Sie gab der Haushälterin das Zeichen, mit dem Servieren zu beginnen.

Als die Diener aufzutragen begannen, gesellte sich zu dem Aroma der Weine der Duft von Krevettensalat in Avocadohälften, Spargelcremesuppe, gebratenem Wildschwein, dampfenden Rosmarinkartoffeln, schweren Soßen und gedünstetem oder gekochtem Gemüse, von zartesten haricots verts, knackigen petits pois, winzigen Karöttchen und saftigem Brokkoli. Die Gespräche verstummten erwartungsvoll, sodass vorübergehend nur das Orchester im Salon zu hören war, Boccherini oder Pachelbel, akzentuiert vom leisen Klirren der abgestellten Teller und Schalen oder eines voreilig ergriffenen Löffels.

Nora saß zwischen ihrem Mann und ihrer Schwester. Ludwig roch nach Zigarrenrauch und einem oder mehreren heimlich genossenen Gläsern Cognac. An ihrer Tafel hatten alle Platz genommen, die dem Brautpaar oder den Gastgebern nahestanden, Freunde, wichtige Geschäftspartner. Nora gegenüber, jenseits der ein wenig blendenden Kerzen, schwebten die Gesichter von Theodor und Irene Hendriksen, Ludwigs Eltern, beide schon leicht gerötet. Sie plauderten angeregt mit ihren Nachbarn, den Woermanns, Reeder wie Carl-Gustavs Vater. Offergelt saß am vierten Tisch dicht bei den Flügeltüren zum Salon.

Lissy strafte Nora mit Nichtachtung. Sie war fröhlich, lebhaft, sogar überraschend beredt, aber ihre Aufmerksamkeit galt ausschließlich ihrem Mann und den Gegenübersitzenden. Begierig fragte sie nach Neuigkeiten über anwesende und nicht anwesende Vettern, Cousinen oder Schulkameraden, als gäbe es an diesem Tag nichts, das sie mehr interessierte, und immer - egal, was jemand ihr zur Antwort gab - rief sie: »Pas possible!«, als hätte sie sich tatsächlich gerade diese Auskunft nie und nimmer vorstellen können. »Ihr wollt euch über mich lustig machen!«, verkündete sie mehrmals lachend oder: »Ist das denn die Möglichkeit! Hast du das gehört, Carl-Gustav?«

Im Kerzenlicht besaß sie auf einmal sogar einen verhalten sinnlichen Reiz, den Nora noch nie an ihr bemerkt hatte. Diese Sinnlichkeit jedoch galt nicht Carl-Gustav, sondern allein den auf Tellern und Schalen vor ihr gehäuften Speisen, zu denen ihr Kopf sich neigte wie der Kelch einer Blume zur Sonne. Denn trotz allem war ihr Blick rein und jungfräulich, fast transparent in seiner Melancholie, die Lust eher zu fürchten als zu kennen schien.

Auf einmal empfand Nora Mitleid mit ihrer Schwester. Vielleicht redete sie nur deshalb so viel, damit niemand sie fragen konnte, wie sie sich fühlte,- um sich abzulenken von den Gedanken daran, was sie heute Nacht und in all den folgenden Nächten erwarten mochte.

Die Musiker gingen nun zur Champagner-Arie über. Jemand sagte: »Die Italiener komponieren doch die schönsten Opern. Schade, dass Verdi gestorben ist«, und jemand anderer sagte: »Aber Puccini soll demnächst Premiere mit einer neuen Oper haben, Madame Butterfly heißt sie, glaube ich.« Und wieder jemand anderer sagte: »Also mir geben Opern überhaupt nichts, nicht einmal Richard Wagner. Sie sind so hysterisch, es fehlt ihnen alles Frische.« Und jemand sagte: »Wo findet man denn überhaupt noch Frische in der Kunst?« Und jemand anderer sagte: »Wenn Sie heute ein Gemälde von Liebermann für zehntausend Mark kaufen, können Sie es in zwanzig Jahren für das Fünffache verkaufen.« Und wieder jemand anderer sagte: »Ludwig hat einen Böcklin in seinem Arbeitszimmer. Der hat sich im Wert schon verdoppelt, seit er tot ist.« Und jemand sagte: »Wo findet man denn heute überhaupt noch wirkliche Dichter?« Und jemand sagte: »Das einzige Buch, mit dem ich was anfangen kann, ist mein Auftragsbuch.« Und jemand anderer sagte: »Vielleicht kann ich Ihnen nächstens Mal ein paar Aufträge zuschanzen.« Und Nora dachte, dass sie das jetzt nicht mehr hören konnte, nicht an dem Tag, an dem ihre Schwester geheiratet hatte.

Etwas in ihr zog sich zurück, schmolz zusammen zu einem kleinen Punkt. Sie war zwar noch da und vernahm, was um sie herum geredet wurde, aber es war nur außerhalb ihrer Welt des kleinen Punktes. Jemand sagte: »Ein paar Aufträge können wir alle gut gebrauchen. Die Woermann-Linie ist eine der wenigen Firmen, für die sich Bismarcks Engagement in Afrika bisher gelohnt hat.« Und jemand sagte: »Wenn die Rohstoffe erst erschlossen sind, schwimmen wir im Profit, Kupfer in rauen Mengen, riesige Diamantenvorkommen …« Und jemand sagte: »Wenn wir so weitermachen, gehören wir auch bald zum Club der zweitklassigen Mächte und lassen uns von den Vereinigten Staaten auf der Nase herumtanzen.« Und jemand sagte: »Deswegen ist Deutsch-Südwest ja so wichtig.« Und jemand sagte: »Wenn es nur nicht so ein elend großes Stück Land wäre!« Und jemand sagte: »Das ist doch alles nur karger Boden. Wer will den überhaupt haben?« Und jemand sagte: »Zum Teufel, die Briten haben Transvaal einfach annektiert und zur Kronkolonie erklärt!« Und jemand sagte: »In dem Punkt können wir noch einiges von den Belgiern im Kongo lernen.« Und jemand sagte: »Das ist noch gar nichts, oder, Nora?«, und Nora lächelte, als hätte sie die ganze Zeit aufmerksam zugehört und stimmte mit allem überein, was gesagt worden war.

