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Willkommen bei "Sex-Appeal"

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1. KAPITEL

„Du warst ein böser Junge. Komm sofort auf mein Zimmer.“

Unter dem Sweatshirt mit frechem Aufdruck zeichnete sich ein wohlgeformter weiblicher Oberkörper ab. Brent Bramwell schlenderte durch die neue Einkaufsstraße und begutachtete die bunte Ansammlung kleiner Boutiquen. Die Sache schien sich gut zu entwickeln, nun, da fast alle Geschäftsräume vermietet waren.

Aus den Augenwinkeln hatte er in einem der Schaufenster eine Bewegung wahrgenommen, war neugierig geworden und hatte trotz des eisigen Novemberwindes seinen Schritt verlangsamt. Von der Gestalt im Sweatshirt konnte er nicht mehr als die mittlere Körperpartie sehen. Die Frau war gerade dabei, neue Jalousien aufzuhängen. Offenbar stand sie auf einer Leiter. Ihr Kopf wurde von der halb herabhängenden Jalousie verdeckt, ihre Beine vom Fenstersims, zumindest von den Knien abwärts.

Doch der Teil von ihr, der sichtbar war, war gar nicht schlecht. Die Hüften waren rund und fest, die Schenkel schlank, die Brüste nicht zu klein und nicht zu groß.

Langsam trat Brent an das Schaufenster heran. Der eisige Wind blies ihm ins Gesicht und fuhr ihm durchs Haar. Noch einmal las er die Worte auf dem Sweatshirt und fragte sich, was für eine Frau das sein mochte, die mit einem solchen Spruch auf sich aufmerksam machte. Kurz vor dem Fenster blieb er stehen und betrachtete genüsslich den Streifen nackter Haut, der sich zeigte, als die Frau sich nun reckte. Er konnte sogar ihren Nabel sehen, eine kleine Vertiefung in einem festen flachen Bauch.

Sehr sexy.

In diesem Augenblick stieg sie von der Leiter. Ihre Blicke trafen sich. Ihre großen, glänzenden Augen waren braun mit einem dichten Kranz langer Wimpern. Schelmisch blitzten sie ihn an.

Brent verlor buchstäblich das Gleichgewicht.

Der Gehweg war eisbedeckt. Brent war ausgeglitten und fand sich plötzlich auf dem Rücken liegend wieder, über sich den grauen Novemberhimmel.

Die Tür der Boutique öffnete sich, und die Frau kam heraus. Sie geriet auf dem spiegelglatten Gehweg ebenfalls ins Schlittern, hielt sich jedoch im Gegensatz zu Brent auf den Beinen.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt und kniete sich neben ihn.

Er starrte in ihre Augen – die schönsten Augen, die er je erblickt hatte, strahlend und ausdrucksvoll, und suchte nach Worten. Doch ihm fiel nichts ein. Also nickte er nur. Die Sache war ja so peinlich, und schmerzhaft dazu. Außerdem klapperten ihm wegen der Kälte die Zähne.

„Können Sie aufstehen?“

„Ich fürchte, nein“, log er und wartete ab, was sie tun würde.

Ohne Zögern legte sie ihm den Arm um den Oberkörper und versuchte, ihn aufzurichten. Als sie endlich beide standen, überragte er sie um ein beträchtliches Stück.

Gemeinsam schlitterten sie zur Ladentür. Er stützte sich nur ein kleines bisschen auf sie, gerade so viel, dass sie dicht an seiner Seite bleiben musste.

„Es tut mir wirklich leid“, sagte sie. „Heute Nachmittag ist gestreut worden, aber bei diesem Wetter überfriert es ständig wieder neu.“ Sie blickte zu ihm hoch. Diese Augen! „Ich hoffe, Sie haben sich nicht ernsthaft wehgetan.“

Sie war einfach hinreißend. Ihr dunkles Haar war eine dichte Mähne seidig glänzender Locken, die bei jeder Bewegung wippten. Ihr Teint war hell und makellos. Er nahm sich Zeit, seine Retterin ausgiebig zu betrachten, während sie ihn zu einem Stuhl hinter der Ladentheke führte.

