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Wild West Extra Großband Sommer 2018: 9 Western

Wild West Extra Großband Sommer 2018: 9 Western

Alfred Bekker et al.

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Wild West Extra-Großband Sommer 2018: 9 Western

Copyright

Pete Hackett: Jeder zahlt für seine Schuld

Pete Hackett: Am Ende der Fährte wartet der Tod

Über den Autor

Marshal Logan und der Mann vom Wichita River

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Die Legende vom goldenen Mustang

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ZUM AUTOR:

Der Tod sitzt mit am Pokertisch

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... dann gnade dir Gott !

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Grainger und das blutige Dutzend

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Ein Galgen für McLintock

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HÖLLENRITT FÜR BENITO JUAREZ

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Further Reading: 10 Marshal Western August 2016

Also By Alfred Bekker

Also By Pete Hackett

Also By Frank Callahan

Also By Timothy Stahl

Also By Thomas West

Also By Robert C. Ryland

About the Author

About the Publisher

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Wild West Extra-Großband Sommer 2018: 9 Western

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Alfred Bekker, Robert C. Ryland, Pete Hackett, Thomas West , Timothy Stahl, Frank Callahan

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Western:

Pete Hackett: Jeder zahlt für seine Schuld

Pete Hackett: Am Ende der Fährte wartet der Tod

Pete Hackett: Marshal Logan und der Mann vom Wichita River

Timothy Stahl: Die Legende vom goldenen Mustang

Thomas West: Der Tod sitzt mit am Pokertisch

Pete Hackett: ...dann gnade dir Gott!

Alfred Bekker: Grainger und das blutige Dutzend

Robert C. Ryland: Ein Galgen für McLintok

Frank Callahan: Höllenritt für Benito Juarez

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GRAINGER BEGEGNET EINER Bande von Halunken. Die Banditen haben es auf seinen Kopf abgesehen - nachdem er sich weigerte für sie zu arbeiten. Und dann ist da diese rothaarige, sündhaft schöne Frau, die es aus ganz anderen Gründen auf Grainger abgesehen hat...

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Pete Hackett: Jeder zahlt für seine Schuld

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Vince McQuade ritt zwischen die ersten Häuser von Southton. Mit entzündeten Augen schaute er in die Runde. Hier sah alles noch so aus wie vor vier Jahren, als er dem Ruf General Lees folgte und in den Krieg gegen die Yankees zog.

Der Sechsundzwanzigjährige verspürte Erleichterung. Seit Wochen war er unterwegs. Die Entbehrungen und Strapazen des Trails hatten unübersehbare Spuren in sein Gesicht gegraben. Aber auch vier Jahre Krieg hatten es gezeichnet ...

Es war heiß. Die Hitze setzte Pferd und Reiter zu. Müde zog das Tier die Hufe durch den knöcheltiefen Staub. Unter der Haut des Rotbraunen zeichneten sich deutlich die Rippen ab.

Die breite Hauptstraße der kleinen Stadt in der Nähe von San Antonio war wie leergefegt. Es war Mittagszeit, die heißeste Zeit des Tages, und die Menschen hatten sich in ihre kühlen Behausungen zurückgezogen. Der Wind, der von Süden kam, der kleine Staubspiralen aufwirbelte und über die Fahrbahn trieb, brachte keine Linderung.

Du bist zu Hause, Vince, durchfuhr es den ausgemergelten Mann auf dem müden Rotfuchs. Endlich!

Er lenkte sein Pferd zu einem Tränketrog am Straßenrand und saß ab. Das Tier prustete mit geblähten Nüstern. McQuade nahm seinen verbeulten und abgegriffenen Hut ab und hängte ihn an den Sattelknauf. Mit der flachen Hand tätschelte er den Hals des Tieres. »So ist es, mein Bester. Wir sind fast am Ziel. Bis zur Ranch sind es nur noch vier Meilen.«

Das Tier senkte seine trockene Nase ins Wasser, auf dem ein dünner Staubfilm schwamm, und begann seinen Durst zu löschen. McQuade wusch sich Staub und Schweiß aus dem Gesicht. Das Wasser war warm und abgestanden. Dennoch belebte es ihn ein wenig. Er fuhr sich mit den gespreizten Fingern seiner Rechten durch die sandfarbenen Haare und strich sie nach hinten.

Etwa fünfzig Yard weiter, auf der linken Straßenseite, befand sich der Saloon. In der Gasse dahinter wusste McQuade den Mietstall. McQuade trocknete sich mit dem Halstuch das Gesicht ab. Als der Rotbraune getrunken hatte, zog ihn der Mann am langen Zügel hinter sich her quer über die Fahrbahn. Unter den harten Sohlen seiner brüchigen Reitstiefel knirschte der Staub.

Am Holm band er das Pferd an. Das Tier peitschte mit dem Schweif. Steifbeinig stieg McQuade die abgetretenen Stufen zum Vorbau hinauf. Dann betrat er den Schankraum. Es war hier düster und es roch nach kaltem Tabakrauch sowie verschüttetem Bier. Einige runde Tische, um die jeweils sechs Stühle gruppiert waren, bildeten das Mobiliar. An der der Schwingtür gegenüberliegenden Wand befand sich die Theke. An den beiden Frontfenstern tanzten Fliegen auf und ab. Nicht ein einziger Gast war zu sehen.

Unter McQuades Gewicht knarrten die Fußbodendielen, als er den Raum durchquerte. Seine Absätze tackten. Er erreichte den Schanktisch. Hinter der Theke ging eine Tür auf und ein Mann um die fünfzig erschien. »Guten Tag, Fremder.« Unverhohlen taxierte er McQuade. Sein forschender Blick wanderte an ihm hinauf und hinunter. »Sie sehen ziemlich mitgenommen und verstaubt aus. Haben wohl 'nen weiten Ritt hinter sich.«

»Das kann man wohl sagen, Dave. Erkennst du mich denn nicht?«

Der Salooner kniff die Augen zusammen und begann an seiner Unterlippe zu nagen. »Sicher, du kommst mir bekannt vor. Aber ich komme nicht drauf, wer du bist. Sage es mir.«

»Vince McQuade. Fällt jetzt bei dir der Groschen?« McQuade grinste vage. Das Grinsen erreichte die müden Augen nicht.

Über Dave Sanders Gesicht glitt der Schimmer des Begreifens. Er schlug sich mit der flachen Hand leicht gegen die Stirn und stieß hervor: »Es ist August, McQuade. Der Krieg ist seit vier Monaten zu Ende. Du kommst spät.«

»Ich war Gefangener der Yanks. Bei Gettysburg fiel ich ihnen in die Hände. Als sie mich laufen ließen, machte ich mich sofort auf den Heimweg.«

Dave Sanders ging zum Zapfhahn, angelte sich einen gläsernen Bierkrug und schenkte ihn voll. Als er ihn vor McQuade hinstellte, murmelte er: »Du kommst nicht nur spät, McQuade, du kommst zu spät.«

Die letzten Worte waren wie Hammerschläge gefallen.

»Was heißt das?« McQuades Blick schien den Salooner zu durchbohren, in sein Hirn einzudringen und dessen Gedanken zu erforschen. Der Heimkehrer spürte das Unheil tief in der Seele. Er atmete etwas schneller.

»Du musst jetzt ganz stark sein, McQuade«, gab der Mann hinter dem Tresen zu verstehen. »Vor knapp zwei Monaten erhielt eure Ranch höllischen Besuch. Es war eine Bande von Abenteurern, von Kerlen, die nach dem Krieg nicht mehr den Weg in ein geordnetes Leben gefunden haben ...«

»Was ist geschehen?« Eine fast fieberhafte Erregung ergriff Besitz von McQuade. Die drei Worte platzten regelrecht über seine rissigen Lippen.

»Deine Eltern und Joana sind tot.«

McQuade hielt die Luft an. Seine Mundwinkel zuckten. Ungläubig starrte er den Mann auf der anderen Seite der Theke an. Dumpf schlug das Herz in seiner Brust, und das Echo seiner Herzschläge hallte in seinen Ohren wider. Dann stieß McQuade abgehackt hervor: »Sie – sind – tot?«

Dave Sanders nickte. »Es waren vier Männer. Einer wurde zwei Wochen später geschnappt, als die Bande versuchte, die Bank in San Antonio zu überfallen. Er wird in wenigen Tagen gehängt.«

Wie eine furchtbare Flut überkam McQuade das Verstehen. In ihm zerbrach etwas.

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LANGE HATTE MCQUADE an den Gräbern seiner Angehörigen gestanden. Er hatte sich seine Heimkehr anders vorgestellt – ganz anders. Nun stand er vor den Trümmern seiner Illusionen von Ruhe und Frieden auf der elterlichen Ranch.

Jetzt war er auf dem Weg nach San Antonio. Er benutzte den Fahr- und Reitweg, der von der Ranch in die Stadt führte. Er war von Wagenrädern zerfurcht und von Hufen aufgewühlt. Alte Büsche säumten ihn. Auf den Weiden zu beiden Seiten standen dicht gedrängt Longhorns. Die meisten besaßen kein Brandzeichen. In den vergangenen vier Jahren war niemand da, der sie gebrandmarkt hätte.

McQuade erreichte die Stadt, als die Sonne unterging und einen rötlichen Schein auf das Land legte. Die Schatten waren lang, die Hitze war nach wie vor unerträglich. Das Pferd ging mit hängendem Kopf, die Hufe rissen kleine Staubfontänen in die heiße Abendluft.

Vor dem Büro des Countysheriffs saß McQuade ab. Er band das Pferd an den Hitchrack und ging in das Office. Sam Miller, der Mann, der seit Jahren den Stern in San Antonio trug, saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas in eine Kladde. Als McQuade eintrat, blickte er auf und legte den Tintenbleistift zur Seite.

McQuade grüßte, blieb vor dem Schreibtisch stehen und sagte mit staubheiserer Stimme: »Guten Tag, Sheriff. Schätzungsweise erkennen Sie mich nicht. Ich bin Vince McQuade.«

Die Brauen des Gesetzesmannes zuckten in die Höhe. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück, nickte und sagte: »Sie sind also heimgekehrt, McQuade. Nun, Ihre Heimkehr stand unter einem verdammt schlechten Stern. Einer der Mörder Ihrer Angehörigen wartet in meinem Gefängnis auf seine Hinrichtung. Sein Name ist Wade Sheridan.«

»Ich will mit dem Mann sprechen.«

»Warum?«

»Ich möchte ihm einige Fragen stellen.«

»Er hat ein umfassendes Geständnis abgelegt und die Namen seiner Kumpane verraten. Auf die Kerle wurde ein Kopfgeld von jeweils 300 Dollar ausgesetzt. Sheridan denkt, dass ihnen in Texas der Boden zu heiß geworden ist und dass sie sich nach Arizona abgesetzt haben.«

McQuade stemmte sich mit beiden Armen auf den Schreibtisch. »Wieso Arizona?«

»Die Wiege eines der Schufte stand in Willcox. Das ist ein Nest an der Überlandstraße, die über Tucson und Casa Grande nach Yuma führt. Der Kerl, der von dort stammt, heißt Cole Weston.«

»Nennen Sie mir die Namen der anderen Mörder, Sheriff.«

»Bud Logan und Hal Carter.« Der Gesetzeshüter befeuchtete sich mit der Zungenspitze die Lippen. »Was haben Sie vor, McQuade?«

»Ich habe am Grab meiner Angehörigen geschworen, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.« McQuade sprach mit harter, fester Stimme. Sein Tonfall ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sein Entschluss unumstößlich war. Sein Gesicht mutete an wie aus Granit gemeißelt.

Der Sheriff verzog den Mund. »Sie sehen nicht aus wie ein Mann, der Bäume ausreißen könnte, McQuade. Sie sehen vielmehr ausgemergelt und krank aus. Außerdem tragen Sie keine Waffe. Schätzungsweise verfügen Sie auch über kein Geld. Der Weg nach Arizona ist weit. Falls es Ihnen gelingt, die Mörder Ihrer Angehörigen zu stellen – was dann? Wollen Sie auf die Schufte mit einem Knüppel losgehen?«

»Ich verkaufe die Ranch«, murmelte McQuade. »Sicher bekomme ich genug Geld dafür, um mich auszurüsten.«

»Kein Mensch kauft ihnen die Ranch ab«, versetzte der Gesetzeshüter mit geschürzten Lippen. »Weder Grund und Boden noch die Rinder, die zu hunderttausenden auf den Weidegründen stehen, sind in Texas etwas wert.«

»Ich werde es versuchen«, knurrte McQuade. »Wenn ich nur so viel bekomme, dass ich mir einen Revolver, ein Gewehr und ein gutes Pferd kaufen kann. Kann ich jetzt mit Sheridan sprechen?«

Der Sheriff nickte und erhob sich. Ehe er aber Anstalten machte, sich zur Tür zum Zellentrakt zu bewegen, sagte er: »Ich glaube, ich kann Ihnen helfen, McQuade. Sie bekommen von mir die Waffen und das Pferd Sheridans. Nach allem, was Ihnen dieser Schuft zusammen mit seinen Kumpanen angetan hat, denke ich, dass Sie einen Anspruch darauf haben.«

Nach dem letzten Wort wandte sich der Sheriff ab und setzte sich in Bewegung. McQuade folgte ihm.

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ES WAR SPÄTER NACHMITTAG, als McQuade am Stadtrand von Willcox sein Pferd parierte. Der kleine Ort war von Bergen eingerahmt. Auf ein Holzschild, das an einen Pfahl genagelt war, war der Name der Ortschaft gepinselt. Die Farbe blätterte schon ab. Von den Pferchen und Corrals, die die Bewohner außerhalb der Stadt errichtet hatten, wehte beißender Uringeruch heran.

Die Sonne stand über den Dragon Mountains im Südwesten. Soweit das Auge reichte, erstreckte sich unfruchtbares Land. Kreosot und dornige Comas wucherten in den Ebenen und auf den Abhängen.

McQuade ließ die Eindrücke, die sich ihm boten, auf sich wirken. Willcox war eine Ansammlung von Häusern und Hütten, die zu beiden Seiten der Überlandstraße errichtet worden waren, die innerhalb des Ortes als Main Street diente. Hier und dort waren auf den Fensterbänken Blumenkästen mit verstaubten Geranien zu sehen. Im Straßenstaub glitzerten winzige Kristalle. Klirrende Hammerschläge waren zu hören. Auf den Gehsteigen waren nur wenige Menschen zu sehen.

McQuade trieb sein Pferd an. Die Gebisskette klirrte, das Sattelleder knarrte, dumpf pochten die Hufe. Einige Passanten blieben stehen und beobachteten den Mann, der mitten auf der Hauptstraße ritt. In McQuades Gesicht wucherte ein tagealter Bart. Auf seinem Kopf saß ein flachkroniger, schwarzer Hut. Er war mit einem langen, braunen Staubmantel bekleidet. Die tiefen Linien in seinem Gesicht ließen ihn älter wirken als er tatsächlich war. Seine Augen waren in ständiger Bewegung. Er machte sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut.

McQuade fand den Mietstall und lenkte sein Pferd in den Wagen- und Abstellhof. Sattelsteif saß er ab, nahm seinen Vierbeiner am Kopfgeschirr und führte ihn in den Stall. Bei jedem Schritt, den er machte, rieselte feiner Staub von seinen Schultern und der Krempe seines Stetsons. Er überschritt die Schattengrenze unter dem hohen Tor und der Geruch von Heu, Leder und Pferdeausdünstung empfing ihn.

Der Stallmann, der dabei war, mit einer Forke eine Box zu reinigen, richtete sich auf, lehnte das Werkzeug weg und wischte sich die Hände an der Hose ab, dann setzte er sich in Bewegung und ging McQuade entgegen. Es war ein grauhaariger Bursche mit faltigem, verkniffenem Gesicht und dem scharfen Blick eines Raubvogels. »Hallo, Fremder, an Ihnen haftet der rote Staub der Peloncillo Berge. Das sagt mir, dass Sie von Osten kommen. Ihr Pferd sieht ziemlich abgetrieben aus. Sie hatten es wohl sehr eilig."

Er musterte, während er sprach, McQuade eindringlich, als versuchte er, in dessen Zügen zu lesen.

