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Wille und Erfolg

Orison Swett Marden

Wille und Erfolg

Ratgeber für Erfolg in Berufswahl, Studium und Arbeit





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

Wohlhabende Eltern, hohe Intelligenz, einen Lottogewinn, unverschämtes Glück – das alles brauchen Sie nicht, um sich zu profilieren. Wie Sie aus eigener Kraft auf die Sonnenseite des Lebens gelangen, erfahren Sie in diesem Ratgeber des amerikanischen Erfolgsautoren Dr. Orison Swett Marden.

1. Der Mensch und die Gelegenheit

 

„Niemand wird in diese Welt geboren, dessen Arbeit nicht mit ihm geboren wird.“ (Lowell)

 

„Es ist keine gesetzliche Erlaubnis nötig, um in das weite Meer der Erfindungen zu segeln; je gründlicher es erforscht wird, umso ergiebiger ist es.“ (Edward Evereth)

 

„Wir leben in einem neuen und außerordentlichen Zeitalter. Amerika ist nur ein anderer Name für Gelegenheit. Unsere ganze Geschichte scheint ein letzter Versuch zugunsten des menschlichen Geschlechts seitens der göttlichen Vorsehung zu sein.“ (Emerson)

 

„Wachsamkeit im Erspähen von Gelegenheiten; Takt und Wagemut, sie zu erfassen; Stärke und Ausdauer, sie bis zum Äußersten auszunützen – dies sind die kriegerischen Tugenden, welche den Erfolg beherrschen.“ (Austin Phelys)

 

„Es gibt keinen Tag, der nicht seine eigene Gelegenheit brächte, Gutes zu tun, das nie vorher hätte getan werden können, und das nie wieder getan werden kann.“ (W. H. Burleigh)

 

Bist du im Ernst, dann handle in dieser Minute; was du tun kannst oder denkst tun zu können, fange es an!

 

„Was wird die Welt sagen, wenn es uns gelingen sollte?“, fragte Kapitän Berry in freudiger Erregung, nachdem Nelson seinen sorgfältig überdachten Plan vor der Schlacht am Nil dargelegt hatte.

„Es kommt kein Wenn in Frage“, erwiderte Nelson. „Dass es uns gelingen wird, ist ganz sicher; wer freilich leben bleiben wird, um die Geschichte zu erzählen – das ist eine andere Frage.“

Dann, als seine Befehlshaber vom Kriegsrate aufstanden, um sich zu ihren Schiffen zu begeben, fügte er hinzu: „Morgen um diese Zeit werde ich mir den Adelsstand oder Westminster Abbey errungen haben.“

Sein durchdringendes Auge und sein kühner Geist sahen eine Gelegenheit zu ruhmvollem Siege da, wo andere nur wahrscheinliche Niederlage erblickten.

 

„Ist es möglich, den Bergpfad zu überschreiten?“, fragte Napoleon seine Offiziere, die er zur Untersuchung des gefürchteten St. Bernhardpasses ausgeschickt hatte.

„Es liegt vielleicht“, war die zögernde Antwort, „in den Grenzen der Möglichkeit.“

Dann also vorwärts“, sagte der kleine Korporal, ohne sich an ihren Bericht der scheinbar unübersteiglichen Schwierigkeiten zu kehren.

England und Österreich lachten höhnisch bei der Vorstellung, dass über die Alpen, wo „noch niemals ein Rad gerollt hatte, noch menschenmöglicherweise je eins rollen würde“ eine Armee von sechzigtausend Mann, mit schwerer Artillerie, Kanonenkugeln, Gepäck und Kriegsmunition transportiert werden sollte.

Aber Napoleon wusste, dass die Hungersnot in dem belagerten, von Massena gehaltenen Genua wütete und dass die siegreichen Österreicher an die Tore Nizzas donnerten; und er war nicht der Mann, seine früheren Kameraden in der Stunde der Gefahr zu verlassen. Er ließ seine Soldaten und ihre Ausrüstung mit der strengsten Genauigkeit mustern; abgetragene Stiefel, zerrissene Röcke und beschädigte Musketen wurden sofort ausgebessert oder ersetzt, und die Kolonnen, angefeuert durch den Geist ihres Anführers, strebten vorwärts.

