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Wilde Rose der Highlands

Brenda Joyce

Wilde Rose der Highlands

Roman

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Volker Schnell

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Loch Fyne, in den Highlands, 14. Februar 1306

Verdammt, es ist viel zu still.“

Williams Stimme schnitt durch die Ruhe eines Nachmittags in den Highlands, doch Margaret hörte ihn nicht. Sie ritt neben ihm an der Spitze einer langen Kolonne von Rittern, Soldaten und Dienern durch den dichten Wald von Argyll und blickte unverwandt nach vorn.

Die Burg, Castle Fyne, erhob sich so plötzlich aus dem zerklüfteten Gebirgsmassiv und den verschneiten Hügeln über ihnen, dass man bei ihrem Anblick verblüfft blinzeln musste, weil man sie im ersten Augenblick für einen schwarzen Felsen halten konnte, wenn man aus dem Wald geritten kam. Aber in Wirklichkeit war Castle Fyne eine viele Jahrhunderte alte Festung, die über dem vereisten See regelrecht zu schweben schien; die unteren Mauern waren dick, die Türme und Zinnen ragten in den bleichen Winterhimmel. Der Wald, der den See und die Burg umgab, wirkte wie mit Puderzucker bestäubt, und die Berge im Nordwesten waren schneebedeckt.

Margaret holte tief Luft. Ihre Gefühle – vor allem tiefe Freude – hatten sie überwältigt.

Castle Fyne gehört endlich mir, dachte sie.

Früher einmal hatte es ihrer Mutter gehört. Mary MacDougall war auf der Burg geboren worden, und bei ihrer Hochzeit mit William Comyn war Castle Fyne ihre Aussteuer gewesen, was sie mit großem Stolz erfüllt hatte. Denn Castle Fyne war ein gewaltiges Geschenk. Die Festung lag am westlichen Ende der schottischen Grafschaft Argyll und bildete somit das Einfallstor am Solway Firth, jenem Meeresarm der Irischen See, der den nordwestlichsten Teil Englands vom südwestlichsten Schottlands trennte. Sie war umgeben von Ländereien, die dem Clan Donald und dem Clan Ruari gehörten und über die Jahrhunderte immer umkämpft gewesen waren. Die Burg war oftmals belagert worden, doch die MacDougalls hatten sie niemals aus der Hand gegeben.

Margaret erschauerte vor Stolz, denn sie hatte ihre Mutter angebetet, und nun würde diese mächtige Festung ihre eigene Aussteuer sein, die sie in ihre bevorstehende Hochzeit einbrachte. Doch die Beklemmung, die sie in den letzten Wochen und auch während dieser Reise heimsuchte, wollte nicht weichen. Mit dem Tod ihres Vaters war sie zum Mündel ihres mächtigen Onkels John Comyn geworden, dem Earl of Buchan. Und der hatte sie kürzlich unter die Haube gebracht. Sie war nun verlobt mit einem hoch angesehenen Ritter, dem sie noch nie begegnet war – Sir Guy de Valence –, und er war Engländer.

„Was für eine gottverlassene Gegend“, unterbrach ihr Bruder ihre Gedanken, während er sich wachsam umsah. „Das gefällt mir gar nicht. Es ist viel zu still. Keine Vögel.“

Sie schloss mit ihrer Stute zu William auf, ihrem einzigen noch lebenden Bruder. Plötzlich wurde ihr klar, dass er recht hatte, und sie fragte sich, ob diese Ruhe etwas zu bedeuten habe. Es raschelte auch nichts im Unterholz, keine Eichhörnchen, ganz zu schweigen von einem Fuchs oder einem Reh – es gab überhaupt keine Geräusche außer das Klappern des Zaumzeugs an ihren Pferden und ein gelegentliches Schnauben.

Ihre Anspannung stieg. „Wieso ist es so ruhig?“

„Irgendetwas hat das Wild verjagt“, erwiderte William.

Ihre Blicke trafen sich. Ihr Bruder war achtzehn – ein Jahr älter als sie – und so blond wie ihr Vater, nach dem er benannt war. Margaret hatte man versichert, sie würde ihrer Mutter Mary ähneln – sie war zierlich, ihr Haar eher rot als golden, ihr Gesicht herzförmig.

„Wir sollten uns beeilen.“ William zog plötzlich die Zügel straff. „Nur für den Fall, dass sich in diesen Hügeln nicht nur Wölfe herumtreiben.“

Margaret ritt rasch hinter ihm her und warf einen Blick hinauf zu der Burg hoch über ihnen. In wenigen Minuten würden sie hinter ihren massiven Wällen in Sicherheit sein. Margaret musste an den Frühling denken, wenn blaue und rosa Wildblumen unter den Burgmauern blühten. Sie erinnerte sich noch, wie sie durch diese Blumen gehüpft war, wo ein Bach geplätschert und ein Hirsch gegrast hatte. Sie lächelte und erinnerte sich an die sanfte Stimme ihrer Mutter, die sie wieder nach drinnen rief. Und an ihren stattlichen Vater, der mit rasselnden Sporen durch die große Halle schritt, gefolgt von ihren vier Brüdern, alle ganz aufgeregt und wild durcheinanderplappernd …

Sie schluckte ihre aufsteigenden Tränen hinunter. Wie entsetzlich sie ihren Vater vermisste, ihre Brüder und ihre geliebte Mutter! Wie viel ihr nun an ihrem Erbe lag! Und wie entzückt ihre Mutter Mary wäre, wenn sie wüsste, dass ihre Tochter nach Castle Fyne zurückgekehrt war.

Aber ihre Mutter hatte die Engländer gefürchtet und zugleich verachtet. Ihr ganzes Leben lang hatte ihre Familie mit den Engländern im Krieg gelegen, erst vor Kurzem war es zu einem Waffenstillstand gekommen. Was würde Mary davon halten, dass ihre Tochter Margaret nun eine arrangierte Ehe mit einem Engländer einging?

Verwirrt von ihren Gefühlen sah sie sich um nach den sechzig Männern und Frauen im Tross hinter ihr. Die Reise war schwierig gewesen, hauptsächlich wegen des Schnees und der Kälte des Winters. Ihr war klar, dass die Soldaten und die Dienerschaft es kaum noch erwarten konnten, endlich die Burg zu erreichen. Sie selbst hatte die Festung seit mindestens zehn Jahren nicht mehr aufgesucht, und auch sie sehnte sich nach den warmen Gemächern. Und zwar nicht nur, um ihre Erinnerungen aufzufrischen. Sie machte sich Sorgen um ihre Leute. Mehrere der Diener hatten bereits über erfrorene Finger und Zehen geklagt.

Sobald sie die Burg erreicht hatten, würde sie sich sofort um sie kümmern, so wie sie das immer bei ihrer Mutter beobachtet hatte.

Aber die Beklemmung der letzten Wochen wollte einfach nicht weichen. Es war ausgeschlossen, sich vorzugaukeln, dass sie sich wegen der bevorstehenden Hochzeit keine Sorgen machte. Sie wollte Dankbarkeit empfinden. Sie wusste, dass sie sich glücklich schätzen sollte. Ihr Onkel beherrschte einen großen Teil des schottischen Nordens, er hatte viel um die Ohren, und die Situation, in der sich seine Nichte nach dem Tod ihrer Eltern befand, hätte er gar nicht zur Kenntnis zu nehmen brauchen. Er hätte sie in einem abgelegenen Turm seines heimatlichen Balvenie vergessen und einen seiner Verwalter in Castle Fyne einsetzen können. Oder er hätte sie nach Castle Bain schicken können, die Burg, die William von seinem Vater geerbt hatte. Stattdessen hatte er sich zu einer vorteilhaften politischen Verbindung entschlossen – die nicht nur Margarets Rang deutlich erhöhen, sondern auch für die weitverzweigte Familie Comyn nur Gutes bringen würde.

Ein weiterer quälender Gedanke schoss ihr durch den Kopf, als sie die Stute auf dem schmalen Pfad hinauf zur Burg vorwärtstrieb. Auch ihr Onkel Buchan verabscheute die Engländer – bis zu dieser Waffenruhe hatte er viele Jahre lang Krieg gegen sie geführt. Die plötzliche Übereinkunft war ihr unbehaglich.

„Ich finde Castle Fyne wunderschön“, sagte sie und hoffte, ganz ruhig und vernünftig zu klingen. „Auch wenn es seit Mutters Tod etwas vernachlässigt worden ist.“ Sie schwor sich, das ganze verrottete Holz und jeden beschädigten Stein sofort austauschen zu lassen.

„Bestimmt findest du das.“ William schnitt eine Grimasse und schüttelte den Kopf. „Du bist genau wie unsere Mutter.“

Das war für Margaret das höchste Lob. „Mutter hat diesen Ort immer geliebt. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, hier zu leben statt in Bain mit unserem Vater, dann hätte sie das getan.“

„Mutter war eine MacDougall, als sie unseren Vater geheiratet hat, und als sie starb, war sie immer noch eine MacDougall“, erwiderte William mit leichter Ungeduld in der Stimme. „Sie fühlte sich besonders zu diesem Land hingezogen, genau wie du. Trotzdem bist du jetzt zuerst einmal eine Comyn, und du würdest viel besser nach Bain passen als zu diesem Haufen Felsen und Steine – auch wenn wir ihn brauchen, um unsere Grenzen zu verteidigen.“ Er musterte sie mit ernstem Blick. „Ich komme immer noch nicht dahinter, wieso du unbedingt hierher zurückkommen wolltest. Buchan hätte doch jeden hierhin schicken können. Er hätte sogar mich schicken können – ohne dich.“

„Als unser Onkel sich zu dieser Verbindung entschlossen hat, spürte ich das Verlangen, wieder zurückzukommen. Vielleicht nur, um es noch einmal mit den Augen einer Frau und nicht denen eines Kindes zu sehen.“ Sie erwähnte lieber nicht, dass sie schon immer nach Castle Fyne hatte zurückkehren wollen, seit ihre Mutter vor anderthalb Jahren gestorben war.

Margaret war in einer Zeit nicht enden wollender Kriege aufgewachsen. Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie oft der englische König Edward in den wenigen Jahren ihres Lebens in Schottland eingefallen oder wie oft es unter der Führung von Männern wie Andrew Moray, William Wallace oder Robert Bruce zu Aufständen gekommen war. Drei ihrer Brüder waren im Kampf gegen die Engländer gefallen – Roger bei Falkirk, Thomas in der Schlacht beim River Cree und Donald in dem Massaker am Stirling Castle.

Nach Donalds Tod war ihre Mutter an einer heftigen Erkältung erkrankt. Der Husten war immer schlimmer geworden, dann war Fieber hinzugekommen, und sie hatte sich nicht wieder erholt. Im Sommer war sie dann einfach gestorben.

Margaret war klar, dass ihre Mutter nach dem Verlust dreier Söhne schlicht den Lebenswillen eingebüßt hatte. Und ihr Gatte liebte sie so sehr, dass er nicht in der Lage war, ohne sie weiterzuleben. Sechs Wochen später, an einem rotgoldenen Herbsttag, wollte ihr Vater auf die Jagd gehen. Bei der wilden Verfolgung eines Hirsches war er vom Pferd gestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Nach Margarets Ansicht war er absichtlich unvorsichtig gewesen – es war ihm egal, ob er lebte oder starb.

