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Wilde Leidenschaft – zärtliches Glück

1. KAPITEL

Rick Pruitt, First Sergeant der Marines, blieben dreißig Tage, um über sein weiteres Leben zu entscheiden.

„Immer mit der Ruhe“, sagte er sich, während er schwungvoll die Main Street entlangging. Mit einer lässigen Handbewegung grüßte er Joe Davis, mit dem er seit Kindertagen befreundet war.

Joe fuhr langsamer und kurbelte die Seitenscheibe seines staubbedeckten roten Pick-ups herunter. „Hi! Wen hat denn da der Texaswind nach Hause geweht? Seit wann bist du wieder hier, Rick?“

„Seit gestern.“ Rick schob seinen Hut ein Stück in den Nacken und stützte die Unterarme auf Joes Beifahrertür. Das glühend heiße Metall ließ ihn zusammenzucken, aber als echter Texaner war er von klein auf an Hitze gewöhnt.

Auch an diesem Tag brannte die Julisonne gnadenlos vom wolkenlosen Himmel – ideales Wetter als Vorbereitung für einen Einsatz im Nahen Osten.

„Und, bleibst du?“

„Gute Frage“, sagte Rick. Er wusste selbst noch nicht, was er tun würde. Seit vielen Jahren war er bei den Marines und hatte sich in seinem Corps immer wohlgefühlt. Und er war stolz darauf, seinem Land zu dienen.

Aber ihm entging dadurch auch vieles. Beim Tod seiner Eltern war er nicht im Land gewesen, und er konnte sich nicht selbst um die Ranch kümmern. Die Verantwortung für den Familienbetrieb lag seit vielen Jahren in den Händen eines bewährten Vormanns. Wenn man bedachte, dass die Pruitt Ranch zu den größten in Texas gehörte, wurde klar, welche Last das bedeutete.

Eigentlich komisch, dass keiner in Ricks Corps von seinem Reichtum etwas wusste. Alle sahen in ihm nur den Kameraden – und genau das gefiel ihm.

Er war um die Welt gereist, hatte mehr gesehen und erlebt als die meisten Männer in ihrem ganzen Leben. Aber im Herzen war er immer hiergeblieben, in Royal.

Lächelnd zuckte er die Schultern. „Weiß ich selbst noch nicht. Erst mal habe ich dreißig Tage Urlaub, dann muss ich mich entscheiden.“

„Na gut“, sagte Joe. „Wenn du was brauchst, einen Rat oder was auch immer, ruf mich an.“

„Mach ich.“ Rick betrachtete den Freund. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten gemeinsam zum ersten Mal Bier getrunken und auch den Kater danach gemeinsam durchgemacht. Im Footballteam ihrer Schule hatten sie Seite an Seite gespielt.

Joe war in Royal geblieben und hatte Tina geheiratet, seine Freundin aus Schulzeiten. Jetzt hatte er schon zwei Kinder und führte die Autowerkstatt seiner Familie.

Rick dagegen war aufs College gegangen und danach zu den Marines. Der Liebe war er nur ein einziges Mal wirklich nahegekommen.

Einen Moment dachte er an die Frau, die ihm in der Jugend unerreichbar erschienen war. Die Erinnerung an sie hatte ihm über manch schweren Tag hinweggeholfen. Es gab eben Frauen, die einem Mann unter die Haut gehen. Und sie war eine davon.

„Gehen wir mal angeln?“, fragte Joe und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Gute Idee. Dann soll Tina uns ein paar von ihren leckeren Brathühnchen mitgeben, und wir machen uns am See auf der Ranch einen schönen Tag.“

„Hand drauf!“, sagte Joe lachend, und Rick schlug ein. „Ist echt gut, dass du wieder hier bist“, fügte Joe hinzu, „und wenn du mich fragst, solltest du auch hierbleiben.“

„Ich freu mich auch“, sagte Rick und lächelte.

