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Wild Irish 01 – Cillian

C. M. SEABROOK

Wild Irish

CILLIAN

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Stephanie Pannen

Zu diesem Buch

Der Tod ihrer Schwester hat Delaney hart getroffen. Doch als sie dann auch noch ihren Verlobten mit einer anderen erwischt, will sie einfach nur noch weg. Kurzerhand bucht sie einen Flug nach Irland, fest entschlossen, die Bucket List ihrer Schwester abzuarbeiten. Auf einer einsamen Single-Track-Road kollidiert sie fast mit einem anderen Auto und sieht sich dem schlecht gelaunten, aber atemberaubend attraktiven Iren Cillian Gallagher gegenüber, der offenbar von amerikanischen Touristen gar nichts hält. Trotz des holprigen Starts bietet er ihr an, in seinem Cottage unterzukommen. Er verschweigt ihr allerdings, dass er der Lead-Sänger der Band Wild Irish ist, die gerade die irischen Charts stürmen. Denn Cillian hat seine eigenen Gründe, sich vor der Welt zu verkriechen – er hat sich mit seinem Bruder und der Band überworfen und es scheint, als sei Wild Irish bereits jetzt schon Geschichte, bevor ihr Erfolg überhaupt richtig Fahrt aufnimmt. Vom ersten Moment an fliegen die Funken zwischen Delaney und dem sexy Iren, doch keiner von ihnen will die Gefühle zulassen, die schon bald zwischen ihnen brodeln …

»Wirklich zu leben, das ist das Allerseltenste auf dieser Welt. Die meisten Menschen existieren nur, sonst nichts.«

Oscar Wilde

1

Delaney

»Scharf links, dann eine weite Kurve nach rechts«, murmle ich, während ich mich mit eisernem Griff an das Lenkrad klammere und die einzige Fahranweisung wiederhole, die mir die Frau von der Autovermietung gegeben hat, nachdem ich in Dublin angekommen war.

Angespannt, mit vor Nervosität kribbelnden Fingern und einem dicken Kloß im Hals, versuche ich, daran zu denken, mich links zu halten, ohne die kleine Steinmauer und die Büsche mitzunehmen, die sich gefährlich nah an der Straße befinden.

Ich fahre jetzt schon seit zwei Stunden auf etwas, das meinem Navigationsgerät zufolge eine Landstraße sein soll. Von wegen. Sie ist kaum breit genug, dass zwei Wagen aneinander vorbeifahren können.

Ich verziehe das Gesicht, als mir mein Smartphone anzeigt, dass ich in zwei Komma zwei Kilometern an einem weiteren Kreisverkehr vorbeimuss.

Als ob das Fahren auf der falschen Straßenseite nicht schon schlimm genug wäre, müssen sie auch noch ein anderes System für Längenangaben haben und zwingen einen darüber hinaus ständig, durch Todeskreisel zu fahren.

Ich sollte überhaupt nicht hier sein. Nicht allein. Das hier hätte Maeves Reise sein sollen. Nicht meine.

Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr hatte sie jedes einzelne Detail geplant. Doch ihr Gesundheitszustand erlaubte es ihr dann nicht, diese Reise anzutreten.

Jetzt wird sie es niemals tun.

Mich überkommt eine Welle der Trauer, und ich muss die Tränen, die mir in die Augen schießen, wegblinzeln, damit meine Sicht nicht verschwimmt.

Es ist schlimm genug, die beste Freundin zu verlieren, aber es ist noch einmal ein ganzes Stück schlimmer, wenn sie gleichzeitig die eigene Schwester ist.

Um mich abzulenken, stelle ich das Radio an, doch anscheinend spielt jeder verdammte Sender dasselbe Lied.

»I see her face. Blurred by time. Arms outstretched, but never mine.« Die Stimme des eindeutig irischen Sängers ist tief und sexy, doch der Text ist herzzerreißend und spielt mit meinen ohnehin schon empfindlichen Gefühlen. »Let the Irish rains wash away yer tears. Let me kiss away yer pain …«

Meiner Kehle entringt sich ein leises, fast hysterisches Lachen. Wenn es nur so einfach wäre.

»Come to me, my love. I’m waiting on the shore. It’s safe in yer harbor, but that’s not what ships are for.«

Es ist sicher in deinem Hafen.

