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Willenlos vor Glück

1. KAPITEL

Laura Caldwell Morris fühlte jähen Zorn, als sie von ihrem Schreibtisch aufschaute und die weiße zweistrahlige Propellermaschine wie einen gigantischen Porzellanvogel auf ihrer Flugpiste landen sah.

„Noble Engineering“ stand in großen blauen Lettern auf dem Rumpf.

Es dauerte eine Weile, bis Laura merkte, dass sie den Atem angehalten hatte, während die Maschine landete. Der Pilot bremste jetzt und ließ das Flugzeug langsam ausrollen, bevor er wendete und zu den Treibstoffpumpen hinüberfuhr.

War es purer Zufall, dass er zum Tanken gerade hier gelandet war?

Laura hoffte es.

Oder war es ein Versehen?

Die Nobles hatten keine Geschäftsbeziehungen mit Kenross.

Laura schlug die Hände vors Gesicht, als ihr der kalte Schweiß ausbrach, weil die Erinnerungen sie überkamen. Schreckliche Erinnerungen an Geschehnisse, die zwölf Jahre zurücklagen.

Nur gut, dass Chaz unten in der Halle war und sich um die Passagiere der Maschine kümmern konnte. Es war bestimmt kein Noble mit an Bord, denn sonst wären sie sicherlich nicht hier gelandet.

Aber vielleicht wussten sie ja gar nicht, dass eine Caldwell die Eigentümerin des Airports war …

Woher hätten sie auch wissen sollen, dass der Flughafen ihr gehörte? Sie hieß jetzt Morris, und auf dem Schild über dem Hangar stand „Kenross Aviation“. Auch auf der Karte war der Flugplatz unter dem Namen „Kenross Airport“ aufgeführt, obwohl ihr die gesamte Anlage gehörte, einschließlich der dazugehörenden Geschäfte, der Reparaturwerkstätten und der Flugschule. Sogar der Hubschrauber war ihr Eigentum.

Verblüfft verfolgte Laura, wie die Maschine an den Treibstoffpumpen hielt und Chaz mit großen Schritten über das Rollfeld eilte. Die beiden Türen sprangen auf – die vom Cockpit und die vom Rumpf –, aber der Pilot blieb sitzen und rief Chaz von seinem Platz aus etwas zu. Dann tauchte der Hinterkopf eines Mannes in der zweiten Tür auf, dessen Haar so glänzend schwarz und glatt war wie das Gefieder einer Krähe und der jetzt mit einer geschmeidigen Bewegung auf das Rollfeld sprang. Als er sich umdrehte, um die Tür zu schließen, sah Laura sein Gesicht.

Kale Noble.

„Oh nein!“, flüsterte sie und rang die Hände. Obwohl er damals erst neunzehn gewesen war und seither zwölf lange Jahre vergangen waren, hatte sie ihn sofort erkannt. Der hoch aufgeschossene, dünne Schüler war zu einem muskulösen, breitschultrigen und ausgesprochen attraktiven Mann geworden.

Er bewegte sich noch mit der gleichen athletischen Geschmeidigkeit wie früher, wenn auch schneller, aggressiver und mit einem Elan, von dem sie spürte, dass er aus Zorn und Ungeduld geboren war.

Einen dicken Aktenkoffer in der Hand, ging er mit großen Schritten um die Maschine herum und sagte etwas zu Chaz, der gerade auftanken wollte. Chaz nickte, kehrte um und steckte den Zapfhahn wieder in die Treibstoffpumpe, bevor er Kale zur Flughafenhalle begleitete, über der Lauras Büro lag.

Kale trug eine dunkle Hose und ein kurzärmeliges weißes Hemd, das am Kragen offen stand. Er wirkte sehr geschäftig, trotz der feuchten Junihitze, und ungemein selbstbewusst. Es war fast ein wenig einschüchternd, wie zielstrebig er ging – als schickte er sich an, alles, was sich ihm in den Weg stellte, zu überrollen.

