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Wigges Tauschrausch

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Inhalt

  1. Vorspann: Hawaii – ich komme!
  2. Deutschland: Der Rausch beginnt
  3. Österreich: Mein erstes Nein
  4. Die Schweiz: Hilfe, die Plejaren kommen!
  5. Indien: Holzschlitten Masala
  6. Australien: Parasiten-Tausch
  7. Neuseeland: Hilfe am Ende der Welt
  8. Singapur: Mein erster Milliardär-Kumpel
  9. Thailand: Das große Tausch-Aus
  10. Tansania: Afrika – bis zum Umkippen!
  11. Kenia: Weltklasse-Läufer unter sich
  12. Deutschland: Home sweet home
  13. Die Ukraine: Der schöne Schein
  14. Portugal: Tausch am seidenen Faden
  15. Brasilien: Lederhose und Volksmusik unter Palmen
  16. Die USA: Eine Stadt als ganze Welt
  17. Hawaii: Der Showdown
  18. Abspann
  19. Bildteil

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Hawaii – ich komme!

Mars, Pluto oder Jupiter waren als Kind meine stetigen Begleiter, und nichts faszinierte mich so sehr wie das Weltall. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mir Weihnachten 1984 alle Sachbücher wünschte, die irgendetwas mit der Welt der Sterne zu tun hatten, und natürlich die aktuellste Spielzeug-Raumstation mit Mondgleiter und intergalaktischem Teleskop-Aufsatz. Ein Jahr später war es ein richtiges Teleskop. Eine 32-fache Vergrößerung und ein zusätzliches Suchrohr sowie verschiedene Sonnenfilter steigerten die Vorfreude darauf, den Sternen endlich ganz nahe sein zu können, ins Unermessliche. Aber noch bevor der Osterhase im nächsten Jahr vorbeikam, war das Teleskop schon im Wohnzimmerschrank verschwunden. Der Schreck darüber, dass der Nachbar, den ich mir in 32-facher Vergrößerung herangezoomt hatte, mir wild winkend zu verstehen gab, dass er sich sein abendliches Fernsehprogramm lieber alleine anschauen wollte, saß mir noch immer in den Knochen.

So konzentrierte ich mich wohl oder übel auf das, was unser eigener Planet uns zu bieten hat. Ich widmete mich den entlegenen Orten auf der Erde – zunächst in meinem Schulatlas. Und der entlegendste Ort, den ich finden konnte, war ganz ohne Zweifel die Inselgruppe Hawaii, die fortan zu meinem neuen Traumziel deklariert wurde. Weiße Strände, die von tief hängenden Palmen geküsst werden, tropische Berggipfel, glasklares Wasser … Während meiner Pubertät gesellte sich zu diesen Vorzügen die Vorstellung von den blumenbehangenen, tanzenden Hawaii-Mädchen. Was lag da näher als der Gedanke, irgendwann einmal an diesem Ort ein eigenes Haus zu besitzen – ein Traumhaus auf Hawaii!

Die Front meines Kleiderschrankes zierte seitdem eine Hawaii-Tapete, die ich leider teilen musste, weil ich die Schranktüren auch weiterhin öffnen wollte. Die Seiten dieses Schrankes wurden nach und nach mit Hawaii-Postkarten sowie Landkarten der Inselgruppe aufgewertet und natürlich mit einem Auto-Kennzeichen des US-Bundesstaates mit dem berühmten Regenbogen.

Leider blieb das Traumhaus auf Hawaii bis heute ein Traum, doch die Reiselust habe ich ausleben können. Es ist nicht beim Betrachten des Schulatlasses geblieben, inzwischen habe ich siebzig Länder bereist und meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, indem ich über diese Reisen berichte.

Ich bin als neugieriger Besucher bei den Yanomami-Indianern im Amazonas vorbeigeschneit und habe mich auf der Jagd von ihnen auslachen lassen, als ich einen Ameisenbär aus nächster Nähe mit dem Schrotgewehr verfehlte. Ich durfte bizarre Kapselhotels in Tokio besuchen und habe mit Sumo-Ringern gekämpft. Auf dem spanischen Tomatina-Festival habe ich mich im weißen Anzug mit Tomaten bewerfen lassen. Die Antarktis habe ich auf einem Expeditionsschiff bereist, und die Queen hat mich schief angeschaut, als ich zum 50. Thronjubiläum im Buckingham-Palast als Prinz Henry VII. verkleidet auftrat (kein Scherz).

Aber ein Haus auf Hawaii ist bei alledem nie herausgesprungen. Was also tun? Soll ich nach Hawaii reisen und dort in einer Millionärin-sucht-Mann-Show bestehen? Oder würde eines Tages in einer Boulevardzeitung zu lesen sein: »Deutscher Reisereporter nach versuchter Hausbesetzung auf Hawaii hinter Gittern!«? Nein, unmöglich!

Ich erinnerte mich daran, dass ich während meiner letzten Reise durch Nordamerika von einem jungen Kanadier gehört hatte, dem es gelungen war, sich bei einer Online-Tauschbörse innerhalb eines Jahres von einer Büroklammer zu einem Haus hochzutauschen. Eine Büroklammer als Anfangseinsatz für ein Haus – nicht schlecht! Auch, wenn das Haus sich nicht im schönen Hawaii befand.

Leider bin ich nicht besonders gut darin, solche Online-Deals abzuschließen (ich habe noch nie eine Versteigerung bei E-Bay gewonnen), und leider habe ich auch kein ganzes Jahr Zeit. Aber die Idee fasziniert mich dennoch. Warum also nicht das tun, was ich schon seit Jahren mache, die Welt bereisen. Nur würde es diesmal ums Tauschen gehen. Ich würde mir sechs Monate Zeit geben, die Welt bereisen und dabei tauschen, tauschen, tauschen. Bei dieser Gelegenheit könnte ich unglaublich viel über das Tauschen in den unterschiedlichsten Kulturen lernen – spannend! Und ganz nebenbei würde ich Schritt für Schritt meinem Traum immer näher kommen, um am Ende die Tür zu meinem Traumhaus auf Hawaii aufschließen zu können. Klingt doch ganz einfach, oder nicht?

