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Wildromantisches Wiedersehen

1. KAPITEL

Zärtlich beobachtete Sasha ihre neunjährigen Zwillingssöhne. Wie Robbenjunge tummelten sie sich in den Wellen, die sanft an die abgeschiedene Küste Sardiniens plätscherten.

„Seid vorsichtig, ihr beiden“, warnte sie die Jungen und ermahnte ihren Erstgeborenen: „Sei nicht so grob, Sam.“

„Wir spielen Banditen“, verteidigte er die stürmischen Angriffe, mit denen er seinen Zwillingsbruder in Schach zu halten versuchte. Banditen spielten sie diesen Sommer am liebsten, seit Guiseppe ihnen Geschichten von der Vergangenheit der Insel und ihren berüchtigten Banditen erzählt hatte. Guiseppe war der Bruder von Maria, der Köchin des exklusiven kleinen Hotels, das zur Kette von Sashas verstorbenem Mann gehörte.

Die Jungen besaßen das schwarze Haar und die samtige olivenfarbene Haut ihres Vaters, musste Sasha sich eingestehen. Nur die meergrünen Augen, die je nach Lichteinfall von blau zu grün wechseln konnten, hatten sie von ihr.

„Ich hab dir doch gesagt, dass ich freikomme.“ Lachend entwandt Nico sich Sams Schwitzkastengriff.

„Vorsicht, denkt an die Felsen und den Tümpel“, mischte Sasha sich ein, als Sam ungestüm auf seinen Bruder zuhechtete und mit ihm so im Sand landete, dass beide schließlich lachend davonkugelten.

„Sam, sieh mal, ein Seestern!“, rief Nico. Im nächsten Moment hockten sie einträchtig nebeneinander und starrten gebannt in eine Lache zwischen den Felsen.

„Mum, komm und schau dir das mal an!“, rief Nico.

Sasha bahnte sich einen Weg zu ihnen, kauerte sich zwischen sie und legte einen Arm um Sam, den anderen um Nico.

„Komm mit. Denk dran, ich bin der Banditenkönig.“ Die Pfütze und ihr Bewohner langweilten Sam bereits wieder, und er schubste seinen Bruder, damit er aufstand.

Jungen, dachte Sasha amüsiert. Voller Liebe und Stolz verfolgte sie, wie die beiden davonstoben und im Sand weiterspielten. Schließlich drehte sie sich um und blickte zum Hotel auf dem Felsvorsprung hinüber. Während sie sich der Erinnerung hingab, versuchte sie weiter wachsam dafür zu bleiben, was ihre Söhne gerade taten.

Für sie war dieses Hotel das schönste Haus ihres verstorbenen Mannes. Als Hochzeitsgeschenk hatte er es ihr überlassen, die alte Villa zu renovieren und neu einzurichten. Die Kosten dafür hatten sich vielfach ausgezahlt, denn die meisten Gäste waren von seiner eigenwilligen Gestaltung und der intimen Atmosphäre begeistert und kamen gern wieder.

Nach Carlos Tod hatte Sasha jedoch entsetzt feststellen müssen, dass es um die übrigen Hotels der Kette finanziell mehr als bedenklich stand. Ohne ihr Wissen hatte Carlo Kredite in erheblicher Höhe aufgenommen, um sie halten zu können, dabei hatte er dieses Hotel auf Sardinien als Sicherheit eingesetzt. Er hatte falsche geschäftliche Entscheidungen getroffen, vielleicht, weil es ihm zu jener Zeit gesundheitlich bereits sehr schlecht ging. Carlo war ein liebevoller, großzügiger Ehemann gewesen. Doch in geschäftliche und finanzielle Angelegenheiten hatte er sie nicht eingeweiht. Er hatte sie immer lieber verehren und beschützen wollen, statt sie als gleichwertigen Partner zu betrachten.