Was wollte er hier?

Hoffentlich bleibt er nicht lange, dachte Laura, als er das Flughafengebäude betrat. Alte Schuldgefühle regten sich in ihr, obwohl sie wusste, dass sie nicht die geringste Schuld an der Tragödie trug, die Kales Bruder, Paul, ins Grab gebracht, ihre Familien entzweit und Charlotte, ihre ältere Schwester, in Höllenqualen gestürzt hatte, von denen sie sich nie wieder erholt hatte, bis sie vor einem Jahr starb.

Die Erinnerungen drängten mit Macht an die Oberfläche und drohten Laura zu überwältigen. Sie schlang schützend die Arme um ihren Oberkörper und schloss die Augen. Kale hatte nie aufgehört, sie in ihren Träumen zu verfolgen, wenn auch in den letzten Jahren nicht mehr ganz so oft wie früher.

Warum war er hierhergekommen, jetzt, wo es ihr endlich wieder besserging?

Sie hatte den Verlust ihres Mannes, ihrer Schwester und ihres Schwagers, die bei einem Flugzeugabsturz vor einem Jahr ums Leben gekommen waren, allmählich überwunden und war froh über die Fortschritte, die ihre Nichte Amanda machte. Sie war zufrieden mit den Erträgen, die ihr der Flughafen einbrachte, und dankbar für die Stunden, die sie in der Luft verbringen konnte.

Jetzt, mit den Erinnerungen, kam auch der Albtraum wieder – dieser furchtbare Albtraum von Kale Noble, wie er mit neunzehn, ein Jahr nach Pauls tragischem Tod, wütend und mit unverhohlener Verachtung auf sie und Charlotte gezeigt hatte und ihnen vorwarf, die Männer zu hintergehen und zu benutzen, ihnen nur Tod und Zerstörung zu bringen. Und in diesem immer wiederkehrenden Albtraum war er umringt von vertrauten Gesichtern, von Menschen, die sie ihr Leben lang gekannt hatten und die sein vernichtendes Urteil dennoch teilten.

Erst als sie drei Jahre später Rollie Morris geheiratet hatte, hatten die Albträume nachgelassen, und sie war endlich wieder in der Lage gewesen, eine ganze Nacht lang durchzuschlafen. Der Albtraum war allerdings keine Ausgeburt ihrer Fantasie gewesen, sondern die ungemein lebendige Erinnerung an ein schmachvolles und erschütterndes Erlebnis.

Seufzend konzentrierte Laura sich wieder auf die Vorgänge auf dem Flugplatz. Kale ging gerade mit großen Schritten zu dem Mietwagen auf dem Parkplatz, und Chaz begann die zweistrahlige Maschine aufzutanken. Der Pilot schlenderte über das Rollfeld und schaute sich auf dem Gelände um.

Kale stieg nun in den Mietwagen, setzte zurück und wendete, um dann Richtung Highway abzubiegen.

Als er nicht mehr zu sehen war, richtete Laura den Blick wieder auf Chaz, der mit dem Piloten sprach und dabei auf das Restaurant auf der anderen Parkplatzseite deutete.

Sie wartete. Der Pilot fuhr die Maschine vom Rollfeld, parkte, schob die weißen Bremsklötze vor die Räder und schlenderte zum Restaurant hinüber. Chaz ging ins Flughafengebäude zurück.

Sie hörte ihn die Treppe zu ihrem Büro hinaufkommen.

Oben blieb er stehen. Als sie sich zu ihm umwandte, lehnte er an der Tür und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

„Wer, zum Teufel, ist Kale Noble?“, fragte er, als hätte er ein Recht, das zu erfahren.

Sie atmete tief ein und überlegte, was sie ihm sagen sollte.

Kale Noble ist jemand, der die Caldwells hasst. Jemand, der noch immer Groll hegt wegen etwas, das vor einem guten Dutzend Jahren geschehen ist.