Sie stellte fest, dass alle schon beim Kaffee waren, genau wie sie selbst, ohne dass sie es bemerkt hatte. Aber niemand beobachtete sie besorgt, auch Ludwig nicht; deswegen hatte sie wohl alles gegessen, wie es sich gehörte, und auch sonst keinen Schaden angerichtet. Sie wandte sich ihrer Schwester zu und sagte: »Ich habe noch ein Hochzeitsgeschenk für dich, Lissy.«

Rainer Maria Offergelt stand auf und durchquerte den Raum. Er ging langsam und hielt sich sehr gerade. Seine Augen schienen wieder in die Ferne gerichtet zu sein, auf einen Ort, wo er unbehelligt blieb von den anderen Gästen und ihrem Stimmengewirr. Vor dem Tisch des Brautpaars blieb er stehen. Schweigend verharrte er, bis alle Gespräche verstummt waren und die Augen sämtlicher Anwesenden auf ihm ruhten. Lissy betrachtete ihn erwartungsvoll. Sie hatte ihren Schleier abgenommen, und ihr Haar sah aus wie ein halb fertiges Vogelnest. Die Spitzen der blonden Locken waren dunkel von Schweiß.

So leise, dass seine Stimme anfangs kaum hörbar war, sagte Offergelt: »In Wien, im Prater, gibt es ein Riesenrad, mit Glühbirnen verziert, das kleine Gondeln trägt. Wenn es sich dreht und wenn man in den Gondeln sitzt, wird man hinaufgehoben in den Himmel und schaut von oben auf die Stadt, die Brücken über die Donau, die Menschen. Aber nicht jeder hat den Mut, die Gondeln zu besteigen. Manche bleiben nur vor dem Rad stehen, legen den Kopf in den Nacken und schauen zu, wie sie auf und nieder schweben, und nach einiger Zeit verschwimmt alles im Dämmerlicht, und nur die Glühbirnen schlagen vor dem Nachthimmel ihr buntes Rad, wie ein elektrischer Pfau.«

Er sah das Brautpaar an, erst Lissy und dann Carl-Gustav. »Elisabeth und Carl-Gustav Beermann - könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, an dem die Gondel euch aufnahm? Wie sie eure Herzen hoch über allen anderen schlagen ließ, ganz unerwartet? Vielleicht war es nicht gleich Rausch oder Leidenschaft, was ihr gefühlt habt, aber doch: Alles war anders … Und je mehr ihr gesehen habt, desto mehr war euch, als erlebtet ihr zum ersten Mal etwas, von dem ihr vorher immer bloß geträumt hattet. Die Liebe. Mit neuen Augen habt ihr auf das Leben geblickt: diese Freude, diese tiefen Empfindungen, allein in einer Gondel über der Welt mit einem Gesicht, dessen Anblick die Glühbirnen sämtlicher Rummelplätze verblassen ließ.«

Carl-Gustav runzelte die Stirn. Lissy schien verwirrt.

»Denn«, fuhr Offergelt schnell fort, »alles kann Liebe: zürnen und zagen, leiden und wagen, demütig werben, töten, verderben, alles kann Liebe. Alles kann Liebe: lachend entbehren, weinend gewähren, heißes Verlangen, nähren in bangen, in einsamen Tagen - alles kann Liebe -, nur nicht entsagen! Ihr seid der Liebe begegnet, und sie hat euch verändert, an diesem einen strahlenden Tag.«

Der Dichter drehte sich um, fasste die anderen Tische ins Auge. »Es ist nur ein Tag, an dem alles in Bewegung scheint, auf dem Weg zueinander, an dem die Luft erfüllt ist von Licht, das man berühren kann, und all dieses Licht wird zu einem Gesicht. Es ist das Gesicht, dem wir uns anvertrauen wollen, mit unseren innersten Geheimnissen. Weißt du, möchten wir sagen, dass ich früher oft nachts im Bett lag, reglos, still, lauschend, wie ein Kind mit großen Augen, und nichts anderes tat, als an dich zu denken, ohne dich zu kennen? Und seit du den ersten Kuss auf meine Lippen gehaucht hast, habe ich nicht aufgehört, an dich zu denken, weil ich dich nun kannte.«

Nora spürte, wie etwas in ihrem Gaumen zu pulsieren begann, als säße dort ein zweites, schneller schlagendes Herz. Bisher hatte sie Offergelts Zeilen immer nur überflogen; sie hatten ihr gefallen, sie aber nicht berührt. Erst jetzt, da sie ihn reden hörte, begannen seine Worte in der Erinnerung zu atmen, überzog die Bedingungslosigkeit in seiner Stimme sie mit geheimnisvollem Leuchten. Für mich, dachte sie und spürte, wie sie rot wurde, das alles sagt er für mich - Lissy hat diese Worte nicht verdient; sie wird sie nicht verstehen.

Ein Räuspern erklang, gefolgt von einem Hüsteln. Lissy suchte den Blick ihres Mannes, der sie verlegen anlächelte.

»Die Welt«, jetzt senkte der Dichter seine Stimme, bis sie ganz leise war, »die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht - tief ist ihr Weh, Lust tiefer noch als Herzeleid - Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit - will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Die Gäste saßen erstarrt auf ihren Stühlen. Niemand sagte etwas. Es war so still, dass Nora ihre Schwester neben sich atmen hören konnte. Lissys Finger schienen miteinander zu ringen, ihre Knöchel knackten leise. Offergelt ging mit langsamen Schritten zu seinem Tisch zurück.

Nora fühlte sich wie in einem merkwürdigen Traum, als wäre sie durch ein Wunder eins mit einem anderen Menschen geworden. Oder genauer, als wäre ein anderer eins mit ihr geworden, um danach wieder aus ihr hervorzutreten und das auszusprechen, was sie fühlte. Telepathie, dachte sie benommen, voller Dankbarkeit und Glück.

Sie sprang auf und lief um den Tisch herum; mit großen Schritten lief sie vorbei an den anderen Gästen, die ihr mit sprachlosem Staunen nachsahen, und fiel Offergelt stürmisch um den Hals. »Danke«, rief sie, »danke, danke!«

Überrascht geriet Offergelt ins Taumeln, stieß gegen einen Stuhl und verlor das Gleichgewicht. Er fiel, und Nora fiel mit ihm. Ihr Ohr war dicht an seinem Hals, als er mit dem Genick auf die Stuhllehne prallte. Ihren eigenen Sturz fing sie mit beiden Händen ab, bevor sie mit ihrem ganzen Körper auf ihm landete. Aber auch so, nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, sah sie, wie alles Blut aus seiner Haut wich.

Sie hörte Ludwig ihren Namen rufen, dann andere Stimmen, die nach einem Arzt verlangten. »Was ist denn mit ihm?«, fragte jemand. Alle erwachten aus ihrer Erstarrung, redeten durcheinander, standen auf, um besser sehen zu können. Nora spürte, wie sie aufgehoben wurde, während ein Mann, ihr Hausarzt, sich über Offergelt beugte, ein Augenlid hochzog und den Ausdruck der verdrehten Pupillen darunter prüfte. Sie konnte den Blick nicht von dem reglos daliegenden Dichter lösen.