„Wenigstens haben wir jetzt Frieden“, unterbrach sie das ungemütliche Schweigen.

„Haben wir das?“, fragte William beinahe grob. „Nach dem Gemetzel am Stirling Castle hatten wir keine andere Wahl, wir konnten nur noch um Frieden betteln. Und wie Buchan sagte, müssen wir jetzt König Edward unsere Ergebenheit beweisen.“ Seine Augen blitzten vor Zorn. „Deshalb hat er dich einem Engländer vor die Füße geworfen.“

„Aber das ist doch eine gute Verbindung“, widersprach Margaret. Es stimmte schon, ihr Onkel Buchan hatte jahrelang Kriege gegen König Edward geführt, aber während der Waffenruhe wollte er seine Familie absichern, indem er eine solche Übereinkunft schmiedete.

„Aber sicher, eine herausragende Verbindung! Du wirst Teil einer noblen englischen Familie! Sir Guy ist der uneheliche Stiefbruder von Aymer de Valence, und Aymer hat nicht nur die Wertschätzung des Königs, er wird wahrscheinlich auch noch der nächste Lord Lieutenant, der höchste Vertreter des Königs in ganz Schottland werden. Wie schlau Buchan doch ist.“

„Warum tust du mir das jetzt an?“, rief sie erschüttert. „Ich habe eine Verpflichtung gegenüber unserer Familie, Will, und ich bin Buchans Mündel! Du willst doch bestimmt nicht, dass ich mich weigere?“

„Doch, ich möchte, dass du dich weigerst! Es waren englische Truppen, die unsere Brüder umgebracht haben.“

William war schon immer sehr heißblütig gewesen und hatte noch nie zu den vernünftigeren jungen Männern gezählt. „Wenn ich in dieser Zeit des Friedens unserer Familie von Nutzen sein kann, dann werde ich das auch tun“, sagte Margaret. „Ich werde ja wohl kaum die erste Frau sein, die einen früheren Feind aus politischen Gründen heiratet.“

„Ah so, du gibst also zu, dass Sir Guy ein Feind ist?“

„Ich versuche nur, meine Pflicht zu erfüllen, Will. Im Land herrscht jetzt Frieden. Und Sir Guy hat die Möglichkeiten, Castle Fyne auszubauen und zu verteidigen – dadurch kommen wir in die Lage, unsere Stellung hier in Argyll zu halten.“

William schnaubte. „Und wenn man dich zum Galgen schicken würde? Da würdest du auch demütig hinaufsteigen?“

Ihre innere Spannung stieg. Natürlich würde sie nicht demütig zum Galgen hinaufsteigen – und zunächst hatte sie auch wirklich überlegt, ob sie sich nicht an ihren Onkel wenden sollte, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Aber keine Frau in ihrer Lage würde so etwas jemals wagen. Schon allein die Vorstellung war wahnwitzig. Ihre Meinung wäre Buchan vollkommen gleichgültig, er würde nur wütend auf sie sein.

In den Jahren vor dem kürzlichen Friedensschluss hatten sehr viele Schotten ihre Titel und ihre Ländereien verloren, sie waren an die Krone gefallen und sollten den Verbündeten von König Edward übergeben werden. Buchan allerdings hatte nicht eine einzige Burg eingebüßt. Stattdessen verheiratete er seine Nichte mit einem bedeutenden Ritter. Wenn es da einen Handel gegeben hatte, dann war es ein guter Handel – und zwar für alle Beteiligten, auch für sie selbst.

„Aber, Meg – was willst du denn tun, wenn Sir Guy nach eurer Hochzeit beschließt, dich auf seinem Besitz in Liddesdale zu behalten?“

Margarets Herz machte einen Satz vor Entsetzen. Sie war auf Castle Bain geboren worden, das in der Mitte der Ländereien der Buchans gelegen war, mitten in den dichten Wäldern. Castle Bain war durch Erstgeburtsrecht an ihren Vater gefallen, und es war ihre Heimat. Auch in Balvenie, einer bedeutenden Festung im Osten, wo Buchan oft residierte, hatte die Familie viel Zeit verbracht.

Diese beiden Besitztümer der Familie Comyn waren sehr anders als Castle Fyne, aber sie waren genauso schottisch wie die Luft der Highlands, die sie nun einatmete. Die Wälder waren dicht und undurchdringlich. Die Berge waren schroff und felsig, die Gipfel erhoben sich majestätisch in schwindelnde Höhen. Die Seen in den Tälern waren von verblüffender Klarheit. Der Himmel war immer von leuchtendem Blau und der Wind rau und kalt, egal zu welcher Jahreszeit.

Liddesdale dagegen befand sich im Grenzland – beinahe schon im Norden Englands. Die Gegend dort war flach, voller Dörfer, Bauernhöfe und Viehweiden. Nachdem er zum Ritter geschlagen worden war, hatte Sir Guy dort ein Lehen mit Herrensitz übereignet bekommen.

In England leben zu müssen, konnte sich Margaret überhaupt nicht vorstellen. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken. „Ich werde versuchen, ihm zu Gefallen zu sein, wenn er Castle Fyne aufsucht. Mit der Zeit, glaube ich, werden ihm wohl noch weitere Besitztümer als Lehen übergeben werden. Vielleicht wird es mir erlaubt sein, mich um alle seine Ländereien zu kümmern.“

William warf ihr einen durchdringenden Blick zu. „Du magst ja eine Frau sein, Meg, und du magst auch so tun, als wärst du pflichtbewusst, aber wir wissen doch beide, dass du in einer Hinsicht genauso bist wie unsere Mutter: Wenn es dir passt, kannst du ganz schön störrisch sein. Niemals wirst du dich irgendwo in England niederlassen.“

Margaret errötete. Sie hielt sich selbst überhaupt nicht für störrisch, sondern für nett und freundlich. „Über diese Brücke werde ich schreiten, wenn ich vor ihr stehe. Aber vorerst setze ich große Hoffnungen auf diese Verbindung.“

„Ach was! Ich glaube, du bist darüber genauso erzürnt wie ich, und du hast auch genauso viel Angst davor. Du tust doch nur so, als wärst du darüber erfreut.“

„Ich bin aber erfreut!“ Ihre Stimme klang etwas zu scharf. „Wieso bedrängst du mich denn schon jetzt so? Bis Juni ist es noch Monate hin! Ich komme jetzt hierher zurück, um die Burg wieder instand zu setzen, damit Sir Guy wenigstens etwas Gefallen daran findet, wenn er sie zum ersten Mal erblickt. Willst du mich etwa entmutigen?“

„Nein – ich möchte dir keinen Kummer bereiten. Aber ich habe schon mehrmals versucht, mit dir darüber zu reden – entweder wechselst du das Thema oder du läufst davon. Verflucht noch mal! Ich habe meine Zweifel, was diese Verbindung betrifft, und da ich dich so gut kenne, bin ich sicher, dass auch du dich davor fürchtest.“ Sanft fügte er hinzu: „Und wir haben jetzt niemand mehr, wir haben nur noch einander.“

Er hatte natürlich recht. Wenn sie den Mut aufbrachte, ganz ehrlich mit sich selbst zu sein, musste sie zugeben, dass sie bestürzt, voller Sorgen und ängstlich war. Aber sie verdrängte diese Gefühle.

„Er mag ja Engländer sein, aber er muss ein guter Mann sein, denn er wurde vom König für seine treuen Dienste zum Ritter geschlagen.“ Damit plapperte sie nur nach, was ihr Onkel ihr gesagt hatte. „Er soll auch sehr attraktiv sein.“ Sie versuchte zu lächeln, es gelang ihr aber nicht. „Er ist begierig auf die Verbindung, Will, und das muss doch ein gutes Zeichen sein.“ Er starrte sie nur an. „Meine Ehe wird doch an unserem Verhältnis nichts ändern“, fügte sie hinzu.

„Natürlich wird sie das“, sagte William matt. „Und was willst du tun, wenn dieser sogenannte Friedensschluss scheitert?“

Margaret wollte nicht zulassen, dass Furcht in ihr aufstieg. „Unser Onkel glaubt, dass der Frieden halten wird“, brachte sie endlich hervor. „Um eine solche Ehe zu vereinbaren, muss er doch davon überzeugt sein, dass der Friede von Dauer sein wird.“

„Kein Mensch glaubt an einen dauerhaften Frieden!“ William fluchte. „Du bist nur das Pfand, Meg, damit unser Onkel seine Ländereien behalten kann, während fast alle anderen von uns ihre Titel und Ländereien wegen unseres angeblichen Verrats verloren haben. Vater hätte einer solchen Hochzeit niemals zugestimmt!“

Und wieder hatte William völlig recht. „Buchan ist nun unser Herr. Ich will nicht, dass er seine Ländereien verliert, Will.“

„Ich doch auch nicht! Hast du nicht mitbekommen, wie unser Onkel und Red John letzte Woche eine ganze Stunde damit verbrachten, König Edward zu verfluchen und Rache für William Wallace zu schwören? Sie haben heilige Eide geleistet, die Engländer wieder aus dem Land zu vertreiben!“

Margaret war plötzlich ganz übel gewesen. Sie hatte stumm in einer Ecke gesessen, zusammen mit Isabella, Buchans hübscher junger Frau, und sie waren mit Stickereien beschäftigt gewesen. Dabei hatte sie ganz bewusst gelauscht – und jedes Wort verstanden.

Nun wünschte sie sich so sehr, sie hätte es nicht getan. Die großen Adeligen Schottlands waren erbost über die Demütigungen, die König Edward ihnen aufgezwungen hatte, indem er sie all ihrer Macht beraubte. Das Land würde nun von einem Engländer regiert werden, den König Edward ernannte. Jeder Leibeigene, Freibauer und Edelmann musste Abgaben und Steuern entrichten. Schottland musste zahlen für Englands Kriege mit Frankreich und den anderen fremden Mächten, mit denen der König im Streit lag. Er wollte die Schotten sogar dazu zwingen, in seinen Heeren zu dienen.

Aber der Todesstoß war die grausame Hinrichtung von William Wallace gewesen. Man hatte ihn von Pferden herumschleifen lassen, dann aufgehängt, noch lebend vom Strick geschnitten, um ihm die Eingeweide herauszureißen und ihn schließlich zu köpfen.

Jeder Schotte, ob Highlander oder aus den Tieflanden, ob Earl oder Bettler, Grundbesitzer oder Bauer, war entsetzt über dieses barbarische Ende des tapferen schottischen Rebellen. Und dafür forderte jeder Schotte nichts als Rache.

„Selbstverständlich ist meine Heirat aus politischen Gründen arrangiert worden“, argumentierte Margaret, aber sie war sich bewusst, wie matt ihre Stimme klang. „Kein Mensch heiratet aus Zuneigung. Ich habe nichts anderes erwartet als eine politische Verbindung. Schließlich sind wir jetzt Verbündete der Krone.“

„Ich sage doch gar nicht, dass du auf einer Liebesheirat bestehen solltest. Aber unseren Onkel kann man doch kaum einen Verbündeten von König Edward nennen! Hier geht es um mehr als um Politik. Er schmeißt dich einfach weg.“

Margaret könnte das niemals zugeben, aber wenn sie den Mut fände, klar über die Angelegenheit nachzudenken, würde sie ganz genauso empfinden – dass ihr Onkel sie lieblos und gedankenlos nur für seine eigenen Zwecke benutzte, dass sie beiläufig weggeworfen wurde, um ihm eben in diesem einen kurzen Augenblick von Nutzen zu sein, bis seine Ergebenheit und Untertanentreue wieder einem anderen galt.