Kale Noble ist ein intelligenter, gut aussehender Junge, den ich geglaubt habe, bis in alle Ewigkeit zu lieben, als ich noch ein naiver Teenager war.

Hatte Kale gewusst, dass es ihr Flughafen war, als er hier gelandet war? Irgendetwas Abfälliges musste er gesagt haben, sonst hätte Chaz’ Stimme sicher nicht so aufgebracht geklungen.

„Er weiß also, dass ich hier bin“, antwortete sie. „Weiß er auch, dass der Kenross Airport mir gehört?“

„Jetzt weiß er es“, versetzte Chaz und zog eine Augenbraue hoch.

Laura schluckte. „Was hat er gesagt?“

„Über dich? Nichts. Es war die Art, wie er es vermied, etwas zu sagen, was mich misstrauisch gemacht hat.“

Sie schaute aus dem Fenster. „Erzähl mir, was er gesagt oder verschwiegen hat“, erklärte sie ruhig.

„Zuerst will ich wissen, wer er ist“, entgegnete Chaz und kam zum Schreibtisch, wo er die Hände aufstützte und sich vorbeugte, um sich in Lauras Blickrichtung zu bringen.

Sie senkte jedoch ihren Blick. „Jemand aus meiner Vergangenheit. Eine Erinnerung an eine tragische Begebenheit.“

„Du meinst den Autounfall, der Charlotte in den Wahnsinn trieb?“

„Charlotte war nicht wahnsinnig!“, fuhr Laura Chaz an. „Und ich will wissen, was Kale Noble dir gesagt hat. Sein Bruder ist bei diesem Unfall umgekommen, der uns alle sehr verändert hat. Ich will wissen, was er dir gesagt hat, und wie er es gesagt hat.“

Chaz gab achselzuckend nach. „Er schaute sich um, während ich das Formular für den Mietwagen ausfüllte, und sah das Foto an der Wand von dir und Rollie. Es fiel mir auf, wie er es anstarrte. Und dann fragte er mich, wer du seist.“

Kale konnte nicht wissen, dass Rollie ihr verstorbener Mann war – vorausgesetzt natürlich, dass Chaz ihm nichts davon erzählt hatte.

„Ich sagte: ‚Das ist die Chefin‘, und er erwiderte: ‚Das passt‘. Wenn Blicke töten könnten, wärst du jetzt tot.“ Nach einer kurzen Pause fügte Chaz hinzu: „Ich habe ihm erzählt, dass Rollie abgestürzt ist. Und dass deine Schwester bei ihm war.“

Dann wusste Kale jetzt also, dass sie Witwe war und Charlotte nicht mehr lebte. „Und was hast du über ihn erfahren?“

„Dass er der Präsident von Noble Engineering ist, der Firma, die die Brücke über den Sumpf entworfen hat.“

Laura fuhr sich über die Stirn. Verdammt! Das bedeutete, dass Kale eine Weile hier in Kenross bleiben würde. Vielleicht sogar Monate. Wieso war ihr sein Firmenname bisher nicht aufgefallen?

Über die Point-Six-Bridge – die erste Brücke ihrer Art, nach umweltfreundlichen Gesichtspunkten entwickelt und somit eine Revolution im Straßenbau – war in den letzten zwei Jahren viel geredet worden. Warum hatte sie Kales Namen in diesem Zusammenhang noch nie gehört? Und wieso war sie ihm bisher noch nicht begegnet?

In all diesen Jahren war er nur hundertfünfzig Meilen weiter in Minneapolis gewesen!

„Den Vogel haben sie gerade erst gekauft“, sagte Chaz und deutete auf die weiße Maschine mit dem blauen Firmenlogo. „Weil der Boss nicht mehr so viel Zeit auf den Highways verschwenden wollte.“

„Irgendwie schaff ich es schon, ihm aus dem Weg zu gehen“, murmelte sie.