Die abgewetzten Jeans, die sie trug, lagen ziemlich eng an, genau wie das verwaschene Sweatshirt. Man konnte sehen, dass sich wegen der Kälte ihre Brustknospen darunter abzeichneten.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte Brent, als er ihren fragenden Blick bemerkte. „Ich schätze, mehr als meinen Stolz habe ich mir nicht verletzt.“

Sie schenkte ihm ein atemberaubendes Lächeln. „Oh, ich fürchte, Sie werden schon noch ein paar verletzte Stellen ausfindig machen, wenn Sie sich die Zeit nehmen, genauer hinzuschauen.“

Wie ungezwungen sie war. „Vielleicht haben Sie recht. Wer sind Sie eigentlich?“

Sie streckte ihm eine kleine, schmale Hand entgegen. „Shadow Callahan“, erwiderte sie. „Mir gehört dieses Geschäft.“

Brent nahm ihre Hand und hielt sie fest. Sie fühlte sich sehr zart an und war erstaunlich warm, trotz der Kälte. „Shadow? Das ist kein ganz normaler Name.“

„Nun, ich bin ja auch nicht ganz normal. Jedenfalls finden das die meisten Leute.“

„Wieso?“

Shadow blickte auf ihre miteinander verschränkten Hände. Ihr Lächeln wurde eine Spur breiter. „Ist das nicht ein ziemlich langes Händeschütteln? Neulich habe ich in einem Artikel gelesen, dass ein Mann, der einer Frau länger als drei Sekunden die Hand schüttelt, sich ernsthaft für sie interessiert.“ Wieder blitzten ihre Augen ihn schelmisch an. „Sie wollen nicht zufällig ein ernsthaftes Interesse an mir zum Ausdruck bringen?“

Brent war sprachlos. Langsam ließ er ihre Hand los. „Ich glaube, ich habe gerade darüber nachgedacht, wie böse ich genau sein müsste, um in Ihr Zimmer geschickt zu werden.“

Wieder verblüffte sie ihn, indem sie unbekümmert auflachte. „Ich habe nicht damit gerechnet, heute jemandem zu begegnen. Mein Geschäft ist geschlossen. Solche Sachen trage ich nur ganz privat, in Gegenwart von Freunden.“

„Männlichen Freunden?“

Sie zuckte die Schultern, was seine Aufmerksamkeit erneut auf ihre Brüste lenkte. „Freund ist Freund, das hat mit dem Geschlecht nichts zu tun.“

„Oh, das stimmt aber nicht. Männer suchen nur aus einem Grund Kontakt zu attraktiven Frauen. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von ihnen.“

Shadow verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an die Wand. Sie wirkte völlig gelassen. „Ist das die Erfahrung, die Sie gemacht haben?“

Er musterte sie unverhohlen. „Allerdings.“

„Wissen Sie …“, sie lächelte noch immer, „… auf mich wirken Sie wie einer von der schlimmen Sorte. Lassen Sie mich raten, welchen Vornamen Sie wohl haben. Johnny? Oder Sascha? Sie sehen aus wie ein Johnny, der immer nur an das eine denkt und es auch bekommt.“

„Wenn das so ist“, erwiderte er, „warum haben Sie mich dann mit hereingenommen? Finden Sie es nicht gefährlich, einen großen Mann von der schlimmen Sorte hier hereinzulassen, wenn Sie ganz allein mit ihm sind?“

Sie deutete auf den Fußgängerstrom vor dem Schaufenster. „Ich denke, man würde es bemerken, falls mir hier etwas passieren würde.“

Er rieb sich das Kinn. „Eins zu null für Sie.“

„Seien Sie nicht so enttäuscht, Johnny. Ich habe im Moment sowieso keine Zeit für Männer.“

„Werden Sie mich weiterhin Johnny nennen, wenn ich mich nicht vorstelle?“

„Natürlich. Wenigstens für die nächsten zwei Minuten. Dann werde ich Sie bitten müssen, mich zu entschuldigen, weil ich arbeiten muss.“

Er stand auf und reichte ihr formvollendet die Hand. „Tut mir leid, dass ich Sie enttäuschen muss, aber ich heiße weder Johnny noch Sascha, sondern Brent Bramwell.“