McQuade wischte sich mit dem Halstuch den Schweiß aus den Augenhöhlen, räusperte sich und antwortete: »Falls Sie erfahren möchten, ob ich vom Gesetz verfolgt werde, dann sollen Sie wissen, dass es dem nicht so ist. Aber Sie haben Recht: Ich hatte es eilig, nach Willcox zu kommen. Denn ich vermute, dass sich hier die Männer aufhalten, die vor etwa drei Monaten in Texas meine Familie brutal ermordet haben. Ihre Namen sind Cole Weston, Bud Logan und Hal Carter.«

Jeder Zug im Gesicht des Stallmannes verriet tiefe Betroffenheit. Er blinzelte, kratzte sich am Hals, nickte und sprach: »Brad Weston, Coles Vater, bewirtschaftet etwa drei Meilen südlich der Stadt eine Farm. Cole hat den Landstrich vor langer Zeit verlassen. Ich habe niemals mehr wieder etwas von ihm gehört. Bei allen Heiligen! Getaugt hat der Bursche noch nie sehr viel. Aber dass er zum Mörder wird ...« Der Stallmann schüttelte ungläubig den Kopf. »Dabei sind seine Eltern und sein Bruder ausgesprochen anständige Leute.  Sie sind ins Territorium gekommen, um die Mörder Ihrer Angehörigen zur Rechenschaft zu ziehen, wie?«

»Ja. Ich gehe etwas essen. Kann ich mein Pferd so lange bei Ihnen unterstellen?«

»Natürlich.«

McQuade griff nach der Henrygun und zog sie aus dem Scabbard. »Versorgen Sie das Pferd gut«, murmelte er. »Es darf ihm an nichts fehlen.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mister. Darf ich Ihren Namen erfahren?«

»McQuade.«

Der erschöpfte Mann legte sich das Gewehr auf die Schulter, schwang auf den Absätzen herum und stakste davon. Leise und melodisch klirrten die Räder seiner Sporen. Der lange Staubmantel schlug beim Gehen um seine Beine.

McQuade fand den Saloon, betrat ihn und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gewehr lehnte er gegen die Tischkante. An einem anderen Tisch saßen drei ältere Männer, die ihn unverhohlen musterten. Der Keeper kam hinter dem Tresen hervor. »Was darf ich Ihnen bringen, Mister?«

»Ich habe Hunger und Durst.«

»Ich kann Ihnen ein Steak braten.«

»Hervorragend.«

»Was möchten Sie trinken?«

»Lediglich ein Glas Wasser.«

»Wie Sie meinen.« Der Keeper machte kehrt und strebte der Theke zu. Kurz darauf brachte er einen Krug voll Wasser, den er wortlos vor McQuade hinstellte, und entfernte sich wieder, um gleich darauf durch eine Tür hinter dem Tresen zu verschwinden.

McQuade trank einen Schluck. Die Männer am anderen Tisch schienen das Interesse an ihm verloren zu haben, denn sie beachteten ihn nicht mehr und sprachen gedämpft miteinander. Draußen wuchsen die Schatten schnell, krochen über die heiße Fahrbahn und stießen gegen die Fronten der Häuser auf der anderen Seite. Schnelle Schritte riefen auf dem Vorbau ein hallendes Echo wach. Dann wurden die Flügel der Pendeltür aufgestoßen und ein hochgewachsener, hagerer Mann betrat den Schankraum. Knarrend und quietschend schlugen die rot gestrichenen Pendel der Tür hinter ihm aus. Der Stern, der an seiner linken Brustseite funkelte, sprang McQuade regelrecht in die Augen.

Der Sheriff trug eine Schrotflinte am langen Arm. An seinem linken Oberschenkel hing das Holster mit dem schweren Coltrevolver. Der Gesetzeshüter bewegte sich geschmeidig, jede seiner Bewegungen mutete gleitend und katzenhaft an. McQuade war sofort klar, dass dieser Gesetzeshüter ein bemerkenswerter Mann war - ein Mann, an dem alles gefährlich und unberechenbar erschien und von dem eine starke, zwingende Strömung ausging.

Vor McQuades Tisch blieb der Sheriff stehen. Der Blick seiner blauen Augen saugte sich regelrecht am Gesicht McQuades fest. Sekundenlang schien er den Mann aus Texas einzuschätzen, sich ein Bild von ihm zu machen, dann stieß er hervor: »Bei mir war Stan Butcher vom Mietstall. Er hat mir berichtet, was Sie nach Willcox getrieben hat.«

Sekundenlang schien McQuade den Worten hinterher zu lauschen, dann nickte er und sagte: »Dem Gesetz in Arizona sind die Hände gebunden. Weston und seine Kumpane werden hier im Territorium nicht gesucht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie niederträchtige Mörder sind. Darum müssen Sie büßen. Ich will den Schuften eine blutige Rechnung präsentieren.«

»Sie sind voll Hass. Hass aber führt in die Hölle.«

McQuade verschränkte die Arme vor der Brust. »Vielleicht hasse ich die Killer. Aber das spielt keine Rolle. Sie müssen bestraft werden. In einem Fall wie meinem versagt das Gesetz. Deshalb ...«

»... wollen Sie es selbst in die Hand nehmen!«, schnitt der Sheriff McQuade schroff das Wort ab. In seinen Mundwinkeln setze sich ein harter Zug fest, seine Augen verengten sich und wurden zu schmalen Schlitzen, zwischen denen es unheilvoll glitzerte. »Sie sind weder Richter noch Henker, McQuade. Ich dulde in meinem Bezirk keine Selbstjustiz. Sollten Sie dennoch meinen, hier den wilden Mann spielen zu dürfen, werde ich Ihnen in die Suppe spucken. Nehmen Sie sich meine Worte zu Herzen. Ich trete ihnen verdammt empfindlich auf die Zehen, wenn Sie gegen meine Regeln verstoßen.«

McQuade spürte, wie in ihm der Zorn in die Höhe kroch. Sekundenlang presste er die Lippen zusammen, so dass sie nur noch eine dünne, blutleere Linie in seinem Gesicht bildeten. Dann stieg es rau aus seiner Kehle: »Soll das eine Drohung sein, Sheriff?«

»Eine Warnung, Mister. In diesem Landstrich verkörpere ich das Gesetz.« Er tippte sich mit dem Daumen seiner linken Hand gegen die Brust. »Und daran sollten Sie immer denken – egal was Sie tun.«

»Damit wären die Fronten ja geklärt«, knurrte McQuade.

»Sie sollten sich meine Warnung zu Herzen nehmen«, versetzte der Gesetzeshüter, schwang herum und verließ den Saloon. Seine Schritte verklangen.

Gedankenvoll nagte McQuade an seiner Unterlippe.

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ES WAR FINSTER. DIE Nacht war sternenklar. Der Mond hing als dünne Sichel im Südosten über den Hügeln. Das Säuseln des Windes und das Zirpen der Grillen umgaben McQuade. Er hatte das Pferd zwischen einigen Büschen angehalten. Das Tier trat unruhig auf der Stelle und schnaubte. McQuade bändigte es mit harter Hand. Vor seinem Blick lagen die flachen Gebäude der Weston-Farm. Aus einem der Fenster fiel Licht.

Über eine Viertelstunde beobachtete McQuade die Farm. Kein Mensch ließ sich sehen. Schließlich trieb der Texaner sein Pferd an und ritt auf die Gebäude zu. Als er bis auf fünfzig Yard heran war, begann ein Hund zu bellen. Eine Kette rasselte. Die Tür des Farmhauses ging auf, Lichtschein flutete ins Freie, dann zeigte sich die Kontur eines Mannes, die scharf vom Licht umrissen wurde, und eine grollende Stimme erklang: »Ruhig, Silver!«

Augenblicklich hörte der Hund auf zu bellen. Die Stimme des Mannes erklang erneut: »Wer ist da?«

»Einer, der müde ist und Hunger hat«, rief McQuade, ohne sein Pferd anzuhalten. »Ich habe das Licht gesehen und mir gedacht, dass ...«

»Meine Jungs stehen mit geladenen Gewehren an den Fenstern«, warnte der Farmer. »Wenn Sie also irgendwelche schlechten Absichten haben ...«

»Keine Sorge. Ich bin ein harmloser Pilger.«

McQuade ritt in den Farmhof. Für den Farmer war er nur schemenhaft auszumachen. Aber mit jedem Schritt des Pferdes, den McQuade näher kam, nahm der Schemen Formen an. Und dann parierte der Texaner das Tier, hob das rechte Bein über das Sattelhorn und ließ sich zu Boden gleiten. »Wo bin ich hier gelandet?«

»Mein Name ist Brad Weston. Das ist die Weston-Farm.«

Deutlich spürte McQuade den Strom des tief sitzenden Misstrauens, der ihm entgegenschlug.

Der Hund knurrte leise und gefährlich.

Eine andere Stimme erklang: »Ich beobachte dich über Kimme und Korn meines Gewehres, Stranger. Ein kleiner Fingerdruck genügt.«

McQuade hob die Hände in Schulterhöhe. »Ich bitte lediglich um etwas Gastfreundschaft.«

»Und die wollen wir Ihnen nicht verweigern«, murmelte Brad Weston. »Also binden Sie Ihr Pferd an und kommen Sie ins Haus, Fremder. Nennen Sie mir Ihren Namen?«

»James O'Connor.«

»Okay, O'Connor, folgen Sie mir ins Haus. Einer meiner Söhne wird sich um Ihren Gaul kümmern.«

McQuade zog die Henrygun aus dem Scabbard.

»Das Gewehr brauchen Sie nicht, O'Connor!«, stieß der Farmer hervor.

»Ich lasse es nicht gerne unbeaufsichtigt«, versetzte McQuade.

»Es gibt hier draußen niemand, der es Ihnen stiehlt.«

»Na schön.« McQuade versenkte die Waffe wieder im Sattelschuh, führte das Pferd zum Holm – einer verkrümmten Stange, die auf zwei Pfosten genagelt war -, und band es fest.

Brad Weston ging vor ihm ins Haus. In der Küche trafen sie auf die beiden Farmersöhne und die Gattin des Farmers. Es war eine Frau um die fünfzig mit grauen Haaren und verhärmtem Gesicht, von dem man ablesen konnte, dass ihr das Leben noch nichts geschenkt hatte. Über dem Tisch hing eine Petroleumlampe von der Decke. Ihr Licht reichte nicht aus, um den Raum bis in die Ecken auszuleuchten. Groß und verzerrt wurden die Schatten der Menschen gegen die Wände geworfen. Es roch nach Bohnerwachs.

»Setzen Sie sich, O'Connor«, lud der Farmer McQuade ein, Platz zu nehmen.

Sie ließen sich nieder. Die beiden Söhne des Farmers schoben sich heran und blieben beim Tisch stehen. Beide hielten Gewehre in den Händen. Der lauernde Ausdruck in ihren Augen, die im düsteren Licht wie poliertes Glas glitzerten, blieb McQuade nicht verborgen.

»Das sind meine Söhne Cole und Lester«, gab der Farmer zu verstehen. »Cole war lange weg. Aber Sue und ich haben die Hoffnung niemals aufgegeben, dass er eines Tages wieder nach Hause zurückkehrt. Und vor etwa anderthalb Monaten erfüllte sich unsere Hoffnung.«

McQuade richtete seinen Blick auf den Burschen, der einer der Mörder seiner Angehörigen war. Und der Hass kam bei ihm kalt und stürmisch wie ein Blizzard ...

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MCQUADE HATTE DIE NACHT im Heuschober verbracht. Als der Morgen graute, saß er im Sattel. In dem Moment, als er sein Pferd antrieb, verließ Cole Weston das Farmhaus. Der Bursche war siebenundzwanzig Jahre alt, hatte dunkle Haare, maß etwas über sechs Fuß und war ziemlich hager. Sein Gesicht wies die Spuren eines lasterhaften Lebens auf. Der brutale Zug, der um seinen Mund lag, war nicht zu übersehen. Er gehörte zu der Sorte, die aus Niedertracht, Skrupellosigkeit und brutaler Härte zusammengesetzt war, aus allem, was unmenschlich und grausam macht.

»Willst du dich nicht verabschieden, O'Connor?« Cole Weston hatte angehalten und die Daumen hinter den Revolvergürtel gehakt, der um seine Hüften lag. Im Holster steckte ein langläufiger Sechsschüsser. Sein kühler Blick hing an McQuades Gesicht.

»Ich wollte euch nicht wecken«, antwortete der Texaner und spürte, wie sich der Hass auf den Anderen in ihm staute. Es kostete ihn Anstrengung und erforderte all seinen Willen, ruhig zu bleiben und seinen Gefühlen nicht freien Lauf zu lassen. »Bei deinen Eltern habe ich mich noch am Abend für ihre Gastfreundschaft bedankt.«

»Was hat dich eigentlich bewogen, Texas zu verlassen, O'Connor?«

»Es geht dort drunter und drüber, nachdem der Süden den Krieg verloren hat«, erklärte McQuade und legte beide Hände übereinander auf den Sattelknauf. »Die Yanks haben das Sagen. Außerdem gab es in Texas nichts, was mich hielt.«

»Na denn – so long, O'Connor.«

McQuade hob die linke Hand zum Gruß, dann zerrte er das Pferd herum und trieb es an. Im Trab verließ er die Farm. Bald markierte nur noch der aufgewirbelte Staub seinen Weg. Nach etwa anderthalb Meilen lenkte McQuade das Tier zwischen hohe Büsche, stieg ab und band das Pferd an einen armdicken Ast. Bienen summten, Vögel zwitscherten. McQuade angelte sich die Henrygun aus dem Scabbard, repetierte und postierte sich so, dass er den Weg zur Farm im Auge hatte.

Brad Weston hatte am Abend zuvor seinem Sohn Cole aufgetragen, am Morgen nach Willcox zu fahren, um Vorräte einzukaufen.

Die Würfel des Schicksals rollten...

Nach einer Stunde etwa – die Sonne war längst aufgegangen und begann, das Land in eine Gluthölle zu verwandeln -, vernahm McQuade fernes Rumoren. Langsam wurden die Geräusche deutlicher, und dann kam das Gespann über die Bodenwelle, an deren Fuß McQuade wartete. Es war ein leichter Schlutterwagen, vor den ein schwerer Kaltblüter gespannt war. Auf dem Wagenbock saß Cole Weston. Das Fuhrwerk polterte und rumpelte, das Pferd ging mit hängendem Kopf, manchmal klirrte es, wenn ein Huf gegen einen Stein stieß.

Als das Fuhrwerk auf zehn Yard heran war, verließ McQuade den Schutz der Büsche. Das Gewehr hielt er auf Cole Weston gerichtet, den Kolben hatte er sich unter die Achsel geklemmt, sein Zeigefinger lag um den Abzug.

Weston stemmte sich gegen die Zügel, das Gespann kam zum Stehen. Der Mörder schluckte würgend, dann blaffte er: »Bist du unter die Wegelagerer gegangen, O'Connor?«

»Mein Name ist McQuade«, erklärte der Texaner grollend. »Als ich vor einigen Wochen nach Southton in der Nähe von San Antonio heimkehrte, fand ich dort nur noch drei Gräber vor – Gräber, in denen meine Eltern und meine Schwester ihre letzte Ruhe gefunden haben, nachdem sie von einer Bande skrupelloser Banditen ermordet worden waren.«

McQuades Stimme klang brechend, sie erinnerte an zersplitternden Stahl. Seine Augen blickten hart wie Bachkiesel.

Cole Weston duckte sich. Unruhe prägte jeden Zug seines Gesichtes. Sein Blick war unstet geworden. Seine rechte Hand löste sich von den Zügeln, Weston legte sie auf seinen Oberschenkel und zog sie langsam zurück in Richtung des Holsters, aus dem der Griff des Revolvers ragte. »Warum erzählst du mir das?«, knirschte er.

»Halt die Hand ruhig, Weston!«, mahnte McQuade. »Ich werde dich jetzt für den Mord an meiner Familie zur Rechenschaft ziehen. Vorher aber habe ich noch eine Frage an dich.«

Cole Weston atmete schwer. Ein heimtückisches Glitzern war in seine Augen getreten. »Was für eine Frage?«

»Wo finde ich deine Kumpane Bud Logan und Hal Carter?«

»Such sie in der Hölle, McQuade!«, brach es aus Weston heraus und seine Rechte fuhr zum Revolver.

McQuade zog durch. Der peitschende Knall des Schusses wurde über Cole Weston hinweggeschleudert, der sengende Hauch der Kugel streifte seine Wange. Seine Hand, die schon den Griff des Revolvers umspannt hatte, zuckte zurück, als hätte er sie sich an glühendem Eisen verbrannt.