Joe lächelte ebenfalls. „Jetzt muss ich wieder in die Werkstatt. Der alte Sedan von Mrs Donley tut’s nicht mehr, und sie lässt mir keine Ruhe damit.“

Mrs Marianne Donley war die gefürchtete Mathematiklehrerin, die bei Generationen von Schülern für ihre Strenge berüchtigt war. Noch bei der Erinnerung an ihren Unterricht schüttelte es Rick.

Joe sah es und lachte. „So geht’s mir auch. Also, ich ruf dich an wegen dem Angelausflug.“ Er fuhr los.

„Alles klar!“, rief Rick und sah dem Freund gedankenverloren nach. Ja, es war schön, wieder hier zu sein. Noch vor drei Tagen hatte er sich mit seinen Männern inmitten eines Feuergefechts befunden. Heute stand er in seiner friedlichen Heimatstadt und sah dem geschäftigen Treiben zu.

Aber wohin gehörte er wirklich?

Schon als Junge hatte er immer zu den Marines gewollt. Und seit seine Eltern tot waren, gab es nicht viel, was ihn hier in Royal hielt. Natürlich fühlte er sich der Pruitt-Dynastie verpflichtet. Schließlich gehörte die Ranch seit mehr als hundertfünfzig Jahren der Familie. Aber alles lief auch ganz gut ohne ihn. Der Vormann und seine Frau kamen allein klar, und die Stadt erst recht.

Er blinzelte gegen die Sonne und sah sich um. Er fand es beruhigend, dass sich in einer amerikanischen Kleinstadt wie Royal nur wenig änderte. Sogar nach längerer Abwesenheit fand man bei der Rückkehr alles wie gewohnt vor.

Und doch hatte sich etwas verändert: er selbst.

Er zog die Krempe seines Stetson-Hutes ins Gesicht, schüttelte den Kopf und ging in Richtung des Texas Cattleman’s Club. Wenn es doch mal Neuigkeiten gab, erfuhr man sie im TCC als Erstes. Außerdem freute er sich auf die Kühle und die Möglichkeit, in Ruhe nachzudenken. Ganz zu schweigen von einem guten Bier und einem Steaksandwich im Diningroom.

„Bradford Price, du lebst in der Steinzeit.“ Sadie Price starrte ihren großen Bruder an und wunderte sich kein bisschen, dass er sich gegen diesen Vorwurf nicht wehrte.

Ganz im Gegenteil, er schien sogar stolz darauf, denn er erwiderte: „Wie ich dich kenne, willst du mir damit sagen, dass ich traditionsbewusst und auch sonst ganz okay bin. Außerdem hoffe ich, dass meine kleine Schwester nicht extra hergekommen ist, um mir die Leviten zu lesen …“

Sadie zählte im Stillen bis zehn, um sich zu beruhigen, aber es nützte ebenso wenig wie der Gedanke an ihre süßen Zwillinge. Das für die Familie Price typische Temperament ließ sich eben nicht so leicht zügeln, und was zu weit ging, ging zu weit.

Zugegeben, der Texas Cattleman’s Club eignete sich nicht wirklich als Ort für diese Auseinandersetzung, aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern.

„Ich bin nicht aus Houston wieder hierher nach Royal gezogen, um nur zu Hause zu sitzen, Brad. Ich muss etwas tun“, eröffnete sie das Duell.

Sie wollte etwas bewegen, von sich reden machen. So gesehen war der TCC gar kein schlechter Ausgangspunkt. Die ganze Nacht hatte sie es sich überlegt, und ihr Bruder würde sie von ihrem Vorhaben nicht abbringen.

„Also gut“, sagte er und hob beschwichtigend beide Hände. „Tu von mir aus etwas. Was du willst. Aber nicht hier.“

„Heutzutage haben Frauen ihren festen Platz in Klubs“, beharrte sie mit einem Seitenblick auf zwei ältere Herren in großen braunen Ledersesseln, die sich schnell hinter ihren Zeitungen verschanzten.