Ja klar.

In meiner Welt ist absolut nichts sicher. Weder der Job, für den ich mir den Hintern abgearbeitet habe, noch der sanfte, wortgewandte Kerl, den ich unvorsichtigerweise in mein Herz gelassen habe, und vor allem nicht die Prognose der Ärzte, dass sich meine Schwester wieder erholen würde.

Ich habe alle drei verloren.

Ein Schmerz folgte dem anderen.

Also habe ich den Koffer gepackt, den ersten Flug vom O’Hare International gebucht, meinem fremdgehenden Verlobten den Ring zurückgegeben und mich entschieden, endlich die eine Sache zu tun, um die mich meine Schwester vor ihrem Tod noch gebeten hat – jedes einzelne Abenteuer auf ihrer Wunschliste abzuhaken.

Ich hole das zusammengefaltete Blatt Papier aus meiner Tasche und presse es an meine Brust.

»Wenn etwas passieren sollte …« Sie hatte mir die Liste vor ihrer Operation in die Hand gedrückt. Sonst hatte sie den Zettel immer bei sich gehabt. All ihre Träume auf ein verdammtes Blatt liniertes Papier gekritzelt. »Wenn ich nicht mehr dazu komme …«

»Du kommst wieder in Ordnung.«

»Versprich es mir.«

Ich versprach es ihr. Nicht weil ich wirklich glaubte, dass sie es nicht schaffen würde, sondern weil ich mit ganzem Herzen davon überzeugt war, dass alles in Ordnung kommen würde.

Lebe dein Leben für uns beide, Delaney.

Jetzt kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, die mir über die Wangen laufen. Wut vermischt mit Verzweiflung.

»Verflucht, Maeve. Und verflucht sei deine verdammte Liste. Und dass du mich allein gelassen hast.«

Der Sänger fährt mit seinem deprimierenden Text fort. »Whiskey is the cure for a broken heart.«

Aber in Wirklichkeit gibt es kein Heilmittel für ein gebrochenes Herz. Nur Methoden, um den Schmerz zu betäuben.

Ich sehe immer noch ihr Gesicht vor mir, höre ihre Worte, als hätte meine Schwester sie erst gestern ausgesprochen. »Manchmal denke ich, du fühlst dich schuldig, weil ich krank bin und nicht du.«

Natürlich tat ich das. Mukoviszidose ist eine genetische Erkrankung, und bei meiner Empfängnis hatte ich eine fünfundzwanzigprozentige Chance, sie zu bekommen. Es ist nicht fair, dass sie mich übersprungen hatte, nur um meine Schwester langsam zu töten.

»Lass dich von meiner Krankheit nicht vom Leben abhalten, Delaney. Finde dein Glück.« Dabei hatte sie mich auf diese Weise angesehen, bei der ich immer das Gefühl bekam, ich würde ihr leid tun. Als sei ich diejenige, die tägliche Behandlungen und wöchentliche Krankenhausbesuche über sich ergehen lassen musste.

Das waren ihre letzten Worte an mich.

Also bin ich jetzt hier.

Um zu leben.

Oder es zumindest zu versuchen.

Einen Monat lang, ohne Regeln oder Reue. Mit dieser verdammten Liste als einzigem Führer. Das habe ich ihr damals versprochen. Es hat jedoch sechs Monate gedauert, bis ich den Mut dafür aufbrachte.

Na ja, sechs Monate und einen Tritt in den Hintern. Vier Jahre Uni hatten mich nicht darauf vorbereitet, wie schwierig der Arbeitsmarkt sein würde. Doch in zwei Jahren war es mir gelungen, mich von der Kaffeebringerin des Büros zur leitenden Assistentin hochzuarbeiten. Bis ich letzte Woche wegen Budgetkürzungen gefeuert wurde.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war, meinen Verlobten Matt in meiner Wohnung mit einer anderen Frau zu erwischen. Er hatte so getan, als sei es meine Schuld gewesen, weil ich früher nach Hause gekommen war.

Mistkerl.

Ich massiere mir den Nacken. So langsam macht sich mein Schlafmangel bemerkbar. Im Kopf rechne ich den Zeitunterschied aus. Es ist fast achtzehn Uhr hier, was bedeutet, dass es daheim kurz vor Mittag ist. Ich bin seit über dreißig Stunden wach und vollkommen erschöpft.