„Hoch auf jenen zackigen Abgründen erschienen die schimmernden Fähnlein gewappneter Männer, gleich Phantomen durch den Nebel leuchtend. Der Adler flatterte und kreischte zu ihren Füßen, die Berggämse, erschreckt von dem ungewohnten Schauspiel, floh hinauf zu der ragenden Bergzacke, um den kriegerischen Zug zu betrachten, der so plötzlich die Einsamkeit belebte. Wenn eine Stelle von besonderer Schwierigkeit den Marsch aufhielt, ertönte heller Trompetenruf, der mit prachtvollem Widerhall von eisbedeckter Felsenspitze zu Felsenspitze wanderte. Alles war so umsichtig angeordnet, und der Einfluss Napoleons so unbegrenzt, dass auch nicht einer der Soldaten die Reihen verließ. Welche Schwierigkeiten auch der Weg bot – überwunden mussten sie werden, damit der fünfunddreißig Kilometer lange Zug nicht in Verwirrung geraten konnte.“ Nach vier Tagen marschierte die Armee auf den Ebenen Italiens.

Nachdem diese „unmögliche“ Tat vollbracht war, erkannten andere deutlich, dass man sie schön längst hätte unternehmen können. Gar mancher Befehlshaber hatte die nötigen Mittel, Werkzeuge und abgehärteten Soldaten besessen – nicht aber die Kraft und Entschlossenheit Napoleons; sie entschuldigten ihr Zurückschrecken vor solch riesigen Hindernissen damit, dass sie dieselben unübersteiglich nannten. Aber Napoleon wich eben nicht vor bloßen Schwierigkeiten, wie groß sie auch sein mussten, zurück, sondern schuf und bewältigte, durch die Notwendigkeit, seine Gelegenheit.

 

Grant in New Orleans hatte eben durch einen Sturz vom Pferde sehr wesentliche Verletzungen erlitten, als ihm der Befehl zukam, als Kommandant nach Chattanooga zu gehen. Die kleine Festung wurde von den Konföderierten so schwer belagert, dass ihre Übergabe nur eine Frage von wenigen Tagen schien; die umgebenden Hügel leuchteten die ganze Nacht von den Lagerfeuern des Feindes und alle Lebensmittelzufuhr war abgeschnitten.

General Grant, obgleich von Schmerzen gefoltert, machte sofortige Anstalten, sich nach dem neuen Kriegsschauplatze transportieren zu lassen. Auf Transportschiffen, den Mississippi, den Ohio und einen seiner Nebenflüsse hinauf; auf einer von Pferden getragenen Sänfte viele Meilen durch die Wildnis; auf den Schultern von vier Männern in die Stadt hineingetragen, so erreichte er Chattanooga; und fast augenblicklich nach seiner Ankunft nahmen die Dinge einen anderen Anstrich an:

Ein Meister war gekommen, der der Situation gewachsen war. Die Armee fühlte den Einfluss seiner Kraft. Ehe er noch imstande war, ein Pferd zu besteigen, hatte er den Befehl gegeben, einen Ausfall zu wagen. Nach kurzer Zeit waren die umgebenden Hügel von den verbündeten Truppen besetzt, obgleich der Feind nur Zoll für Zoll wich. War es ein Zufall, der diese Dinge herbeiführte? Oder wurden sie erzwungen durch den unerschütterlichen Willen des verwundeten Generals?

 

Fügten sich die Ereignisse, als Horatius mit nur zwei Gefährten neunzigtausend Toskaner in Schach hielt, bis die Tiberbrücke zerstört war?

Oder als Leonidas bei den Thermopylen dem mächtigen Vorstoß des Xerxes widerstand?

Oder als Cäsar, seine Armee weichen sehend, Schild und Schwert ergriff, fechtend seine Leute ordnete und die drohende Niederlage in Sieg verwandelte?

