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Wilde Rosen auf Mallorca

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Sie versperren mir die Aussicht.” Juliet drehte sich um, aus ihrer frühmorgendlichen Träumerei gerissen. Überrascht nahm sie den Mann wahr, der nicht weit entfernt auf der Terrasse auf einer Liege lag und stirnrunzelnd zu ihr schaute.

Sie hatte die Anwesenheit eines anderen überhaupt nicht bemerkt, als sie an der Küste stand und auf das ruhige Wasser hinausblickte. Auch war ihr die Schönheit des Sonnenaufgangs, der vom Wasser reflektiert wurde, entgangen, während sie überlegte, wie lange sie noch hier bleiben müsste. Die meisten Menschen hätten es nicht als Unannehmlichkeit betrachtet, weiter in diesem vornehmen Hotel auf der paradiesischen Insel Mallorca zu bleiben, aber Juliet war nicht zum Vergnügen hier!

Und ganz sicher war sie nicht in der Stimmung, sich die Grobheit dieses Mannes gefallen zu lassen. Er mochte ja auch für seinen Hotelaufenthalt bezahlt haben – und das war sehr viel, wie sie wusste! Doch mit den Kosten für seine Hotelsuite hatte er kein Anrecht auf exklusive Aussicht erworben.

Ihre grauen, von langen dunklen Wimpern umrahmten blitzenden Augen verrieten ihr Missfallen. “Ich dachte, die Aussicht sei für alle da”, schnappte sie und strich mit einer Hand ihr langes leuchtend rotes Haar über ihre Schulter zurück. Beim Verlassen ihrer Suite hatte sie es nicht im Nacken zusammengesteckt, wie sie es sonst tat.

Sie war jetzt seit fast einer Woche auf der Insel und fand, dass sie mit den Nächten am schwersten fertig wurde. Sie hatte keine Probleme, sich tagsüber zu beschäftigen, aber nachts fiel sie für nur wenige Stunden in einen unruhigen Schlaf, erwachte dann gegen drei Uhr morgens und konnte nicht wieder einschlafen. Sie hatte es sich angewöhnt, lange Spaziergänge an der Küste zu machen, sobald es hell wurde.

Noch zwei Tage, hatte Juliet bei ihrem heutigen Spaziergang beschlossen, und dann würde sie zurück nach Hause, nach England fahren. Mit ihrem Aufenthalt hier löste sie ohnehin nichts. Die Person, deretwegen sie hergekommen war, ließ sich einfach nicht sehen, und das musste sie eben akzeptieren.

Der Mann erhob sich von der Liege. Er war groß und schlank, trug ein schwarzes T-Shirt und enge Jeans, und sein überlanges Haar glänzte golden in der Sonne. Seine Augen waren so blau wie das Wasser vor ihnen. Er blinzelte in die helle Morgensonne, als er über die Terrasse auf sie zuzugehen begann.

Es war erst kurz nach sechs, zu früh zum Aufstehen für die anderen Hotelgäste, und Juliet merkte plötzlich, dass sie beide hier allein waren. Und dieser Mann wirkte eher feindselig.

Als er unmittelbar vor Juliet stehen blieb, wurde ihr erst seine volle Größe bewusst. Er war mindestens einen Kopf größer als sie, so dass sie ihre Unterlegenheit ihm gegenüber noch deutlicher spürte.

“Die Aussicht gehört jedermann”, murmelte er heiser. “Ich war nur überrascht, noch jemand anders so früh am Morgen hier draußen zu sehen.”

Und das gab ihm das Recht, grob zu ihr zu sein? Seine Entschuldigung war nicht gerade überschwänglich, aber andererseits machte der Mann den Eindruck, dass er sich, wenn überhaupt, nur selten entschuldigte.

Er musste Ende dreißig sein, hatte ein gut aussehendes Gesicht mit markanten Zügen, dunkle Wimpern um scharfe, wache blaue Augen, eine lange, gerade Nase, einen geschwungenen Mund und ein energisches Kinn.

Juliet zuckte die Schultern. Ihre Kleidung war seiner ähnlich, abgesehen davon, dass ihr T-Shirt blau war und in ihren Jeans steckte.

“Der Morgen ist der schönste Teil des Tages”, erklärte sie – wenngleich sie sich dessen um drei Uhr morgens nicht so sicher war.