„Was hat er gegen dich? Es war doch Charlotte, die den Wagen gefahren hat.“

„Da ist noch mehr, Chaz. Es war damals alles sehr chaotisch.“ Laura schaute auf. „Unsere Familien wurden mit hineingezogen.“

Chaz rührte sich nicht.

„Das wäre alles, Chaz“, entließ sie ihn.

„Verdammt, alle wussten von Charlottes Unfall und dass er vor ihrer Ehe mit Frank passiert war! Wann immer sie betrunken war oder irgendetwas Falsches tat, sagten die Leute, es sei, weil sie bei einem Unfall den Tod eines jungen Mannes verschuldet habe. Aber niemand wusste Näheres. Und niemand hat es je gewagt, dich oder Charlotte danach zu fragen. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass mehr dahintersteckte als ein Autounfall und ein Mann, der dabei ums Leben kam.“

„Es war alles sehr, sehr kompliziert“, erwiderte Laura ausweichend. „Aber das ist lange her, und ich will jetzt nicht darüber reden. Wie lange behält er den Mietwagen?“

„Ein, zwei Stunden oder so. Er ist bei einer Stadtratssitzung.“

Laura schaute hinaus. Ihre zwölfjährige Nichte Amanda kam gerade über den Parkplatz. Ihren Rucksack hatte sie sich über eine Schulter gehängt, und mit ihren abgetragenen Tennisschuhen kickte sie bei jedem Schritt Steinchen aus dem Weg. Amanda sah Charlotte sehr ähnlich, obwohl sie kräftiger und grobknochiger war und ein ovaleres Gesicht hatte. Charlotte hatte als Kind, wenn sie in nachdenklicher Stimmung gewesen war, beim Gehen auch immer Steinchen aus dem Weg gekickt.

„Da kommt Amanda“, sagte Laura.

Chaz blickte auf die Uhr. „Pünktlich auf die Minute“, erwiderte er. „Was tut sie heute?“

„Sie wollte bei den Flugzeughallen den Rasen mähen. Könntest du den Rasenmäher aus dem Schuppen holen?“

„Klar.“

Laura war froh, als Chaz ins Treppenhaus verschwand. Obwohl er nur sieben Jahre älter war als sie und schon Rollies Angestellter gewesen war und nun ihr Chefpilot, widerstrebte es ihr, eine derart persönliche und schmerzliche Erinnerung mit ihm zu teilen.

Ihr verstorbener Mann war nur sechsundvierzig Jahre alt geworden. Und mit achtundzwanzig war sie jetzt die Chefin. Doch Rollie hatte sie bestens darauf vorbereitet, die Geschäfte zu führen, indem er sie ermutigte, mehr und mehr Verantwortung zu übernehmen, und ihr fast alles beigebracht hatte, was sie wissen musste, als ob er gespürt hätte, dass er nicht ewig bei ihr sein würde.

Sie vermisste Rollie, denn obwohl es ihrer Beziehung an Leidenschaft gefehlt hatte, war er mit den Jahren ihr bester Freund geworden.

Rollie, Frank und Charlotte waren mit dem Wasserflugzeug zu einem Angelausflug aufgebrochen und mit ihrer Maschine in einen abgelegenen See in Kanada gestürzt. Es hatte Tage gedauert, sie zu finden und zu bergen. Und es war ein schrecklicher Verlust gewesen für sie alle. Sie hatte ihren Mann, ihre Schwester und ihren Schwager verloren; Amanda ihre Eltern und Chaz sehr gute Freunde. Sie alle hatten sich sehr nahegestanden, ihr Leben war eng verknüpft gewesen mit dem Flugplatz.

Aber Laura hatte wenig Zeit gehabt zum Trauern. Das Geschäft, das Rollie ihr hinterlassen hatte, erforderte ihren ganzen Einsatz. Man schloss nicht das einzige Rollfeld im Umkreis von sechzig Meilen oder ignorierte die wachsende Abhängigkeit der einheimischen Industrie vom Luftverkehr. Ein neuer Teilzeitpilot musste unverzüglich eingestellt, Franks und Charlottes Haus verkauft und das Geld in einen Treuhandfonds für Amanda eingezahlt werden, die jetzt ständig bei ihrer Tante lebte.

