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Wildblumen im Winter

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Marcia Willett

Wildblumen
im Winter

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Roman

Aus dem Englischen
von Sonja Schuhmacher
und Rita Seuß

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Pater Keith und die Schwestern in Tymawr

Erster Teil

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EINS

Den ganzen Tag lang hatte sie gewartet. Am frühen Morgen war sie aus einem unruhigen Schlaf aufgeschreckt, als ein Windstoß in den Schlafzimmervorhang fuhr, sodass er knatterte wie ein Schiffssegel. Ein Vorhangzipfel wischte das gerahmte Foto von der Rosenholzkommode, und es fiel klirrend zu Boden. Mühsam setzte sie sich auf, immer noch wie benebelt von ihrem wirren Traum. Während sie die Bettdecke zurückschlug, murmelte sie »Oje, oje!«, als sei ein schreckliches Unglück geschehen. Das Glas war zerbrochen, ein Stück herausgefallen, und die im Rahmen verbliebene gezackte Scherbe schien das Foto in zwei Hälften zu teilen und die vier Personen zu trennen. Im Dämmerlicht, das durch das Fenster hereinsickerte, hob sie das Foto auf und betrachtete es. Edward und sie strahlten mit jugendlicher Zuversicht in die Kamera, während die beiden anderen Jungen sehr viel blasser wirkten.

Ein durchaus treffendes Bild, wenn man es genau bedachte. Sie, die Jüngste, und Edward, ihr ältester Bruder, waren einander eng verbunden durch die Liebe zur Poesie und Musik, während sie eine gewisse Distanz zu den übrigen Geschwistern hatten: zu den beiden mittleren Brüdern – sportlich, muskulös und voller Energie –, aber auch zu ihrer sanftmütigen, häuslichen Schwester Patricia, der Ältesten. Wie stolz die Mutter doch auf ihre Söhne gewesen war, und wie wenig sie sich um ihre Töchter gekümmert hatte!

Hester hielt das vergilbte Foto ins Licht. Habe ich tatsächlich so ausgesehen damals, im letzten Sommer vor dem Krieg? Das Kinn gereckt, mit einem Ausdruck furchtloser Erwartung, der ihr fast das Herz zerriss? Edward, einen Kopf größer als sie, fröhlich und unbeschwert in einem Hemd mit offenem Kragen, hatte eine Hand auf ihre Schulter gelegt. Das Foto hatte wohl ihr Cousin Blaise gemacht, der genauso alt war wie Edward.

Mit einer abrupten Bewegung legte Hester das Foto mit der Vorderseite nach unten auf die Kommode. Das splitternde Glas hatte auch Erinnerungssplitter an ihre Vergangenheit heraufbeschworen. Eine lähmende Panik überwältigte sie: zerbrochenes Glas, ein böses Omen! Aber doch nur, wenn ein Spiegel zerbricht, nicht bei gewöhnlichem Glas!, schalt sie sich energisch. Dennoch, eine ängstliche Vorahnung, die ihren Puls beschleunigte und ihr Gehör schärfte, durchfuhr sie bis in die Fingerspitzen. Ungeschickt klaubte sie die Scherben zusammen.

Später, nach dem Frühstück, trat sie durch die Terrassentür ins Freie und blickte hinunter auf den Fluss. Sonnenstrahlen fielen durch die kahlen Kronen der Bäume am Ufer und verliehen dem rauschenden Wasser, das sich zwischen den grasigen Böschungen den Weg bahnte, einen silbrigen Glanz. In den Ästen der schlanken Birken wütete der Südwestwind, er riss die letzten Blätter ab und ließ sie in goldenen Schauern zu Boden regnen. Von der Strömung fortgetragen, trieben sie vorbei an den feuchten Wiesen, auf die das Sonnenlicht glitzernde Muster zeichnete.

Hester legte die Hände auf die Steinmauer. In der Nacht hatte es oben auf den Chains heftig geregnet, und über die großen glatten Felsbrocken unterhalb der Terrasse strömten jetzt die Wassermassen des Barle. Hier, genau an dieser Stelle, war Edward gestürzt. Die Brüstung hatte damals seinen Fall in die Tiefe nicht verhindert. Ihre Schwägerin hatte Hester mit beiden Händen festgehalten und sie davon abgehalten hinterherzuspringen.

Die lebhafte Erinnerung an diese Szene – Edward, der unvermutet von der dunklen, regennassen Terrasse durch die Glastür in das Zimmer gegangen war, wo seine Frau in den Armen seines ältesten und besten Freundes lag – wurde überlagert von dem vertrauten Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Im Wohnzimmer, das Hester nun im Geist vor sich sah, hatte an jenem Abend plötzlich etwas aufgeleuchtet. Etwas, was sie nicht genauer erfassen konnte, von dem sie aber wusste, dass es nicht ins Bild passte: geheimnisvolle düstere Zimmerecken, goldene Lichtkreise der Lampen auf poliertem Holz, die schillernden Reflexe des Spiegels über dem Kamin, dessen blaue und orangerote Flammen gierig an den Holzscheiten leckten. Eine Zeitung war von den Chintzkissen des Sofas unter dem Fenster geglitten, dessen purpurrote Damastvorhänge zugezogen waren, um das Haus vor dem Wüten der Natur zu schützen. Und hier, genau hinter dem Sofa, hatte im Schein des Feuers etwas hell aufgeleuchtet – und war im nächsten Augenblick bereits wieder verschwunden.

Ein Geräusch lenkte Hester von ihren Grübeleien ab. Sie schlug die Augen auf und sah hinunter zum Fluss. Ein paar Stockenten ließen sich von der reißenden Strömung ein Stück mittragen, bevor sie, lustvoll quakend und hektisch paddelnd, auf die ruhigeren Stellen unter den Bäumen zusteuerten, wo sie sich ans Ufer hievten. Hester ging ins Haus zurück und holte einen Kanten Brot. Sie musste laut lachen, als sie beobachtete, wie die Tiere über den Rasen auf sie zuwatschelten. Abgelenkt von diesem Schauspiel, vergaß Hester ihre Ahnungen, doch sobald die tägliche Fütterung vorbei war und die Enten wieder in den Fluss glitten, war sie wieder da, diese unerklärliche Angst.

Es erschien ihr fast wie eine Erlösung, als am frühen Nachmittag das Telefon läutete, während sie bei einer Tasse Kaffee saß. Sie zwang sich zur Ruhe und meldete sich klar und deutlich, war jedoch sehr erstaunt, die Stimme ihrer Patentochter zu hören. Mit Clio hatte sie am allerwenigsten gerechnet.

»Hör zu, Hes, etwas sehr Merkwürdiges ist passiert. Ich habe hier einen gewissen Jonah Faringdon kennengelernt, dessen Mutter im Krieg bei dir in Bridge House gewohnt hat, nachdem ihre Mutter bei einem Luftangriff ums Leben gekommen war. Ihr Name war Lucy Scott. Sagt dir der was?«

Lucy. Die kleine Lucy! Hester holte tief Luft.

»Ja. Ja, natürlich. Sie war damals noch ein Kind.«

»Ich habe überlegt, ob ich Jonah nicht heute Abend mitbringen könnte. Ich mache uns etwas zu essen, und wir könnten ein wenig plaudern. Anschließend fahre ich ihn dann nach Michaelgarth zurück, es sei denn …« Ein kurzes Zögern.