Überhaupt nicht einfach. Aber ich hatte Glück: Mein Ruf als Mann für extravagante Reisen war mir vorausgeeilt, und so machte mir der TV-Sender ZDFneo tatsächlich das Angebot, eine solche Tauschweltreise zu finanzieren, inklusive der Begleitung von zwei Kameramännern, Jakob und Dominik. Der Deal war, aus dem ertauschten Haus auf Hawaii ein offenes Haus für alle zu machen, es also den Zuschauern und Lesern, die dort Urlaub machen möchten, im Tauschverfahren zur Verfügung zu stellen.

Ich habe 200 Tage Zeit und soll außerdem den Fuß auf alle sechs Kontinente setzen, um über die dortigen Tauschkulturen zu lernen und zu berichten.

Mehr als zufrieden schlage ich ein. Ich werde bald als absoluter Tauschprofi in meinem Haus auf Hawaii einziehen können!!!

Meine Nachbarin steht an der Wohnungstür und bricht in lautes Gelächter aus, als ich ihr von meinem Plan erzähle. Sie sagt, da könne ich ihr ja gleich den Wohnungsschlüssel dalassen, wenn ich sowieso nicht wieder aus Hawaii zurückkommen wolle.

Ich sehe sie die Treppe hinuntergehen und höre sie kopfschüttelnd murmeln: »Ein Haus auf Hawaii … so ein Quatsch … kein Wunder, dass die Eingeborenen und die Queen ihn komisch fanden!«

Vielleicht hat sie Recht. Aber seitdem ich meine Tür mit der Hawaii-Tapete beklebt habe, sind 25 Jahre vergangen. Meiner Meinung nach ist es endlich an der Zeit, zur Tat zu schreiten und diesen Traum zu verwirklichen. Denn ich meine, jeder sollte versuchen, sich seine Wünsche irgendwann im Leben zu erfüllen. Wer kennt sie nicht, diese ewigen Träume, die uns ein Leben lang begleiten. Und immer ist da diese Stimme in unserem Kopf, die uns sagt, dass dieser Wunsch nicht angebracht, nicht richtig, nicht realistisch ist und wir das alles irgendwie auch nicht bringen können …

Doch genauso gut ist es möglich, dass diese Stimme Unrecht hat. Und deshalb werde ich mich mit 25-jähriger Verspätung nun endlich an die Arbeit machen.

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Der Rausch beginnt

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Deutschland

Ich stehe an einem kleinen Obststand in Mainz, um mir einen Apfel zu kaufen – das erste Tauschobjekt. Ein schöner, gesunder und leckerer Apfel soll es sein, ein Bio-Apfel. Schließlich wohne ich in Berlin, wo das mittlerweile zum guten Ton gehört.

Voller Stolz erzähle ich dem Verkäufer von meinem Vorhaben. Ich erzähle ihm, dass eben dieser Apfel das Startkapital für ein Traumhaus auf Hawaii ist und dass ich auf dem besten Weg bin, mir durch beständiges Tauschen einen Kindheitstraum zu erfüllen. Doch noch bevor ich 79 Cent gegen den Bio-Apfel tauschen kann, verfinstert sich die Miene des Verkäufers. Diese jungen Leute mit ihren verrückten Ideen. Immer mehr, immer weiter weg, immer alles besser wissen. Nie seien sie mit dem zufrieden, was sie haben. Wer könne heute schon noch die einfachen Dinge genießen.

Stumm blicke ich ihm in die Augen, mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet.

Ich nehme meinen Apfel, aber das unangenehme Gefühl bleibt. Die ersten Zweifel stellen sich ein, ob mein Vorhaben wirklich Anklang finden wird. Wie werden die Menschen in Asien, Afrika und Amerika reagieren, wenn ich versuche, das, was ich besitze, zu tauschen, um dadurch Gewinn zu machen? Ich hoffe, nicht so wie gerade eben dieser Obstverkäufer.

Doch als ich den ersten potenziellen Tauschpartner anspreche, einen Touristen mittleren Alters aus Konstanz, habe ich den schwierigen Start am Obststand schon vergessen. Ohne lange Erklärungen biete ich dem Mann den mittlerweile angebissenen Apfel (man sollte schließlich von der Qualität seines Angebots überzeugt sein) für ein spontanes Tauschgeschäft an. Der Tourist lacht und bietet mir eine angebrochene Schachtel Zigaretten an. Ohne viele Worte zu verlieren, schütteln wir ganz offiziell die Hände, um den Tausch zu besiegeln. Nachdem der Mann gegangen ist, blicke ich ihm noch eine Zeitlang aus der Entfernung hinterher und beobachte, wie er genüsslich in den Apfel beißt.

Ich bin froh darüber, die Reaktion des Obstverkäufers nicht als schlechtes Omen betrachtet und schon beim ersten Versuch den Wert meines Tauschobjektes gesteigert zu haben. Und es ist ein schöner Nebeneffekt, dass mein Tauschpartner etwas Gesundes im Tausch gegen etwas Ungesundes erhalten hat. Ich halte also 16 Zigaretten in der Hand, die ich natürlich nur einem Raucher anbieten kann. Davon gibt es mittlerweile aber immer weniger. Auf gut Glück spreche ich eine Mutter an, die mit ihrer Tochter unterwegs ist. Ich nehme einfach mal an, dass die Tochter schon volljährig ist, immerhin geht es hier um Zigaretten. Doch leider lehnen die beiden die angebotene Tauschware ab. Sie habe gerade aufgehört zu rauchen, erklärt die Tochter. Doch ich bin nicht bereit, mich so schnell geschlagen zu geben:

Ich: »Diese Zigaretten sind etwas wirklich Besonderes.«

Mutter: »Danke, brauchen wir nicht.«

Tochter: »Ne, hab aufgehört.«

Ich: »Ein Kippchen am Abend kann doch nicht schaden …«

Mutter: »Doch, kann es.«

Nach dieser klaren Ansage stehe ich mit meinen Zigaretten wieder alleine in der Fußgängerzone. Eine Frau und ihr Mann kommen mir entgegen und schauen mich traurig lächelnd an, als hätten sie Mitleid mit diesem armen Kerl, der Werbung für Zigaretten machen muss, obwohl er damit heutzutage wohl niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann. Ich erkläre ihnen, dass es mir ein wichtiges Anliegen ist, in zweihundert Tagen mein Traumhaus auf Hawaii zu beziehen. Der Mann geht schnell drei Schritte weiter und macht seiner Frau hektische Zeichen, sich nicht mit Verrückten auf der Straße abzugeben.

Die Frau wittert jedoch ihrerseits eine Chance für eine kleine Promo in eigener Sache. Sie ist Buchautorin und holt ihr frisch erschienenes Buch über das Saarland aus der Tasche. Ich blättere es durch, wobei mir auf einer Seite neben Fotos von Landschaften und lieblichen Dörfern eine Kapitelüberschrift ins Auge fällt: »ERFOLG!« steht dort in fetten Lettern. Ja, das Saarland steht für Erfolg. Spätestens seit der Karriere von Saarland-Star Oskar Lafontaine kann das wohl niemand mehr bestreiten. Vielleicht sollte ich dieses Wort aber auch als positives Zeichen für meine Mission deuten. Wie dem auch sei, die Autorin signiert ihr Buch für mich, nimmt die Zigaretten und folgt ihrem kritisch dreinblickenden Mann.

Ich recherchiere über das Saarland, um gute Argumente für Tausch Nummer drei zu haben: Das Saarland hat genauso viele Einwohner wie ganz Köln, sechs Autobahnen, und man isst dort kulinarische Köstlichkeiten wie Dibbelabbes oder Löwenzahnsalat. Ob das überzeugen kann?

In der Fußgängerzone lässt sich tatsächlich eine Geschäftsfrau auf mein Tauschangebot ein, weil sie so sehr von meinen Kenntnissen über den Dibbelabbes angetan ist. Sie holt ein kitschiges, silbernes Metall-Häschen aus ihrer Einkaufstasche, das sie eigentlich einer Angestellten zum Geburtstag schenken wollte. Ich überzeuge sie davon, dass das Buch mit dem Dibbelabbes-Rezept ihr viel mehr Freude bereiten wird. Sie stimmt mir zu, möchte das Moosbett, in dem das kleine Häschen sitzt, aus unerklärlichen Gründen aber nicht hergeben. Wir argumentieren hin und her, bis sie es mir schließlich auch überlässt, vor allem wohl, weil sie es eilig hat.

Jetzt steht das silberne Häschen im Moosbett hübsch in Geschenkpapier eingepackt vor mir auf der Ablage meines Transporters und fährt Richtung Siegburg in Nordrhein-Westfalen.

Unterwegs versuche ich mein Glück auf einer Autobahnraststätte, doch scheinbar ist das nicht der richtige Ort, um kitschige, silberne Häschen im Moosbett an den Mann oder die Frau zu bringen. Der erste Autofahrer, den ich anspreche, weigert sich, überhaupt mit mir zu reden, und wirkt beinahe verängstigt, als er schnell das Weite sucht. Ein Brummifahrer macht Handbewegungen, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, als ich versuche, ihm das Häschen durchs Fenster anzureichen. Auch er hat es eilig weiterzukommen.

Doch ein junges Pärchen, das gerade seinen Wagen aussaugt und mich an die DSDS-Version von Marc Terenzi und Sarah Connor (natürlich vor ihrer Trennung) erinnert, zeigt sich aufgeschlossener. Sie erlauben mir einen Blick in ihren Kofferraum, er ist voller Gerümpel und wirkt, als hätten sie hier nur auf jemanden gewartet, der ihnen etwas zum Tausch anbietet. Neben diversen Sprays, einem Handfeger und vielen Zeitschriften sehe ich einen Verbandskasten, mit abgelaufenem Verfallsdatum, aber unbenutzt. Der junge Mann, alias Marc Terenzi, willigt in den Tausch ein. Ich frage ihn und seine Freundin, ob sie keine Bedenken hätten, sich so ganz ohne Verbandskasten wieder auf den Weg zu machen. Sarah Connors Ebenbild erwidert, dass das Glückshäschen ihnen in der Not bestimmt besser helfen würde als der olle Kasten. Ich sehe das anders und ertausche deshalb fröhlich den Verbandskasten. Damit fahre ich weiter zu meinem eigentlichen Ziel, nach Siegburg.

In dieser kleinen Stadt mit ihrem historischen Kern gibt es ein ebenfalls historisches, 125 Jahre altes Gefängnis, heute ein Jugendgefängnis. Den Leiter konnte ich vor Reisebeginn davon überzeugen, mich vorbeischauen zu lassen. Ein Gefängnis ist schließlich ein Ort, an dem niemand über eigene Geldmittel verfügt, was liegt also näher, als zu tauschen. Außerdem bin ich neugierig, wie der Austausch zwischen Inhaftierten und Vollzugsbeamten vonstattengeht. Gibt es da Freundschaften? Feindschaften?

In meiner Fantasie tauchen unwillkürlich auch Bilder von Gefangenen auf, die per Tausch an verbotene Dinge kommen wie Drogen oder Ausbruchswerkzeuge, die von Angehörigen oder Freunden ins Gefängnis geschmuggelt wurden. Was ist dran an diesen Fantasien?