„Ich möchte meinen Teil erfüllen, Will. Damit die Familie stark bleibt und in Sicherheit leben kann.“

William lenkte sein Pferd dicht an ihres heran und senkte die Stimme. „Er hat zwar keinen Anspruch auf den Thron, aber ich glaube, Red John wird irgendwann nach der Krone greifen, und wenn nicht für sich selbst, dann vielleicht für den Sohn von König Balliol.“

Margaret riss die Augen auf. Red John Comyn, Lord of Badenoch, war Anführer des ganzen Clan Comyn und Herr selbst über Buchan. Für sie war er so etwas wie ein weiterer Onkel, aber in Wahrheit nur ein entfernter Cousin. Was ihr Bruder da sagte, überraschte sie nicht – sie hatte selbst schon von derartigen Mutmaßungen gehört –, aber auf einmal wurde ihr klar, wenn Red John nach der Krone greifen sollte oder den anderen Edward, den Sohn des früheren schottischen Königs Balliol, auf den Thron setzen wollte, dann würde Buchan dabei sein Gefolgsmann sein. Und sie würde er einfach zurücklassen, weil sie als Gattin eines Engländers auf der anderen Seite stehen musste in dem großen Krieg, der dann ganz sicher entbrennen würde.

„Das sind doch nur Gerüchte“, wiegelte sie ab.

„Ja, nur Gerüchte. Aber jeder weiß, dass auch Robert Bruce noch immer nach der schottischen Krone schielt“, meinte William erbittert. Die Comyns hassten Robert Bruce, so wie sie auch schon seinen Vater Annandale gehasst hatten.

Margaret bekam es mit der Angst zu tun. Wenn Red John und Robert Bruce gleichzeitig nach der Krone greifen sollten, würde es noch einen weiteren Krieg, einen schottischen Bürgerkrieg geben. Und sie wäre dann die Frau eines Engländers. „Wir können nur beten, dass der Frieden Bestand hat.“

„Der wird niemals von langer Dauer sein. Und dann werde ich auch dich verlieren.“

Sie war wie vor den Kopf geschlagen. „Ich heirate doch bloß, ich muss nicht in den Tower oder an den Galgen. Du wirst mich nicht verlieren.“

„Dann verrate mir mal eines, Meg: Wenn der Krieg ausbricht und du ihm inzwischen ergeben bist – Sir Guy und auch Aymer de Valence –, wie willst du dann noch auch mir zur Seite stehen?“ Mit einem Ausdruck von Zorn und Abscheu trieb William sein Pferd voran.

Margaret fühlte sich, als hätte sie ein Huf auf der Brust getroffen. Sie gab ihrer Stute die Sporen und eilte ihm nach. Sie war sicher, dass nicht Wut aus ihm gesprochen hatte, sondern die Angst.

Doch auch sie fürchtete sich. Wenn es einen neuen Krieg geben sollte, würde ihre Treue auf eine furchtbare Probe gestellt werden. Und früher oder später würde es einen weiteren Krieg geben – das wusste sie ganz genau. Der Frieden war nie von langer Dauer, schon gar nicht in Schottland.

Entsetzen überwältigte sie. Konnte sie gleichzeitig ihrer Familie und ihrem zukünftigen Gatten die Treue halten? Wie sollte das gehen? Wäre sie nicht verpflichtet, zuallererst zu ihrem Mann zu stehen?

Ihre Augen waren feucht geworden. Sie hob das Kinn und straffte die Schultern. Sie war jetzt eine erwachsene Frau, eine Comyn und eine MacDougall, sie war ihrer Familie verpflichtet – und auch sich selbst. „Wir werden niemals Feinde werden, Will.“

Über die Schulter warf er ihr einen finsteren Blick zu. „Da sollten wir besser beten, dass irgendetwas passiert, was deine Heirat verhindert, Meg.“

Plötzlich schloss Sir Ranald zu ihnen auf, einer von Buchans jungen Rittern, ein gut aussehender sommersprossiger Schotte von etwa fünfundzwanzig Jahren. „William! Sir Neil meint, er hätte oben auf dem Hügel einen Aussichtsposten in den Bäumen entdeckt!“

In Margaret stieg eine ganz neue Angst auf, während William bleich wurde und fluchte. „Ich wusste, dass es viel zu still ist! Ist er sicher?“

„Fast sicher – jedenfalls würde ein Posten das Wild verscheuchen.“

Sir Ranald war vorausgeritten, blieb stehen und versperrte ihnen auf dem schmalen Pfad den Weg. Margaret fiel auf, dass der Wald, der sie umgab, nicht nur still war, sondern von geradezu unnatürlichem Schweigen erfüllt.

„Wer sollte uns denn beobachten?“, flüsterte sie heiser. Aber das brauchte sie gar nicht erst zu fragen, denn sie wusste es ganz genau.

Das Land der MacDonalds begann gleich jenseits des Bergrückens, unter dem sie entlangritten.

Margaret sah Sir Ranald an, der ihren Blick grimmig erwiderte. „Wer sonst als ein MacDonald?“

Margaret erschauerte. Die Feindschaft zwischen der Familie ihrer Mutter und den MacDonalds reichte Hunderte von Jahren zurück. Der Sohn von Angus Mor, Alexander Og – bekannt als Alasdair –, war der Lord of Islay, und sein Bruder Angus Og war der Lord of Kintyre. Der uneheliche Stiefbruder der beiden, Alexander MacDonald, war bekannt als der Wolf von Lochaber. Die MacDougalls stritten sich seit Jahrhunderten mit den MacDonalds.

Margaret blickte hinauf zu den bewaldeten Hügeln. Sie konnte in den verschneiten Baumwipfeln nichts und niemanden entdecken.

„Wir sind nur fünfzig Mann stark“, stellte William grimmig fest. „Aber die Burg ist mit weiteren vier Dutzend Männern besetzt – hoffen wir wenigstens.“

„Vielleicht hat Sir Neil nur einen Jäger gesehen“, meinte Sir Ranald. „Master William, wir müssen Euch und Eure Schwester so schnell wie möglich hinter den Schutz dieser Mauern bringen.“

William nickte und warf Margaret einen Blick zu. „Wir sollten sofort zur Burg galoppieren.“

Falls die MacDonalds wirklich einen Angriff im Sinn hatten, dann mit wesentlich mehr als nur fünfzig Männern, also befanden sie sich in echter Gefahr. Margaret sah sich ängstlich um. Oben auf den Hügeln schien sich nicht ein einziger Zweig zu bewegen. „Also los!“, stimmte sie zu.

Sir Ranald stand schon in den Bügeln und wandte sich zu den Reitern und Zugwagen hinter ihnen um. Mit erhobener Hand trieb er den Tross zur Eile an.

William gab seinem Hengst die Sporen, und Margaret ritt hinterher.

Auch als sie die Außenbefestigungen passierten und sich dem Eingangsturm mit der hochgezogenen Zugbrücke näherten, blieb es vollkommen still. Dieses Schweigen machte Margaret so Angst, dass sie nicht sprechen konnte. Ein Bote war mit der Nachricht ihrer bevorstehenden Ankunft vorausgeschickt worden. Aber Boten konnte aufgelauert, Nachrichten konnten abgefangen werden – auch wenn angeblich Frieden im Lande herrschte. Doch dann tauchten Köpfe oben auf den Wällen der Burg auf, man konnte aufgeregte Stimmen vernehmen.

„Das sind Buchans Neffe und Nichte …“

„Lady Margaret und Master William Comyn …“

Der Tross war zum Stillstand gekommen, eingekeilt zwischen den äußeren Mauern. Sir Ranald legte die Hände an den Mund und blickte hoch zum Turm, wer immer dort auf Wachposten sein mochte. „Ich bin Sir Ranald of Kilfinnan, und ich habe Lady Margaret Comyn und ihren Bruder Master William unter meinem Schutz. Senkt die Brücke für Eure Herrin!“

Noch mehr Stimmen von oben. Dann knirschte die Zugbrücke, als sie langsam herabgelassen wurde. Margaret bemerkte ein paar Kinder, die über die Zinnen lugten, sah sich um und blickte plötzlich einer älteren Frau beim Eingangsturm direkt in die Augen. Die Frau schaute überrascht, und Margaret lächelte unwillkürlich.

„Das ist Lady Marys Tochter!“, rief die alte Frau.

„Mary MacDougalls Tochter!“, schrie ein Mann noch aufgeregter.

Margaret spürte, wie ihr Herz wild hüpfte, als klar wurde, was hier geschah – diese guten Leute erinnerten sich an ihre Mutter, die sie geschätzt und geliebt hatten, und nun wurde sie selbst von ihnen allen willkommen geheißen. Tränen stiegen Margaret in die Augen.

Das hier waren ihre Leute, so wie auch Castle Fyne nun ihr gehörte. Sie begrüßten sie freudig, und im Gegenzug war es ihre Verpflichtung, für ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit zu sorgen, denn sie war jetzt ihre Herrin.

Sie lächelte noch einmal und unterdrückte die Tränen. Oben auf den Wällen stieß jemand Jubelschreie aus, denen noch mehr Jubel folgte.

Sir Ranald grinste sie an. „Willkommen auf Castle Fyne, Mylady“, neckte er.

Sie wischte sich über die Augen und riss sich zusammen. „Ich hatte ganz vergessen, wie sehr sie meine Mutter geliebt haben. Jetzt erinnere ich mich wieder daran, dass sie, als ich noch ein Kind war, hier immer so begrüßt worden ist, sogar mit Fanfaren.“

„Das überrascht mich nicht. Sie war eine große Dame“, sagte Sir Ranald. „Alle Welt hat Lady Mary geliebt.“

William berührte ihren Ellbogen. „Du musst winken“, sagte er leise.

Sie zuckte zusammen, aber dann hob sie vorsichtig eine Hand, und die Menge auf den Wällen und Zinnen sowie im Eingangsturm kreischte entzückt. Margaret geriet ganz außer Fassung und wurde rot. „Ich bin doch keine Königin.“

„Nein, aber du bist ihre Herrin, und die Burg wird deine Aussteuer sein.“ William strahlte sie an. „Die Leute haben seit Jahren keine Herrin mehr im Haus gehabt.“

Er bedeutete ihr, voranzureiten und den Tross über die Zugbrücke und in den Innenhof zu führen. Das verblüffte Margaret, sie wandte sich nach Sir Ranald um in der Erwartung, er würde ihr den Weg bahnen. Doch er grinste noch einmal und senkte ergeben das Haupt. „Nach Euch, Lady Margaret.“

Margaret gab ihrer Stute die Sporen, die Menge jubelte wieder, als sie die Brücke überquerte und in den Innenhof ritt. Ihr Herz machte einen Satz. Sie brachte die Stute zum Stehen und stieg vor der hölzernen Treppe ab, die zum Haupteingang führte. Die Türen öffneten sich, und mehrere Männer eilten ihr entgegen, angeführt von einem großen grauhaarigen Schotten.