„Daran brauchst du mich nicht zu erinnern“, sagte Brad. „Mich nervt schon Abigail Langley. Die Frau bringt mich noch um den Verstand. Und jetzt fängst du auch noch an.“

Sadie atmete tief ein. „Du bist der hartherzigste, störrischste …“

„Du solltest daran denken, kleine Schwester, dass ich hier Verantwortung trage.“

Das stimmte. Brad strebte sogar das Amt des Klubpräsidenten an. Wenn er tatsächlich die Wahl gewann, würden beim TCC so schnell keine moderneren Zeiten anbrechen.

Sadie biss sich auf die Lippen, um nicht im Zorn etwas zu sagen, was sie später bereuen würde. Dieser rückständige Klub existierte bereits seit mehr als hundert Jahren.

Schon die Einrichtung verriet, dass es sich um eine reine Männerwelt handelte. Das Interieur bestand aus holzvertäfelten Wänden, dunklen Ledersesseln, Bildern mit Jagdmotiven und einem großen Fernsehbildschirm für Sportsendungen.

Bis vor Kurzem hatten sich Frauen nur im Diningroom und auf dem Tennisplatz aufhalten dürfen. Aber seitdem Abby, die Witwe von Richard Langley, als Ehrenmitglied uneingeschränkte Klubprivilegien genoss, änderten sich die Dinge. Langsam und, wie die Frauen in Royal hofften, unaufhaltsam.

Aber das Verhalten ihres Bruders zeigte Sadie klar, als wie schwierig sich solche Veränderungen bisweilen erwiesen.

„Jetzt überleg doch mal“, sagte sie in möglichst sachlichem Ton. „Der Klub sucht einen neuen Standort, und ich bin Landschaftsgestalterin. Und ich kenne einen wirklich sehr guten Architekten. Ich habe schon die ersten Skizzen …“

„Sadie“, unterbrach Brad kopfschüttelnd. „Es ist noch nichts entschieden. Wir brauchen keinen Architekten oder Landschaftsplaner. Und auch keinen Einrichtungsberater.“

„Lass mich doch wenigstens ausreden.“

„Mir reicht es schon, dass ich mich mit Abby Langley herumärgern muss. Da brauche ich nicht noch Probleme mit meiner Schwester. Jetzt geh bitte heim, Sadie“, sagte Brad und ließ sie einfach stehen.

Sadie kochte vor Wut. Am liebsten wäre sie ihm nachgegangen, um ihm die Meinung zu sagen, aber das wäre nur Wasser auf die Mühlen von Männern wie Buck Johnson und Henry Tate gewesen.

Die beiden versteckten sich noch immer hinter ihren Zeitungen, hatten aber natürlich jedes Wort mitbekommen. Und sie würden es garantiert herumerzählen.

Sadie seufzte, klemmte sich ihre Mappe mit den Zeichnungen unter den Arm und ging zum Ausgang. Ihre High Heels klangen auf dem Holzfußboden wie ein schneller Herzschlag.

Sie kämpfte gegen die Enttäuschung an. Irgendwie hatte sie doch auf die Unterstützung ihres Bruders gehofft. Dabei hätte sie es besser wissen sollen. Brad dachte noch wie Männer früherer Generationen. Frauen betrachtete er ausschließlich als angenehme Begleiterinnen, und den Klub mochte er so, wie er war – als ein Bollwerk gegen die Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

„Ein echter Steinzeitmensch“, flüsterte sie und trat hinaus ins gleißende Sonnenlicht.

Geblendet von der Sonne und immer noch mit ihrem Ärger beschäftigt, bemerkte sie den Mann erst, als sie mit ihm zusammenstieß.

Es war sein erster Tag wieder zu Hause, und schon hatte Rick eine Begegnung mit einem Tornado. Denn genauso energiegeladen und entfesselt erschien ihm diese Frau. Sie war groß und blond, mit schlanken Beinen, einer unvergleichlichen Figur und Augen so blau wie der Himmel über Texas.