Im Flugzeug konnte ich nicht schlafen.

Und das lag nicht allein an meiner Nervosität, sondern auch daran, dass ich zwischen einem quengeligen Kleinkind und einem Mann saß, der nach Fetakäse und Schweiß stank. Diese Kombination bewirkte, dass mir den ganzen Flug über schlecht war.

Ich hätte mir in Dublin lieber ein Hotel suchen und meinen Jetlag wegschlafen sollen, anstatt gleich mit meiner Fahrt quer durch das Land zu beginnen, aber mein Budget ist begrenzt, und Maeves Liste lang.

Dreißig Dinge in dreißig Tagen. Es erscheint unmöglich.

Mein erster Halt ist der Knocknarea. Ich habe keine Ahnung, wo das ist, außer an der Westküste, aber ich habe es in mein Navi eingegeben und hoffe einfach, bald da zu sein, weil ich nämlich noch keine Ahnung habe, wo ich schlafen werde. Die meisten Nächte muss ich wohl im Auto verbringen, aber heute Nacht hätte ich wirklich gern ein richtiges Bett.

Ich gähne, reibe mir die Augen und überlege, ob ich vielleicht einfach rechts ranfahren und ein paar Stunden schlafen soll. Doch mir bleibt keine Zeit, mich zu entscheiden, weil etwas Rotes um die Ecke direkt auf mich zugeschossen kommt.

Mist.

Der Fahrer des anderen Wagens bremst nicht ab, sondern fährt weiter stur auf mich zu und nimmt dabei mehr als die Hälfte der Straße ein.

Panisch reiße ich das Steuer nach links. Doch ich schätze falsch ein, wie viel Platz ich noch habe, und das Auto schrammt die alte Steinmauer entlang.

Oh. Mein. Gott.

Am liebsten würde ich die Augen schließen und auf den Aufprall des Autos warten.

Jede Faser meines Körpers ist angespannt.

Doch statt in mich hineinzukrachen, hupt das rote Cabrio nur, während es mit mehr Platz zwischen uns vorbeifährt, als ich gedacht hatte.

»Arschloch.«

Da höre ich einen Knall. Wie ein Pistolenschuss. Ich spüre ihn in der Brust, doch es kommt offenbar von der Front meines Mietwagens. Dann verliere ich die Kontrolle über das Steuer.

Ich will auf die Bremse treten, erwische in meiner Panik aber das Gaspedal.

Der Wagen rast über die rechte Spur und durchbricht Mauer und Gebüsch. Jeder Knochen in meinem Körper wird durchgerüttelt, während ich einen Abhang hinunter durch eine Schafherde rumple. Ich trete das Bremsregal durch und hoffe inständig, dass die Tiere rechtzeitig aus dem Weg laufen.

Mit einem letzten gewaltsamen Aufbäumen kommt der Wagen endlich zum Stehen.

Das. Kann. Doch. Nicht. Wahr. Sein.

Ich presse meine Stirn gegen das Lenkrad und schreie so laut ich kann, bis meine Kehle ganz wund ist. All die aufgestauten Emotionen, die ich im letzten halben Jahr unterdrückt habe, rollen durch mich hindurch wie eine Flutwelle.

Um die Sache noch schlimmer zu machen, ist das strahlende Blau des Himmels plötzlich zu einem bedrohlichen Grau geworden. Ein fetter Regentropfen fällt auf die Windschutzscheibe, gefolgt von einem weiteren, bis die Wolken über mir so richtig loslegen und der Regen so dicht wird, dass ich keinen Meter weit sehen kann.

Ich schreie erneut, lauter diesmal. Ich brülle jeden Kraftausdruck, der sich in meinem Wortschatz befindet, darunter ein paar, die ich mir gerade ausdenke.

»Alles in Ordnung da drinnen?«

Als ich die tiefe Stimme und das Klopfen am Beifahrerfenster höre, springt mir das Herz fast in die Kehle.

Ich schreie erneut auf, diesmal vor Überraschung, als die Tür geöffnet wird und sich eine sehr große, sehr nasse Gestalt ins Auto setzt und die Tür zuzieht.