Es war keine drastische Veränderung für Amanda gewesen, da Charlotte ihre Tochter sehr oft der Obhut ihrer Schwester überlassen hatte und Amanda sich bereits sehr heimisch fühlte in Lauras Haus im Wald und dort schon seit Langem ihr eigenes Zimmer hatte.

Laura war froh, dass Amanda Flugzeuge liebte, sich fürs Fliegen begeisterte und in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollte. Es schien, dass ihre Nichte sich langsam von dem schweren Schicksalsschlag erholte.

Als sie Amandas leichten Schritt auf der Treppe hörte, stand Laura auf, um die Zwölfjährige zu begrüßen. Die lange, innige Umarmung war zu einem festen Brauch zwischen ihnen geworden, aus dem das Mädchen den gleichen Trost schöpfte wie Laura, wenn sie Amanda in den Armen wiegte, während die ihr erzählte, was sie heute bei ihrem Computerunterricht gelernt hatte. Danach stellte Amanda ihren Rucksack auf den Stuhl beim Aktenschrank und schaute aus dem Fenster auf die Rollbahn und zum Restaurant hinüber.

„Wem gehört die zweistrahlige Maschine?“, fragte sie.

„Einer Ingenieurfirma in Minneapolis“, erwiderte Laura. „Sie bauen die Point-Six-Bridge.“

Amandas Blick glitt zu den Parkplätzen. „Und sie haben auch den Wagen?“

„Und der Pilot ist zu einem späten Lunch ins Restaurant gegangen“, fügte Laura hinzu. Amanda entging wirklich nichts.

„Was soll ich heute tun?“, fragte das Mädchen.

„Den Rasen bei den Hallen mähen? Chaz holt dir den Rasenmäher.“

„Gut“, sagte Amanda. „Pelly nimmt dort heute eine Inspektion an Olivers neuer Maschine vor. Dabei würde ich ihm gern zusehen.“ Es gab nichts im Geschäft, wofür Amanda sich nicht interessierte, selbst wenn es nur eine Routineüberprüfung durch Pelly, Kenross’ einzigen Mechaniker, war.

„Dann geh nur“, meinte Laura lächelnd.

Amanda küsste sie rasch auf die Wange und eilte die Treppe hinunter. Laura wurde ganz warm ums Herz, als sie ihr nachsah. Trotz ihres jungen Alters besaß Amanda schon ein umfangreiches Wissen über Flugzeuge und war imstande, eine einstrahlige Maschine zu fliegen, was sie offiziell natürlich noch nicht tat, da sie erst mit sechzehn ihren Flugschein machen konnte.

Laura blieb in ihrem Büro, bis Chaz mit seinem Flugunterricht begann, und übernahm dann seinen Platz in der Halle, wo um diese Zeit sehr viel Betrieb herrschte, besonders wenn das Wetter so schön wie heute war und viele Leute nach der Arbeit kamen, um zu fliegen oder Flugunterricht zu nehmen.

Gegen sechs wurde es etwas stiller, und Laura ging durch die Halle, um zu sehen, ob Amanda noch bei den östlichen Hangars war. Sie stand am Fenster, da hörte sie die Tür schlagen und wandte sich um.

Kale Noble stand in der Halle, steif und regungslos wie eine Statue, mit glattem schwarzen Haar, das ihm in die Stirn fiel, und Augen, die so dunkel waren, dass die Pupillen fast nicht zu erkennen waren, und einem so markanten Kinn, dass er ihr jetzt noch einschüchternder erschien als vorhin vom Fenster aus.

Ein Lächeln würde diese maskenhafte Starre lindern, dachte sie. Aber selbst wenn er nicht lächelte, war er für sie der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war.