„Lady Margaret, wir haben Euch erwartet“, sagte er. „Ich bin Malcolm MacDougall, ein entfernter Cousin Eurer Mutter und der Verwalter dieser Burg.“

Er hatte nichts als das knielange Kriegerhemd der Highlander an, mit einem Schwert im Gürtel, und kniehohe Stiefel. Obwohl er keinen karierten Überwurf trug und seine Beine bloß waren, schien er sich nichts aus der Kälte zu machen, als er die Stufen herunterkam und vor ihr auf die Knie sank. „Mylady“, sagte er mit Ehrerbietung. „Hiermit schwöre ich Euch meine Ergebenheit und Treue, über allem in der Welt.“

Margaret erschauerte und holte tief Luft. „Ich danke Euch für Euren Eid und Eure Gefolgschaft.“

Er erhob sich und sah sie offen an. „Ihr seid Eurer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Dann wandte er sich um, um ihr seine beiden Söhne vorzustellen, beide jung, attraktiv und kaum älter als sie. Beide schworen ihr ebenfalls die Treue.

William und Sir Ranald traten hinzu, weitere Begrüßungsrituale wurden ausgetauscht. Sodann zog Sir Ranald sich zurück, um Sir Neil dabei zu helfen, den Männern ihre Unterkünfte zuzuweisen. William trat zu ihm, die beiden wisperten miteinander, offenbar absichtlich außer Hörweite. Margaret war für einen Moment abgelenkt, da sie unbedingt wissen wollte, was die beiden zu besprechen hatten.

„Ihr müsst erschöpft sein“, sagte Malcolm zu ihr. „Wenn Ihr erlaubt, werde ich Euch Eure Gemächer zeigen.“

Margaret warf William einen Blick zu – der noch immer in ein im Flüsterton geführtes, aber ernsthaftes Gespräch vertieft war. Sie war überzeugt, dass die beiden die Möglichkeit erörterten, ein feindlicher Späher könnte von dem Bergrücken aus ihre Ankunft beobachtet haben. „Zwar bin ich müde, doch in meine Gemächer möchte ich mich jetzt noch nicht begeben. Sagt mir, Malcolm, hat es in letzter Zeit irgendwelche Anzeichen von Unstimmigkeiten um Loch Fyne herum gegeben?“

Seine Augen wurden groß. „Meint Ihr, ob es Geplänkel mit der Nachbarschaft gegeben hat? Die gibt es immer. Letzte Woche war einer der Burschen von den MacRuaris hinter unserem Vieh her – dabei sind uns drei Kühe verlustig gegangen. Die Kerle sind dreist wie die Piraten, nutzen die offene See, tauchen auf und verschwinden wieder; wie es ihnen gefällt. Und am nächsten Tag haben meine Söhne einen Späher der MacDonalds erwischt, allerdings weiter im Osten. Aber um ehrlich zu sein: Es ist schon Monate her, dass sich irgendwelche MacDonalds bis hierher vorgewagt haben.“

Sie versteifte sich. „Woher wollt Ihr wissen, dass es ein Späher aus dem Clan Donald war?“

Malcolm setzte ein finsteres Lächeln auf. „Wir haben ihn recht eindringlich zur Rede gestellt, bevor wir ihn wieder laufen ließen.“

Der Gedanke gefiel ihr gar nicht, und sie erschauerte.

Er berührte sie am Arm. „Lasst mich Euch hineingeleiten, Mylady, Ihr solltet an einem so kalten Tag, wenn wir kaum Sonne haben, nicht hier draußen stehen.“

Margaret nickte, und William tauchte wieder neben ihr auf. Sie sah ihn fragend an, doch er scherte sich nicht darum, sondern deutete auf die Treppe. Enttäuscht folgte sie Malcolm die Stufen hinauf.

Die Halle war ein weitläufiger, aus großen Steinquadern errichteter Raum mit einer hohen Balkendecke und einem Kamin an einer Wand. Ein paar schmale Schießscharten ließen etwas trübes Licht herein. Zwei riesige hölzerne Tische in der Mitte des Saales wurden auf beiden Seiten von langen Bänken flankiert, vor dem Kamin standen drei geschnitzte Stühle mit Kissen. An den Wänden lehnten Schlafpritschen. Eine Wand wurde von einem Wandteppich bedeckt, der eine Schlachtszene darstellte.

Margaret sog genießerisch die Luft ein. Der Boden war mit frischem Immergrün bedeckt, das in Lavendelöl getränkt war. Plötzlich erinnerte sie sich daran, dass der Raum auch nach Lavendel geduftet hatte, als sie in Kindertagen zum letzten Mal hier gewesen war.

Malcolm lächelte. „Lady Mary hat darauf bestanden, dass wir alle drei Tage frisches Immergrün auslegen, und Lavendel mochte sie besonders gern. Wir hatten gehofft, dass es Euch ebenfalls gefallen würde.“

„Habt vielen Dank“, erwiderte Margaret gerührt. „Das tut es.“

Die Diener, die sie auf ihrer Reise begleiteten, waren eifrig damit beschäftigt, mehrere große Truhen mit ihren persönlichen Besitztümern in den Saal zu schleppen. Margaret entdeckte ihre Dienstmagd Peg, die drei Jahre älter war als sie selbst. Sie kannte Peg schon fast ihr ganzes Leben, sie war eher eine gute Freundin als eine Magd. Margaret eilte auf sie zu. „Hast du dir Erfrierungen zugezogen?“, fragte sie und ergriff die eiskalten Hände des Mädchens. „Was machen deine Blasen?“ Margaret war wirklich besorgt.

„Ihr wisst doch, wie ich diese Kälte hasse!“, rief Peg zitternd aus. Sie hatte kastanienfarbenes Haar und war so groß und üppig, wie Margaret schlank und zierlich war. Peg trug einen schweren Wollumhang über ihrem fersenlangen Hemd, aber sie zitterte trotzdem. „Natürlich bin ich ganz durchgefroren, und die Reise war sehr lang, viel zu lang, wenn Ihr mich fragt!“

„Aber wir sind doch sicher angekommen – und das ist ja keine Kleinigkeit.“

„Natürlich sind wir sicher angekommen – es gibt doch jetzt keinen Krieg mehr“, spottete Peg. „Lady Margaret, Eure Hände sind eiskalt! Wir hätten viel früher unser Lager aufschlagen sollen! Ihr seid durchgefroren bis auf die Knochen, genau wie ich!“

„Vorhin ist mir kalt gewesen, aber ich bin nicht bis auf die Knochen durchgefroren, und ich freue mich so, wieder hier zu sein.“ Margaret sah sich noch einmal in dem Saal um. Beinahe erwartete sie, ihre Mutter lächelnd durch eine der Türen treten zu sehen.

Sie schüttelte diesen unsinnigen Gedanken ab. Aber noch nie hatte sie ihre Mutter so heftig vermisst.

„Ich werde in Euren Räumen Feuer machen“, sagte Peg entschlossen. „Wir können doch nicht zulassen, dass Ihr Euch ein Fieber holt, bevor Ihr Euren englischen Ritter heiratet.“

Margaret musterte ihre Dienstmagd missbilligend. Peg wünschte sich nichts sehnlicher, als dass ihre Herrin sich eine Erkältung holte und bei ihrer eigenen Hochzeit im Juni passen musste, das hörte sie sehr wohl heraus.

Aber das konnte Margaret ihr nicht übel nehmen. Peg war nun einmal eine echte Schottin. Sie hasste die MacDonalds und verschiedene andere gegnerische Clans, aber die Engländer hasste sie erst recht. Sie war entsetzt gewesen, als sie von Margarets Verlobung erfuhr. Und da sie generell kein Blatt vor den Mund nahm, hatte Peg eine ganze Weile Hasstiraden geschwungen, bis Margaret ihr befehlen musste, ihre Zunge im Zaum zu halten.

Obwohl auch Margaret Bedenken hatte, was ihre Heirat betraf, waren Pegs Ansichten alles andere als hilfreich.

„Ich glaube, die Gemächer meiner Mutter sind gleich über der Treppe da“, sagte sie. „Das ist sicher eine gute Idee. Geh schon mal nach oben, mach ein Feuer und bereite alles vor. Und dann kümmere dich um das Nachtmahl.“

Margaret war nicht besonders hungrig, aber sie wollte eine Weile in aller Ruhe ungestört durch das Zuhause ihrer Mutter schreiten. Also sah sie zu, wie Peg mit einem der jungen Burschen schimpfte, der eine der Truhen schleppte, und folgte den beiden dann die Treppe hinauf, die zum Nordturm führte, wo sich die Gemächer ihrer Mutter befanden.

Weil die Burg schon so alt war, hingen die Decken in den oberen Stockwerken ziemlich tief, deshalb mussten – anders als die zierliche Margaret – die meisten Männer die Köpfe einziehen. Im zweiten Stock warf sie nur einen kurzen Blick in ihr Zimmer, wo Peg bereits vor dem Kamin kauerte. Margaret stieg rasch weiter die Treppe hinauf, bevor ihre Magd Einwände äußern konnte. Vom dritten Stock ging es hinaus zu den Festungswällen.

Margaret trat aus dem Turm und ging hinüber zu der mit Zinnen bewehrten Mauer. Es war später Nachmittag und frostig kalt, die Sonne war hinter der grauen Wolkendecke nur zu erahnen. Margaret zog den dunkelroten Umhang fester um sich.

Der Ausblick von hier oben war überwältigend. Der See tief unter der Burg war an den Rändern von Eis bedeckt, aber die Mitte war nicht zugefroren. Sie wusste, dass manche der tapferen Schiffer selbst im tiefsten Winter noch versuchten, ihn zu überqueren. Am gegenüberliegenden Ufer war nichts als dichter Wald zu erkennen.

Sie blickte nach Süden zu dem Pfad, den sie vorhin hinauf zur Burg geritten waren. Schmal und steil wand er sich über dem See den Hügel hoch. Von hier oben reichte ihr Blick bis in das angrenzende Tal, wo der Wind die hohen Bäume des Waldes zauste.

Es war so schön, dass es ihr den Atem raubte. Sie rieb sich die Arme, wild entschlossen, über ihre Rückkehr nach Castle Fyne nichts als Glück zu empfinden, selbst wenn ihre Heirat mit einem Engländer bevorstand.

Sie warf noch einmal einen genaueren Blick in das Tal – der Wald dort schien sich zu bewegen, als ob eine dichte Reihe von Bäumen den Hügel hinaufmarschieren würde, auf die Burg zu.

Plötzlich läutete über ihr eine Glocke. Margaret zuckte zusammen. Das sollte unverkennbar eine Warnung sein. Dann hörte sie eilige Schritte hinter sich. Männer kamen aus dem Turm gerannt, mit Bogen über den Schultern und Köchern voller Pfeile. Sie besetzten die Verteidigungsstellungen auf den Zinnen.

Margaret stieß einen Schrei aus, beugte sich über die Brüstung, blickte in das dicht bewaldete Tal – direkt auf das Heer, das hindurchmarschierte.