»Komm, Nora«, sagte Ludwig, der jetzt bei ihr war und sie am Oberarm durch das Spalier der Gäste führte. Mit ernsten Mienen blickten sie ihr ins Gesicht wie einem Kind, das eine Untat begangen hatte.

»Ist er tot?«, fragte sie leise.

4

Afrika, Ende Dezember 1904

Es waren dieselben beiden Soldaten, die vor ihrem Zimmer gestanden hatten, und jetzt saßen sie ihr gegenüber auf einer Holzkiste in einem Güterwaggon der Südbahn von Lüderitz nach Keetmanshoop. Sie waren noch immer jung und respektvoll, aber ihre Uniformen hatten längst keine Bügelfalten mehr, und der rote Staub klebte außer an ihren Stiefeln auch an allem anderen, besonders an den Schlössern ihrer Gewehre und Pistolen, dort, wo sie regelmäßig geölt wurden.

Die Anweisung lautete, mit dem Zug zu fahren, bis die Schienen aufhörten, und danach die Überführung der Nora Hendriksen zu Pferd fortzusetzen. Es klang ernst, dachte sie, die Überführung der Nora Hendriksen, ernst und den Umständen entsprechend.

Die Tür des Waggons stand offen, damit sie frische Luft bekamen, denn es war ein heißer Tag. Nora roch den Ruß im Rauch der Dampflokomotive, der am Zug entlang nach hinten trieb. In den Kurven konnte sie die anderen Wagen sehen, auf denen die Wohnbuden des Bautrupps von einem Lager zum nächsten transportiert wurden. Die Buden waren aus Holz und hatten schräge Dächer, und ihre Bewohner, weiße Schienenarbeiter, kauerten auf der Ladefläche des ersten Wagens gleich hinter dem Kohlentender. Die Waggons schwankten und knarrten, und wenn ein Gefälle kam, schrammten die Kuppeleisen quietschend gegeneinander. Neben den Gleisen tauchten Telegrafendrähte von Mast zu Mast.

Einer der beiden jungen, respektvollen Soldaten war eingeschlafen. Er lehnte mit dem Rücken an der Bretterwand des Waggons, und sein Kopf ruckelte jedes Mal hin und her, wenn die Eisenräder über die Schienenstöße ratterten. Sein breitkrempiger Uniformhut stand über der Stirn etwas hoch. Sein Gesicht war gerötet, und sein Hals glänzte, und unter den Achseln seines braunen Hemdes zeichneten sich große dunkle Flecken ab. Sein Gewehr lag neben der Werkzeugkiste auf dem Boden. Der andere Soldat betrachtete die Landschaft, die vor der offenen Tür vorbeizog.

Eine Zeit lang betrachtete auch Nora die Landschaft, aber die flachen Hügel boten wenig Abwechslung, nur trockene Erde und verdorrtes Gras und manchmal ein verkrüppelter Baum, umgeben von dürrem Gestrüpp. Die Luft zitterte unter dem Gewicht der Sonne. Manchmal zog ein Vogel träge Kreise am blassen Himmel, so langsam, dass es aussah, als stünde er ohne einen einzigen Flügelschlag auf einem unsichtbaren Ast. Bei seinem Anblick musste Nora an die Geier denken, die sie nach der Schlacht am Waterberg bei den Toten und den Sterbenden gesehen hatte, wie sie flatternd von einem Kadaver zum nächsten gehüpft waren und sich gegenseitig mit blutigen Schnäbeln die Nahrung streitig gemacht hatten.

»Wissen Sie, warum Sie mich nach Windhuk bringen sollen?«, fragte Nora den Soldaten, der die Landschaft betrachtete. »Warum der Gouverneur mein Erscheinen angeordnet hat?«

Der Soldat antwortete nicht. Er war respektvoll, aber er wäre lieber woanders gewesen, mit einer anderen Aufgabe betraut. Trotzdem sah er sie an, während sie mit ihm sprach.

»Was hat man Ihnen gesagt?«, fragte Nora. »Was haben Sie gehört? Man redet doch bestimmt über mich.«

»Ich habe nichts gehört«, sagte der Soldat. »Wir haben nur den Befehl erhalten, Sie zum Gouverneur zu bringen.«

»Und niemand hat Ihnen gesagt, weswegen?«

Der Soldat schwieg wieder.

»Glauben Sie, dass ich es getan habe?«

Der Soldat blickte wie zuvor hinaus auf die Landschaft unter dem flirrenden Licht. »Sie sehen müde aus, Frau Hendriksen. Sie sollten versuchen, etwas zu schlafen.«

Ja, dachte Nora, das sollte ich wahrscheinlich. Ich sollte mich an die Bretterwand lehnen wie der junge Soldat da und schlafen. Wenn ich es nur könnte! Wenn er gesehen hätte, was ich gesehen habe, könnte er genauso wenig schlafen; wenn er am Waterberg dabei gewesen wäre.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie den Soldaten, der die Landschaft betrachtete.

»Mein Name würde Ihnen nichts nützen.« Diesmal sah er sie nicht an, während sie mit ihm redete.

Sie sagte: »Sie haben recht, Hans. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie Hans nenne?«

Er antwortete nicht.

»Waren Sie am Waterberg dabei, Hans?«, fragte sie.

»Ich heiße Günther«, sagte er. »Ich bin erst seit drei Wochen in Südwest.«

»Ich war dabei«, sagte sie. »Ich war dabei, Günther.«

Als er weiter auf die vorbeiziehenden Hügel im Nachmittagslicht starrte, lehnte sie sich gegen den großen, nach Schmieröl stinkenden Kasten hinter sich und schloss die Augen. Es kam ihr vor, als hätte sie seit Heiligabend nicht mehr geschlafen, seit der kalten Nacht vor drei Tagen, in der sie zu Balthasar auf die Insel gegangen war. Sie schloss die Augen, und sie sah sich wieder über den Damm gehen; sie sah den schmalen, unbefestigten Weg in der Dunkelheit und den Nebel und die Brandung unter sich, die gegen die Felsen schlug. Dann sah sie Balthasar, das, was von ihm übrig war, und sie sah seine ausgestreckte Hand und ihre und das Tuch, in das sie das Messer gewickelt hatte.