Hester reagierte fast automatisch auf die unausgesprochene Bitte. »Er kann gern hier übernachten. So spät willst du doch sicher nicht noch mal raus, oder? Natürlich nur, wenn er damit einverstanden ist und nicht zurückerwartet wird.«

»Das wäre wunderbar. Wir müssen morgen früh ohnehin beide wieder hier sein. Übrigens ist er Bühnenautor. Alles lässt sich gut an, und es herrscht schon große Aufregung. Ich bin wirklich froh, dass ich Lizzie meine Hilfe angeboten habe. Wir werden dir später alles ausführlich erzählen. Ich weiß nicht genau, wann wir kommen, irgendwann am frühen Abend. Ich kümmere mich um das Dinner und richte sein Bett, in Ordnung?«

»Natürlich.«

»Wirklich, Hes? Du klingst ein bisschen reserviert. Ist doch ein irrer Zufall, findest du nicht?«

»Ja. O ja. Unvorstellbar. Ich kann es kaum glauben.«

»Es ist wirklich merkwürdig. Er brennt darauf, das Haus zu sehen, in dem seine Mutter gewohnt hat. Und dich natürlich auch.«

»Natürlich. Ich freue mich auch, Jonahs Bekanntschaft zu machen.«

Der Kaffee war kalt geworden und schmeckte so bitter, dass sie die Tasse wieder auf die Untertasse zurückstellte. Ihre Hände zitterten leicht, und sie bedeckte sie mit dem Schal. Die kleine Lucy! Erinnerungen wurden wach, glückliche und quälende Erinnerungen, aber es regte sich auch ihr schlechtes Gewissen. Sie hatte es stets bereut, dass sie sich nicht von Lucy verabschiedet hatte. Als das Mädchen damals so überstürzt aufgebrochen war, hatte Hester dringendere Angelegenheiten zu erledigen gehabt; und als ihr klar wurde, dass sie dem Kind nicht einmal Lebwohl gesagt hatte, war es zu spät. Zu spät, als sie zu überlegen begann, ob sie sich nicht hätte vergewissern sollen, dass es Lucy auch tatsächlich gut ging.

Ganz bewusst beschwor Hester erfreulichere Bilder der Vergangenheit herauf. Gut ein Jahr lang hatte Lucy mit ihnen in Bridge House gelebt. Die ganze Familie hatte das Mädchen damals gleich ins Herz geschlossen. Eine Erinnerung trat ihr jetzt besonders klar vor Augen, und Hester lächelte wehmütig.

Jeden Morgen vor dem Frühstück gingen Hester und Lucy die Hühner füttern. Beide trugen einen Eimer mit Mischfutter, Lucy einen kleinen roten aus Plastik. Ihr Weg führte quer über den Rasen und durch das Tor zu einer Wiese. Bei Kriegsausbruch hatte man den größten Teil davon umgegraben, um dort Gemüse anzubauen, aber ein Stück hatte man für die dicken roten Hennen eingezäunt; ihr Stall war ein ziemlich baufälliger Holzschuppen mit einer stabilen Tür zum Schutz vor den Füchsen. Hester wusste, wie gern Lucy in diesem Hühnerhaus mit dem niedrigen Dach in den mit stacheligem Stroh ausgelegten Legekästen nach warmen Eiern tastete. Während die Hennen laut gackernd um Hester und das Futter herumtrippelten, füllte Lucy ihren leeren, mit Futterresten verkrusteten Eimer mit den wertvollen Eiern. Und sie versäumte es nie, auch die grünen Ränder von Hesters Gemüsebeeten abzusuchen. Die Hennen hatten freien Auslauf, und in einem Grasbüschel oder zwischen den Brennnesseln war manch verborgener Schatz zu finden.

Hester beobachtete die Kleine voller Belustigung. Die langen braunen Haare fielen ihr über die geröteten Wangen, die kleinen Hände teilten behutsam die langen Halme, und wenn sie ein Ei entdeckte, geriet sie jedes Mal außer sich vor Freude. Sie bückte sich und schaute in den Eimer, den sie triumphierend hochhielt. »Gut gemacht, Lucy! Da wird Nanny aber Augen machen!« Sie strich ihr das Haar zurück und band es ihr im Nacken zusammen.

Lucys braune Augen funkelten, und sie griff nach Hesters Hand, als sie wieder ins Haus gingen.

Unter dem Schal hatte Hester die Hände ineinander verschränkt, als wolle sie etwas festhalten, was lange verschwunden gewesen war. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und versuchte, sich ein wenig zu entspannen. Clio würde erst in ein paar Stunden eintreffen.

Der Sturm gestaltete die Fahrt von Michaelgarth nach Bridge House zu einem denkwürdigen Abenteuer. Es dämmerte bereits, als sie losfuhren, und der Regen trommelte an die Windschutzscheibe. Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer beobachtete Jonah, wie sich die Bäume im Wind bogen und die Äste Clios kleinen Wagen beinahe streiften. Er fühlte sich unbehaglich. Die Reise ins Exmoor, um die Schauspielerin Lizzie Blake zu besuchen und über ein Filmprojekt zu sprechen, war eine Sache. Eine ganz andere Sache war es allerdings, sich von diesem Energiebündel, das ihn gestern vom Zug in Tiverton Parkway abgeholt hatte, über Land kutschieren zu lassen.

Schon bei der Abfahrt aus Michaelgarth hatte Jonah das sonderbare Gefühl gehabt, dass das Geschehen sich seiner Kontrolle entzog. Alles schien perfekt inszeniert wie in seinen eigenen Stücken. Das Problem war nur, dass er sich nicht sicher war, wer in diesem Fall der Regisseur war.

»Es scheint dir viel zu bedeuten, dass du Hester kennenlernst«, sagte Clio nun. Sie wechselte den Gang und schaute nach rechts, bevor sie auf eine schmale Landstraße abbog. »Nicht nur, um etwas herauszufinden.«

Überrascht von ihrem Gespür, ließ er sich Zeit mit einer Antwort. Er dachte an die Reaktion seiner Mutter, als er sie vor ein paar Tagen angerufen hatte.

»Ich fahre übers Wochenende ins Exmoor«, hatte er gesagt. »Lizzie Blake will dort auf dem Land ein Filmprojekt realisieren und im Rahmen des Porlock Arts Festival präsentieren. Sie hat einen Fernsehsender gefunden, der bereit ist, ein dreißigminütiges Fernsehspiel auszustrahlen, geschrieben, gefilmt, gespielt und produziert von Schülern der Oberstufe. Damit das Ganze auch ein ordentliches Niveau hat, wurden sechs Profis engagiert, die ihnen erklären sollen, wie so etwas gemacht wird. Und einer davon bin ich. Das Ganze klingt ziemlich spannend. Lizzie hat in meinem Stück The Pilgrim die Margery Kempe gespielt. Weißt du noch, du hast ihre und Piers’ Bekanntschaft gemacht, als das Stück im Festival Theatre aufgeführt wurde.«

»Ja, ich erinnere mich an die beiden«, hatte Lucy geantwortet. »Es ist merkwürdig, Jonah. Erst gestern Abend habe ich an das Exmoor gedacht, an meinen Aufenthalt in Bridge House während des Krieges.« Ein tiefer Seufzer. »Ob die Mallorys wohl noch dort wohnen?«

»Ich könnte versuchen, es herauszufinden.« Er bemühte sich, nicht allzu beflissen zu klingen. »Bridge House. Das Haus auf dem Foto, stimmt’s?«

»Es ist so lange her. Kein Mensch wird sich mehr erinnern.«

»Vielleicht doch. Piers’ Familie lebt seit Generationen im Exmoor. Ich werde ihn fragen, ob er die Mallorys von Bridge House kennt.«

Und das hatte er getan – mit erstaunlichen Ergebnissen.