“Ich teile Ihre Auffassung”, stimmte er zu und sah sie mit durchdringendem Blick an.

Obwohl er leger gekleidet war, sah er nicht wie die üblichen Urlauber aus, die Juliet bisher in diesem exklusiven Hotel gesehen hatte. Die meisten von ihnen, die Männer mit eingeschlossen, waren mehr daran interessiert, mit ihrer Kleidung modisch zu wirken, als sich wirklich zu entspannen und die Sonne und das Meer zu genießen. Dieser Mann hingegen vermittelte den Eindruck, als sei ihm Mode völlig egal. Er kleidete sich bequem und scherte sich den Teufel darum, welchen Eindruck er auf andere machte. Selbst das leicht gewellte goldblonde Haar war unmodisch lang. Vielleicht schätzte sie ihn aber völlig falsch ein – was sie sehr oft tat –, was sie spätestens wissen würde, wenn sich seine modebewusste Frau und seine verwöhnten Kinder gleich zu ihm gesellten.

“Schön, wenn Sie mich dann entschuldigen würden …” Sie schenkte ihm ein abweisendes Lächeln, bevor sie sich abwandte.

“Nein”, sagte er plötzlich hinter ihr.

Juliet drehte sich stirnrunzelnd um. Was meinte er damit?

“Ich habe vor ein paar Minuten Kaffee bestellt”, sagte er lächelnd, wobei er weiße Zähne entblößte und sich Fältchen in seinen Augenwinkeln zeigten.

Es war erstaunlich, wie dieses Lächeln sein Gesicht veränderte. Er wirkte nicht mehr unnahbar und feindselig. Dennoch war Juliet noch immer irgendwie über seine Art verwirrt.

“Warum leisten Sie mir nicht Gesellschaft?” schlug er vor.

Ihre grauen Augen weiteten sich. Gerade erst war sie dem Mann begegnet, der sofort unhöflich zu ihr gewesen war. Jetzt besaß er sogar den Nerv, sie zum Kaffee einzuladen. “Würde Ihre Frau das nicht ein bisschen komisch finden?” erwiderte sie mit süßem Sarkasmus.

Sie hatte sich seit ihrer Ankunft hier sehr zurückgezogen und allen Versuchen anderer Gäste, sie anzusprechen und in ihre Aktivitäten mit einzubeziehen, widerstanden. Sie war ohnehin eine Einzelgängerin, so dass ihr das nicht schwergefallen war. Sie hatte gewiss nicht die Absicht, diesem Mann beim Kaffee – oder etwas anderem – Gesellschaft zu leisten.

Er verzog den Mund. “Ich habe keine Frau”, erzählte er trocken. “Und selbst wenn ich eine hätte, wüsste ich nicht, was falsch daran sein sollte, Sie zu bitten, mit mir eine Tasse Kaffee zu trinken.”

Juliet spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Vielleicht war sie ein bisschen übervorsichtig, doch ihre bisherige Lebenserfahrung hatte sie gelehrt, anderen Menschen nur wenig zu vertrauen – besonders einem einsamen Mann, dem sie so zufällig begegnet war.

“Ich werde nicht …”

“Würden Sie bitte das Tablett auf den Tisch stellen? Und bringen Sie noch eine Tasse!” Der goldblonde Fremde sprach über Juliets Schulter hinweg, und als sie sich umdrehte, sah sie den Kellner mit seinem Kaffeetablett kommen. Tatsächlich befanden sich neben Kaffee auch Croissants und Brötchen darauf.

Er ist offensichtlich ein Mann, der es gewohnt ist, Befehle zu erteilen, und erwartet, dass sie befolgt werden, dachte sie, während sie zuschaute, wie der Kellner das Tablett auf den Terrassentisch stellte.

“Kommen Sie und setzen Sie sich!” forderte er sie auf, während er mit langen Schritten zurück zur Terrasse schlenderte. “Möchten Sie etwas essen?” Er deutete auf die Brötchen und die Croissants. “Das reicht für zwei.”

Juliet schaute ihn verwirrt an. Sie hatte seine Einladung zum Kaffee zwar nicht ablehnen können, aber ihm musste klar sein, dass sie im Begriff dazu gewesen war, als der Kellner kam. Und doch ignorierte er das einfach. Er hatte sie in eine Position gebracht, in der sie unhöflich wirken würde, wenn sie ablehnte.