Shadow musterte ihn von Kopf bis Fuß. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Der Name passt zu Ihnen. Und Sie irren sich, Sie enttäuschen mich überhaupt nicht, Brent – im Gegenteil. Sie sind genau das, was ich suche.“

Wieder hielt er ihre Hand viel zu lange fest. „Ich glaube, ich bin doch härter gestürzt, als ich dachte. Was haben Sie gerade gesagt?“

„Sie haben schon richtig verstanden.“ Belustigt entzog sie ihm ihre Hand. „Schauen Sie sich doch an. Sie sind groß und gut aussehend. Ihr Mantel verdeckt zwar einiges, aber ich würde sagen, Sie sind sogar richtig gut gebaut, und nicht zu alt. Mitte dreißig?“

„Vierunddreißig“, antwortete er automatisch. „Moment mal, worum geht es hier überhaupt?“

Lachend zog Shadow einen Stuhl für sich heran und bedeutete Brent, sich ebenfalls zu setzen. Er war wirklich sehr attraktiv. Das war ihr sofort aufgefallen. Er hatte grüne Augen unter dichten dunklen Brauen, die jetzt missbilligend zusammengezogen waren. Sein Blick war offen und direkt. Das Gesicht war ziemlich markant, mit einer schmalen, geraden Nase, hohen Wangenknochen und ausgeprägtem Kinn. Sein Mund war sehr sexy, und dann war da noch das Grübchen in seiner linken Wange. Sie seufzte.

Doch am besten fand sie seinen trockenen Humor. Was sie über alles liebte war Humor, war Fröhlichkeit, Lachen. Sie hatte in ihrem Leben einen Punkt erreicht, an dem es für sie vor allem darum ging, das große Glück zu genießen, das es bedeutete, überhaupt zu leben. Wegen ihres unerschütterlichen Optimismus hielt man sie häufig für etwas seltsam. Aber auch das war für sie belustigend.

Brent wirkte auf einmal sehr ungehalten, als sie ihn so unverhohlen musterte. Sie war ihm wohl eine Erklärung schuldig. „Die Boutiquen in dieser Einkaufsstraße haben sich zu einer gemeinsamen Aktion zusammengeschlossen, deren Motto ‚Lust und Liebe‘ lautet. Jeder Geschäftsbesitzer muss zehn Männer ausfindig machen, die dem Wunschbild junger weiblicher Singles entsprechen. Sie sollten also eine natürliche Attraktivität ausstrahlen, aber auch Sinn für Humor haben und eine romantische Ader besitzen. In unseren Schaufenstern werden wir die Fotos der Bewerber ausstellen, und jede Kundin kann ihre Stimme abgeben, wenn sie den Laden betritt. Natürlich hoffen wir, damit das Geschäft anzukurbeln.“

Offenbar hatte sie ihn wieder geschockt. Rasch redete sie weiter, bevor er irgendwelche Einwände erheben würde. „Alle Geschäfte haben sich beteiligt. Der erste Preis – ein Urlaub für zwei Personen – kommt vom Reisebüro. Die Fotografien der Teilnehmer werden übrigens vom Fotostudio zwei Häuser weiter gemacht. Es gibt natürlich noch weitere Preise, zum Beispiel einen Monat lang jeden Tag umsonst Kaffee und Kuchen im Coffee-Shop. Von meinem Geschäft kommt ein Geschenkgutschein über zweihundert Dollar. Alles in allem bieten wir also ziemlich beeindruckende Anreize zum Mitmachen.“

Brent sagte kein Wort, sondern sah sie nur skeptisch an.

Shadow hatte das unbestimmte Gefühl, ihn irgendwie verstimmt zu haben. „Wie groß sind Sie eigentlich?“, fragte sie neugierig.

Das veranlasste ihn aufzustehen. „Ich denke, ich gehe jetzt besser. Es war interessant, Sie kennenzulernen.“

Sie folgte ihm und fragte sich, was sie falsch gemacht hatte.