Gerade hatte er an sie gedacht, und jetzt stand sie vor ihm. Wutentbrannt war sie aus dem Cattleman’s Club geradewegs in seine Arme gestürmt.

Um sie zu beruhigen, fasste er sie an den Schultern.

„Guten Morgen, Sadie“, sagte er sanft und betrachtete ihr ebenmäßiges Gesicht, an das er sich so gut erinnerte. „Über den Haufen rennen klappt bei mir nicht. Du müsstest es schon mit Überfahren probieren.“

„Rick!“, stieß sie verblüfft hervor.

Einen Moment lang schwiegen sie beide, und Rick spürte eindeutig, wie sich in ihrer Nähe sein Puls beschleunigte.

Sadie schien leicht zu schwanken.

„Alles klar?“, fragte er.

„Ja, danke“, sagte sie, obwohl sie ziemlich blass wirkte. „Ich bin nur überrascht, dass du wieder hier bist.“

„Seit gestern. Wundert mich ja, dass es sich noch nicht herumgesprochen hat.“

Irgendwie schien sie sich unbehaglich zu fühlen. Aber warum nur?

„Tut mir leid, dass ich dich fast umgerannt habe, aber erstens hat mich die Sonne geblendet, und zweitens habe ich eine solche Wut auf Brad …“

Aha, zum Glück nur auf ihren Bruder – und nicht auf ihn, wie er schon befürchtet hatte. Die eine gemeinsame Nacht mit ihr war ihm drei Jahre lang nicht aus dem Kopf gegangen. Nachts in der Wüste hatte er oft geglaubt, ihren Duft zu riechen und ihre Berührungen zu spüren.

Sie war eben eine Frau, die ein Mann niemals vergisst. Schon deshalb war er froh gewesen, gleich am nächsten Tag wieder Dienst tun zu müssen. Damals hatte er keine feste Beziehung gewollt, und Sadie Price gehörte nicht zu den Frauen, die sich mit einem One-Night-Stand begnügen.

Er atmete tief ein – und genoss ihren unverwechselbaren Duft nach Sommerblumen, den er nie vergessen hatte. Egal wo und in welcher Bedrängnis – es war dieser frische Geruch, der ihn stets begleitet hatte. Sobald er die Augen geschlossen hatte, war sie bei ihm gewesen.

Der Gedanke an sie hatte ihn durch viele schwierige Situationen begleitet. Als er jetzt in ihre blauen Augen sah, konnte er nur eines denken: Gut, wieder zu Hause zu sein.

„Und, was machst du so?“, fragte er. „Ich dachte, du lebst in Houston.“ In zwei oder drei Tagen hatte er sie dort besuchen wollen, aber natürlich war es viel praktischer, sie in Royal zu treffen.

„Ja, bisher hab ich auch dort gewohnt.“ Sie knabberte an ihrer Unterlippe. „Aber seit ein paar Wochen bin ich wieder hier.“

Sie erschien ihm unruhig, ja regelrecht erschüttert.

Dass sie so blass und zerbrechlich wirkte, weckte seinen Beschützerinstinkt. Und das lange unterdrückte Begehren nach ihr.

„Weißt du was? Gehen wir doch einfach in den Klub. Dort ist es kühl, da kannst du dich etwas ausruhen“, schlug er vor.

Aber Sadie schüttelte den Kopf. „Nein, danke, nicht nötig.“

„Ich weiß nicht recht … Du siehst aus, als würdest du jeden Moment ohnmächtig werden. Heute ist es aber auch besonders heiß. Jetzt komm.“ Er fasste sie am Arm.

„Nein, Rick, ich möchte einfach nur heim.“

„Ja, aber erst setzt du dich einen Moment.“ Er zog sie auf die Bank vor dem Gebäude, die genau unter der Tafel mit dem Wahlspruch des TCC stand: Verantwortung. Gerechtigkeit. Frieden.

Als sie neben ihm saß, bemerkte er, wie fest sie ihre Mappe umklammert hielt. Beim besten Willen konnte er sich nicht erklären, was Sadie so aufgebracht hatte. War ihr etwa ihre gemeinsame Nacht so peinlich?

