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Wildfutter

Einleitende Worte

Kaum ein Ereignis erschüttert mehr als die schwere Erkrankung eines sehr nahestehenden Menschen. Mit einem Schlag verändert sich das Leben. Nichts ist mehr wie es vorher war. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war...

Meist erwarten wir eine schwere Erkrankung oder gar den Tod erst im weiten Alter des Lebens. Wenn sie uns dann in der Mitte des Lebens treffen, sind wir überrascht, verwirrt und ohnmächtig. Oft verweigern wir das Ereignis, war unser Lebensplan doch ein anderer. Auch ich fühlte mich ausgebremst, als meine Lebensfreundin und frühere Lebensgefährtin schwer erkrankte, war ich doch auf der Überholspur hin in mein „erfolgreiches“ Leben. Ich habe in meinem Leben immer der unvorhergesehenen Wendung Raum gegeben, aber dem endlichen Leben einen Platz einräumen, wollte ich nicht, nicht so früh, nicht in der Lebensmitte. Wir können uns der schweren Erkrankung des nahestehenden Menschen entziehen. Wir können uns dem Ereignis verweigern, uns abwenden oder gar gehen. Doch spätestens, wenn wir selbst schwer erkranken, wird uns die Flucht einholen, uns mahnend und schmerzvoll erinnern. Es wird uns schuldig zerreißen. Oder wir bleiben, lassen uns erschüttern und tun, was zu tun ist. Wir lassen uns ein auf einen Weg, der uns mitten hineinführt in das wirkliche Leben. Wir ziehen den Vorhang und blicken hinein in das Wunder des Lebens.

Ich bin geblieben und habe mich eingelassen auf eine Reise, an deren Ende ich mich selbst erkannt und gefunden habe. Das Buch ist mein Reisebericht und Tagebuch. Es beschreibt einen Heilungsweg und Hoffnungsweg, der Angehörigen Mut macht zu bleiben, zu tun was zu tun ist, und dem Wunder die Hand zu reichen. Es lässt die Leserinnen und Leser die Versehrtheit und Endlichkeit ihres Lebens anerkennen; es lässt sie erkennen, was in ihrem Leben ist und was sein soll.

Das Ereignis

„Ich habe Angst, begleite mich bitte in mein Seminar. Sei da, sei im Hintergrund, ich fühle mich beschützt mit Dir.“ Deine Worte klingen noch in mir und werden wohl nie ganz verklingen, nie ganz still werden und mich immer erinnern. Fünfunddreißig Jahre arbeitest Du als Psychotherapeutin, fünfundzwanzig Jahre kennen wir uns... Nie hast Du mich gebeten, in einem Seminar an Deiner Seite zu sein.

Der 3. März 2012 soll ein erfolgreicher Tag werden. Mit einem neuen therapeutischen Angebot betrittst Du die Bühne im alten Kesselraum der Cognac-Brennerei Dujardin. Alles ist „angerichtet“ für ein erfolgreiches „Mahl“. Alle „Zutaten“ sind bereitet, alle Klientinnen sind in Erwartung Deiner therapeutischen Künste. Nur wenige Minuten später: Mit einem Schlag ist Dein Seminar zu Ende und Dein bisheriges Leben. Keine Künste mehr. Kein klares Wort mehr von Dir. Nur der Boden gibt Dir noch Halt und meine Arme. Du selbst verlierst Deinen Halt, Deine Bewegung, Deine Sprache, Deinen Atem...

Ich rufe in den Raum: „Schlaganfall, 112, Notarzt anrufen.“ Du erwiderst: „nein“, gebrochen doch verständlich, mit letztem Widerstand, bis Deine Sprache ganz verstummt. Du weißt, was folgt... Alles was Du für Dich ausgeschlossen hast: Grundsätzlich keine lebenserhaltenden Interventionen und Behandlungen. Doch Du hast Dir eine Bühne gewählt, die Deinen Patientenwillen ausschließt. Nur mit Dir alleine hättest Du Dein Sterben „leben“ können, sogar müssen.

In Sekunden werden in mir wach unsere Gespräche zum Leben und Sterben. In Sekunden erinnere ich die Wanderung auf den Wolfsberg, wo wir uns Sorge und Verantwortung versprachen für unser Leben und Sterben, wo wir uns mit unser beider Patientenwillen begegneten. Alles war bereitet, unseren Willen und unser Versprechen auch schriftlich zu verfügen. Alles war in Kopf und Seele entworfen, bereit, verbindlich geäußert zu werden. Das Jetzt, das Leben hat anders entschieden.

