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Willst du mit mir gehn

  1. JUNI 2003
  2. GUTEN TAG
  3. NOVEMBER 1977
  4. 1978 NANI AN NENA
  5. EIN JAHR FRÜHER
  6. EIN PAAR STUNDEN SPÄTER
  7. ABENDS
  8. NÄCHSTER TAG
  9. DAS GELBE SCHLAUCHBOOT
  10. ABENDS
  11. ABENDESSEN
  12. EINE LIEBESGESCHICHTE
  13. „SUMMS“
  14. AUGUST 2002
  15. BRECKERFELD UND WIE MEIN LEBEN SO ANFING
  16. LIEBE ANGST
  17. SEPTEMBER 2002
  18. PHILIPP
  19. 13. SEPTEMBER 2002
  20. ZEITSPRUNG
  21. USCHI
  22. NANE
  23. GESCHWISTER
  24. ALFONS
  25. FRITZ, DER SKIFAHRER
  26. FRÜHER WAR ALLES ANDERS
  27. UNBESCHWERT SEIN
  28. SCHULD UND SÜHNE
  29. WER ANDERN EINE GRUBE GRÄBT
  30. DEZEMBER 2002
  31. HENDRIK
  32. JUNI 2003
  33. LARISSA UND MARIE
  34. JANUAR 2003
  35. EINE REISE
  36. LEHRJAHRE SIND KEINE HERREN-JAHRE
  37. HOME SWEET HOME
  38. FEBRUAR 2003
  39. MONTRAMÉ
  40. LINDENBLÜTENKUSSGESPENST
  41. NORDSEE, DAS ERSTE MAL
  42. NORDSEE, EIN PAAR MONATE SPÄTER
  43. NÄCHSTER MORGEN
  44. APRIL 2003, KONZERT IN DER HAMBURGER COLOR-LINE-ARENA
  45. MAI 2003
  46. BENEDICT
  47. CHRISTOPHER
  48. NANE
  49. BENNI
  50. DAS LEBEN GING WEITER
  51. LARISSA UND SAKIAS
  52. SPUREN IM SAND
  53. SCHMITTI
  54. GUNTHER
  55. JUNI 2003, BEI NENA UND PHIL IM GARTEN
  56. PHIL KAM IN MEIN LEBEN UND ICH IN SEINS
  57. SAMUEL
  58. NEUE STADT
  59. SIMEON
  60. NEW YORK
  61. LICHTER
  62. JULI 2003
  63. AUGUST 2003
  64. NOVEMBER 2003
  65. DEZEMBER 2003, KONZERT IN DER KÖLNARENA
  66. EIN ANDERER FALL
  67. JANUAR 2004
  68. NORDSEE
  69. EINATMEN - AUSATMEN
  70. 2003, JETZT IST FRÜHER VORBEI
  71. ALTER
  72. COMPUTER
  73. DEUTSCHLAND
  74. EIFERSUCHT
  75. ERNÄHRUNG
  76. GESUNDHEIT
  77. GNADE
  78. GOTT
  79. HEIMAT
  80. KINDER
  81. LACHEN
  82. LEBEN
  83. LIEBE
  84. MENSCHEN
  85. NÄCHSTENLIEBE
  86. PAN TAU
  87. RABATTMARKN
  88. SINGEN
  89. SCHMERZ
  90. SCHÖNHEIT
  91. SPAGAT
  92. SPORT (BEWEGUNG)
  93. STERBEN
  94. STILLE
  95. UNRASIERT
  96. VITAMINE
  97. WUNDER

»WIR HABEN ABER

NICHT VIEL

GESCHAFFT HEUTE ...!«

»WIESO?

DU HAST MIR DEINE

SEELE GEZEIGT-

UND ICH DIR MEINE ...«

PRÄLUDIUM

EINE

NENA

UND

EINE

CLAUDIA

NENA SCHREIBT IN ORANGE. CLAUDIA SCHREIBT IN LILA.

JUNI 2003

Ich bin immer wieder fasziniert davon, was so alles in ein einziges Leben reinpasst. Wie viele Geschichten, Menschen, Gefühle, Gedanken und Erlebnisse...

Ich habe nie Tagebuch geführt, denn ich war immer überzeugt davon, dass es mich später nicht interessieren wird, was ich am Soundsovielten zu der und der Uhrzeit gemacht, gedacht, gegessen oder gefühlt habe. Und jetzt bin ich dreiundvierzig und will mein Leben aufschreiben? Warum will ich das überhaupt? Bin ich vielleicht doch eine Vergangenheitsbe-welt-tigerin, obwohl ich von mir immer behaupte, meistens in der Gegenwart zu leben?

Drei Gründe sprechen dafür, es zu tun: Erstens erzähle ich gerne Geschichten. Zweitens hat meine neueste Errungenschaft, ein supermoderner kleiner Freund zum Auf- und Zuklappen, einen eingebauten Suchtfaktor, und ich bin schon längst mit ihm verschmolzen... Und drittens gehört das Vergangene genauso zu mir wie all die Dinge, die gerade passieren oder noch passieren werden. Die Gegenwart wird hier natürlich auch immer zu Wort kommen, denn alles passiert im Jetzt... Larissa, Samuel und Simeon sind in der Schule..., mein Hund sitzt neben mir und ahnt genauso wenig wie ich, dass wir beide heute nicht in den Wald gehen, weil mir meine Vergangenheit tatsächlich Spaß macht und ich in zehn Stunden immer noch hier sitze und schreibe.

Phil schläft nebenan, er ist erst um fünf Uhr morgens aus seinem Studio getorkelt. Sakias hustet und ist heute zu Hause geblieben. Er kommt gerade aus seinem Bett und setzt sich zu mir auf den Boden. Wir beide finden, dass heute ein besonderer Tag ist. Und wo passiert das gerade alles? Im Gartenhaus...

GUTEN TAG,

ich heiße Claudia und weiß, wie es in dem Gartenhaus aussieht, in dem Nena gerade sitzt. Es liegt ein bisschen versteckt, von der Straße aus kann man es nicht sehen. Wie ein arabisches Hauszelt steht es mitten in einem nicht gerade großen grünen Garten. Arabisch ist es eigentlich nur von innen, für die äußere Beschreibung passt Hauszelt perfekt. Das Zelt beziehungsweise Häuschen hat insgesamt drei Räume, eine Gesamtwohnfläche von vierzig Quadratmetern und sehr niedrige Decken. Wenn man durch die Tür tritt, steht man in einem winzigen Vorraum, der aber eigentlich gar kein Vorraum mehr ist, weil dort ein drei Meter langer Massivholz-Tisch steht und den gesamten Raum ausfüllt. Es passen gerade noch acht Stühle daran, denn mindestens so viele Menschen essen hier täglich, machen Hausaufgaben, schreiben Geschichten, basteln an Erfindungen oder machen sonst was. Auf dem Tisch liegt immer frisches Obst, verschiedene Sorten Nüsse und jede Menge Gemüse aber davon erzähle ich später noch...

