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Wiener Requiem

Inhaltsübersicht

PROLOG

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

EPILOG

DANKSAGUNG

PROLOG

Keiner der Anwesenden erinnerte sich später an etwas Ungewöhnliches an diesem Tag. Es war eine ganz normale Probe gewesen, unter der Leitung des neuen Dirigenten der Hofoper, Gustav Mahler. Die Sänger nannten ihn den »Feldwebel«.

Man bereitete sich auf eine Aufführung des Lohengrin vor, und in Sachen Wagner war Mahler immer besonders heikel. Obwohl er zum Christentum konvertiert war, bevor man ihm die neue Position offeriert hatte, ging Mahler, als geborener Jude, immer wie auf Tiffany-Eiern, sobald er eines der Werke des Bayreuther Meisters vorbereitete. Denn noch immer war Wagner der Liebling der deutschnationalen Presse. Würde Mahler auch nur einen dieser Kritiker durch eine einzelne falsche Note, einen geringfügigen Fehler in seiner Inszenierung verärgern, würde er wieder üble Kritik auf dem Niveau von »Was kann man von einem Juden schon erwarten« ertragen müssen.

Heute also wieder die übliche Schikane. Und sofern der Herr Direktor seiner normalen Routine folgte, würden es mehr als acht Stunden werden.

Am Morgen war das Fräulein Margarethe Kaspar, eine junge Mezzosopranistin aus dem hintersten Österreich, dem Waldviertel und damit einem der unwahrscheinlichsten Orte, aus dem eine Sängerin stammen konnte, das Opfer seiner schrillen Anschuldigungen. Ein von Inzucht gezeichneter, mondgesichtiger Schweinebauer käme eher aus einer solchen Gegend. Aber doch keine Sopranistin der Wiener Hofoper!

Hier war sie aber nun, das Fräulein Kaspar aus Krumau im Kostüm ihrer Rolle als einer der vier Knappen in Wagners Adaption des deutschen Ritterromans. Ihre tiefrot geschminkten Lippen zitterten, denn sie war den Tränen nahe.

»Sie singen, als würden Sie die Schweine zum Trog rufen«, herrschte Mahler sie an. »Bitte lassen Sie es mich nicht bereuen, Sie verpflichtet zu haben.«

An diesem Punkt, so wurde später berichtet, brach das arme Kind in Tränen aus, und ihre sonst so samtweiche, helle Haut verlor allen Reiz. Rote Flecken bildeten sich auf ihren Wangen, schamhaft schlug sie ihre kleinen Hände vor das Gesicht.

»Meine Beste!«, schrie Mahler weiter. »Reißen Sie sich zusammen! Dies ist ein Beruf, verstehen Sie! Wenn Sie dafür nicht geschaffen sind, gehen Sie zurück aufs Land zu den Dorfjungen mit ihren dicken Fingern.«

Bei dieser letzten Bemerkung stand Mahler in unmittelbarer Nähe des jungen Mädchens, trotzdem wurden seine Worte bis in den letzten Rang getragen.

Das gesamte Ensemble verstummte plötzlich; selbst das kakophonische Einstimmen der Instrumente im Orchestergraben und das Hämmern hinter der Bühne erstarben. Das war zu hart gewesen; selbst Mahler schien zu erkennen, dass er die Grenzen des Anstandes überschritten hatte.

Er zog die Sängerin enger an sich und legte beschützend den Arm um sie. Selbstverständlich gab es das Gerücht, dass sie seine Geliebte sei. Sie war nicht groß, überragte aber dennoch den kleinen Dirigenten um eine halbe Haupteslänge. Er maß in seinen abgewetzten Lederstiefeln einen Meter dreiundsechzig.

»Nun komm schon, Grethe.« Er klopfte dem jungen Mädchen auf die Schulter, es war ein nicht sehr überzeugender Versuch, sie zu trösten. »Es tut mir leid, dass ich Sie so angeherrscht habe. Aber ein hohes C muss man treffen, da kann man sich nicht allmählich hinaufsingen. Das ist unverzichtbar, einfach unverzichtbar.«

Sie schluchzte noch, als er sie verließ und sich dem Rest des Opernchores zuwandte.

»Was starren Sie denn so? Zurück an die Arbeit.« Er klatschte mit Nachdruck lehrerhaft in seine Hände.

In genau diesem Moment gellte ein Ruf hinter dem halbgeschlossenen Vorhang hervor.

»Achtung!«

Es war jedoch zu spät; der schwere Feuervorhang aus Asbest, dessen Säume mit Blei gefüllt waren, krachte herunter. Er sauste hinunter auf das unglückliche Fräulein Kaspar, das noch immer in ihre Hände weinte. Nur knapp verfehlte der Vorhang Mahler, der zur Seite gesprungen war.