»Um ehrlich zu sein«, sagte Jonah jetzt als Antwort auf Clios Frage, »ich habe so ein Gefühl, als würde sich etwas ereignen, auf das ich warte, seit ich zum ersten Mal ein Foto von meiner Mutter als kleines Mädchen im Garten von Bridge House gesehen habe.« Er zögerte. Noch war er nicht bereit, ihr zu gestehen, dass seine Mutter nie über diesen Abschnitt in ihrem Leben redete. Es wäre ihm wie Verrat erschienen, einem wildfremden Menschen von der Angst und der Abwehr seiner Mutter zu erzählen, wenn er sie nach dieser Zeit fragte. »Als Kind fand ich es irgendwie seltsam, dieses Foto meiner Mutter als kleines Mädchen, das jünger war als ich selbst damals. Sie hat im Krieg ihre Eltern verloren und spricht nie darüber. Deshalb war ich ziemlich überrascht, als sie Miss Mallory erwähnte.«

»Doktor Mallory«, stellte Clio richtig. »Hes war Professor für englische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts an der Universität Lincoln. Sie ist schon seit längerer Zeit emeritiert.«

»Verstehe.« Jonah hatte jede Menge Fragen, aber plötzlich empfand er eine eigenartige Scheu. »Es ist sehr freundlich von ihr, dass sie mich über Nacht einlädt. Schließlich kennt sie mich gar nicht.«

Eine heftige Windböe erfasste den Wagen, und Jonah zuckte zusammen. Clio fuhr unbeeindruckt weiter.

»Ganz fremd bist du ihr nun auch wieder nicht«, erwiderte sie. »Hester kannte deine Mutter, und Piers und seine Familie kennt sie seit einer Ewigkeit.«

»Trotzdem …« Jonah spürte eine nervöse Anspannung, als bahne sich ein Unglück an. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeugs blendeten ihn, und Clio musste mit einem kleinen Schlenker einem Laster ausweichen, der an ihnen vorüberraste.

»Tut mir leid.« Clio lachte unsicher. »Der hat sich ganz schön breitgemacht. Wir sind gleich da. Das hier ist Winsford.«

Im strömenden Regen blinkten tröstlich die Lichter einer Ortschaft. Clio musste den Gang wechseln, denn es ging steil bergauf. Dann fuhren sie übers offene Moor. Hier blies der Wind noch heftiger, und sie wurden mächtig durchgerüttelt. Plötzlich klapperte ein Viehgitter unter den Reifen, und eine lange Allee führte wieder bergab. Im Licht der Scheinwerfer leuchteten an den Straßenrand gewehte Haufen nasser Buchenblätter grell auf. Auf einmal vernahm Jonah neben dem Heulen des Sturms, dem Prasseln des Regens und der rhythmischen Bewegung der Scheibenwischer noch ein Geräusch: ein grollendes, unaufhörliches Dröhnen, das sie zu begleiten schien.

»Hörst du den Fluss?«, rief Clio. Die Wildheit der Natur schien eine geradezu euphorisierende Wirkung auf sie zu haben.

Eine Steinmauer tauchte vor ihnen auf, und Clio schaltete zurück.

Als sie eine schmale Brücke passierten, sah Jonah einen Mann, der aus der Dunkelheit hervorsprang. Er machte ihnen ein Zeichen anzuhalten, den Mund zu einem Hilferuf geöffnet. Im nächsten Moment würde Clio ihn überfahren, Jonah schrie, griff an das Steuer und versuchte es herumzureißen.

»Was ist?«, rief sie entsetzt. »Um Himmels willen …«

Ein knirschendes Geräusch, als Clio auf die Bremse trat und das Auto leicht die Mauer streifte. Jonah hatte bereits seinen Anschnallgurt gelöst und riss die Wagentür auf. Es regnete in Strömen. Im Nu war er klatschnass, dennoch lief er zur Brücke zurück. Seine Stimme wurde vom Wind fortgetragen, erstickt vom gleichförmigen Rauschen des Wassers, doch von dem Mann war nirgends eine Spur zu entdecken. Plötzlich stand Clio neben Jonah und packte ihn am Arm.

»Was war denn?«

»Ein Mann. Du musst ihn doch auch gesehen haben.«

»Nein, da war niemand. Es war nur eine Sinnestäuschung, hervorgerufen durch die Scheinwerfer in der Dunkelheit. Da ist niemand. Komm, wir sind schon völlig durchnässt. Gehen wir rein!« Ohne seinen Arm loszulassen, führte sie ihn über die Brücke ins Haus, wo Hester bereits wartete.

ZWEI

Später saß Clio oben in ihrem Zimmer im hinteren Teil des Hauses und betrachtete sich in einem fleckigen Spiegel. Sie verstellte den Mahagonirahmen ein wenig, der bei jeder Bewegung knackte und ächzte, und griff nach ihrer Haarbürste. Der Schock über Jonahs ungestümes Verhalten saß ihr noch in den Knochen, und das Geräusch des die Brücke schrammenden Wagens dröhnte ihr noch in den Ohren. Es war nichts Schlimmes passiert, trotzdem war Clio völlig durcheinander. Rätselhaft erschien ihr nicht nur, dass Jonah so nachdrücklich darauf beharrte, wirklich jemanden gesehen zu haben, sondern auch Hesters Reaktion. Statt ihn zu beruhigen und ihm zu versichern, dass unmöglich jemand auf der Brücke gewesen sein könne, hatte sie ihn geradezu verständnisvoll angesehen, was Clio regelrecht wütend gemacht hatte. Vielleicht, weil sie selbst Angst hatte.

»Die Brücke steht auf Privatgrund und führt nur zum Haus und zum Garten«, hatte sie unwirsch, fast beleidigt erklärt. »Sonst nirgendwohin. Und Hester hat doch gesagt, dass sie den ganzen Tag allein war. Warum sollte sich bei diesem Wetter jemand auf der Brücke verstecken, nur um uns aufzulauern und dann wegzurennen?«

Um Zustimmung heischend, hatte sie Hester angesehen, aber die bedachte Jonah nur mit einem nachdenklichen Blick.

»Ich habe ihn gesehen«, wiederholte er unbeirrt.

»Ich glaube, wir könnten jetzt etwas Hochprozentiges vertragen«, meinte Hester zu Clios Erleichterung. Nach ein paar Schlucken Scotch beruhigte sich Jonah ein bisschen, und Clio ging nach oben, um das Gästebett zu richten.