Oder als Winkelried einen Haufen Speere in seiner Brust begrub und damit seinen Kameraden eine Gasse öffnete?

Oder als Benedikt Arnold durch verzweifelten Wagemut bei Saratoga die Schlacht gewann, welche dem Horatio Gates, der zögernd in der Ferne beobachtete, allzu zweifelhaft erschienen war?

Oder als während vieler Jahre Napoleon keine einzige Schlacht verlor?

Oder als Wellington, ohne je besiegt zu werden, in allen Breiten focht?

Oder als Ney, auf hundert Schlachtfeldern, offenbares Missgeschick in brillante Triumphe verwandelte?

Oder als Perry den geschlagenen Lawrence verließ, an den Niagara ruderte und die britischen Kanonen zum Schweigen brachte?

Oder als Sheridan, von Winchester ankommend, gerade als der unionische Rückzug zur Flucht wurde, die Flut stemmte, indem er voranritt?

Oder als Sherman das Signal gab, das Fort zu halten, wie hart es auch bestürmt werde; und sie hielten aus, weil sie wussten, ihr Führer würde kommen?

Die Geschichte weist Tausende von Beispielen von Männern auf, welche die Gelegenheit zur Vollbringung von Taten erfasst haben, die anderen, minder Entschlossenen, unmöglich erschienen. Schnelle Bestimmtheit und hingebende Tatkraft bezwingen die Welt. Es ist wahr, es gab nur einen Napoleon; aber andererseits sind die Berge, welche den Fortschritt der heutigen Jugend hemmen, weder so hoch noch so gefährlich wie die Alpen, die der Korse überschritt.

Warte nicht auf außerordentliche Gelegenheiten. Erfasse die kleinen Ereignisse und mache sie zu großen.

 

Im Leuchtturm von Langstone, zwischen England und Schottland, am Morgen des 6. September 1838, erwachte ein junges Mädchen durch furchtbare Schreie der Verzweiflung, die das Heulen des Sturmes und der Wogen übertönten. Der Orkan wütete mit so außergewöhnlicher Gewalt, dass ihre Eltern die Hilfeschreie nicht zu hören vermochten; aber das Fernrohr zeigte neun menschliche Wesen, die an der Ankerkette eines gestrandeten, an den Felsen aufgespießten Schiffes hingen.

„Wir können nichts tun“, sagte William Darling, der Leuchtturmwärter.

„Doch, doch, wir müssen sie retten“, rief die Tochter; und so lange, mit Tränen, bestürmte sie die Eltern, bis der Vater erwiderte:

„Nun wohl, Grace, ich will dir den Willen tun, obwohl es gegen mein besseres Urteil ist.“

Das kleine Boot wurde, als es auf den haushohen Wellen schwebte, wie eine Feder vom Wirbelwinde erfasst, und es schien Grace einen Augenblick, als ob ihre Sinne sie in dem tollen Aufruhr verlassen müssten. Aber auf den grausigen Wogen vom Sturm getragen, hörte sie von Neuem die Schreie der Schiffbrüchigen, die nur eine halbe Meile von ihr entfernt waren, und ihre schwachen Muskeln wurden zu stählernen Stricken. Das heroische Mädchen fühlte sich von ungeahnter Stärke durchdrungen und ruderte in gleichem Takte mit ihrem Vater. Endlich waren die Neun gerettet im Boote.

„Gott segne Euch – Ihr seid ein echtes englisches Mädchen“, sagte einer der armen Schiffbrüchigen, als er staunend das wunderbare Mädchen erblickte, dessen heutige Tat seinem Vaterland zu größerem Ruhme gereichte als die Taten vieler seiner Könige.