Mit einem furchterregenden Getöse schlug der Vorhang auf den Bühnenboden auf, gefolgt von einem Moment fassungsloser Stille. Nur die kleinen schwarzen Lacklederschuhe der Sopranistin schauten noch unter dem Vorhang hervor. Dann hörte man die sich überschlagenden Stimmen der Bühnenarbeiter hinter dem Vorhang, eine übertönte die andere: »Sie ist tot. O mein Gott, das kleine Singvögelchen ist tot.«

1. KAPITEL

Dienstag, 6. Juni 1899

Wien, Österreich

 

Werthen weigerte sich, zu Fuß auf den Friedhof zu gehen. Er würde dem Toten seinen Respekt erweisen durch seine Anwesenheit am Grab. Sein bei einem Duell verletztes Knie verhinderte jedoch, dass er die Wallfahrt von gut drei Kilometern, vom Wiener Stadtzentrum hinaus auf den Zentralfriedhof in Simmering – dem kürzlich eingemeindeten 11. Bezirk –, zu Fuß unternehmen würde wie Hunderte anderer Würdenträger.

Ein Duell! Mein Gott, wie unbekümmert er nun daran denken konnte und wie unwahrscheinlich ihm dies nur wenige Monate zuvor erschienen war. Es war ihm so fremd wie Suaheli; eine Abweichung von seinem gesetzten, bürgerlichen Alltag, so unvorstellbar, wie es eine höfliche Salonplauderei im Leben eines Buschmannes gewesen wäre.

Ein Duell mit Worten, ein verbales Feuerwerk für einen leicht zu unterhaltenden Richter, ja, das gehörte zu seinem Metier. Aber keinesfalls ein Duell auf Leben und Tod. Nicht diese Körperwärme des Gegners, die man spürte, wenn man, vor den vorgeschriebenen fünfzehn Schritten, noch Rücken an Rücken stand. Nicht dieses Gefühl des kalten Stahls in seinen Händen. Eine solche Exzentrizität kannte man nicht von Karl Werthen, dem Notar für Testamente und Treuhandangelegenheiten!

Aber er hatte es getan. Und er hatte so gut geschossen, dass der Schädel seines Gegners wie ein Kürbis zerbarst und sich an diesem eiskalten Frühlingsmorgen purpurrotes Blut über die Wiesen des Praters ergoss. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, um sich selbst, seine Freunde und seine geliebte Frau von einem Mann zu befreien, der sie alle eines Tages hatte töten wollen.

Werthen schob die bösen Erinnerungen an die brutale Tat beiseite und suchte sich einen Platz in möglichst großer Nähe zum frisch ausgehobenen Grab in der Sektion 32A, Nummer 27. Es lag genau zwischen den letzten Ruhestätten von Franz Schubert und Johannes Brahms. Fast alle Gräber des Zentralfriedhofs waren schon belegt, obwohl er erst vor fünfundzwanzig Jahren eröffnet worden war. Der Friedhof maß 200 Hektar, und schon bald werden die Mieten hier weit überhöht sein, sinnierte Werthen. Der Friedhof war zwar nur halb so groß wie Zürich, aber doppelt so lustig, witzelten die Wiener.

In der Sektion 32 A lagen alle Berühmtheiten der Musikgeschichte. Sowohl die, die nach der Eröffnung des Friedhofes im Jahr 1875 gestorben waren, wie Brahms und Anton Bruckner, aber auch die Toten der vorangegangenen Epoche wie Gluck, Beethoven und Schubert, deren sterbliche Überreste exhumiert worden waren, um hier 1880 erneut bestattet zu werden. Es fehlten lediglich Haydn, der in Eisenstadt begraben lag, sowie auch der arme Teufel Mozart, dessen Gebeine unauffindbar geblieben waren.

Für Werthen würde dies sicher nicht die letzte Ruhestätte werden. Nein, seine Gebeine würden in der jüdischen Parzelle, nahe dem Tor 1, vermodern.

Pflichtbewusst saß Werthen an diesem Morgen in seiner Kanzlei in der Habsburgergasse, als eine gewaltige Trauergemeinde, die in die nahegelegene Episkopalkirche strömte, ihn an das Begräbnis erinnerte. Was soll’s, dachte er. Ein Ausflug. Ein Zeichen des Respekts für den großen Meister. Er teilte seinem Assistenten Doktor Wilfried Ungar mit, dass er kurz nach dem Mittagessen zurück sein würde, und verließ die Kanzlei, bevor der selbstgefällige junge Mann eine Bemerkung dazu machen konnte. Ungar war so einer, der mit seinem doppelten Universitätsabschluss in Jura und Wirtschaft protzte; selbst seine engen Freunde nannten ihn nur Doktor Doktor Ungar. Aber Werthen konnte sich nicht beklagen. Der junge Mitarbeiter hatte die Praxis in den vergangenen Monaten über Wasser gehalten, als Werthen sich von seinen Verletzungen, die er sich bei dem Duell zugezogen hatte, langsam erholte und darüber nachsann, was er mit seinem Leben nun anfangen wollte. So im Bett liegend, hatte er sich wieder wie ein Heranwachsender gefühlt, der den großen Fragen nach der Karriere und dem Sinn des Lebens nachhing. Mit einer Kugel im Körper konnte man sich wunderbar auf das Wichtigste im Leben konzentrieren. Eigentlich hatte er seine Seele nicht wirklich prüfen müssen: Seine Karriere hatte im Strafrecht begonnen, bevor er in das erhabenere Feld der Testamente und des Treuhandels gewechselt war. Nun, so wusste er, musste er auf die eine oder andere Weise zu seiner ersten Berufung zurückkehren.