Widerwillig gesellte sie sich zu ihm. Der Mann wartete, bis sie es sich bequem gemacht hatte, bevor er Platz nahm. Statt einen Stuhl ihr gegenüber zu nehmen, wie sie gehofft hatte, setzte er sich einfach links neben sie.

“Ich möchte nichts essen, danke”, lehnte sie steif ab. Sie fühlte sich in dieser Situation nicht wohl. Sie hatte den Eindruck, zu etwas gezwungen zu werden, und das passte überhaupt nicht zu ihrem gewöhnlich selbstständigen Wesen.

Er schaute sie abschätzend an. “Sie sehen nicht so aus, als ob Ihnen ein paar Pfund schaden könnten.” Sein Blick war dabei auf ihre fast knabenhafte Figur gerichtet.

Juliet war sich der Tatsache wohl bewusst, dass sie jetzt, mit ihren siebenundzwanzig Jahren, wahrscheinlich schlanker als je zuvor war und dass es nicht zu ihr passte, so dünn zu sein, aber sie schätzte es nicht, dass dieser Mann ihr das sagte. “Nur Kaffee, danke”, erklärte sie. Sie hatte die Absicht, ihn so schnell wie möglich zu trinken und dann die Flucht zu ergreifen.

Doch während er nickte, bevor er ihr den heißen Kaffee einschenkte, wurde ihr klar, dass ihr Plan völlig unrealistisch war. Sie goss reichlich Sahne in die Tasse, wusste aber, dass der Kaffee dennoch zu heiß war, um eilig getrunken zu werden.

“Ich heiße übrigens Liam.” Er schaute sie fragend an.

“Juliet”, murmelte sie in ihre Tasse, bevor sie zögernd einen Schluck von der dampfenden Flüssigkeit nahm.

“Danke!” Er lächelte unverbindlich, als der Kellner mit der zweiten Tasse und noch einem Teller kam. “Sind Sie geschäftlich hier oder zum Vergnügen?”

Juliet blickte scharf zu ihm auf, als ihr bewusst wurde, dass er wieder mit ihr redete. “Geschäftlich?” wiederholte sie knapp.

Er zuckte die Schultern und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. “Es gibt hier viele Möglichkeiten für Geschäfte. Sogar dieses Hotel steht zum Verkauf.”

Sie war wohl kaum in der Lage, eines der Carlyle-Hotels zu kaufen. “Das glaube ich”, antwortete sie unverbindlich. “Sind Sie deshalb hier?” konterte sie.

Er schüttelte den Kopf. “Für mich ist das nur eine Vergnügungsreise. Ich war bloß neugierig, was Sie betrifft. Sie sehen nicht wie einer der Typen aus, die sich auf einem Abenteuerspielplatz wie dem hier bewegen.” Er schaute sie mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an.

Juliet schäumte fast vor Empörung. Wie welcher “Typ” sah sie nicht aus? Oh, natürlich hatte er Recht, aber dennoch …

Liam nickte. “An Urlaub zu denken und tatsächlich einen zu machen sind zwei völlig verschiedene Dinge, nicht wahr?” sagte er trocken.

“Aber Sie sind doch gerade erst angekommen – ich meine, ich habe Sie in der vergangenen Woche hier nicht gesehen”, erklärte sie verlegen. Ihre Wangen hatten sich wieder gerötet, als ihr klar wurde, dass sie zugegeben hatte, dass er der Typ Mann war, den sie bemerkt hätte, wenn er vorher aufgetaucht wäre.

“Ich bin gestern Abend angekommen. Wie Sie sagten, es schien mir zu dem Zeitpunkt richtig zu sein”, fügte er grimmig hinzu. “Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.”

“Sie hatten dazu ja schwerlich Zeit”, betonte Juliet.

Liam schaute sie über den Rand seiner Kaffeetasse an. “Wie lange sind Sie schon hier?” fragte er.

Sie zuckte die Schultern. “Fast eine Woche.”

“Und?” Er hob die Augenbrauen.

Plötzlich wurde ihr klar, worauf er hinauswollte. “Ich bin nicht in der Absicht hergekommen, mich zu amüsieren”, zisch sie gereizt.

Er lehnte sich wieder zurück. “Nein? Dann sind Sie geschäftlich hier?”