„Margaret! Lady Margaret!“

Jemand rief von drinnen nach ihr. Doch sie brachte keine Antwort heraus und konnte sich auch nicht mehr bewegen. Sie war völlig fassungslos, während die Glocken über ihr wie wahnsinnig läuteten.

Ihr drehte sich der Magen um. Es war nicht der Wald, der auf sie zumarschierte – es waren Hunderte von Männern, ein riesiges Heer, dunkle Banner flatterten im Wind …

Die Bogenschützen hatten ihre Stellungen eingenommen, um die Burg gegen die Angreifer zu verteidigen. Margaret rannte hinein, die steile, schmale Steintreppe hinab, beinahe wäre sie auf den glatten Steinen ausgerutscht, doch sie konnte sich gerade noch an der Wand abstützen.

William lief unten im Saal mit bleichem Gesicht auf und ab, eine Hand am Griff seines Schwertes. „Wir werden angegriffen! Da war doch so ein verdammter Späher, Meg, der beobachtet hat, wie wir hineingeritten sind. Bist du oben auf den Zinnen gewesen? Hast du erkennen können, wer da heranmarschiert?“

Ihr Herz hämmerte. „Die Farben habe ich nicht erkennen können. Aber die Banner sind dunkel – sehr dunkel.“

Die Flaggen der MacDonalds waren blau und schwarz, mit roten Fransen.

„Ist es der Clan Donald?“, schrie sie.

„Das würde ich annehmen“, sagte er barsch. Auf seinen Wangen tauchten hellrote Flecken auf.

„Will!“ Sie packte ihn am Arm und merkte erst jetzt, wie heftig sie zitterte. „Ich habe nicht gezählt, aber um Gottes willen, es müssen Hunderte von Männern sein, die da auf uns zukommen! Die Fußtruppen passten nicht einmal auf den schmalen Pfad, über den wir geritten sind – sie kommen durch das Tal!“

Er stieß einen schrecklichen Fluch aus. „Ich lasse fünf von meinen besten Rittern bei dir zurück.“

Sie konnte gar nicht mehr klar denken – und sie hatte noch nie eine Schlacht erlebt oder sich in einer belagerten Burg befunden. „Was meinst du damit?“

„Wir werden sie zurückschlagen!“

„Du kannst dich doch nicht auf eine Schlacht einlassen! Du kannst Hunderte von Männern doch nicht mit unserem Dutzend Rittern und unseren paar Fußtruppen abwehren! Schon gar nicht kannst du fünf deiner Ritter bei mir lassen! Du wirst jeden Einzelnen von ihnen brauchen.“

„Seit wann verstehst du denn etwas vom Krieg?“, rief er empört. „Die Ritter der Comyns wiegen jeden MacDonald zehnmal auf.“

Sie konnte nur hoffen, dass er recht hatte. Peg kam herbeigelaufen, das Gesicht gespenstisch bleich. Margaret streckte eine Hand aus, ihre Dienstmagd umklammerte sie. „Es wird schon alles gut gehen“, hörte sie sich sagen.

Peg starrte sie aus entsetzten Augen an. „Alle sagen, dass es Alexander MacDonald sein soll – der mächtige Wolf von Lochaber.“

Margaret sah sie nur an und hoffte, sie hätte sich verhört.

Sir Ranald und Malcolm liefen in den Saal. „Wir müssen uns beeilen, William, vielleicht können wir sie in der Schlucht aufhalten. Lange können sie nicht mehr in breiter Front durch das Tal kommen. Sie werden bald hintereinander einen schmalen Pfad nehmen müssen, der auf den stößt, über den wir gekommen sind. Wenn wir unsere Leute rechtzeitig über der Schlucht in Stellung bringen, können wir sie einen nach dem anderen erledigen. Da kommen sie dann nicht mehr lebend heraus.“

Es gab also noch Hoffnung? „Peg hat gesagt, es soll der Bruder sein – der Bastard.“

William wurde noch blasser. Selbst Sir Ranald, der tapferste ihrer Ritter, starrte sie reglos aus aufgerissenen Augen an.

Einer von Malcolms Söhnen kam hereingerannt und bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. „Es ist wirklich der Wolf“, keuchte er. Seine Augen sprühten Feuer. „Der Bastard von Angus Mor, der Wolf von Lochaber, mit fünf- oder sechshundert Männern.“

Margarets Herz klopfte so laut, dass sie gar nichts mehr hörte. Der Wolf von Lochaber war eine Legende. Jeder wusste Bescheid über Alexander MacDonald. Kein anderer Highlander war so grausam und erbarmungslos. Man sagte, er habe noch nie eine Schlacht verloren. Außerdem, so munkelte man, habe er noch nie einem Feind das Leben geschenkt.

Margaret war fast wahnsinnig vor Angst. Sie umklammerte Pegs Hand und dachte an eine der Legenden, die ihr zu Ohren gekommen waren.

Der zufolge wollte Alexander vor einigen Jahren seine Geliebte heiraten, die verwitwete Tochter des Lord MacDuff, der ihn jedoch abwies. Also belagerte er dessen Burg am Glen Carron in Lochaber. Als sich MacDuff schließlich ergeben musste, hatte er den Burgherrn gefangen genommen, ihn auf die Knie gezwungen und ihn zusehen lassen, wie er jeden einzelnen der Männer, die es gewagt hatten, gegen ihn zu kämpfen, kaltblütig und ohne Erbarmen hinrichten ließ. Sodann hatte er Glen Carron bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Lord MacDuff selbst wollte er hängen, doch die Geliebte hatte um Gnade für ihren Vater gefleht. Darauf hatte der Wolf zwar das Leben seines zukünftigen Schwiegervaters verschont, nachdem dieser ihm Gefolgschaft schwören musste – doch nur, um ihn für viele Jahre einzukerkern. Gleich darauf hatte er seine Geliebte geheiratet, die jedoch ein paar Monate später im Kindbett starb.

Wenn es wirklich Alexander MacDonald war, der da mit Hunderten von Männern auf sie zumarschierte, würde er Castle Fyne einnehmen und zerstören.

„Was sollen wir nur tun?“ Niemals zuvor hatte Margaret eine solche Angst gehabt. Aber noch während sie die Frage aussprach, wurde ihr klar, dass sie völlig unsinnig war. Sie mussten die Festung verteidigen. Hatten sie nicht alles in allem etwa hundert Männer dafür zur Verfügung?

Sir Ranald blickte finster. „Wir haben nur zwei Möglichkeiten, Lady Margaret. Wir können uns ergeben, oder wir können kämpfen.“

Sie holte tief Luft. Kein Comyn und kein MacDougall käme jemals auf die Idee, sich kampflos zu ergeben.

„Wir werden ihn an der Schlucht aus dem Hinterhalt überraschen und ihn aufhalten“, schlug William vor. Entschlossen musterte er Sir Randal und die Übrigen, die inzwischen hinzugekommen waren: Sir Neil, Malcolm und dessen Sohn. „Haben wir mit einem solchen Hinterhalt Aussicht auf Erfolg?“

Sir Ranald und Sir Neil tauschten Blicke und zögerten. „Eine andere Hoffnung haben wir nicht“, meinte Sir Neil schließlich.

Margarets Herz krampfte sich vor Angst zusammen. Peg neben ihr schien leise zu stöhnen. Vielleicht waren all die Geschichten ja gar nicht wahr, vielleicht würde Gott ihnen zur Seite stehen – vielleicht würde der Wolf, nur dieses eine Mal, eine Niederlage erleiden.

„Dann werden wir das so machen“, ordnete William an. „Aber, Margaret – ich möchte, dass du sofort nach Bain zurückkehrst.“

„Du verlangst von mir zu fliehen?“

„Du wirst mit Sir Randal und Sir Neil von hier verschwinden. Wenn ihr gleich aufbrecht, seid ihr bald außer Gefahr.“

In ihrem Kopf drehte sich alles – als ob man sie kopfüber herumschleudern würde. Sie konnte sich doch nicht einfach aus dem Staub machen! Sie betrachtete die Frauen und Kinder, die sich im Saal drängten. Alle Männer, selbst die ältesten, waren draußen auf den Zinnen und bereiteten sich auf die Schlacht vor.

Sir Ranald nahm sie am Ellbogen. „Er hat recht. Ihr müsst in Sicherheit gebracht werden. Dies ist Eure Burg, daher seid Ihr wertvoll als Braut – aber ebenso als Gefangene.“

Ihr lief es kalt über den Rücken. Doch sie befreite sich. „Ich bin kein Feigling – und ich habe nicht vor, irgendjemandes Gefangene zu werden. Ich bin die Herrin dieser Festung! Ich kann unmöglich fliehen und Euch allein zurücklassen, um die Burg zu verteidigen. Was ist mit all den Männern, Frauen und Kindern hier? Die mich eben noch so freundlich willkommen geheißen haben?“

„Verflucht noch eins, Margaret, gerade deshalb musst du verschwinden – weil die Burg zu deiner Aussteuer gehört. Das macht dich so verdammt wertvoll!“ William schrie sie jetzt an.

Am liebsten hätte sie ebenfalls geschrien. Doch sie blieb ganz ruhig. „Ihr geht jetzt und schlagt Alexander MacDonald zurück. Sorgt dafür, dass er es nie wieder wagt, uns hier anzugreifen! Lockt ihn in der Schlucht in einen Hinterhalt. Und bringt ihn um, wenn es geht!“

Peg schnappte nach Luft.

Aber Margaret hatte wieder einen ganz klaren Kopf. William würde mit allen verfügbaren Männern losreiten, um den berüchtigten Wolf von Lochaber aufzuhalten. Und wenn es ihnen möglich sein sollte, ihn zu töten, dann war dem eben so. Er war schließlich der Feind!

Sir Ranald wandte sich um. „Malcolm, schickt sofort jemanden zum Earl of Argyll und einen weiteren Mann zu Red John Comyn!“

Der Earl of Argyll – Alexander MacDougall – war der Bruder ihrer Mutter, er und Red John würden ihnen sicherlich sofort zu Hilfe eilen. Aber die Sitze beider Herren befanden sich mehr als einen Tagesritt entfernt. Und es konnte sein, dass sich gerade keiner von ihnen in seiner Residenz aufhielt; dann mussten die Boten weiterreiten.