Sie hatten sich in der sonnigen Karibik kennengelernt, wo Carlo die Möglichkeit prüfte, seiner Kette ein weiteres Hotel anzugliedern. Jetzt musste Sasha nicht nur mit dem Schmerz über seinen Verlust fertig werden, sondern sich auch der Tatsache stellen, dass aus ihr, der verwöhnten Frau eines reichen Mannes, buchstäblich über Nacht eine arme Witwe geworden war. Vor knapp einer Woche hatte Carlos Wirtschaftsprüfer ihr mitgeteilt, dass Carlo bei einem anonymen privaten Kapitalgeber Millionenschulden eingegangen war und das Hotel als Sicherheit dafür verpfändet hatte. Und obwohl Sasha ihre Finanzberater beschworen hatte, eine Lösung zu finden, damit sie dieses Hotel behalten konnte, hatten sie ihr eröffnen müssen, dass der Privatkapitalgeber unter keinen Umständen mit sich reden lasse.

Wehmütig blickte Sasha wieder zu ihren Söhnen. Sardinien und die herrlichen Sommer, die sie hier verbracht hatten, würden ihnen fehlen. Am meisten aber fehlte ihnen natürlich Carlo. Obwohl er schon älter gewesen war und bei den rauen Spielen der beiden Energiebündel nicht immer hatte mithalten können, hatte er die Jungen vergöttert – und sie ihn.

Jetzt war Carlo von ihnen gegangen. Bewegt dachte Sasha an seine letzte Bitte. „Was immer ich getan habe, vergiss nie, dass es aus Liebe zu dir war“, hatte er sie matt beschworen.

Ja, sie schuldete Carlo viel. Als sie in Not war, hatte er sich ihrer angenommen, sie unterstützt und aufgebaut. Was er ihr gegeben hatte, war unbezahlbar. Er hatte sie Selbstachtung und innere Ausgeglichenheit gelehrt, die Fähigkeit, selbstlos Liebe zu geben und zu empfangen. Für sie war Carlo sehr viel mehr gewesen als nur ihr Ehemann.

Kämpferisch blitzte es in Sashas meergrünen Augen auf. Sie war auch früher arm gewesen und hatte sich irgendwie durchgeschlagen. Doch damals hatte es ihre beiden Söhne noch nicht gegeben, für die sie nun sorgen musste. Erst am Morgen hatte eine E-Mail des Internats der Jungen sie diskret daran erinnert, dass das Schulgeld für das neue Semester fällig wurde. Der Gedanke war einfach zu schrecklich, das Leben der Zwillinge noch weiter aus den Fugen geraten zu lassen, indem sie die beiden aus der Schule nahm, die sie so begeistert besuchten.

Verloren blickte Sasha auf ihre Diamantringe. Auf teuren Schmuck hatte sie nie viel Wert gelegt, doch Carlo hatte ihr die Ringe unbedingt kaufen wollen. Inzwischen war sie entschlossen, ihren gesamten Schmuck zu verkaufen. Mit dem erhofften Erlös würden sie wenigstens während der Sommerferien ein Dach über dem Kopf haben. Sie hatte ihren Stolz über Bord geworfen, als sie über Carlos Anwälte zu erreichen versuchte, mit ihren Söhnen bis zum Beginn des neuen Schuljahres im September hierbleiben zu dürfen. Immerhin das war ihr zugesagt worden. Ihre eigene Jugend war unsicher und liebeleer gewesen, und sie hatte sich geschworen, dass ihre Kinder es besser haben sollten. Deshalb hatte sie auch …

Nachdenklich beobachtete Sasha ihre Söhne. Ja, Carlo hatte viele ihrer seelischen Wunden geheilt, doch eine blutete immer noch.

Durch den Kummer der letzten Monate war sie dünner geworden, zu dünn, fand sie. Die Armbanduhr hing locker an ihrem Handgelenk, während sie sich das volle, von sonnengebleichten Strähnen durchzogene dunkelblonde Haar aus dem Gesicht strich.

Achtzehn war sie gewesen, als sie Carlo geheiratet hatte, und neunzehn, als die Zwillinge geboren wurden. Ein ungebildetes junges Ding war sie damals gewesen. Carlos Heiratsantrag hatte sie nur zu gern angenommen, obwohl er sehr viel älter war als sie. Die Ehe mit ihm hatte ihr so viel gegeben, das sie nie gekannt hatte … und nicht nur finanzielle Sicherheit. Er hatte Stabilität in ihr Leben gebracht, in der sicheren Umgebung, die er ihr geboten hatte, war sie aufgeblüht.