Vom »Tischzimmer«, das gleichzeitig auch Eingangsbereich ist, kommt man ins »WohnSchlafTobeStreitMalusw.«-Zimmer, den größten Raum des »Hauses«: immerhin zwanzig Quadratmeter! Dort steht ein riesiges Holzbett, in dem jede Nacht mindestens vier Menschen schlafen: Phil, Nena, Samuel und Simeon. Manchmal auch noch Sakias oder Larissa... Außer dem Bett gibt es noch ein Sofa, ein Aquarium, eine Kommode, einen kleinen Tisch, eine Stehlampe und einen Kleiderschrank, aber den größten Teil des Mobiliars kann man meistens - je nach Chaosgrad - gar nicht sehen. Wirklich sicher, nicht mit Kleidungsstücken, Spielzeug, Decken oder Heften zugeschüttet zu werden, ist hier nur die selbst gebastelte, zwanzig Meter lange Murmelbahn aus Pappe, die kreuz und quer an den Wänden entlangläuft.

Der dritte Raum ist Schlafzimmer der Teenager und Familienküche zugleich. Die Teenager sind vierzehn Jahre alt und inzwischen größer als ihre Eltern (mit Schuhgröße 41). Diese beiden Riesen, Nenas Zwillinge, haben hier so wenig Platz, dass sie sich in ihrem Zimmer kaum drehen können, sich jeden Morgen Mut machen und hoffen, dass der Spaß bald ein Ende hat. Aber geduldig sind sie alle und haben hier tatsächlich eine gute Zeit miteinander.

Es gibt sogar noch ein Badezimmer mit Waschmaschine und damit alles, was man zum Wohnen braucht. Es ist eben nur klein. Sehr klein! Sie hätten auch eine weitläufige Suite im schönsten Hamburger Hotel beziehen können. Das Angebot stand. Ich war dabei, als es offeriert wurde. Aber sie wollten nicht. Sie wollten lieber hier bleiben. Ein halbes Jahr soll es dauern, bis das eigentliche Wohnhaus vollständig umgebaut und renoviert ist. Bis dahin werden sie hier zusammen wohnen - hier in diesem Häuschen: sechs Menschen mit Hund, Katze und Goldfisch auf vierzig Quadratmetern! Familie Palm-Kerner muss sich sehr gern haben...

Den Tag, von dem Nena oben erzählt, hat sie mir genau beschrieben, weil es der Tag war, an dem sie zum ersten Mal ihren ersten eigenen Computer aufklappte und anfing, Geschichten aus ihrem Leben selbst aufzuschreiben.

MOMENT MAL!!

»...klappte ihren Computer auf???«

Nena???

Einen Computer???

Sie hat mir immer gesagt: »So was brauche ich nicht!« Und dann hat sie sich doch einen gekauft, und seitdem ist ER immer dabei. Das war Liebe auf den ersten Blick. »Die Tasten klappern so modern und fühlen sich beim Tippen so schön weich an«, O-Ton Nena.

An dem Tag, von dem Nena oben erzählt, entdeckt sie ihre Lust am Schreiben - und hört bis tief in die Nacht nicht mehr damit auf. Nena schreibt und schreibt. Und das, was sie um drei Uhr morgens in der ersten Word-Datei ihres Lebens abspeichert, ist folgende Geschichte:

NOVEMBER 1977

Ich tanze mich in die totale Gelassenheit. Nur ab und zu öffne ich meine Augen und werfe einen kurzen Blick in den riesigen Spiegel neben der Tanzfläche meiner Lieblingsdisco.

Meine Haare kleben auf der Stirn, vom Schweiß, aber das ist okay und vielleicht sogar sexy... Soll ich eventuell mal schnell aufs Klo gehen und meinen Kajalstrich nachziehen? Ach nee, jetzt nicht, es ist gerade so schön...

Schnell mach ich die Augen wieder zu und bin so drin im »Psycho Killer« von den Talking Heads, dass ich kaum mitbekomme, was um mich herum geschieht...

Ein bisschen später hole ich mir was zu trinken, stelle mich mit meinem Glas an den Rand der Tanzfläche und beobachte die Leute... Plötzlich tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehe mich um, und einer, den ich nicht kenne, lächelt mich an und sagt: »Hallo, ich heiße Rainer und wollte dich fragen, ob du Lust hast, mit mir eine Band zu gründen?«

Ja, genauso hat er es gesagt, das waren seine Worte, und sie klingeln mir immer noch ab und zu in den Ohren. Er hatte mich beim Tanzen beobachtet und war überzeugt davon, dass ich genau die Richtige war. Nicht eine Sekunde habe ich gezögert und Ja gesagt. Wie eine Braut vorm Traualtar, die sich vollkommen sicher ist.

Ein klares, feierliches Ja.

Dieses Ja war mein Ticket in ein anderes, ein neues Leben, dessen war ich mir voll und ganz bewusst, und ich war wie elektrisiert davon.

Ich gehe nach Hause, lege mich ins Bett und träume mich in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen will ich nicht zur Schule gehen. Wozu denn auch, ich werde ja jetzt Rockstar. Ich bleib also liegen, und meine Mutter hat Gott sei Dank Verständnis dafür.

Der Probenraum ist ziemlich weit weg von zu Hause, und ich sitze eine Weile im Bus. Erst gucke ich auf das Schild, wo draufsteht: »Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen«, und denke, dass es schade ist, wenn Menschen öffentlich aufgefordert werden, nicht miteinander zu reden, und dann gucke ich aus dem Fenster und sehe mir die Stadt ganz genau an, in der ich aufgewachsen bin. Unter den neuen Umständen kann ich es hier gut noch eine Weile aushalten, denke ich, aber nur solange es nötig ist, beziehungsweise nur solange die neuen Umstände auch neu bleiben.

Der Busfahrer reißt mich aus meinen Gedanken, als er die Haltestelle durchsagt, bei der ich aussteigen muss. Damals war das ja noch so...