„Was ist denn eigentlich los?“, wollte er wissen.

Sie lachte kurz auf, aber das Lachen wirkte eigentümlich bitter.

„Jetzt sag schon!“

Seit er denken konnte, hatte er von ihr geschwärmt. Schon immer war sie wunderschön und beliebt gewesen – und eine Nummer zu groß für ihn. Er und seine Freunde hatten nicht zum Kreis derer gehört, die zu ihren Countryklub-Partys eingeladen worden waren.

Für ihn war sie immer die Traumfrau gewesen, abgesehen davon, dass sie sich stets sehr unnahbar gezeigt hatte. Was hätte er darum gegeben, hinter die Fassade sehen zu dürfen.

Dann war er zu den Marines gegangen, und Sadie hatte einen Mann geheiratet, der sie betrogen und unglücklich gemacht hatte. Vor drei Jahren hatte sie sich scheiden lassen.

Kurz bevor Rick mit seinem Corps nach Afghanistan hatte aufbrechen müssen, waren sie einander zufällig in Claire’s Restaurant begegnet. Sie hatten etwas getrunken, gegessen und …

Bei der Erinnerung durchströmte ihn tiefe Sehnsucht, die er sonst nicht von sich kannte. Jetzt, da sie ihm endlich wieder nah war, würde ihn nichts und niemand davon abhalten, seine Chance zu nutzen.

„Du bist genauso schön wie in meiner Erinnerung“, sagte er und strich ihr über das seidenweiche blonde Haar. Als er dabei ihre Wange berührte, war es ein durch und durch elektrisierendes Gefühl.

Sadie atmete tief ein, und er wusste, dass sie ebenso empfand.

„Gehen wir doch zu Claire’s“, sagte er und rückte etwas näher. „Wir könnten etwas essen und uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen. Ich bin gespannt, was du die letzten Jahre gemacht hast.“

„Was ich gemacht habe“, wiederholte sie und sah ihn an. „Das ist nicht so schnell erzählt. Oh Gott, Rick, wir müssen unbedingt reden.“

„Sage ich doch.“ Er lächelte zufrieden.

„So meine ich das nicht. Es ist wirklich wichtig.“ Sie sah sich um, ob irgendjemand zuhörte. „Hier geht es nicht.“

Besorgt sah er sie an. Wieso war sie so … nervös? Aus der Begrüßung, wie er sie sich ausgemalt hatte, würde unter diesen Umständen wohl kaum etwas werden. „Jetzt sag doch endlich, was los ist.“

Sie stand auf, nahm ihre Mappe und sagte: „Rick, würdest du mich zum Haus meiner Eltern bringen? Dort erkläre ich dir alles.“

Er stand ebenfalls auf. Egal, was dies zu bedeuten hatte, er würde schon damit fertig werden. Wie immer. „Also gut. Fahren wir.“

2. KAPITEL

In Rick Pruitts schwarzem Pick-up stürmten die Erinnerungen auf Sadie ein.

Vor drei Jahren hatte sie mit ihm eine unvergessliche Nacht verbracht, die ihr Leben für immer verändert hatte. Am Morgen danach war er mit seiner Einheit in den Nahen Osten aufgebrochen.

Vielleicht hatte sie deshalb versucht, diese Nacht so gut es ging zu verdrängen. Zwar hatte sie von vornherein gewusst, dass er nicht bei ihr bleiben würde, aber sie hatte damals dringend jemanden gebraucht.

Vorher war sie nichts weiter als die Tochter eines reichen Mannes gewesen, die sich nie einen Ausrutscher erlaubt hatte. Eine junge Frau ohne eigenes Leben.

Bis zu jener Nacht. Sie hatten sich keine Versprechungen gemacht, nur den Zauber des Augenblicks genossen.

Dass diese Nacht für sie Folgen gehabt hatte, die sich bis zum heutigen Tag auswirkten, ahnte er bisher nicht.