Eine halbe Stunde nach Deinem Einbruch und Fall passiert der Rettungswagen die Schranke der Klinik. Wenige Minuten später beginnt die radiologische Untersuchung. Weinend, zerrissen, tief erschüttert und ohnmächtig nehme ich meinen Platz im Warteraum ein. Die Wartezeit nimmt mich mit in die Endlichkeit Deines und meines Lebens, sie nimmt mich mit an die Grenze des Todes und in die Wirklichkeit des Lebens. Unendlich wird die Wartezeit, unendlich fließt meine Trauer in Tränen. Gefühlte Stunden später erwartet mich die Diagnose: „Schwere Gehirnblutung am Stammhirn.“ Ohne die große intensivmedizinische Behandlung, ohne massive Überlebenseingriffe wirst Du sterben, so die Rückmeldung des Leitenden Oberarztes.

Blut fließt in Dein Gehirn. Deine Sprache, Deine Bewegung und Dein Atem ertrinken. Dein Leben droht zu ertrinken...

Alles ist möglich. Du wirst atmen können, sprechen, essen, Dich bewegen; nach langen Monaten der Rehabilitation aufstehen und gehen...

Oder Du verbleibst im Wachkoma ohne Aussicht auf eine Wiederkehr in Dein waches, lebendiges Leben. Oder Du wirst wach, doch Dein Leben ist so weit ertrunken, dass Dir kein Wort mehr möglich ist, kein Essen, keine Bewegung. Du wirst fremdernährt und fremdbewegt...

Wahrscheinlich ist: Du bleibst liegen; nie wieder wirst Du einen Schritt gehen, einen Fuß vor den anderen setzen, Du wirst bis zu Deinem Tod gebunden sein an pflegende Hände.

Ich übermittele Deinen Patientenwillen, Deine Einstellung und Haltung zum Leben und Sterben, Deine Verankerung im Buddhismus. Ich übermittele Deinen klaren Willen: „keine lebenserhaltenden intensivmedizinischen Behandlungen“.

Es gibt keine schriftliche Verfügung Deines Willens, die mir die Möglichkeit gibt, den Ärzten Deine Einstellung und Haltung zu dokumentieren. Die Ärzte formulieren sehr klar: „Herr Dörper, wir nehmen den mutmaßlichen Patientenwillen von Frau Jans zur Kenntnis. Es gibt jedoch keine ethische und juristische Möglichkeit, die intensivmedizinische Behandlung einzustellen; es wäre fahrlässige Tötung. Herr Dörper, wir können auf Anruf die intensivmedizinische Behandlung nicht einstellen, wir kennen Sie gerade einige Minuten, und die Diagnose sagt – es gibt die Chance zurückzukehren in ein selbstbestimmtes Leben. Solange es diese Chance gibt, können wir die Behandlung nicht einstellen, ist die Chance auch noch so klein. Wählt Frau Jans den Weg weiterer Komplikationen, die massive Eingriffe in ihr Gehirn notwendig machen, werden wir gemeinsam entscheiden, ihren Patientenwillen respektieren und sie gehen lassen.“

Ohnmächtig bleibe ich zurück, ohne Macht entscheiden zu können. Der Medizinbetrieb hat das Wort, ist aber auch im Wort der Unterstützung, im Wort, Dir eine Chance anzubieten und zu ermöglichen – sei die Chance auch noch so klein. Ohnmächtig verharre ich, zerrissen, angstvoll und hoffend, dass alles möglich ist und wird, hoffend, dass Dein Körper und Deine Seele das Wunder ergreifen...

Die Wochen auf der Intensivstation

Täglich trete ich an Dein Bett und begegne wieder und wieder Deinem Patientenwillen. Ich sehe Dich wieder und wieder in einer Lebenswirklichkeit, die Du für Dich nie wolltest und immer abgelehnt hast. Du liegst im künstlichen Koma, wirst über Schläuche beatmet, ernährt und mit Medikamenten versorgt. Du hängst an Instrumenten. Monitore, links und rechts Deines Bettes machen mir jederzeit deutlich: Du wirst künstlich und technisch im Leben gehalten. Was für ein Leben?