Rainer macht mir die Tür auf und freut sich ehrlich, dass ich tatsächlich gekommen bin. Ich geh rein und guck mich erst mal um. Die Wände sind mit Eierpappen tapeziert, hinten rechts sehe ich ein Schlagzeugpodest, und in der Mitte des Raums steht ein etwas magerer Gitarrenverstärker verloren in der Gegend rum. »Gemütlich ist es hier nicht gerade«, denke ich, »aber das muss ja wohl so sein... Rock ‘n’ Roll eben.«

»Hier sind zwei Eingänge«, sagt Rainer und zieht mich zu seinem Verstärker. »Einer für meine Gitarre und der andere für dein Mikro.«

»Welches Mikro?«, frage ich mich, »nicht dass der jetzt denkt, ich hätte so was mitgebracht.« »Für den Anfang ist das ganz okay«, meint er und hält mir ein Mikrofon unter die Nase, das reichlich verbeult ist und nicht mehr ganz so jung aussieht. »Später werden wir das natürlich alles anders regeln.« »Aha«, denke ich, »später... Der weiß also jetzt schon, dass das was wird mit uns?«

Rein technisch gesehen war ja jetzt alles klar. Die Gitarre und das Mikrofon waren angeschlossen, und wir mussten uns nur noch überlegen, wie wir es angehen wollten... Er schlug vor, ein paar Ramones-Lieder zu spielen, und ich fand, das war eine richtig gute Idee. Die Musik kannte ich und die Texte auch, und weil ich in weiser Voraussicht am Abend zuvor, kurz vorm Einschlafen, noch Johnny Ramone um Erlaubnis gebeten hatte, konnte ich jetzt »Sheena Is A Punk Rocker« singen, ohne mich dabei blöd zu fühlen...

Wir haben uns zwei Wochen mit Ramones-Liedern warm gespielt, und von mir aus hätte das ewig so weitergehen können. Aber das Leben und Rainer forderten Veränderung, denn schließlich sollte das ja auch irgendwann mal eine richtige Band werden... Aber trotzdem, für mich war ein Schlagzeuger an diesem Tag das Unnötigste, was ich mir hätte vorstellen können. Wozu brauchen wir so einen, wofür brauchen wir einen Rolf? Mein Widerstand war groß, und ich wusste nicht, wo er herkam. Immer wenn ich nicht so genau weiß, wo bei mir ein blödes Gefühl herkommt, steckt meistens Angst dahinter. Aber wovor hatte ich Angst? Hatte ich Angst vor diesem Rolf? Wenn das der Grund war, und ich glaube, das war es, sollte er das auf keinen Fall mitbekommen. Schließlich war ich ein lässiges New-Wave-Girl, und mein kleiner Schwächeanfall ging ihn gar nichts an.

Ja, ich wollte wachsen, mich ausbreiten und in die große, weite Welt ziehen, aber auf jeden Fall nicht mit einem Drummer. Jedenfalls jetzt noch nicht! Nicht dass ich was gegen ihn hatte, aber das hätten wir doch auch gut alleine durchgezogen, der Rainer und ich... Alleine? Das war es also...

Nena, die Jungs hier meinen es ernst, und wenn du die Sängerin in dieser Band sein willst, dann musst du da durch. Oder du drehst dich jetzt um, gehst nach Hause, schließt dich in deinem Zimmer ein, nimmst deine Gitarre in die Arme und singst wieder ganz für dich alleine.

Und dann kam er ... der Neue - und ich wusste nichts von ihm. Ich wusste nicht, dass er Speditionskaufmann war, einen festen Job hatte, mit Frau und Kind bei seinen Eltern wohnte und ... verheiratet war.

Und dann fing er an zu trommeln, und es gefiel mir. Er spielte kraftvoll, und sein Stil war genau das, was wir brauchten. Und als er zwei Tage später mit Lederjacke und weißem Unterhemd zum Proben kam, war ich schon richtig interessiert. Und als er seine Lederjacke zum ersten Mal auszog und ich seine muskulösen, wunderschön geformten Oberarme sah, kam mich die Leidenschaft besuchen. Übergangslos verliebte ich mich in den verheirateten R(W)olf. So schnell ging das, und ich kannte noch nicht mal seine inneren Werte, aber das war mir auch völlig egal. Vielleicht hatte er ja gar keine.

Kurz darauf kam ein Frank mit seinem Bass, und er passte perfekt zu uns, und bei ihm hab ich mich auch nicht so blöd benommen wie bei Rolf. Jetzt waren die STRIPES ja eigentlich komplett, und trotzdem kam ein paar Monate später noch mal ein zweiter Frank. Der spielte auch Gitarre, und in den war ich dauerverliebt, aber geküsst haben wir uns erst viele Jahre später.

Und irgendwann wollte mir dieser Frank damals was Wichtiges sagen am Küchentisch bei Rainer in der Wohnung. Dort saßen wir jetzt öfter nach den Proben und haben geredet. Wir waren jetzt schon in der Phase, wo man Bandmeetings brauchte, um weiterzukommen, und auf den Frank mit der Gitarre habe ich gehört. Er guckt mir in die Augen und sagt: »Nena, in einer Woche spielen wir im Hasper Jugendheim!«

»Was machen wir???«

»Wir spielen im Hasper Jugendheim, die laden mehrere Bands ein und haben mich angerufen und gefragt, ob wir dabei sein wollen.«

»Ja und? Was hast du geantwortet?«

»Ich hab ja gesagt.«

»Spinnst du? Ohne mich zu fragen? Vielleicht will ich das ja gar nicht! Ich will es sogar ganz bestimmt nicht! Wer soll denn da kommen, uns kennt doch keiner? Wie stellt ihr euch das denn vor, soll ich mir das mal eben so aus der Hüfte schütteln oder was?? Ohne mich! Das mache ich nicht!«

Pause...

Dann lächelt er mich an, der Frank, und ich denke »Ja!«, schreie »Nein!« und möchte am liebsten abhauen, aber da höre ich wieder diese Stimme in mir... Nena, die Jungs meinen es ernst, und wenn du die Sängerin in dieser Band sein willst, dann musst du da durch, oder du drehst dich jetzt um, gehst nach Hause, schließt dich in deinem Zimmer ein, nimmst deine Gitarre in die Arme und singst wieder ganz für dich alleine.

Is ja schon gut, ich tu’s.

Also hatte ich meinen ersten Live-Auftritt auf dem Programm. Für ein paar Monate Leben als Sängerin in einer Band war das alles ganz schön viel auf einmal, aber zu viel oder viel zu viel gab es ja gar nicht. Und trotzdem, mir war schlecht vor Angst, obwohl es das war, was ich immer wollte, und ich hatte noch eine Woche Zeit, mich seelisch darauf vorzubereiten. Alles seine Schuld. Er hatte mich in diese Situation gebracht. Es war doch fast alles gut in meiner vertrauten Umgebung. In dieser komischen Stadt hatte ich es geschafft, mich eine Zeit lang richtig gut zu fühlen. Das war doch schon was. Und dann kommt ein Frank und lächelt mich an, nimmt mich an die Hand und führt mich wie ein großer Bruder in einen Raum, der mir zwar sehr vertraut war, den ich aber noch nie betreten hatte. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen und hatte auch keine Lust zu essen. Mir war schlecht. Schon bald würde nichts mehr so sein wie früher.