Er ist tropfnass, und sein weißes T-Shirt mit dem V-Ausschnitt klebt an seinem muskulösen Oberkörper. Große Finger streichen durch dunkle Haare, die oben länger und an den Seiten kürzer geschnitten sind. Ein Blick, und ich weiß, dass der Kerl nichts als Ärger bedeutet. Sexy verlockenden irischen Ärger. Er ist genau der Typ Mann, auf den Maeve gestanden hätte.

Wild und rau.

Als er den Kopf dreht und mich ansieht, stockt mir der Atem. Blaue Augen blicken tief in meine, und seine vollen Lippen sind besorgt verzogen.

Ich versuche, ruhig zu atmen, dennoch beginnt mein Herz wild zu klopfen, und mir wird plötzlich ganz heiß.

»Sind Sie verletzt? Ich habe Sie schreien gehört.« Er berührt meine Stirn, und mich überläuft ein wohliger Schauer. »Haben Sie sich am Kopf verletzt?«

Das muss ich wohl, denn das wäre die einzige Erklärung für die Art und Weise, wie ich auf ihn reagiere.

Er lässt seine Hand sinken und mustert mich angespannt.

»Sie haben Glück, dass Sie keins von Davies Schafen erwischt habe. Die Mauer wird er Ihnen nachsehen, aber seine Schafe sind ihm heilig.« Von dem melodischen irischen Akzent, mit dem der Mann spricht, bekomme ich Schmetterlinge im Bauch.

Konzentriere dich, Delaney. Ich beginne zu fürchten, dass ich eine Gehirnerschütterung habe, denn es gelingt mir einfach nicht, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Nicht, während sein hungriger Blick über meinen Körper zu meinem Gesicht wandert, als wäre ich seine nächste Mahlzeit.

Ja, der Kerl bedeutet mit Sicherheit Ärger.

»Haben Sie Ihre Zunge verschluckt?«

»Was?«

»Sie können also doch sprechen.« Er zieht eine dunkle Augenbraue hoch, und sein Mundwinkel zuckt.

Er strahlt Arroganz aus. Er weiß, dass er attraktiv ist, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er ebenfalls weiß, welche Wirkung er auf mich hat.

Ich räuspere mich und reiße meinen Blick von seinem Gesicht los, doch erst nachdem mir die Andeutung eines Grübchens in seiner linken Wange aufgefallen ist. Es ist fast unter seinem Dreitagebart verborgen, doch es ist da.

»Sind Sie in Ordnung?«, fragt er erneut. Seine Stimme ist tief und vibriert in meiner Magengegend. Gott, dieser Akzent sollte verboten sein.

»Ja.« Ich schüttle den Kopf und sehe mich verzweifelt nach meinem Handy um. »Ich muss nur einen Abschleppdienst anrufen … und die Autovermietung, bevor sie Feierabend macht … oder die Versicherung.«

Ich weiß nicht einmal, wen ich anrufen muss. Ich war noch nie zuvor in einen Autounfall verwickelt, und schon gar nicht im Ausland. Ich öffne meinen Sicherheitsgut und will unter dem Rücksitz nachsehen, doch sobald mein Fuß die Bremse verlässt, beginnt der Wagen wieder loszurollen.

»Meine Güte.«

Der Wagen kommt ruckartig zum Stehen, als er die Handbremse zieht. Und so, wie ich mich gerade verdrehe, sorgt die Bewegung dafür, dass ich rückwärts falle und direkt in seinem Schoß lande.

Er brummt nur.

Mir stockt der Atem, als eine große Hand über meinen Rücken streicht, um mich wieder aufzurichten. Seine andere Hand liegt auf meinem Bein, und sein Mund ist nur Zentimeter von meinem entfernt. Die Wärme seines Atems kitzelt meine Wange.

Die Kühle seines feuchten T-Shirts ist die einzige Linderung in der Hitze, die meine Haut bei dem Kontakt zu verbrennen scheint.

»Entschuldigung.« Ich winde mich bei dem Versuch, mich von ihm zu lösen, doch ich befinde mich in einer unmöglichen Position.

Meine Hände liegen auf seiner Brust, und ich schwöre, ich kann sein Herz im gleichen wilden Tempo schlagen hören wie meines. Ich blicke auf und sehe in das kühle Blau seiner Augen.