Plötzlich blieb er stehen und sah sich verwundert um, als nähme er erst jetzt wahr, dass er sich in einem Geschäft befand. „Was für ein merkwürdiger Laden ist das eigentlich?“

Empört stützte sie die Hände in die Hüften. „Eine Geschenkboutique. Sie bekommen hier alle möglichen Neuheiten und Gags.“

Mit langen Schritten ging Brent zur Tür, steckte den Kopf hinaus und blickte nach oben auf das Ladenschild. „Sex-Appeal? Was für ein Name für ein Geschäft!“

„Nun ja, eine Freundin von mir arbeitet in der Werbebranche. Sie hat sich diesen Namen für mich ausgedacht und dazu noch eine ganze Werbekampagne. Außerdem versorgt sie mich zum Teil auch mit den Sprüchen, die ich auf T-Shirts und anderen Dingen verwende.“

Brents Blick hatte sich verdüstert, seine Augen wirkten jetzt eher dunkelbraun als grün.

Shadow legte den Kopf schief. „Möchten Sie einen Katalog?“

„Warum erklären Sie mir nicht einfach genau, um was für eine Art von Geschäft es sich hier handelt?“

Unwillig runzelte sie die Stirn. Doch dann zuckte sie lässig mit den Schultern. Die Sache war es nicht wert, sich deswegen beleidigt zu fühlen. „Ich habe mich sozusagen auf alles spezialisiert, was irgendwie sexy ist“, antwortete sie. „Nicht diese Sachen aus Satin und Latex, wie Sie vielleicht glauben. Ich verkaufe Sachen, die Spaß machen und die gleichzeitig bequem sind. Eine Frau kann sexy und trotzdem bequem angezogen sein. Das kommt ganz auf sie selbst an. Ich glaube, Männer wissen das schon lange.“

Da Brent interessiert zuzuhören schien, beeilte sie sich, ihre Theorie näher zu erklären. „Ich habe einmal eine Umfrage gemacht, und wissen Sie, dass die meisten Männer ihre Frau besonders dann sexy finden, wenn sie zerzaust ist? Dabei stellen Frauen alles Mögliche an, um perfekt auszusehen. Perfekt manikürt, perfekt angezogen, perfekt duftend, perfekt frisiert. Alles Unsinn.“

Brent wirkte nicht sehr überzeugt.

„Manche Männer finden ihre Frau in der Küchenschürze sexy, andere in abgeschnittenen Jeans.“

„Sie verkaufen also abgeschnittene Jeans und Küchenschürzen?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Shadow lachend. „Ich verkaufe Sweatshirts wie meins hier, die einfach nur lustig sind, und Dessous aus der allerfeinsten, weichsten Baumwolle. Die ist wesentlich angenehmer auf der Haut als kühle Seide, glauben Sie mir.“ Sie nahm einen Bügel mit einem Nachthemd von einem der Kleiderständer. „Zum Beispiel dieses Nachthemd hier. Der Stoff ist weich und warm auf der Haut, sehr angenehm.“ Sie ließ eine Hand unter den Stoff gleiten. „Aber trotzdem ist er ziemlich durchsichtig. Sehen Sie meine Finger?“

„Hm.“

„Sie müssen schon ein wenig Ihre Fantasie bemühen.“

„Ich werde es versuchen.“

Stumm schaute sie ihn an. „Na schön“, sagte sie dann. „Ich sehe, Sie sind nicht der Typ, der das Leben gern von der heiteren Seite nimmt.“ Sie hängte das Nachthemd wieder auf den Ständer. „Möchten Sie trotzdem noch das Bewerbungsformular für den Wettbewerb ausfüllen? Ich brauche noch drei Männer, um meine Quote zu erfüllen.“

„Ich werde darüber nachdenken.“

Wenigstens lehnte er nicht rundheraus ab. „Warten Sie aber nicht zu lange. Wir müssen alle Fotografien bis Ende November fertig haben.“

„Fotografien? Müssen Ihre Kandidaten sich in aufreizender Pose präsentieren?“

„Aber nein.“ Shadow musste fast lachen, so entsetzt sah Brent aus. Was er wohl zu verbergen hatte? „Sie müssen sich nicht zur Schau stellen, aber sportlich lässig wäre nicht schlecht. Sie wissen schon, Jeans und Stiefel. Fragwürdige Posen oder Kleidung sind nicht erwünscht.“

Die Lippen leicht verzogen, musterte er sie irritierend gründlich.

„Was ist?“, fragte sie.