 

Im Jahr 1854 war nahe dem Leuchtturm von Eime-Rock bei Newport ein sogenanntes „Cat-boat“ umgeschlagen und hatte vier junge Leute in die kalten Wogen eines unruhigen Meeres geworfen. Der Wächter Lewis war nicht zu Haus, seine kranke Frau vermochte nichts zu tun; aber ihre zwölfjährige Tochter Ida ruderte allein hinaus und rettete die Ertrinkenden. Während der nächsten dreißig Jahre rettete sie neun weitere Männer, zu verschiedenen Malen. Sie tat es ohne allen Beistand, und ihr Geschick wie ihre Ausdauer hielten Schritt mit ihrem Mut.

 

„Wenn Sie es mich versuchen lassen wollen, so glaube ich schon, dass ich Ihnen helfen könnte“, sagte ein Knabe, der im Hause des Signore Faliero als Küchenjunge beschäftigt worden war. Man hatte eine große Gesellschaft zum Bankett eingeladen, und eine Stunde vor Beginn des Festes hatte der Konditor, der den Tafelaufsatz liefern sollte, gemeldet, dass das Stück misslungen sei.

„Du?“, rief der Hausmeister erstaunt. „Und wer bist du?“

„Ich bin Antonio Canova, der Enkel des Steinmetzen Pisano“, erwiderte der blasse kleine Bursche.

„Und, wenn ich fragen darf, wie könntest du mir denn helfen?“, fragte der andere.

„Ich könnte etwas modellieren, was als Mittelstück verwendet werden kann, wenn Sie mir den Versuch erlauben.“

Der Hausmeister hatte keine Wahl, und Antonio durfte seinen „Versuch“ machen. Er ließ sich eine große Quantität Butter geben und formte mit sicherer Hand einen kauernden Löwen, den der major domo voll Bewunderung auf den Tisch setzte. Das Fest begann, und viele berühmte Kaufleute, Prinzen und Edle Venedigs, unter denen sich gewiegte Kunstkenner befanden, saßen an der Tafel nieder. Als sie jedoch den Butterlöwen erblickten, vergaßen sie das Essen vor Bewunderung eines so genialen Werkes. Sie betrachteten den Löwen eingehend und fragten Signor Faliero, welcher große Künstler sein Geschick an ein Werk von solch vergänglichem Material verschwendet habe. Faliero wusste es nicht zu sagen; er fragte seinen Diener, und dieser brachte Antonio vor ihn. Als die vornehmen Gäste erfuhren, dass der Löwe in kurzer Zeit von einem Küchenjungen verfertigt worden sei, verwandelte sich das Bankett in eine Huldigung für den Knaben. Der reiche Hausherr erklärte, ihn bei den besten Meistern studieren lassen zu wollen, und er hielt Wort. Aber Antonio wurde durch sein Glück nicht verwöhnt. Er blieb ebenso einfach, ernst und gewissenhaft wie zu der Zeit, da er nur die Aussicht gehabt, ein guter Steinmetz bei Pisano zu werden. Es mag viele geben, die nie gehört haben, auf welche Weise Antonio von seiner ersten großen „Gelegenheit“ profitierte; aber alle haben von Canova, dem größten Bildhauer seiner Zeit, gehört.

Schwache Menschen warten auf eine günstige Gelegenheit, starke Menschen machen sie.

„Die besten Männer“, sagt E. H. Chapin, „sind nicht die, welche auf den Zufall warten, sondern die, welche ihn nehmen, ihn belagern, ihn erobern und ihn zu ihrem Diener machen.“

 

„Oh, wie gern ich reich sein möchte!“, rief ein noch junger Familienvater, der daheim viele Mäuler satt zu machen hatte, aus. Er war fleißig und intelligent, hatte es aber bis jetzt nicht weiter als zu einem Karrenfuhrmann in Philadelphia gebracht.

„Ja – warum werden Sie denn nicht reich?“, fragte Stephan Girard, der die Bemerkung gehört hatte.

„Wie kann ich das, ohne Geld?“, erwiderte der Fuhrmann.

„Sie brauchen kein Geld“, sagte Mr Girard.