Wieder und wieder bin ich im Ereignis Deines Einbruchs, Deines Anfalls, Deiner Gehirnblutung, höre Dein „Nein“ zum Notruf. In mir beginnt ein Konflikt, der mich droht zu zerreißen: „Ich habe den Notruf veranlasst, gegen Dich und Deinen Patientenwillen gehandelt, für Dich nicht Sorge und Verantwortung getragen.“ Wieder und wieder suche ich Antworten und Lösungen in inneren Gesprächen mit mir und im Dialog mit dem Leitenden Oberarzt. Ich suche für Dich Lösungen und Möglichkeiten, die intensivmedizinischen Behandlungen einzustellen. Die Prognose der Ärzte ist offen: Möglich ist Deine Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben, wahrscheinlich erheblich eingeschränkt. Möglich und sehr wahrscheinlich ist Dein Übergang in eine dauerhafte Pflege und Betreuung. Möglich bleiben Dein Sterben und Dein Tod. Eine Einstellung der intensivmedizinischen Behandlung ist und bleibt ethisch und juristisch nicht möglich.

Wieder und wieder erfassen mich Gefühle tiefer Schuld und Ohnmacht, tiefer Trauer und Angst. Wut nimmt mich ein, wütende Angst, dass Dein Körper und Deine Seele das Wunder nicht ergreifen, dass für Dich kein Wunder vorgesehen ist. Wütende Ohnmacht nimmt mich ein, dass Du hängen bleibst an Instrumenten, Schläuchen und künstlicher Ernährung, dass Du hängen bleibst in der Pflege, warm, satt und sauber, mehr nicht. Wäre ich in die Notfallaufnahme mit einer schriftlichen Verfügung Deines Patientenwillens gekommen, gäbe es die Chance, Dich zu trennen von Monitoren, Dich zu lösen aus lebenserhaltenden intensivmedizinischen Behandlungen.

Sind das Sterben und der Tod Dein Weg? Bin ich Dein Wegbegleiter? Ich mache Dein würdevolles Leben und Sterben zu meiner Verantwortung. Die Antwort und Verantwortung sind mir alleine nicht angemessen. Was ist ein würdevolles Leben? Was ist ein würdevolles Sterben? Ich bleibe irdisch und diesseitig, verharre an der Grenze und hoffe, dass jenseitig ein Wunder Dir gegeben ist. Was ich tun kann? Über die Grenze dem Wunder die Hand reichen, diesseitig im Jetzt sein und bleiben, tun was zu tun ist, die Aufgaben nehmen und verantworten, die mir angemessen sind, und hoffen und vertrauen und loslassen...

Ich finde mich wieder in der Rolle eines Projektleiters – eines Projektes, um das ich mich nie beworben habe. Das Leben hat anders entschieden. Kein Wort mehr von Dir, keine Willensäußerung, keine Entscheidung. Deine Gesundheitsfürsorge, Deine Finanzfürsorge, einfach alles obliegt nun mir. Die Klinik beantragt für mich Deine gesetzliche Betreuung. Ich werde Dich nun vertreten, für Dich alle notwendigen Entscheidungen treffen. Nach bestem Wissen und Gewissen werde ich für Dich Anwalt, Freund und Gefährte Deines Lebens sein. Doch ich habe Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Ich habe Angst, Dein mir anvertrautes Leben nicht tragen zu können; zu schwer wiegt die Aufgabe. Zu schwer ist das Gewicht der wahrscheinlichen Prognose: dass Dir kein selbstbestimmtes Leben mehr möglich sein wird. Kann ich wählen? Ja, ich kann. Ich nehme den „Rucksack“ und gehe meinen Weg mit Dir und tue, was zu tun ist, bleibe im Jetzt und verantworte und vertraue. Im Jetzt sein, im Tun sein und dem Wunder still und fordernd meine Hand reichen wird zum Leitsatz, der mich tief durchdringt auf lange Zeit.

Am Anfang allen Tuns steht das Wort, die Kommunikation, der Dialog, die Beziehung. Ohne Beziehung, ohne bezogen zu sein, geschieht keine Heilung. Das ist und bleibt die bestimmende Grundlage all meines Tuns. Ich trete ein in einen „Beziehungsraum“. Im „Raum“ haben Platz genommen Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger. All diese Menschen treten ein in Deinen persönlichen „Raum“, organisieren Deine intensivmedizinische Behandlung.