„Ich denke nach.“

„Aha. Worüber?“

„Ehrlich gesagt …“, Brent lächelte gewinnend, „… denke ich, wir sollten die weiteren Details beim Abendessen besprechen.“ Er blickte auf ihren unberingten linken Ringfinger. „Sie sind nicht gebunden, oder?“

„Nur an ungefähr ein halbes Dutzend Verehrer, aber nicht ernsthaft.“ Eigentlich wollte sie das nicht unbedingt, aber sie fand ihn interessant. Er war zwar ein bisschen reserviert und zurückhaltend, aber wirklich sehr attraktiv und schlagfertig. „Und Sie?“

„Ist das auch ein Kriterium? Muss ich Single sein, um mitmachen zu können?“

„Nein, aber um mit mir essen zu gehen.“

„Dann muss ich wohl zugeben, dass ich völlig ungebunden bin, und noch dazu neu in der Stadt.“

„Aha?“ Sie lächelte. Dass er mit ihr flirtete, gefiel ihr. „Ehrlich gesagt, die Gegend ist für mich auch ziemlich neu. Allerdings habe ich schon ein paar Freunde gefunden, kann also nicht behaupten, hier ganz allein zu sein.“

Brent sah auf seine Armbanduhr. „Ich habe einen Termin und bin schon spät dran, aber ich kann Sie in einer Stunde abholen.“

Forschend betrachtete sie ihn. „Warum verschieben wir das mit dem Abendessen nicht auf ein andermal? Schließlich kennen wir uns noch gar nicht. Vielleicht sind Sie doch ein Johnny, und alles andere war gelogen. Aber wir könnten uns morgen in der Mittagspause hier im Coffee-Shop treffen.“

Er zögerte sehr lange mit der Antwort. „Sie haben wunderschöne Augen“, sagte er plötzlich. „Okay, dann treffen wir uns zum Mittagessen. Um zwölf?“

Wollte er sie eigentlich aus dem Gleichgewicht bringen? „Ja, in Ordnung. Wir treffen uns dort.“

„Nein. Ich komme hierher, und wir gehen zusammen dorthin.“ Im Hinausgehen nahm er einen Katalog vom Stapel.

Shadow merkte, dass Brent sich ihren Namen und ihre Telefonnummer einprägte, die links oben auf dem Katalog standen. Ohne ein weiteres Wort verließ er ihr Geschäft, wobei er den vereisten Gehweg mit äußerster Vorsicht betrat.

Als er fort war, legte sie die Hand auf ihr Herz. Es pochte wild. Himmel, was für ein Mann! Aber sie hatte gleich gemerkt, dass er sich nicht gern die Zügel aus der Hand nehmen ließ. Ihre eigenwillige Art hatte ihm offenbar gefallen, ihn aber gleichzeitig auch irritiert.

Die morgige Mittagspause würde sicher sehr interessant werden.

„Micky, Sie müssen mir eine Akte heraussuchen.“

„Ja, Mr. Bramwell. Welche?“

Brent lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. „Shadow Callahan. Sie hat Geschäftsräume in der neuen Einkaufspassage in Southwatch gemietet.“

„Ich bringe sie gleich.“

„Danke.“ Brent studierte die Angebote in Shadows Katalog: Brettspiele, Duftöle, Kleidung, ganze Bücher mit Anleitungen dazu, wie das Liebesleben mehr Spaß machte. Eine wirklich extravagante Idee. Vielleicht etwas komisch, aber bestimmt gewinnbringend. Und die Frau, die sich das ausgedacht hatte, war einfach bezaubernd.

Noch nie zuvor war er einem so vor Lebendigkeit sprühenden, attraktiven weiblichen Wesen begegnet. Selbst in abgewetzten Jeans und einem altem Sweatshirt strahlte Shadow Callahan ein unglaubliches Selbstvertrauen aus. Das hatte nichts mit ihrer Kleidung oder ihrem Parfüm zu tun, sondern lag an ihrer Persönlichkeit. Die Art, wie sie sich bewegte, wie sie sprach, wie sie lächelte. Sie wirkte so herrlich ungezwungen und gerade dadurch überaus anziehend.