Es gab keinen Himmel mehr und nichts unter mir. Es gab jetzt nur noch mich und eine einzige wichtige Frage: Was ziehe ich an? Um das rauszufinden, musste ich Nena fragen... Nena fragt also Nena, ob Nena weiß, was sie will... Sie weiß, was sie will, und das sogar ziemlich genau, und somit ist klar, was sie zu tun hat: Nach Berlin fahren und eine gestreifte Hose kaufen, denn in Hagen gibt es Streifen auf Hosen nur im Berufsbekleidungsfachgeschäft, und auf dem Flohmarkt in Wuppertal eine amtliche Nena-Lederjacke finden.

Wuppertal kannte sie gut, da war sie schon als Kind ganz oft und ist mit ihrer Omi Schwebebahn gefahren. Berlin kannte sie auch beziehungsweise die Oranienstraße in Kreuzberg, das »SO 36« gegenüber und den Bahnhof Zoo. Für ein Jahr lang waren diese drei Orte an jedem Wochenende ihr Zuhause mit dem wunderbarsten Duft der großen, weiten Welt. Die Liebe hatte sie dorthin geführt. Eine wunderschöne Liebe mit Wasserbett und Coolfaktor zehn.

Klaus, Rolf, Frank, Berlin, Hagen, Wuppertal. Parallelwelten. Alles passierte irgendwie gleichzeitig, und deshalb waren Lederjacke und gestreifte Hose perfekt.

Vier Zuschauer würden mindestens kommen, denn die Freundinnen meiner Jungs hätten sich das niemals entgehen lassen. Sie waren alle elektrisiert und wollten nicht verpassen, wie aus einem Frank mit einer Gitarre ein noch viel besserer Frank wird, wenn sein Instrument an der richtigen Stelle hängt. Eine Gitarre darf niemals und unter gar keinen Umständen einen Millimeter zu hoch oder zu tief hängen. Da hört der Spaß auf, und entweder das hat man, oder man hat es eben nicht.

Es waren mehr als vier Leute im Saal. Viel mehr. Ich habe sie heimlich gezählt. Fünfundzwanzig Menschen, mit denen ich nicht verwandt war, plus meine Eltern und der Jugendheimleiter, der erst auf unbeteiligt machte und sich dann aber doch noch mit vor die Bühne stellte. Also achtundzwanzig Leute. Dass so viele kommen würden, hätte ich nie gedacht. Und vor all denen sollte ich hier gleich eine Show abziehen? Meine Beine zitterten, und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Mein Vater stand neben mir hinter der Bühne und war auch ganz aufgeregt. »Mensch, Nena«, meinte er, »ich möchte jetzt nicht in deiner Haut stecken.« Und dann wollte er unbedingt noch schnell meinen Puls messen, bevor es losging. Der war auf hundertachtzig, genau da, wo ich stand, vor diesen Stufen, die ich gleich erklimmen würde, um dann zu sterben oder mindestens in Ohnmacht zu fallen...

...Ich gehe also jetzt da hoch, und nichts kann mich aufhalten, weder meine Angst noch meine Verwirrung und Nena schon gar nicht. Das wird jetzt gemacht, dann hab ich’s hinter mir. Ich bin oben, gehe nach vorne zu meinem Mikrofon, die Leute klatschen, ich gucke sie mir alle an...

Und auf einmal war alles anders. Wir fingen an zu spielen, und ich hab mich noch nie vorher so wohl gefühlt mit mir selbst. Und ich konnte auch plötzlich wieder den Himmel und die Erde spüren. Ich hab nichts gedacht oder mir irgendetwas überlegt in dieser Stunde, die wir da oben waren, das lief alles wie von selbst... Danach haben wir unseren Erfolg gefeiert, denn die fanden uns wirklich gut, die Fremden, die Freunde, die Verwandten und der Jugendheimleiter...

1978 NANI AN NENA

Liebe Nena,

ich habe jetzt das Bedürfnis, dir zu schreiben, wie es gestern war, als ich den Saal stürmte, um dich zu sehen. Total wahnsinnig... Als wir am Jugendzentrum ankamen, klatschten, jubelten und tobten die Leute, und du verabschiedetest dich gerade. Leider war ich viel zu spät da. Aber es wurde »Zugabe« geschrien. Dann kamst du noch mal auf die Bühne. Nena!! Ich war wie hypnotisiert! So etwas habe ich ja nicht erwartet. Wie du auf der Bühne gelebt hast. Das war toll. Total unbefangen und von einem wahnsinnigen Selbstgefühl geleitet. Nena, ehrlich, das war stark wie Sau, ey! Mir stiegen die Tränen in die Augen, das hört sich für dich vielleicht übertrieben an, aber ich habe das wirklich so empfunden. Du warst, wie du immer bist, es ist nur irgendetwas Neues dazugekommen. Du warst mir völlig vertraut, und doch war irgendetwas ganz anderes dabei, was ich vorher nie an dir wahrgenommen habe. Etwas Fremdes, das ich nicht nachempfinden und nicht verstehen kann; eine ganz neue und andere Entfaltung als die, die ich miterlebt und mit dir geteilt habe. Auch mit diesem »Fremden« habe ich gemerkt, dass du dich, dein Wesen und deine ganz eigene Art nicht aufgegeben hast. Nena, ich musste dir das schreiben, weil es wirklich ein ganz starkes Gefühl war.

Süße Maus, ich küsse dich, umarme dich. Ich liebe dich, Nani

Wo war sie denn jetzt, die große, weite Welt?

Im Hasper Jugendheim? In Berlin? Oder Wuppertal? England und Amerika kamen gar nicht in Frage. Das war mir zu fremd, obwohl ich in Englisch gesungen habe. Diese Sehnsucht in mir und die Sorge, was zu verpassen, haben mich sehr bedrückt damals. Sicher, die große, weite Welt hat auch was mit Reisen zu tun, aber dafür musste man ja nicht gleich nach New York oder London gehen. Jetzt war ich in Hagen, und auch hier musste es geheime Türen und Gänge geben, die zur Schatzkammer führten. Aber was für einen Schatz suchte ich denn? Auf jeden Fall keine goldenen Schallplatten, denn damals wusste ich nicht mal, dass es so was überhaupt gibt.

Und weil das Leben eben immer weitergeht, sind wir, THE STRIPES, in irgendeiner Schulaula in Hagen nach einem Konzert einfach so gekauft worden. Da kam nämlich die große Plattenfirma aus Frankfurt, weil sie von uns gehört hatte. Wie geht so was eigentlich, dass man von so was hört? Morphogenetische Felder oder Christian Schneider oder beides?