Die Detonation war noch nicht verrollt, als McQuade schon wieder durchgeladen hatte. »Heb die Hände und steig ab, Weston!«, befahl McQuade. »Und lass dich zu nichts mehr hinreißen. Eine zweite Kugel werde ich nicht vergeuden.«

»Verdammt, was willst du von mir? Ich war nicht in Texas, und ich kenne weder einen Mann namens Logan noch einen namens Carter.«

»Steig ab!«

Cole Weston erkannte, dass McQuade keine Kompromisse eingehen würde. Sein Herz schlug einen hämmernden Rhythmus, er zermarterte sich das Hirn nach einem Ausweg. »Was hast du vor?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Ich werde das Versteck deiner Kumpane aus dir herausprügeln, Weston. »Und dann ...«

Ein Schuss peitschte. McQuades Kopf zuckte herum. Cole Weston ergriff die Gelegenheit beim Schopf. Seine Gestalt wuchs in die Höhe, dabei riss er den Colt aus dem Futteral und schoss auf McQuade, dann sprang er vom Wagenbock aus zwischen die Büsche.

Die Kugel streifte McQuade am Oberarm und verursachte ein heftiges Brennen. Der Texaner jagte einen Schuss in das Zweiggespinst, dann ließ er sich seitlich vom Pferd kippen. Ein Geschoss pfiff über den leeren Sattel hinweg. Die Detonationen verschmolzen ineinander und wurden von den Echos vervielfältigt. Zweige peitschten, dürre Äste, die am Boden lagen, zerbrachen mit trockenem Knacken. McQuades Pferd wieherte trompetend und stieg auf die Hinterhand. Schließlich verhallte der Schussdonner mit geisterhaftem Geraune.

McQuade kroch schnell in den Schutz der Büsche. Von Cole Weston war nichts mehr zu sehen oder zu hören. Stille war eingetreten, die nach kurzer Zeit von hämmerndem Hufgetrappel gesprengt wurde. Ein Reiter jagte den Abhang herunter, über den der Weg in die Stadt führte.

Es war der Sheriff von Willcox.

Bei dem Gespann angekommen riss er sein Pferd zurück. Das Tier kam zum Stehen. Die Stimme des Gesetzeshüters peitschte: »Zeigen Sie sich, McQuade!«

Der Texaner trat vor die Büsche. Er hielt mit beiden Händen das Gewehr schräg vor der Brust. »Welcher Teufel hat Sie geritten, Sheriff, als ...«

»Habe ich Sie nicht gewarnt, McQuade!«, polterte der Sheriff los und unterbrach McQuade. »Sie haben sich meiner Anordnung widersetzt. Dafür werde ich Sie einsperren. Lassen Sie das Gewehr fallen und nehmen Sie die Hände in die Höhe.«

»Sie haben einem Mörder zur Flucht verholfen, Sheriff«, stieß McQuade grimmig hervor.

»In Arizona hat Weston keinen Mord begangen!«, konterte der Gesetzeshüter. »Und wenn Sie ihn erschießen, kann Sie das an den Galgen bringen.«

»Gehen Sie zur Hölle, Sheriff.« Mit dem letzten Wort machte McQuade kehrt, bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp und erreichte sein Pferd. Er löste den Zügel vom Ast, mit einem Satz kam er in den Sattel, mit einem Schenkeldruck trieb er das Tier an. Nachdem er die Büsche verlassen hatte, gab er den Kopf des Pferdes frei und ließ es laufen. Trommelnder Hufschlag erhob sich.

*

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MCQUADE HATTE SICH nicht getäuscht. Cole Westons Ziel nach seiner Flucht war die Farm seines Vaters. Er hatte die anderthalb Meilen in etwa zwanzig Minuten zurückgelegt. McQuade, der sich - geschützt vor Blicken von der Farm -, bei einem Busch positioniert hatte, entging nicht, dass der Bandit leicht hinkte. Wahrscheinlich hatte er sich beim Sprung vom Fuhrwerk den Fuß verstaucht.

McQuade zeigte sich nicht. Cole Weston sollte ihn zu seinen Kumpanen führen.

Der Bandit verschwand im Stall. Aus dem Haus trat die Farmersfrau, überquerte den Hof und ging ebenfalls in den Stall. McQuade vermutete, dass sich Brad Weston und sein Sohn Lester nicht auf der Farm befanden. Wahrscheinlich arbeiteten sie auf irgendeinem Feld.

Nach kurzer Zeit zerrte Cole Weston ein gesatteltes Pferd hinter sich her ins Freie. Seine Mutter folgte ihm. Sie gestikulierte mit den Händen. Cole Weston winkte ab und schwang sich auf das Tier, ruckte im Sattel und der Vierbeiner setzte sich in Bewegung. In dem Moment tauchte nördlich der Farm ein Reiter auf. Er kam schnell näher.

Es war der Sheriff. Wahrscheinlich hatte er in der Wildnis nach Cole Weston gesucht, ehe er sich entschloss, zur Farm zu reiten.

Der Bandit ritt dem Gesetzeshüter entgegen. Sie trafen aufeinander und zerrten die Pferde in den Stand. Eine hitzige Debatte entstand. Plötzlich zog der Sheriff den Revolver und richtete ihn auf Cole Weston. Dieser drosch seinem Pferd die Sporen in die Seiten. Aus dem Stand vollführte das Tier einen Satz nach vorn und rammte den Vierbeiner, auf dem der Sheriff saß. Das Tier brach hinten ein, der Gesetzeshüter wurde aus dem Sattel katapultiert. In dem Moment, als er sich hoch kämpfte, feuerte Cole Weston mit dem Colt auf ihn. Die schwere 45er Kugel fegte den Gesetzeshüter von den Beinen. Cole Weston spornte sein Pferd an.

McQuade hatte tatenlos zusehen müssen. Jetzt warf er sich in den Sattel. »Lauf!« Sein Pferd streckte sich. Im stiebenden Galopp jagte er auf die Farm zu. Bei dem Sheriff war Sue Weston abgekniet. McQuade riss an den Zügeln, sein Pferd brach hinten ein, die bremsenden Hufe zogen eine tiefe Spur in den Staub. »Ist er tot?«

Die Frau schüttelte den Kopf. Mit gequältem Blick schaute sie zu McQuade in die Höhe. Ihre Stimme klang belegt, als sie rief: »Er hat die Kugel in die rechte Brustseite bekommen. Mein Gott, warum hat Cole auf ihn geschossen.«

»Schaffen Sie ihn in die Stadt!«, gebot McQuade, dann setzte er das Pferd unter sich in Bewegung. Cole Weston verschwand gerade über eine Bodenerhebung. Er hatte den Weg verlassen. Die Spur, die sein Pferd hinterlassen hatte, zeichnete sich deutlich im staubigen Gras ab.

McQuade folgte ihr. Die Fährte führte nach Westen. Nach etwa drei Meilen bog sie nach Norden ab und endete schließlich an der breiten, staubigen Überlandstraße, die sich wie der riesige Leib einer Schlange nach Westen schlängelte und in Yuma endete.

McQuade schwenkte den Blick nach Osten, dann nach Westen. Die Straße bohrte sich zwischen die Hügel der Little Dragon Mountains.

McQuade musste sich entscheiden.

Nach kurzer Überlegung entschloss er sich, der Straße nach Westen zu folgen.

Die Sonne stieg höher und höher. Die Hitze füllte beim Atmen die Lungen wie mit Feuer. Die Konturen der Hügel und Felsen schienen in der flirrenden Luft zu zerfließen. Feiner Staub hatte McQuades Augen gerötet. Unbeirrbar ritt er. Wenn sich ihm die Möglichkeit bot, tränkte er sein Pferd. Meile um Meile legte er zurück. Um die Mitte des Nachmittags schälten sich aus dem Sonnenglast die Gebäude einer Pferdewechselstation von Wells & Fargo.

Vor dem Stationsgebäude stieg McQuade vom Pferd. Alles wirkte grau in grau. In einem großen Corral standen über ein Dutzend Pferde. Das Stalltor stand offen. Ein bärtiger Mann kam ins Freie.

McQuade führte sein Pferd zum Tränketrog, überließ das Tier sich selbst, wandte sich dem Stationer zu und schob sich den Hut aus der Stirn. »Ich verfolge einen Mann. Er ist Mitte zwanzig und dunkelhaarig.«

»Hat er etwa Ihre Größe und ist er hager wie ein Wüstenwolf?«

»Ja. Ist er hier vorbeigekommen?«

Der Stationer nickte. »Er schien es höllisch eilig zu haben, der Hombre hat nicht mal angehalten. Was hat er denn ausgefressen? Weshalb verfolgen Sie ihn? Ich sehe keinen Stern an Ihrer Brust.«

»Es bedarf nicht unbedingt eines Sterns, um für Gerechtigkeit zu sorgen«, murmelte McQuade. »Wie groß ist sein Vorsprung?«

Der Stationer wiegte den Kopf, dann antwortete er: »Eine Viertelstunde etwa. Wenn er den Gaul weiterhin so jagt, wird er ihn zuschanden reiten. Ist auf den Burschen eine Prämie ausgesetzt? Sind Sie Kopfgeldjäger?«

»Er ist ein Mörder«, knurrte McQuade. »Aber ich jage ihn nicht wegen des Geldes.«

McQuade wandte sich seinem Pferd zu, hakte die Wasserflasche vom Sattel, füllte sie mit frischem Wasser, wusch sich das Gesicht und setzte seinen Weg fort. Tief in seinem Innersten meldete sich eine Stimme, die ihm sagte, dass seine Rechnung möglicherweise aufging.

Die Entschlossenheit, die ihn erfüllte, grenzte an Besessenheit. Am Ende seines Weges sollten drei Särge stehen ...

*

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DREI TAGE SPÄTER KAM McQuade nach Tucson. Es handelte sich um eine verhältnismäßig große Stadt. MCQuade erregte kein Aufsehen. Tagtäglich kamen Menschen nach Tucson. Die meisten verschwanden wieder. Nur wenige blieben.

McQuade betrat die Stadt und nahm ihren höllischen Atem wahr. Bösartiger Lärm zog durch den Ort. In Städten wie diesen war die Sünde zu Hause. In den Nächten erwachten sie zur Lasterhaftigkeit, sie zogen Abenteurer, Geschäftemacher, Gestrauchelte und eine Menge lichtscheuen Gesindels an. Sie waren auf der Jagd nach dem schnell verdienten Dollar und der Revolver saß oftmals verdammt locker.

Auf der breiten Hauptstraße und den Gehsteigen herrschte reges Treiben. McQuade fand einen Mietstall, gab sein Pferd dort ab, nahm sein Gewehr, hängte sich die Satteltaschen über die Schulter und begab sich zum Hotel, um sich ein Zimmer zu mieten. Es war Mittagszeit. Der Texaner verspürte nagenden Hunger. Ehe er das Zimmer verließ, um ein Restaurant aufzusuchen, holte er aus der Satteltasche den Steckbrief, der in Texas ausgestellt worden war und mit dem die Mörder seiner Angehörigen gesucht wurden. Er faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Innentasche seines Staubmantels.

Nachdem McQuade gegessen hatte, erkundigte er sich beim Keeper nach dem Marshal's Office, bezahlte und machte sich auf den Weg. Er fand das Büro des Town Marshals, klopfte gegen die Tür und betrat es. Hinter dem Schreibtisch saß ein grauhaariger Mann mit eingefallenem Gesicht. Ein dicker Schnurrbart verdeckte seine Oberlippe. Vor ihm auf dem Schreibtisch war eine vergilbte Zeitung ausgebreitet, auf der die Teile eines Revolvers lagen. Der Marshal war gerade dabei, den Lauf der Waffe zu reinigen.

»Guten Tag«, grüßte McQuade und drückte die Tür hinter sich ins Schloss.

Der Marshal erwiderte den Gruß und fragte dann: »Was führt Sie zu mir?« Er legte den Lappen weg, mit dem er die Teile der Waffe gereinigt hatte und begann, den Revolver zusammenzusetzen. Leise und monoton tickte der Regulator, der an der Wand hing. Es roch nach Pfeifentabak.

»Ich suche drei Männer, Marshal«, erklärte McQuade, griff in die Tasche und holte den Steckbrief hervor, faltete ihn auseinander und reichte ihn dem Marshal. Dieser nahm ihn und heftete seinen Blick darauf, dann knurrte er: »Der ist in Texas ausgestellt und gilt im Arizona-Territorium nicht.«

McQuade nahm den Steckbrief wieder und steckte ihn ein. »Ich weiß. Es handelt sich bei den drei Kerlen um die Mörder meiner Familie. Cole Weston habe ich in Willcox aufgestöbert. Er ist mir entkommen und nach Westen geflohen. Ich denke, er befindet sich in Tucson.«

»In Tucson wimmelt es von Fremden. Ich kümmere mich schon lange nicht mehr um die Leute, die sich in der Stadt ein Stelldichein geben. Doch trete ich sehr schnell auf den Plan, wenn einer Ärger macht.«

»Ich verstehe«, murmelte McQuade. »Nun, ich wollte keine Möglichkeit außer Acht lassen. Vielleicht ...«

»Tut mir leid, Junge. Ich kann Ihnen wirklich nicht helfen. Aber ich werde die Augen offen halten. Wo finde ich Sie gegebenenfalls?«

»Ich wohne im Hotel beim Mietstall. Sollte ich es verlassen, sage ich dem Mann an der Rezeption Bescheid.«

»Fragen Sie Maria«, gab der Marshal zu verstehen. »Sie führt am westlichen Stadtrand so etwas wie ein Boardinghouse. Bei ihr steigen viele Durchreisende ab, weil ihre Preise günstig sind.«

»Maria?«

»Maria Alvarez, eine Mexikanerin.«

»Ich werde sie fragen«, erklärte McQuade und machte kehrt, um das Office zu verlassen. Bei der Tür holte ihn die Stimme des Marshals ein: »Nennen Sie mir Ihren Namen.«

»McQuade«, sagte der Texaner über die Schulter.

»Ich bin Marshal Wes Rafferty. Sagen Sie Maria, dass ich Sie geschickt habe.«

McQuade trat ins Freie. Auf der Straße, zwischen den Häusern, ballte sich die Hitze. Im Schatten der Vorbaudächer begab sich McQuade zum westlichen Stadtrand. Er fand die Pension und betrat sie. Hinter der Rezeption saß eine Frau, deren lange, schwarze Haare bereits von grauen Fäden durchzogen waren. McQuade konnte nur ihr Gesicht sehen, das aber ließ den Schluss zu, dass die Frau ziemlich dick war.

»Buenos Dias«, begrüßte die Mexikanerin den Ankömmling. »Möchten Sie sich bei mir einquartieren?«

»Mich schickt Marshal Rafferty«, versetzte McQuade und legte beide Hände auf die Rezeption. »Ich bin auf der Suche nach drei Männern. Ihre Namen sind Cole Weston, Bud Logan und Hal Carter. Weston dürfte erst vor wenigen Stunden in Tucson angekommen sein.«

Die Frau dachte kurz nach. »Die Namen sagen mir nichts, Señor«, murmelte sie dann. »Können Sie mir die Burschen beschreiben?«

McQuade gab ihr den Steckbrief. Maria Alvarez las ihn aufmerksam, dann nickte sie. »Sie haben falsche Namen angegeben, als sie bei mir Zimmer mieteten. Ja, Logan und Carter wohnen bei mir. Si, si, vor einigen Stunden kam Weston an. Wenig später haben die drei die Pension verlassen.«

»Sie sind doch nicht etwa weitergeritten!«, entfuhr es McQuade regelrecht entsetzt.

»Nein. Sie hatten lediglich ihre Gewehre bei sich.«

Auf der Treppe ins Obergeschoss erklangen Schritte. McQuade drehte ein wenig den Kopf. Sein Blick erfasste eine junge Frau, die ihm fast den Atem nahm, so sehr faszinierte sie ihn. Sekundenlang vergaß er alles um sich herum. Und er zuckte zusammen, als Maria Alvarez' Stimme erklang: »Das ist meine Tochter Juanita. Sie hilft mir in der Pension.«

Jetzt erwachte McQuade aus seiner Erstarrung, er griff nach dem Hut und lüftete ihn. »Sehr erfreut, Ma'am.«

Juanita lächelte. Ihre Zähne waren makellos.

»Für die Kerle, die bei mir absteigen, ist sie tabu!«, stieß Maria Alvarez mit harter Stimme hervor.

Juanitas Lächeln zerrann.

»Ich... Ich ...«, stammelte McQuade.

»Juanitas Anblick hat Sie ziemlich aus der Fassung gebracht, Señor. Nun, ich kenne das. Meine Tochter ist nicht für Ihre Sorte geschaffen.  Geh in die Küche, Juanita. Presto, presto!« Zuletzt hatte ihre Stimme ausgesprochen energisch geklungen.

