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Willkommen im Players Club!

1. KAPITEL

Was machen die da draußen bloß?

Scott starrte in die Dunkelheit. Es war drei Uhr an einem Samstagmorgen. Der größte Teil seiner Nachbarn in dem kleinen Viertel schlief noch.

Scott kämpfte schon seit drei Monaten mit Schlaflosigkeit, weshalb er auch beobachten konnte, dass merkwürdige Dinge in dem geschlossenen chinesischen Supermarkt auf der anderen Straßenseite vor sich gingen. In der letzten Stunde waren verschiedene Männer aufgetaucht und in der Gasse dahinter verschwunden. Seltsam war nur, dass niemand von ihnen kriminell aussah – es sei denn, Schläger trugen auf einmal Anzüge und Krawatten.

Hier passierte definitiv irgendetwas Sonderbares.

Er verrenkte den Hals, um besser sehen zu können, aber der Blick aus seinem Fenster ließ ihm keine großen Möglichkeiten. Er überlegte, ob er runter auf die Straße gehen sollte. Aber was, wenn es doch Verbrecher waren und sie ein Problem damit hatten, dass ein rechtschaffender Bürger ihnen hinterherschnüffelte?

Nein, er musste noch ein bisschen weiter observieren. Aus sicherer Entfernung.

Da fiel ihm plötzlich der perfekte Beobachtungspunkt ein, und ohne zu zögern verließ er seine Wohnung.

Er tappte barfuß in den Hausflur, öffnete das Fenster und kletterte vorsichtig hinaus auf die Plattform der Feuerleiter.

Fast die ganze Straße war nun zu überblicken. Es wäre noch besser, wenn ich etwas weiter oben wäre, dachte er und betrachtete die Leiter. Das Metall fühlte sich kalt unter seinen Füßen an, als er so leise er konnte die Stufen erklomm. Es war Juni, aber das hier war San Francisco – was hieß, dass es kühl war und Nebelschwaden ihn frösteln ließen. Er bereute, dass er sich kein Shirt übergezogen hatte und nur eine dünne Jogginghose trug.

Nun bogen nur noch ein paar Männer in die Gasse ein: Nachzügler, wie es aussah. Er konnte gerade so erkennen, dass ein Mann mit einem anderen herumalberte, während sie in der Dunkelheit verschwanden. Er kniff die Augen zusammen. Einer sah aus, als ob … Trug er einen Smoking?

Wer waren die Typen?

„Schöne Nacht heute.“

Scott fuhr herum. Eine Frau stand im offenen Fenster hinter ihm. Sie trug ein übergroßes T-Shirt, auf dem stand: Brave Frauen schreiben selten Geschichte. Außerdem hielt sie einen Golfschläger in der Hand, als wolle sie ihm ein paar verpassen, was ein ziemlicher Widerspruch zu ihrer lässigen Begrüßung war.

Scott räusperte sich. „Bestimmt fragst du dich, was ich hier treibe“, sagte er leise.

Ihre vollen Lippen formten sich zu einem leichten Lächeln. „Es kam mir kurz in den Sinn.“

„Irgendwas ist da unten los“, sagte er. „Lauter Leute verschwinden in der Gasse da drüben.“

„Echt?“ Sie kam näher, ohne jedoch den Golfschläger wegzulegen. „Ich sehe niemanden.“

Na toll, jetzt denkt sie, ich bin ein perverser Spanner. „Ich schwöre, dass da ein Haufen Typen in der Gasse verschwunden sind.“

„Warum hast du nicht die Polizei gerufen?“

„Sie sahen nicht wie Verbrecher aus“, sagte Scott kleinlaut.

„Du willst also im Großen und Ganzen sagen, dass deine Neugier dich um drei Uhr morgens hier auf meine Feuerleiter getrieben hat?“

„Wenn man es so sagt, klingt das natürlich ziemlich dämlich“, gab Scott zu.

„Das hast du gesagt.“

Scott runzelte die Stirn und betrachtete die Frau vor ihm genauer. Sie war circa ein Meter fünfundsechzig groß und dünn – ihr T-Shirt schlackerte an ihr herunter. Im fahlen Mondlicht konnte er nur erkennen, dass sie helle Haare hatte, die ihr knapp bis zur Schulter reichten. Sie sah aus wie ein Teenager.