„Nun, wenn Sie mir sagen wollen, wie ich reich werden kann ohne Geld, so werde ich keinen Augenblick verlieren, es zu versuchen.“

„Morgen wird am Landungsplatze eine Schiffsladung konfiszierten Tees verauktioniert“, sagte der Millionär. „Gehen Sie hin und kaufen Sie ihn, dann kommen Sie zu mir.“

„Aber ich habe kein Geld, um eine ganze Schiffsladung Tee zu kaufen“, protestierte der Fuhrmann.

„Ich sage Ihnen, Sie brauchen kein Geld“, sagte Girard scharf. „Gehen Sie hin und bieten Sie auf das ganze Kargo; dann kommen Sie zu mir.“

Der Aktionär verkündete am nächsten Tage, dass Käufer die Wahl hätten, den Tee kistenweise zu nehmen oder nach dem Pfunde die ganze Ladung. Einer der versammelten Kaufleute begann zu bieten, und zum großen Erstaunen der anwesenden Menge nannte der Fuhrmann sofort eine höhere Summe. Als es ans Zuschlagen ging, sagte er ruhig, dass er die ganze Schiffsladung nehmen wolle. Der Auktionator zögerte, aber als er hörte, dass der junge Mann Mr Girards Fuhrmann war, änderte er seinen Ton und erklärte die Sache für richtig.

Die Nachricht, dass Girard große Quantitäten Tee kaufe, verbreitete sich rasch, und der Preis dieses Artikels stieg um mehrere Pfennige das Pfund.

„Verkaufen Sie jetzt Ihren Tee“, sagte der große Kaufmann am nächsten Tage.

Der junge Mann machte es möglich, sehr schnellen Verkauf zu erzielen, indem er seine Preise ein wenig billiger als die Marktpreise stellte, und in wenigen Stunden besaß er fünfzigtausend Dollars.

Der Schreiber dieses empfiehlt nur zwar nicht diese Methode, Geschäfte zu machen, erzählt aber die Geschichte als ein Beispiel, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen.

Es ist Eins gegen eine Million zu wetten, dass ein derartiger Glücksfall sich dir nicht bieten wird; aber Gelegenheiten, die man zu seinem Vorteil benützen kann, kommen oft und oft vor – nur muss man handeln.

 

„Sie sind mir zu jung“, wurde einem Stellesuchenden, der sich auf eine Annonce hin für die Stelle eines Fabrikleiters in Manchester meldete, gesagt.

„Vor fünf Jahren ist mir diese Einwendung gemacht worden“, sagte Robert Owen, „aber ich erwartete kaum, dass sie jetzt noch Geltung hätte.“

„Wie viele Male in der Woche betrinken Sie sich?“

„Ich betrank mich noch nie in meinem Leben“, sagte Owen stolz errötend.

„Wie viel Gehalt fordern Sie?“

„Dreihundert Pfund (sechstausend Mark) das Jahr.“

„Dreihundert! Ich habe diesen Morgen ich weiß nicht wie viele hier gehabt wegen der Stelle, und sie fordern alle zusammen nicht so viel.“

„Was auch die anderen fordern mögen, ich kann nicht weniger nehmen, ich verdiene mir schon jetzt dreihundert Pfund.“

Der Jüngling, der nie in einer großen Baumwollfabrik gewesen war, erhielt die Oberaufsicht über die fünfhundert Arbeiter der Fabrik. In kurzer Zeit beherrschte er auch das kleinste Detail, denn er studierte nach der Tagesarbeit des Nachts die Maschinen, die Stoffe und die Arbeitsweise. In ganz Manchester war ihm keiner an Kenntnis überlegen.