Dieser Mann war wirklich zu neugierig und verdammt direkt! “Vielleicht”, erwiderte sie unverbindlich und probierte wieder ihren Kaffee.

“Aber so erschreckend bin ich doch nicht, oder?”

Sie blickte auf und stellte fest, dass Liam sie beobachtete. Belustigung tanzte in diesen tiefblauen Augen, als er jetzt betont auf die halb leere Tasse in ihrer Hand blickte. Juliet stellte die Tasse mit einem Klappern auf die Untertasse zurück. “Ich denke, ich sollte lieber in meine Suite zurückgehen. Ich möchte duschen und mich vor dem Frühstück umziehen”, erklärte sie ihm gespreizt.

Er nickte. “Essen Sie mit mir zu Mittag!”

Sie erstarrte abweisend. “Nein, ich …”

“Wir sind beide allein, Juliet”, fiel er durchaus vernünftig ein. “Es ist lächerlich, wenn wir beide allein essen.”

Sie stand plötzlich auf, wobei ihr offenes Haar über ihre schmalen Schultern fiel und rot im Sonnenschein blitzte. “Ich ziehe es vor, allein zu essen”, zisch sie. “Und ich bin ganz sicher nicht hier, um mich anmachen zu lassen!” Sie atmete vor Empörung schwer …

Liam schien von ihrem Ausbruch unbeeindruckt zu sein und musterte sie abschätzend. “Das habe ich keinen Augenblick lang von Ihnen geglaubt”, sagte er schließlich leise.

Juliet warf ihm einen letzten finsteren Blick zu, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte und durch den Garten zum Haupteingang des Hotels eilte. Während sie das tat, war sie sich wohl bewusst, dass er jeden ihrer Schritte genau verfolgte.

Als sie sich im Empfangsbereich befand, begann Juliet wieder ruhiger zu atmen, wenngleich sie ihren Schritt nicht verlangsamte, als sie zum Lift hinüberging. Nicht, dass sie auch nur einen Augenblick lang geglaubt hatte, dass dieser Mann, Liam, ihr folgen würde. Sie fühlte sich nur durch die ganze Begegnung völlig beunruhigt und wollte so schnell wie möglich in der Abgeschiedenheit ihrer Suite sein, um ihre strapazierten Nerven wieder beruhigen zu können.

Liam war nicht der erste Mann seit ihrer Ankunft hier gewesen, der ein gewisses Interesse an ihr gezeigt hatte. Es hatte mehrere andere alleinstehende Männer gegeben, die sie offensichtlich als Beute für eine Urlaubsromanze betrachteten, obwohl sie keinem von ihnen zutraute, eine Romanze im Sinn zu haben, sondern vielmehr für die Dauer des Aufenthaltes eine Bettgefährtin zu suchen! Aber sie war an Annäherungsversuchen nicht interessiert gewesen. Das Gleiche galt Liam gegenüber.

Sie war aus einem völlig anderen Grund hergekommen, und nach sechs Tagen des Wartens musste sie akzeptieren, dass die Reise wahrscheinlich vergeblich gewesen war. Sie hatte sie ohnehin aus Verzweiflung angetreten – ein letzter verzweifelter Versuch, Edward Carlyle zu finden und mit ihm zu reden, bevor es zu spät war. Das Problem war, dass er ihr sehr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er nicht mit ihr sprechen wolle, dass er ihr nichts zu sagen habe. Durch eine zufällige Bemerkung seiner Sekretärin, die sie tagelang bedrängt hatte, ihr seinen Aufenthaltsort zu nennen, hatte sie erfahren, dass er auf Mallorca sein würde, um mit einem möglichen Käufer seines Hotels zu sprechen. Dieses Hotels.

Statt zu duschen und sich umzuziehen, legte sie sich auf das Bett und starrte an die Decke. Die Zeit verrann, und sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, um zu verhindern, dass alles um sie herum zusammenbrach. Edward Carlyle war der Schlüssel, wie sie wusste, aber sie wusste auch, dass er die Absicht hatte, alles zusammenbrechen zu lassen.

Juliet war dem Mann nie begegnet, kannte ihn aber durch seinen Vater, William. Sie wusste, dass die beiden Männer vor Jahren miteinander gestritten hatten, worauf Edward die Familie und das Familienunternehmen mit dem Schwur verlassen hatte, nie wieder zurückzukommen. Und jetzt stand das Familienunternehmen kurz vor dem Ruin. Genau dies würde geschehen, wenn Edward Carlyle nicht eingriff. Aber bisher war er gegenüber ihrer Bitte, sich zu treffen und über die Situation zu sprechen, unzugänglich gewesen.