„Weißt du was, du hättest die Polizei rufen sollen“, schalt er sie.

Sie hob die Augenbrauen und senkte den Golfschläger. „Bitte?“

„Ich wiege wahrscheinlich ungefähr dreißig Kilo mehr als du.“ Er musterte sie und dachte daran, wie schlimm die Situation hätte ausgehen können, wenn hier jemand anders als er selbst gestanden hätte. „Ich hätte dir diesen Golfschläger abnehmen können. Du solltest nicht versuchen, mutig zu sein, in einer Situation wie dieser. Wenn ein fremder Mann auf deiner Feuerleiter steht, schließ dich im Bad ein und ruf die Bullen.“

„Das ist ja prächtig“, sagte sie lachend. „Ich werde also von einem potenziellen Einbrecher über Sicherheitsmaßnahmen belehrt.“

„Ich meine das vollkommen ernst.“

„Du sahst nicht aus wie ein Verbrecher“, wiederholte sie seine Worte und schenkte ihm ein breites Lächeln. „Der Golfschläger war nur für den Fall, dass ich mich geirrt hätte. Soll ich jetzt die Polizei rufen? Oder willst du reinkommen? Du siehst aus, als würdest du frieren.“

Es war wirklich kalt. Und die Typen waren nirgends mehr zu sehen. „Na ja, unter diesen Umständen … aber eigentlich ist das auch keine gute Idee“, stellte er klar, als er unbeholfen durch das Fenster kletterte.

„Warum nicht?“

„Du kennst mich doch gar nicht.“

„Natürlich kenne ich dich“, sagte sie. „Du bist Scott Ferrell. Apartment 3D.“

„Äh … ja“, gab er zu, etwas perplex.

„Wir haben uns schon mal getroffen, als ich eingezogen bin“, erklärte sie. „Deine Freundin war dabei.“

„Sie ist nicht meine Freundin“, antwortete Scott automatisch und seufzte. Diese Antwort war schon fast ein Reflex. „Das heißt, sie ist es nicht mehr. Tut mir leid, ich weiß nicht mehr, wie du heißt.“

„Amanda“, sagte sie und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Amanda Wheeler. Schön, dich kennenzulernen. Erneut.“

Er schüttelte ihr die Hand und musste nun auch lachen. „Das ist ja wohl die seltsamste Situation, um sich vorzustellen …“

„Wieder vorzustellen“, unterbrach sie ihn mit einem schelmischen Lächeln.

„Verzeihung, ja, wieder vorzustellen … die ich je erlebt habe.“ Sie war süß, auf eine Mädchen-von-nebenan-Art. Was witzig war, denn sie war ja tatsächlich das Mädchen von nebenan. Er trat von einem Bein auf das andere und sah dann aus dem Fenster. „Ich sag dir, da draußen ist wirklich etwas Merkwürdiges passiert.“

„Ich glaub dir ja“, sagte sie und klang zum Glück so, als meinte sie es auch. „Wolltest du eigentlich so lange auf der Feuerleiter sitzen bleiben, bis die seltsamen Männer zurückkommen?“

Scott rieb sich das Kinn. „Um ehrlich zu sein, das habe ich mir vorher gar nicht überlegt.“

„Hab ich mir schon gedacht, sonst hättest du sicher eine Jacke mitgenommen.“

Er verschränkte die Arme und grinste, als sie anfing zu kichern.

„Willst du eine Tasse Tee? Kaffee?“ Sie zwinkerte ihm zu. „Heißen Kakao?“

Auf jeden Fall süß. „Ich nehme den Kakao, auf die Gefahr hin, meine Männlichkeit noch weiter zu ruinieren.“

„Du kannst sogar Marshmallows haben“, sagte sie. „Keine Angst, ich erzähl es niemandem.“

Als sie in die Küche verschwand, betrachtete er seine Umgebung. Aus der Küche fiel Licht ins Wohnzimmer und enthüllte große Fenster – jenes eingeschlossen, durch das er eingestiegen war – und Holzdielen. Das Sofa sah sehr bequem aus, und der Flachbildfernseher wirkte riesig und stand umgeben von Stapeln mit DVDs. Es gab außerdem jede Menge Bücher, die ungeordnet in Einbauregalen aus Kirschholz standen. Das Wohnzimmer gab ihm das Gefühl, dass er sich hier wohlfühlen könne.