 

Mangel an Gelegenheiten ist stets die Entschuldigung schwacher, schwankender Charaktere. Gelegenheiten! Ein jedes Leben hat ihrer eine Menge. Jede Lektion in Schule oder Kolleg ist eine Gelegenheit. Jedes Examen ist eine Chance des Lebens. Jeder Patient ist eine Gelegenheit. Jede Predigt ist eine Gelegenheit. Jeder Klient ist eine Gelegenheit. Jedes Geschäft ist eine Gelegenheit – eine Gelegenheit, höflich zu sein – eine Gelegenheit zu männlicher Festigkeit – eine Gelegenheit, ehrlich zu sein – eine Gelegenheit, sich Freunde zu erwerben. Jeder Beweis in dich gesetzten Vertrauens ist eine große Gelegenheit. Jede Verantwortlichkeit, die deiner Kraft und deiner Ehre zugeschoben wird, ist eine unschätzbare Gelegenheit. Existieren heißt: Den Vorzug haben, sich anstrengen zu dürfen; und wenn diesem Vorzug mutig entgegengetreten wird, so werden die Gelegenheiten zum Erfolg auf dem Gebiete deiner Fähigkeiten sich schneller mehren, als du sie anwenden kannst.

Wenn ein Sklave wie Fred Douglas sich zu einem Redner, Verleger und Staatsmann erheben kann, was sollte da nicht der ärmste weiße Knabe tun können, da er so viel reicher ist als Douglas, der nicht einmal seinen eigenen Körper besaß.

Nicht der Arbeitsame, sondern der Faule beklagt sich beständig über Mangel an Zeit und Gelegenheit. Manche Menschen machen mehr aus den kleinen Abfällen von Gelegenheiten, die so viele achtlos wegwerfen, als andere in einem ganzen Leben vollbringen; sie saugen wie die Biene Honig aus jeder Blume. Jeder Mensch, der ihnen begegnet, jeder Zufall des Tages tragen etwas zu ihrem Wissen oder ihrer persönlichen Bedeutung bei.

„Es gibt niemand, den das Glück nicht einmal in seinem Leben besuchte“, sagt ein Kardinal; „aber wenn es bemerkt, dass man nicht bereit ist, es zu empfangen, geht es zur Türe herein und zum Fenster hinaus.“

 

„Was ist ihr Name?“, fragte der Besucher eines Studios, als ihm unter vielen anderen Götterstatuen eine gezeigt wurde, deren Antlitz vom Haar verborgen war und die Flügel an den Füßen hatte.

„Gelegenheit“, erwiderte der Bildhauer.

„Warum aber ist ihr Gesicht verborgen?“

„Weil die Menschen sie selten erkennen, wenn sie zu ihnen kommt.“

„Und warum hat sie beschwingte Füße?“

„Weil sie schnell vorbeieilt – und einmal vorbei, nicht eingeholt werden kann.“

 

Das Leben pulsiert von Möglichkeiten. Sie mögen weder groß noch interessant sein, aber sie sind von Bedeutung für den, der in der Welt fortkommen möchte.

 

Kornelius Vanderbilt erkannte, dass Dampfschiffe eine große Zukunft hatten, und beschloss, der Dampfschifffahrt seine Zeit und Kräfte zu widmen. Zum Erstaunen aller seiner Freunde gab er sein bisheriges gutes Geschäft auf und übernahm die Führung eines der ersten vom Stapel gelassenen Dampfschiffe, mit einem Gehalt von eintausend Dollars. Livingstone und Fulton hatten das alleinige Recht erworben, die New Yorker Gewässer mit Dampf zu befahren, aber Vanderbilt fand diese Bevorzugung nicht der Konstitution entsprechend und bekämpfte sie so lange, bis sie aufgehoben wurde. Bald war er Dampfschiffbesitzer und erbot sich, die europäische Post, für deren Beförderung die Regierung eine große Summe bezahlte, umsonst und mit vermehrter Geschwindigkeit über das Meer zu schaffen. Sein Anerbieten wurde genehmigt, und er erreichte damit einen enormen Fracht- und Passagierverkehr in seinen Schiffen. Da er auch für die Eisenbahnen in einem Lande wie Amerika große Möglichkeiten voraussah, stürzte er sich mit aller Macht in Eisenbahnunternehmungen, die die Grundlage für das heutige großartige Vanderbilt-Netz bildeten.