Die junge Frau, die den Texaner so sehr in ihren Bann zog, entfernte sich schnell.

McQuade fand seine Sprache wieder. »Keine Sorge, Señora. Wenn ich in Tucson meinen Job erledigt habe, verlasse ich die Stadt wieder. Ich will nichts von Ihrer Tochter.«

*

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ALS MCQUADE AUF DEN Vorbau trat, wurde er angerufen: »Da bist du ja, McQuade! Wir haben dich erwartet!«

Etwas in dem Texaner versteifte. Jähe Anspannung befiel ihn. Unwillkürlich legte sich seine Hand auf den Griff des Revolvers. Er blickte in die Richtung, aus der die brechende Stimme gekommen war. Die Atmosphäre war plötzlich angespannt und gefährlich. Der Tod schien die Knochenfaust auszustrecken.

McQuade konnte den Mann, der gerufen hatte, nicht ausmachen. Seine Stimme klirrte: »Bist du es, Weston?«

»Sicher. Und ich habe zwei Freunde bei mir. Weißt du eigentlich, dass wir eine Menge Spaß hatten mit deiner Schwester?«

Menschen blieben stehen. Etwas Beklemmendes lag plötzlich in der Luft; Unheil braute sich über der Straße zusammen wie eine Gewitterwolke. Die Luft schien mit Elektrizität aufgeladen zu sein.

Kälte überfiel MCquade. Aber es lag etwas darunter - eine schwelende Glut aus Hass und Leidenschaft, vielleicht sogar Begierde.

Die drohende Gefahr verlangte einen raschen Entschluss.

McQuade stieß sich ab und spurtete los. Dabei riss er den Revolver aus dem Holster. Er schalt sich einen Narren, weil er das Gewehr im Hotel gelassen hatte.

Ein Schuss dröhnte. Der donnernde Knall stieß durch die Stadt, aufbrüllend antworteten die Echos. Auf der Straße entstand Hektik. Die Passanten flohen wie von Furien gehetzt in Deckung. Erregtes Geschrei vermischte sich mit der verhallenden Detonation.

McQuade bog in eine Gasse ein. Sein Atem ging etwas schneller. Wie hineingeschmiedet lag der Colt in seiner Faust. Der Daumen lag quer über der Hammerplatte. Der Texaner ging an der Ecke in Deckung und presste seinen Körper hart an die Wand des Gebäudes, das ihm Schutz bot. Den Revolver hielt er in Gesichtshöhe. Die Mündung wies zum Himmel.

McQuade lugte um die Ecke. Die Straße war jetzt wie leergefegt. Stille hatte sich wie ein Leichentuch in die Stadt gesenkt. Der Tod schlich auf leisen Sohlen durch Tucson.

Als es knallte, zog McQuade den Kopf zurück. Die Kugel meißelte den Putz von der Wand und jaulte als Querschläger davon. Das grässliche Heulen schmerzte geradezu in den Ohren. In den zerflatternden Schussdonner hinein schrie Cole Weston: »Du bist so gut wie tot, McQuade. Wenn du mit der Nase im Dreck liegst, werde ich auf deinen Kadaver spucken.«

Der Texaner gab keine Antwort. Das Verhältnis stand drei zu eins. Seine Gegner kannten keine Skrupel, und sie waren tödlicher als die Pest im Mittelalter. Einen Fehler konnte er sich nicht erlauben. Er wäre tödlich gewesen.

McQuade sicherte in die Gasse hinein, dann zog er sich zurück. Als eine andere Gasse kreuzte, wandte er sich nach rechts. Geduckt schlich er an einem Gartenzaun entlang, dann deckte ihn ein windschiefer Schuppen, und an diesen schloss sich wieder ein hüfthoher Bretterzaun an. Kurz entschlossen flankte McQuade darüber hinweg, landete in einem Garten und durchquerte ihn, erreichte ein Haus und schob sich an dessen Längsseite entlang, bis wieder die Straße vor seinem Blick lag.

Die Stille war lastend und zerrte an den Nerven. Zwischen den Häusern lauerte die Gefahr, der Tod war allgegenwärtig. McQuade wappnete sich mit kalter Ruhe. Und plötzlich sah er auf der anderen Seite der Fahrbahn in einer düsteren, engen Nische zwischen zwei Häusern eine huschende Bewegung. Da glühte es auch schon auf und der Schussdonner wurde über die Straße geschleudert. McQuade ließ sich auf die Knie niederfallen und feuerte. Trampelnde Schritte erklangen. Der Texaner jagte eine zweite Kugel in den schmalen Durchlass, dann kam er mit einem Ruck hoch und rannte über die Straße.

Rechterhand begann es zu krachen. McQuade wirbelte halb herum, sein Blick erfasste einen Mann, der neben einem Vorbau kniete und mit dem Gewehr aus der Hüfte feuerte. Er schoss in rasender Folge, die Projektile pfiffen wie giftige Hornissen heran, aber der Bandit feuerte viel zu hastig und ohne richtig zu zielen.

McQuade hechtete nach vorn, rollte sich über die linke Schulter ab, lag lang im Staub und wälzte halb herum, die Mündung seines Revolvers stach ins Ziel und dann bäumte sich die Waffe auf in seiner Faust.

Der Bursche mit dem Gewehr kippte zur Seite. Seine Waffe verstummte.

McQuade kam hoch und rannte los. Es begann ohrenbetäubend zu krachen. Er wurde jetzt von zwei Seiten unter Feuer genommen. Haken schlagend wie ein Hase erreichte er den Banditen, den er niedergeschossen hatte, bückte sich und raffte dessen Gewehr an sich. Dann verschwand er um ein Haus. Noch zweimal krachte es, dann stellten die Banditen das Feuer ein.

»Der elende Hurensohn hat Hal erwischt!«, erklang es rau.

»Dafür schießen wir ihn in Stücke!«, antwortete eine andere Stimme.

»Yeah. Wir schicken das verdammte Stinktier in die Hölle.«

*

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MCQUADE WAR AUF DAS Dach eines Gebäudes geklettert und äugte über die Fassade aus Bohlen hinweg hinunter auf die Straße. Sein Colt steckte jetzt im Holster. Das Gewehr, das er erbeutet hatte, war schussbereit. Jeder seiner Sinne war aktiviert, seine Augen waren in ständiger Bewegung, sein Mund war eine harte, entschlossene Linie. Und er war kalt wie ein Eisblock.

Keiner der beiden Banditen, die Jagd auf ihn machten, ließ sich blicken. Wahrscheinlich hatten sie erkannt, dass er ihnen ebenbürtig war und dass sie ihn auf keinen Fall unterschätzen durften. Diese Sorte trug ihre Haut nicht unnötig zu Markte.

Sie Zeit schien stillzustehen. Irgendwo in der Stadt begann ein Hund zu bellen. Einige Artgenossen stimmten ein. Heiß brannte die Sonne auf McQuades Rücken. Mücken, vom Schweißgeruch angelockt, schwirrten um seinen Kopf.

McQuade hüllte sich in Geduld. Die Sekunden reihten sich aneinander, wurden zu Minuten und zu einer Viertelstunde. Und plötzlich sah er einen der Kerle. Es war nicht Cole Weston, es konnte sich nur um Bud Logan handeln. Lange, blonde Haare quollen unter seinem braunen Hut hervor. Der Bandit war hinter einem Gebäude hervorgetreten. Das Gewehr hielt er an der Seite im Anschlag. Der Lauf reflektierte das Sonnenlicht. Nach wie vor trieb das Bellen der Hunde durch Tucson.

Logan blieb im Schatten des Hauses stehen und drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links, dann rief er heiser: »Die Kanaille scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Es hat sicherlich keinen Sinn, nach ihm zu suchen. Gleich werden einige Deputys aufkreuzen. Verschwinden wir. McQuade entgeht uns nicht.«

In der Gassenmündung auf der anderen Straßenseite erschien Cole Weston. Er hielt das Gewehr mit beiden Händen schräg vor seiner Brust. »Wir haben erst dann Ruhe vor dem Bastard, wenn er in der Hölle ist.«

»Es ist nur eine Frage der Zeit«, knurrte Logan und setzte sich in Bewegung.

»Ich bin hier!«, brüllte McQuade und richtete sich auf. Sein Oberkörper wuchs über die falsche Fassade des Gebäudes hinaus. Ein mitleidloser Zug hatte sich Bahn in sein Gesicht gebrochen.

Auf der Straße warfen sich die beiden Banditen herum. Den Sekundenbruchteil, der zwischen Erkennen und Reagieren liegt, benötigten sie scheinbar nicht. Durch die Gefahr, die von McQuade ausging, waren sie auf blitzartige Reaktion eingestellt. Und sie reagierten wie Klapperschlangen.

Die Waffen brüllten auf. Heißes Blei pfiff durch die Luft. Der Lärm steigerte sich und mutete an wie ein höllischer Choral. Auf der Straße brach Bud Logan zusammen. Cole Weston zog sich rückwärts gehend und wie rasend feuernd in die Gasse zurück, aus der er vor etwa einer Minute gekommen war. Schließlich schleuderte er sich herum und floh. Mit dem nächsten Herzschlag war er aus McQuades Blickfeld verschwunden.

»Nummer zwei!«, knirschte McQuade und verspürte nicht die geringste Gemütsregung. Diese Kerle hatten den Tod verdient. Das Gesetz hatte versagt. Und er – McQuade -, hatte einen Schwur zu erfüllen. Die Verbrechen, die diese Banditen begangen hatten, legitimierten ihn. Er redete mit ihnen in ihrer Sprache – der Sprache der Gewalt. Die einzige Sprache, die diese Halunken verstanden. Sein Gesetzbuch war der Colt.

McQuade rannte über das Dach, sprang hinunter auf den niedrigen Schuppen, der ihm auch dienlich war, als er auf das Dach stieg, und landete nach einem weiteren Sprung im Hof. Er rannte auf die Straße, bewegte sich am Fahrbahnrand bis zu der Gasse, in der Cole Weston verschwunden war, und sah aus den Augenwinkeln, wie sich Bud Logan, der seitlich im Staub gelegen hatte, herumwälzte und hochdrückte. McQuade hielt an. Logan kam auf die Knie, er zog den Colt und schlug ihn auf den Texaner an. In seinen Augen glitzerte die Mordlust. 

McQuade schoss aus der Hüfte und repetierte sofort. Die Hülse wurde ausgeworfen und landete im Straßenstaub. Logans Faust mit dem Colt sank nach unten. Sein Oberkörper pendelte vor und zurück, sein Kinn sank auf die Brust. Schließlich fiel Logan auf das Gesicht, seine Beine zuckten unkontrolliert, dann lag er still.

Vor McQuades Gesicht zerflatterte Pulverdampf. Sein Kopf zuckte herum, sein Blick bohrte sich in die Gasse. Cole Weston blieb verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. McQuade rannte los.

Er erinnerte sich daran, dass er auf dem Weg zu Maria Alvarez' Boardinghouse ganz in der Nähe der Pension einen Mietstall gesehen hatte und vermutete, dass die Banditen dort ihre Pferde untergestellt hatten. Dieser Mietstall war sein Ziel. Er beeilte sich. Als er noch zwanzig Schritte vom Hoftor entfernt war, kam trommelnder Hufschlag auf, und dann jagte Cole Weston auf einem Pferd durch das Tor. Er sah McQuade und feuerte mit dem Revolver auf ihn, riss das Pferd nach links und hämmerte dem Tier rücksichtslos die scharfen Radsporen in die Flanken.

McQuade riss das Gewehr an die Schulter. Über die Zieleinrichtung der Henrygun hinweg verkrallte sich sein Blick am Rücken des Banditen. Aber er drückte nicht ab. Es war nicht seine Art, einen Mann in den Rücken zu schießen. Er ließ das Gewehr sinken. Seine Kiefern mahlten. Das Lodern in seinen Augen legte sich nur nach und nach. Er wandte sich um und ging zu der Stelle, an der er Bud Logan niedergeschossen hatte. McQuade hatte einen blutigen Schlussstrich unter das Dasein des Banditen gezogen.

Zwei Männer hetzten näher. Einer von ihnen war Town Marshal Wes Rafferty, der andere trug ebenfalls einen Stern an der Brust. Sie waren mit Gewehren bewaffnet. Atemlos hielten sie bei McQuade und dem toten Banditen an. Rafferty keuchte: »Man hat es mir schon erzählt, was sich zugetragen hat, McQuade. Die drei Schufte haben Ihnen den Kampf aufgezwungen. Ein Stück weiter die Straße hinauf liegt ein weiterer Toter. Was ist mit dem dritten Mann?«

»Weston hat sich abgesetzt. Aber ich werde ihm auf den Fersen bleiben. Und irgendwann hole ich mir den Mörder vor die Mündung.«

»Vor zwanzig Minuten ist die Stagecoach nach Tucson gekommen«, sagte Rafferty. »Der Kutscher hat die Nachricht in die Stadt gebracht, dass Weston den Sheriff von Willcox erschossen hat. Weston ist also auch in Arizona ein Vogelfreier, ein Verfemter. Ich denke, die Regierung wird auf seinen Kopf ein hohes Lösegeld aussetzen.«

»Ich bringe Ihnen den Mörder, Marshal«, versicherte McQuade und stapfte los, um sein Pferd zu holen.

*

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BALD WAR KLAR, DASS Cole Weston in südliche Richtung aus der Stadt geflohen war. Marshal Wes Rafferty sagte: »Wahrscheinlich will Weston nach Mexiko. Bis zur Grenze sind es von hier aus etwa hundert Meilen. Die Gegend ist wild und unwegsam. Ein Mann kann in dieser Einöde verschwinden wie ein Staubkorn in der Wüste. Und es wimmelt zwischen Tucson und Nogales wahrscheinlich von Apachen. Ein Ritt zur Grenze ist mit Selbstmord gleichzusetzen, McQuade.«

Der Gesetzeshüter hatte mahnend und eindringlich gesprochen.

McQuade zuckte mit den Schultern. »Weder Tod noch Teufel können mich davon abhalten, Weston zu folgen. Ich will auch keine Zeit verlieren.«

Sie befanden sich mitten auf der Straße. Der Marshal hielt das Pferd, auf dem McQuade saß, am Kopfgeschirr fest. Jetzt löste sich seine Hand und er trat einen Schritt zur Seite. »Sicher, ich hätte wissen müssen, dass meine Worte in den Wind gesprochen sind. Sie gehen den Weg, den Sie eingeschlagen haben, wenn es sein muss bis zum bitteren Ende. Gott sei mit Ihnen, McQuade.«

»Adios, Marshal. Ich komme wieder.« Er schnalzte mit der Zunge und das Pferd setzte sich in Bewegung. Bald lag Tucson hinter dem Texaner. Hügeliges Land um gab ihn, im Südosten und im Südwesten erhoben sich die Höhenzüge der Sierrita und der Santa Rita Mountains. Es gab keinen Weg. Überall waren Gruppen von Comas und Mesquites zu sehen, dazwischen wuchsen ganze Felder von Kreosot. Wie eine zerfließende Scheibe aus Weißgold stand die Sonne im Südwesten. Die Hitze brachte die Luft zum Kochen. Die Hölle hatte einen Namen ...

McQuade schonte das Pferd. Es war nicht auszuschließen, dass er auf die Kraft und die Ausdauer des Tieres noch angewiesen war. Wie ein Bluthund folgte er der Spur des Banditen.

Es wurde Abend. Der rötliche Schein, den der purpurne Horizont auf das Land legte, verblasste. Die Schatten lösten sich auf. Von Osten her schob sich die Dämmerung ins Land.

McQuade näherte sich den Bergen im Süden. Hoch oben trat der Abendstern aus dem dunkler werdenden Blau des Himmels hervor. Die Anhöhen wiesen eine Reihe von Einschnitten auf, in denen schon die düsteren Schatten der beginnenden Dunkelheit woben.

Da wehte ferner Schussdonner heran. McQuade fiel seinem Pferd in die Zügel, als das Tier stand, lauschte er. Er hatte sich nicht getäuscht. Weit vor ihm wurde geschossen. Ohne lange nachzudenken trieb er das Pferd wieder an. Im raumgreifenden Galopp stob er nach Süden. Als er nach einer Weile das Pferd erneut in die Kandare nahm, waren die Schüsse deutlich zu hören. McQuade ritt weiter. Es ging eine Anhöhe hinauf. Oben riss McQuade das Tier in den Stand. Unten, in der Ebene, erhob sich ein zerklüfteter Felsen, an dessen Basis mannshohes Strauchwerk wucherte.