Wir sitzen wieder bei Rainer in der Wohnung, und es gibt was zu feiern. Wir haben uns nämlich kaufen lassen und unseren ersten Plattenvertrag unterschrieben. Rainer war mit einem Aktenköfferchen unterwegs zur Bank, um den Vorschuss abzuholen: 40.000.- DM! Als er zurückkam, haben wir die Scheine durch seine Wohnung fliegen lassen und sind komplett ausgerastet. So viel auf einmal hatte noch keiner von uns in den Händen gehabt, und jetzt war es einfach da.

Es hatte Geld geregnet. Und dann haben wir die Tausender irgendwann wieder eingesammelt und sie brav zurück in den kleinen Koffer gelegt. Wir hatten nämlich einstimmig beschlossen, dass damit was Sinnvolles passieren sollte. Und sinnvoll fanden wir es damals, eine eigene kleine PA zu kaufen. Damit waren wir unabhängiger und konnten öfter live spielen.

Einen Manager hatten wir in der Zwischenzeit auch. Ich glaube nicht, dass wir nach so einem dringend gesucht haben, aber mit einem Plattenvertrag in der Tasche ist so einer eben plötzlich da. Uli Wiehagen hieß er und war ein verrückter, netter Typ. Mit seinem verbeulten Ford Capri hat er uns oft zu den Gigs gefahren, und irgendwie haben wir in dieses Auto auch immer alle reingepasst. Wir waren ja nur sechs Leute und ein Hund. Der gehörte mir, hieß Baby, war sehr anhänglich und lag immer ganz geduldig und eingerollt vorne im Fußraum vom Beifahrersitz. Hauptsache, er durfte mit...

In Hannover gab es einen Laden, der hieß »Schwimmbadrestaurant«. Vielleicht gibt es den ja immer noch? Ein richtiges Kellerloch war das, und Platz war da für höchstens sechzig Leute. Allerdings waren sechzig schon ganz schön viel für uns, und meistens kamen viel weniger in unsere Konzerte. Aber darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich hab mich immer gefreut, wenn überhaupt jemand da war. Mal zwei, mal sechzig, mal zehn. Auf jeden Fall kann ich mich an diesen Gig erinnern, weil ein paar Punker mit grün gefärbten Haaren und Bierdose in der Hand vorne direkt an der Bühne standen und Frank, der nicht mehr als einen Meter fünfzig von ihnen entfernt war, ein paarmal auf seinen Bass gespuckt haben, ich das ganz cool fand, aber auch ekelig, und auf den Feldbetten, die für die Bands hinter der Bühne in einem Verließ ohne Fenster, aber mit einer Neonröhre an der Wand standen, um benutzt zu werden und so die Hotelkosten zu sparen, auf keinen Fall schlafen wollte. Der bürgerliche Teil meiner Person weigerte sich strikt und fand, dass das eindeutig zu viel Rock ’n’ Roll auf einmal war. Ich wollte lieber im Ford Capri übernachten, als auch nur einen Fuß in diese Gruft zu setzen. Wo ich dann tatsächlich geschlafen habe, weiß ich nicht mehr, aber ganz sicher nicht auf diesen siffigen, verrosteten Teilen. Daran könnte ich mich erinnern...

Das war alles ziemlich romantisch. Wir sind viel unterwegs gewesen, haben selbst alles auf- und wieder abgebaut und uns auch manchmal mit fiesen Typen rumgeschlagen, die unser Geld behalten wollten, was meistens ohnehin nur unser Benzin fürs Nach-Hause-Fahren bedeutete.

Inspiriert und angefeuert von unserem neuen Leben, startete dann mein Freund Rolf bald seine ganz persönliche Befreiungsaktion...

Es klingelte...

Im Nadelstreifenanzug und mit seinem angeschremmelten Aktenkoffer in der Hand stand Rolf, der Speditionskaufmann, vor meiner Tür und kam direkt aus seinem Büro.

»Ich habe gekündigt«, sagte er.

Und ab da war er kein Speditionskaufmann mehr, das war konsequent.

Ich fing an, Schlagzeug zu spielen. Geübt hab ich nie, aber ich konnte Boom Bah...

Boom Bah war wichtig fürs Lebensgefühl, und damit bin ich dann in einer Mädchenband eingestiegen. DIE MAUSIS. Bei denen war ich genau zwei Tage. Schade, aber die Bassistin hatte ihren Bass viel zu tief hängen. Sie dachte, das sähe cool aus, aber sie kam ja kaum noch an die Saiten ran. Das war meine erste und letzte Erfahrung mit einer Mädchenband. Reicht auch.

Und mit meiner anderen Band war es dann endlich so weit. Wir hatten genug Songs geschrieben und uns in vielen Schulaulas, Miniclubs und Bierkellern warm gespielt, jetzt konnten wir endlich ins Studio gehen und unsere erste Schallplatte aufnehmen.

Der Schall dieser Platte ging nicht durchs ganze Land und war auch nicht in aller Munde, aber heute hat sie immerhin Sammlerwert.

Mit all diesen Dingen im Gepäck wurde es jetzt richtig eng in Hagen. Was sollte ich hier noch, und was sollte ich überhaupt? Ich wollte weg, und zwar schnell. Der letzte Versuch, hier doch noch was zu bewegen, waren neue STRIPES-Demos. In Hagen aufgenommen und in Hagen beerdigt. Denn das führte nirgendwohin. Schon eine Weile kam sie leise angeschlichen, die Nebelwolke, die Inspiration und Begeisterung frisst. Da war nichts mehr. Ganz gute Songs, ja, aber niemand, der so richtig bereit war, ihnen das Leben einzuhauchen. Der Nebel verdichtete sich, und dann war sie vorbei, diese Zeit. Einfach vorbei. Und es gab nichts zu trauern. Im Gegenteil. Jetzt ging es woanders weiter.

Andreas, immer noch einer der Männer aus Frankfurt, rief mich an und machte mir ein unseriöses Angebot. »Nena, wir würden deinen Vertrag gerne verlängern.« Der Teil war erfreulich, die STRIPES gab es nicht mehr, und ich wollte doch auf jeden Fall weitermachen... Wenn er nur nicht gesagt hätte: »Mach doch mal Kim Wilde auf Deutsch.« Das tat weh, und ich hab ihn ausgeschimpft: »Wie kannst du so was sagen, ich liebe Kim Wilde, aber ich heiße Nena, und wenn dir das nicht reicht, geh ich woandershin...«

Aber wenn man Kim da rausnahm, dann blieb immer noch sein Impuls, deutsche Texte zu schreiben. Anfangs konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen, in meiner eigenen Sprache zu singen, aber ich wollte es ausprobieren. Auch bei Plattenfirmen gibt es Visionäre, und Andreas war so einer. Seine Idee war es auch, dass ich nach Berlin gehe und die SPLIFFER treffe. Das mache ich, hab ich gesagt, aber ich gehe nicht ohne Rolf, wir machen zusammen weiter. Das hat er verstanden und schickte uns beiden ein Flugticket von Düsseldorf nach Berlin, und ich werde nie vergessen, wie sich das angefühlt hat, auf einmal in diesem Flugzeug zu sitzen. Nach Berlin war ich doch sonst immer nur mit der Bahn gefahren...