Sasha war entschlossen gewesen, Carlos Liebe zu erwidern, und sein Gesichtsausdruck, als er die Zwillinge nach ihrer Niederkunft in der teuren Privatklinik zum ersten Mal in ihrem Bettchen sah, hatte ihr gezeigt, dass er sich nichts Schöneres hätte wünschen können.

„Schau mal, Mum.“ Sasha drehte sich zu Sam um und sah zu, wie er und Nico als Flugzeuge auf dem Sand landeten. Bald würden sie gegen die ständige Überwachung aufbegehren, doch noch war ihnen nicht bewusst, dass ihre Mutter sie nie aus den Augen ließ. Bei zwei so einfallsreichen Energiebündeln, wie ihre Zwillinge es waren, blieb ihr nichts anderes übrig, als übervorsichtig zu sein und Gefahren zu wittern, auf die sie sich aus Abenteuerlust einlassen könnten.

„Guck mal, wir können auch Handstand machen“, prahlte Sam.

Für ihr Alter waren die beiden nicht nur sehr lebhaft, sondern auch ungewöhnlich groß und kräftig.

„Du hast mir wunderbare, starke Söhne geschenkt, Sasha“, hatte Carlo sie oft gelobt. Lächelnd dachte sie an seine Worte. In der Ehe war sie vom Mädchen zur Frau erblüht. Ihr goldener Ehering funkelte in der Sonne, als sie sich wieder dem Hotel auf dem Felsvorsprung über ihnen zuwandte.

Mit ihrem verstorbenen Mann hatte sie die ganze Welt bereist, seine Kette kleiner, aber exklusiver Hotels besucht. Doch zu diesem auf Sardinien hatte es sie immer wieder hingezogen. Ursprünglich war es eine Privatvilla gewesen, die Carlos Cousin gehörte. Carlo hatte sie nach dessen Tod geerbt und geschworen, sie nie zu verkaufen.

Gabriel stand im Schatten des Felsens und blickte grimmig auf den Strand hinunter.

Wie mochte Sasha sich jetzt fühlen, nachdem das Schicksal sich nicht an den Pakt gehalten hatte, den sie mit ihm eingegangen war, und die Sicherheit, die sie sich mit ihrer Heirat erkauft hatte, nun doch nicht ewig hielt? Wie war ihr wohl zumute gewesen, als sie erfahren musste, dass sie keine reiche Witwe war?

Hatte sie den Mann verflucht, den sie geheiratet hatte –oder sich selbst? Und ihre Söhne? Gabriel verspürte einen schmerzlichen Stich im Herzen. Er hatte ihnen beim Spielen zugesehen und musste unwillkürlich an seine eigene Kindheit auf Sardinien denken. Nie würde er die unbarmherzige, grausame Jugend vergessen, die er selbst durchlitten hatte. Als er so alt gewesen war wie die beiden Jungen dort unten, hatte er für jede Brotkrume hart arbeiten müssen. Tritte und Verwünschungen hatten ihn gelehrt, sich blitzschnell zu ducken und zu fliehen. Aber er war ja auch ein unerwünschtes Kind gewesen, das die reichen Verwandten mütterlicherseits abgeschoben hatten, nachdem sein Vater einfach verschwunden war. Gabriel presste die Lippen zusammen. Er war bei Pflegeeltern aufgewachsen. Als Junge hatte er mehr Nächte draußen beim Vieh geschlafen als im Haus der Ziehfamilie, die ihn ebenso verachtet hatte wie die Verwandtschaft seiner Mutter.

Aus einer solchen Jugend ging man entweder gebrochen oder stahlhart hervor. Inzwischen würde ihn nichts und niemand von einem einmal gefassten Entschluss abbringen. Jetzt stand er über denen, die früher auf ihn herabgeblickt hatten.