Der Knast begrüßt mich mit hohen Backsteinmauern und Stacheldraht. Als ich auf die Eingangsschleuse zugehe und sehe, wie dort die Besucher kontrolliert werden, komme ich mir vor wie in einer Filmszene. Erneut geht mir dieses Klischee von der Nagelfeile im mitgebrachten Kuchen durch den Kopf, und sofort muss ich an den Verbandskasten denken, in dem sich sicherlich auch eine Schere befindet. War mein letzter Tausch vielleicht doch nicht so geschickt? Werde ich mich und die Inhaftierten in Schwierigkeiten bringen? Ein wenig schuldbewusst betrete ich die Eingangsschleuse. Ich gebe meinen Personalausweis beim Wachpersonal ab und zeige dem Vollzugsbeamten grinsend den Verbandskasten. Als ich sage »Das ist das Tauschobjekt, um das es geht«, schaut er etwas überrascht hinter seiner schusssicheren Scheibe her, winkt mich dann aber mit einem Stirnrunzeln durch. Jetzt bin ich also drin im Knast, mit Verbandskasten inklusive Schere. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, bleibt.

Ich bin froh, als ich schließlich beim zuständigen Vollzugsbeamten eintreffe, der sich bereit erklärt hat, mit mir über das Thema »Tauschkultur im Gefängnis« zu sprechen. Wir gehen über einen immer wieder durch Gittertüren unterteilten Flur der JVA. Der Vollzugsbeamte erzählt mir, dass Tauschen für die Inhaftierten tatsächlich zum Alltag gehöre, nur so könnten sie an manche begehrten Dinge kommen, die sie sich nicht einfach kaufen könnten. Die Anstaltsleitung toleriere das, wenn die getauschte Ware einen gewissen Wert nicht überschreite, dagegen würden illegale Tauschgeschäfte, wie der Erwerb von Drogen oder größeren Gegenständen wie Elektrogeräten, streng unterbunden.

Später treffe ich mehrere inhaftierte Jugendliche, die fast alle wegen Gewaltverbrechen verurteilt sind. Serkan, der zwei Jahre in der Jugendabteilung abzusitzen hat, lädt mich in seine Zelle ein, die geschätzte acht und gefühlte zwei Quadratmeter groß ist, auf denen sich eine Toilette, ein Bett und ein Fernseher befinden. Durch ein kleines Gitterfenster lässt sich ein Stück Himmel erahnen. Serkan erzählt mir, dass die Zeit im Knast natürlich nicht leicht sei, aber gewisse Annehmlichkeiten wie der Fernseher, die Arbeit als Monteur und der freundschaftliche Austausch mit seinen Mitgefangenen würden das Ganze erträglicher machen. Er berichtet, wie sein Zellennachbar David zu seinem besten Freund geworden ist. Da die Zellentüren täglich von halb vier bis halb neun abends geöffnet seien, könnten sie so miteinander abhängen. Serkan stellt mir Frank vor. Er ist um die zwanzig und ebenfalls wegen eines Gewaltdeliktes verurteilt. Frank zeigt mir die Schreinerei, wo er täglich arbeitet, und redet davon, wie schlimm die ersten Wochen in der Haft gewesen seien, wie seine Freundin ihn verlassen habe. Aber er erzählt auch, wie der gute Kontakt zu den Beamten der JVA ihm über die schwierigste Zeit im Knast hinweggeholfen habe. Ich bin überrascht zu hören, dass das Verhältnis zwischen Wärter und Gefangenen so vertrauensvoll sein soll. Ich frage nach, ob denn da nicht auch viel Misstrauen und Angst im Spiel seien, aber Frank bestätigt seine Aussage und erzählt von langen Gesprächen, geduldigem Zuhören, Aufmunterungen, Ermutigungen und vielen Hilfsangeboten. Ich bin beeindruckt, schaue aber auch zu den beiden Vollzugsbeamten im Raum hinüber, die mit verschränkten Armen dastehen und zufrieden nicken. Hat Frank vielleicht soeben versucht, Pluspunkte bei den Wärtern zu sammeln? Ich hätte mich jedenfalls gefreut, wenn dieses Gespräch unter vier Augen hätte stattfinden können.

Ich mache mit Frank und Serkan einen kleinen Spaziergang über den Gefängnishof und fühle mich ein wenig unwohl, da ich nicht wirklich zu dieser Welt gehöre, in der die Inhaftierten tagtäglich ihre schwierige Realität meistern müssen. Aber Frank und Serkan scheinen mir zu vertrauen und erzählen mehr über ihren Alltag. Sie erzählen von der Anti-Gewalt-Therapie, die sie im Knast gemacht haben. Davon, dass sie sich inzwischen nicht mehr so leicht provozieren lassen, was sie auch sofort unter Beweis stellen, als sie während des Hofgangs von anderen Inhaftierten von den Fenstern aus angepöbelt werden: »Hey, ihr Wichser, was für schwules Zeug labert ihr da?« Serkan und Franks Gelassenheit ist wirklich vorbildlich.

Auf der anderen Seite des Hofes sehe ich viele Inhaftierte, die sich von ihren Zellen aus durch die vergitterten Fenster hindurch unterhalten, sich Worte zurufen, ohne sich sehen zu können. Zwischen den Hofmauern hallen die Rufe so, dass nur Wortfetzen bei mir ankommen: »Alter!« – »… Matze sagt …« – »Oh Scheiße …«. Der Hof gleicht einem Meer aus Stimmen, die wie große Brecher gegen die Wände branden. Ich rufe zu zwei Inhaftierten in ihren Fenstern hinauf, um sie zu fragen, ob man so überhaupt miteinander reden könne. Eine Stimme antwortet mir: »Immerhin besser, als auf die Zellenwand zu starren.« Offensichtlich ist unter diesen Umständen der Austausch von Worten wichtiger als der Austausch von Waren, denke ich. Zurück im Zellentrakt biete ich Serkan und Frank unter den Augen eines aufmerksamen und etwas nervösen JVA-Beamten meinen Verbandskasten inklusive Schere an. Serkan und Frank werfen dem Beamten fragende Blicke zu, um sich die Sache abnicken zu lassen. Der Verbandskasten liegt ungeöffnet in Franks Händen. Was passiert, wenn sie die Schere finden? Eine Waffe für inhaftierte Straftäter – von mir übergeben … Während Serkan den Kasten öffnet, was mir eine Ewigkeit zu dauern scheint, denke ich wieder, wie ich nur so blöd sein konnte, ausgerechnet ein solches Tauschobjekt mit in den Knast zu nehmen. Langsam kommt es mir so vor, als würde auch der Beamte unruhig, er wendet seine Blicke nicht von uns ab.