Du liegst im Koma, kein Wort ist Dir möglich, doch Begegnung mit Dir ist möglich. Wie Dir begegnen im Koma? Du hörst nicht, Du sprichst nicht, Du siehst nicht. Was Du in Dir fühlst, was Deine Seele erkennt, aufnimmt und wahrnimmt, weiß keiner... Dir nicht zu begegnen, ist unterlassene Hilfeleistung. Daher gilt weiter: dem Wunder die Hand reichen, hoffend, dass Dein Körper und Deine Seele dem Wunder die Türe öffnen.

Ich unterstütze das Wunder und lasse alle, die Dich begleiten, einblicken in Deine Person. Wer Dich nicht kennt, kann Dir nicht begegnen. Ich gebe Dich zu erkennen. Hierzu gehört insbesondere Dein Beruf als Psychotherapeutin, Deine buddhistische Lebensführung, Deine Haltung zu Krankheit und Sterben und Dein Patientenwillen. Viele Gespräche führe ich in Deiner Nähe an Deinem Bett und im Hintergrund. Ich spreche über Dich: Nicht immer werde ich die Worte, Töne und Gefühle in meiner Sprache und Kommunikation finden, die Du für Dich gewählt hättest, die Du für Dich als angemessen und passend empfunden hättest. Sorge und Verantwortung für Dich tragen sind ein Grenzgang und eine Grenzerfahrung... Es ist: einen guten Boden bereiten für Deine mögliche Heilung, Deine mögliche Rückkehr in ein verändertes selbstbestimmtes Leben... Es ist: achtgeben auf das, was intensivmedizinisch für Dich getan wird, mich einbinden in den Behandlungsweg und wenn notwendig und möglich, auf ihn einwirken. Sorge und Verantwortung für Dich tragen ist bei allem Tun, bei allem Verantworten, Dich nicht zu entmündigen, Deinen Willen zu erkennen und zu übersetzen... Es ist, meine Wünsche und meinen Willen für Dich zu erkennen und Dich und mein Tun in guter Beziehung zu verbinden. Ich werde nicht immer in Deinem Sinne handeln können, doch Dir versprechen, nach bestem Wissen und Gewissen für Dich zu handeln.

Ich bin Gefährte und Freund Deines Lebens seit fünfundzwanzig Jahren und formaljuristisch nun Dein gesetzlicher Betreuer. Immer wieder gibt sich meine Rolle und Aufgabe, in mir als Bild zu erkennen: „Ein Schiff in Seenot, Stürme und Wellen entern das Schiff, es droht unterzugehen, Du drohst zu ertrinken. Ich bin der Kapitän an Bord und führe das Schiff durch die Stürme und Wellen, ausgestattet mit der Autorität und den Fähigkeiten, die notwendig sind, es sicher in den „Hafen“ zu bringen.“ Ich kann die Stürme und Wellen nicht beruhigen, dazu bedarf es eines Wunders. Doch ich kann, wenn es Deine und meine Hand ergreift, das Schiff lenken, tun, was zu tun ist, lenken und entscheiden, was mir gegeben und angemessen ist, um Dich sicher in den „Hafen“ zu bringen.

Die intensivmedizinische Behandlung formt sich weiter. Weiterhin wirst Du im Koma gehalten, beatmet und intravenös ernährt. Dein Gehirn blutet weiter. Der Gehirndruck steigt weiter: Vielleicht muss Dein Gehirn geöffnet werden, damit der Druck entweichen kann. Deine Gehirnnerven ertrinken dort, wo die Blutung fließt und nicht zum Stillstand kommen will. Weiterhin kannst Du sterben. Es folgen die ersten Einwilligungen und Entscheidungen: Luftröhrenschnitt und Trachialkanüle, Blasenkatheter und Magensonde. Was folgt noch? Der Gehirnöffnung will ich nicht zustimmen müssen. Tage bange ich, warte angstvoll auf den Stillstand der Blutung, hoffend und vertrauend auf das Wunder. Nach vier „unendlichen“ Tagen endlich die Entwarnung. Die Blutung steht, der Gehirndruck fällt. So zeigen es die bildgebenden Verfahren, so zeigt es die Computertomographie. Was sein wird, das lässt sich nicht erkennen; das käme dem Lesen des Kaffeesatzes gleich. Dort, wo das Blutgefäß verletzt ist und eingeblutet hat in Dein Stammhirn ist ein weißer Fleck so groß wie ein Golfball. Dies ist jenseits der Grenze, die der Medizin erlaubt, eine günstige Prognose zu wagen. Wie ein Schleier verbirgt der weiße Fleck den Blick auf die wirkliche Verletzung und Schädigung. Nie wieder wird sich der Schleier zurückziehen. Nie wieder werden sich die geschädigten Nerven von der Blutung erholen. Die Hoffnung gilt der Plastizität Deines Gehirns und seiner Fähigkeit, an anderer gesunder Stelle, die Aufgaben und Funktionen der geschädigten Region neu zu lernen und zu übernehmen. Was genau im Gehirn passiert, wie die Aufgaben und Funktionen übernommen werden, ob und wie der Heilungsprozess verläuft, hierauf haben die Medizin und Wissenschaft heute noch keine klare Antwort. Meine Angst hätte die Antwort gerne.