Erst jetzt, während sie sich die Haare kämmte, fiel ihr Blick auf einen weißen Briefumschlag, der an einem der gläsernen Kerzenhalter lehnte. In dem Zimmerchen gab es nur eine einzige Steckdose, deshalb hatte Clio überall Kerzen angezündet: auf dem hohen, schmalen Sims über dem viktorianischen Kamin in zwei flachen Kerzentellern aus Keramik, auf dem Bambustischchen neben dem Bett in einem geschwungenen Messingleuchter und in vier Glashaltern auf der lackierten Waschkommode, die als Kosmetiktisch diente. Der Anblick der vertrauten Gegenstände verlieh ihr ein Gefühl der Geborgenheit.

Clio legte die Bürste weg und griff nach dem Umschlag mit der flüchtigen geschwungenen Handschrift. Sie konnte sich gut vorstellen, wie er an seinem Schreibtisch saß und, andauernd gestört, die Worte aufs Papier kritzelte. Sie riss den Umschlag auf, faltete das Blatt auseinander und las, was er ihr geschrieben hatte:

Ehrlich, Schatz, es ist mir unbegreiflich, dass ich Dich habe gehen lassen. Und hättest Du noch so viele Patentanten mit einer Hüftoperation. Jedenfalls halte ich es keine Sekunde länger ohne Dich aus. Diese vier Wochen stehen Dir zwar als Urlaub zu, aber ohne Dich geht hier alles drunter und drüber. Kein Mensch begreift auch nur annähernd, wie ich arbeite, und nach Feierabend gibt es kein Refugium der Erholung und Entspannung für mich.

Können wir uns nicht irgendwo treffen? Bitte! In Bristol vielleicht? Oder in Exeter? Vielleicht könntest Du sogar für ein paar Stunden ausbüchsen und nach London kommen? Bitte, Clio, überleg doch, ob wir uns nicht nächste Woche sehen können, und sei es nur kurz! Sonst gibt es Deinen Job nicht mehr, wenn Du zurückkommst, weil die Agentur dann nicht mehr existiert. Du bist lebenswichtig – für die Agentur und für mich.

Seine Unterschrift war unleserlich. Clio drückte den Brief sehnsuchtsvoll an die Wange. Als sie sich in ihn verliebt hatte, waren alle ihre Pläne zerstoben und all die vernünftigen Ziele, die sie sich gesteckt hatte, lösten sich in Luft auf. Mit ihm zusammen zu sein war das Einzige, was zählte.

»Das ist Peter Strong.« So hatte ihr Chef sie miteinander bekannt gemacht. »Und das ist Clio Taverner, Peter. Eigentlich ist es Clio, die hier den Laden schmeißt, aber verraten Sie das bloß nicht dem Direktor. Am liebsten würde ich sie mit nach Boston nehmen.«

»Hier können wir nicht reden«, hatte Peter gesagt. Er hatte sie zum Mittagessen eingeladen und mit Fragen über die Werbeagentur, über ihre Tätigkeit als Chefsekretärin, über sie selbst bombardiert. Zunächst ganz im Bann seiner starken Persönlichkeit, hatte sie sich doch recht schnell an ihn gewöhnt. Dank eines großen Glases Sauvignon Blanc und der Wärme, mit der er sich ihr zuwandte, hatte sie sich allmählich entspannt und ihm von sich erzählt.

Sie war sich dieser neuen Liebe so sicher und von ihrem Glück so überwältigt gewesen, dass sie es gar nicht hatte glauben können, als sie erfuhr, dass er Frau und Kinder hatte. Nicht aus dem naheliegenden Grund, dass sie in ihm keinen Frauenhelden sehen wollte, sondern weil er so ganz und gar nicht wie ein Familienvater wirkte. Eine interessante Mischung aus zielstrebiger Härte, rhetorischer Brillanz, minutiöser Aufmerksamkeit auch für geringste Details und ein phänomenales Gedächtnis für Kleinigkeiten zeichneten ihn aus. Er scheute sich nicht, von seiner Familie zu sprechen, wenn die Situation es erforderte, aber es war zugleich, als existiere diese Familie in einer anderen Sphäre, losgelöst von seiner Arbeit und seiner Beziehung zu Clio. Er teilte sein Leben in Bereiche, die er strikt getrennt hielt, und da ihm dies leichtfiel, konnte Clio es akzeptieren. Für ihn zählte nur der Augenblick, alles andere schien für ihn nicht zu existieren. In der Agentur hatte die Arbeit oberste Priorität. War er mit Clio allein, sah, hörte und begehrte er nichts anderes als sie. Es kam ihr dann unmöglich, ja albern vor, sich über irgendwelche Probleme den Kopf zu zerbrechen, und sie gab sich ganz dem Glück der Zweisamkeit hin. Noch nie hatte sie sich so bedingungslos auf jemanden eingelassen, und sie war wie verzaubert von ihm. Seine Einstellung erschien umso besser nachvollziehbar, weil seine Familie in Hampshire lebte, wo seine Frau einen Reitstall besaß. Vier Tage der Woche war Peter in London, und dadurch fiel es ihm leicht, sein Leben aufzuteilen.

Clios winziges Haus mit den drei Zimmern auf drei Etagen gefiel ihm weitaus besser als sein trostloses Apartment, in das er dennoch jeden Abend zurückkehrte, auch wenn es noch so spät wurde.

Clio hatte sich bald mit der Situation abgefunden. Sie gewöhnte sich an die Wochenenden ohne ihn, an gemeinsam geplante Ausflüge, die er im letzten Moment absagte, an das unverhoffte Eintreffen eines Mitglieds seiner Familie in London. Und doch machten die wenigen intensiven Stunden mit ihm ihre Einsamkeit wett. Sie traf sich mit ihren Freunden, ging Schlittschuh laufen und zum Pilates- und Aerobic-Training, denn sie wusste ja, dass sie ihn bei der Arbeit jeden Morgen sehen und er sie mit freudestrahlenden Augen begrüßen würde.

»Aaah«, pflegte er zu sagen, als sei sie ein lang entbehrtes erfrischendes Getränk. »Da bist du ja!«

Clio steckte den Brief in den Umschlag zurück und griff wieder nach der Haarbürste, aber vieles ging ihr durch den Kopf. In den ersten Wochen nach ihrer Operation war Hester durch versierte Pflegekräfte betreut worden. Für die Zeit danach hatte Clio ihr angeboten, ihren Urlaub zu opfern, um ihrer Patentante in Bridge House zur Seite zu stehen, bis diese wieder zu Kräften gekommen war. Peter war einverstanden gewesen. Drei Wochen davon waren bereits um. Trotzdem, wäre es nicht himmlisch, ihn wenigstens kurz zu sehen? Wie konnten sie sich treffen – und wo? Da hatte sie eine Idee, die ihr ebenso einfach wie überraschend schien. Warum sollte sie ihn nicht hierher einladen, nach Bridge House? Es wäre doch interessant, Hester und Peter miteinander bekannt zu machen: den lebenshungrigen, leidenschaftlichen Peter und die intelligente, distanzierte Hester. Bei der Vorstellung musste Clio laut lachen, und sie fragte sich, wie ihre Patentante jetzt wohl mit Jonah zurechtkam. Bestimmt sprachen sie über die Kriegszeit. Clio musste noch sein Bett herrichten, daher stand sie jetzt auf und ging auf den Korridor, um die Bettwäsche aus dem Schrank zu holen.