Was dann passiert, ist jedoch völlig anders als im Film. Niemand versucht, die Schere heimlich unter seinem Hemd zu verbergen, kein gereizter Beamter stürzt sich auf uns, um das gefährliche Objekt in Sicherheit zu bringen. Stattdessen wirkt die hochgehaltene Schmuggler-Schere wie ein giftiges Tier. Serkan und Frank schauen den Beamten fragend und mich ein wenig vorwurfsvoll an. Der Beamte wiederum wirft mir einen von diesen Was-soll-der-Scheiß-Blicken zu, wie ein genervter Vater, der seinen Sohn bei etwas Verbotenem ertappt hat. Ich füge mich gleich in die Rolle und zucke unschuldig mit den Schultern, wie um zu sagen, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Glücklicherweise retten Frank und Serkan die Situation, indem sie den Tausch ganz vorbildlich ablehnen, um mich anschließend über die Regeln im Knast aufzuklären.

Zehn Minuten später stehe ich vor dem Obervollzugsbeamten der JVA und komme mir immer noch ein wenig wie ein ungezogener Junge vor. Doch über den Scherenvorfall wird wohlweislich nicht mehr gesprochen. Stattdessen reicht mir der Abteilungsleiter mit einem vielsagenden Lächeln eine von Inhaftierten geschreinerte Holzkiste mit einem verzierten Türchen und einer glänzenden Lackierung, in der eine Sherry-Flasche aus seinem Privatbesitz liegt. Ich denke nicht lange nach, und die Sherry-Flasche wechselt mit einem zünftigen Handschlag den Besitzer. Der Deal ist gemachte Sache, und der Verbandskasten mit Schere verschwindet unspektakulär im Schreibtisch des Abteilungsleiters.

Der Atomtausch

Ich fahre mit der Sherry-Flasche im Holzkasten weiter nach Köln, wo ein Freund im sogenannten Barter-Business arbeitet. Simon erklärt mir, dass die Firma, für die er arbeitet, Werbeminuten bei TV-Sendern und Werbeflächen für Printwerbung an Firmen verkauft und dafür manchmal auch deren Produkte an Stelle von Geld als Zahlungsmittel annimmt. Er erzählt, dass momentan zum Beispiel 90 000 Smoothies im Lager liegen. Simons Aufgabe ist es, das Tauschgut dann so gewinnbringend wie möglich weiterzuverkaufen. Simons Kunden nutzen diese Möglichkeit der Bezahlung gerne, da sie so bei geringem Werbebudget mit ihren Produkten zahlen können. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Autohersteller Simon für eine Werbefläche mit siebzehn Kleinwagen bezahlt. Angefangen hat das Ganze wohl damit, dass Handwerker und Dienstleister in Kriegszeiten begannen, ihre Waren aufgrund von Geldmangel einzutauschen, anstatt sich gegenseitig mit Geld zu bezahlen. Nach dem Krieg hat sich in Deutschland dann eine kleine professionelle Barter-Szene entwickelt, in der momentan vier Firmen tätig sind. Simon erzählt, dass er auf diese Weise zu einem regelrechten Profi für Nischenmärkte geworden sei. Er kennt potenzielle Abnehmer, von denen der Hersteller noch nicht einmal etwas ahnt.

Gerne hätte ich mich noch länger über dieses spannende Thema unterhalten, doch ich bin schließlich in einer anderen Mission unterwegs. Ich wollte eine Flasche Sherry gegen etwas Höherwertiges tauschen – bei einem Tauschprofi wie Simon sicherlich kein leichter Job. Also biete ich Simon die Sherry-Flasche im Holzkasten an und weise auf ihren Seltenheitswert hin, schließlich ist die Kiste von Gefangenen hergestellt. Durch die große Glasfront in seinem Büro schaut Simon ungerührt auf den Kölner Dom, als abgeklärter Barter-Profi beeindruckt ihn der Seltenheitswert eines Gegenstands nur wenig, er schaut eher auf den materiellen Wert eines Gegenstands. Lediglich die Sherry-Flasche scheint es ihm angetan zu haben, so dass er schließlich im Lager verschwindet und mit 32 der 90 000 Smoothie-Flaschen wieder auftaucht. Ich gebe mich unzufrieden und beschwöre die hervorragende Qualität des Sherrys. Und ich habe Erfolg. Simon geht erneut ins Lager und legt noch einmal 28 Smoothie-Flaschen obendrauf, wobei er deutlich macht, dass das sein letztes Wort sei. Wir besiegeln den Tausch, wie es sich gehört, per Handschlag.

Kurze Zeit später spielen sich dramatische Szenen vor Simons Büro ab. Ich versuche verzweifelt, fünfzig Smoothie-Flaschen auf meinen Armen zu balancieren und dem Stapel mit dem Kinn die nötige Stabilität zu verleihen. Zuerst fällt nur eine, dann mehrere Flaschen, schließlich stehe ich mit leeren Armen da und betrachte die Flaschen dabei, wie sie auf dem Boden herumrollen. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich noch einige Male, während ich versuche, die Flaschen zu meinem Transporter zu bringen.

