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Wild Claws Im Visier der Haie

Max Held

Max Held wurde in Nairobi geboren. Schon immer interessierte er sich für Tiere, und so verbrachte er endlose Stunden mit der Beobachtung von Gorillas, Krokodilen und Jaguaren. Als Erwachsener arbeitete er in Nationalparks rund um die Welt, bevor er sich schließlich in Deutschland niederließ und damit begann, seine Abenteuer in Form von Kinderbüchern niederzuschreiben. Treue Begleiterin seit vielen Jahren ist seine Vogelspinne Elfriede.

Timo Grubing

Timo Grubing, 1981 in Bochum geboren, ist nach seinem Designstudium in Münster in seine Geburtsstadt zurückgekehrt. Dort lebt und arbeitet er als freier Illustrator für Kinder- und Jugendbücher, Schulbücher oder auch für Familienspiele und Rollenspiele. Seine Begeisterung für schuppige Tiere geht so weit, dass er liebend gern einen Drachen als Haustier hätte, und wäre der Traum, Illustrator zu werden, nicht in Erfüllung gegangen, so würde er als Tierpfleger im Jurassic Park arbeiten.

Albert Lee schreckte auf. War da was gewesen? Eine Berührung? Ein Geräusch? Oder waren das bloß Nachwehen des Traums, den er gerade gehabt hatte und der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ?

Er hatte Kamohoalii gesehen, wieder einmal. Aber diesmal hatte er nicht am Ufer gestanden und gelassen seine Schöpfung betrachtet – er hatte vor Zorn gebebt. Mit erhobenen Armen und glühenden Augen hatte Kamohoalii gerufen: Honoho ka honua!

Mr Lee kannte die Bedeutung dieses hawaiianischen Ausrufs, schließlich hatte er ihn oft genug gehört, als er noch auf Maui lebte. Die Erde schreit. Warum? Weil der Mensch sie mit seinem Müll und seiner Unachtsamkeit zerstört. Honoho ka honua! Mr Lee hatte sich nie besonders darum gekümmert, womit er selber zur Zerstörung der Erde beitrug. Das hatte sich erst geändert, nachdem ihm Kamohoalii erschienen war. Eines Nachts.

Sieh dich vor!, hatte ihn der Gott gewarnt. Der Tag wird kommen, an dem das Meer so dreckig ist, dass die Fische sterben. Dann sende ich meine Rache, den großen Hai, der euch verschlingen wird. Und mein glühendes Auge wird seine Ankunft ankündigen.

Immer wieder hatte Mr Lee nach dem glühenden Auge Ausschau gehalten, nachts, wenn ihn die Angst aus dem Schlaf riss. Dann setzte er sich auf den Lehnstuhl, draußen auf der Plattform seines Leuchtturms, und starrte in die Finsternis. Aber Kamohoaliis Auge hatte er nie gesehen.

Jetzt hatte der Gott ihn erneut geweckt. Mit einer so intensiven Vision, dass es Mr Lee kalt den Rücken runterlief. Er stand auf und ging hinaus. Kühle Meeresluft empfing ihn. Das Licht des Mondes wurde von einer Wolkendecke verschluckt. Ein Geräusch näherte sich, es hörte sich an wie der Motor eines Bootes. Dann flammte über dem Meer plötzlich ein Licht auf, rot und pulsierend wie das Herz eines Tiers. Es schaukelte hin und her, begleitet von einem hellen Surren, das Mr Lee an hämisches Gelächter erinnerte. Dann verharrte das Licht unvermittelt, schoss wie auf Kommando erst senkrecht nach oben und stürzte dann herab, gefolgt von einem klatschenden Geräusch, als es auf die Wasseroberfläche traf. Damit verschwanden Licht und Lachen. Und es wurde wieder still.

Kamohoalii hatte seinen Boten geschickt, da war sich Mr Lee sicher. Der große Hai war vom Himmel gekommen und ins Meer gestürzt, wo er nun lauerte, um die Menschheit zu bestrafen.