Ihr Herz begann zu rasen, es durchzuckte sie heiß, und sie fragte sich, was sie sagen oder wie sie sich verhalten sollte. Sie hoffte, dass er sie nicht mit scharfen Worten attackierte. Sie wollte höflich sein und ihn begrüßen, befürchtete aber, dass er sogar das als böswillig empfinden und mit beißendem Sarkasmus darauf reagieren würde.

Deshalb sagte sie nichts, sondern starrte ihn nur schweigend an. Er antwortete darauf, indem er eine Augenbraue hochzog, eine Geste, der er in diesen zehn Jahren offenbar den letzten Schliff gegeben hatte.

„Hallo, Laura“, sagte er, und es klang mehr wie eine Herausforderung als wie ein Gruß.

„Hallo, Kale.“

Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und warf ihn auf die Rezeption. „Ich wollte den Wagen abgeben.“

„Ja“, murmelte sie, innerlich so aufgewühlt wie schon seit Jahren nicht mehr. „Das dachte ich mir.“

Schweigend und kühl betrachtete er sie und sprach ihr dann sein Beileid zum Tod ihrer Schwester und ihres Mannes aus, wofür sie sich bei ihm bedankte.

Er verzog keine Miene. „Hübsch hier“, sagte er. „Du kannst dir vorstellen, wie überrascht ich war, dich hier zu finden.“

Mit zitternden Knien und feuchten Händen näherte sie sich ihm. Formulare mussten ausgefüllt und unterschrieben werden, nachdem er den Wagen wieder zurückgebracht hatte. Sie blieb vor ihm stehen, blickte hoch und sah die feinen Linien in seinem Gesicht, die viel zu zahlreich waren für einen Mann, der erst einunddreißig war. Am liebsten hätte sie ihm das dunkle Haar aus der Stirn gestrichen, aber das wagte sie natürlich nicht, solange er sich derart abweisend verhielt.

Sie ging an ihm vorbei und trat hinter den Schalter, suchte den Mietvertrag heraus, füllte die letzten Spalten aus, schob ihm das Formular samt Stift über die Theke zu, und Kale unterschrieb.

„Stell dir erst meine Überraschung vor, als ich dein Flugzeug sah“, sagte sie, während sie seine sonnengebräunte Hand betrachtete. „Dein Geschäft scheint ja recht gut zu gehen.“

„Sehr gut“, betonte er, nahm die Kopie an sich und legte seine Kreditkarte auf den Tresen. „Wir haben in mehreren Bundesstaaten Bauprojekte.“

Sie machte die Abrechnung. „Gratuliere. Und wie geht es deinen Eltern? Hat dein Vater sich zur Ruhe gesetzt?“

Er unterschrieb den Bon, schob ihn ihr zurück, steckte seine Kreditkarte wieder ein und schaute auf. „Mein Vater erkennt mich kaum, und meine Mutter macht wahre Höllenqualen durch, wenn sie versucht, ihm beizustehen. Ich werde ihr ausrichten, dass du nach ihr gefragt hast.“

Schuldbewusst senkte sie den Kopf. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Es muss sehr schwierig für sie sein.“ Sie erinnerte sich, dass Matthew Noble sich nach dem tödlichen Unfall seines ältesten Sohnes in ein Schneckenhaus aus Schmerz und Trauer zurückgezogen hatte und Regina sich verzweifelt bemüht hatte, ihn daraus hervorzuholen. Offenbar war ihren Bemühungen kein Erfolg beschieden.

Als vermöge er seine Feindseligkeit kaum noch im Zaum zu halten, entgegnete Kale scharf: „Schwierig? Du hast ja keine Ahnung, wie schwierig es in den vergangenen Jahren für unsere Familie war.“ Er ging zur Tür, zögerte und wandte sich dann noch einmal um. „Also dir gehört dies alles jetzt … der Flughafen, die Fluggesellschaft und das Restaurant.“

„Nicht das Restaurant“, berichtigte sie ihn und ärgerte sich über den rauen Klang ihrer Stimme.