Deutsche Texte schreiben, mit einem Flugzeug in meine Lieblingsstadt fliegen, berühmte Leute treffen und denen was von mir erzählen? Nein, das war nicht zu viel, das war genau das Richtige! Wen sollte ich denn überhaupt treffen? Die Nina-Hagen-Band? Bitte? Ich war Nena aus Hagen, ich hatte da wohl was falsch verstanden. Nein, nichts falsch verstanden. Nina Hagen hatte gar keine Band mehr. Jedenfalls diese nicht mehr. Sie nannten sich jetzt SPLIFF und hatten Lust, mit Nena aus Hagen was zu machen. Und da gab es wieder einen Küchentisch. Diesmal in Berlin mit »echten« Popstars und einem »echten« Manager namens Jim Rakete. Ich hab den Männern aus Berlin von mir erzählt und mich dabei nicht angestrengt oder mir besondere Mühe gegeben. Einfach geredet und ein paar Songs vorgespielt. Das fanden die überzeugend. Reinhold Heil und Manne Praeker wollten ein Album mit mir produzieren, und ich wollte endlich wieder eine richtige Band haben...

Ich war zu allem bereit und hatte längst die Koffer gepackt, um in die große, weite Welt zu ziehen. Und das war jetzt eindeutig Berlin. Rolf und Nena waren immer noch so was Ähnliches wie ein Paar und beschlossen, diese nächste größere Wende gemeinsam anzugehen. Das Wesentliche aus Hagen wurde liebevoll verpackt und mitgetragen in ein anderes Leben.

Also Rolf und mich gab es ja schon, und dann kam Carlo. Und wenn man eine Band gründen will, braucht man unbedingt einen Carlo, einen Uwe und noch einen Jürgen. Das Leben hat uns zusammengeführt, so als hätte es schon seit vielen Jahren in dem großen Buch der Pläne gestanden.

Alles lief wie von selbst.

Berlin war sehr gut zu uns, und aus Nena, Uwe, Carlo, Rolf und Jürgen wurde eine Familie. Wir hatten uns gern und wollten Musik machen, und innerhalb weniger Wochen gab es einen Probenraum und ein Lieblingscafé.

Rakete bot mir einen Mädchen-für-alles-Job an in seiner Fabriketage in der Zossener Straße. Sein Kreativzentrum und Treffpunkt für viele Berliner Bands und Musiker. Ich freute mich über alle Menschen, die dort ein und aus gingen, und Jim war der perfekte Herbergsvater. Ein Häuptling mit wohlriechender Friedenspfeife und immer mit dem schönsten, fettesten Mont-Blanc-Füller in der Brusttasche seiner Oberhemden, weil er damit gerne schönen Frauen schöne Briefe schrieb. Die ersten zwei Wochen bestand meine Aufgabe darin, ihn von morgens bis mittags am Telefon zu verleugnen, obwohl er mir gegenübersaß...

Er hatte seine Gründe für diese Unart, und in diesen Tagen haben wir uns öfter als einmal am Tag angeschmunzelt. Vielleicht hatten wir auch hin und wieder ein schlechtes Gewissen wegen der Lügerei. Auf jeden Fall lernten wir uns kennen. Und wenn ich jemanden kennen lerne und mich dabei wohl fühle, erzähle ich auch gerne mal von meiner Leidenschaft fürs Staubsaugen. Ich ahnte ja nicht, dass Jim den schönsten Staubsauger besaß, den ich je gesehen hatte. Und da schmolz das letzte Stückchen Eis zwischen uns dahin wie Butter in der Sonne. Ich hab täglich und fröhlich Staub gesaugt in der Fabrik, und er hat mir oft und gerne dabei zugesehen. Später bekam ich dann von ihm zum Geburtstag jenes Modell Nilfisk in Chrom geschenkt, und er hätte mir keine größere Freude machen können.

Das Leben in Berlin war spannend. Wir trafen uns jetzt regelmäßig zum Proben und wollten rausfinden, wo die Reise denn eigentlich hingehen sollte. Der Gedanke, deutsche Texte zu schreiben, löste in mir zwar kein Unwohlsein mehr aus, aber ich hatte auch noch kein einziges Wort zu Papier gebracht. Ich wartete auf die nötige Inspiration, um dieses Neuland zu betreten. Was für ein Quatsch. So große Angst vor meiner eigenen Sprache? Und dann, auf einmal war diese Zeile in meinem Kopf. Ich weiß bis heute nicht, von wo sie angeflogen kam, auf jeden Fall wurde ich sie nicht mehr los. Der einzige Mensch, zu dem ich damit gehen konnte, war Uwe. Zu ihm hatte ich von Anfang an ein tiefes Vertrauen, und ich musste jetzt wissen, ob ich das, was in meinem Kopf rumflog, aufschreiben sollte, um es zu »vollenden«, oder es einfach nur schnell wieder vergessen sollte. Wobei Letzteres schwieriger gewesen wäre, denn es hatte sich längst in mein System gefressen.

Uwe ist über eins neunzig lang, und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um an sein Ohr ranzukommen. »Ich hab heute nichts versäumt, denn ich hab nur von dir geträumt«, flüsterte ich ihm zu. »Wie findest du das?« Er lächelte mich an und flüsterte zurück: »Das is genial.«

Genial??

»Okay, dann ist das also genial«, dachte ich, bin nach Hause gegangen und habe den Text noch am selben Tag fertig geschrieben.

»Nur geträumt« wurde auf Vinyl gepresst und stand im Plattenladen rum. Da draußen passierte gar nichts, dafür hinterm Vorhang umso mehr. Wir hatten so viele kreative Schübe, dass uns zwischendurch angenehm schwindelig wurde, und innerhalb weniger Wochen waren Songs wie »Luftballons« oder »Leuchtturm« bereit, auf die Reise zu gehen. Und zwischendurch kam der 12. August 1982. »Musikladen«. Eine unbekannte Band aus Berlin trat auf in einer deutschen Fernsehshow, um einen Song zu präsentieren, der als kleine Schallplatte schon drei Monate gelangweilt im Regal gestanden hatte. Und diese kleine Schallplatte wollten am Tag nach unserem Auftritt 40.000 Menschen kaufen. Schon wieder diese Zahl. Jetzt war das auf dem Weg und nicht mehr aufzuhalten. Erst gab es nur eine Nena mit Stirn- und Schweißbändern und ein paar Monate später Tausende. Die Männer aus Frankfurt staunten nicht schlecht, und ich kam aus dem Staunen überhaupt nicht mehr raus. Was war denn hier los? Hä??? Die Ereignisse überschlugen sich, und dann kamen auch noch die »Luftballons«. Von den Männern aus Frankfurt übrigens erst als vollkommen unbrauchbar abgestempelt: Der Song sei nicht kommerziell genug.