Du wirst weiterhin im Koma gehalten. Später dann, in zwei Wochen vielleicht, sollst Du erwachen aus der scheinbaren Ruhe, wieder selbstständig atmen, wenn es Dir möglich ist. Die Blutung steht. Die Heilung hat begonnen, so hoffe ich. Täglich, Stunde um Stunde, sitze ich an Deinem Bett und reiche dem Wunder die Hand, lege meine Hand in Deine und suche einen Zugang und Weg zu Dir...

Du hörst nicht, sprichst nicht, siehst nicht,

Deinen Körper kannst Du nicht bewegen.

Was Du in Dir fühlst, was Deine Seele erkennt,

aufnimmt und wahrnimmt, weiß keiner.

Dir nicht zu begegnen, ist Hilfe unterlassen,

ist dem Wunder die Türe verschließen.

Ich trete wieder und wieder an Dein Bett,

links und rechts die Monitore, die Dich im Leben halten.

Was kann ich tun?

Wieder und wieder meine Hand in Deine legen

und dem Wunder die Hand reichen.

Wieder und wieder einen Zugang finden in Deine Seele:

auf dass sie meine Hand in Deiner spürt,

auf dass sie den Buddha wahrnimmt,

der wachend und beschützend an Deinem Bett steht,

auf dass sie die Fotos sieht aus Deinem Leben,

die an den Monotoren hängen und sich in ihnen verortet,

auf dass Deine Seele die Geschichten und Gedichte hört,

die ich ihr vorlese,

auf dass sie die Rhythmen der leisen Heilklänge hört,

die ich ihr vorspiele,

auf dass sie die Klänge meiner Seele hört,

die Dich liebend begleitet.

Was kann ich tun?

Bei allem Tun und Verantworten:

Dich nicht entmündigen,

Deinen Willen erkennen und übersetzen,

meine Wünsche und meinen Willen für Dich erkennen

und Dich und mein Tun

in achtsamer Beziehung verbinden,

mit allen medizinischen Helfern sprechen

an Deinem Bett,

auf dass Deine Seele

auf Deinem Heilungsweg hören kann,

was sie tun kann, um Deinen Körper mitzunehmen.

Alles sollst Du hören,

auf dass Deine Seele entscheiden kann,

welchen Weg sie gehen kann und will.

Was Du in Dir fühlst, was Deine Seele erkennt,

aufnimmt und wahrnimmt, weiß keiner.

Dir nicht zu begegnen ist Hilfe unterlassen,

ist dem Wunder die Türe verschließen.

Was kann ich tun?

Leise in Deine Seele flüstern:

Ich bin da und bleibe.