So wie seine Besitzerin.

Nach ein paar Minuten kam Amanda mit zwei Bechern zurück … und in einem Kimono, sehr zu seiner Enttäuschung. Sein eigener nackter Oberkörper wurde ihm deutlich bewusst. Er nahm den Becher und trank vorsichtig, um sich nicht die Zunge zu verbrennen. „Fantastisch“, lobte er.

Sie lächelte. „Sind die Jungs wiedergekommen?“

„Ich hab nichts gesehen“, sagte Scott ernüchtert. Er nahm genussvoll einen weiteren Schluck des cremig-schokoladigen Getränks. „Was ist noch da drin?“

„Muskatnuss“, sagte sie schulterzuckend. „Meine eigene Mischung. Ich hatte mal ein Pralinengeschäft. Hab es vor Kurzem verkauft.“

Sein Blick streifte gerade das Fenster, als sie rief: „Guck mal, da sind sie!“

Sie kauerten sich beide unter das Fenster und spähten hinaus. Wie eine Armee von Ameisen strömten Männer aus der Gasse, wobei das summende Geräusch zu hören war, das entstand, wenn man vergeblich versuchte, leise zu sein. Es waren einige laut geflüsterte „Schsch“ und „Klappe!“ zu hören und Gelächter, als die Gruppe sich zerstreute.

„Es ist fast vier“, sagte Amanda. „Was machen die bloß?“

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Scott, während er eine Limousine beobachtete, in die einige der Männer einstiegen. „Verstehst du jetzt, warum ich auf der Feuerleiter stand?“

Sie lachte, und das wärmte ihn mehr als die heiße Schokolade. „Hab ich mich etwa darüber beschwert, dich da draußen zu sehen?“, fragte sie, den Blick auf ihre Tasse gerichtet. Dann sah sie ihn an und lächelte schüchtern.

Er starrte sie an. Flirtete sie mit ihm? Immerhin war er hier, in ihrem Wohnzimmer, mitten in der Nacht. Mit nichts an außer einer Jogginghose. Und sie trug nur ein T-Shirt und einen Kimono, so wie es aussah. Das konnte in der Tat eine Anmache sein.

Andererseits war er gerade auf höchst ungewöhnliche Weise in ihr Zuhause eingedrungen. Sie könnte auch einfach das sein, nach dem sie aussah: die süße Nachbarin, die sich nachbarschaftlich-freundlich verhielt.

Er schüttelte den Kopf und gab ihr den Becher zurück. „Ich steh in deiner Schuld“, sagte er. „Danke für den Kakao. Und dafür, dass du nicht die Bullen gerufen hast. Obwohl nächstes Mal …“

„Werde ich sie aus dem Bad anrufen. Und trotzdem, ich glaube nicht, dass ich mich davon überzeugen könnte, dass du ein Einbrecher bist. Du bist zu …“

„Zu was?“, unterbrach er sie, aber er brauchte ihre Antwort nicht zu hören. Er hatte das Gefühl, sie schon zu kennen.

Nett. Sie würde „nett“ sagen.

Er hielt inne, die Worte seiner Exfreundin hallten in seinem Kopf, als hätte sie sie eben erst gesagt und nicht vor drei Monaten.

Scott, ich kann unmöglich eine Beziehung mit dir haben.

Du bist zu nett. Du bist zu lieb.

Du bist langweilig.

„Mir zu sagen, dass ich mich schützen soll, war wirklich … lieb“, stammelte sie. „Du wirkst einfach nicht wie ein Einbrecher-Vergewaltiger-Typ. Ich sehe oft genug Criminal Minds, ich kann das einschätzen.“

„Danke“, sagte er und wollte zurück durchs Fenster klettern.

„Du darfst auch die Tür benutzen. Aber nur, wenn du willst.“

„Oh, ja, klar“, rief er und fühlte sich wie ein Vollidiot. Er folgte ihr zur Tür und trat hinaus in den Hausflur.