Dieser Felsen wurde von verschiedenen Stellen aus unter Feuer genommen. Und das Feuer wurde verbissen erwidert. McQuade sah einige ungesattelte Pferde herumstehen und ahnte, dass es sich bei den Angreifern um Apachen handelte. Sie waren hinter Büschen und vereinzelt herumliegen Felsblöcken in Deckung gegangen. Die Mündungsfeuer zuckten durch die einsetzende Dunkelheit, das Krachen der Schüsse verschmolz ineinander und sickerte wie eine Botschaft von Tod und Verderben nach allen Seiten zwischen die Hügel.

McQuade zog das Gewehr aus dem Scabbard, sprang vom Pferd und führte das Tier in den Schutz eines Buschwerks, wo er es anleinte. Dann glitt er durch die Düsternis. Jede Deckung nutzend, die sich ihm bot, arbeitete er sich den Abhang hinunter. Schließlich sah er einen der Kerle, die drauf und dran waren, dem Mann bei dem Felsen das Tor zur Hölle aufzustoßen. Es war ein Indianer. Er kauerte hinter einem Felsklotz und jagte Schuss um Schuss darüber hinweg.

McQuade pirschte weiter, und als er sich etwa zwanzig Schritte hinter dem Krieger befand, repetierte er. Der metallische Klang erreichte das Gehör des Apachen und er warf sich herum, schlug das Gewehr auf McQuade an, doch der Texaner wartete nicht, bis der Apache durchzog. Sein Schuss dröhnte, die Kugel trieb den Indianer hoch, er machte das Kreuz hohl und kippte um.

Der Texaner rannte weiter. Er kam keine zehn Yard weit, als ein weiterer Apache hinter einem Busch hervor sprang und auf ihn schoss. Er spürte den Gluthauch der Kugel an der Wange und feuerte ebenfalls. Als hätte ihn die Faust des Satans von den Beinen gefegt krachte der Apache der Länge nach auf den Rücken. Er brüllte irgendetwas in seiner Sprache, dann war nur noch sein Röcheln zu vernehmen.

McQuade hetzte in den Schutz eines Strauches. Die anderen Apachen waren auf ihn aufmerksam geworden und schickten ihm heißes Blei. Aber als ihre Schüsse brachen, lag McQuade schon auf dem Bauch und kroch schlangengleich auf die andere Seite des Busches. Die Kugeln, die ihm galten, fetzten Blätter von den Zweigen und richteten sonst keinen Schaden an.

McQuades Ziel war eines der Mündungslichter. Ein erschreckter Aufschrei erklang. Er robbte weiter. Die niedrigen Kreosotstauden deckten ihn. Eine Serie von Schüssen donnerte. Eine Kugel traf einen Felsblock und quarrte durchdringend.

Plötzlich erhob sich Hufschlag.

McQuade hob den Kopf.

Ein Reiter jagte von dem Felsen weg in Richtung Westen davon. Er lag regelrecht auf dem Pferdehals, die Hufe des Tieres schienen kaum den Boden zu berühren. Einer der Apachen stieß einen schrillen Kampfschrei aus. Im nächsten Moment brüllte ein Gewehr auf. Das Pferd brach auf der Hinterhand ein, wieherte gequält, legte sich auf die Seite und keilte mit den Hufen aus. Der Reiter rollte über den Boden, kam hoch und rannte auf einen Busch zu.

McQuade erkannte ihn.

Es war Cole Weston.

Der Bandit verschwand im Schutz des Strauches.

McQuade verspürte tiefe Zufriedenheit.

*

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DER APACHE SCHNELLTE vom Boden auf McQuade zu und riss den Arm mit dem Tomahawk in die Höhe. Der Texaner wirbelte herum, warf sich zur Seite, und schlug mit dem Gewehr zu. Der Krieger gab einen gurgelnden Laut von sich, stolperte zwei Schritte zur Seite, und brach auf die Knie nieder. Ein langer Schritt brachte McQuade an ihn heran, er zog auf, um ihm mit dem Gewehrkolben den Rest zu geben, als er aus den Augenwinkeln einen weiteren Angreifer wahrnahm. McQuade ließ sich einfach fallen. Die Kugel des Apachen verfehlte ihn. Er rollte über den Boden und zog den Revolver. Das Gewehr hielt er mit der Linken am Kolbenhals fest. Plötzlich wuchs vor ihm der Krieger, den er niedergeschlagen hatte, in die Höhe. McQuade sah das verzerrte Gesicht und den glühenden Hass in den dunklen Augen und schoss. Die 45er Kugel fällte den Apachen wie einen morschen Baum.

McQuade richtete sich halb auf, sein Blick suchte den Apachen, der eben auf ihn geschossen hatte. Der Krieger stand neben einem Strauch und zielte auf ihn. Die Entfernung war zu weit für einen Schuss mit dem Revolver. McQuade ließ den Sechsschüsser fallen und nahm das Gewehr in Anschlag, aber da brach der Krieger mit dem Brechen eines Schusses wie vom Blitz getroffen zusammen. Und sofort peitschte es erneut. Die Kugel strich dicht über McQuades Kopf hinweg. Weston schrie: »Jetzt holt dich der Teufel, McQuade. Grüße Logan und Carter von mir. Die beiden sind doch tot, oder etwa nicht?«

»Ja, sie haben ihre gerechte Strafe erhalten, Weston. Und auch du wirst büßen.«

Höhnisches Kichern erklang, dann stieg es aus der Kehle des Banditen: »Deine Gebeine werden hier in der Ödnis verrotten, McQuade. Denn ich werde dich als Fraß für die Kojoten und Aasgeier zurücklassen. Farewell, du Narr!«

Aus seiner kauernden Stellung hechtete McQuade zur Seite. Das Geschoss des Banditen verfehlte ihn nur knapp. McQuade sah das Mündungsfeuer und hielt darauf, repetierte, schoss, repetierte ...

Eine ganze Weile geschah nichts. Plötzlich tauchte Weston auf. Er kam um einen Busch herum. Seine Schritte waren unsicher. McQuade hörte ihn stöhnen. »Die Hölle verschlinge dich, McQuade«, entrang es sich dem Banditen, und seine Stimme hatte keine Kraft mehr. »Du bist ein verdammter ...«

Weston brach auf die Knie nieder. Er hatte beide Hände vor der Brust verkrampft. Sein Atem rasselte. Ein Laut, der sich wie Schluchzen anhörte, kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach sich Bahn aus seinem Mund.

McQuade drückte sich hoch. Das Gewehr an der Hüfte im Anschlag ging er langsam auf den Banditen zu. »Jeder zahlt für seine Schuld, Weston«, stieß der Texaner hervor. »Dein Trail ...«

Cole Weston kippte zur Seite um. Mit einem verlöschenden Laut auf den zuckenden Lippen starb er.

McQuade starrte auf den leblosen Körper hinunter. Er empfand nichts. Weston und seine Kumpane hatten den Tod verdient. »Yeah«, murmelte McQuade rau, »jeder zahlt für seine Schuld, Weston. Der Preis, den du bezahlt hast, war hoch – verdammt hoch.«

*

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GEGEN MITTAG DES DARAUF folgenden Tages zügelte McQuade sein Pferd vor dem Marshal's Office in Tucson. Er führte eines der Apachenpferde an der Longe. Dem Tier hatte er Cole Westons Sattel aufgelegt, quer über den Pferderücken hing die leblose Gestalt des Banditen.

McQuade saß ab und überwand mit einem Sprung die vier Stufen zum Vorbau hinauf. Da trat auch schon der Marshal ins Freie. Nach einem schnellen Blick auf den toten Banditen sagte er: »Sie hatten also Erfolg, McQuade. Ihre Mission hier in Arizona hat damit ihr Ende gefunden. Was werden Sie tun? Kehren Sie nach Texas zurück?«

»In Texas wartet niemand auf mich«, murmelte McQuade. Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über das stoppelbärtige Kinn. Sein Blick richtete sich auf die schwarze Tafel an der Wand des Office, an die einige Steckbriefe und amtliche Bekanntmachungen geheftet waren.

»Ich könnte Ihnen einen Job als Deputy anbieten«, gab der Marshal zu verstehen. »Sicher wären Sie ein guter Gesetzeshüter, McQuade. Bleiben Sie in Tucson und ...«

Rafferty brach ab, als sich McQuade mit einem Ruck in Bewegung setzte. Er ging zu der schwarzen Tafel und heftete seinen Blick auf einen der Steckbriefe. Gesucht wurde ein Mann namens Abel Nelson. Er hatte in Globe die Bank überfallen und einen der Kassierer erschossen. Für seine Ergreifung waren fünfhundert Dollar ausgesetzt.

McQuade riss den Steckbrief von der Tafel, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Manteltasche.

»Was haben Sie vor?«, fragte Wes Rafferty.

McQuade wandte sich ihm zu. »Ich habe mich entschieden, Marshal. Ja, ich werde dem Gesetz dienen. Aber auf meine Art und ohne Stern an der Brust.«

»Ein höllischer Job«, murmelte Rafferty. »Sie werden nicht überall auf Verständnis stoßen.«

McQuade zuckte mit den Schultern. »Die Steckbriefe werden mich legitimieren. Und im Land gibt es viel zu viel lichtscheues Gesindel. Sehr oft ist das Gesetz machtlos ...«

McQuade sprang vom Vorbau, schwang sich auf sein Pferd und zerrte das Tier um die linke Hand. »Good bye, Marshal. Ich denke, wir sehen uns wieder.«

Der Texaner ritt an.

»Auf Wiedersehen, McQuade!«, rief Rafferty. »Und halten Sie die Ohren steif.«

McQuade ließ das Tier traben. Der Marshal schaute ihm hinterher, bis er um einen Knick der Main Street aus seinem Blickfeld verschwand. Dann ging er zu dem Pferd mit dem toten Banditen und führte es die Fahrbahn hinunter.

McQuade zog nach Norden. Der Bandit Abel Nelson, der in Globe einen Mann ermordet hatte, ahnte nicht, dass sich ein zweibeiniger Wolf auf seine Fährte gesetzt hatte. McQuade ritt mit dem festen Vorsatz, dem Mörder das Handwerk zu legen. Er würde nicht ruhen ...

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Pete Hackett: Am Ende der Fährte wartet der Tod

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Vince McQuade hatte die Mescal Mountains hinter sich gelassen und näherte sich Globe. Es war die Zeit der Abenddämmerung. Die Sonne war untergegangen und färbte mit ihrem Widerschein den Horizont im Westen purpurn.

Pferd und Reiter sahen ziemlich mitgenommen aus. Die Augen McQuades lagen in tiefen, dunklen Höhlen. Eine dünne Schicht aus Staub und Schweiß verklebte sein Gesicht, das Kinn war von tagealten Bartstoppeln überwuchert.

Irgendetwas, das er nicht zu deuten vermochte, trieb ihn. Ein Bandit hatte in Globe die Bank überfallen und einen Kassierer erschossen. Sein Name war Abel Nelson. Für seine Ergreifung hatte die Regierung fünfhundert Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Tot oder lebendig ...

Das Gesetz stand im Arizona-Territorium auf schwachen Beinen. Das Banditenunwesen nahm überhand. McQuade, der die Mörder seiner Eltern und seiner Schwester gejagt und gestellt hatte, wollte auf seine Art dazu beitragen, im Land für Recht und Ordnung zu sorgen. In der Tasche seines braunen Staubmantels knisterte der Steckbrief eines Mörders. Er legitimierte McQuade.

Die ersten Häuser der Stadt tauchten vor McQuade auf. In den Fenstern brach sich das letzte Licht des Tages. Aus den Schornsteinen stieg Rauch. Die Frauen bereiteten das Abendessen vor.

Das Pferd unter McQuade ging im Schritt. Müde zog es die Hufe über die Fahrbahn. Im Fell des Tieres klebte Staub. In das gedämpfte Stampfen der Hufe mischte sich das leise Klirren der Gebisskette und das Knarren des alten, gebrochenen Sattels.

Am Fahrbahnrand lag ein schwarzer Hund. Jetzt stand er auf, streckte sich, und trollte sich in eine enge Gasse. Ein Stück entfernt zog ein alter, bärtiger Mann einen zweirädrigen Karren, der mit Heu beladen war, aus einer Einfahrt. Von irgendwo her erklang die schrille, keifende Stimme einer Frau. Ein Kind weinte ...

McQuade sah das Schild mit der Aufschrift 'Sheriff's Office' und hielt darauf zu. Beim Hitchrack hielt er an, hob das rechte Bein über den Sattelknauf und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Staub rieselte von seinen Schultern. Mit einem Ruck zog er die Henry Rifle aus dem Sattelschuh, dann stieg er auf den Vorbau und klopfte im nächsten Moment gegen die Tür.

»Herein«, erklang es.

McQuade trat ein. Der Sheriff stand am staubgeränderten Fenster. Fliegen tanzten an der Scheibe. Es roch im Office nach Bohnerwachs. »Ich habe Sie schon kommen sehen«, empfing der Gesetzeshüter, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit grauen Haaren und einem riesigen Schnurrbart, den Ankömmling. »Was hat Sie nach Globe getrieben?«

McQuade drückte die Tür hinter sich ins Schloss, holte den Steckbrief aus der Tasche und reichte ihm den Sheriff. »Abel Nelson ist der Grund.«

Der Sheriff fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. In seinen grauen Augen blitzte es auf. Wortlos ging er hinter den Schreibtisch in der Raummitte und ließ sich auf seinen Stuhl fallen, lehnte sich zurück und sagte kehlig: »Sie möchten sich die fünfhundert Dollar verdienen, die Nelson wert ist, nicht wahr?«

Ohne darauf einzugehen versetzte McQuade: »Haben Sie nach dem Überfall und Nelsons Flucht noch einmal von ihm gehört?«

Die Brauen des Sheriffs schoben sich zusammen, über seiner Nasenwurzel bildeten sich zwei senkrechte Falten. Sekundenlang starrte er versonnen auf die Tischplatte, dann schüttelte er den Kopf. »Wir sind dem Bastard bis zum Salt River gefolgt. Im Salt River Canyon erwartete er uns. Er erschoss drei unserer Pferde und verletzte zwei Männer des Aufgebots mit seinem Blei. Der Hundesohn gebärdete sich wie ein in die Enge gedrängtes Raubtier. Wir kehrten um und ich veranlasste die Fahndung nach dem Banditen. Nein, ich habe nichts mehr von Nelson gehört. Wahrscheinlich hat er sich mit der Beute nach New Mexiko abgesetzt.«

»Wie viel Geld hat er erbeutet?«

»Über zwölftausend Dollar. Für die Wiederbeschaffung des Geldes hat die Bank dreihundert Dollar ausgesetzt.«

»Das Geld spielt nur eine untergeordnete Rolle«, murmelte McQuade. »Was ist hinter dem Salt River?«

»Wildnis! Ein Land, das der Teufel persönlich geschaffen haben muss. Hitze, Staub, Klapperschlangen, Dornengestrüpp ... Die nächste größere Stadt, nördlich von Globe, ist Holbrook. Wenn Sie da hinauf wollen, werden Sie fünf Tage im Sattel verbringen müssen.«

»Sie denken, dass sich Nelson nach New Mex abgesetzt hat.« Das war keine Frage, die McQuade stellte, sondern eine Feststellung.

Der Sheriff zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Möge der Halunke in der Hölle schmoren.«

»Ich werde in Globe übernachten und morgen Früh weiterreiten«, erklärte McQuade, schwang herum und verließ das Office.

Das glühende Rot im Westen hatte sich in schwefliges Gelb verwandelt, als McQuade sein Pferd in den Mietstall führte. Typischer Stallgeruch empfing ihn. Der Stallmann, ein alter Bursche mit faltigem Gesicht, saß auf einer Futterkiste und flickte ein Zaumzeug. Neben ihm auf der Kiste lag ein handlicher Klumpen Schusterpech, durch das er den Faden zog, damit er wasserabweisend wurde. Mit einer dünnen Ahle stach er die Löcher vor. Jetzt legte er Zaumzeug und Werkzeug auf die Seite und erhob sich.

»Ich möchte das Pferd bei Ihnen unterstellen«, erklärte McQuade nach einem knappen Gruß.

Der Stallmann legte den Kopf schief und taxierte ihn, sah einen Mann Mitte der zwanzig, über sechs Fuß groß, der mit einem langen, braunen Staubmantel bekleidet war und auf dessen Kopf ein flachkroniger, schwarzer Stetson saß, rieb sich die Nase und sagte: »Was sind Sie, Mister? Ein Jäger oder ein Gejagter?«

Zwischen den Lippen des Oldtimers war ein schadhaftes Gebiss zu sehen. Zahnlücken und abgebrochene, braune Stummel.