»Ich erinnere mich gut an Ihre Mutter«, sagte Hester. »Ein hübsches Mädchen. Wir hatten sie alle sehr gern.«

Hester bemühte sich zwar, Jonah abzulenken, aber sie spürte, wie gut ihr selbst ein wenig Aufmunterung tat. Sie durfte ihn keinesfalls ins Wohnzimmer führen. Nachdem die Ahnungen dieses Tages mit Jonahs Erlebnis auf der Brücke einen dramatischen Höhepunkt gefunden hatten, drohten ihr gesunder Menschenverstand und ihr kühler Kopf zu versagen. Sie fürchtete plötzlich, dass es im Wohnzimmer Schwingungen gab, für die Jonah in seiner gegenwärtigen Verfassung ganz gewiss empfänglich wäre. Und so schenkte sie ihm noch einen Scotch ein und führte ihn aus der großen quadratischen Eingangshalle mit der Kaminecke und den einladenden Sesseln in das Bücherzimmer, wo ein kleines Holzfeuer flackerte.

»Mum spricht nie über den Krieg«, antwortete er und ließ den Blick bewundernd durch den Raum schweifen. Die Wandregale waren voller Bücher, und neben dem Ohrensessel stand ein kleiner drehbarer Tisch und unter dem Fenster eine Chaiselongue. »Sie bringt es einfach nicht über sich; wahrscheinlich, weil sie im Krieg beide Eltern verloren hat. Den Namen dieses Hauses kenne ich von Fotos, die meine Mutter noch aus ihrer Kindheit besitzt. Um ehrlich zu sein, macht sie ein großes Geheimnis aus dieser Zeit, und als sie Ihren Namen erwähnt hat, hatte ich das Gefühl, endlich sei der Moment gekommen, auf den ich schon so lange gewartet habe. Und jetzt dieses Erlebnis auf der Brücke.« Er sah Hester entschuldigend an. »Ich verhalte mich wie ein Idiot, aber es war keine Einbildung. Ich habe ihn wirklich gesehen  Verzeihung. Das ist ein wunderbarer Raum.«

Hester, die merkte, dass er um Selbstbeherrschung rang, deutete auf einen der Sessel.

»Setzen Sie sich doch!«, forderte sie ihn auf. »Es war das Lieblingszimmer meiner Mutter. Sie hat immer gesagt, es sei der einzige Raum im ganzen Haus, wo man den Fluss nicht hört.«

Jonah setzte sich und streckte die Beine vor dem Kamin aus. »Mochte sie das Rauschen des Wassers denn nicht?«

»Sie fand es unerbittlich. Wissen Sie, es gibt Augenblicke, in denen man es abstellen möchte, und sei es nur für einen Moment. Man möchte dem Wasser zurufen, endlich einmal still zu sein. Ganz besonders in dieser Jahreszeit.«

»Ich habe es mir nicht erklären können«, sagte er. »Als wir hierher unterwegs waren, meine ich. Dieses Rauschen war wie eine grollende, wütende Stimme. Ganz schön bedrohlich. Ich kann Ihre Mutter gut verstehen. Manchmal macht es einem bestimmt Angst.«

»So hat sie es gegen Ende ihres Lebens auch empfunden. Vor allem nachts. Sie glaubte, in dem Rauschen Stimmen zu hören.« Hester verstummte und nippte an ihrem Scotch. Sie wusste nicht, wie fortfahren.

»Stimmen?« Jonah klang nachdenklich. »Richtige Stimmen, meinen Sie?«

Hester zögerte. »Am Ende ihres Lebens war sie etwas verwirrt. Zwei meiner Brüder waren gleich zu Beginn des Krieges gefallen, und der älteste, Edward, ist 1942 in Singapur in japanische Kriegsgefangenschaft geraten. Sie hat ihre Söhne abgöttisch geliebt und ihren Tod nie verkraftet. Sie war keine besonders starke Frau und hat all ihren Lebensmut verloren. Sie wollte nicht länger in einer Welt leben, in der so entsetzliche Dinge geschehen. Edwards Kriegsgefangenschaft war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie konnte den Gedanken einfach nicht ertragen. Sie ist im Herbst 1942 gestorben. Vor sechzig Jahren.« Fast hätte sie hinzugefügt: Genau in dieser Nacht, aber sie wollte die seelische Anspannung nicht noch verstärken.

»Es muss schlimm für Sie gewesen sein, in so kurzer Zeit die Geschwister und die Mutter zu verlieren.« Jonahs Betroffenheit wirkte aufrichtig. »Sie waren noch sehr jung. War meine Mutter zu der Zeit hier? War sie evakuiert worden?«

»Sie ist erst später hergekommen.« Sein Mitgefühl tat ihr gut, und sie entspannte sich ein wenig. »Ihr Großvater Michael und mein Bruder Edward haben zusammen in Cambridge studiert. Sie waren sehr gut befreundet, und als Ihre Großmutter gestorben war, hat Michael gefragt, ob er Lucy nicht zu uns bringen könne.«

»Dann haben Sie ihn also gekannt? Sie haben meinen Großvater gekannt. Er ist in diesem Haus gewesen? Das ist ja unglaublich! Und Sie erinnern sich tatsächlich an meine Mutter?«

Wieder zögerte Hester einen Augenblick, bevor sie ein kleines Foto aus der Tasche zog. »Das interessiert Sie vielleicht.«

Jonah beugte sich neugierig vor: zwei Gestalten vor der Terrassentür, die sich auf einen sonnigen Rasen öffnete. Ein älteres Mädchen mit kurzen dunklen Haaren kniete neben einem Kind. Einen Arm hatte es der Kleinen um die Schulter gelegt, mit dem anderen deutete es in Richtung Kamera. »Schau«, schien es zu sagen. »Schau, Lucy. Du musst lächeln.« Auf der Rückseite stand in verblasster Tinte: »Hester mit Lucy im Garten von Bridge House. Juni 1945.«

Während Jonah das Foto betrachtete, stieg plötzlich eine Erinnerung in ihm auf. Er stand an der Tür zur Dachkammer und beobachtete seine Mutter, die in einer Kommode irgendetwas zu suchen schien. Er hatte den modrigen Geruch alter Kleider und Bücher in der Nase und sah ganz deutlich die nackte gelbliche Glühbirne vor sich, die beschädigte, staubige Möbelstücke beleuchtete, ohne die bedrohlich düsteren Ecken mit den Spinnweben ins Licht zu rücken. Als seine Mutter versuchte, die Schublade aufzureißen, zog sie so heftig, dass das ganze Fach heraussprang und ein großer Umschlag mit alten Fotos zu Boden fiel.

Er rannte hin und griff nach einem der Bilder, auf dem drei Personen zu sehen waren. Dann drehte er es um und las: »Lucy mit Robin und Jack in Bridge House. August 1944.«

»Wer sind denn diese Kinder?«, fragte er seine Mutter neugierig. »Lucy, das bist du, stimmt’s? Aber wer sind die beiden Jungs?«

»Ich weiß es nicht.« Ohne ein weiteres Wort nahm sie ihm das Foto aus der Hand und steckte es in den Umschlag zurück, den sie in die Schublade schob. »Es ist zu lange her, ich kann mich nicht mehr erinnern.«

Angst und Beklemmung lagen in der Luft, er spürte es ganz deutlich, obwohl er noch klein war.