Ich habe im Vorfeld meiner Tausch-Idee einfach nicht genug über die Logistik beim Transport von unhandlichen oder großen Gegenständen nachgedacht. Und während ich die Flaschen ein weiteres Mal aufsammele, sehe ich zu allem Überfluss, wie Simon auf seinem Fahrrad davonfährt und mir grinsend mit der Sherry-Flasche in der Hand zuwinkt. Ein echter Tauschprofi, der soeben den eigentlichen Vorteil seines Tauschobjekts erkannt hat. Ich habe auf dieser Reise wohl noch viel zu lernen.

Die Passanten gehen mir schweigend aus dem Weg, wenn ich sie bitte, mich wenigsten von einigen der fünfzig nervigen Smoothie-Flaschen durch einen Tausch zu befreien. Eine ältere Dame sagt nur: »Jung, wat ligse do da uf dä Ääd erüm?«, bevor sie mit Rollator um die Ecke biegt.

Während ich also weiterhin verzweifelt versuche, mein Auto zu erreichen, stelle ich fest, dass es mich zu allem Überfluss wohl ausgerechnet auf den Zugweg einer Anti-Atomkraft-Demo verschlagen hat. Noch bevor ich von den Massen, die mir ihre Slogans entgegenschreien und diverse Banner für Wind- und Solarenergie mit sich führen, überrollt werde, kommt mir die Idee, dass dies hier meine Rettung sein könnte. Kurzerhand beteilige ich mich an den Sprechchören der Demonstranten: »Atomkraft stoppen, Atomkraft stoppen!«, »Aaab-schaaalten! Aaab-schaaalten!« Unauffällig mische ich Werbesprüche für meine Smoothies unter den Gesang, ohne das Anti-Atomkraft-Thema dabei aus den Augen zu verlieren: »Soft-Drinks statt Atom-Cocktail! Abschalten mit Genuss! Smoo-oothies! Leckere Smoo-oothies!« Auf diese Weise falle ich zwar auf, aber offensichtlich eher unangenehm, irritierte Blicke treffen mich.

Also gehe ich lieber zu dem Stand hinüber, den die SPD am Rande des Geschehens aufgestellt hat. Zumindest die roten Smoothies könnten einen wunderbaren Werbeträger abgeben, oder vielleicht haben die Genossen ja auch nur einfach Durst, und Tauschen scheint mir doch eine wirklich sozialdemokratische Handlung zu sein. Ich wende mich an die zuständige Person für SPD-Luftballons und biete ihm an, meine Smoothies gegen seine Gasflasche zu tauschen, mit der er die Luftballons befüllt. Er wiegelt ab, und als ich nicht lockerlasse, schallt mir ein entnervtes »Neii-eiiin, hab ich gesagt!« entgegen.

Ich ziehe weiter zu den Grünen, die an ihrem Stand mit den berühmten gelben Tonnen für die Endlagerung von Atommüll mit aufgedrucktem Strahlensymbol für den Atomausstieg demonstrieren. Ich spreche mit dem Verbandschef und erzähle ihm von meinem Hawaii-Traum. Er fragt, was das mit dem Atomausstieg zu tun hätte. Ich merke, dass ich mir darüber überhaupt keine Gedanken gemacht habe, und gerate ins Schleudern. Schließlich siegt aber am Stand der Pragmatismus, und der Verbandschef hält Rücksprache mit der Parteibasis, die sich alle erfreut zeigen bei der Aussicht auf eine kleine Erfrischung. Der Verbandschef stimmt dem Tausch zu, wünscht sich von mir als Gegenleistung aber noch einen Werbespruch für die Grünen. Nichts leichter als das, denke ich, und sage selbstbewusst in meine Videokamera: »Die Grünen stehen für Atomausstieg, also wählt bitte alle die Grünen!«

Schließlich verlasse ich den Stand also befreit von fünfzig Smoothie-Flaschen, dafür um eine ein Meter große Endlagerungstonne reicher, die ich auf meinen Schultern zum Transporter schleppe.

Es ist zwar nicht gerade ein Kinderspiel, die Tonne auf den Schultern durch die Stadt zu balancieren, aber immerhin gelingt es mir, ein paar Minuten am Stück zu laufen. Im Vergleich zum Transport der Smoothie-Flaschen, die ich regelmäßig vom Boden aufsammeln musste, eine reine Wohltat. Und die Tonne hat noch einen weiteren unerwarteten Vorteil: Sie steigert eindeutig meinen ethischen Status. Vorbeifahrende Autofahrer heben anerkennend den Daumen, und Passanten rufen mir Sympathiebekundungen zu: »Ja, raus aus der Atomkraft!« Zuerst habe ich das Gefühl, dass ich hierfür doch gar nichts kann und versuche die Situation zu erklären, aber dann finde ich Gefallen an der Rolle. Schließlich war es auch nicht leicht, an die Tonne zu kommen. So grinse ich zufrieden zurück und bin stolz, auf meine Art auch einen Beitrag zur Demo geleistet zu haben.

Hermann forever

Ich fahre in Richtung Paderborn in Westfalen, um dort Frank, einen Bekannten, zu besuchen, der in einer Scheune alte Badewannen restauriert. Frank hatte mir im Vorfeld der Tauschreise zugesichert, dass ich bei ihm eine seiner Badewannen eintauschen könne, sofern das Tauschgut einen entsprechenden Gegenwert habe. Beim Anblick der Endlagerungstonne wird sein Gesichtsausdruck ernst. Er versucht mir gegenüber höflich zu bleiben und erklärt, dass eine solche Tonne für ihn nicht gerade vielseitig einsetzbar sei.