Unauffällig betrachtete sie ihn aus den Augenwinkeln, und sofort spürte sie ein Kribbeln im Bauch. Mit seiner entschlossenen Kinnlinie, dem sinnlichen Mund und den dunkelbraunen Augen wirkte er auf sie begehrenswert wie kein anderer Mann.

Sie erinnerte sich an alles, was in jener Nacht geschehen war: an die sanften Berührungen, das sehnsüchtige Seufzen und leidenschaftliche Flüstern. Fast war ihr, als würde sie seine Hände spüren, seinen muskulösen Körper, sein leidenschaftliches Begehren …

„Also, wie ist es dir seit damals ergangen?“, fragte er freundschaftlich.

Sadie zwang sich zu einem Lächeln. Hier im Auto würde sie das dringend notwendige Gespräch sicher nicht führen. Daher versicherte sie: „Ganz gut. Kann nicht klagen. Und dir?“

„Weißt du ja“, sagte er schulterzuckend. „Auch ganz gut. Und jetzt freue ich mich, dass ich wieder mal für eine Weile hier bin.“

Für eine Weile?

„Wie lange bleibst du denn?“, fragte sie.

„Möchtest du mich denn schon wieder loswerden?“, scherzte er und sah sie kurz an. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Verkehr auf der Main Street zu.

„Nein, natürlich nicht“, log sie. „Ich frage aus reiner Neugier. Die letzten Jahre warst du selten hier.“

„Wie willst du das wissen? Du hast ja in Houston gelebt.“

„Houston ist nicht aus der Welt. Ich bin mit meinen Freunden und meinem Bruder in Kontakt geblieben. Sie haben mir immer erzählt, was in Royal so vor sich geht.“

„Mir auch“, sagte Rick. „Also, dein Bruder nicht. Er und ich waren nie wirklich befreundet.“

„Stimmt“, bestätigte sie und dachte, dass das jetzt sogar noch viel weniger der Fall war als früher – was Rick nur noch nicht wusste.

„Joe Davis hat mir damals gesagt, dass du wegziehst“, sagte Rick.

Sadie nickte lächelnd. Joe, der inzwischen die beste Autowerkstatt der Stadt leitete, und Rick hatten sich schon immer nahegestanden. Auch deshalb hatte sie sich beeilt, Royal zu verlassen. Joe hätte Rick sonst mit Sicherheit von ihrem Geheimnis erzählt – und der Himmel weiß, was dann passiert wäre.

„Das mit Michael hat er mir auch erzählt. Nachträglich mein Beileid …“

Sie spürte einen Stich in der Brust. Ihr Bruder hatte oft in Schwierigkeiten gesteckt, war irgendwie nie zur Ruhe gekommen und hatte schließlich Trost im Alkohol gesucht. Vor acht Monaten war er in Kalifornien mit seinem Wagen betrunken von der Straße abgekommen und über die Klippen gestürzt.

Sadie vermisste ihn schrecklich, und ihr einziger Trost war, dass er keine unschuldigen Menschen mit in den Tod gerissen hatte. Und wer weiß, vielleicht hatte er jetzt endlich den ersehnten Frieden gefunden.

Sie hob das Kinn. „Danke. Es war schlimm, ihn auf diese Art zu verlieren.“

„Er war ein prima Kerl.“

„Und ein prima Bruder“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. Michael hatte viele gute Seiten gehabt und würde ihr immer in Erinnerung bleiben.

„Und jetzt kehrst du also Houston den Rücken“, sagte Rick und wechselte damit das Thema. „Lebst du wieder bei deinem Dad?“

„Nur vorübergehend, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Seit Moms Tod vor ein paar Jahren reist Dad zum Angeln um die Welt. Zurzeit ist er in der Karibik. Brad wohnt auch nicht mehr daheim …“

„Fühlst du dich allein in dem großen Haus nicht einsam?“

„Einsam?“ Fast hätte sie gelacht. „Ehrlich gesagt, schon lange nicht mehr.“

Rick runzelte die Stirn. „Wie heißt denn dein Freund?“

„Ich habe keinen. Dazu fehlt mir gerade wirklich die Zeit.“ Vorerst beließ sie es dabei, denn gleich würde er selbst sehen, warum.