»Günther, kann ich einen Schluck Wasser haben, bitte?«

Der Soldat griff nach der Feldflasche an seinem Gürtel, löste den Riemen, mit dem sie befestigt war, und goss etwas Wasser in einen Becher, den er aus seinem Gepäck holte. »Wie war es?«, fragte er. Seine geröteten Augen wirkten unschuldig. »Am Waterberg, wie war es da?« Nora trank das warme Wasser und behielt es eine Weile im Mund, bevor sie es hinunterschluckte. Sie wusste, dass sie nicht mehr aufhören würde zu erzählen, wenn sie erst einmal anfing, und dass sie es auch nur noch ein Mal ertragen konnte, darüber zu sprechen, und dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war und der junge Soldat nicht der richtige Zuhörer. Als sie den Becher wieder an die Lippen setzte, ging ein Ruck durch den Waggon. Etwas von dem Wasser spritzte auf ihre Schuhe, wo es sofort von dem Staub und dem Satin darunter aufgesogen wurde. Nach all der Zeit in diesem Land waren ihr keine anderen Schuhe mehr geblieben als diese halb zerrissenen Ballschuhe aus altrosa Satin.

»Es war mein Messer«, sagte sie. »Aber ich habe ihn nicht getötet.«

5

Deutsches Reich, 1902

Am Morgen nach Lissys Hochzeit frühstückte Nora allein in ihrem Zimmer. Ihre Schwester war abgereist, ohne sich verabschiedet zu haben,- inzwischen musste sie schon auf dem Weg nach Deauville sein, in die Flitterwochen. Die Diener räumten das Erdgeschoss auf. Ludwig hatte hinterlassen, dass er sie am Nachmittag nach seiner Rückkehr aus der Bank zu sprechen wünsche. Es hatte zu regnen angefangen, Wassertropfen prasselten gegen die Scheiben, und die Bäume im Garten wurden von Böen geschüttelt.

Nora hatte kaum geschlafen in der Nacht, und ihr Herz schlug unsinnig schnell. Während unten die Gäste aufgebrochen waren, hatte sie im Bett gelegen und die Fäuste gegen die Augen gepresst und für Offergelt gebetet, darum, dass er nicht starb, und darum, dass ihre Schwester ihr verzeihen möge, nicht sofort vielleicht, aber irgendwann. Sie konnte die Worte des Dichters nicht vergessen,- sie schwebten wie Blütenstaub auf sie nieder, leicht und süß. Nora dachte an sein Gesicht, sagte lautlos seinen Namen. Sie spürte, wie ihr Körper schwach wurde, obwohl sie es nicht wollte. Ich habe schon wieder jemanden verletzt, dachte sie.

Gegen Abend ging sie in Ludwigs Arbeitszimmer, wie manchmal, um auf ihn zu warten. Sie verbrachte viel Zeit damit, auf ihren Mann zu warten, und wenn er abends heimkehrte, erstattete sie ihm ausführlich Bericht über ihren Tagesablauf, während er schweigend aß. Sie wusste, dass er sie gern reden hörte,- es war der Klang ihrer Stimme. Da sie meistens nicht viel erlebt hatte, schweifte sie ab, verlor sich in Gedankengängen - Irrwege, wie er fand, auf denen er ihr nicht gern folgte, weil sie ihm voller Fallstricke schienen. In letzter Zeit erreichte ihn aber auch der Klang ihrer Stimme nicht mehr. Die Worte verloren sich, bevor sie bei ihm ankamen, stiegen zum Plafond auf oder fielen zu Boden. Wahrscheinlich hingen sie in den Vorhängen oder waren in die Teppiche gesickert. Bis gestern war ihr das nicht deutlich geworden, aber jetzt dachte sie: Es gibt im Leben mehr als Sorglosigkeit; weiterleben ist nicht leben.

Ludwigs Arbeitszimmer war groß, aber dunkel - Möbel aus Mahagoni, tannengrüne Brücken mit hellbraunen Fransen, weinrot die Polsterung der Damastsessel. Es gab einen rußgeschwärzten Kamin aus schieferfarbenem Marmor, in dem ein Feuer brannte. Auf dem Kaminsims stand die Bronzefigur eines Springpferdes, ein Erbstück, genau wie die Gewehre in der Bibliothek, aus denen Ludwig selbst noch nie auch nur einen Schuss abgefeuert hatte. Vor den regennassen Fenstern hingen schwere Samtvolants, in denen sich kalter Zigarrenrauch lange hielt. Gelbe Tapeten - Pompeigelb, hatte Ludwigs Mutter den Farbton genannt - bedeckten die Wände bis hinauf zu den dunkel gebeizten Eichenbalken an der hohen Decke, und das wuchtig gerahmte Gemälde über dem Kamin war außer dem Bronzepferd der einzige Schmuck im Raum, aber natürlich auch eine Wertanlage.

Nora hielt den Atem an, wie immer, wenn sie das Bild betrachtete.

Es zeigte eine Insel aus schroffen, kahlen Felsen, in deren Umklammerung sich hohe Pinien zusammendrängten. Die Wipfel der Bäume ragten in einen stürmischen Himmel. Gewitterwolken zogen auf und verschlangen das letzte Licht. Ein schwarzer Kahn näherte sich über das wie geduckt daliegende Wasser der Steinmauer, die der düsteren Insel Schutz vor der Flut bieten sollte. Eine schlanke, weiß vermummte Gestalt war der einzige Passagier, winzig klein vor dem Felsgestade. Sie stand - das Gesicht der Insel zugewandt - neben einem Sarg unter einer weißen Decke. Sie und der Sarg würden noch licht sein, wenn aus dem Himmel längst alle Helligkeit geweht war und der schwarze Fährmann den Kahn an der Mauer festgemacht hatte, um den Sarg dort abzuladen, wo schon all die anderen Toten ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten.

Nora mochte Sturm, und kahle, schroffe Landschaften lagen ihr. Aber es gab noch einen anderen Grund, aus dem das Gemälde sie so tief berührte, dass sie unwillkürlich den Atem anhalten musste. Es war wie eine unbewusste Ahnung ihres eigenen Schicksals in diesem Bild, bedrohlich und vertraut zugleich.

»In den nächsten Stunden entscheidet sich, ob Offergelt durchkommt. Das Genick … und irgendeine Blutung im Gehirn, vielleicht … sie wissen es noch nicht genau«, sagte ihr Mann. »Seine Familie hat einen Anwalt beauftragt, der mit meinen Anwälten Kontakt aufnehmen wird. Ich werde jemand nach Birkenhain schicken, der dir Bescheid gibt.«

Sie stand vor dem Bild und hatte die Zeit vergessen. Ihr war nicht einmal aufgefallen, dass er das Zimmer betreten und sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt hatte. Doch da saß er jetzt und sah genau so aus, wie ein Privatbankier, der seiner leichtlebigen Frau ins Gewissen zu reden hatte, aussehen musste. Nur ein Federstrich mehr oder weniger an Haltung, Miene oder äußerer Erscheinung, und das Bild wäre eine Karikatur geworden. Anfangs hatte Nora oft mit angehaltenem Atem darauf gewartet, dass die Vorstellung endete, damit sie seiner meisterhaften Darbietung applaudieren konnte, aber es gab kein Ende, und die Vorstellung ging weiter und weiter.