Glücklicherweise bin ich auf diese Reaktion vorbereitet. Sofort unterbreite ich ihm meine im Vorfeld erarbeiteten Vorschläge für eine alternative Verwendung der Tonne, die ich ihm an Ort und Stelle vorführe:

  1. Endlagerungstonne als Barhocker
  2. Endlagerungstonne als Trommel
  3. Endlagerungstonne als Versteck
  4. Endlagerungstonne als Bodybuildung-Gewicht
  5. Endlagerungstonne als Ganzkörpermassage-Tonne

Frank lacht und lässt sich von meinen unkonventionellen Vorschlägen und meiner darstellerischen Leistung überzeugen. Er geht mit mir in seine Scheune, wo er auf eine Auswahl von Tauschobjekten deutet: ein altes Fahrrad mit einem Platten, eine noch viel ältere Nähmaschine und einen roten und keineswegs jüngeren, kaputten Rasenmähertraktor. Die Entscheidung fällt mir leicht. Ein fahrbarer Rasenmäher ist ein weiterer meiner Kindheitsträume, den ich mir hier ganz unerwartet erfüllen kann.

Also wechseln wir gemeinsam das Reibrad des Rasenmähers, so dass er eine Stunde später tatsächlich laut knatternd anspringt. Frank hat das Glitzern in meinen Augen beim Anblick des laufenden Gerätes offensichtlich bemerkt, denn er schiebt sofort eine weitere Forderung hinterher. Bevor ich mit meinem Schmuckstück von dannen ziehen darf, soll ich eben noch seine Wiese neben der Scheune mähen. Es sind anderthalb Hektar, geschätzte Arbeitsdauer mindestens fünf Stunden. Ich beginne lieber sofort, und Frank genießt es sichtlich, mir auf der Endlagerungstonne stehend zuzuschauen, wie ich endlose Bahnen auf der Wiese ziehe. Wenn ich in den Weiten der Wiese verschwinde, winkt er mir ab und zu aufmunternd zu. Nach einer halben Stunde scheint er Mitleid mit mir zu haben und winkt mich herbei, ich kann mir endlich den ersehnten Handschlag für die endgültige Übergabe abholen.

Mein nächstes Etappenziel ist der Bodensee. Dort habe ich mich in der Kleinstadt Wangen mit Mitgliedern eines Tauschrings verabredet, die das Tauschen nun schon seit vielen Jahren als alternative Methode zum Bezahlen mit Geld praktizieren. Doch zuerst einmal muss ich mit meiner Neuerwerbung dorthin kommen und vielleicht bietet sich ja unterwegs die eine oder andere Möglichkeit zu einem kleinen Tauschgeschäft.

Auf der langen Strecke quer durch Deutschland gönne ich dem Traktor an einigen Orten eine kleine Ausfahrt und knattere über Straßen und Äcker. Mittlerweile ist der Kleine mir so ans Herz gewachsen, dass ich ihn liebevoll Hermann getauft habe.

An einem Steilhang hinunter zur Loreley am Rhein beobachte ich aus der Ferne überraschte Anwohner, die uns zuwinken. Ich finde nicht heraus, ob sie sich über den Anblick von Hermann freuen oder einfach genervt sind von Lärm und Abgasen. In Sankt Goar fahre ich mit dem durstigen, laut dröhnenden Hermann an eine Tankstelle und betanke den wunderbaren Fünfganggetriebe-Mäher – der außerdem auch über einen Rückwärtsgang verfügt! – unter den Augen des verdutzten Tankstellenbetreibers. Kurze Zeit später scheint sich meine Anwesenheit im Ort herumgesprochen zu haben, denn der Küster der benachbarten Kirche kommt mir entgegen, um sich zu erkundigen, was das solle, auf einem Rasenmäher durch den Ort zu fahren. Ich erzähle ihm, was mich umtreibt und dass Hermann nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu einem Haus auf Hawaii sei. Der Küster scheint für derart weltliche Anliegen kein Verständnis zu haben und beeilt sich, seine Kamera zu holen, um Beweisfotos von dem unerhörten Vorgang zu machen.

Kurz darauf setze ich mit Hermann auf der Fähre zur anderen Rheinseite über. Der Kapitän erzählt mir, dass das der erste Rasenmähertraktor sei, den er während seiner langen Laufbahn als Kapitän auf der Rheinfähre befördert habe. Dabei, so erzählt er mir, habe er schon vielen ungewöhnlichen Dingen über den Rhein geholfen, zum Beispiel einem Elefanten samt Zirkus. Wir philosophieren noch eine Weile über die Bedeutung seiner Fähre für den Austausch von Waren, der jedoch in Gefahr sei, wie der Kapitän berichtet, da in lokalen Amtsstuben Pläne für den Bau einer Loreleybrücke lägen. Dann wäre Schluss mit dem Fährbetrieb. Eine Entwicklung, bei der die Verschandelung der Landschaft zugunsten eines schnelleren Warenverkehrs in Kauf genommen würde. »Kein sehr überzeugender Tausch«, meint der Kapitän schließlich.

Hermann und ich fahren weiter durch die Weinberge Frankens, und es ist, als beleuchte die Frühlingssonne zum ersten Mal in diesem Jahr die ganze Schönheit dieser Romantik-Landschaft. Ich kann es nicht lassen, Hermanns Off-Road-Qualitäten zu testen, und bin überrascht, wie lässig er die dreißig Prozent Steigung in den matschigen Weinbergen bewältigt. Ich komme mit Herrn Lehmann ins Gespräch, der hier ein Weingut besitzt und wissen möchte, was für einen Lärm ich in seinem Weinberg veranstalte. Ich fasse die Gelegenheit zu einem kleinen Tauschgeschäft beim Schopf. Aber wahrscheinlich hat er sich doch zu sehr über mich und Hermann geärgert. Jedenfalls lehnt er es ab, Hermann gegen ein Fass Wein zu tauschen. Dabei murmelt er, dass die Vorjahresernte schlecht ausgefallen und deshalb die Weinkeller leer seien. Erstaunlicherweise bin ich fast erleichtert über seine Reaktion, Hermann ist mir mittlerweile offenbar sehr ans Herz gewachsen.