Eine Weile hörte man nur den Motor und das leise Rauschen der Klimaanlage.

Sadie sah aus dem Fenster. Sogar die Bäume litten unter der enormen Hitze.

„Irgendwie habe ich dich besser gelaunt in Erinnerung“, sagte Rick.

Oh ja, daran erinnerte sie sich gut! So gut sogar, dass sie unwillkürlich auf dem Beifahrersitz herumrutschte. Von den Bildern, die unwillkürlich vor ihrem geistigen Auge auftauchten, wurde ihr siedend heiß. Rick und sie. Umarmungen … leidenschaftliche Küsse und nie gekannte Gefühle …

Trotz ihrer Aufregung würde sie schon bei der geringsten Berührung in Flammen stehen, das war ihr bewusst.

„Aber wenn du sagst, dass alles bestens ist …“, sagte er mit seiner dunklen Stimme, die ihre Haut zu streicheln schien.

Das konnte sie nun beileibe nicht behaupten. Trotzdem log sie: „Ja, wie gesagt, mir geht’s gut.“

Die vertraute Landschaft glitt vorüber, als sie auf dem Highway zum exklusiven Pine Valley fuhren. Dort lag das Haus der Familie Price, aus dem Sadie vor drei Jahren ausgezogen war, um in der Anonymität der Großstadt neu anzufangen.

Jetzt, da sie zurück war, holte die Vergangenheit sie ein.

Wieder betrachtete sie Rick mit seinen kurz geschnittenen braunen Haaren. Sie kannte ihn schon ihr ganzes Leben, aber nähergekommen waren sie sich nur dieses eine denkwürdige Mal. Er wirkte älter, ernster – und noch selbstbewusster als früher. Mit seinen kräftigen Händen steuerte er sicher den Wagen.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“ Er sah sie kurz an und dann sofort wieder auf die Straße.

Typisch Rick. Er nahm seine Verantwortung ernst und ließ sich nicht so leicht ablenken. Ordnung und feste Regeln waren ihm wichtig, und er gehört zu den Männern, die stets taten, was sie für richtig hielten.

Aber was ihr richtig erschienen war, würde er kaum gutheißen. Nein, dieser Tag würde nicht gut enden, so viel stand fest. Natürlich würden die Leute reden, und dass Rick bisher noch nichts wusste, lag nur daran, dass er erst am Vortag angekommen war.

Von Außenstehenden sollte er es auf keinen Fall erfahren. Sie würde es ihm selbst erzählen. Das war sie ihm schuldig.

„Ja klar. Absolut“, versicherte sie völlig wahrheitswidrig. Natürlich, früher oder später hatte dieser Tag kommen müssen. Sie hatte allerdings auf später gehofft. Auf viel später …

Eine lächerliche Hoffnung, schalt sie sich selbst. Sie lebte wieder in Royal, und dass Rick irgendwann hierher zurückkommen würde, war ihr von vornherein klar gewesen. Außerdem ließ sich in einer Kleinstadt wie dieser nichts geheim halten. Darum war sie ja weggezogen.

Sie betrachtete die vorüberziehende Landschaft und versuchte, nicht an das zu denken, was gleich passieren würde.

„Wenn du es sagst …“ Sehr überzeugt klang seine Stimme nicht. „Was hast du eigentlich im TCC gemacht? Deinen Bruder geärgert?“

„Genau andersherum. Brad ist, glaube ich, der größte Sturkopf in ganz Texas.“

„Ist das für dich etwas Neues?“ Er lächelte.

„Nein, eigentlich nicht. Nur hatte ich gehofft, dass er eines Tages im einundzwanzigsten Jahrhundert ankommen würde. Aber das wird wohl nie passieren. Na ja, ...

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