»Nicht bewegen«, sagte Logan und hob mahnend die Hand. »Und keinen Mucks!«

Die kleine Gruppe Männer, Frauen und Kinder hinter ihm im Boot starrte gebannt zu dem abgeknickten Baumstamm, der etwa fünfzig Meter weit entfernt von einer Kieferninsel ins Wasser ragte. Auf ihm balancierte ein Luchs und spitzte die Ohren. Ein Schatten im Wasser näherte sich ihm.

»Ein Alligator?«, fragte ein Mann in Hawaiihemd und Bermudashorts. Logan nickte. »Und zwar ein großer.«

»Der arme Luchs«, murmelte der Mann.

Das Reptil kam dem Baumstamm immer näher. Die Leute auf dem Boot hielten den Atem an. Der Alligator wurde schneller – der Luchs stand stocksteif da. Plötzlich durchbrach ein Schrei die Stille: »Hey-a-hey!«

Reflexartig sprang der Luchs auf die Kieferninsel und flüchtete ins Dickicht der Bäume. Der Schatten im Wasser verharrte einen Augenblick und verschwand dann im trüben Nass.

Logans Miene verfinsterte sich. Wütend drehte er sich zu dem Mann im Hawaiihemd um und funkelte ihn böse an. »Ich sagte doch: keinen Mucks!«

»Sorry«, erwiderte der Mann. »Aber ich konnte einfach nicht tatenlos zusehen, wie die fiese Echse den armen Luchs killt.«

Aus der Gruppe kam zustimmendes Gemurmel.

»Der Alligator ist nicht fies«, stellte Logan klar. »Und der Luchs ist auch kein armes Opfer. Beide verhalten sich so, wie es Tiere nun mal tun: Sie fressen und werden gefressen. Das ist der Lauf der Natur.«

»Aber wenn ich die Gelegenheit habe einzugreifen und damit das Leben eines Tieres retten kann, mache ich das auch«, verteidigte sich der Mann.

»Wir befinden uns in einem Schutzgebiet«, erwiderte Logan. »Der Everglades Nationalpark wurde eingerichtet, damit sich Tiere und Pflanzen ohne Eingriffe durch den Menschen entwickeln können. Wir sind hier Gäste.« Er seufzte. »Ich verstehe ja, dass Sie das Leben des Luchses retten möchten. Aber indem Sie das tun, gefährden Sie das Leben des Alligators. Der geht jetzt nämlich leer aus. Und wenn er nichts anderes zu fressen findet, ist er derjenige, der stirbt.«

Einige Gäste nickten.

»Wenn wir den Tieren einen Gefallen tun wollen«, fuhr Logan fort, »mischen wir uns so wenig wie möglich ein. Die Natur kommt auch ohne den Menschen zurecht. Meistens sogar besser.« Er rückte sein Käppi zurecht. »Okay, fahren wir zur Station zurück.« Damit startete er den Motor und der große Propeller am Heck des Boots begann zu rotieren. Logan lenkte den Bug Richtung Norden und gab Gas.

Als die Scorpion den Anleger der Wildtierstation Wild Claws erreichte, warteten bereits Jack und Charlotte auf Logan und die achtköpfige Touristengruppe.

»Hier gibt’s Souvenirs!«, rief Jack wie ein Marktschreier und zeigte zum kleinen Tisch neben sich, auf dem Käppis, Tücher und Andenken zum Verkauf auslagen, allesamt mit dem Schriftzug Ringo’s Flamingo Tours und dem Logo eines auf einem Bein stehenden Flamingos versehen.

»Und hier können Sie Fotos mit unserem Maskottchen Sam machen!«, rief Charlotte und kraulte den Waschbären auf ihrer Schulter hinterm Ohr. »Heute zum Schnäppchenpreis von nur fünf Dollar pro Bild!«

Einige Besucher kauften Mützen, andere machten Fotos mit Sam. Als die Gruppe schließlich wieder im Shuttlebus nach Homestead saß, winkten ihnen die drei Freunde noch nach.