Zwei Wochen später, Schritt für Schritt, erwachst Du aus dem künstlichen Koma. Du atmest wieder selbstständig. Dein Blutdruck und Deine Herzfrequenz pendeln sich auf ein normales Niveau ein. Du öffnest die Augen. Von Stunde zu Stunde kehren Bewegung und Leben zurück in Deine Augen. Doch vorerst bleibt ihr Blick ungerichtet. Ich suche Dich in Deinen Augen und fühle mich von Dir erkannt. Oder ist es meine Angst, die will und hofft, dass Du mich erkennst? Tief verunsichert, nähere ich mich Dir an, verweile mit meinen Händen in Deinen, mit meinen Augen in Deinen und stelle mich auf eine lange Reise ein. Willentlich ist Dir keine Kommunikation möglich, nicht mit Deinen Augen, nicht mit Worten. Was Du hörst, weiß keiner. Die einzigen Zeichen senden vorerst Deine Augen. Ich sehe zarte Bewegungen, wenn ich mich bewege: Zart begegnen sie mir, wenn ich Dein Zimmer betrete, zart folgen sie mir, wenn ich Dein Zimmer verlasse. Oder ist es meine Angst, die will und hofft, dass Du Dich bewegst? Nein, es sind meine Wahrnehmung und mein Blick auf Dich. Ich gebe Dich auf, wenn ich nicht in jeder zarten Bewegung das Wunder sehe. Ich werde mich halten in der Hoffnung, dass Dir eine Rückkehr in ein verändertes, selbstbestimmtes Leben möglich ist. Ohne diese Haltung mache ich mich zum Bestatter Deines Lebens, obwohl Du noch nicht gestorben bist. Keiner weiß, was Dir gegeben ist. Keiner weiß, was Dir möglich sein wird. Daher werde ich nicht müde, Dich im Leben zu halten. Doch meine Haltung wird immer wieder auf die Probe gestellt: Immer dann, wenn die Medizin und ihre Diagnostiker die zarten Bewegungen Deiner Augen als Nervenimpulse sehen, immer dann, wenn die Ärztinnen und Ärzte Dich im Wachkoma sehen, eine lange Zeit bleibend.

Was kann ich tun? Da sein und bleiben, Stunde um Stunde an Deinem Bett sitzen, Deine Hand nehmen, Dir vorlesen, mich Dir wieder und wieder zeigen, auf dass Deine Augen mich wiedererkennen, voll und ganz. Ich halte Dich und lasse Dich los, auf dass: „Du aufstehst und gehst“, irgendwann.

Zwei Wochen später sind Deine Augen so weit geöffnet, so weit gerichtet, dass meine letzten Zweifel der Zuversicht weichen. Du bist orientiert, Du kannst mich erkennen und sehen. Wie Du mich siehst, ob voll und ganz, weiß keiner. Du wirst es mir sagen, bald, so hoffe ich. Viel mehr kann die Intensivmedizin für Dich nicht tun, als das, was erreicht ist. Dein Zustand ist stabil. Du atmest selbstständig. Deine Augen sind gerichtet, Kontakt ist Dir möglich. Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffkapazität haben sich auf ein Normalniveau eingependelt. Dennoch überrascht mich die Planung der Klinik und des Leitenden Oberarztes, Dich schon jetzt vorzumerken für die anschließende neurologische Frührehabiliation. Sobald ein Platz gefunden ist in einer geeigneten Klinik, sollst Du verlegt werden. Ja, ich bin froh; noch vor Wochen war Dein Tod möglich und wahrscheinlich. Ja, ich bin froh, es geht weiter. Doch ich habe auch Angst, dass es nicht weitergeht, Dir keine weiteren Schritte der Heilung mehr möglich sind, Deine Füße nie wieder einen Schritt gehen werden. Ich kann wählen, in meiner Angst zu erstarren oder weiter der Hoffnung zu folgen. Ich „umarme“ meine Angst und tue weiter, was zu tun ist.

Die Klinik hat für Deine Rehabilitation zwei Häuser aus ihrem Konzern vorgeschlagen und Dich dort angemeldet. Hattingen und Bad Oderborn stehen zur Wahl. Später dann erfolgt die verbindliche Bestätigung aus Bad Oderborn. Es ist verständlich, dass die Klinik Dich zur weiteren Behandlung in ihrem Konzern halten will. Jedes andere Wirtschaftsunternehmen würde so handeln. Viele Patienten und ihre Angehörigen wissen jedoch nicht um ihr Recht, die Klinik und damit den weiteren Verlauf der Rehabilitation selbst wählen zu können. Meist sind die Angehörigen in einer existenziellen Grenzsituation und emotional hoch belastet. Häufig fehlt ihnen auch einfach die Zeit, ihr Wahlrecht zu beanspruchen, um eine Alternative zu finden. Oder ihnen fehlen der Mut und die Kompetenz, der Intensivklinik eine Alternative vorzuschlagen und diesen Weg unbeirrt und entschieden zu gehen. Ich nehme mir die Zeit und bin dankbar ob meiner persönlichen und fachlichen Kompetenzen. Drei volle Tage recherchiere ich, telefoniere mit Rehabilitationskliniken in ganz Deutschland, um für Dich und Deinen weiteren Behandlungsweg eine geeignete Klinik von hoher Qualität zu finden. Die Recherche ist erfolgreich. Ich wähle eine Fachklinik für neurologische Frührehabilitation aus Köln und lasse ...

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