„Nun, ich bin sicher, du weißt, wie du auch das bekommst. Wir sehen uns, wenn ich wiederkomme, Laura Caldwell“, fügte er noch rasch hinzu, bevor er sich zum Gehen wandte.

„Morris!“, rief sie ihm nach. „Ich heiße Laura Morris!“

„Als ob ich das nicht wüsste“, erwiderte er ruhig.

Dann war er fort, und sie kämpfte gegen ihr Schuldbewusstsein an. Sie hatte keinen Grund, sich verantwortlich zu fühlen für das Unglück, das ihre Familien entzweit hatte. Sie war nicht das Luder, wie er es vermutete.

Sie war einfach nur verliebt gewesen und untergegangen in einem Morast aus guten Absichten, die sich ins exakte Gegenteil verkehrt hatten …

Doch sie nahm ihm seinen Groll nicht übel. Als Sechzehnjährige war sie zu naiv und zu schockiert gewesen, um sich gegen seine Anschuldigungen zur Wehr zu setzen. Als dann endlich Zorn über seine falschen Unterstellungen in ihr erwachte, hatte sie nur stumm die Flucht ergriffen.

Und nun war es mindestens zwölf Jahre zu spät, um noch irgendetwas zu erklären.

Nichts konnte die Vergangenheit ungeschehen machen. Was sehr bedauerlich war, weil sie heute vieles ganz anders gemacht hätte, wenn sie eine Chance dazu bekommen hätte.

2. KAPITEL

Kale Noble blickte aus dem Fenster der Bonanza, als die zweistrahlige Maschine abhob. Er sah die Hangars unten vorbeigleiten und das zweistöckige Flughafengebäude mit den getönten Scheiben, das aus der Luft wie ein Kontrollturm aussah.

Es war eine Gewinn bringende Anlage, und sie gehörte Laura Caldwell. Wenn er das früher gewusst hätte, hätte er sich seine Bewerbung um den Auftrag für die neue Brücke vermutlich zweimal überlegt. Das Projekt versprach sowieso eine nervenaufreibende Sache zu werden, ohne auch noch zusätzlich mit dieser unberechenbaren Frau umgehen zu müssen. Er musste verrückt gewesen sein, eine derart revolutionäre Brücke zu entwerfen, die ihm, falls sie auch nur die geringsten Mängel aufwies, den geschäftlichen Ruin einbringen konnte.

Er schaute hinab, als die Maschine eine Linkskurve beschrieb, und sah das Rollfeld und die Gebäude noch einmal aus einem anderen Winkel.

Sie muss eine wohlhabende Frau sein, dachte er. Und dafür brauchte sie bloß mit einem wesentlich älteren Mann namens Rollie Morris zu schlafen, um ihn dann zu heiraten und abzuwarten, dass er starb. Aber was konnte man von einer Caldwell schon anderes erwarten?

Es ist Wut, sagte er sich zum wohl hundertsten Mal an diesem Nachmittag. Es konnte gar nichts anderes sein als Wut, was sein Blut derart zum Kochen brachte.

Sie hatte sich verändert; das war ihm sofort aufgefallen. Sie war zu einer attraktiven Frau geworden. Selbst in der Khakihose und dem militärisch strengen Hemd mit Schulterklappen strahlte sie noch etwas Feminines aus. Sie war gekleidet wie ein Mann, aber der Gürtel betonte ihre schmale Taille und ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie eine Frau mit üppigen und festen Brüsten und wohlgeformten Hüften war.

Sie hatte noch immer die gleichen großen braunen Augen, die er früher „Rehaugen“ genannt hatte, und diese weichen Grübchen in den Wangen, wenn sie lächelte, einen großen, wohlproportionierten Mund und lockiges honigblondes Haar, das sich allen Versuchen, es zu einer ordentlichen Frisur zu bändigen, widersetzte. Er fragte sich, ob sie auch heute noch so sanft und schüchtern wirkte wie früher, oder ob ihr wahrer Charakter ...

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