Schock und Lust rasen durch meinen Körper, während ich die Impulse zu verstehen versuche, die gegen meinen gesunden Menschenverstand ankämpfen.

Einen Moment lang habe ich das Gefühl, die Welt würde aufhören, sich zu drehen. An so etwas wie Liebe auf den ersten Blick habe ich nie geglaubt, doch irgendetwas zwischen uns sprüht Funken. Dann scheint in seinen Augen Gleichgültigkeit auf, und es ist so schnell vorbei, dass ich denke, ich muss es mir eingebildet haben.

Er lässt mich los, und ich rutschte zurück auf den Fahrersitz.

Zwischen uns breitet sich eine unangenehme Stille aus.

»Ich kann mein Handy nicht finden«, murmle ich und kaue verlegen auf meiner Unterlippe herum.

»Sie sind Amerikanerin?« Er greift zwischen seine Beine, hebt mein Smartphone auf und gibt es mir. Sein Tonfall klingt jetzt fast mürrisch.

»Aus Chicago.«

Er brummt erneut. »Kein Wunder, dass Sie in der Mitte der Straße gefahren sind.«

»Ich bin nicht in der Mitte der …« Scheiße. Jetzt wird mir klar, wer er sein muss. »Sie sind der Idiot, der mich von der Straße gedrängt hat.«

»Ich hab Sie nicht von der Straße gedrängt, Süße.« Er kneift die Augen zusammen. »Sie hatten genug Platz.«

»Sie sind wie ein Irrer gefahren. Keine Ahnung, was hier die Höchstgeschwindigkeit ist, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie viel zu schnell gefahren sind.«

Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, dann schließt er ihn wieder. Seine Finger streichen durch seine Haare, und er sieht aus dem Fenster. Kühl und distanziert.

Ich schüttle den Kopf, ignoriere seinen plötzlichen Missmut und versuche, mein Handy einzuschalten. Doch das Display bleibt schwarz.

»Verdammt.« Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und stöhne frustriert auf. »Kann dieser Tag noch schlimmer werden?«

Der Mann neben mir schnaubt. »Kommen Sie. Der Regen hört gleich wieder auf. Ich bringe Sie dorthin, wo Sie hinmüssen. Haben Sie hier Familie?«

Ich lache verächtlich auf. »Nein.«

»Nein. Was wollen Sie denn dann hier?« Es klingt wie ein Vorwurf. Als wäre eine Amerikanerin in Irland eine absurde Vorstellung.

»Ich …« Bevor ich weitersprechen kann, fällt mir ein, dass ich diesem Fremden nicht mehr Informationen als nötig geben sollte. Denn ehrlich gesagt frage ich mich allmählich, warum ich überhaupt hergekommen bin. »Ich mache … Urlaub.«

»Und wo sind Sie untergebracht?«

»Keine Ahnung«, erwidere ich frustriert.

Schweigen.

»Und wo haben Sie vorgehabt, heute Nacht zu schlafen?«

»Hier.« Ich werfe die Hände hoch.

»In Ihrem Auto?« Ich höre die Missbilligung in seiner Stimme.

Meine Emotionen schnüren mir die Kehle zu, und ich richte meinen ganzen Frust auf ihn. »Wenn Sie mich nicht von der Straße gedrängt hätten, würde ich jetzt nicht in diesen Schwierigkeiten stecken.«

Er ignoriert meinen Vorwurf. »Lassen Sie mich das mal zusammenfassen. Sie sind allein nach Irland gekommen und haben vor, in Ihrem Auto zu schlafen?«

»Ja.« Trotzig verschränke ich die Arme vor der Brust und hebe das Kinn.

Er zieht seine Augenbrauen hoch, doch ich weiß nicht, ob er beeindruckt oder entsetzt ist.

»Sind Sie auf der Flucht?« Meint er das ernst? Sein rechtes Auge zuckt.

»Nein.« Oder doch? Irgendwie schon. Auf der Flucht vor mir selbst. Vor meinen Eltern. Meinem Ex. Und vor der Erinnerung an Maeve. Ich schüttle den Kopf. »Es ist kompliziert.«

Er murmelt etwas Unverständliches, doch ich nehme an, dass er mich für vollkommen verrückt hält. Denn statt hier zu sitzen und mich mit ihm zu streiten, sollte ich mir lieber überlegen, wie ich aus dieser Misere wieder herauskomme.