Wie sie da so im Türrahmen lehnte, sah sie für eine Sekunde weniger aus wie ein Teenager und mehr wie eine Frau. Ihr eines Bein blitzte unter dem Kimono hervor, ihr Haar war wild zerzaust, ihre Augen halb geschlossen.

Du solltest sie fragen, ob sie mit dir ausgeht.

Er wartete.

Der Verstand siegte. Der Moment verging.

„Danke noch mal“, wiederholte er, drehte sich um und ging weg.

Er wollte herausfinden, was es mit den Typen in der Gasse auf sich hatte, keine neue Freundin suchen. Er wollte noch nicht mal mit jemandem ausgehen. Ganz sicher war er nicht an einem „Mädchen-von-nebenan“ interessiert, schon gar nicht an einem, das in der Wohnung über ihm wohnte.

Und auf gar keinen Fall an einem, das der Meinung war, er sei „lieb“.

Am nächsten Tag stand Amanda im Pralinenladen. In ihrem Pralinenladen. Er war noch geschlossen, aber sie konnte einige Angestellte hören, die schon in der Küche werkelten.

Die Schlüssel in ihrer Jacke fühlten sich an wie aus Blei. Sie versuchte, das Gefühl zu ignorieren, und studierte stattdessen die künstlichen Ausstellungsstücke von Bonbons und Trüffeln in den glänzenden Glaskästen. Aus Gewohnheit ordnete sie in einem Regal die dunklen Schokoriegel neu an.

Ein großer blonder Mann kam aus dem Hinterzimmer und lächelte sie sanft an. „Du kannst das Mädchen aus dem Pralinenladen entfernen …“

„ … aber du kannst nicht den Pralinenladen aus dem Mädchen entfernen“, beendete sie wehmütig den Satz und steckte die Hände in die Jackentaschen – abrupt stieß sie gegen den Schlüsselring. „Tut mir leid, Ethan. Ich muss es wohl nur noch richtig aus dem Kopf kriegen.“

„Bist du dir sicher?“, fragte er besorgt. „Bist du sicher, dass du das zurücklassen kannst?“

Sie nickte etwas heftiger, als nötig gewesen wäre, zog die Schlüssel aus der Tasche und legte sie ihm in die Hand. „Ja. Außerdem weiß ich, dass du den Laden genauso liebst wie ich, vielleicht sogar mehr.“

Er lachte halbherzig. „Ich hab ihn die letzten zwei Jahre vermisst.“

Sie zwang sich, ebenfalls zu lachen, und fragte sich, ob das wohl eine kleine Spitze gegen sie war. Als sie sich scheiden ließen, hatte sie auf Unterhaltszahlungen verzichtet, um dafür die alleinige Inhaberschaft für den Candy-Love-Laden zu erhalten. Damals dachte sie, der Grund dafür sei gewesen, dass sie den Laden eröffnet hatte, zwei Jahre bevor sie geheiratet hatten. Nun wusste sie, dass sie etwas hatte beweisen wollen. Sie hatte ihn am Laufen gehalten und ihn sogar noch erfolgreicher gemacht. Dafür hatte sie achtzig Stunden in der Woche gearbeitet.

„Und, was wirst du jetzt mit all deiner freien Zeit machen?“, fragte Ethan und klimperte mit den Schlüsseln.

„Schlafen“, seufzte sie, und diesmal klang sein Lachen natürlicher. „Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Verreisen. Etwas Aufregendes tun … Was ist?“

Sie runzelte die Stirn, und sein Grinsen wurde breiter. „Du wirst wahrscheinlich die nächsten sechs Monate lesen und fernsehen“, prophezeite er. „Und danach wirst du ein neues Unternehmen gründen. Seit ich dich kenne, Mandy, gibt es bei dir nur zwei Geschwindigkeiten: Workaholic oder Winterschlaf.“

Sie biss sich auf die Lippe, irritiert sowohl von seiner Feststellung als auch von der Wahrheit, die vielleicht darin lag. „Vielleicht werde ich eine Affäre anfangen“, sinnierte sie.