Später hatte er sich noch einmal in die Dachkammer geschlichen und die Fotos betrachtet – die drei Kinder aus einer fernen Vergangenheit, die in die Kamera lächelten – und einen Namen auf dem großen braunen Umschlag gelesen: »Major Michael Scott«. So hatte sein Großvater geheißen.

Hester beobachtete ihn, als er jetzt das Foto umdrehte, dann aufblickte, ohne sie zu sehen.

»Wirklich unglaublich«, sagte er kopfschüttelnd. »Es erinnert mich an das Foto, das wir zu Hause haben, nur dass auf unserem meine Mutter mit zwei kleinen Jungen zu sehen ist, Jack und Robin. Die Namen stehen genau wie hier auf der Rückseite.«

»Das sind meine beiden Neffen, die Söhne meiner Schwester Patricia«, erklärte Hester. »Jack und Lucy haben sich gut verstanden.«

»Das Foto hat mich schon immer fasziniert, aber meine Mutter hat sich strikt geweigert, darüber zu sprechen. Können Sie sich erklären, warum?«

»Es war eine sehr schmerzliche Zeit für sie«, gab Hester vorsichtig zurück. »Wie geht es Lucy denn überhaupt? Wo wohnt sie?«

»In Chichester.« Jonah schien über diese Ablenkung wenig erfreut. »Meine Eltern leben seit ihrer Hochzeit dort. Mein Vater war Physiklehrer, aber dann hat er diese schreckliche Krankheit bekommen, Lupus. Haben Sie davon gehört? Das Immunsystem spielt verrückt und greift den eigenen Körper an. Es ist ziemlich grausam.«

»Das tut mir leid.« Jetzt war es an Hester, ihre Anteilnahme zu bekunden. »Schlimm für ihn. Und für Lucy.«

»Sie wird mir nicht glauben, wenn ich ihr erzähle, dass ich tatsächlich hier war. Ich hoffe nur, sie nimmt es mir nicht übel. Wie lange hat sie eigentlich hier bei Ihnen gewohnt? Ich hatte keine Ahnung, dass ihre Familie hier Freunde hatte, ich dachte immer, sie wurde einfach evakuiert.« Jonah vergrub sich tiefer in den Sessel, bereit, Hester zuzuhören. »Es hat ihr bestimmt gutgetan, nach dem Tod ihrer Mutter hier bei Ihnen zu sein. Hat mein Großvater sie hergebracht?«

Aber noch bevor Hester antworten konnte, ging die Tür auf und Clio streckte den Kopf herein.

»Ich dachte, ihr seid im Wohnzimmer«, sagte sie. »Ich habe Jonahs Bett bezogen, und das Abendessen ist auch schon fertig.«

Das sogenannte Frühstückszimmer war durch einen Rundbogen mit der Küche verbunden. Wenn alle Teller aufgetragen waren, zog man den bernsteingelben Samtvorhang zu, damit der Anblick von Töpfen und Pfannen sowie anderer Küchenutensilien nicht die schlichte Eleganz des hellen, fast schmucklosen Essraums störte, dem genauen Gegenteil zur kleinen, gemütlichen Bibliothek. Jonah betrachtete staunend die elfenbeinfarben gestrichenen Wände, den Fußboden aus schmalen Holzdielen, der von mehreren blauen Läufern reizvoll belebt wurde, und den rechteckigen Tisch mit dem hellen Wachstuch mit Efeudekor.

Clio schien sich von ihrem Schreck auf der Brücke erholt zu haben. Auf ihren Lippen lag ein Lächeln unterdrückter Erwartung. Sie hatte sich eine große Schürze mit der Aufschrift »Kiss the Cook« umgebunden. Eine Schildpattkatze, so dick, dass Jonah an ihrer Echtheit zweifelte, lag zusammengerollt in einem Korbstuhl.

»Das ist der heilige Franziskus«, sagte Hester. »Anfangs hieß er Billy, aber wir mussten doch seiner ungewöhnlich menschenfreundlichen Einstellung gegenüber Vögeln und Nagetieren irgendwie Rechnung tragen.«

»Es ist ihm egal, wie man ihn nennt«, sagte Clio, als sie Jonahs fragenden Blick bemerkte. »Er wird dich ohnehin ignorieren. Ich nenne ihn einfach Franz.«

Jonah streckte vorsichtig die Hand aus und streichelte behutsam das weiche, warme Fell. Der Kater bewegte sich, leckte ein paarmal seine linke Flanke und schlief weiter, ohne Jonahs Liebkosungen zu beachten.

»Was hab ich gesagt?«, meinte Clio zufrieden. »Kommt, setzt euch! Es gibt Pilzomelett und danach einen Schmortopf.«

Während des Essens fiel es Hester nicht schwer, das Gespräch auf Jonahs Arbeit zu lenken. Sie sprachen über die Drehbücher, die er geschrieben hatte, und über den Roman, den er gerade für das Fernsehen bearbeitete. Clio hatte ein Theaterstück von ihm gesehen, über das sie ausführlich diskutierten, und er unterhielt die beiden Frauen mit Geschichten über Filmproduktionen und berühmte Schauspieler. Er war ein geistreicher Erzähler, der seine Zuhörer zum Lachen brachte und sie ermunterte, Fragen zu stellen. Erst viel später, als Clio in der Küche die Spülmaschine füllte und Jonah und Hester im Esszimmer Kaffee tranken, wich die Fröhlichkeit wieder einer nervösen Anspannung.

»Es hat aufgehört zu regnen«, rief Clio durch den Türbogen, »aber noch tobt der Sturm. Hört ihr den Fluss?«

Sie beugte sich über das Spülbecken und öffnete das Fenster, sodass das unaufhörliche Rauschen, die leise Hintergrundmusik des Abendessens, plötzlich mit aller Wucht hereinbrach, begleitet vom wilden Pfeifen des Windes.

»Können wir nicht rausgehen und es uns anschauen?«, fragte Jonah. »Nach dem vielen Regen ist der Fluss bestimmt mächtig angeschwollen.«

Zu Clios Überraschung stand Hester auf und führte ihn durch die Küche in den Hof, nicht hinaus auf die Terrasse des Wohnzimmers, wo sie ihren Besuchern gewöhnlich den Fluss zeigte. Das Hoflicht wies Jonah den Weg vorbei an Clios Auto bis zur Brücke. Hester blieb an der Tür stehen und beobachtete ihn, Clio wartete neben ihr. Das Tosen des Wassers war überwältigend. Mit wilder, brutaler Kraft riss der Fluss Zweige und Geröll mit sich fort, die gegen die steinernen Brückenpfeiler geschleudert wurden und dann unter dem Bogen verschwanden.

Mit schleppenden Schritten kehrte Jonah zurück, das Gesicht schmerzverzerrt, als zerspränge sein Kopf. Mit verschleiertem Blick stemmte er sich gegen den immer heftiger tobenden Wind. Clio streckte den Arm aus und zog ihn in die schützende Wärme des Hauses.