»Schnäppchenpreis?«, fragte Logan. »Seit wann haben wir einen Schnäppchenpreis?«

»Seit ich das beschlossen habe«, strahlte Charlotte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

»Ja, aber die Fotos kosten doch immer fünf Dollar.«

»Das wissen unsere Gäste aber nicht.«

»Ist das nicht Betrug?«, fragte Logan skeptisch.

»Nein, das nennt sich Marketing«, sagte Basil, einer der beiden fest angestellten Wildhüter auf Wild Claws, und kam breit grinsend auf sie zugeschlendert. »Und ihr seid die geschäftstüchtigsten jungen Leute, die mir je begegnet sind.« Vor dem Verkaufstisch blieb er stehen und stemmte die Hände in die Seite. »Wildlife-Touren, Andenken, Waschbär-Fotos – das habt ihr echt klasse aufgezogen.« Die drei Freunde grinsten.

Die Idee mit den Wildlife-Touren war Jack, Logan und Charlotte vor ein paar Wochen gekommen, nachdem sie den Fall mit den Diamantenschmugglern aufgeklärt hatten – der ziemlich gefährlich gewesen war.

»Keine Heldentaten mehr!«, hatte Logans Mutter Sarah, die Leiterin der Wildtierstation, danach zur Bedingung gemacht. Seitdem beschäftigte sich das Trio mit dem Aufbau von Ringo’s Flamingo Tours, um Besuchern des Nationalparks die Notwendigkeit des Naturschutzes vor Augen zu führen.

Und der Erfolg gab ihnen recht: Schon über einhundert Gäste hatten auf Jacks Propellerboot Scorpion die Everglades erkundet und dabei die Tiere und Pflanzen des Nationalparks kennengelernt. Die Einnahmen wollten die drei Freunde eigentlich komplett dem Erhalt der Station zukommen lassen. Aber Sarah hatte darauf bestanden, dass sie zumindest einen Teil als Taschengeldaufbesserung selbst behielten. Schließlich sollte RFT nicht nur Spaß machen, sondern sich auch lohnen.

»Nur komisch, dass die Leute immer meinen, sie müssten sich in die Natur einmischen«, wunderte sich Logan und dachte an den Touristen mit dem Hawaiihemd.

»Sie wissen es eben nicht besser«, sagte Basil. »Aber dafür gibt es jetzt ja euch. Apropos: Macht ihr morgen auch eine Tour?«

Jack schüttelte den Kopf. »Nein. Eigentlich hatte sich eine Reisegruppe aus New York angemeldet, aber die haben kurzfristig abgesagt.«

»Das trifft sich gut«, sagte Basil. »Ich fahre nämlich morgen nach Miami und habe dort einige Dinge zu erledigen. Vielleicht habt ihr Lust, mitzukommen und einen Strandtag am Meer zu verbringen?«

»Na klar«, freute sich Jack und sah zu Charlotte. »Warst du schon mal im Atlantik baden?«

Das Mädchen mit den schwarzen Haaren schüttelte den Kopf. »Nein, noch nicht.«

»Dann sind wir dabei«, sagte Jack.

»Eine gute Gelegenheit, meine neue GPS-Armbanduhr zu testen«, sagte Logan, der die Uhr zum Geburtstag von seiner Mum bekommen hatte. »Die ist wasserdicht bis hundert Meter!«

»So tief kommst du mit deiner Schnorchelmaske aber nicht«, lachte Basil. »Also dann: Morgen um acht Uhr geht es los.«

Die Everglades liegen in den Tropen und es ist fast das ganze Jahr über sehr warm und sehr feucht. In der Regenzeit, die von April bis November dauert, gibt sich das Wetter besonders launisch, und es kann passieren, dass morgens die Sonne vom strahlend blauen Himmel scheint, mittags ein Unwetter über den Süden Floridas hinwegzieht und abends wieder alles so friedlich wirkt, als wäre man im Garten Eden. Die einzige Konstante in diesem Wechselbad der Elemente sind die Mückenschwärme, die sich in dem schwülen Klima pudelwohl fühlen und hemmungslos über ihre Opfer herfallen, um sie auszusaugen. Kein Wunder, dass der Osten Floridas in alten Zeiten Moskito County genannt wurde.