Brent spürte immer sehr schnell, was für Motive eine Frau bewegten. Das musste er, denn Frauen umschwirrten ihn wie Motten das Licht. Was jedoch an seinem Bankkonto und seiner Position lag und nicht an seinem Aussehen, geschweige denn an seinem Charakter. Ebenso gut hätte er ein hässlicher Gnom mit den unerträglichsten Eigenschaften sein können. Die Aufmerksamkeit der Frauen wäre ihm dennoch sicher gewesen. Es war lange her, dass es ihn gereizt hatte, einer Frau den Hof zu machen. Verflixt, es war lange her, dass er es überhaupt nötig gehabt hatte.

Aber Shadow Callahan, die ihm ohne Umstände sagte, wie sehr er ihr gefiel, wusste nichts davon, dass er reich war. Warum war sie dann so darauf bedacht gewesen, die Kontrolle über die Situation zu behalten? Das hatte er sofort gemerkt, denn normalerweise war das sein Part. Dagegen hatte er ihr für ein oder zwei Minuten die Kontrolle sogar überlassen, wenn auch nur aus Verblüffung.

Micky brachte ihm die Akte, und Brent las sie gründlich durch. In wenigen Stunden würde er Shadow Callahan wiedersehen, und diesmal wollte er gut darauf vorbereitet sein. Shadow – was für ein Name! – wusste bis jetzt nicht, was ihm nur recht sein konnte, dass er der Besitzer aller Gebäude in der neuen Einkaufsstraße war und damit ihr Vermieter.

An diesem Morgen dachte Shadow keine Sekunde an Brent. Dazu war sie viel zu beschäftigt.

Am Abend zuvor hatte sie allerdings sehr viel über ihn nachgedacht. Er war interessant. Viel interessanter jedenfalls als alle Männer, die sie je kennengelernt hatte. Sie hätte zwar nicht sagen können, was genau an Brent Bramwell sie so anzog, aber sie würde es herausfinden, sobald sie Zeit dafür hatte.

Er kam um Viertel vor zwölf. Seine Wangen waren gerötet von der Kälte. Sie bedachte ihn mit einem kurzen Lächeln und wandte sich dann wieder den beiden Kundinnen zu, die sich nicht zwischen zwei Brettspielen entscheiden konnten.

Schließlich rangen sie sich zu einer Entscheidung durch, und sie wünschte ihnen beim Abschied alles Gute und vor allem viel Spaß.

Brent trat zu ihr, nicht ohne ihr Outfit ausführlich zu begutachten.

Sie lächelte. „Gefällt es Ihnen?“ Sie trug ein flauschiges weißes Oberteil, das ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, dazu Leggings und Stiefel aus weichem Leder.

„Vierzig – Na und?“, las Brent, als sie sich mit ausgebreiteten Armen zu ihm hindrehte. „Hübsch. Aber Sie sind keine Vierzig.“

„Wie können Sie das so genau wissen?“ Sie war einunddreißig.

„Ich weiß nur eins: Sie sind nicht vierzig.“

„Finden Sie, ich sehe gut aus für vierzig?“

„Zu gut“, erwiderte er. „Ich dachte eigentlich, Frauen legen Wert darauf, für jünger gehalten zu werden.“

„Warum sollte ich? Wenn ich behauptete, ich wäre zwanzig, würden die Leute denken, oh, dafür sieht sie aber schlecht aus. Aber für vierzig habe ich mich ganz gut gehalten.“

„Ich finde, Sie sehen verdammt gut aus, ganz gleich, wie alt Sie sind.“

Es klang, als wenn er das wirklich so meinte, und sie bekam schon wieder Herzklopfen. „Ich muss nur meiner Assistentin Bescheid sagen und meinen Mantel holen. Dann können wir gehen.“ Sie verschwand nach hinten.

„Das ist Kallie, meine rechte Hand“, stellte sie sie einander vor, als sie mit ihrer Assistentin zurückkehrte und in ihren Mantel schlüpfte. „Kallie, das ist Brent Bramwell. Wir gehen hinüber in den Coffee-Shop, falls du mich brauchst.“

Kallie lächelte. „Kein Problem, ich komme zurecht.“

Minuten später saßen sie an einem der kleinen Tische in dem Coffee-Shop, der sich nur zwei Häuser weiter befand. Nachdem Shadow ihre Bestellung aufgegeben hatte, blickte Brent nur kurz auf die Speisekarte. „Ich nehme das Gleiche“, sagte er.