Sie war erschüttert gewesen, als sich nach Williams Tod vor zwei Monaten bei der Testamentseröffnung herausstellte, dass er “Carlyle Properties” zu gleichen Teilen Juliet und seinem Sohn Edward vermacht hatte, da sein jüngerer Sohn schon mehrere Jahre zuvor verstorben war. Als Williams persönliche Assistentin wusste Juliet natürlich, wie das Unternehmen zu führen war, doch wegen der Besitzverhältnisse, wonach sie und Edward Carlyle gleichberechtigte Inhaber waren, war es ihr unmöglich, ohne Zustimmung des anderen Partners wichtige Entscheidungen zu treffen. Und Edward Carlyle weigerte sich sogar, ihre Briefe zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn nach England zu kommen und mit ihr über die Führung des Geschäfts zu sprechen.

Offensichtlich brauchte Edward Carlyle die “Carlyle Properties” nicht, weil seine eigene Kette von Exklusivhotels äußerst erfolgreich war, aber Juliet fühlte sich aus Loyalität zu William verpflichtet, das Unternehmen weiterzuführen. Er hatte so viel für sie getan. Sie wollte ihn nicht im Stich lassen …

Unglücklicherweise war das Immobiliengeschäft noch immer außerordentlich schwierig, und es war William erst vor drei Jahren gelungen, das Unternehmen zu retten, als der Markt zusammengebrochen war und es viele Pleiten gegeben hatte. Jetzt verbesserte sich die Lage für alle, die diesen Kollaps überlebt hatten, aber dennoch mussten Entscheidungen sehr vorsichtig getroffen werden. Aber ohne Edward Carlyles Zustimmung konnte Juliet überhaupt keine treffen …

Mit einem Stöhnen drehte sie sich auf dem Bett um. Sie musste Edward Carlyle einfach finden. Noch zwei Tage, und dann würde sie nach England zurückkehren und von neuem mit der Suche nach ihm beginnen. Aufgeben konnte sie nicht! Das war sie William einfach schuldig …

Juliet hatte nicht einmal gemerkt, dass sie eingenickt war, wusste aber, dass sie einige Zeit geschlafen haben musste, als sie sich auf dem Bett umdrehte und strahlenden Sonnenschein durch die Türen fallen sah, die zum Balkon ihrer Suite im ersten Stock hinausführten. Ein Blick auf ihre Uhr verriet, dass es nach elf Uhr war. Fast Mittagszeit, und sie hatte noch nicht einmal gefrühstückt!

Wie üblich war ein Mittagsbüfett in einem der Gärten aufgebaut, als Juliet fast eine Stunde später hinunterkam, nachdem sie geduscht und ein hellrotes Baumwollsommerkleid angezogen hatte, das sich irgendwie nicht mit der Farbe ihres Haares biss.

Dieser Mann, Liam, war die letzte Person, der sie begegnen wollte. Doch er saß nahe dem Büfett an einem Tisch und beobachtete sie nachdenklich. Er trug noch immer die verblichenen Jeans, dazu aber jetzt ein kurzärmliges himmelblaues Hemd. Sein Haar wirkte in der gleißenden Mittagssonne noch goldener, und seine Haut leuchtete wie dunkle Bronze.

Zweifellos verbringt er wie viele der anderen Gäste hier die meiste Zeit damit, in der Sonne zu sitzen und nichts weiter zu tun, als sich zu bräunen, dachte Juliet, während sie ihren gefüllten Teller auf dem Tisch absetzte und sich niederließ, wobei sie es strikt vermied, in Liams Richtung zu schauen.

Sie fühlte sich nicht mehr sehr hungrig, als sie auf den Salat und das Obst auf ihrem Teller blickte. Was machte sie hier überhaupt? Gott, das alles war Zeitvergeudung und …

“An Ihrer Stelle würde ich das essen”, murmelte eine vertraute Stimme über ihr. “Sie sehen aus, als ob der leiseste Windstoß Sie wegpusten würde!” fügte Liam grimmig hinzu.