Malcolm eilte davon. Margaret sah ihm nach. „Falls wir es mit dem Hinterhalt nicht schaffen“, wandte sich Sir Ranald grimmig an sie, „braucht Ihr Leute, um die Burg zu verteidigen.“

Sie verstand kaum, was er sagte, und sie bekam keine Luft mehr. „Was meint Ihr damit?“

William wandte sich an Sir Ranald. „Sollen wir uns mit unseren Begleitern auf die Lauer legen? Und die Besatzung der Burg hierlassen?“

Margaret versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Warum wollten sie fünfzig Männer in der Burg zurücklassen? Gerade als ihr ein Licht aufging, sah Sir Ranald sie an. „Ihr müsst die Burg für eine Belagerung vorbereiten.“

Sie schluckte. Sie verstand nichts von Schlachten und schon gar nichts von Belagerungen. Sie war doch nur eine Frau – und gerade mal siebzehn Jahre alt! „Ihr werdet nicht versagen!“

Er setzte ein merkwürdiges Lächeln auf – beinahe traurig, als würde er eher das Schlimmste erwarten, nicht das Beste. „Das haben wir auch nicht vor. Ich hasse es, Euch hier zurückzulassen, Lady Margaret, aber wir sind in der Minderzahl – Euer Bruder braucht mich.“

Sie zitterte. Sie konnte nur beten, dass William und Sir Ranald es schafften, Alexander MacDonald abzuwehren. „Natürlich müsst Ihr William begleiten.“

William legte eine Hand auf Sir Neils Schulter. „Bleibt bei meiner Schwester und beschützt sie – mit Eurem Leben, wenn es sein muss.“

Sir Neil kniff die Lippen zusammen. Margaret begriff, dass er Seite an Seite mit William und Sir Ranald kämpfen wollte, doch er nickte. „Ich sorge dafür, dass ihr nichts zustößt“, sagte er rau.

Margaret kamen die Tränen. Wie konnte das alles nur passieren?

Malcolm eilte zurück in den Saal. „Ich habe Seoc Macleod und seinen Bruder losgeschickt. Niemand kennt diese Wälder besser als die beiden.“

Plötzlich musste Margaret daran denken, wie schlecht die Straßen waren, dick vom Schnee bedeckt. Argyll und Red John mochten gar nicht weit weg sein, aber mitten im Winter würde es nicht einfach werden, rechtzeitig zu ihnen vorzudringen.

„Wenn der Hinterhalt klappt, werden wir Argyll und Red John nicht brauchen“, sagte William und sah Margaret an. „Aber falls wir es doch nicht schaffen sollten und er die Festung belagert, dann liegt es an dir, ihn abzuwehren, bis unser Onkel und unser Cousin hier eintreffen.“

Sie sahen sich in die Augen. Margaret konnte nur bedauern, dass sie keinerlei Kampferfahrung besaß. William hingegen kämpfte seit seinem zwölften Lebensjahr gegen die Engländer. Er lächelte sie an. „Sir Neil wird dir nicht von der Seite weichen – und Malcolm auch nicht.“

Sie brachte ein furchtsames Nicken zustande. Dann fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. „Du wirst es schaffen, William. Ich habe volles Vertrauen in dich. Gott wird Zeuge unseres Sieges sein. Du wirst MacDonald in der Schlucht vernichten.“

William küsste sie schnell auf die Wange, wandte sich ab und schritt rasch aus dem Saal, sein großes Schwert schlug gegen seine Schenkel. Buchans andere Ritter folgten, doch Sir Ranald rührte sich nicht von der Stelle, sondern musterte sie.

Margaret verschränkte die Arme. „Geht mit Gott, Sir Ranald.“

„Der Herr beschütze Euch, Lady Margaret.“ Er zögerte, als ob er noch etwas sagen wollte.

Margaret wartete, doch er nickte Sir Neil und Malcolm nur kurz zu, dann eilte er den anderen nach.

Margaret hörte, wie die schweren Türen ins Schloss fielen, und spürte, wir ihre Knie nachgaben. Sie wollte sich auf die nächste Bank sinken lassen, nur für einen kurzen Augenblick, als sie plötzlich bemerkte, wie alle Frauen und Kinder im Raum sie anstarrten. Absolutes Schweigen herrschte in dem großen Saal. Langsam wandte sie sich um und musterte die Gesichter aller Anwesenden – sie waren voller Furcht, aber auch voller Erwartung.

Sie alle brauchten jetzt ihren Zuspruch.

Doch was sollte sie sagen, da sie doch selbst solche Angst hatte? Ihr aller Leben lag offensichtlich in ihren ungeschickten Händen.

Margaret drückte das Rückgrat durch und straffte die Schultern. Sie lächelte entschlossen. „Mein Bruder wird den Wolf zurückschlagen“, sagte sie. „Doch wir werden uns trotzdem auf eine Belagerung vorbereiten. Zündet alle Feuer an. Holt die Fässer mit dem Öl aus den Kellern. Bringt Öl und Wasser zum Kochen.“ Peg starrte sie mit offenem Mund an, und Margaret wurde jetzt erst klar, dass sie ganz anders klang als sonst; sie hatte einen seltsam entschlossenen Befehlston angenommen.

Sie hob das Kinn. „Schichtet Haufen von Steinen und Felsbrocken auf und macht die Katapulte bereit. Sobald William mit den Rittern die Burg verlassen hat, zieht ihr die Zugbrücke hoch und verbarrikadiert sie.“

Zustimmendes Gemurmel erhob sich. Während alle davoneilten, um ihre Befehle auszuführen, konnte Margaret nur beten, dass William den Wolf von Lochaber davonjagen würde.

2. KAPITEL

Margaret blickte über die Zinnen und hatte das Gefühl, sie befände sich plötzlich an einem fremden Ort, in einer früheren grausameren Zeit. Die Befestigungsanlagen, die sie soeben abgeschritten hatte, wiesen keinerlei Ähnlichkeit mit einer der Burgen auf, auf denen sie sich in ihrem bisherigen Leben aufgehalten hatte. Zitternd zog sie den Umhang um ihren frierenden Leib.

Hinter den Wällen waren überall Schleudern und Katapulte verschiedener Größen aufgebaut, daneben Stapel von Felsbrocken und Steinen, Fässer mit loderndem Öl über Dutzenden von Feuerstellen. Alle Frauen der Burg waren da, und auch viele der Kinder – sie hatten die Felsbrocken und Steine nach Größe und Gewicht sortiert und die Feuer entzündet, andere wuselten mit Stapeln von Brettern auf den Armen hin und her. Zwar war die Zugbrücke längst hochgezogen, doch ein schmaler Nebenausgang des Nordturms war noch offen. Margaret war rechtzeitig genug eingefallen, dass ihnen Holz und Steine nicht ausgehen durften. Nicht bei einer Belagerung.

Die Bogenschützen kauerten hinter den Zinnen. Vermutlich ist es ein Glück, dachte Margaret, dass wir nur zwei Mauern zu verteidigen haben. Die Burg schmiegte sich an die Klippe über dem See, daher konnte sie von zwei Seiten gar nicht angegriffen werden. Die beiden dem Angriff ausgesetzten Wälle waren mit drei Dutzend Schützen besetzt, hinter jedem von ihnen stand eine Reihe Köcher mit Pfeilen. Ein weiteres Dutzend Kämpfer stand den Schützen zur Seite, bewaffnet mit Schwertern, Keulen und Morgensternen.

Margaret brauchte nicht zu fragen, wozu diese Kämpfer da waren. Zwar hatte sie noch nie einer Belagerung standhalten müssen, doch ein einziger Blick verriet ihr den Grund: Falls der Feind die Wälle erklimmen sollte, wären die Bogenschützen nicht mehr von Nutzen. Dann würde um die Einnahme der Burg Mann gegen Mann gekämpft werden.

Margaret blickte hinunter in das Tal, wo sich MacDonalds großes Heer versammelte. Seit drei Stunden war es nicht mehr weitermarschiert.

Bedeutete das etwa, dass William und Sir Ranald und ihre Ritter jeden einzelnen Feind, den der Wolf über den schmalen Pfad durch die Schlucht schickte, nach und nach erledigten? Sie konnte nur beten.

Sie hörte hinter sich ein Geräusch und drehte sich um. Malcolm lächelte ihr zu. Falls er Angst hatte, ließ er es sich nicht anmerken; aber schließlich verhielten sich alle unglaublich tapfer. Margaret war tief beeindruckt vom Mut ihrer Leute. Sie konnte nur hoffen, dass niemand merkte, wie wild ihr Herz schlug, wie schwindelig sie sich fühlte, wie verängstigt und nervös sie in Wirklichkeit war.

„Gibt es schon Neuigkeiten?“, flüsterte sie. Malcolm hatte vorhin zwei Späher ausgeschickt, um zu berichten, wie es mit dem Hinterhalt lief.

„Unsere Bobachter sind noch nicht zurück“, antwortete er. „Aber es ist ein gutes Zeichen, dass der Wolf seine Truppen nicht weiter vorrücken lassen kann.“

Sie erschauerte. Der Wolf galt als furchtbar jähzornig. Wenn jemand seine Pläne durchkreuzte, würde er vor Wut kochen. Es sei denn, er wäre tot.

Sie hoffte so sehr, dem wäre bereits so!

„Ihr solltet wieder hinuntergehen, Mylady“, sagte Malcolm sanft. „Ich weiß, Ihr wollt unsere Männer und Frauen ermutigen, aber hier draußen wird es sehr kalt, und wenn Ihr Euch erkältet, werdet Ihr sie alle stattdessen entmutigen.“

Margaret bemerkte, wie Sir Neil und ein älterer Highlander versuchten, ein beschädigtes Katapult wieder in Ordnung zu bringen. Peg stand dabei und teilte ihnen offenkundig mit, wie man es ihrer Ansicht nach am besten reparieren könnte. Unter anderen Umständen wäre Margaret darüber belustigt gewesen – Peg musste sich immer in alles einmischen. Außerdem stieg sie gern den Männern nach, und Sir Neil war äußerst gut aussehend mit seiner hellen Haut und dem dunklen Haar.

Er hatte sich als unermüdlich erwiesen. Sie kannte ihn nicht besonders gut, doch er ließ nie nach in seinem Bemühen um ihre Sicherheit und die Sicherheit der Burg.

Aber wenn sie der Belagerung nicht standhalten sollten, dann würden sie alle sterben.

Sie sah Malcolm an. „Ist das wirklich wahr?“ Sie sprach leise, damit niemand mithören konnte. „Dass der Wolf alle seine Feinde tötet? Dass er keinem das Leben schenkt?“

Malcolm zögerte, was ihr die wahre Antwort verriet. „Ich weiß es nicht“, sagte er und zuckte die Schultern, um sie von seiner Ahnungslosigkeit zu überzeugen.

Wie konnte eine solche Barbarei nur möglich sein? „Seid Ihr ihm schon einmal begegnet?“

Malcolm zuckte zusammen. „Ja, Mylady, das bin ich.“

„Ist er wirklich so eine Bestie, wie behauptet wird?“

Malcolm riss die Augen auf. „Gibt es solche Behauptungen? Er ist ein mächtiger Ritter, ein Mann von großem Mut und von großem Ehrgeiz. Es ist eine Schande, dass er unser Feind ist und nicht unser Freund.“

„Ich hoffe, er ist inzwischen tot.“

„Er fällt nicht auf einen Hinterhalt herein, dafür ist er viel zu schlau“, erklärte Malcolm rundweg. Dann sah er an ihr vorbei und erbleichte.

Margaret wirbelte herum, starrte hinunter in das Tal und schluckte. Das Heer da unten war wieder auf dem Vormarsch wie eine sich langsam aufbauende Welle aus lauter Soldaten. „Was hat das zu bedeuten?“, rief sie.