»Wenn ich mir Ihr Handy kurz leihen dürfte, rufe ich einen Abschleppdienst an. Der Fahrer kann mich dann zur nächsten Autovermietung bringen.«

»Hier gibt es so etwas nicht. Und selbst wenn, haben die Leute dort inzwischen Feierabend.«

Ich mache ein Geräusch, das eine Mischung aus Lachen und Schluchzen ist.

Was soll ich nur tun?

Tränen lassen meine Sicht verschwimmen, doch ich blinzle sie weg. Die Nerven zu verlieren hilft mir jetzt auch nicht weiter. Und ich werde nicht vor diesem Kerl rumheulen, ganz egal, wie sehr mir danach ist.

Der Mann schnaubt genervt und streicht sich über seine Bartstoppeln.

»Kommen Sie mit.« Er öffnet die Tür.

»Wohin?«

Er brummt. »Sie können mit zu mir nach Hause kommen.«

Mir klappt vor Überraschung der Mund auf.

Allein mit ihm in seiner Wohnung?

Keine gute Idee, warnt mich mein Verstand.

Aber was habe ich für andere Optionen?

Bei dieser Reise geht es darum, neue Dinge auszuprobieren. Die alte Delaney würde niemals bei einem Fremden einsteigen, ganz zu schweigen davon, mit ihm nach Hause zu gehen. Doch verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen.

Als ich mich nicht rühre, fügt er hinzu: »Außer, Sie wollen lieber hier bei den Schafen schlafen.«

Irgendwas sagt mir, dass das viel ungefährlicher wäre.

Aber nicht halb so aufregend.

2

Cillian

Ich beginne den Hang hinaufzugehen. Halb erwarte ich, dass die Frau in ihrem Auto sitzen bleibt. Halb hoffe ich es auch. Ich kann das jetzt nicht brauchen. Nicht heute. Ich wollte einfach nur ein paar Tage vom Radar verschwinden. Doch selbst wenn ich die Amerikanerin loswerde, kann ich den Schaden am Zaun nicht ignorieren. Es wird nicht lange dauern, bis Davies Schafe die Fluchtroute entdecken.

Aufgebracht fahre ich mir durchs Haar, dann ziehe ich mein Handy aus der Tasche und mache den Anruf, der meine Rückkehr offiziell machen wird. Denn so gut Tommy O’Flynn auch als Mechaniker ist, als Klatschmaul ist er noch besser. Ich habe keinen Zweifel daran, dass fünf Minuten nach meinem Anruf die ganze Stadt Bescheid wissen wird.

»Hey Tommy, hier ist Cillian.«

»Cillian Gallagher.« Seine Stimme klingt überrascht und auch ein bisschen ehrfürchtig. »Himmel, es tut gut, deine Stimme zu hören. Bist du zurück?«

»Ja, ich bin hier drüben bei Davie und hab ein kleines Problem. So eine verdammte Amerikanerin ist von der Straße abgekommen. Du müsstest ihren Wagen abschleppen. Und kannst du Davie Bescheid sagen, dass er seinen Zaun reparieren muss? Sie hat ein ziemlich großes Loch reingefahren.«

»Was für ein Schlamassel.«

Ein leises Schnauben hinter mir sorgt dafür, dass ich einen Blick über meine Schulter werfe, gerade als die Frau eine Reihe von Kraftausdrücken vom Stapel lässt, die sogar Tommy erröten lassen würden.

Sie versucht, ihren riesigen Koffer den Hang hinaufzuschleppen, doch die Rollen bleiben immer wieder in der weichen Erde stecken.

Ich schüttle den Kopf und seufze genervt.

Ich weiß jetzt schon, dass diese Frau nur eines bedeutet – Ärger. Wunderschönen sexy amerikanischen Ärger, aber nichtsdestoweniger Ärger. Das Letzte, was ich gerade brauchen kann.

Dreißig Sekunden zu Hause, und ich rase direkt wieder hinein.