Dennoch liebten die Bewohner von Devils Horn, dem kleinen Ort mitten im Sumpfgebiet, ihre Heimat und wollten um nichts in der Welt mit einem Leben in der Stadt tauschen. Auch Charlotte gehörte seit ein paar Wochen zu ihnen und genoss ihre neue Heimat bereits in vollen Zügen. Nach einem Missverständnis war das Mädchen von seinen Pflegeeltern ans Jugendamt zurückgegeben worden. Daraufhin hatten ihr Jacks Eltern das Angebot gemacht, sie zu adoptieren, denn den Matthews war nicht entgangen, dass sich Charlotte bei ihnen wohlfühlte. Außerdem hatte sie in Jack und Logan zwei enge Freunde gefunden. Deshalb war Charlotte schließlich zu den Matthews gezogen und richtete sich ihr neues Zuhause nach ihren Wünschen ein – worüber sich Logan manchmal lustig machte, denn Charlottes Lieblingsfarbe war Schwarz. Sie trug schwarze Klamotten und hatte sogar ihre Haare schwarz gefärbt. In ihrem Zimmer hängte sie schwarze Gardinen auf und lackierte auch die Regale schwarz.

»Das ist kein Zimmer, sondern eine Gruft«, witzelte Logan hin und wieder. Aber Charlotte mochte es nun mal dunkel und damit war sie nicht alleine: Auch Waschbär Sam schien die Finsternis zu schätzen und hielt sich immer öfter in Charlottes Zimmer auf, obwohl er eigentlich in Wild Claws zu Hause war. Aber wenn die Sonne unterging und es langsam dunkel wurde, schlich Sam immer häufiger zu den Matthews, um unter Charlottes Bett zu schlafen.

»Sam versteht mich«, sagte Charlotte manchmal. Und wenn sie ihn dann angrinste, tastete der Waschbär mit seinen kleinen Pfoten ihre Nase ab.

Am Sonntagmorgen fuhren die drei Freunde mit Basil im Wagen Richtung Norden. Es gab nur eine einzige feste Straße im Nationalpark und für gewöhnlich fuhren die Bewohner von Devils Horn mit dem Propellerboot in den nächstgelegenen Ort Homestead.

Weil die vier aber noch weiter nach Miami wollten, nahmen sie den Pick-up der Tierstation. Die Luft war warm und die Sonne schickte ihre goldenen Strahlen von einem blauen Himmel. Schwärme von Insekten surrten umher und weiter westlich flog ein Schwarm Pelikane Richtung Meer – vermutlich, um sich dort ein Fischfrühstück zu gönnen. Die Fenster des Fords waren heruntergekurbelt und aus dem Radio tönte entspannte Musik. Die perfekte Stimmung für einen relaxten Tag am Strand.

»Was hast du eigentlich in Miami zu tun?«, fragte Logan, der auf dem Beifahrersitz saß.

»Ich helfe heute im Zoo aus«, antwortete der stämmige Kerl mit dem kantigen Gesicht. »Zwei Reptilienpfleger sind krank geworden und die Zooleitung konnte erst ab morgen Ersatz organisieren. Deshalb haben sie deine Mum angerufen und gefragt, ob jemand von uns einspringen kann. Danach hole ich dann noch unseren neuen Gast ab: David Thornton, ein Haiforscher aus South Carolina.«

»Wir bekommen Besuch?«, wunderte sich Logan. »Davon hat mir Mum gar nichts erzählt.«

»Das hat sich spontan ergeben«, erklärte Basil. »Thornton ist wohl ein alter Bekannter deiner Mum und war zufällig in der Gegend.«

»Und er ist Haiexperte?«, fragte Jack neugierig.