Bevor Malcolm etwas erwidern konnte, rannte Sir Neil an den Zinnen entlang, den rothaarigen Highlander und Peg im Schlepptau. „Lady Margaret“, sagte er, „einer unserer Posten ist zurück und wünscht mit Euch zu sprechen.“

Margaret brauchte das erstarrte Gesicht des Spähers nur anzusehen, um zu wissen, dass er nicht die Nachricht brachte, die sie erhoffte. Sie bekämpfte den Drang, ihn anzubrüllen, und hob eine Hand. „Ihr seid?“

„Coinneach MacDougall, Mylady.“

„Bitte tretet einen Schritt beiseite mit mir. Sir Neil, Malcolm, Ihr dürft Euch zu uns gesellen.“ Sie wusste, dass alle auf den Wällen sie nicht aus den Augen ließen, und ihr Herz hämmerte. Sie führte die drei Männer die schmale Treppe hinab in den Saal. „Was ist passiert?“ Sie achtete darauf, ruhig und vernünftig zu sprechen.

„Der Hinterhalt ist gescheitert, Mylady. Der Wolf und sein Heer rücken nun durch die Schlucht vor. Innerhalb der nächsten Stunde werden sie vor unseren Toren stehen.“ Coinneach stand die Bestürzung ins Gesicht geschrieben.

Ihr war klar, dass ihr jetzt nicht die Knie nachgeben durften. „Ist das sicher?“

„Ja. Mindestens ein Dutzend seiner Ritter kommen in diesem Augenblick durch den Hohlweg.“

Margaret starrte ihn an, ohne etwas zu sehen. „Was ist mit meinem Bruder? Und Sir Ranald?“

„Das weiß ich nicht, Mylady.“

Sie nahm an, dass keine Nachricht immerhin noch besser war als die Nachricht ihres Todes. Bitte, lieber Gott, dachte sie, lass sie noch am Leben sein!

Sie glaubte nicht, dass sie es überstehen könnte, ihren Bruder zu verlieren.

„Wisst Ihr denn, ob überhaupt noch welche von unseren Rittern am Leben sind?“, fragte sie.

„Ich habe gesehen, wie eine Handvoll Eurer Ritter in die Wälder geflohen ist, Mylady.“

Sie atmete schwer. „Sie werden zurückkommen, sobald es ihnen möglich ist.“ Daran hatte sie nicht den geringsten Zweifel.

„Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn sie so schnell wie möglich zu Argyll oder Red John reiten“, meinte Sir Neil. „Wir werden bald unter Belagerung stehen, aber dann können sie MacDonald von hinten angreifen.“

Dann würden ihre Männer also doch nicht sofort zurückkehren. Sie unterdrückte ihre Enttäuschung und wandte sich wieder an Coinneach. „Und der Wolf? Alexander MacDonald? Ist er noch am Leben?“

„Das ist er – und er steht an der Spitze seiner Männer.“ In Coinneachs blauen Augen spiegelte sich die Angst.

Margaret wurde ganz schlecht.

Auf der Treppe waren laute Schritte zu hören. Peg kam mit weit aufgerissenen Augen herunter. „Unten vor der Außenmauer steht ein Mann mit einer weißen Fahne!“

Margaret wandte sich verwirrt an Malcolm. „Der Wolf hat einen Unterhändler vorausgeschickt, Mylady“, sagte er schnell. „Da gibt es keinen Zweifel.“

„Was kann er wollen?“

„Dass Ihr Euch ergebt?“

In der nächsten halben Stunde ging Margaret rastlos auf und ab, während sie darauf wartete, dass Sir Neil und Malcolm den Unterhändler entwaffneten und feststellten, dass er wirklich einer war, um ihn unbehelligt zu ihr zu bringen. Peg saß an einem der hölzernen Tische auf einer Bank und starrte sie fassungslos an. Margaret war an den gutmütigen Humor und das schnelle Mundwerk ihrer Magd gewöhnt, aber nicht an ihr ängstliches Schweigen.

Die Männer waren durch den schmalen Nebeneingang des Nordturms in die Burg gelangt und betraten nun den Saal. Zwischen Sir Neil und Malcolm stand ein riesiger Highlander in blauem, schwarzem und rotem Karo. Er war mittleren Alters, vollbärtig und schlank. Seine Schwertscheide war ebenso leer wie das Futteral an seinem Gürtel, in dem ein Dolch stecken sollte.

Als er sie erblickte, setzte er ein Lächeln auf, das alles andere als freundlich war. Margaret erschauerte.

„Margaret Comyn?“, fragte er.

Sie nickte. „Der Wolf schickt Euch?“

„So ist es. Mein Name ist Padraig MacDonald. Mir wurde aufgetragen, Euch mitzuteilen, Lady Margaret, dass er mit Euch verhandeln möchte. Falls Ihr dem zustimmt, wird er drei seiner Männer mitbringen, und Ihr könnt ebenfalls drei Eurer Männer als Begleitung haben. Sein Heer wird unterhalb Eurer Außenbefestigungen bleiben, der Treffpunkt kann direkt vor Eurer Mauer sein.“

Margaret starrte den Mann ungläubig an. Dann blickte sie zu Sir Neil und Malcolm. „Ist das eine Falle?“

„Verhandlungen sind nichts Ungewöhnliches“, sagte Malcolm. „Aber der Wolf ist gerissen – und er hält sich nicht an sein Wort.“

„Es ist eine Falle“, sagte Sir Neil entschlossen. „Ihr dürft Euch nicht darauf einlassen.“

Margaret konnte nicht einmal mehr schlucken. Sie wandte sich wieder an den Unterhändler. „Wieso will er verhandeln? Was will er von mir?“ Peg baute sich neben ihr auf, als wolle sie sie beschützen.

„Mir wurde aufgetragen, Euch Verhandlungen anzubieten, Lady Margaret, mehr weiß ich nicht. Worüber er zu reden wünscht, entzieht sich meiner Kenntnis.“

Verhandlungen unter Kriegern mochten nichts Ungewöhnliches sein, doch sie war kein Krieger, sie war eine Frau – jede Faser ihres Leibes riet ihr, nicht auf das Angebot einzugehen.

„Ihr könnt Euch nicht darauf einlassen“, wiederholte Sir Neil mit blitzenden blauen Augen. „Schneller, als Ihr blinzeln könnt, wird er Euch als Geisel nehmen, Mylady!“

Es war so schwer, zu einer Entscheidung zu kommen! Sie sah Sir Neil an. Dann blickte sie zu dem Unterhändler. „Tretet beiseite.“

Malcolm führte ihn am Arm außer Hörweite. Margaret, Peg und Sir Neil steckten die Köpfe zusammen. „Gibt es irgendeine Möglichkeit“, fragte sie schwer atmend, „dass ich da hinausgehe und wir ihn dann gefangen nehmen?“

Sir Neil konnte man an den Augen ablesen, dass er glaubte, Margaret wäre verrückt geworden.

„Lady Margaret!“, keuchte Peg. „Das ist der Wolf! Er wird Euch niemals in die Falle gehen! Er wird Euch als Geisel nehmen, und was machen wir dann?“

Malcolm stieß wieder zu ihnen. „Denkt nicht einmal daran, Ihr könntet ihn hereinlegen, Mylady“, sagte er.

Margaret warf einen Blick auf den Unterhändler, der sie höhnisch grinsend anstarrte. Was konnte er wissen, das sie nicht wussten? „Gibt es irgendeine Möglichkeit, dass wir verhandeln können, ohne dass ich in Gefahr bin, gefangen genommen zu werden?“

„Das ist einfach viel zu gefährlich“, sagte Sir Neil schnell. „Ich habe Eurem Bruder geschworen, dass ich für Eure Sicherheit sorgen werde. Ich kann nicht zulassen, dass Ihr da draußen dem Wolf gegenübersteht.“

„Lady Margaret, bitte! Ich bin bloß eine Frau, aber sogar ich weiß, dass das nur eine Falle sein kann!“, rief Peg.

„Und selbst wenn es keine sein sollte, kann viel zu viel dabei schiefgehen.“ Im Vergleich zu den anderen klang Malcolm ganz ruhig.

Außerdem hatte er recht. Und Margaret hatte viel zu viel Angst davor, die sicheren Mauern ihrer Burg zu verlassen. Darüber hinaus würde sie den verfluchten Wolf doch niemals zum Rückzug überreden können! Sie straffte die Schultern und ging hinüber zu dem wartenden Highlander, der die Augen zusammenkniff.

Margaret bedachte ihn mit einem kalten Lächeln. „Sagt dem großen Wolf von Lochaber, dass Lady Comyn seinen Wunsch abgelehnt hat. Sie wird nicht verhandeln.“

„Das wird ihn nicht erfreuen.“

Sie schaffte es, nicht zu zittern. „Aber es ist Lady Comyns Begehren, zu erfahren, welches Anliegen er an sie richten möchte. Somit ist es Euch erlaubt, hierher zurückzukehren, um ihr seine Antwort zu überbringen.“

„Ich glaube nicht, dass er noch einmal den Wunsch verspürt, mich mit Euch sprechen zu lassen.“

Was sollte das heißen? Würde der Wolf sofort angreifen? Sie sah dem Unterhändler in die Augen. Sein Blick ließ sie frösteln.

Eine Sekunde später geleiteten Sir Neil und Malcolm ihn hinaus. Kaum war er fort, sank Margaret auf einer Bank zusammen. Peg eilte zu ihr und ergriff ihre Hände. „Was sollen wir nur tun?“

Margaret konnte nicht mehr sprechen. Bereitete der Wolf sich schon auf den Angriff vor? Ganz sicher war er nicht mit seinem Heer gekommen, um sich dann einfach wieder zurückzuziehen! Und was war aus William und Sir Ranald geworden? Wenn sie doch nur wüsste, ob sie noch am Leben waren! „Vielleicht hätte ich doch mit ihm verhandeln sollen“, hörte sie sich selbst sagen.

„Das hätte ich niemals zugelassen!“, rief Peg unter Tränen. „Er ist ein verabscheuungswürdiger Mann, ganz Schottland weiß das!“

„Wenn du jetzt zu heulen anfängst, prügele ich dich windelweich!“ Margaret schrie beinahe, und sie meinte jedes Wort ernst.

Peg setzte sich abrupt auf und verstummte. Die Tränen hörten auf zu fließen.

„Ich brauche dich doch, Peg“, fügte Margaret leise hinzu.

Peg riss sich zusammen. „Soll ich Euch etwas Wein bringen?“

Margaret hatte keinen Durst, doch sie lächelte. „Ich danke dir.“ Sobald Peg gegangen war, erhob sie sich und atmete tief durch.

Oh Gott, was würde nun passieren? Konnte sie die Burg denn überhaupt verteidigen? Zumindest so lange, bis Unterstützung eintraf? Und was sollte geschehen, wenn niemand ihr zu Hilfe eilen würde?

Sicherlich würde Alexander MacDougall von Argyll, ihr Onkel mütterlicherseits, irgendwann kommen. Er verachtete alle MacDonalds dieser Erde. Er würde die Burg unbedingt verteidigen wollen und sich in die Schlacht werfen.

Auch Red John Comyn würde ihr Verbündeter sein, sobald er wusste, was hier vor sich ging. Er war der Cousin und engste Vertraute ihres Onkels. Aber die Zeit, das war es, worauf es ankam. Beide mussten jetzt sofort die Nachricht von ihrer Notlage erhalten. Beide mussten jetzt sofort ihre Heere versammeln und in Marsch setzen.