Darüber hinaus besaß Ludwig Hendriksen einige Eigenschaften, die sie immer zu schätzen gewusst hatte: untadelige Manieren, Charakterfestigkeit und Ernsthaftigkeit. Er nahm das Leben nicht auf die leichte Schulter wie viele andere, die ihr Vermögen geerbt hatten. Es war ein riesiges Vermögen und dabei so alt, dass niemand genau sagen konnte - oder wollte -, woher es eigentlich stammte, aus den Schatullen der Kirche, Landschenkungen früher Könige oder Störtebekers Raubzügen. Über die Jahrhunderte war es stets geschickt angelegt, umgeschichtet und verwaltet worden, in Kunstwerke, Immobilien, Fabriken, Weinberge, fremde Städte.

Vor fünf Jahren, kurz nach ihrer Heirat, hatte Ludwig die Leitung der Bank übernommen und in der Tradition seiner Vorfahren fortgeführt. Er wusste, wann von ihm unbestechliche Entschlusskraft verlangt wurde, aber auch, wann er mit Nachgiebigkeit eher ans Ziel gelangte. Sein Denken gehorchte den Prinzipien der Logik, sein Verstand war klar und durchaus flexibel, wenn auch manchmal nicht allzu schnell. Alles in allem war er Nora jedoch fremd geblieben, besonders seine Zärtlichkeiten, die er so knapp bemaß, als müsste er sie in kleiner Münze von einem Konto abheben, das dann entsprechend weniger Zinsen abwarf.

Er sagte: »Ich beabsichtige, dich für einige Wochen nach Birkenhain zu schicken. Mein Chauffeur wird dich zum Bahnhof fahren, sobald du deinen Koffer gepackt hast.« Die zusammengepressten Lippen über dem entschlossenen Kinn verbaten sich jeden Widerspruch. Vor ihm, auf der ledergefassten Schreibunterlage, bemerkte Nora einen zusammengefalteten Bogen Papier, vielleicht ein Brief.

»Warum muss ich fort?«, fragte sie. »Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, und Rainer wird bald wieder gesund. Ich kann ihn im Krankenhaus besuchen. Bestimmt wird er nicht auf dem Anwalt bestehen …«

Sie sah, wie sich etwas in seinen Augen veränderte, als sie Rainer sagte. »Natürlich«, bestätigte er, und so wie er es betonte, wusste sie, dass es ein Urteil bedeutete, ein kleines, aber immer wieder verkündetes Verdikt, dessen Gewicht von Mal zu Mal zunahm. »Ich habe diesen Brief von ihm gefunden. Soll ich ihn dir vorlesen?«

Nora sagte nichts. Sie fragte auch nicht, wo er den Brief gefunden hatte, weil es seit gestern keine Rolle mehr spielte.

Ludwig räusperte sich und fasste mit Daumen und Zeigefinger seine Brille am Rand des rechten Glases an, um sie zurechtzurücken. »Du«, las er vor, »erinnerst du dich an die Zärtlichkeit der Sterne - gestern - und den Samt der Nacht, der sich für uns teilte wie die schwarzen Flammen eines ewig uns verzehrenden Feuers? Verbrannt hat es mich, versengt vielleicht nur dich - alles schmolz in unseren Herzen zu roter Glut. Wir müssen unter weiten Himmeln gehen, hinaus aus unserem Puppenhaus …« Ludwig sah auf. »Soll ich weiterlesen?«

Nora schüttelte den Kopf. »Er ist ein Kind«, sagte sie. »Es hat nichts zu bedeuten. Der Brief ist alt, du siehst ja, ich habe ihn nicht versteckt. Wir waren spazieren, danach bin ich nach Hause gekommen.« Sie hatte das merkwürdige Gefühl, als verlangsamte sich die Zeit, als sähe sie alles überdeutlich, jede von Ludwigs Bewegungen; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig. Es war keine ihrer Absenzen, keine sich anbahnende Ohnmacht, sondern die Erkenntnis, dass es an diesem Abend zu einer Entscheidung kommen würde.

»Es gibt eine Grenze«, sagte Ludwig und ließ den Brief sinken, »und jenseits dieser Grenze hat alles etwas zu bedeuten. Ich weiß nicht, ob du dich in irgendeine Schwärmerei hineingesteigert hast, aber er ist ganz gewiss in dich verliebt, auf seine verantwortungslose Weise. Er gefällt sich darin, glänzt in seinen Posen, dabei ist es nur Messing, kein Gold. Du weißt, was Tolstoi über Turgenjew gesagt hat - er komme ihm vor wie ein Springbrunnen mit importiertem Wasser: Man fürchte dauernd, er könne jeden Augenblick versiegen.« Zu allem anderen war Ludwig auch noch belesen. »Naja, falls er jetzt sterben sollte, wäre das Zitat vielleicht nicht allzu glücklich gewählt. So oder so, er ist ein Faun, und ich kann es mir nicht leisten, dass Gerüchte über dich die Runde machen. Gesellschaftlich lässt sich dein Verhalten nicht mehr tolerieren.«

»Nein«, sagte sie, »natürlich nicht.« Die Entscheidung trat klarer und klarer zutage, und sie schien alles zu verändern, sogar das Zimmer. Das Bild an der Wand über dem Kamin wirkte wie ein zusätzliches Fenster, und der schwache Widerschein des Feuers verlieh dem Bronzepferd einen lebendigen Ausdruck. Die brennenden Scheite erweckten nicht mehr den Eindruck von Behaglichkeit, sie waren einfach Holz, das brannte und zu Asche zerfiel. Der Regen schlug heftiger gegen die Fensterscheibe. Ich muss nicht mehr auf ihn warten, dachte Nora; nicht alle Ehen sind für die Ewigkeit.

»Wie kommt es, dass ich immer tun muss, was du willst?«, fragte sie.