„Möchten Sie die heutige Kaffeemischung probieren?“, fragte Eliza.

„Oh ja, natürlich. Bring uns ein Kännchen“, erwiderte Shadow, bevor Brent etwas sagen konnte.

„Was für eine Kaffeemischung ist das?“, wollte Brent wissen.

„Keine Ahnung, aber der Kaffee hier schmeckt immer hervorragend. Außerdem probier ich gern neue Sachen aus.“ Sie schwieg einen Moment. „Sie nicht?“

Brent lehnte sich zurück. Seine Augen funkelten. „Ich habe die Woche über noch sehr viel zu erledigen, weil ich ja gerade erst eingezogen bin“, erklärte er. „Aber wenn Sie wirklich so abenteuerlustig sind, warum gehen Sie dann nicht am Freitagabend mit mir essen?“

Heute war Montag. Shadow war ein wenig enttäuscht, dass es ihm genügte, sie erst am Freitag wiederzusehen. „Ich weiß nicht. Ich bin nicht sicher, ob Sie vertrauenswürdig genug sind. Sie sind umwerfend attraktiv, aber auch sehr wortgewandt. Ich habe das Gefühl, Sie können einer Frau gefährlich werden, und meine Menschenkenntnis ist ziemlich gut. Das war nicht immer so, aber jetzt schon.“

„Das hört sich eher vorsichtig an als abenteuerlustig.“

„Zwischen abenteuerlustig und leichtsinnig gibt es einen Unterschied.“ Shadow beugte sich vor und sah Brent bedeutungsvoll an. „Ich bin niemals leichtsinnig.“

Seine Mundwinkel zuckten leicht, aber er ging auf ihren herausfordernden Ton nicht ein. „Davon bin ich überzeugt. Ich habe mir Ihren Katalog angesehen. Es ist offensichtlich, dass Sie eine intelligente Frau sind und einen ausgeprägten Geschäftssinn haben.“

Auch das klang überzeugend, aber sie wollte sich nicht zu sehr von Brents Charme einwickeln lassen. Es war schon genug, dass sie ihn so attraktiv und charmant fand. Sollte er tatsächlich auch noch einfühlsam und liebenswürdig sein, wäre das einfach zu viel. Nein, eine solche Närrin, das zu glauben, war sie nicht.

Eliza brachte das Essen. Brent wartete, bis Shadow den ersten Bissen probiert hatte. „Nun, wenn Sie also nicht mit mir essen gehen wollen, was möchten Sie sonst tun? Ich ziehe zwar erst diese Woche in mein Haus ein, aber ich schätze, es wäre kein Problem, wenn Sie zu mir kämen, falls Sie sich nicht damit aufhalten wollen, dass wir uns erst umständlich kennenlernen.“

Shadow ließ sich Zeit und kaute sorgfältig, bevor sie ihren Bissen hinunterschluckte. Aus welchem Grund glaubte Mr. Brent Bramwell eigentlich, das Recht zu haben, so unverschämt zu sein? In seinem dunkelgrauen Anzug mit Seidenkrawatte bot er ein Bild perfekter männlicher Eleganz. Eine sündhaft teure Armbanduhr schaute unter seiner rechten Manschette hervor. Seine großen Hände waren nur leicht behaart und sehr gepflegt.

Sie nahm ihre Serviette und tupfte sich die Lippen ab. „Was machen Sie beruflich, Brent?“

„Ich handle mit Immobilien. Aber warum beantworten Sie meine Frage nicht?“

Shadow rührte mit dem Teelöffel in ihrer Kaffeetasse herum. „Sie sind also reich?“

Brent lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich fürchte, ich kann Ihrem Gedankengang nicht recht folgen. Oder müssen Sie erst wissen, wie viel ich verdiene, um mir sagen zu können, was genau Sie von mir wollen?“

Sie fühlte tiefes Bedauern. Er war ihr zunächst so anders als andere Männer erschienen. Entschlossen stand sie auf, öffnete ihre Handtasche und legte das Geld für ihr Essen auf den Tisch.

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