Sein Großvater mütterlicherseits war das Oberhaupt einer der wohlhabendsten und mächtigsten Familien Sardiniens gewesen. Die Geschichte der Calbrinis war eng verwoben mit der Vergangenheit der Insel – sie war voller blutiger Fehden, Verrat, Rache und falschen Stolzes.

Seine Mutter war ein Einzelkind gewesen und mit achtzehn vor einer arrangierten Ehe davongelaufen, um einen armen, aber gut aussehenden jungen Bauern zu heiraten, den sie zu lieben glaubte.

Verwöhnt, wie sie war, musste sie jedoch nach einem knappen Jahr erkennen, dass sie einen Fehler begangen hatte, dass sie ihren Mann fast ebenso verabscheute wie die Armut in ihrer Ehe. Nach Gabriels Geburt hatte sie ihren Vater angefleht, ihr zu verzeihen und sie wieder zu Hause aufzunehmen. Er war dazu bereit gewesen, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie sich von ihrem Mann scheiden und das Kind bei seinem Vater ließ.

Seine Mutter sei damit sofort einverstanden gewesen, hatte Gabriel als Junge gehört. Ihr Vater habe Gabriels Erzeuger eine stolze Summe Geld gezahlt mit der Auflage, dass die Familie Calbrini damit jeder Verpflichtung gegenüber dem Kind aus der inzwischen geschiedenen Ehe entbunden wurde.

Daraufhin hatte Gabriels Vater, der plötzlich so viel Geld besaß wie noch nie in seinem Leben, seinen drei Monate alten Sohn seinem Cousin übergeben und war nach Rom gegangen, mit dem Versprechen, Geld für den Unterhalt seines Sohnes zu schicken. Doch in Rom hatte er gleich zu Anfang seine spätere zweite Frau kennengelernt, die nicht einsah, warum sie sich mit einem fremden Kind belasten sollte, und auch nicht wollte, dass ihr Mann Geld für den Kleinen verschwendete.

Daraufhin hatten Gabriels Pflegeeltern sich an seinen Großvater gewandt. Sie waren arm und konnten es sich nicht leisten, ein Kind durchzufüttern. Doch Giorgio Calbrini hatte sich geweigert zu helfen. Das Kind interessierte ihn nicht. Außerdem hatte seine Tochter wieder geheiratet – diesmal den Mann seiner Wahl –, und er hoffte, dass sie ihm bald einen Enkel von annehmbarer Abstammung schenken würde.

Doch da hatte er sich verrechnet. Als Gabriel zehn Jahre alt war, kamen seine Mutter und ihr zweiter Mann bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. So musste Giorgio Calbrini sich mit seinem einzigen Enkel zufriedengeben: Gabriel.

Seine Kindheit war streng und bar jeglicher Liebe gewesen. Der Großvater konnte ihm keine Gefühle entgegenbringen, sich mit der niederen Herkunft des verhassten Vaters des Jungen nicht abfinden. Doch im Haus seines Großvaters bekam er immerhin anständig zu essen. Außerdem wurde er auf die besten Schulen geschickt, wo er alles lernen sollte, um eines Tages die Leitung der Firma Calbrini übernehmen zu können. Nicht, dass sein Großvater große Hoffnungen in ihn gesetzt hätte, wie er Gabriel wiederholt verbittert vorgehalten hatte. „Ich muss es tun“, hatte er betont. „Mir bleibt keine andere Wahl. Schließlich bist du mein einziger Enkel.“

Doch Gabriel war entschlossen gewesen, sich zu beweisen, allerdings nicht, um die Liebe seines Großvaters zu erringen. An Liebe glaubte er nicht. Nein, er hatte allen zeigen wollen, dass er tüchtiger und stärker war als sein Großvater. Und das hatte er erreicht. Anfangs hatte der Großvater Gabriels Professoren nicht glauben wollen, die sich erstaunt über seine Begabung äußerten, besonders aber seine rasche Auffassungsgabe in allem, was die vielschichtigen Zusammenhänge der Finanzwelt betraf. Mit zwanzig hatte Gabriel den kleinen Kapitalstock vervierfacht, den sein Großvater ihm zum achtzehnten Geburtstag übertragen hatte.