Und was sonst noch so passiert ist, schreibt Claudia auf. Und ich vielleicht auch, wenn es mir weiterhin so viel Spaß macht. Jetzt gehe ich erst mal schlafen, und vorher drücke ich noch apfel s. Mein geliebtes apfel s, damit auch nichts verloren geht...

EIN JAHR FRÜHER

Juli 2002

Ich sitze mit eingeklemmten Knien im Charterflieger nach Mallorca, um Nena zu treffen. Sie macht dort mit ihren Kindern Urlaub und hat mich eingeladen. Es geht ums Buch, aber zunächst mal um uns. Ums Kennenlernen. Es ist fast wie ein Blinddate.

Ich starre auf den irgendwann vermutlich mal weiß gewesenen Kopfstützenbezug des Sitzes vor mir und muss plötzlich grinsen, weil die Situation so merkwürdig ist: Hunderte von Pauschal-Touristen vor, hinter und neben mir freuen sich auf ihren Jahresurlaub und beschäftigen sich gedanklich mit dem richtigen Sonnenschutzfaktor, den günstigsten Bierpreisen oder ihrer fehlgeschlagenen Bikinidiät - und ich treffe Deutschlands bekanntesten weiblichen Popstar, damit wir uns »besser kennen lernen«! Komisches Gefühl. Ich komme mir vor wie eine Geheimnisträgerin. Eine Pauschal-Verräterin.

Ich beschließe, bei der Landung konsequent nicht zu klatschen. Damit habe ich mich dann ja wohl zu erkennen gegeben.

Nena - werde ich sie überhaupt mögen? Werden wir klarkommen? Vielleicht ist sie ja völlig beknackt und überdreht...

Ein Buch schreibt man jedenfalls nicht einfach so. Da muss schon die Chemie stimmen...

Ich reiße mich vom Kopfstützenbezug los, atme so tief in den Bauch, dass meine Yogalehrerin stolz auf mich wäre, schließe zur besseren Konzentration die Augen und rekapituliere, was ich über mein Blinddate weiß.

Bei Nenas legendärem »Musikladen«-Auftritt 1982 war ich fünfzehn. Ganz Deutschland hat sich damals kollektiv in sie verliebt - innerhalb von drei Minuten! Ich saß mit meinen nervigen kleinen Schwestern vor dem Fernseher, und die beiden hielten endlich mal die Klappe. Weil ihnen der Mund offen stand. Mir auch. Da wirbelte eine Frau durch diese öde Musikshow, die uns den Atem anhalten ließ. Nenas Lässigkeit, ihr Tanzstil, ihre Frisur, ihre Power, ihre Frechheit und ihr roter Minirock - so was hatten wir noch nie gesehen! Ich wollte sofort so werden wie sie! So würde das Leben wunderbar werden - das war völlig klar. Sie war ja der Beweis. Ich habe zwar nie kapiert, was »Alles, was ich an dir mag, ich mein das so, wie ich es sag« eigentlich bedeuten sollte, aber das war ja auch egal. Ich beschloss, ab sofort auch alles so zu meinen, wie ich es sage. Besser isses. Für einen Stufenschnitt waren meine Haare zu dünn, aber ich habe nur noch mit Armen über dem Kopf getanzt.

Drei Jahre später war es plötzlich uncool, Nena gut zu finden - und ich wurde erwachsen. Beides doof. Ich räumte die Platten ganz nach hinten in meine Sammlung, nahm die Poster wieder von den Wänden und stellte mich dem Ernst des Lebens. Bei mir hieß er allerdings Sven.

Erwachsen werden war anstrengend und nahm viel Zeit in Anspruch. Cool zu werden noch viel mehr: Man musste die richtigen Klamotten tragen, die richtigen Sachen sagen, die richtigen Getränke bestellen und - vor allem (!!) - die richtige Musik hören. Nena gehörte nicht dazu. Leider? Ich weiß es nicht. Es war halt so. Ich habe sie einfach aus den Ohren verloren.

Die Nena-Schlagzeilen der letzten Monate und Jahre tickern an meinem geistigen Auge vorbei:

Nena, der Superstar. Nena, die Schicksalsgebeutelte, die den Tod ihres ersten Kindes verkraften muss. Nena, die spirituell Suchende. Nena, die Mutter von fünf Kindern. Und schließlich: Nena, das »Phänomen«! Die Frau, die mit zweiundvierzig Jahren jünger aussieht als andere mit zweiundzwanzig und gerade das »Comeback des Jahres« hinlegt.

Gibt man das Stichwort »Nena« in der Suchmaschine ein, findet man über 347.000 Einträge und erfährt doch nichts über sie. Klar, da steht alles über die Auf und Abs ihrer zwanzigjährigen Karriere, ihre vielen Top-Ten-Hits, ihre Unmengen an Gold- und Platin-Platten, ihren internationalen Erfolg und ihre privaten Tiefschläge. Zahlreiche Artikel versuchen das »Phänomen Nena« zu begreifen und stammeln entzückte Analysen vor sich hin. Und es gibt jede Menge unbeantworteter Fragen:

Von Stress zerzauste Mütter fragen sich, wie Nena vier Kinder und Karriere vereint. Jo-Jo-Effekt-Opfer wollen wissen, wie sie ihre Traumfigur hält. Frauen, die zwanzig Jahre jünger aussehen wollen, fragen sich, warum Nena zwanzig Jahre jünger aussieht. Verzweifelte wollen wissen, wie sie über ihre Schicksalsschläge hinweggekommen ist. Kinder wollen wissen, wie sie als Mutter ist. Gehetzte Hausfrauen fragen sich, wo sie die Zeit und Kraft hernimmt, mit zweiundvierzig für ihren ersten Halbmarathon zu trainieren. Und bestimmt fragen sich nicht gerade wenige Männer, ob sie gut küssen kann.

Und ich??? Was frage ich???

Was will ich eigentlich von ihr wissen? Und warum will ich überhaupt?

SCHEPPER!!! Die Stewardess knallt mir mein Essen auf den Klapptisch.

Wer oder was ist Nena? Und vor allem, was ISST Nena? Wieso ist sie so dünn und ich nicht?

Ich beiße von meinem Brötchen ab, und mein Blick schwebt durch das mit Eiskristallen übersäte Plexiglas auf Wattewolken.

Was für ein Mensch ist Nena? Wie lebt sie? Wie ist sie als Tochter? Als Mutter? Als Schwester? Als Freundin? Als Geliebte? Als Chefin? Was ist ihr Motor? Was treibt sie an? Warum ist sie so glücklich - ist sie überhaupt glücklich?