»Wie kommen Sie darauf?«

Der Stallmann warf sich in die Brust. »Ich verfüge über ein hohes Maß an Menschenkenntnis, und ich kann einen Mann einschätzen. Hinter Ihnen liegt ein harter Ritt durch die Wildnis. Einen solchen Trail nimmt kein Mensch freiwillig auf sich.«

»Ich bin wegen Abel Nelson hier.«

»Also ein Jäger. Da Sie keinen Stern tragen, jagen Sie ihn wohl des Kopfgeldes wegen.«

»Er hat gemordet«, versetzte McQuade grollend. »Dafür muss er zur Rechenschaft gezogen werden.«

»Leute wie Sie sind nicht besonders angesehen. An ihren Händen klebt Blut. Man sagt, sie sind nicht besser als die Kerle, die sie jagen.«

McQuade presste die Lippen zusammen. In seine Mundwinkel kerbte sich ein bitterer Zug. »Du kannst tun was du willst – es wird immer jemand geben, der es nicht gut heißt und es verdammt.«

Der Stallmann griff nach dem Kopfgeschirr des Pferdes. »Lassen Sie den Gaul hier -« die Stimme des Stallmannes sank herab und nahm einen geringschätzigen Ton an, »- Menschenjäger. Ich will ihn gut versorgen. Das Pferd kann ja nichts dafür. Noch eines, Menschenjäger: Sollten Sie Nelson lebend schnappen, dann bringen Sie ihn nicht nach Globe. Denn hier wird man ihn an den nächsten Baum hängen. Es wäre jedoch nicht gut, wenn sich jemand in dieser Stadt die Hände an ihm schmutzig macht. Das soll man lieber einer gewissen Sorte von Zeitgenossen überlassen.«

»Sie nennen mich Menschenjäger. Das sagt mir, dass Sie nicht viel von Männern wie mir halten.«

»Ich gehöre zu der Spezies, die Ihre Sorte mit den Halunken auf eine Stufe stellt, denen ein Menschenleben gerade mal den Preis für eine Unze Blei wert ist.« Es klang grimmig und bestimmt. Herausfordernd starrte der Stallmann McQuade an.

McQuade schwieg, nahm das Gewehr und die Satteltaschen und ging zum Hotel. Die Worte des Stallmannes klangen in ihm nach. Sie muteten McQuade an wie ein böses Omen.

*

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AM ABEND DES DARAUF folgenden Tages zügelte er sein Pferd am Maul des Salt River Canyons. Der Fluss wälzte hier seine schmutzigen Fluten nach Osten. Zu beiden Seiten erhoben sich Steilhänge und terrassenförmige Anhöhen. Gleißender Sand floss in die Tiefe, der Boden war von Geröll übersät, die Vegetation bestand aus Comas und Mesquitebüschen. Hier trieben nur Klapperschlangen und Skorpione ihr Unwesen.

Das Rauschen des Flusses in den Ohren, der sich zu seiner Linken befand, ritt McQuade tiefer in den Canyon hinein. Manchmal erhoben sich nahezu senkrechte, zerklüftete Felswände, über deren Ränder der schrale Wind Staub trieb, der in die Tiefe prasselte. Die Hufe klapperten auf steinigem Boden, manchmal klirrte es.

Die Finsternis nahm schnell zu. Bald war die Dunkelheit dicht. Sie mutete fast stofflich und greifbar an. Am Himmel funkelten nur vereinzelte Sterne. Der Mond befand sich irgendwo hinter den Bergen.

McQuade campierte. Als der Morgen graute, saß er wieder im Sattel. Der Canyon endete, ein Fluss, der von Norden kam, mündete in den Salt River. McQuade folgte ihm. Meile um Meile trug ihn das Pferd nach Norden.

Die Hitze war wieder quälend. Es war, als berührten Flammen das Gesicht des Reiters. Staub knirschte zwischen seinen Zähnen und hatte seine Augen entzündet. Der Weg führte durch eine Ebene. McQuade sicherte unablässig um sich. Er wusste, dass dieser Landstrich von Apachen unsicher gemacht wurde.

Weit vor ihm war die Ebene von Hügeln begrenzt. In einen der Einschnitte bohrte sich der Creek. Und vor diesem Einschnitt sah McQuade Staub. Zu viel Staub, als dass ihn nur der Wind aufgewirbelt haben konnte. Er wusste die Zeichen der Natur zu deuten. McQuade hielt an und kniff die Augen zusammen. Vor ihm lag das Land im gleißenden Sonnenlicht. Die Luft flimmerte.

Es waren drei Reiter.

McQuade trieb sein Pferd an. Mit jedem Schritt ihrer Tiere kamen sich die vier Männer näher. Schließlich waren sie sich so nahe, dass McQuade Einzelheiten erkennen konnte. Es waren bärtige Kerle, abgerissen, verschwitzt und verstaubt. Um ihre Hüften lagen Revolvergurte, in den Scabbards steckten Gewehre. McQuade mutete das Trio nicht gerade vertrauenerweckend an. Als sich die Nasen ihrer Pferde fast berührten, hielten sie an. Die Pferde stampften auf der Stelle, scharrten mit den Hufen und schnaubten. Mit helläugiger Reglosigkeit fixierten die drei Männer den Kopfgeldjäger.

Was McQuade sah, gefiel ihm nicht. Ein unstetes Leben hatte die Gesichter der drei Kerle geprägt; sie drückten Niedertracht, Verworfenheit und gnadenlose Härte aus. McQuade stellte sich auf Verdruss ein.

»Was hat dich in diese elende Wildnis getrieben, Mister?«, fragte einer, ein blondhaariger Mann mit blauen Augen, die an Glasstücke erinnerten. Es waren die kalten, stechenden Augen eines Reptils. »Ich habe kein besonderes Ziel«, antwortete McQuade staubheiser. Die dünne Schicht aus Schweiß und Staub in seinem Gesicht brach. »Doch bin ich voller Hoffnung, dass ich irgendwo auf eine Ortschaft stoße.« Er hatte die Hände übereinander auf den Sattelknauf gelegt und verspürte Anspannung. Denn er war davon überzeugt, den Weg dreier Sattelstrolche gekreuzt zu haben und bezweifelte, dass sie ihn ungeschoren lassen würden.

»Zwei Meilen weiter liegt Carrizo«, gab der Blondhaarige zu verstehen. »Ein Nest, in dem der Hund begraben liegt. Wir kommen von dort.«

McQuade nickte. »Ich werde dort wohl ein paar Tage ausruhen.« Mit dem letzten Wort trieb er sein Pferd an.

»In Carrizo gibt es einen Deputy. Mit Tramps macht er kurzen Prozess und jagt sie aus dem Ort.«

»Ich bin kein Tramp.«

McQuade lenkte sein Pferd an den dreien vorbei. Eine frostige Stimme holte ihn ein: »Nicht so schnell, mein Freund.« Ein Colthahn knackte.

McQuades Wirbelsäule versteifte. Er nahm das Pferd in die Kandare, schaute über die Schulter und stieß rau hervor: »Was soll das?«

Der Blondhaarige grinste verkniffen. Er hielt den Revolver auf McQuade gerichtet. Matt glänzten die bleiernen Kugelköpfe in den Kammern. Die schwarze, kreisrunde Mündung starrte ihn an wie das hohle Auge eines Totenschädels. »Wir haben kein Geld!«, stieg es aus der Kehle des Blondhaarigen. »Und weil wir nicht zahlen konnten, jagte uns der Deputy aus Carrizo hinaus wie ein paar räudige Straßenköter. Du scheinst Geld zu haben, Hombre. Und wenn du gescheit bist, dann gibst du es uns freiwillig.«

McQuade zerrte das Pferd herum. Die drei starrten ihn an. Beklemmung lag plötzlich in der Luft. Tod und Unheil ...

»Das ist Straßenraub!«, knurrte McQuade.

»Mag sein«, versetzte der Blondhaarige unbeeindruckt. »Gib uns dein Geld, dann kannst du weiterreiten und wir ...«

McQuade hämmerte seinem Pferd die Sporen in die Seiten. Das gepeinigte Tier vollführte einen Satz, McQuade riss es herum und stieß einen schrillen Schrei aus, der das Pferd noch mehr in Panik versetzte. Es rammte mit der Brust das Tier, auf dem der Blondhaarige saß. Das Pferd wurde regelrecht zur Seite geschleudert, brach hinten ein und wieherte fanfarenhaft. Ein lästerlicher Fluch brach aus der Kehle des Blondhaarigen. Er hatte Mühe, sich im Sattel zu behaupten.

Seine beiden Begleiter hatten nach den Revolvern gegriffen. Auch McQuade riss das Schießeisen aus dem Holster. Sein Pferd stieg und drehte sich auf der Hinterhand. Schüsse donnerten und vermischten sich zu einem einzigen, ohrenbetäubenden Donnern. McQuades Pferd brach zusammen. Im letzten Moment konnte der Kopfgeldjäger die Steigbügel abschütteln und sich zur Seite werfen.

Einer der Kerle lag am Boden. Mit fliegenden Steigbügeln sprengte sein Pferd voll Panik davon. Das Tier des Blondhaarigen war außer Rand und Band und vollführte wilde Bocksprünge. Der dritte der Kerle bändigte seinen Vierbeiner mit einem Schenkeldruck und schlug den Sechsschüsser auf McQuade an.

Der Kopfgeldjäger war auf den Rücken gerollt. Mit dem Erkennen der Gefahr, die von dem dritten Mann des hartbeinigen Vereins ausging, wälzte er sich herum. Dort, wo er eben noch gelegen hatte, pflügte eine Kugel den Boden. Der donnernde Knall stieß über McQuade hinweg wie ein Gruß aus der Hölle. McQuade kam auf den Rücken zu liegen, richtete blitzschnell den Oberkörper auf und feuerte. Das Geschoss fegte den Burschen vom Pferd.

Behände kam McQuade hoch. Drei Sätze brachten ihn an das Pferd heran, von dem er eben den Kerl geschossen hatte. Seine Linke umklammerte das Sattelhorn, sein schriller, durchdringender Schrei versetzte das Tier in Panik und es raste wie von Furien gehetzt aus dem Stand los. McQuade wurde mitgerissen und stieß sich ab. Sicher landete er im Sattel, hart setzte er dem Pferd die Sporen ein. Rücksicht konnte er nicht nehmen. Der Tod streckte die knöcherne Klaue aus ...

*

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MCQUADE LENKTE DAS Pferd, dessen Hufe den Boden kaum zu berühren schienen, zwischen zwei Hügel. Als er sich einmal umschaute, registrierte er, dass ihm einer der Kerle auf seinem Pferd hinterher stob. Ein anderer zielte mit dem Gewehr auf ihn. Der Kopfgeldjäger riss das Pferd unerbittlich nach rechts. Das Peitschen des Schusses holte ihn ein, der Knall stieß zwischen die Anhöhen, zerflatterte und ging schließlich im Stakkato der trappelnden Pferdehufe unter.

McQuade sprengte um den Hügel herum und trieb das Tier den Abhang hinauf. Bevor er die Kuppe erreichte, zerrte er den Vierbeiner in den Stand, zog das Gewehr des Banditen aus dem Scabbard und rannte nach oben. Sein Verfolger galoppierte näher. Der Reitwind ließ sein Halstuch flattern und stellte die Krempe seines Stetsons vorne senkrecht auf. Aufgewirbelter Staub wölkte.

McQuade riegelte eine Patrone in den Lauf der Henrygun, hob das Gewehr an die Schulter und richtete den harten Blick über Kimme und Korn auf den Banditen, der sein Pferd mit dem langen Zügel vorwärts peitschte. Dann zog der Kopfgeldjäger durch. Der Knall wurde in die Tiefe geschleudert. Der Bandit riss brutal das Pferd zurück. Das Tier brach auf den Hanken ein und wieherte. Erneut schoss McQuade. Er wollte weder den Mann noch das Pferd töten. Der Bandit zerrte das Tier herum und stob den Weg zurück, den er gekommen war. McQuade hatte sein Ziel erreicht.

McQuade setzte seinen Weg fort. Hin und wieder trieb er das Pferd, das einem der Banditen gehört hatte, eine Anhöhe hinauf, um auf seiner Fährte zurückzublicken. Kerle wie die drei, denen er es gezeigt hatte, waren sicher nachtragend und ausgesprochen rachsüchtig. Sie waren wie wilde Tiere, für die es weder eine Zukunft noch eine Vergangenheit gab, die ausschließlich in der Gegenwart lebten und einem mörderischen Instinkt folgten.

Von Verfolgern war nichts zu sehen. Kein Grund für McQuade, die gebotene Vorsicht außer Acht zu lassen.

Der Kopfgeldjäger erreichte Carrizo. Staubschleier wirbelten über die Dächer der niedrigen Häuser. In den Pferchen und Koppeln am Rand des Ortes weideten einige Ziegen, Schafe, Pferde und Kühe. Hinter den Häusern gab es kleine Gemüsegärten, Schuppen, Ställe und Scheunen. Diese Ansammlung von Hütten wirkte ärmlich. Abgestorbene Sträucher, die der Wind vor sich hertrieb und die wie Bälle hüpften, verfingen sich an Hausecken, in Gerümpel und Abfall – Tumbleweds.

Der Mietstall war ein windschiefer Schuppen, der geöffnete Torflügel hing schief in den Angeln. McQuade stieg vom Pferd, führte das Tier am Kopfgeschirr über die Lichtgrenze unter dem Tor und rief: »Hallo, Stall!«

Am Ende des Mittelganges öffnete sich eine Tür aus ungehobelten Brettern und ein bärtiger Mann zeigte sich. Er kaute auf einem Priem herum. Als er heran war, sagte McQuade. »Ich möchte mein Pferd für ein paar Stunden bei Ihnen unterstellen. Außerdem habe ich eine Frage.«

Der Stallbursche spuckte einen Strahl braunen Tabaksafts zur Seite aus. »Was für eine Frage?«

McQuade holte Abel Nelsons Steckbrief aus der Manteltasche, faltete ihn auseinander und hielt ihn dem Stallburschen hin. »Ich suche diesen Mann. Ist er in Carrizo aufgetaucht?«

Der Stallmann heftete seinen Blick auf das Blatt Papier. Nach einer kleinen Weile nickte er. »Ja, der war hier. Sein Gaul hatte ein Eisen verloren. Der Mister hatte es höllisch eilig. Ich habe seinem Pferd ein neues Eisen verpasst, und er ist sofort weitergeritten. Aber das ist schon einige Zeit her.«

McQuade verspürte Genugtuung. Er hatte vom Canyon aus die richtige Richtung eingeschlagen. Sein Instinkt hatte ihn nicht im Stich gelassen. Er faltete den Steckbrief wieder zusammen und steckte ihn ein. Dann nahm er sein Gewehr, verließ den Mietstall und suchte den Saloon auf.

McQuade setzte sich so, dass er durch das große Frontfenster die Main Street beobachten konnte. Der Keeper fragte ihn nach seinen Wünschen, er bestellte sich eine Mahlzeit und ein Glas Wasser. Als der Keeper das Getränk vor ihn hinstellte, ließ McQuade seine Stimme erklingen. Er sagte: »Ich bin zwei Meilen südlich von Carrizo drei Kerlen begegnet. Sie waren in diesem Ort und der Deputysheriff scheint sie zum Teufel gejagt zu haben.«

Das Gesicht des Keepers verfinsterte sich, seine Lippen sprangen auseinander: »Die drei sind Abschaum! Sie haben bei mir gegessen und getrunken und zogen nicht gerade die Samthandschuhe an, als ich Geld von ihnen forderte. Wenn Sanborn nicht rechtzeitig gekommen und eingeschritten wäre ...«

»Ist das der Deputy?«

»Ja. Er gebot den Schuften mit der Parkergun Einhalt und jagte sie zur Stadt hinaus.«

»Ein mutiger Bursche, wie?«

Der Keeper nickte. »Sanborn spuckt dem Teufel ins Maul, wenn es notwendig ist. Haben die drei Halunken Sie ungeschoren gelassen?«

»Sie wollten mir mein Geld wegnehmen. Es ist ihnen schlecht bekommen.«

»Haben Sie sie ...?«

»Nein. Einige Blessuren haben sie allerdings schon davongetragen.«

»Das nehmen diese Kerle nicht hin!«, entfuhr es dem Keeper fast entsetzt. »Ich verwette ein verlaustes Hemd gegen einen Monatslohn, dass diese Halsabschneider bald wieder in Carrizo aufkreuzen. Ich muss Ned Sanborn Bescheid sagen.«

Der Keeper hatte es plötzlich eilig. Er rannte aus dem Saloon. Ächzend und quietschend schlugen die Flügel der Pendeltür hinter ihm aus. Seine Schritte, die auf dem Vorbau ein trockenes Poltern hervorriefen, verklangen, als er auf die Straße sprang.