»Komm, ich zeig dir dein Zimmer«, sagte sie beunruhigt. »Wir müssen deine Tasche holen. Ich hab sie unten in der Halle abgestellt.«

Gemeinsam gingen sie nach oben, während Hester nachdenklich die Küche aufräumte. Als die beiden zehn Minuten später wieder herunterkamen, wirkten sie erschöpft.

»Schade, dass wir gar nicht so richtig über Mum und den Krieg reden konnten«, sagte Jonah unbeholfen. »Ich würde gern mehr erfahren. Es ist merkwürdig, aber dieser Ort packt mich irgendwie.« Er verzog das Gesicht, als wäre ihm dieses Eingeständnis peinlich. »Wahrscheinlich bin ich überarbeitet. Ich glaube, ich geh schlafen.«

Hester, der Schmeicheleien oder die überschwängliche Bekundung von Zuneigung fremd waren, berührte ihn leicht an der Schulter. »Wir werden noch darüber reden, das verspreche ich Ihnen. Wenn die Zeit dafür gekommen ist. Schlafen Sie gut, Jonah.«

Er drehte sich um und stieg die Treppe hoch, und Clio erschauderte leicht. Jonahs Verhalten hatte ihre Befürchtungen neu entfacht, dass irgendetwas Geheimnisvolles im Gange war. Sie sah ihre Patentante fragend an. Hester holte tief Luft.

»Wen hat er gesehen?«, wollte Clio wissen. Ihre Selbstsicherheit war dahin, und sie wirkte verletzlich und ängstlich, aber Hester konnte nicht umhin, ihr eine ehrliche Antwort zu geben.

»Er hat seinen Großvater gesehen«, sagte sie.

DREI

Als Hester am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich erstaunlich heiter und unbeschwert. Der Sturm war nach Osten abgezogen, der Himmel klar und blau, die Luft kühl. All die Ahnungen und Beklemmungen, die sich mit dem ungestümen Südwestwind ihrer bemächtigt hatte, waren wie weggefegt, und jetzt verspürte sie eine eigentümliche Vorfreude. Der helle Sonnenschein, der auf den regennass glitzernden Bäumen spielte und den Garten überstrahlte, hatte die dunklen Schatten und die qualvollen Ängste der Nacht vertrieben.

Hester, die gewöhnlich erst nach der zweiten Tasse Kaffee gesprächig wurde, stellte voller Erleichterung fest, dass Jonah gleichfalls ein Morgenmuffel war. Er lächelte den beiden Frauen zu, ließ sich Kaffee einschenken und nahm einen Teil der Zeitung zur Hand. Clio zuckte die Schultern und verzehrte schweigend ihren Toast. Jonah aß nichts, und nach einer Tasse schwarzen Kaffee ging er nach oben, um seine Tasche zu packen. Clio ergriff die Gelegenheit, Hester zu fragen, ob sie Peter nach Bridge House einladen dürfe.

»Selbstverständlich«, sagte Hester und sah von ihrem Kreuzworträtsel auf. »Es war nett von ihm, dir Urlaub zu geben. Du musst ihn unbedingt einladen, ich würde mich sehr freuen, seine Bekanntschaft zu machen.«

Clios scharfer Blick war ihr zwar nicht entgangen, aber sie tat, als wäre sie schon wieder in ihr Kreuzworträtsel vertieft. Clio überlegte offenbar, ob sie mit ihr über ihre Beziehung zu Peter sprechen sollte, aber Hester wusste, dass dann Erklärungen, Rechtfertigungen oder sogar Ratschläge von ihr gefordert wären. Und sie wollte den Mann, in den Clio so unsterblich verliebt war, lieber erst persönlich kennenlernen, bevor sie Bedenken äußerte. Sie hatte sich vor vielen Jahren selbst in einen verheirateten Mann verliebt, einen Universitätsdozenten, mit dem sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. Dadurch fiel es ihr jetzt schwer, Clios Beziehung zu Peter zu kritisieren, zumal sie nicht wusste, was ihn noch mit seiner Frau verband. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass Clio in dieser Liebesbeziehung mehr zu leiden hatte als er. Hester hatte schon seit einiger Zeit gehofft, dass Clio ihr das Herz ausschütten und offen reden würde. Nun aber konnte jederzeit Jonah hereinkommen, es war nicht der geeignete Moment.

Clio blieb unschlüssig am Kopf des Tisches stehen, den Teller in der einen, das Marmeladenglas in der anderen Hand. Beide waren erleichtert, als Jonah auftauchte, die Reisetasche in der Hand, und sich zu Franziskus hinunterbeugte, der sich in seinem Lieblingssessel in der Sonne räkelte.

»Meine Eltern haben einen Hund«, sagte er. »Einen hübschen, wirklich süßen Sussex-Spaniel, aber dieser Kerl hier gefällt mir besser.«

»Ich bin eher ein Hundefan«, sagte Clio hinter ihm, während sie den Frühstückstisch fertig abräumte und nach dem Autoschlüssel griff. »Aber in London einen Hund zu halten wäre unverantwortlich. Eines Tages vielleicht …«

»Schade, dass du nicht da bist, wenn Lizzies Filmevent steigt«, sagte Jonah. »Es wird bestimmt lustig. Kannst du nächstes Frühjahr nicht etwas länger bleiben?«

Clio grinste. »Das hat Lizzie mich auch gefragt. Ich glaube nicht, dass Peter so entgegenkommend ist.«

»Peter?«

»Peter ist mein Chef«, gab Clio zurück. Ihre Stimme klang stolz, herausfordernd und zärtlich zugleich, und Jonah zog die Augenbrauen hoch, als hätte er eine enttäuschende Entdeckung gemacht.

Hester war das nicht entgangen.

»Sie müssen wiederkommen, Jonah. Und ein paar Tage bleiben«, sagte sie, als sie in den Hof hinaustraten. »Vorher müssen Sie allerdings Lucy fragen, ob ihr das überhaupt recht ist.«

»Ich würde sehr gern kommen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass mein Großvater tatsächlich mit Ihrer Familie befreundet war und mit meiner Mutter hier gewesen ist.«

»Sei vorsichtig, Hes! Er macht noch ein Theaterstück daraus, wenn du nicht aufpasst.« Clio stand neben der offenen Wagentür und sah die beiden voller Zuneigung an. »Vergiss nicht, er ist Bühnen- und Drehbuchautor.«

Hester winkte dem Auto nach, bis es um die Ecke gebogen war, und lächelte. Franziskus hatte sich hinter ihr aus dem Haus geschlichen und saß jetzt auf der Brücke. Sie streichelte das Tier. Jonah würde nichts erfinden müssen, die Wahrheit bot Stoff genug. Wie sehr er doch seinem Großvater ähnelte! Er war kein besonders großer, aber ein gut aussehender, breitschultriger junger Mann. Als er am Vorabend mit Clio angekommen war, die nassen Haare an den Kopf geklatscht, die dunklen Augen weit aufgerissen vor Entsetzen, hatte Hesters Herz einen Sprung getan. Er sah aus wie Michael, als dieser vor all den Jahren aus der dunklen, stürmischen Nacht wieder ins Haus getreten war, klatschnass und wie benommen vor Entsetzen, neben ihm Eleanor, die schützend den Arm um seine Schultern gelegt hatte.