Und dann war der Großvater drei Wochen nach Gabriels einundzwanzigstem Geburtstag unerwartet gestorben, und Gabriel hatte sein unermessliches Vermögen und seine Stellung geerbt. Nun mussten alle, die vorher gespottet hatten, er sei dieser Herausforderung nicht gewachsen, schnell einsehen, dass sie sich geirrt hatten. Gabriel war ein echter Calbrini, in Gelddingen entwickelte er sogar ein noch feineres Gespür als sein Großvater. Doch ihm ging es nicht nur darum, viel Geld zu verdienen. Niemand sollte ihn mehr verletzen können.

Und das habe ich geschafft, dachte Gabriel. Keine Frau würde ihn ungestraft zurückweisen, wie seine Mutter es getan hatte.

Schon gar nicht diese Frau hier.

Er konnte hören, dass Sasha mit ihren Söhnen sprach, der Wind trug Lautfetzen zu ihm herüber, doch was sie sagte, verstand er nicht.

Sasha! Mit fünfundzwanzig war er Milliardär geworden, ein Mann, der niemandem traute, für den Frauen, mit denen er schlief, genau das waren: Bettgefährtinnen, mehr nicht. Die Regeln, die er für solche Beziehungen aufstellte, waren einfach und unumstößlich: Kein Wort von Liebe, Bindung oder einer gemeinsamen Zukunft. Unbedingte Treue, solange eine Frau mit ihm zusammen war. Absolute Einhaltung aller Vorkehrungen für sicheren Sex. Keine Kinder. Und um sicherzustellen, dass letztere Regel weder „zufällig“ noch absichtlich gebrochen wurde, sorgte Gabriel stets selbst dafür.

Im Lauf der Jahre hatte er genug wütende, verbitterte Szenen erlebt. Manche Damen waren in Tränen ausgebrochen, weil sie gehofft hatten, die Regeln ändern zu können … und schnell eines Besseren belehrt wurden. Die Tränen waren dann jedoch stets wundersam versiegt, wenn er den Schönen den Abschied mit einer großzügigen Geldsumme versüßt hatte.

Gabriel lächelte zynisch. War es ein Wunder, dass er niemandem mehr traute und Frauen verachtete? Die Eva musste erst noch geboren werden, die sich nicht kaufen ließ. Seine Mutter hatte ihm gezeigt, wie Frauen waren, als sie ihn für Geld verlassen hatte. Und alle anderen, denen er seitdem begegnet war, hatten ihn in seiner Auffassung nur bestätigt.

Natürlich genoss er die Gesellschaft von Frauen – oder besser gesagt, die Lust, die sie ihm mit ihrem Körper spendeten. Wie sein Vater war er ein sehr attraktiver Mann, er hatte nie Probleme, eine bereitwillige Partnerin zu finden, die seine sexuellen Bedürfnisse befriedigte.

„Sam, geh nicht so weit weg. Bleib hier, wo ich dich sehen kann.“ Diesmal konnte er hören, was Sasha sagte, weil sie es ihrem Sohn zurief. Sasha – eine besorgte Mutter?

Wie seine Verbitterung ließ die Vergangenheit ihn einfach nicht in Ruhe. Hier holte sie ihn ein, packte ihn so brutal, dass es regelrecht wehtat.

Nach dem Tod seines Großvaters hatte er dessen abgelegene, unbehagliche Villa auf Sardinien verkauft und eine Jacht erworben. Da er durch seine Immobiliengeschäfte viel unterwegs war, wechselte er den Wohnort so häufig wie die Bettgefährtinnen. Wenn eine Frau sich ihm anbot, warum sollte er nicht zugreifen? Sie musste nur einsehen, dass es in seinem Leben keinen Platz mehr für sie gab, wenn sein sexueller Appetit gestillt war.

Mit fünfundzwanzig hatte er auch beschlossen, eine Frau dafür zu bezahlen, dass sie ihm einen Erben schenkte – ein Kind, für das er sich die ausschließlichen Rechte sichern würde.