„Tu das, das würde dir bestimmt guttun“, bestätigte er ohne Groll. Wahrscheinlich weil er dachte, dass das nie im Leben passieren würde. Und damit hatte er wohl auch noch recht. „Du brauchst etwas Leidenschaft in deinem Leben.“

„Genau, ich werde mit einem Harley-Fahrer in Ledermontur anbändeln“, witzelte sie. „Vielleicht durch das Land fahren.“

„Anfangen, Poolbillard zu spielen“, fügte Ethan hinzu.

„Mit einer Mikrokamera Fotos von Unterwäschemodels mit Namen Günther machen“, spann sie weiter. „Ja, die Möglichkeiten sind endlos.“

„Also, wenn du dir etwas in den Kopf setzt, bin ich sicher, du wirst es auch erreichen“, sagte Ethan zärtlich. „Du bist die entschlossenste Frau, die ich kenne, Mandy. Ich wünsche dir, dass du dein Abenteuer bekommst.“

„Bye und viel Glück“, sagte sie und umarmte ihn seufzend. Nicht wegen der Beziehung seufzte sie – damit hatte sie vor Jahren abgeschlossen –, nur wegen der Endgültigkeit. Und wegen seiner Kommentare.

Was würde sie denn jetzt wirklich mit sich anfangen?

Sie lächelte etwas gequält, dann verließ sie den Laden. Sie fühlte sich seltsam leer, und ihr war kalt, obwohl die Sonne schien.

„Ich bin spät dran, oder?“

Amanda drehte sich um und sah ihre beste Freundin Jackie auf sie zutraben. „Ich hab meine Schlüssel für das Candy Love abgegeben“, erzählte ihr Amanda mit einem traurigen Lächeln.

Jackie nahm sie in die Arme. „Komm, wir betrinken uns.“

„Es ist acht Uhr morgens“, gab Amanda zu bedenken.

„Dann ein Bloody-Mary-Frühstück“, sagte Jackie und zog sie mit sich. „Keine Widerrede.“

„Als ob du auf mich hören würdest“, murmelte Amanda, fühlte sich aber schon besser. Sie gingen ins Caffè De Lucchi in North Beach. Amanda bestellte Lachs Benedikt und Bloody Mary und Jackie wie immer Pfannkuchen mit Schokostückchen und Vanillesahne.

„Du hast den Geschmack eines Kindes“, sagte Amanda.

„Und das von einer Frau, die einen Pralinenladen besessen hat. Außerdem lebst du dafür wie eine alte Frau“, sagte Jackie und streckte ihr die Zunge heraus. „Unser Essen spiegelt unsere Lebensweise wider. Du beneidest mich um meine Pfannkuchen. Gib’s zu.“

„Weißt du“, seufzte Amanda, „ich beneide dich wirklich irgendwie um deine Pfannkuchen.“

Jackie bemerkte den veränderten Tonfall. „Was ist los, Chica?“ Ihr Gesichtsausdruck bekam etwas Mörderisches. „Es geht doch wohl nicht um deinen Schlappschwanz von einem Exmann, oder?“

„Ethan ist kein Schlappschwanz“, verteidigte Amanda ihn.

Jackie verdrehte die Augen. „Du bist die einzige Frau, die ich kenne, die mit dem Mann, der sie betrogen hat, immer noch befreundet ist.“

„Er hat mich nicht betrogen. Er hat sich bloß in Jillian verliebt, und wir haben uns getrennt, damit er mich nicht betrügen muss.“ Ehe sie wahrnehmen konnte, wie ungläubig Jackie sie anstarrte, schüttelte sie den Kopf. „Und wenn ich ihn wirklich geliebt hätte, hätte mir das natürlich etwas ausgemacht. Das war das Schlimmste, weißt du. Da kommt dieser Typ und sagt mir: ‚Ich glaube, ich habe mich in eine andere verliebt, vielleicht sollten wir nicht verheiratet sein‘, und mein erster Gedanke ist: ‚ein Glück‘. Er hat mich sitzen lassen, so muss ich nicht die Böse sein.“

Jackie nickte und nahm einen Schluck von ihrem Drink. „Ich hab mir so etwas schon gedacht. Du warst zwar traurig, wirktest aber auch erleichtert. Das hast du bisher nur nie so gesagt.“