»Deswegen hast du mich geheiratet«, erklärte er. »Damit du keine eigenen Entscheidungen treffen musst. Ich nehme sie dir ab.«

»Und wenn ich plötzlich darauf bestünde, nur zu tun, was ich will?«

Ludwig seufzte. »Dazu bist du zu jung, dein Wesen ist noch nicht gefestigt genug. Wir leben in unruhigen Zeiten, in denen ein Mann eine Frau von tadellosem Lebenswandel braucht, auf die er sich verlassen kann und die seine Position in der Gesellschaft stärkt, statt sie zu schwächen. Wir schreiben 1902, Nora, nicht irgendeine ferne Zukunft deiner Fantasie. Deutschland ist ein Kaiserreich, und ich bin nur ein Privatbankier, der abhängig ist vom Wohlwollen seiner Kunden. Ist dir klar, dass ich meinen ganzen Einfluss in die Waagschale werfen musste, damit die Polizei keine Akte von dir anlegt?«

Nora legte ihre Hand auf den Rücken der Pferdestatuette. Sie konnte die Muskeln unter der Bronze spüren, fast als bewegten sie sich, und ein Pochen war in ihren Fingerspitzen wie von einem leise schlagenden Herzen, das in der Bronze gefangen war, das tapfere Herz eines lebendigen Tieres, im Sprung gespannte Sehnen und all die Energie in dem festen, erstarrten Körper. Sie konnte verstehen, wie es in dem Pferd aussah, das auf dem Kaminsims gefangen gehalten wurde und das laufen und springen wollte.

Sie drehte sich um und sah Ludwig an, wie er dasaß, ernst und gerade im diesigen Nachmittagslicht vor dem bleiverglasten Fenster. »Warum bietest du nicht lieber deinen ganzen Einfluss auf, um zu verhindern, dass die Polizei unsere Versammlungen sprengt und uns behandelt wie Schwerverbrecher?«, fragte sie. »Wir kämpfen doch nur dafür, dass Frauen wählen dürfen, nicht gegen die Gesellschaft oder die Regierung.«

»Eins führt zum anderen«, sagte Ludwig. Er schüttelte den Kopf, sanften Tadel in der Stimme, wie so oft, wenn er mit ihr sprach. »Du empfindest alles so tief, dass du nie begreifen wirst, wie die Menschen einfach so dahinleben können, als existierten all das Leid und Unglück, die Ungerechtigkeit in der Welt nicht. Deswegen liebe ich dich ja. Aber das macht dich empfänglich für die Parolen von Fanatikern und Umstürzlern, und die haben ihre politische Heimat nun mal nicht bei uns, sondern bei den Sozialdemokraten oder im Zentrum.«

»Bei uns«, sagte Nora, »in den erlesenen, vornehmen Kreisen, wo Zahlen alles gelten und Gefühle nichts. Wo das Schrecklichste an einem Menschen der falsche Stallgeruch ist und das Schönste an einer Mozart-Sinfonie die Köchelverzeichnisnummer. Die erlesene Gesellschaft, nur aus der obersten Schublade, die crème de la crème, so wie die Familien Beermann und Hendriksen. Die Kronjuwelen. Erfüllt von der unermesslichen Weisheit derer, die da Geld wechseln in den Tempeln des Herrn.«

Ludwig schwieg; er mochte keine Ironie, außer ihm selbst war danach. Endlich fragte er leise: »Warum hast du mich überhaupt geheiratet? War ich eins der Herzen, die du aufgehoben hast, um es in einer Zigarrenkiste zu vergraben?«

Nora ging an seinem Schreibtisch vorbei zum Fenster. Sie schob den Vorhang zur Seite. Die Scheibe war beschlagen, und durch das milchige Glas ahnte sie die Kronen der Bäume in der einbrechenden Dämmerung, gepeitscht vom Sturm. Mit einer Hand wischte sie ein Loch frei, um hinauszusehen auf die letzten Farben des Tages hinter den Regenschleiern.

»Ich bin die Tochter eines Garnisonsarztes«, sagte sie. »Ich habe gelernt zu gehorchen.« Und jetzt verlerne ich es wieder, dachte sie. »Papa wollte mich versorgt wissen, nach Mutters Tod, nach dem Pensionat, als er merkte, dass er nicht mehr lange leben würde. Entweder ein Offizier oder ein Kaufmann, ganz auf Nummer sicher. Habt ihr euch denn nicht von Mann zu Mann unterhalten, als du um meine Hand angehalten hast?« Im Grunde mochte sie auch keine Ironie. »Du warst ernsthaft, das hat mir gefallen.«

»Dann müsstest du eigentlich verstehen, dass ich mir Sorgen mache«, sagte Ludwig. Er verdrehte den Kopf, um ihr Gesicht sehen zu können. Seine Brillengläser spiegelten das Fenster, sogar den Regen. »Wenn du die Zeitungen lesen würdest, wüsstest du, dass wir uns mitten in einer Wirtschaftskrise befinden. Niemand weiß, ob sie noch lange anhält, ob sie schlimmer wird oder ob ein Ende in Sicht ist. Die Reichsbank hat den Diskontsatz zwar zum ersten Mal seit drei Jahren wieder um ein halbes Prozent angehoben, die Bank von England auch, aber die französische Notenbank hat ihn gleich gelassen, und die russische Staatsbank und die österreichisch-ungarische Bank haben ihn sogar weiter gesenkt.« Er hielt inne. »Entschuldige, mit Diskontsatz bezeichnet man …«

»Ich lese Zeitungen«, unterbrach Nora ihn, »und der Diskontsatz beeinflusst die Geldmenge, die der Wirtschaft zur Verfügung steht. Die Reichsbank gewährt euch einen Diskontkredit, und wenn der durch die Erhöhung des Zinssatzes teurer wird, vergebt ihr auch entsprechend weniger Kredite an eure Kunden. Wenn die Wirtschaft angekurbelt werden soll, wird er im Allgemeinen gesenkt, damit die Leute sich mehr Geld leihen, um es auszugeben.«

»Du erstaunst mich immer wieder«, sagte Ludwig. Er sah nach wie vor zu ihr auf, das alternde Gesicht dem Fenster zugewandt, um die Augen kleine Fältchen, die sie am liebsten mit den Fingerspitzen geglättet hätte, weil sie ihn auf einmal verletzlich aussehen ließen. Sorge dich nicht so viel, wollte sie zu ihm sagen. Aber sie wusste, dass sie sich täuschte. Wenn sie ihn berührte, würde seine Haut kalt sein, und jemand, der hinter so einem Gesicht lebte, nahm keine Hilfe an.