Schuldgefühle und ein Gefühl von Anstand, das ich in meinen eiskalten Herzen gar nicht vermutet hätte, sind das Einzige, was mich davon abhält, sie einfach hier stehen zu lassen.

Ich bin schließlich nicht schuld daran, dass sie von der Straße abgekommen ist. Wirklich nicht. Ich fahre mir erneut durch die Haare und verziehe das Gesicht. Sicher, ich war zu schnell unterwegs, und ich hab die Kurve weiter genommen, als nötig gewesen wäre. Doch die Frau hatte mehr als genug Platz. Es ist nicht mein Problem, wenn sie nicht weiß, wie man fährt. Mürrisch komme ich zu der Entscheidung, dass es wohl sein muss.

Ich beende den Anruf und gehe wieder den Hang hinunter. Dabei bemühe ich mich, den Blick auf ihr Gesicht zu richten und keinesfalls die Kurven entlangwandern zu lassen, die sie unter einem weiten Hoodie und einer zerrissenen Jeans versteckt.

Ihre dunklen Haare hat sie zu einem unordentlichen Knoten zusammengefasst, und sie ist wenig, wenn überhaupt, geschminkt. Nicht, dass sie es nötig hätte. Ihre Haut ist makellos, bis auf ein paar Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken und den Wangen. Es sind ihre Augen, die mich aus der Fassung bringen. Grünbraun mit goldenen Sprenkeln. Aber es ist mehr das, was ich darin sehe, was mich so erschüttert.

Schmerz, Wut, Angst, gemischt mit Stärke, Leidenschaft und Lust.

Ein Chaos aus Emotionen, gefangen hinter einer Maske selbst auferlegter Regeln. Aber ich kann sehen, dass etwas Wildes nur darauf wartet, freigelassen zu werden.

Und sie ist hinreißend.

Ich weiß nicht, warum es mich so irritiert. Aber es ist so.

»Geben Sie schon her«, knurre ich und greife nach ihrem Koffer.

»Das schaffe ich schon selbst.«

Widerwillig lasse ich es sie ein paar weitere Schritte lang probieren, doch als sie den Halt verliert und ein Stück den Hang nach unten rutscht, beachte ich ihre Proteste nicht weiter und nehme ihr den Koffer ab.

»Himmel, Maria und Josef, was haben Sie da alles drin?« Er muss über fünfzig Kilo wiegen.

»Wenn er Ihnen zu schwer ist …«

Ich sehe sie mit zusammengekniffenen Augen an, und sie macht den Mund zu.

Als ich ihr Gepäck auf der Rückbank meines Wagens verstaue, ertappe ich sie dabei, wie sie mich ansieht.

Ich kann die Unsicherheit in ihrem Blick erkennen. Als wüsste sie nicht, ob sie mir über den Weg trauen kann. Das ist kein Blick, an den ich gewöhnt bin. Denn schon bevor Wild Irish mit der Single Meet Me in Sligo die Charts eroberte hat es mir nie an weiblicher Gesellschaft gefehlt.

Ich hätte jede Nacht eine andere Frau haben können, aber ich habe die Rolle des treuen Idioten gespielt. Ohne zu ahnen, dass die Frau, die ich liebte, halb Irland vögelte, einschließlich meines eigenen verdammten Bruders.

Ich war am Boden zerstört. Nicht nur wegen des Verrats. Über ihren würde ich hinwegkommen. Über seinen niemals. Aber es war das, was danach kam – weitere verdammte Lügen –, was mich in eine dreimonatige betrunkene Abwärtsspirale geschickt hat.

Meine Freunde, meine gottverdammten Bandmitglieder, Jungs, die für mich wie eine Familie waren, schlugen sich auf Owens Seite und glaubten den Schwachsinn, den er von sich gab.

Er schwor beim Grab unseres Vaters, dass er nicht mit Molly geschlafen habe. Aber ich hatte sie zusammen nackt in seinem Bett erwischt. Schwer, solche Fakten abzustreiten.

Also bin ich gegangen. Hab mich in den letzten drei Monaten in einer Wohnung in Dublin verkrochen. Hab getrunken. Herumgevögelt. Alle Anrufe ignoriert. Selbst als sie mir mit rechtlichen Schritten drohten, nachdem ich ihnen gesagt hatte, ich würde unsere bevorstehende Tour abblasen.