Verächtlich beobachtete er Sasha. Vor sechs Wochen, unmittelbar nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag, hatte er am Krankenhausbett seines sterbenden Cousins zweiten Grades gestanden – die Familie Calbrini war groß und weitverzweigt – und sich angehört, wie Carlo ihn anflehte, für seine beiden Söhne zu sorgen, die er mehr als alles auf der Welt liebte.

Eine warme Brise umspielte Gabriels klassisch-römische Züge. Vor Jahrhunderten hatten die Sarazenen Sardinien erobert und seine Geschichte und die seiner Einwohner nachhaltig geprägt. Die männlichen Nachkommen, die aus Verbindungen der Eroberer mit den Frauen der Insel hervorgingen, besäßen die Kraft und gnadenlose Grausamkeit ihrer Erzeuger, hatte Carlo Gabriel erzählt. Auch in den Adern seiner eigenen Familie floss Sarazenenblut. Wer sich Gabriel in den Weg stellte, durfte nicht mit Mitleid rechnen.

Abschätzend beobachtete er die beiden Jungen am Strand. Sie hatten das Glück, einen älteren Vater gehabt zu haben, der sie liebte und vergötterte. Ihre Kindheit unterschied sich sehr stark von seiner eigenen. Wieder dachte er an das Versprechen, das Carlo ihm flehend abgenommen hatte. Ohne es so auszudrücken, hatte er das Schicksal seiner Söhne in Gabriels Hände gelegt, weil er ihrer Mutter nicht traute. Auf dem Sterbebett hatte er endlich zugeben müssen, dass auf sie kein Verlass war.

Dennoch hatten seine letzten Worte ihr gegolten.

„Sasha“, hatte er Gabriel zugeflüstert. „Du musst verstehen …“

Mehr hatte er nicht über die Lippen gebracht, weil er zu schwach war. Doch das war auch nicht nötig gewesen. Gabriel wusste längst alles über Sasha. Wie seine eigene Mutter hatte sie ihn verlassen. Die Erinnerung daran nagte an seinem Stolz, machte ihn verbittert. Mit Sasha hatte er noch eine Rechnung offen, die sie ihm mit Zinseszins bezahlen würde. Deswegen war er jetzt hier.

Protestgeschrei der Zwillinge veranlasste Sasha, sich besorgt umzudrehen. „Hört auf zu raufen, ihr beiden!“

Gegen das gleißende Sonnenlicht nahm sie die Silhouette eines Erwachsenen wahr. Um die Person besser sehen zu können, schirmte sie die Augen mit der Hand ab.

Es gibt Augenblicke im Leben, die man einfach nie vergisst. Sashas Herz schien plötzlich auszusetzen, ungläubiges Staunen, Erschrecken und Panik folgten – und ein ungeheurer Schmerz, den sie nicht wahrhaben wollte. Das Blut rauschte in ihren Adern, sie bewegte sich wie in Trance, brachte nur ein Wort hervor.

„Gabriel!“

2. KAPITEL

Nur ein Wort, doch es war gleichermaßen so erfüllt von Zorn, Schock und Furcht, dass es regelrecht nachzuhallen schien.

Sasha musste den Kopf zurücklegen, um zu Gabriel hinaufblicken zu können. Ihr war bewusst, wie stark ihre Halsschlagader vor Aufregung klopfte, doch sie widerstand dem Bedürfnis, die Stelle mit der Hand zu bedecken.

„Was machst du dort oben? Was willst du?“ Es war dumm, das zu fragen, Gabriel musste die Panik in ihrer Stimme hören und merken, dass sie die Angst niederzukämpfen versuchte. Das sagte ihr sein grausam-zufriedenes Lächeln, an das sie sich nur zu gut erinnerte.