»Du hast nie wirklich versucht, mich kennenzulernen«, sagte sie. »Du denkst, Frauen interessieren sich nicht für eure Geschäfte oder für Wirtschaft oder Politik, und das stimmt in den meisten Fällen auch. Aber wenn wir mitgestalten wollen, das Land, das öffentliche Leben, dann müssen wir wissen, wie die Räder hinter den Kulissen funktionieren.«

Wir dürfen euch das Feld nicht überlassen, dachte sie, nicht an der Wahlurne und nicht in der Bürgerschaft, und deswegen müssen wir schnell lernen. Sie sagte: »Ich habe dir ja oft genug zugehört, wenn du in der Bibliothek doziert hast. Unser Anteil am Weltaußenhandel ist geschrumpft; wir liegen immer weiter hinter den Briten zurück; wenn wir nicht aufpassen, schnappen die Amerikaner uns das gesamte Erdölgeschäft weg; mit seiner Marktmacht kann Standard Oil die Preise praktisch nach eigenem Gutdünken gestalten; und Rockefellers deutsche Tochtergesellschaften tun alles, um zu verhindern, dass wir uns auch ein Stück vom Kuchen abschneiden.«

Ludwigs Miene schwankte zwischen Ablehnung und Stolz, und sie wusste, es war besser, wenn sie nicht weitersprach, obwohl sie ihn in Gedanken längst überholt hatte. Sie war diesem Moment voraus, dem Ludwig in seiner Schwerfälligkeit hinterherhinkte. Sie wusste, was möglich war und was man tun konnte. Fast fieberte ihr bei der Vorstellung, wie sie Geschäfte gemacht hätte in diesen Zeiten, in denen das Geld nur so auf der Straße lag, seit Jahren schon. Sie dachte, dass er niemals nachkommen würde; er hatte keinen Mut, blieb immer wieder stehen, um abzuwägen. Dabei brauchte man bloß die Hand auszustrecken und zuzugreifen, vor allem, seitdem in Berlin das Flottengesetz verabschiedet worden war. Sie hatte zugehört und immer mehr verstanden, und je mehr sie verstand, desto weniger kompliziert schien es ihr, das alles, was die Welt antrieb, die geheimnisvoll fließenden Geldströme, die Wirtschaftskonstellationen, das Geflecht aus Macht, Kontrolle und Abhängigkeiten, in dem man sich verheddern, das man aber auch mitspinnen konnte. Sie verstand es, doch es war nicht das, was sie interessierte.

»Na, dann weißt du ja ungefähr, wovon ich rede«, sagte Ludwig und führte weiter aus, was sie längst wusste. »Hendriksen & Co. ist zwar bei der Konzession zum Bau der Bagdadbahn im Orient nicht mit im Boot, aber über unsere Anteile an der Darmstädter Bank und dem Wiener Bankverein gehören wir wenigstens indirekt zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Petroleum Aktiengesellschaft. Allerdings nur, wenn nicht der geringste Makel auf unser Unternehmen fällt. Die Deutsche Bank ist da äußerst penibel.«

Und mit Makel meinst du mich, dachte Nora. Sie wollte heraus aus ihrem Bronzekörper,- sie wollte ihre Muskeln spüren, laufen und springen und ihr Leben nicht mehr in den Schachteln verbringen, in die sie gesteckt worden war, um zu warten, bis man ihr eine andere Schachtel zuwies. Selbst wenn die Schachteln Zimmer waren, Esszimmer, Salon, Bibliothek, Schlafzimmer, in die sie scheinbar aus eigenem Willen ging oder die sie verließ, weil sie es so wollte, zwang man sie doch nur, darin zu warten, bis ihr Mann heimkehrte, bis ihr Wesen sich gefestigt hatte, bis ihr Leben vorbei war, bis sie keinen Makel mehr darstellte.

Ich glaube, ich habe keine Lust mehr zu warten.

»In Sachsen streiken die Textilarbeiterinnen«, Ludwig nahm Offergelts Brief wieder zur Hand, ohne ihn noch einmal anzuschauen, »aufgehetzt von ihrer Gewerkschaft, hinter der natürlich die Sozialdemokraten stehen - Gott weiß, warum heutzutage niemand mehr ein Gewissen hat. In der ganzen Stadt gewinnt die Arbeiterbewegung an Zulauf, und Frauen wie du reden den Arbeitern auch noch zu, die Bürgerrechte zu erwerben. Das alles meinte ich, als ich sagte, dass wir in unruhigen Zeiten leben.« Er riss den Brief entzwei und ließ die Hälften in einen seidenbespannten Papierkorb neben dem Schreibtisch fallen.

»Und wenn es Krieg gibt, wie alle immerzu sagen?« Nora malte ein Kreuz in die Nässe auf der kalten Fensterscheibe. »Das ist doch immer noch die beste Möglichkeit, eine Wirtschaftskrise zu beenden.«

Ludwig runzelte die Stirn und ignorierte ihren Spott. »Es wird keinen Krieg geben, jedenfalls nicht so bald. Aber im Gegensatz zu dem, was ein gewisser Herr Lenin und vermutlich auch dein junger Verehrer sagen, wird der Krieg keineswegs nur auf dem Rücken der armen Leute geführt, damit die Reichen immer reicher werden. Er bedeutet Steuererhöhungen, und zwar für alle, Güter werden konfisziert, Eigentum wird vernichtet oder geplündert et cetera et cetera

Er wirkte aufrichtig bekümmert über das, wozu Menschen in Kriegszeiten fähig waren. Er hatte sich nie verändert; er war immer noch so ernsthaft und ohne alle Begeisterung für irgendetwas. Nora sah ihn an und empfand keine Feindseligkeit, eher Mitleid - mit ihm und allen anderen Menschen, die so waren wie er, dazu verurteilt, in den Ecken ihres Lebens zu sitzen und geschäftig Netz um Netz zu knüpfen und wieder zu knüpfen, ohne Neugier auf die anderen Ecken und Winkel und ohne Interesse an den Millionen anderer Ecken und Räume jenseits ihrer Netze, in denen sie am Ende nur sich selbst gefangen hielten.

»Hast du mich gefangen?«, fragte sie.

»Wie bitte?«

»Als du mich geheiratet hast - bin ich dir da vorgekommen wie eine Beute? Du hast mich einmal Schmetterling genannt, weißt du noch? Ich habe dir vorhin nicht die ganze Wahrheit gesagt. Es war nicht nur deine Ernsthaftigkeit und schon gar nicht dein Geld. Ich habe dich auch respektiert. Hast du mich je respektiert - oder geliebt?«

»Natürlich«, sagte Ludwig. »Ich liebe dich auch jetzt noch. Allerdings ist die Liebe und vor allem die Ehe für mich keine Rummelplatzveranstaltung mit Riesenrädern, Gondeln und womöglich noch Zuckerwatte wie für deinen Dichter.«

So will ich aber geliebt werden, dachte sie, wenigstens ein Mal. »Du hast deine Arbeit, die Bank, deine Angestellten, deine Geschäftsfreunde in der Kolonialgesellschaft, und ich …«

»Du bist undankbar«, sagte Ludwig. »Sind dir das Haus und der Garten nicht genug? Außerdem trägst du meinen Namen, du bist eine Hendriksen.«

»Und was erwartest du dafür, außer dass ich den Namen makellos trage?«, fragte Nora heftiger als beabsichtigt. Sie hatte wieder angefangen, die beschlagene Scheibe frei zu reiben, aber jetzt quietschte die Nässe unter der Fingerkuppe. »Soll ich nachts in Dankbarkeit wach liegen und ihn vor mich hin sagen, damit ich nicht vergesse, wer ich bin und wer mich dazu gemacht hat?«

Sie sagte nicht, dass es so war, dass sie wirklich manchmal nachts mit offenen Augen auf dem Rücken lag und ihren Namen flüsterte - Nora, Nora, Nora -, weil sie Angst hatte, sich selbst zu vergessen.