Basil nickte. »Sein Spezialgebiet sind Weiße Haie. Sarah meinte, David würde auch ohne Käfig mit ihnen schwimmen. Er könne das Verhalten der Tiere ziemlich gut einschätzen.«

»Dem musst du unbedingt deinen Survival-Woofer vorführen«, sagte Jack. »Vielleicht funktioniert der ja auch bei Haien. Das wäre doch der Hit!«

Logan hatte in den vergangenen Monaten nämlich an einem würfelförmigen Gerät gebastelt, das über einen Lautsprecher ein extrem hohes Signal aussandte. Der Ton war für Menschen unhörbar, aber einige Tiere konnten ihn mit ihren sensiblen Sinnesorganen wahrnehmen. Waschbär Sam beispielsweise war Hals über Kopf geflüchtet, als Logan das Gerät bei ihm ausprobiert hatte.

Logan hoffte, dass die Box vor allem gefährliche Tiere auf Abstand halten konnte – zu ihrem eigenen Schutz. Es kam nämlich immer wieder vor, dass sich Menschen von wilden Tieren bedroht fühlten und sie deshalb erschossen. Zuletzt war das einem Puma passiert, der sich in einen Supermarkt in Homestead verirrt hatte. Mit einem SuWo, wie Logan seinen Woofer nannte, hätte man das Tier vielleicht vertreiben und damit sein Leben retten können. Der Gedanke, ob die Box auch bei Haien funktionierte, war Logan allerdings noch nicht gekommen.

»Ich weiß nicht«, murmelte er. »Für den Einsatz im Wasser habe ich den SuWo eigentlich nicht konstruiert.«

»Trotzdem solltest du Thornton die Box zeigen«, ermunterte ihn Basil. »Wenn dir ein Haiexperte über den Weg läuft, musst du die Gelegenheit beim Schopfe packen. Und verlieren kannst du dabei ja nichts.«

Logan nickte. »Ich denk drüber nach.«

Miami war berühmt für seine Strände, an denen sich Schwimmer, Surfer und Schnorchler ein Stelldichein gaben. Besonders Miami Beach, eine dem Festland vorgelagerte Inselstadt, die über mehrere Brücken erreicht werden konnte, erfreute sich großer Beliebtheit. Das lag zum einen an den traumhaften Sandstränden, die aussahen, als wären sie einem Hollywoodfilm entsprungen. Zum anderen an der Vielfalt der Meeresbewohner: Papageienfische, Zackenbarsche, Langusten, Stachelrochen und Meeresschildkröten tummelten sich nur wenige Meter vom Strand entfernt im blaugrünen Wasser. Delfine und Seekühe reckten immer wieder ihre Köpfe empor und mit Glück begegnete man sogar einem Ammenhai.

Obwohl Jack und Logan im Everglades Nationalpark aufgewachsen und an einen üppigen Artenreichtum gewöhnt waren, stellte ein Schnorchelausflug nach Miami Beach dennoch immer wieder ein Highlight dar: nicht nur wegen der Fische, die man im Sumpfgebiet nicht zu sehen bekam, sondern auch wegen des Urlaubsfeelings, das im Nationalpark nur selten aufkam, weil es eigentlich immer etwas zu tun gab. Jack und Logan machte die Arbeit zwar meistens Spaß, dennoch genossen sie auch die Momente, in denen sie einfach nur chillen konnten, zum Beispiel am Strand von Miami Beach.

»Wir treffen uns um sechs wieder hier«, verabschiedete sich Basil, als er die drei absetzte, und fuhr davon.

»Wow, das ist ja das reinste Urlaubsparadies hier«, staunte Charlotte mit Blick auf die riesigen Hotelanlagen, die sich bis zum Horizont erstreckten.

Die drei Freunde durchquerten einen schmalen Grüngürtel aus Palmen. Gleich dahinter lag der breite Sandstrand mit zahllosen Sonnenschirmen und Liegen, die auf Gäste warteten. Obwohl es noch relativ früh war, heizte die Sonne die Luft bereits mächtig auf. Dreißig Grad Celsius hatte der Wetterdienst vorausgesagt. Für November war das ziemlich warm, aber da Klimaschwankungen in Florida sowieso an der Tagesordnung waren, hatten sich die Bewohner damit arrangiert.