Dann sollen sie mich eben verklagen. Denn ich werde niemals wieder zusammen mit diesem verräterischen Mistkerl von Bruder auf einer Bühne stehen.

»Steigen Sie ein«, knurre ich und klinge dabei noch mürrischer als zuvor.

Sie runzelt die Stirn. »Vielleicht sollte ich lieber hier warten. Wenn Sie einfach einen Abschleppwagen rufen könnten.«

»Hab ich gerade.« Ich muss tief durchatmen und die Zähne zusammenbeißen, um nicht noch gereizter zu klingen. Doch ich befürchte, dass es mir nicht gelingt. »Ich habe nicht die Angewohnheit, Frauen zu entführen, wenn es das ist, wovor Sie Angst haben.«

»Das ist nicht …« Sie stößt ein zittriges Seufzen aus und schließt die Augen, als würde sie versuchen, Tränen zurückzuhalten.

Es gab eine Zeit, in der ich etwas anderes als Verärgerung empfunden hätte, doch dieser Teil von mir ist durch den Verrat meines Bruders gestorben. Jetzt ist kalte, unablässige Verbitterung das Einzige, was ich noch empfinde.

»Es gibt nichts, was Sie hier draußen tun können. Ich nehme Sie mit zu mir, und da können Sie anrufen, wen immer Sie wollen. Aber ich würde gern so schnell wie möglich diese nassen Klamotten loswerden, bevor ich mir noch den Tod hole.«

Glücklicherweise widerspricht sie nicht, sondern nickt nur.

Ich stelle das Radio an, um die Stille zu füllen. Als meine eigene Stimme aus den Lautsprechern dringt, verziehe ich das Gesicht. »… It’s safe in yer harbour, but that’s not what ships are for.«

»Ich glaube, ich hab dieses Lied bestimmt schon zwanzigmal gehört, seit ich heute Morgen gelandet bin. Welche Band ist das?«

Ich streiche mir über die Bartstoppeln. »Wild Irish.«

Sie nickt. »Die sind gut. Das Lied wird ein bisschen zu oft gespielt, aber ich mag, wie sie klingen.«

Das Geräusch, das in meiner Brust vibriert, ist eine Mischung aus Stöhnen und Knurren.

»Sie sind anderer Meinung?«

»Die sind total überbewertet«, murmle ich, halte den Blick starr auf die Straße gerichtet und stelle das Radio ab.

Schweigen erfüllt den Wagen, und ich bin dankbar, als sie nicht versucht, es zu vertreiben.

Erst als ich vor meinem Haus halte, schaue ich sie an.

Sie schläft tief und fest und hält dabei ein Stück Papier so fest in der Hand, als wäre es eine Rettungsleine.

Obwohl ich weiß, dass ich es nicht tun sollte, nehme ich mir Zeit, sie mir genau anzusehen.

Ich bin scharf auf sie, seit ich in ihren Wagen eingestiegen bin und ihren süßen kleinen Mund gesehen habe, der vor Überraschung ein O gebildet hatte. Seit ihr Blick meine Brust hinunter- und dann wieder zu meinem Gesicht hinaufgewandert ist. Seit ihre Zungenspitze über ihre Unterlippe geschnellt ist und mich quasi zu einem Kuss herausgefordert hat.

Wenn ich wieder in Dublin oder auf Tour wäre, würde ich nicht zögern, ihr eine Kostprobe zu geben. Aber es gibt genug, um das ich mir nach meiner Rückkehr Gedanken machen muss. Und angesichts der Umstände, unter denen ich sie gefunden habe, hat sie ihr eigenes Päckchen zu tragen.

Am besten ist es wohl, den barmherzigen Samariter zu spielen und sie dann wieder auf ihren Weg zu schicken.

Sie bewegt sich im Schlaf, und der Zettel fällt ihr aus der Hand.

Die Neugier lässt mich ihn aufheben und auseinanderfalten.

Es ist eine Liste.

Eine seltsame Liste.

Ich schüttle den Kopf und muss grinsen. Einen Fremden küssen. Nackt im Meer baden. Von einer Klippe springen.

Nummer zweiundzwanzig lässt mich schlucken. Einen Wahnsinnsorgasmus haben.

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