Was sind ihre Schattenseiten? Was ging ihr unter die Haut? Was berauscht sie - was hat sie ernüchtert? Was hat ihr den Boden unter den Füßen weggerissen? Für wen hat sie Berge versetzt? Wovor hat sie Angst? Was langweilt sie? Kann sie nett zu sich sein? Ist sie gern allein? Wann hat sie welche Falte bekommen? Was inspiriert sie? Was waren ihre schwersten Stunden?

Geht die Welt das überhaupt was an?

Ich kaue mechanisch auf dem Pappteig rum, bin kurz irritiert über dessen absolute Geschmacklosigkeit, denke dann aber lieber weiter darüber nach, wie spannend es doch ist, jemanden kennen zu lernen und ganz langsam sein Wesen zu erfassen. Stück für Stück zusammenzusetzen, bis sich ein Bild ergibt - wie ein Puzzlespiel. Wie lange wird es dauern, bis sie ihre Geheimnisse mit mir teilt? Hat sie überhaupt welche?

Was für versteckte Macken hat sie? Bestellt sie im Restaurant den Salat ohne Zwiebeln, die Blätter linksgedreht und das Dressing im Extragefäß, exakt zwanzig Zentimeter vom Teller entfernt? Kann sie nachts nur mit aufgedrehtem Fernseher und voller Beleuchtung schlafen? Hat sie Depressionen, Minderwertigkeitskomplexe? Ängste? Wie funktioniert ihre Welt?

Noch ein Biss vom Brötchen.

Wie weit muss ich an Frau Kerners Kern? Wenn sie lächelt, muss ich dann zum Beispiel wissen, was wirklich in ihr vorgeht? Ob das Lächeln echt ist oder ob es sie gleichzeitig innerlich vor Schmerz zerreißt? Geht es überhaupt darum, am Ende jedes Stirnrunzeln und jede Stimmlage deuten zu können – oder sollte ich mich besser darauf beschränken, knallhart Storys aus ihr rauszuholen?

KNISTER. RAUSCH. »... bringen Sie Ihre Sitze in eine aufrechte Position, und stellen Sie das Rauchen ein – wir beginnen mit dem Landeanflug...« Die Borddurchsage reißt mich aus meinen Gedanken. Ich habe die halbe Serviette mitgegessen, ohne es zu merken.

EIN PAAR STUNDEN SPÄTER

Ich fahre im Leihauto die Serpentinen hinunter, nehme eine letzte Kurve, und vor mir tut sich eine wunderschöne kleine Bucht auf. Türkisfarbenes Wasser, weiße Felsen. Es ist spät, die Sonne steht schon tief und wirft lange Schatten, hat aber noch erstaunlich viel Kraft.

Ich parke vor dem Strand, steige aus und erkenne Nena schon von weitem. Die Stimmung ist wohltuend friedlich, die Betriebsamkeit des Tages abgeklungen und der Strand fast leer. Die Touristen sitzen längst vor ihren Vollpensionsgedecken. Ich sauge die salzige Luft tief ein und freue mich an dem beruhigend rhythmischen Branden der Wellen.

Nena sitzt im Sand und guckt ihren beiden kleinen Söhnen beim Wellenreiten zu. Ganz still, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen. Ich komme von hinten näher und setze mich neben sie. Ganz unspektakulär.

»Hallo, Claudia, da bist du ja!«

»Hallo, Nena.«

Keine Lust auf bemühte Floskeln und verlegenes Lossabbeln. Nicht reden – erst mal fühlen. Schweigen. Das geht. Auch ich gucke aufs Meer und bin sogar seltsam entspannt dabei. Nur einmal ganz kurz fällt mir ein, dass ich hier neben Deutschlands erfolgreichstem weiblichem Rockstar sitze. Nass und frierend kommen ihre Kinder angerannt. Genug gesurft. Den beiden ist kalt – der Aufbruch schnell. »Komm doch nach dem Essen zu uns«, ruft Nena mir beim Weggehen zu.

ABENDS

Pollensa. Eines der wenigen ursprünglichen Städtchen auf Mallorca. Enge Gassen, alte Steine, Mittelalterflair durch eine beeindruckende Kathedrale. Ich steige eine endlose Treppe zum Himmel hinauf, um Nena zu finden. Das Häuschen ist in einem Gassenviertel versteckt. Versteckt, weil es so unscheinbar ist. Das sieht hier irgendwie alles gleich aus. Ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Ein bisschen nervös klopfe ich an eine schwere Haustür. Die geht auf, und alles, was ich sehe, ist eine kleine Hand – an der Klinke. Ich schaue runter in ein klares, echtes, ganz berührendes kleines Gesicht. Simeon, Nenas jüngster Sohn, hat mir die Tür aufgemacht. Er guckt mich an und sagt nichts. Ich auch nicht. Es gibt auch nichts zu sagen. »Claudia, wir sind hier hinten«, ruft Nena.

Ich gehe durch die dunkle Wohnung – angelockt von orangefarbenem Kerzenschein – und trete in einen kleinen, weiß getünchten Innenhof. Halb leere Rotweingläser auf einem runden Holztisch, darüber der unglaubliche mediterrane Sternenhimmel und ein Baum mit einer einzigen Zitrone daran. Auf der Mauer und in den Ecken brennen unzählige Teelichter. Die Nacht ist lau. Und laut: Mindestens acht Kinder toben und wuseln kreischend herum. Am Tisch sitzt ein dunkelhaariges Mädchen, etwa zwanzig. Nena telefoniert am Handy und rennt dabei ständig auf und ab. Sie scheint schlechte Laune zu haben. Sehr schlechte Laune. Sie redet sich so in Rage, dass sie rausgeht. »Hör mal zu, so läuft das nicht...« ist der letzte Satz, den ich mitkriege. Ich setze mich zu dem dunkelhaarigen Mädchen. Wir kommen ins Gespräch. Dominique heißt sie und ist die Tochter einer von Nenas besten Freundinnen. Sie ist hier, um Nena ein bisschen mit den Kindern zu helfen – aber auch, um Urlaub zu machen. Sie ist mit Nena aufgewachsen, und deren momentane schlechte Laune entlockt ihr nur ein müdes Grinsen. »Willste auch Rotwein?«, kommt statt einer Erklärung. Wir reden über meinen Flug und unsere gemeinsame Flugangst.

Nena kommt zurück. Dominique guckt sie fragend an. »Das sind doch alles Idioten!«, sagt Nena, sieht meinen bestürzten Blick, lacht und lässt sich neben mich auf den Stuhl fallen.

»Boah, würd’ ich jetzt gerne eine rauchen...!«

»Mach doch!«

»Besser nicht. Ich würde gerne mal diszipliniert sein für ’ne Woche.«

»Ich dachte immer, du wärst superdiszipliniert!«

»J

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