Logan zog Shorts und T-Shirt aus, schnappte sich die Schnorchelmaske und rannte los. »Ab ins Wasser!«, rief er. Sekunden später stürzte er sich in die Fluten.

Charlotte zögerte.

»Was ist los?«, fragte Jack, während er sich ebenfalls umzog.

Seine neue Schwester ließ den Blick über Miami Beach schweifen. Noch war wenig los, nur hier und da sah man Menschen, die ihre Handtücher platzierten oder sich eincremten. Im Wasser war noch niemand.

»Wie ist das mit Haien?«, fragte Charlotte mit sorgenvoller Miene. »Gibt es hier welche?«

Jack nickte. »Klar. Dornhai, Walhai, Riesenhai, Sandtigerhai, Fuchshai, Weißer Hai …«

»Ist das der mit den großen Zähnen?«, fragte Charlotte erschrocken.

Jack winkte ab. »Keine Angst, Menschen stehen für gewöhnlich nicht auf seinem Speiseplan.«

Charlotte schluckte. »Für gewöhnlich.«

»Glaub mir: Haie haben kein Interesse an Menschen«, erklärte Jack. »Wir sind denen viel zu laut und zu hektisch. Außerdem bieten wir zu wenig Fleisch, das lohnt sich für Haie nicht. Und wenn sie doch mal einen Menschen beißen, ist das fast immer ein Missverständnis.«

»Aber es kommt vor«, sagte Charlotte.

Jack nickte. »Genauso wie Menschen von Autos angefahren werden. Wenn man sich denselben Platz teilt, kommt es zwangsläufig zu Begegnungen. Aber würdest du, nur weil es Verkehrsunfälle gibt, nicht mehr auf die Straße gehen?«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Charlotte, machte aber trotzdem keine Anstalten, sich umzuziehen.

»Das verstehe ich nicht«, wunderte sich Jack. »Du bist doch sonst so furchtlos und streifst sogar alleine durch den Sumpf. Du watest durch Tümpel, in denen Krokodile und Alligatoren lauern könnten, und stürmst auf Verbrecher los, die ihre Waffe auf dich richten. Und jetzt hast du Angst, du könntest einem Hai begegnen?«

Charlotte zuckte mit den Schultern. »Ich kann nichts dafür …«

»Oooohhh nein …«, rief eine Stimme vom Meer. Jack und Charlotte sahen zu Logan, der knapp fünfzig Meter weit entfernt im Wasser schwamm und hektisch um sich blickte. »Etwas hat mein Bein gestreift! Da ist ein Schatten im Wasser, er umkreist mich …«

Charlotte stockte der Atem. »Logan wird angegriffen!«

Aber Jack schenkte seinem Freund keine Beachtung, sondern zog stattdessen in aller Ruhe seine Shorts aus, unter der er bereits seine Badehose trug.

»Ein Hai!«, rief Logan und schlug um sich. Wasser spritzte auf. »Er sieht total ausgemergelt aus, hat bestimmt seit Wochen nichts mehr gefressen. Und jetzt nimmt er alles, was er kriegen kann!«

Charlotte wurde leichenblass. Im selben Augenblick wurde Logan von einer unsichtbaren Macht gepackt und unter die Wasseroberfläche gezogen.

»Logan wird von einem Hai gefressen!«, brüllte Charlotte.

»Wird er nicht«, erwiderte Jack entspannt und nahm einen Schluck aus seiner Trinkflasche.

»Natürlich wird er das!«, rief Charlotte und zeigte zu der Stelle, an der Logan in die Tiefe gezerrt wurde. Plötzlich schoss er wie ein vergnügter Delfin aus dem Wasser empor.

»Juhuuu …«, brüllte er ausgelassen. »Kommt rein, das Wasser ist herrlich!«

»Keine Ahnung, wie oft ich schon mit Logan hier am Strand war«, seufzte Jack und drehte die Flasche in den Sand. »Und er macht jedes Mal denselben Witz. Jedes Mal!«

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