„Was, glaubst du, könnte ich wollen?“

Sein Ton war täuschend sanft, fast zärtlich, und einen Augenblick lang übermannten Sasha die Erinnerungen. Sie war wieder siebzehn, ein empfindsames, verliebtes Ding voller Sehnsüchte, das seine Gefühle hinter forschem Auftreten verbarg. Ohne ihren Minirock und das knappe Oberteil stand sie da, ihr langes Haar mit den sonnengebleichten blonden Strähnen war feucht, weil Gabriel darauf bestanden hatte, sie solle erst duschen. Sie genoss es, wie er sie betrachtete, war überwältigt von ihren Empfindungen, dem Verlangen, das sie durchflutete. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie so starkes sexuelles Begehren. Sie begehrte Gabriel, verlangte fast verzweifelt nach ihm.

Die Tür zu ihrer Vergangenheit war aufgestoßen. Sasha wollte nicht sehen, was dahinterlag, aber es war bereits zu spät. Erneut durchlebte sie, wie ungeduldig sie darauf wartete, dass Gabriel zu ihr kam, stürmte ihm dann einfach entgegen. Er fing sie auf, hielt sie auf Armeslänge von sich und betrachtete ihren nackten Körper. Atemlos fieberte sie ihm entgegen, ihre Brustspitzen richteten sich schon bei der Vorstellung auf, dass er sie berühren würde. Doch nichts hatte sie auf das vorbereitet, was nun mit ihr geschah. Gabriels Fingerspitzen waren etwas rau, es waren die Hände eines Mannes, der auch körperlich arbeitete. Lustvoll erschauerte Sasha, als er ihre Brüste erotisierend langsam zu erkunden begann. Die rauen Berührungen erregten sie über alle Maßen, sie hielt es nicht mehr aus, wollte mehr. Alles in ihr war für ihn bereit, ihre empfindsamste Stelle pulsierte. Gabriel schien zu spüren, was sie sich wünschte, er ließ die Hände sanft, aber zielstrebig über ihren Körper gleiten, umfasste ihre Hüften, liebkoste sie intimer …

War sie es gewesen, die ihm entgegendrängte und die Beine unwillkürlich leicht öffnete, oder hatte Gabriel sie enger an sich gezogen? Sasha wusste es nicht mehr, doch sie erinnerte sich genau, was sie empfunden hatte, als er sich über sie beugte und ihren Hals mit Küssen bedeckte, während er nun ihre feuchte Hitze erforschte. Fast hätte sie in diesem Moment den Höhepunkt erreicht.

Ein Schauer überlief Sasha. Wieso dachte sie ausgerechnet jetzt daran? Die widersprüchlichsten Empfindungen stürmten auf sie ein. Furcht? Schuldgefühle? Verlangen? Nein! Nie wieder! Das Mädchen Sasha gab es nicht mehr, und mit ihr waren die Gefühle verflogen, die es beherrscht hatten.

Unauffällig spähte Sasha den Strand entlang zu ihren Söhnen, die immer noch spielten und gar nicht gemerkt hatten, was hier vor sich ging. Schnell blickte sie fort, als könnte sie die Jungen so vor dem beschützen, was mit ihr geschah, und trat instinktiv zur Seite, damit Gabriel nicht auf ihre Söhne aufmerksam wurde. Für sie würde sie alles tun. Alles!

Ihr Ablenkungsmanöver konnte ihn nicht täuschen. Carlo hatte ihn gewarnt, sie sei eine überfürsorgliche Mutter, aber das war ja auch verständlich. Sie hatte seinen Cousin für einen vermögenden Mann gehalten, und als Mutter seiner Kinder hatte sie uneingeschränkt Zugang zu seinem Reichtum gehabt. Wie viele Männer, die erst in späten Jahren Vater wurden, hatte Carlo seine Söhne vergöttert – den lebenden Beweis seiner Potenz. Seine Erben …

Jetzt erbten sie gar nichts. In Gabriels goldbraunen Augen blitzte es auf, er dachte an den privilegierten Lebensstil der beiden Jungen, für die ihren Eltern nichts zu teuer war … Sie trugen exklusive italienische Kleidung, hatten strahlend weiße Zähne; die Art, wie sie sprachen, ließ darauf schließen, dass sie eine englische Schule für die Oberschicht besuchten. Und ihren kraftvollen, sehnigen Körpern ...

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