Juliet errötete verärgert, als sie seinen Kommentar hörte. “Ich hätte das Essen wohl kaum ausgewählt, wenn ich nicht die Absicht hätte, es zu verzehren”, gab sie spitz von sich, wobei sie ihre Gabel in ein Stück Melone spießte und es betont langsam zum Mund führte. Danach schaute sie ihn herausfordernd an.

“Obst und Salat …” Er schüttelte den Kopf, während er auf dem Stuhl neben ihr Platz nahm. “Damit kann man wohl kaum Pfunde ansetzen, nicht wahr?”

Sie schluckte das Stück Melone und erstickte fast daran, weil sie vergessen hatte, es zu kauen. “Ich habe nicht die Absicht, ‘Pfunde anzusetzen’, danke!” brachte sie schließlich heraus.

Liam beugte sich vor. Seine Ellenbogen ruhten neben ihr auf dem Tisch. Die Härchen an seinen gebräunten Armen glänzten ebenfalls golden. “Es mag ja modisch sein, schlank zu sein, Juliet”, sagte er leise, “aber die meisten Männer bevorzugen eine Frau, die man richtig anfassen kann.”

Sie keuchte als Reaktion auf diese Vertraulichkeit. Diesem Mann musste doch inzwischen ganz klar sein, dass sie seine aufdringliche Gesellschaft nicht schätzte. Gott, sie hatte ihm klipp und klar gesagt, dass sie nicht zu haben sei. Aber vielleicht ist diese Tatsache allein eine Herausforderung für ihn, gestand sie sich matt ein.

“Mir ist wirklich völlig egal, was die meisten Männer bevorzugen”, erklärte sie ihm. “Aber wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mein Mittagessen gerne in Ruhe zu mir nehmen.” Sie schaute ihn bedeutungsvoll an.

“Lassen Sie sich nicht stören!” Er lehnte sich entspannt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie verschmitzt an.

“Sie …” Sie brach ab und blickte an ihm vorbei zu dem Tisch, an dem er Minuten zuvor noch gesessen hatte.

Eine Frau saß jetzt an dem Tisch und schaute fragend zu ihnen herüber – eine wunderschöne Frau, die Mitte dreißig sein musste. Ihr blondes Haar war kurz, aber perfekt gestylt, ihr Make-up gekonnt aufgetragen. Und sie wartete offensichtlich auf Liam … Er hatte seit seiner Ankunft hier nicht viel Zeit vergeudet. Frühstück mit Juliet, Mittagessen mit dieser anderen Frau! Und die andere Frau mit ihrer leicht üppigen Figur sah genau wie die Art Frau aus, die ein Mann anfassen konnte!

Juliet wandte sich wieder an Liam: “Ich glaube, Ihre Begleiterin ist gerade gekommen”, informierte sie ihn direkt.

Er richtete seinen Blick beiläufig zu dem Tisch hinüber und hob die Hand grüßend in Richtung der Frau, bevor er sich wieder an Juliet wandte: “Vielleicht sehe ich Sie später”, sagte er heiser, während er aufstand, um zu gehen.

Nicht, wenn ich dich zuerst sehe! Diesem aufdringlichen Mann aus dem Weg zu gehen würde die beiden letzten Tage ihres Aufenthalts zu einer noch größeren Prüfung machen, als die vorangegangenen sechs es gewesen waren. Vielleicht aber auch nicht, dachte sie und zog eine Grimasse, als sie bemerkte, wie die schöne blonde Frau zu ihm aufschaute und lächelte. Er sah aus, als sei er mit ihr völlig beschäftigt. Gott sei Dank!

Männer, vor allem der Typ, für den sie Liam hielt, waren nichts, was sie in ihrem Leben wollte. Sie wollte keinen Mann in ihrem Leben!

Außer Edward Carlyle. Sie musste ihn unbedingt in ihrem Leben haben, im Leben von “Carlyle Properties” – andernfalls würde es kein Unternehmen mehr geben.

Dieser Gedanke brachte sie völlig davon ab weiter zu essen, und sie legte die Gabel beiseite und ließ das Essen unberührt.

Sie wollte gehen, war sich aber der Tatsache bewusst, dass Liam sie zweifellos beim Gehen beobachten würde, wenn sie das täte.

Aber was macht das schon, ob Liam dich beobachtet oder nicht? tadelte sie sich verärgert selbst und stand entschlossen auf.