McQuade trank einen Schluck von dem Wasser. Auf der Straße rannten schreiend einige spielende Kinder vorbei. Die Stadt vermittelte den Eindruck von Ruhe und Frieden. McQuade sagte sich, dass dieser Eindruck möglicherweise trügerisch war. Er war sich sicher, dass der blondhaarige Bandit und seine Kumpane – falls sie aufgrund ihrer Verletzungen dazu in der Lage waren -, mit Hass in den Herzen und der Gier nach Rache in den Gemütern auf seiner Fährte ritten.

Es dauerte etwa fünf Minuten, dann kam der Keeper zurück, einen jungen Mann im Schlepptau, der eine abgesägte Schrotflinte am langen Arm trug. An der linken Brustseite seiner schwarzen Weste glitzerte das Symbol des Gesetzes. Im offenen Holster an seiner linken Seite steckte ein langläufiger, schwerer 45er Coltrevolver.

Der Keeper begab sich in die Küche, um McQuades Essen zuzubereiten, der Deputy hielt bei dem Tisch des Kopfgeldjägers an. »Ich bin Deputysheriff Ned Sanborn«, stellte er sich vor. »Wer sind Sie? Wo kommen Sie her und was ist Ihr Ziel?«

»Mein Name ist McQuade. Ich reite auf Abel Nelsons Fährte.«

»Nelson – ist das nicht der Kerl, der in Globe die Bank ausgeraubt und einen Kassier erschossen hat?«

»Richtig, Deputy. Er ist der Regierung fünfhundert Dollar wert.«

Die Brauen des jungen Gesetzeshüters zuckten in die Höhe. »Kopfgeldjäger, wie?«

Gleichmütig hob McQuade die Schultern und ließ sie wieder nach unten sinken. »Es ist ein Job wie jeder andere.«

»Das ist Ansichtssache«, knurrte der Deputy. »Matt hat mir erzählt, dass Sie einen Zusammenstoß mit den drei Vagabunden hatten, die ich aus der Stadt gewiesen habe.«

»Es sind Banditen. Sie wollten mich berauben. Zwei von ihnen musste ich von den Pferden schießen.«

»Ich nehme an, dass ...«

»Sie täuschen sich nicht, Deputy!«, unterbrach ihn McQuade und wies mit dem Kinn zur Main Street.

Der Deputy drehte sich halb herum. Seine Zähne knirschten übereinander, seine Backenknochen mahlten. »Die Kerle haben mir noch gefehlt!«, stieg es grollend aus seiner Kehle, dann schwang er herum und stiefelte zur Tür.

Es waren der Blondhaarige und einer seiner Kumpane. Der Bursche hockte nach vorne gekrümmt im Sattel und presste die linke Hand auf die rechte Schulter. Die Hand war voll Blut.

»Stopp!« Die Stimme des Deputys war klirrend. Das Wort trieb über die Straße und versank in den Geräuschen, die vom Leben in Carrizo zeugten.

McQuade sah, wie die beiden Banditen ihre Pferde parierten. Wieder erklang die Stimme des Gesetzeshüters. Er rief: »Ich habe euch Stadtverbot erteilt. Es war dumm von euch, in den Ort zurückzukehren.«

»Mein Freund ist verwundet«, erklärte der Blondhaarige. »Die Kugel steckt in seiner Schulter und muss raus. Gibt es hier einen Arzt?«

»Wo ist denn euer dritter Mann?«

»Derselbe Hurensohn, der Glenn die Kugel in die Figur knallte, hat meinen Freund Jim Dexter zu seinen Ahnen geschickt.« Jäher Hass wühlte in den Zügen des Banditen, die tödliche Leidenschaft wütete in seinen Augen.

»Es ist jener – hm, Hurensohn, den ihr niederträchtigen Halunken um sein Geld erleichtern wolltet!«, fauchte der Deputy und richtete die Schrotflinte auf den blonden Banditen. Als er die Hähne spannte, knackte es metallisch. Der blondhaarige Bandit zog den Kopf zwischen die Schultern. Das gehässige Glimmen in seinen Augen nahm an Intensität zu. Der Bandit belauerte den Deputy wie ein Wolf, der sich im nächsten Moment auf seine Beute stürzen würde.

Der Verwundete stöhnte lang anhaltend. Sein Mund war schmerzverzerrt. Die Qualen, die er durchlitt, zeichneten sein verschmutztes, verschwitztes Gesicht.

McQuade hatte sich erhoben und stand nun neben der Pendeltür im Schutz der Wand.

Erneut ertönte die Stimme des Deputys: »Es gibt in Carrizo keinen Arzt. Aber der Barbier versteht sich auf die Behandlung von Schusswunden. Ich werde deinen Freund in die Obhut des Barbiers geben, Mister. Dich jedoch werde ich einsperren und ...«

»Fahr zur Hölle, Sternschlepper!«, knirschte der Bandit und spornte sein Pferd an. Zugleich zog er den Revolver. Das Eisen schwang hoch, eine handlange Mündungsflamme stieß aus dem Lauf, die Kugel verfehlte den Deputy nur knapp und bohrte sich in den Rahmen einer der Pendeltüren, die wild zu schwingen begann.

Der Bandit jagte in halsbrecherischer Karriere die Straße hinunter. Er befand sich längst nicht mehr im Schusssektor der Schrotflinte. McQuade trat auf den Vorbau. »Ich konnte nicht feuern«, knirschte der Deputy, »denn dann hätte ich den Verwundeten getroffen. Sie sollten auf der Hut sein, McQuade. Der Bursche -« Ned Sanborn wies mit dem Kinn in die Richtung, in die der blondhaarige Bandit geflohen war, »- ist sicherlich nicht besonders gut auf Sie zu sprechen.«

»Sicher«, murmelte der Kopfgeldjäger. »Diese Sorte ist unberechenbar und gefährlich, vor allem kennt sie keinen Ehrenkodex. Wir werden sehen.«

»Ich bringe den Verwundeten zum Barbier«, gab der Deputy zu verstehen. »Wann werden Sie die Stadt verlassen, McQuade?«

»Sie können es wohl nicht erwarten, mich von hinten zu sehen?«

»Beantworten Sie meine Frage.«

»Sobald ich gegessen habe, reite ich weiter. Zufrieden?«

Wortlos tauchte der Gesetzeshüter unter dem Vorbaugeländer hindurch, sprang auf die Straße und stapfte zu dem Pferd mit dem verwundeten Banditen hin.

McQuade ging zurück in den Schankraum.

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»NELSON HAT, NACHDEM Sie seinem Pferd ein neues Eisen verpasst haben, die Stadt verlassen«, sagte McQuade, als er eine Stunde später sein Pferd abholte. »Wissen Sie, in welche Richtung er geritten ist?«

»Ich sah ihn zum Fluss reiten«, versetzte der Stallbursche. »Er kann sich nach Prescott, Flagstaff oder auch nach Winslow gewandt haben. Dazwischen gibt es sicherlich einige kleine Nester wie Carrizo, aber es ist kaum anzunehmen, dass ein Bursche vom Kaliber eines Abel Nelson in einem Kaff wie diesem hier für längere Zeit aus dem Sattel steigt.«

McQuade stellte keine weiteren Fragen, zerrte das Pferd hinter sich her aus dem Stall, wurde einen Moment vom gleißenden Sonnenlicht geblendet, dann stieg er in den Sattel und trieb das Pferd mit einem leichten Schenkeldruck an.

Der Kopfgeldjäger ritt mitten in der Main Street. Aus dem Schatten eines Hauses trat der Deputy. »Einen Augenblick noch, McQuade.« Der Angerufene hielt an. Als der Deputy heran war, sagte er: »Der Mister mit den blonden Haaren, der wahrscheinlich um die Stadt herumschleicht wie der Fuchs um den Hühnerstall, heißt Butch Sloane. Das hat mir sein Kumpan verraten. Dessen Name ist Glenn Carter.«

»Werden die Kerle vom Gesetz gesucht?«

»Nein.«

»Werden Sie Carter einsperren, Deputy?«

Ned Sanborn verzog den Mund. »Erstatten Sie Anzeige gegen ihn?«

Nach kurzer Überlegung schüttelte McQuade den Kopf. »Ich kann nicht warten, bis er vor den Richter gestellt wird und ich gegen ihn aussagen kann. Ohne meine Aussage vor Gericht aber wird meine Anzeige sinnlos sein. Lassen Sie den Dummkopf laufen, Deputy. Er ist gestraft genug, und vielleicht war es ihm eine Lehre.«

»Halten Sie die Augen offen, McQuade.«

»Natürlich.« McQuade ritt weiter. Das Pferd trug ihn aus der Stadt. Jeder seiner Sinne war aktiviert, als er am Fluss entlang zwischen die Hügel zog. Sein Blick glitt ununterbrochen über die Hügelrücken hinweg, bohrte sich in die Einschnitte und suchte die Buschgürtel ab. McQuade ritt wachsam und verspürte Anspannung. In ihm läuteten die Alarmglocken. Er ging davon aus, dass der Tag noch eine böse Überraschung für ihn bereithielt.

Aber nichts geschah.

Butch Sloane blieb wie vom Erdboden verschwunden.

Zwei Tage später, es war um die Mitte des Nachmittags, erreichte der Kopfgeldjäger einen kleinen Ort namens Long Valley. Auf dem kleinen Friedhof außerhalb der Stadt hatte sich eine Trauergemeinde versammelt. Die Main Street war menschenleer. McQuade saß beim Holm vor dem Saloon ab und schlang den langen Zügel lose um den Haltebalken, angelte sich das Gewehr und ging hinein. Es gab keinen einzigen Gast. Der Keeper saß an einem der runden Tische und las in einer vergilbten Zeitung. Er erhob sich, nachdem McQuade sich niedergelassen hatte, und kam heran. »Alles, was in dieser Stadt zwei Beine hat, befindet sich wohl auf dem Friedhof«, bemerkte McQuade.

Der Keeper nickte. »Eine tragische Sache. John Bellows neuer Revolvermann hat den Schmied erschossen, weil dieser ihn einen skrupellosen Coltschwinger nannte. Der Schmied war ausgesprochen beliebt in der Stadt, sein gewaltsamer Tod ging den Menschen in Long Valley ziemlich an die Nieren.«

»Wer ist John Bellow?«, erkundigte sich McQuade.

»Er besitzt eine Ranch am Fluss, fünf Meilen von hier. Eine ziemlich große Ranch. Bellows hat ein Problem mit den Siedlern, die vor einiger Zeit an den Fluss gekommen sind. Vor etwa sechs Wochen kam ein Mann namens Lane Stewart in diesen Landstrich. Er stieg in den Sattel der Southern Star Ranch. Vor zwei Tagen kam es hier im Saloon zum Streit zwischen ihm und dem Schmied. Am Ende floss Blut ...«

»Hat der Sheriff oder Marshal den Vorfall untersucht?«

»Es gibt hier keinen Gesetzeshüter. Außerdem wirft der Name Bellow einen riesigen Schatten – einen Schatten, in dem diese Stadt lebt. Selbst der Countysheriff wagt sich nicht an ihn heran. Bellows Wort ist in diesem Landstrich Gesetz.«

»Das Gesetz des Starken und Mächtigen, wie?«

Der Keeper nickte. »Bellows ist unduldsam, kompromisslos und hart wie Granit. Wer nicht sein Freund ist, ist sein Feind. Und seine Feinde vernichtet er gnadenlos und unerbittlich.«

»Erzählen Sie mir mehr von diesem Lane Stewart«, forderte McQuade. »Wie sieht er aus? Wie alt ist er ungefähr?«

»Mitte dreißig, würde ich sagen. Dunkel wie ein Indianer, gefährlich und tödlich wie Cholera. Er kann mit dem Sechsschüsser zaubern. Wenn du ihm in die Augen schaust, siehst du den Tod. – O  verdammt!« Der Blick des Keepers wurde starr, in seinem Gesicht begann es nervös zu arbeiten. »Wenn man vom Teufel spricht ...«, entrang es sich dem Mann ächzend.

McQuade drehte sich halb herum und sah durch das Frontfenster die vier Reiter, die vor nicht einmal zwei Sekunden in das Blickfeld des Keepers gezogen waren. Drei von ihnen waren gekleidet wie Cowboys, der vierte trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd, das am Hals von einer weinroten Schnürsenkelkrawatte zusammengehalten wurde, und auf seinem Kopf saß ein grauer Stetson.

McQuade war wie elektrisiert.

Er war sich sicher, Abel Nelson zu sehen.

Der Mörder hatte sich also auf der Southern Star Ranch verkrochen und sich einen neuen Namen verpasst.

Die Reiter saßen ab, banden ihre Pferde an den Holm und kamen in den Saloon. Ihre Schritte dröhnten auf den Dielen, ihre Sporen klirrten melodisch. Sie setzten sich an einen der runden Tische, der Mann, den McQuade für Abel Nelson hielt, rief barsch: »Bring uns Bier, Chandler. Wir sind am verdursten.«

Der Keeper schnitt ein Gesicht, als hätte man ihn mit einem Kaktus gefüttert, und beeilte sich.

»Bringen Sie mir ein Glas Wasser«, rief McQuade. »Ich war vor den vier Gentleman hier.«

Der Blick des Mannes, der sich hier Lane Stewart nannte, verkrallte sich regelrecht an McQuade. Das zornige Flackern in seinen Augen war wie eine Warnung vor drohendem Unheil. Seine barsche Stimme erklang: »Was ist dein Problem, Fremder?«

»Ich bin durstig, ganz einfach. Und ich will nicht warten, bis der Keeper euch bedient hat. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Eine alte Binsenweisheit.«

»Hast du überhaupt eine Ahnung, mit wem du es zu tun hast?«

»Mit vier Kerlen, die sich für was Besonderes zu halten scheinen«, versetzte McQuade ruhig. Der Anflug eines Lächelns umspielte seinen Mund. »Ich glaube aber nicht, dass ihr etwas Besonderes seid.«

Die drei Cowboys starrten ihn ungläubig an. Sie konnten nicht begreifen, dass es jemand wagte, so mit dem Revolvermann zu sprechen.

Der Keeper blickte besorgt drein. Jeder Zug seines Gesichts drückte Unbehaglichkeit aus. Jetzt mischte er sich ein, indem er rief: »Ich bringe Ihnen das Bier, Mister Stewart. Sie müssen warten.« Seine letzten Worte waren an McQuade gerichtet.

Nach diesen Worten war es still im Schankraum. Die Atmosphäre schien plötzlich wie mit Elektrizität geladen zu sein. Der Saloon mutete an wie ein Pulverfass, dessen Lunte bereits brannte. Doch dann nickte McQuade. »In Ordnung. Geben Sie den Gentleman das Bier. Ich will keinen Streit.«

Er nahm mit diesen Worten der gefährlichen Stimmung im Saloon die Brisanz.

Stewart lachte rasselnd auf. »Sehr vernünftig, Fremder«, lobte er. »Darf ich Ihren Namen erfahren?«

»Vince McQuade.«

»Sie sprechen den unverkennbaren Texasslang. Wo kommen Sie her?«

»Meine Wiege stand in der Nähe von San Antonio.«

»Was hat Sie in diesen Landstrich verschlagen?«

»Wahrscheinlich der Wind des Schicksals«, murmelte McQuade. »Vielleicht war es auch Zufall ...«

Stewart erhob sich und kam zu McQuades Tisch. Er bewegte sich mit raubtierhafter Geschmeidigkeit. An seinem rechten Oberschenkel war das Holster mit dem Sechsschüsser festgebunden. Der Patronengurt war aus schwarzem Büffelleder. Matt glänzten die Böden der Messinghülsen in den Schlaufen. »Darf ich mich zu Ihnen setzen, McQuade?«

Einladend wies der Kopfgeldjäger auf einen der Stühle, die um den Tisch gruppiert waren. »Bitte.«

Als Stewart saß, sagte er: »Sie geben sich wie ein Mann, der weder Tod noch Teufel fürchtet. Die Southern Star Ranch sucht couragierte Männer. Haben Sie Interesse?«

»Couragierte Burschen, oder Kerle, die mit dem Revolver umgehen können?«, fragte McQuade mit schleppender Stimme und einem hohen Maß an Ironie im Tonfall.