„Ich wollte es wohl nicht zugeben. Aber nun bin ich bereit, nach vorn zu schauen.“

„Alles wird gut! Wir gehen feiern! Wenn es nach mir geht, musst du nie wieder um zehn ins Bett gehen, nachdem du sechs Stunden lang ferngesehen hast.“

„Letzte Nacht habe ich gar nicht gut geschlafen“, stellte Amanda klar. Ihr Ruf als langweilige Dauerschläferin war anscheinend weitverbreitet. Sie musste grinsen, als ihr die letzte Nacht mit Scott einfiel. „Das ist allerdings nicht allein meine Schuld.“

„Albträume?“, fragte Jackie besorgt. „Oder kannst du nur deinen Kopf nicht dazu bringen, Ruhe zu geben? Ich hasse das.“

„Besser.“ Amanda nahm ihren Sellerie aus der Bloody Mary und trank einen großen Schluck. „Ich habe etwas Zeit mit einem fremden Mann verbracht.“

Jackie machte große Augen. „Mein Gott! Und war es gut?“

„Was? Oh, nein, nicht, was du denkst.“ Amanda erzählte schnell die Geschichte von ihrem Besucher.

„Ich dachte eigentlich, dass dein Wohnhaus sicher ist, aber vielleicht solltest du das Fenster lieber nicht auflassen“, meinte Jackie und lachte dann über die Geschichte. „Scheint aber ein heißer Typ gewesen zu sein. Du hättest ihn vernaschen sollen.“

„Ja, genau“, schnaubte Amanda und trank ihre Bloody Mary aus. „Wie auch immer, ich überlege, ob ich nicht in den Urlaub fahren soll, aber irgendwie finde ich nicht das Richtige. Ich will ein Abenteuer, verstehst du? Ethan hatte recht. Entweder ich arbeite oder ich hänge herum. Ich muss die Dinge mal etwas in Schwung bringen.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass Mr Feuerleiter jemand sein könnte, der die Dinge in Schwung bringt“, konterte Jackie. „Also, dein Liebesleben zum Beispiel oder zumindest deine Matratze. Du solltest unbedingt mit ihm schlafen.“

„Auf was für einem Planeten lebst du eigentlich?“, fragte Amanda. „Gehst du wirklich einfach auf Leute zu und sagst: ‚Hi, ich finde, wir sollten miteinander schlafen‘, und dann … macht ihr es?“

„Fünf von sieben Malen funktioniert es“, zählte Jackie an ihren Fingern ab.

„Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber ich habe deine Versuchsgruppe gesehen, und mit sieben von sieben dieser Typen möchte ich nicht ins Bett.“

„Das liegt nur daran, dass du meinst, du musst sie danach behalten“, meinte Jackie und grinste boshaft. „Für kurze Zeit kann man phänomenale Ergebnisse erzielen. Und selbst wenn nicht, es macht Spaß. Lebe ein bisschen. Wann hattest du das letzte Mal Sex nur so zum Spaß?“

Amanda schaute sich verstohlen im Café um und errötete. „Äh, noch nie?“

„Verurteile nichts, was du nicht ausprobiert hast“, sagte Jackie wissend. „Ich glaube, das ist genau das, was du brauchst.“

„Was?“

„Eine Affäre“, meinte Jackie breit grinsend. „Ich weiß gar nicht, warum ich nicht früher darauf gekommen bin. Du brauchst wilden, ungezähmten, animalischen Sex.“

„Und noch eine Bloody Mary“, sagte Amanda zum Kellner, der sie jetzt beide mit großen Augen anstarrte. „Mensch, Jackie, was ist mit deinem inneren Zensor passiert? Außerdem hatte ich Kurzzeitbeziehungen …“

„Das soll aber in keiner Hinsicht eine Beziehung sein. Du solltest möglichst noch nicht mal den Nachnamen des Typen kennen. Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass er dich auf Touren bringt.“

Amanda dachte an Scott, nur mit der Jogginghose bekleidet, sein Haar zerzaust. Bei dem Gedanken an einen Einbrecher hatte sie schon heftiges Herzklopfen gehabt, aber es war kein bisschen weniger geworden, nachdem sie herausgefunden hatte, dass es ihr Nachbar war.