Sie ging mit erhobenem Kopf an dem Tisch vorbei, an dem er mit der attraktiven blonden Frau saß. Er war in ein Gespräch mit seiner Begleiterin vertieft und schaute nicht einmal in ihre Richtung. Juliet war noch wütender auf sich, weil sie überhaupt den Gedanken gehabt hatte, dass er ihr Fortgehen bemerken würde.

Am Abend hatte Mallorca etwas Wundervolles. Der Sonnenuntergang hob die Schönheit des orangefarbenen Mauerwerks der Häuser hervor, das auf dieser bezaubernden Insel so weit verbreitet war. Und auch das Hotel selbst, auf das Juliet an der Küste entlang zuspazierte, um zu Abend zu essen, war in das rosa Glühen des Sonnenuntergangs getaucht.

Wenn sie doch nur auch so wie die anderen sorgenfreien Urlauber sein könnte, die sich hier einfach nur vergnügen wollten! Aber es schien Jahre her zu sein, seit sie sorgenfrei gewesen war. Falls sie das je gewesen war!

Sie war ein Pflegekind gewesen. Dann folgten viele Jahre, in denen sie allein auf sich gestellt in der Welt war. Bevor sie Simon kennen lernte …

Bei dem Gedanken an ihn zuckte Juliet zusammen. Sie hatte seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht. Sie weigerte sich, an ihn zu denken. Es war alles zu schmerzlich …

Aber warum dachte sie ausgerechnet jetzt an ihn? Sie runzelte die Stirn. Sie wusste, warum. Dieser Mann, Liam, erinnerte sie irgendwie an Simon. Oh, nicht mit seinem Verhalten! Liam war weitaus selbstsicherer und stärker, als Simon es je gewesen war. Aber ihre Haarfarbe war ähnlich. Simon war ebenso blond wie Liam gewesen. Und er hatte die gleichen blauen Augen gehabt. Er war auch fast so groß wie der andere Mann gewesen.

Vielleicht war dies der Grund, warum Liam in ihr eine so starke Reaktion bewirkt hatte. Gewöhnlich konnte sie mit allen Annäherungsversuchen mühelos fertig werden, ohne dabei das Gefühl zu haben, weglaufen zu müssen. Aber Liam hatte ihr von Anfang an das Gefühl vermittelt, sich verteidigen zu müssen. Und jetzt kannte sie den Grund dafür. Er erinnerte sie an Simon, den sie einmal so sehr geliebt hatte …

Nachdem Juliet das realisiert hatte, fand sie es nicht gerade förderlich für ihren Seelenfrieden, dass Liam die erste Person war, die sie sah, als sie eine halbe Stunde später den Speiseraum des Hotels betrat. Er saß allein an einem Tisch nahe dem Fenster mit Blick auf die stille Bucht dieses wunderschönen Ortes im Norden der Insel. Seine Begleiterin war nicht bei ihm. Er sah hinreißend attraktiv in einem weißen Dinnerjackett, schneeweißem Hemd und weißer Schleife aus. Er hatte sein blondes Haar zurückgekämmt, und seine Augen zeichneten sich tiefblau gegen seine Bräune ab.

Juliet wandte rasch den Blick von ihm ab, weil er sich der Tür zuwandte, durch die sie gerade eingetreten war. Er wartete offensichtlich auf jemand, da sein Tisch für zwei Personen gedeckt war.

Das schwarze Kleid, das sie trug, war schlicht, aber elegant, schmiegte sich eng an die Konturen ihres Körpers und zeigte ihre wohlgeformten Beine unter dem knielangen Saum. Ihr Haar, durch die leichte Brise an diesem Nachmittag etwas zerzaust, war lose in ihrem Nacken mit einer schwarzen Spange zusammengesteckt. Sie trug ein leichtes Make-up und hatte Lippenstift in einem hellen Pfirsichton aufgelegt.

Sie hatte sich im Spiegel gemustert, bevor sie ihre Suite verließ, und wusste, dass sie eher elegant attraktiv als angeberisch sexy wirkte – so, wie sie es immer vorgezogen hatte auszusehen, wenn sie bei Geschäftsessen für William als Gastgeberin auftrat. Es war der Stil, in dem sie sich wohl fühlte. Aber nicht, wenn Liam sie so intensiv beobachtete!

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