Während Hester neben Franziskus am Brückengeländer lehnte, spürte sie voll Unbehagen, dass der Gedanke an ihre Schwägerin noch heute ihren Widerwillen wachrief. Hester hatte Eleanor von Anfang an nicht gemocht. Sie strich dem Kater über das Fell und fragte sich, wie viel sie Jonah erzählen sollte. Und wo beginnen? Mit der Rückkehr der Familie aus Cambridge in das Ferienhaus am Fluss Barle nach dem Tod des Vaters im Jahr 1936, als sie, Hester, gerade acht Jahre alt gewesen war? Sie erinnerte sich noch gut an die lange Reise in den Westen Englands. Einige Kollegen ihres Vaters von der Universität waren zum Bahnhof gekommen, um sich zu verabschieden. Ihre Mutter, stumm vor Trauer, war von ihren beiden ältesten Kindern Edward und Patricia umsorgt worden, während sich Nanny, das Kindermädchen, um die drei jüngeren Geschwister gekümmert hatte.

Hester erinnerte sich auch an die entsetzliche Leere und Angst, die sich ihrer bemächtigt hatten. Nach dem plötzlichen Tod des geliebten Vaters hatte sie ihre ganze Zuneigung auf Edward übertragen, der ihm am ähnlichsten war. Und hier lag auch der Grund, warum sie fünf Jahre später Eleanor so sehr hasste. Vielleicht hatte alles begonnen, als Edward Eleanor nach Bridge House mitbrachte.

Franziskus schnurrte laut und vernehmlich, sein ganzer Körper vibrierte sanft unter Hesters Hand, und sie kicherte plötzlich im Überschwang guter Laune. Die Vorstellung, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen und die bösen Geister zu vertreiben, erfüllte sie mit einem seltsam vergnüglichen Gefühl. Es wäre ein Befreiungsschlag. Schließlich konnte sich durch die Geschichte, die sie Jonah erzählen würde, niemand mehr verletzt fühlen. Nicht einmal Lucy würde noch darunter leiden. Nach Jonahs Erlebnis auf der Brücke hatte Hester sich gescheut, Geheimnisse preiszugeben, die seine Mutter streng gehütet hatte. Heute Morgen jedoch fragte sie sich, ob solche Bedenken nicht albern seien. Sollte Lucy ihren Segen dazu geben, würde Hester Jonah die ganze Geschichte erzählen. In Gedanken war sie bereits in der Vergangenheit, in der sie las wie in einem alten Buch, das sie aufschlug, um längst vergessene Szenen wieder lebendig werden zu lassen.

Ohne Hester, die die Ereignisse des Vorabends gelassen hingenommen hatte, fühlten sich Jonah und Clio auf der Rückfahrt nach Michaelgarth seltsam befangen.

»Heute Morgen sieht die Landschaft ganz anders aus«, sagte Jonah, fest entschlossen, die Rolle des höflichen Gastes zu spielen. »Wirklich großartig.«

Sie fuhren unter einem Baldachin aus kahlen Wipfeln eine Allee entlang. Rechter Hand erhob sich ein steiler bewaldeter Hang. Die knorrigen Wurzeln der mächtigen Bäume krallten sich tief in die mit nassem Laub bedeckte Erde. Linker Hand, jenseits des Flusses, erstreckten sich smaragdgrüne Wiesen, aber da die Straße bergauf aus dem Tal hinausführte, ließen sie das tosende Wildwasser schließlich hinter sich. Vom Beifahrerfenster aus erkannte Jonah weit unten nur noch ein glitzerndes Band, das sich dahinschlängelte, um sich in Marsh Bridge mit dem Barle zu vereinen.

Clio überlegte krampfhaft, was sie sagen könnte, ohne an die dramatischen Geschehnisse des Vorabends anzuknüpfen. Im hellen Sonnenlicht kam ihr die Vorstellung einer Geistererscheinung völlig absurd vor. Aber Hester war der festen Überzeugung gewesen, dass irgendetwas aus der Vergangenheit seine Hand nach Jonah ausgestreckt und ihn berührt hatte.

»Er hat seinen Großvater gesehen«, hatte sie gesagt. »Hier hat sich etwas zugetragen, dessen Schwingungen noch heute spürbar sind.« Mehr hatte sie sich nicht entlocken lassen.

Daraufhin hatte Clio beschlossen, sich durch Peters bevorstehenden Besuch in Bridge House abzulenken. Die urtümliche Kraft der Elemente, so ihre Überzeugung, hatte Jonahs Sinne überreizt und zu anormalen Reaktionen geführt. Am nächsten Tag würde alles anders aussehen. Und so war es auch, wenngleich ihr immer noch nichts einfiel, was sie sagen konnte, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Als sie über das Viehgitter fuhren und die lichte Weite von Winsford Common erreichten, löste Jonah das Problem.

»Ich finde es wirklich schade, dass du nicht zu Lizzies Event da sein kannst«, meinte er. »Du hast dir wohl extra freigenommen?«

»Ich habe momentan Urlaub. Hester hat ein neues Hüftgelenk bekommen, und obwohl in den ersten Wochen der Pflegedienst kam, dachte ich, es wäre vielleicht besser, wenn jemand ständig hier ist, bis sie selbst wieder Auto fahren kann. Peter hat mir meinen ganzen Jahresurlaub auf einmal gegeben.«

»Ein Glück für Hester. Wie kommt es, dass sie deine Patentante ist? Oder ist die Frage indiskret?«

»Ganz und gar nicht. Meine Mutter hat bei Hester studiert, und mein Vater hat zur selben Zeit in Lincoln Geschichte studiert. Hester und meine Mutter haben sich angefreundet und den Kontakt auch gehalten, nachdem meine Mutter mit dem Studium fertig war. Als meine Eltern geheiratet haben, hat Vater in Bristol an seiner Doktorarbeit geschrieben. Zu meiner Geburt gab es noch etwas zu feiern: seinen Doktortitel, den er soeben erhalten hatte. Daher mein Name. Clio ist nämlich die Muse der Geschichte, was heute kaum noch jemand weiß. Jedenfalls hat meine Mutter Hester gebeten, meine Patin zu werden. Als ich klein war, haben wir meistens einen Teil der großen Ferien bei ihr und ihrer Familie in Bridge House verbracht. Hester hält mein Zimmer immer für mich frei. Meine Eltern sind ständig umgezogen und waren dauernd unterwegs, Hester war der Ruhepol in meinem Leben – und ist es bis heute.«

»Ich beneide dich.«

Clio hatte das Gefühl, dass Jonah zwar auf den Stechginster und das Heidekraut der fernen sonnigen Hügel im Westen blickte, vor seinem geistigen Auge jedoch etwas ganz anderes sah: ein kleines Mädchen, das in Bridge House die Treppe hochrennt, um sich zu vergewissern, dass sein Zimmer noch genauso aussieht, wie es es zurückgelassen hat.

»Jonah ist ein Phänomen«, hatte Lizzie ihr erklärt. »Er hat eine unglaubliche visuelle Gabe. Er sieht jede Szene genau vor sich, in den kleinsten Nuancen.«

Als Clio ihm jetzt einen verstohlenen Blick zuwarf, bemerkte sie seine konzentrierte Miene und die geradezu physische Anspannung, als betrachte er eine kleine, selbst erfundene Szene und höre Stimmen, die nur in seiner Vorstellung existierten.

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