Oh ja, er brachte sie sehr wohl auf Touren – schon seit sie ihn das erste Mal im Hausflur getroffen hatte, vor ungefähr einem Jahr.

Jackie bemerkte ihren Blick. „Also … du solltest Mr Feuerleiter zu mehr Kakao einladen. Und zu anderen Leckereien.“

„Du bist geisteskrank“, sagte Amanda. „Ich habe sogar versucht, zu flirten – er hat überhaupt nicht reagiert.“

„Wenn du eine Amish wärst, würde das vielleicht als Flirten zählen“, spottete Jackie. „Sei klar und deutlich. Lade ihn ein, bitte ihn, sich auszuziehen, und guck, was passiert.“

„Und wenn er Nein sagt und ich ihn dann im Fahrstuhl oder bei den Briefkästen treffe?“, antwortete Amanda, obwohl ein Teil von ihr der Idee nicht abgeneigt war. „Wie unangenehm. Das wäre schrecklich.“

„Du bist ein Feigling“, meinte Jackie, wechselte aber das Thema. „Was willst du also stattdessen machen? Keine Reise, aber du willst ein Abenteuer erleben. Was wirst du tun. Bungeejumping oder so was?“

Amanda schüttelte sich beim bloßen Gedanken an die Höhe. „Nicht im Entferntesten.“

Aber der Gedanke an ein Abenteuer – ein echtes Abenteuer – ging ihr nicht aus dem Kopf.

Vielleicht ist es das, was ich brauche.

„Du könntest … das heißt, warte, du hasst es ja, zu fliegen“, sagte Jackie. „Wie wär’s dann mit einer Bergwanderung oder so etwas in der Art?“

Amanda johlte. „Sag mal, kennst du mich eigentlich?“

„Mädchen, du bist ein hoffnungsloser Fall.“ Jackie schüttelte den Kopf. „Du sagst, du willst ein Abenteuer erleben. Du sagst, du willst anders sein. Aber in sechs Monaten werde ich dich mit einem weiteren Businessplan in den Händen vorfinden, du wirst bis zum Hals in Achtzigstundenwochen stecken, und wir werden uns wie immer monatlich zum Brunch treffen.“

Amanda rührte in ihrem Drink. Jackie hatte recht. Ethan hatte recht. Das alles deprimierte sie nur noch mehr. Sie war in diese Tretmühle geraten, und es hatte sie unglücklich gemacht, aber dennoch schien sie davon magnetisch angezogen zu werden.

Nein. Sie würde so nicht weitermachen. Sie würde etwas anderes machen … auch wenn es unbequem sein würde. Sogar wenn es die Hölle wäre.

Sie wollte eine Abenteurerin sein. Sie musste eine Abenteurerin sein.

„Okay“, grübelte sie. „Ich werde Scott zum Essen einladen.“

„Gut!“ Jackie grinste. „Ich werde das natürlich erst glauben, wenn ich es sehe.“

„Du wirst schon sehen.“ Amanda trank ihren zweiten Drink noch schneller aus als den ersten. Dann starrte sie auf ihren Teller. Sie gab dem Kellner ein Zeichen.

„Ja, bitte?“, fragte er mit einem nervösen Seitenblick auf Jackie.

„Bringen Sie mir bitte auch diese verdammten Pfannkuchen!“

„Sieh an! Du meinst es ernst!“ Jackie brach in Gelächter aus. „Ich bin gespannt!“

Gut, dass du sowieso nicht schlafen kannst, sagte Scott sich, als er die Straße betrachtete. Langsam wird es nämlich lächerlich.

Es war drei Uhr nachts, schon wieder. Ein paar Tage waren vergangen, seit er die Ansammlung von Männern in der Gasse hatte verschwinden sehen. Er war nicht mehr auf der Feuerleiter gewesen, aber er sah aus dem Fenster, wann immer er nachts wach war.

Zu dumm, dass du nicht heißen Kakao mit deiner süßen Nachbarin trinken kannst.

Er lächelte, als er an Amanda dachte – ihr ungeschminktes Gesicht, das ausgebeulte T-Shirt. Ihre wohlgeformten Beine darunter …

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