Margaret hatte furchtbare Kopfschmerzen. Es waren so viele Entscheidungen zu treffen. Das Gewicht ihrer Verantwortung lastete schwer auf ihr. Es war kaum noch vorstellbar, dass sie in ihrem bisherigen Leben keine größeren Entscheidungen zu treffen gehabt hatte, als was sie anziehen oder zum Nachtmahl serviert bekommen wollte.

Von draußen waren eilige Stiefelschritte zu hören, die sie inzwischen als Sir Neils drängenden Marschtritt erkannte. Kaum war er hereingestürmt, wandte sie sich furchtsam zu ihm um. „Er steht an der Brücke, direkt vor den Mauern – und er wünscht Euch zu sprechen.“

Sie erstarrte. „Wer?“ Als ob sie es nicht wüsste!

„MacDonald“, erwiderte Sir Neil mit blitzenden Augen.

Der Magen drehte sich ihr um, und ihr Herzschlag setzte aus. Es war erst eine Viertelstunde vergangen, seit der Unterhändler abgezogen war. Wenn der Wolf von Lochaber bereits jetzt vor ihren Toren stand, musste er schon die ganze Zeit dort gewesen sein.

Plötzlich hatte sie den Drang, sich wie ein trotziges Kind allem zu widersetzen. Sie wollte sich nur noch in ihrem Zimmer einschließen und alles vergessen.

„Ich kann Euch hinauf auf die Zinnen führen“, sagte Sir Neil unverblümt.

Durch ihren umnebelten Kopf schoss ein Gedanke: Wenn Sir Neil so etwas vorschlug, dann musste er der Überzeugung sein, dass es sicher für sie war. Und wenn der Wolf sich bereit erklärte, mit ihr zu verhandeln, während er unten stand und sie oben im Schutz ihrer Mauern, dann durfte sie sich dem nicht verweigern. Sie rang um Atem. Dort oben, umgeben von ihren Rittern und den Bogenschützen, konnte sie in Sicherheit mit ihm sprechen. Sie nickte.

Aber als sie zur Treppe gingen, kam ihr plötzlich ein weiterer Gedanke, und sie hielt abrupt inne. Wäre er zu Füßen ihrer Festungsmauern nicht völlig ungeschützt?

Er stünde doch da wie eine Zielscheibe für ihre Bogenschützen.

Sie blickte mit neuer Hoffnung zu Sir Neil. „Können unsere Schützen ihn nicht töten, während wir reden?“

Sir Neil starrte sie entsetzt an. „Aber sie schwenken eine weiße Fahne!“

Was sie da vorschlug, war gänzlich unehrenhaft; es war ihr klar, dass Sir Neil so dachte. „Aber wäre es möglich?“

„Er wird einen Schild tragen, und er wird von seinen Männern umgeben sein. Das würde zweifellos kein leichter Schuss werden. Wollt Ihr wirklich eine Waffenruhe verletzen?“

Sie fragte sich, ob sie träumte. Sie dachte allen Ernstes darüber nach, eine Waffenruhe zu brechen und einen Mann ermorden zu lassen! So tief durfte sie niemals sinken.

Man hatte sie zur Edelfrau erzogen – einer Frau, die ihr Wort hielt, einer Frau von Ehre, von Freundlichkeit und Sanftmut, einer Frau, die ihre Pflicht erfüllte. Während einer Waffenruhe konnte sie auch einen Wolf von Lochaber nicht ermorden lassen.

Unsicheren Schrittes stieg sie die schmale Treppe hinauf, dicht gefolgt von Sir Neil. Als sie hinaustrat, war es eisig kalt und unheimlich still. Zwar dunkelte es noch nicht, aber die Sonne war nicht zu sehen. Die Bogenschützen, die Schwertkämpfer, sämtliche Frauen und Kinder, sie alle waren noch da. Doch es schien, als ob keiner von ihnen auch nur die leiseste Bewegung machte oder gar atmete.

Sir Neil berührte sie am Ellbogen, sie schritt über die steinernen Fliesen. Noch immer fühlte sie sich wie in einem schlechten Traum, und sie versuchte mit aller Kraft, ihren Verstand und ihre Gelassenheit zu bewahren, bevor sie mit ihrem schlimmsten Feind sprechen musste. Sie stand nur eine Handbreit von den Zinnen entfernt und blickte nach unten.

Zwischen den Außenmauern und dem Wald waren mehrere Hundert Männer versammelt. Ganz vorn die Fußtruppen hinter ihren Schilden, dahinter die Berittenen. Über der ersten Reihe wehte eine weiße Fahne, daneben ein riesiges schwarzblaues Banner mit einem roten Drachen in der Mitte.

Und dann erblickte Margaret ihn.

Der Rest seines Heeres verschwand aus ihrem Blickfeld. Völlig erstarrt konnte sie nur noch einen einzigen Mann erkennen – den Highlander, den man den Wolf von Lochaber nannte.

Alexander MacDonald war der Größte, der Mächtigste, der Finsterste von ihnen allen; er stand einige Schritte vor seinem Heer, aber inmitten der Reihen. Und er blickte zu ihr auf.

Schwarzes Haar fiel auf seine Schultern, Blut befleckte sein kariertes Kriegerhemd und seine Schwerter, ein Schild hing lose an einem muskelbepackten Unterarm, und er trug ein Lächeln zur Schau.

„Lady Comyn“, rief er zu ihr hinauf, „Ihr seid so liebreizend, wie behauptet wird.“

Sie erschauerte. Und er war genau das, was man von ihm erwartete – größer als die meisten, mit mächtigeren Schultern, muskulös vom jahrelangen Schwingen der Schwerter und der Äxte, Haar so schwarz wie das des Teufels. Sein Lächeln, kaum die Andeutung eines Verziehens der Lippen, ließ sie frösteln. Gebannt starrte sie auf ihn hinunter.

Da er weiter nichts sagte, sondern nur reglos ihren Blick erwiderte, errötete sie und fand endlich die Sprache wieder. „Für Schmeicheleien habe ich nichts übrig.“

Das kalte Lächeln vertiefte sich. „Seid Ihr bereit, Euch mir zu ergeben?“

Ihre Gedanken rasten – was sollte sie darauf antworten? „Ihr werdet diese Festung niemals erobern. Mein Onkel ist bereits auf dem Weg, während wir hier sprechen. Desgleichen auch der große Earl of Badenoch.“

„Falls Ihr Euren Onkel von Argyll meint, auf den warte ich gern. Ich freue mich schon darauf, ihm den Kopf abzuschlagen“, rief er mit solch fröhlichem Behagen, dass sie sicher war, er meinte es tatsächlich ernst. „Und dass der mächtige Earl of Badenoch kommen wird, das bezweifle ich doch sehr.“

Was sollte das heißen? Sie erschauerte erneut. „Wo ist mein Bruder?“

„Er befindet sich in meinem Gewahrsam in Sicherheit, Lady Comyn, obwohl er einige Verletzungen erlitten hat.“

Sie war so erleichtert, dass sie sich an der Mauer abstützen musste, um aufrecht stehen bleiben zu können. „Er ist Euer Gefangener?“

„Das stimmt, er ist mein Gefangener.“

„Wie schwer ist er verwundet?“

„Er wird es überleben.“ Etwas besänftigend fügte er hinzu: „Einen so wertvollen Gefangenen werde ich doch nicht sterben lassen.“

„Ich möchte ihn sehen!“, rief sie.

Er schüttelte den Kopf. „Ihr befindet Euch nicht in einer Position, in der Ihr irgendetwas verlangen könntet, Lady Comyn. Ich bin hier, um über Eure Kapitulation zu verhandeln.“

Sie zitterte. Sie musste unbedingt wissen, wie schwer William verletzt war. Und sie wollte ihn sehen. Hatte Malcolm nicht gewarnt, der Wolf wäre ein Lügner? „Über eine Kapitulation werde ich nicht ein Wort verlieren, solange Ihr mir nicht bewiesen habt, dass mein Bruder noch am Leben ist!“

„Ihr vertraut meinem Wort nicht?“

Sie umklammerte eine der Zinnen. „Nein, Euer Wort allein genügt mir nicht.“

„Ihr haltet mich also für einen Lügner.“ Er sagte das leise, doch es lag eine Herausforderung darin.

Margaret spürte, wie Sir Neil hinter ihr nach vorn trat. „Lasst mich meinen Bruder sehen, damit ich sicher bin, dass er noch lebt.“

„Euer Verhalten ist gefährlich“, erwiderte der Wolf. „Ich werde ihn Euch zeigen, nachdem Ihr Euch ergeben habt.“

Sie atmete schwer.

Langsam kehrte sein Lächeln zurück. „Ich habe sechshundert Männer – Ihr habt nur ein paar Dutzend. Ich bin der größte Krieger im ganzen Land – Ihr seid nur eine Frau, und eine sehr junge noch dazu. Trotzdem bin ich bereit, Euch ein Angebot zu machen.“

„Von einem Angebot habe ich bis jetzt noch nichts gehört“, brachte sie hervor.

Das Lächeln wurde grausam. „Wenn Ihr Euch jetzt ergebt, steht es Euch frei, in Begleitung einer Eskorte abzureisen. Wenn Ihr Euch jetzt ergebt, dürfen auch Eure Leute gehen, wohin sie wollen. Wenn Ihr jedoch ablehnt, werden wir angreifen. Nach Eurer Niederlage wird keiner mehr am Leben sein.“

Margaret schaffte es, nicht aufzuschreien. Was sollte sie darauf antworten? Sie hatte nicht vor, sich zu ergeben.

Wenn sie doch nur sicher sein könnte, dass Argyll und Red John bereits mit ihren eigenen gewaltigen Heeren auf dem Weg wären! Doch selbst wenn dem so sein sollte, wie lange konnte sie dem Angriff des Wolfs standhalten? Könnten sie durchhalten, bis Hilfe eintraf?

Denn wenn sie das nicht schaffen sollten, wenn er die Mauern überwand, würde er keinen Einzigen überleben lassen – das hatte er schließlich soeben selbst angekündigt.

„Haltet ihn hin“, wisperte Sir Neil.

Margaret verstand sofort. „Ihr habt recht“, rief sie nach unten. „Ihr seid der größte Krieger im ganzen Land, und ich bin eine Frau von gerade einmal siebzehn Jahren.“ Sie sah ihm an, wie misstrauisch und aufmerksam er auf einmal wurde. „Ich kann so schnell keine Entscheidung treffen. Wenn ich Eure Gefangene wäre, und mein Bruder stünde hier an meiner Stelle, dann würde er sich nicht ergeben, dessen bin ich mir sicher.“

„Glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet mich hereinlegen?“, rief er aufgebracht.

„Ich bin doch nur eine Frau. Ich würde mir niemals einbilden, ich könnte den mächtigen Wolf von Lochaber hereinlegen.“

„Also wollt Ihr mich auf den Arm nehmen?“

Sie wünschte, sie hätte das Wort „mächtig“ vermieden, und zitterte.

„Ich erwarte Eure Antwort, Lady Margaret.“

Sie schluckte. „Ich brauche Zeit! Ihr werdet Eure Antwort morgen früh bekommen!“ Bis dahin wäre ...

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