Stewart grinste hart und viel sagend. »Ich denke, Sie sind der richtige Mann für uns.«

McQuade erwiderte das Grinsen. Hier endete die Fährte, auf der er seit Globe geritten war. In ihm war eine seltsame Art von Genugtuung.

*

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MCQUADE WURDE IN DER Mannschaftsunterkunft der Ranch ein Bett und ein Spind zugewiesen. Er erfuhr, dass Lane Stewart in einem kleinen Anbau wohnte. Der Revolvermann spielte auf der Southern Star eine herausragende Rolle.

McQuade wollte keine unnötige Zeit verstreichen lassen.

Es war Nacht und die wenigen Männer, die sich auf der Ranch befanden, schliefen. Die Dunkelheit hing vor den Fenstern wie ein schwarzes Tuch. Leise erhob sich McQuade. Er zog sich an, schnallte sich den Revolvergurt um und rückte das Holster zurecht, dann nahm er das Gewehr.

Einer der Männer sprach im Schlaf. McQuade hielt den Atem an. Der Mann wälzte sich herum und begann zu schnarchen. McQuade gab sich einen Ruck und bewegte sich lautlos wie eine Katze zur Tür. Es war hier drin finster wie im Schlund der Hölle. Die Tür quietschte leise in den Angeln, als McQuade sie öffnete. Ein kühler Luftzug streifte das Gesicht des Kopfgeldjägers. Dann trat er ins Freie und zog die Tür hinter sich zu. Tief atmete er durch. Vom Brunnen her wehte das Knarren des Windrades, das sich im Nachtwind drehte. Feines Säuseln erfüllte die Nacht.

Unter McQuades Sohlen mahlte Sand, als er den Hof überquerte. Das Stalltor war lediglich verriegelt. Der Riegel knirschte rostig, als ihn McQuade zurückschob. Das Tor knarrte, als er es aufzog. Der Geruch von Heu und Stroh und Pferdeausdünstung schlug ihm entgegen. Er schloss das Tor und riss ein Streichholz an. Im vagen Schein der kleinen Flamme konnte er die Laterne sehen, die an einem Nagel hing, der in den Balken beim Tor geschlagen worden war. McQuade nahm sie, klappte den Glaszylinder zurück und hielt die Flamme an den Docht. Er fing Feuer, flackerte und rußte, als aber der Kopfgeldjäger das Glas darüber stülpte, brannte die Flamme ruhig und der Lichtschein kroch auseinander.

McQuade legte seinem Pferd den Sattel auf, zäumte es und verstaute die Henry Rifle im Sattelschuh. Dann machte er sich daran, ein zweites Pferd zu satteln und zu zäumen, führte beide Pferde ins Freie und stellte sie hinter dem Ranchhaus bei einer Buschgruppe ab.

Dann begab er sich zu dem Anbau, den Lane Stewart alias Abel Nelson bewohnte. Dass es sich um den Banditen handelte, der in Globe die Bank überfallen und einen Mann getötet hatte, stand für McQuade fest.

Die Tür war nicht verschlossen. Stewart schien sich ausgesprochen sicher zu fühlen auf der Ranch. Es dauerte kurze Zeit, bis sich McQuades Augen den Lichtverhältnissen im Flur des kleinen Gebäudes angepasst hatten. Durch ein Fenster am Ende des kurzen Korridors fiel bleiches Mond- und Sternenlicht.

McQuade zog den Revolver. Seine Linke legte sich auf den Knauf der Tür zu dem Raum, in dem Nelson schlief. Die Tür ließ sich öffnen. McQuade glitt in den Raum. Auch hier sickerte fahles Licht durch das Fenster, so dass McQuade den Mann im Bett deutlich ausmachen konnte. Rasselnde, aber gleichmäßige Atemzüge verrieten, dass Nelson tief schlief.

McQuade spannte den Hahn des Revolvers. Klickend drehte sich die Trommel um eine Kammer weiter. »Nelson!« McQuades schneidende Stimme sprengte die Stille in dem Raum.

Abel Nelson fuhr hoch. »Was ... Was ist? Heh, ich ...«

»Endstation, Nelson!«, stieß McQuade klirrend hervor. »Ich werde dich nach Globe bringen, und dort wird man dich vor Gericht stellen. Steh auf und zieh dich an. Und versuch lieber nichts. Auf deinem Steckbrief steht tot oder lebendig.«

Abel Nelson atmete stoßweise. Es war, als ob er die Worte McQuades erst verarbeiten musste. Sein Blick hatte sich an dem Schemen festgesaugt, der zwischen ihm und der Tür stand. Matt schimmerte das Metall des Revolvers, den McQuade in der Hand hielt.

»Mein Name ist Stewart – Lane Stewart!«, gab der Mann im Bett schließlich zu verstehen. »Verdammt, McQuade, welcher Teufel reitet Sie?«

»Sicher. Hier heißt du Stewart. Ich frage mich, ob Abel Nelson auch ein angenommener Name ist. Egal, Stewart. Du wirst in Globe hängen. Hoch mit dir! Zieh dich an, oder soll ich dich im Nachthemd beim Sheriff in Globe abliefern?«

»Du dreckiger Aasgeier!«, brach es aus Nelsons Kehle. »Ich hätte dich im Saloon erschießen sollen, als du ...«

»Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht, mein Freund. Vorwärts jetzt! Ich will hier keine Wurzeln schlagen.«

Nelsons Zähne knirschten übereinander. Wie von Schnüren gezogen erhob er sich, dem eisigen Wind seiner Gedanken ausgesetzt begann er, sich anzuziehen. Als er in die Jacke geschlüpft war, zischte er: »Bis Globe sind es hundert Meilen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du es schaffst, mich da hinunter zu bringen.«

»Du redest zu viel, Nelson. Spar dir deinen Atem fürs Hängen. Und nun Marsch! Solltest du auf dumme Gedanken kommen, dann stell dich darauf ein, dass ich nicht fackeln werde. Wie ich schon sagte: Ich muss dich nicht unbedingt lebendig abliefern.«

»Dreckiger Bastard!«

Nelson setzte sich in Bewegung. McQuade trat zur Seite, der Bandit schritt an ihm vorbei und öffnete die Tür. Der Kopfgeldjäger schloss sich dem Banditen an und drückte ihm die Mündung des Sechsschüssers gegen die Wirbelsäule. »Die Pferde stehen hinter dem Haupthaus«, murmelte McQuade. Er war ein Bündel angespannter Aufmerksamkeit. Denn Abel Nelson war ein Mann, der mit allen Wassern gewaschen war. Und er würde sich nicht wie ein Hammel zur Schlachtbank führen lassen.

Sie erreichten die Pferde. Der schrille Schrei eines Kauzes trieb durch die Nacht. »Aufsitzen!«, gebot McQuade.

Abel Nelson wirbelte herum. Er setzte jetzt alles auf eine Karte. Aber McQuade reagierte ansatzlos und schlug mit dem Revolver zu. Mit einem verlöschenden Laut auf den Lippen brach Abel Nelson zusammen. Verkrümmt lag er am Boden. McQuade versenkte den Revolver im Holster, holte eine Schnur aus der Satteltasche, band Nelson die Hände und wuchtete dann den schweren Körper quer über den Rücken des Pferdes, das er für den Banditen gesattelt hatte. McQuade schwang sich in den Sattel, angelte sich die Zügel des anderen Tieres und ritt an. Im Schritttempo zog er in die Nacht hinein.

*

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ALS ETWA ZWEI STUNDEN später die Sonne aufging und das Land in goldenes Licht tauchte, hatte McQuade mit seinem Gefangenen gut und gerne sechs Meilen zurückgelegt. Vögel begrüßten mit eifrigem Gezwitscher den jungen Tag. Wie ein Fanal stand die Sonne über den Hügeln und Bergen im Osten.

Abel Nelson war längst zu sich gekommen. Ihm schmerzte der Schädel von dem Schlag mit dem Revolver. Er fühlte sich wie gerädert, seine Muskeln und Knochen schmerzten. Und jeder Schritt des Pferdes jagte eine weitere Welle des Schmerzes durch seinen Körper. Er stöhnte gequält. Dann knirschte er: »Willst du nicht endlich anhalten? Du dreckiger Bastard! Oder möchtest du mich quer über den Pferderücken hängend nach Globe bringen?«

»Es liegt an dir selbst, Nelson«, knurrte McQuade ungerührt. Mitleid mit dem Banditen konnte er nicht empfinden. »Aber ich will kein Unmensch sein.«

McQuade hielt an, das Pferd mit dem Banditen blieb von selbst stehen. Der Kopfgeldjäger schwang sich aus dem Sattel, fasste Nelson unter die Beine und warf ihn mit einem kraftvollen Ruck vom Pferd. Abel Nelson krachte der Länge nach auf den Boden, der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen. Wie ein Erstickender japste er.

McQuades Schatten fiel auf den Banditen. »Ich warne dich, Nelson«, grollte McQuade. »Wenn du noch einmal versuchst, mich aufs Kreuz zu legen, dann wirst du auf den nächsten Meilen bis Globe nicht mehr die Spur von Freude empfinden.«

Es klang unmissverständlich und endgültig.

»Die Hölle verschlinge dich!«, keuchte der Bandit, dann schüttelte ihn ein Hustenanfall, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Er setzte sich auf.

McQuade ging vor ihm in die Hocke, legte die Unterarme auf die Oberschenkel und ließ die Hände zwischen den Knien baumeln. »Wo hast du das Geld versteckt, das du bei dem Bankraub erbeutet hast?« Zwingend fixierte er Nelson. Sein Blick übte regelrecht Druck auf den Banditen aus.

»Das wüsstest du wohl gerne!«, blaffte Nelson. »Aber du beißt bei mir auf Granit, Menschenjäger. Das Geld befindet sich an einem sicheren Ort. Und wenn man mich aufhängt, wird es dort verrotten.«

Gleichmütig zuckte McQuade mit den Achseln. »Es ist auch gar nicht so wichtig. Es kommt nur darauf an, dass du deine gerechte Strafe erhältst. Kerle wie du sind die Luft nicht wert, die sie atmen.«

Mit einem Ruck drückte sich McQuade in die Höhe. »Steh auf, wir reiten weiter.«

»Eine Frage noch, McQuade. Was sollte dein Auftritt im Saloon, als du mich geradezu herausgefordert hast.«

»Man hat mir einiges über dich erzählt. Als ich in den Ort kam, wurde der Mann beerdigt, den du niedergeknallt hast. Dann sah ich dich und mir war klar, dass du der Mann bist, auf dessen Fährte ich reite. Ich wollte dich auf mich aufmerksam machen, dich beeindrucken. Denn ich wusste, dass die Southern Star Probleme mit den Siedlern hat. Und ich rechnete damit, dass man von Seiten der Ranch versuchen würde, mich anzuheuern. Ich wollte in deiner Nähe sein, Nelson. Nun, wie es sich gezeigt hat, habe ich nicht auf das falsche Pferd gesetzt.«

Abel Nelson starrte McQuade an. Ein hässliches Funkeln stieg aus der Tiefe seiner Augen. Sein Gesicht war nur noch eine Physiognomie des tödlichen Hasses. Seine Brust hob und senkte sich unter keuchenden Atemzügen.

McQuade spürte den Anprall dieses glühenden Hasses, aber es ließ ihn kalt. Er trat an sein Pferd heran, griff nach dem Sattelhorn, stellte seinen linken Fuß in den Steigbügel und schwang sich auf den Pferderücken. »Auf die Beine, Nelson. Wenn du in zehn Sekunden nicht im Sattel sitzt, läufst du nach Globe.«

Abel Nelson zerkaute eine lästerliche Verwünschung und erhob sich. Da ihm McQuade die Hände vor dem Leib zusammengebunden hatte, hatte er kein Problem, aufs Pferd zu steigen. Er trieb das Tier an ...

Die Sonne stieg höher und höher und die Hitze drohte Mensch und Tier das Mark aus den Knochen zu saugen. Blutsaugende Fliegen, vom Schweißgeruch angezogen, piesackten Mensch und Tier. Das Land ringsherum war wild und trocken. Feiner Staub puderte die Blätter der Sträucher, die ein kümmerliches Dasein fristeten. Gegen Mittag erreichten sie einen Creek, der von Norden nach Süden floss. Er führte kaum Wasser. Die Uferbänke bestanden aus eingetrockneten, rissigen Fladen zusammen gebackenen Uferschlamms. Vereinzelt Büsche wuchsen auf beiden Flussseiten. Der Flussgrund war geröllübersät.

»Wir rasten hier«, erklärte McQuade und ließ sich vom Pferderücken gleiten. Sein Pferd stampfte in das seichte Wasser und begann zu saufen.

Abel Nelson saß ab, ging zum Fluss und kniete nieder. Mit den hohlen Händen schöpfte er Wasser und trank. Dann wusch er sich Staub und Schweiß aus dem Gesicht. Auch sein Pferd löschte seinen Durst.

McQuade wartete, bis Abel Nelson fertig war, dann sagte er: »Komm her, Nelson. Ich werde dich an einen Strauch binden. Bei Zeitgenossen wie dir kann man nicht vorsichtig genug sein.«

Abel Nelson spuckte aus und näherte sich dem Kopfgeldjäger. Seine Lippen waren fest zusammengepresst und bildeten nur noch eine dünne, blutleere Linie. Hart traten die Backenknochen im Gesicht des Banditen hervor. »Wir werden drei Tage unterwegs sein, McQuade«, knurrte der Bandit. »Irgendwann wirst du schlafen müssen. Irgendwann ...«

»Freu dich nicht zu früh, Bandit«, versetzte McQuade eisig. »Setz dich!« Der Kopfgeldjäger wies auf eine Stelle am Boden neben einem Busch mit unterarmdicken Ästen.

Nelson tat, als wollte er der Anordnung nachkommen, im nächsten Moment aber warf er sich auf McQuade. Er schien geradezu zu explodieren. Und obwohl der Kopfgeldjäger wachsam war, wurde er von dem Angriff überrascht. Die zusammengebundenen Hände des Banditen packten ihn an der Hemdbrust, Nelson stellte ihm das Bein und McQuade verlor das Übergewicht. Er stürzte auf den Rücken. Ehe er sich herumrollen konnte, kniete Abel Nelson über ihm, die Hände des Banditen legten sich um seinen Hals und drückten ihn zusammen. Die Mordlust glitzerte in den Augen des Banditen. Seine Hände waren wie stählerne Klammern. Es gab kein Entgegenkommen und kein Erbarmen – es gab nur den mörderischen Hass und die tödliche Leidenschaft. Auf Abel Nelson fiel der Schatten des Galgens. Und das machte ihn zu einer den niedrigsten Trieben gehorchenden Bestie.

McQuade bäumte sich auf, zog das Bein an und versuchte, es zwischen sich und den Banditen zu bekommen. Sein Mund klaffte auf, alles in ihm schrie nach frischem Sauerstoff, seine Lungen begannen zu stechen. Kein Laut kam aus seiner Kehle. Die Brust drohte ihm zu platzen. Die dunklen Schatten der Benommenheit krochen auf ihn zu ...

Für einen Moment gewann bei McQuade der Überlebenswille die Oberhand und erfüllte ihn mit neuer Kraft. Seine Hände verkrallten sich in Nelsons Unterarmen und versuchten sie auseinanderzudrücken. Aber der Hass schien dem Banditen übermenschliche Kräfte zu verleihen. Er war wie in einem Rausch ...

Rote Kreise begannen vor McQuades Augen zu tanzen. Er sah die weitaufgerissenen Augen des Banditen über sich und den unumstößlichen Willen darin, ihn zu töten. Er hämmerte Nelson die Faust auf die Rippen, doch er merkte, dass in seinem Schlag keine Kraft mehr steckte. Panik begann sich einzustellen. Seine Lungen begannen zu stechen. Der Kopf drohte ihm zu bersten. Plötzlich - er befand schon auf der Schwelle zur Bewusstlosigkeit -, lockerte sich der brutale Griff an seinem Hals. Nelson kippte nach vorn, landete auf McQuade und rollte zur Seite.

Rasselnd holte der Kopfgeldjäger Luft. Schwindel erfasste ihn, als sich seine Lungen füllten. Dann begannen die wogenden Nebelschleier vor seinen Augen zu zerreißen. Er konnte kaum einen Gedanken fassen. Das erste, was sein träge arbeitender Verstand erfasste, wir die Mündung eines Revolvers. Eine triumphierende Stimme erklang:

»Damit hast du nicht gerechnet, McQuade, wie? Es ist die Stunde der Vergeltung.

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