 

Der junge Philipp Armour schloss sich der langen Karawane der „Neunundvierziger“ an und durchquerte die „Große Amerikanische Wüste“ mit all seinem Hab und Gut in einem von Maultieren gezogenen sogenannten Prärieschooner. Harte Arbeit und sorgfältig gesparter Verdienst in den Bergwerken machten es ihm nach sechs Jahren möglich, sich an einem Getreidewarengeschäft in Milwaukee zu beteiligen, und in neun Jahren hatte er sich bereits fünfhunderttausend Dollar erworben.

Aber seine große Gelegenheit erschien, als Grants Befehl „Vorwärts nach Richmond!“ kam. An einem Morgen des Jahres 1864 pochte er an die Tür Plankingtons, seines Kompagnons in seinem großen Speck- und Salzfleischunternehmen.

„Ich nehme den nächsten Zug nach New York“, sagte er, „um Speck zu verkaufen. Grant und Norman haben die Rebellen bei der Kehle, und Speck wird bis zu zwölf Dollar das Fass hinuntergehen.“

Hier war seine Gelegenheit.

Er ging nach New York und bot Speck in großen Mengen zu vierzig Dollar das Fass an. Er wurde eifrig gekauft. Die schlauen Wall-Street-Spekulanten lachten über den jungen Westamerikaner und sagten ihm, dass die Ware bis zu sechzig Dollar das Fass steigen würde, denn der Krieg sei nicht angenähert zu Ende. Armour fuhr fort zu verkaufen. Grant rückte beständig vor, die Stadt Richmond fiel, und Speck fiel damit auf – zwölf Dollar das Fass. Armour hatte einen Reingewinn von zwei Millionen gemacht.

 

John D. Rockefeller erblickte seine günstige Gelegenheit in Petroleum, nachdem ihm aufgefallen war, wie schlecht die Beleuchtung und wie groß die Bevölkerung in Amerika war. Wohl gab es Petroleum genug, aber sein Reinigungsprozess war ein so grober, dass das Produkt sehr untergeordneter Art und nicht ganz gefahrlos erschien.

Hier war Rockefellers Chance! Indem er Samuel Andrews, den Portier des Maschinenhauses, in dem beide arbeiteten, zum Teilhaber erwählte, gründete er im Jahre 1870 eine kleine Destillerie, in der er einen von Andrews erfundenen verbesserten Prozess anwendete. Sie lieferten eine bessere Sorte Öl und machten treffliche Geschäfte. Bald nahmen sie einen dritten Teilhaber, Mr Flagler, auf; Andrews jedoch wurde unzufrieden und wünschte auszutreten.

„Wie viel verlangst du als deinen Anteil am Geschäft?“, fragte Rockefeller.

Andrews nahm ein Stück Papier und schrieb flüchtig: „Eine Million Dollar.“

Innerhalb vierundzwanzig Stunden händigte ihm Rockefeller den Betrag mit den Worten ein: „Eine Million ist billiger als zehn.“

Nach zwanzig Jahren war die kleine Raffinerie, die im Anfang einschließlich der Apparate und Gebäude keine eintausend Dollar wert gewesen war, zur großen „Standard Oil Trust“ geworden, besaß ein Kapital von neunzig Millionen, deren Aktien auf einhundertsiebzig standen, und repräsentierte somit einen Marktwert von einhundertfünfzig Millionen.

Dies sind Beispiele dafür, wie man die Gelegenheit, Geld zu verdienen, ergreifen kann. Aber glücklicherweise gibt es eine Generation von Technikern, Ingenieuren, Gelehrten, Künstlern und Dichtern, welche reichliche Gelegenheit finden, edlere Dinge zu tun, als bloß reich zu werden. Reichtum ist nicht der Gipfel, nach dem wir streben sollen, sondern nur die erste Sprosse; nicht das Ziel der Karriere eines Mannes, sondern der Anfang.

 

Mrs Elisabeth Fry, eine Quäkerin, sah die ihr gestellte Aufgabe in den englischen Gefängnissen. Es herrschte dort, bis zum Jahre 1813, die Gepflogenheit, drei- bis vierhundert Frauen zusammengepfercht in einem einzigen Gefängnisraume in Untersuchungshaft zu halten.

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