»Siehst du, du streitest schon wieder mit mir!« Abrupt schaltete Ludwig die Messinglampe mit dem grünen Glasschirm auf seinem Schreibtisch an, denn es war inzwischen dunkel geworden, und das Feuer im Kamin brannte herab. »Du weißt nie, wann es genug ist. Immer überziehst du deine Konten, aber auch meine Liebe ist nicht unbeschränkt belastbar. Du fährst nach Birkenhain, bis sich die ganze Aufregung gelegt hat, das steht fest. Dort kannst du kein Unheil anrichten und frei von Ablenkungen wieder zu Sinnen kommen. Auch deinen Absenzen wird die Landluft gut tun. Du weißt, was der Arzt gesagt hat - wenn wir nicht achtgeben, können sie zur Epilepsie führen.«

Seine Brillengläser blinkten im Schein der Lampe, als er seine Aktenmappe vom Boden neben dem Sessel aufhob und einige Papiere herausholte. Nora hatte ein Gefühl, als erwachte sie aus einer Narkose; da waren eine leichte Übelkeit und das Wissen, dass ihr einige Stunden aus ihrem Leben genommen worden waren, unwiederbringlich. Nur dass es sich um fünf Jahre handelte, an die sie sich erinnern konnte, sodass sie immer wissen würde, wie wenig sie in dieser Zeit erhalten hatte. Sie ging zur Tür, kehrte aber noch einmal um. Vor dem Schreibtisch blieb sie stehen. »Werde ich dir fehlen?«

»Natürlich«, sagte er, ohne den Kopf von den Papieren zu heben.

Sie merkte, wie ihr nun doch die Tränen in die Augen stiegen, gegen die sie sich die ganze Zeit erfolgreich gewehrt hatte. »Ludwig, könntest du mich bitte in den Arm nehmen, nur ganz kurz?«

Er sagte nichts, legte das oberste Blatt beiseite und studierte das darunterliegende.

»Bitte, Ludwig. Du bist doch nicht nur mein Mann, sondern auch ein Mensch, oder nicht?«

Jetzt hob er doch den Kopf und sah sie an, ohne sich zu rühren. Mit seinem Gesicht unerbittlicher Verlässlichkeit, an der es ihr so mangelte. Dann stand er bedächtig auf, um hinter dem Schreibtisch hervorzutreten. Aber da hatte sie es sich schon anders überlegt und verließ das Arbeitszimmer, ehe er sie berühren konnte. Keine Zigarrenkiste für dieses Herz, dachte sie.

6

Zum ersten Mal in diesem Jahr roch die Luft nach Winter, und Raureif bedeckte die Schwelle des Haupthauses. Es war noch dunkel, als Nora ins Freie trat, aber über dem Boden lag schon ein perlgrauer Schleier, dem bald die Morgendämmerung folgen würde. Sie spürte die Kälte in den Augen und beim Atmen bis auf die Zunge. Jonah, der Irische Setter, den sie mit hinausgenommen hatte, setzte in großen Sprüngen über den Hof, lief zum Brunnen und kehrte hechelnd wieder zurück. Es herrschte vollkommene Stille, sogar in den Ställen, nicht mal das Rascheln von Stroh oder ein Hufscharren waren zu hören, und es ging auch kein Wind.

Nora hängte sich den Lederriemen der Bockflinte über eine Schulter, schob die Hände in die Jackentaschen und ging los. Der Hund folgte ihr, überholte sie und schnürte dann vorneweg,- er blieb nur in Abständen stehen, um zu schauen, ob sie nachkam. Sie konnte seine Augen glänzen sehen, zwei kleine warme Kohlen in einem Schatten über dem Gras, das unter ihren Stiefeln raschelte. Sie ging schnell, während um sie herum der Tag anbrach und der Erde Konturen gab. Außer der gefütterten Jacke - schwer von den Patronen, die sie eingesteckt hatte - und den Stiefeln trug sie noch Bundhosen, eine Leinenbluse, eine Weste und einen Schal, aber keine Mütze. Der Riemen der Flinte drückte auf ihre rechte Schulter.

Der Himmel hob sich, abgefedert von dünnem Nebel, und sie ging durch den Nebel und ein Stück an dem schmalen Kanal entlang. Der Horizont wurde weiter, wechselte seine Farbe von Grau über Malvenrot zu einem rostigen Blau, und die Birken, die dem Landgut der Hendriksens ihren Namen gegeben hatten, regten sich im ersten Wind. Über ihren weißen Stämmen schien der Morgenhimmel fast violett. Hinter sich hörte Nora einen Hahn krähen, wenig später einen zweiten. Es klang, als wollte er ihr Mut machen oder sie anfeuern, und sie musste lächeln.

Ich habe es gut, dachte sie. Seit der Verwalter sie vor einer Woche mit dem Zweispänner am Bahnhof abgeholt hatte, war es ihr jeden Tag besser gegangen, und heute Morgen ging es ihr gut. Gestern Abend hatte sie erfahren, dass Rainer außer Gefahr war - Stauchungen und Prellungen, ein angebrochener Nackenwirbel, aber keine bleibenden Schäden; vielleicht fühlte sie sich deswegen so wohl.

Unter den ersten Sonnenstrahlen verwandelte sich der Raureif an den Grashalmen und im Heidekraut zu Tau. Es dauerte nicht lange, bis der Hund Witterung aufgenommen hatte. Nun ungeduldig, spürte er einer Fährte mit gesenktem Kopf nach, und Nora folgte ihm tiefer in den kleinen Wald jenseits des Flusses. Ein Rehbock wäre gut, dachte sie, oder ein paar Fasanen.

Im Wald war es noch dunkler als auf der Heide, Dampf stieg aus der Erde, schlängelte sich durch Venushaar und trieb zwischen den Stämmen ...

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