Am nächsten Tag rolle ich Hermann im historischen Rothenburg ob der Tauber aus dem Transporter. Alte Stadtmauern, hohe Wachtürme und mittelalterliche Häuser bestimmen das Stadtbild. Um neun Uhr morgens knattert Hermann zur Verwunderung der Touristen durch die Altstadt und fährt durch eine offenstehende Tür in ein Damenbekleidungsgeschäft, bis er vor einer Auswahl von Röcken stehen bleibt. Es dauert einige Zeit, die sichtlich pikierte Verkäuferin davon zu überzeugen, dass es sich nicht um einen Überfall oder einen Amoklauf handelt. Ich erzähle auch ihr von meinem Traum, ein Haus auf Hawaii zu besitzen, und davon, dass sie mit einem großzügigen Kleidungstausch dazu beitragen könne, meinen Wunsch wahr werden zu lassen. Trotz meines flehenden Augenaufschlags lehnt sie das kategorisch ab, da sie sich keine gemeinsame Zukunft mit Hermann vorstellen kann, und bittet mich, sofort den Rückwärtsgang einzulegen.

Mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass Hermann allmählich unser gemeinsames Handeln bestimmt, denn kurz darauf fährt er mit eingeschalteten, höhenverstellbaren Scheren über ein Tulpenbeet vor einem Gebrauchtwagenhandel. Der Anblick der abgemähten Tulpen ist herzzerreißend, ich bin zutiefst betroffen und rechtfertige mich dem Ladenbesitzer gegenüber damit, dass ich Hermanns Verhalten auch nicht gutheißen kann.

Nachmittags machen Hermann und ich einen kleinen Zwischenstopp in der Nähe von Ravensburg, als ich an einem Haus vorbeikomme, in dem eine Hellseherin ihre Dienste anbietet. Plötzlich finde ich die Idee interessant, mein Projekt in den unterschiedlichen Kulturkreisen, die ich besuchen werde, hellseherisch begleiten zu lassen. Vielleicht erhalte ich dabei ja auch ein paar nützliche Tipps.

Ich frage also die Hellseherin, was die Zukunft in sechs Monaten konkret für mich bereithält, ohne ihr von meinem Vorhaben zu erzählen. Die Wahrsagerin sitzt vor mir, schließt ihre Augen und horcht auf die diversen Stimmen in ihrem Inneren. Kurze Zeit später sagt sie plötzlich und sehr bestimmt: »Ein großer Gegenstand!« Ich bin überrascht, dass sie als Erstes über einen Gegenstand spricht, und frage nach, ob es ein Auto sein könnte. Sie schließt wieder die Augen und horcht in sich hinein. »Der Gegenstand ist groß, und du kannst hineingehen, ein Haus vielleicht!«, sagt sie schließlich, als wäre es das Normalste der Welt. Unglaublich! Ich hatte bisher nicht geglaubt, dass Hellseher zu so etwas in der Lage wären. Auf meine Frage, wie ich am besten zu diesem Haus gelangen könne, horcht sie wieder in sich hinein und rät mir, an meinen Strategien und Plänen festzuhalten, mir dabei aber keine zu langen Pausen zu gönnen. Ich bin beeindruckt, das hatte ich wirklich nicht erwartet. Die Hellseherin bestärkt mich in meinen Absichten, und sie hält es sogar für möglich, dass ich mein Ziel erreichen kann – sofern ich in den nächsten 193 Tagen keinen Urlaub in der Karibik einschiebe.

Am Abend erreiche ich mein ursprüngliches Ziel, den Ort Wangen, wo der hiesige Tauschring Hermann und mich in einem Gemeinderaum erwartet. Circa dreißig Mitglieder sitzen hinter Tischen, die mit Tauschgütern aller Art bedeckt sind, meistens kulinarische Leckereien, selbst gehandwerkelte Gegenstände oder Kleinkunst.

Die Leiterin der Gruppe, Frau Feustel, erklärt mir, dass die Tauscheinheit des Ringes ein Talent ist. Der Anbieter beziffert den Wert seiner Ware nach der Anzahl Stunden, die er benötigt hat, die Ware herzustellen. Eine Stunde Arbeit wird mit zehn Talenten verrechnet. Möchte nun jemand einen selbstgebackenen Kuchen kaufen, bezahlt er die vierzig Talente, die der Kuchen kostet, oder stellt dem Anbieter seine Arbeitskraft für vier Stunden zur Verfügung.

Frau Feustel erzählt mir, dass es den Tauschring schon seit über zwanzig Jahren gibt und fast 300 Leute aus dem Umkreis mitmachen. Ich schaue mich im Gemeinderaum um und sehe Leute aus allen Altersgruppen, vom Kind bis zur älteren Dame. Alle scheinen sich sehr zu freuen, dass ihre Art des Tauschens durch meine Aktion die Chance bekommt, in ganz Deutschland bekannt zu werden. Auch wenn das Ganze hier vielleicht ein bisschen altbacken rüberkommt, so ist nicht zu übersehen, wie begeistert alle davon sind, sich kreativ zu betätigen, ihre eigenen »Talente« einzusetzen. Allerdings wundert mich, wie bürokratisch hier alles abläuft. Bereits im Vorfeld des Besuchs musste ich eine offizielle Bewerbung als Tauschringmitglied mit eigener Mitgliedsnummer ausfüllen und den Monatsbeitrag von zwölf Euro bezahlen. Da mit der Überweisung offenbar etwas schiefgelaufen ist, fordert mich die Dame an der Kasse nun auf, den Mitgliedsbeitrag hier zu bezahlen. Eine zweite Dame hält mir Papiere mit Tauschnummern, Talent-Kontonummern und sonstigen Formularen unter die Nase. So viel offizieller Papierkram für einen einmaligen Besuch auf einer Tauschbörse ist mir ein wenig too much.

Kurze Zeit später steht Hermann wieder einmal im Mittelpunkt des Interesses.

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