Erst jetzt erreichte die Trauergemeinde nach einem langen Marsch den Friedhof. Wiewohl es die Mittagsstunde war, wurde die gesamte Strecke durch brennende Gasleuchten markiert. Geschäfte und Schulen blieben geschlossen, um der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, dem vorbeiziehenden Leichenzug ihren Respekt zu erweisen. Der Leichenwagen wurde auf seinem Weg durch die verstopften Straßen Wiens von vier grauen Lipizzanern gezogen und von acht Kutschen voller Blumenschmuck begleitet.

Es war ein ungewöhnlich warmer Tag für Anfang Juni. Trotzdem es für Werthen nur eine kurze, angenehme Fahrt im Fiaker gewesen war, sammelte sich der Schweiß an seinem hohen gestärkten Kragen; sein schwarzer Wollmantel saugte die Sonnenstrahlen förmlich auf. Er konnte die unangenehme Lage der Pilger, die diesen Weg zu Fuß hinter sich gebracht hatten, nur zu gut nachvollziehen. Viele Staatsdiener, Künstler, Musiker und Gelehrte und selbst der eine oder andere Kritiker trotteten hinter den Kutschen her.

Der Anblick des Leichenzuges erinnerte Werthen an ein anderes Begräbnis im letzten September. Das Begräbnis der Kaiserin Elisabeth, die in Zürich einem grausamen Attentat zum Opfer gefallen war. Bei diesem Gedanken fühlte er ein Stechen in seinem Knie, denn ihr Tod und seine Verletzung waren unauflösbar miteinander verbunden.

Er kehrte mit seinen Gedanken wieder zu den Geschehnissen des Tages zurück. Die Menschen drängelten; jeder versuchte, eine gute Sicht auf das Grab zu erlangen. Ein alter und sehr kleiner Mann, der den Weg gewiss nicht zu Fuß hinter sich gebracht hatte, drängte sich direkt vor Werthen, so dass sein ebenso unkonventioneller wie unmöglich hoher Hut ihm die Aussicht vollkommen versperrte.

Da Werthen auf beiden Seiten dicht von anderen Trauernden eingeschlossen war, blieb ihm nichts, als dem alten Herrn auf die Schulter zu tippen.

Ein rotes Gesicht mit stark geäderter Nase wandte sich ihm herausfordernd zu.

»Entschuldigung. Vielleicht könnten Sie Ihren Hut absetzen, so dass auch ich etwas sehen kann.«

»Unsinn«, stieß der Mann entrüstet hervor und wandte sich wieder dem Grab zu. Werthen bemühte sich an dem glänzenden schwarzen Hut vorbeizuspähen. Gerade erklomm Karl Lueger die improvisierte Rednerbühne. Dieser Mann war eine Wiener Legende, berühmt für sein gutes Aussehen sowie sein demagogisches Talent. Werthen war kurz davor, den verdammten Hut vor ihm platt zu schlagen, um eine gute Sicht auf den Bürgermeister zu erhalten, der nun seine Rede begann. Er verstand selbst nicht, weshalb dieser Judenhasser von einem Bürgermeister ihn so beeindruckte. Aber wie fast alle Wiener war auch Werthen fasziniert von Luegers rhetorischen Fähigkeiten, seiner Ausstrahlung und seinem Charisma. Man musste zugeben, dass der Mann seine antisemitische Rhetorik etwas gezügelt hatte, seit er im Amt war, und nun nicht länger versuchte, die Juden für jedes Unglück des Kaiserreiches verantwortlich zu machen.

Er hatte verschiedene städtische Großprojekte angeschoben; so kümmerte er sich um die Regulierung der Donau und die Fertigstellung der Stadtbahn.

Die Menge verstummte. Werthen spähte an der schwarzen Hutsäule vor ihm vorbei und erblickte plötzlich auf der gegenüberliegenden Seite des Grabes seinen alten Freund und Klienten, den Maler Gustav Klimt. Klimt zwinkerte ihm zu.

Der Maler war zwar kein Riese – aber dafür fast so breit wie lang –, dennoch überragte er deutlich den vor ihm stehenden Mann. In der kleinen Gestalt erkannte Werthen den Dirigenten der Wiener Hofoper, Gustav Mahler. Nie hatte ein jüngerer Mann diesen Posten innegehabt; Mahler war erst siebenunddreißig gewesen, als er vor zwei Jahren nach Wien gekommen war. Die beiden mussten den Weg zu Fuß zurückgelegt haben, aber Klimt, einem begeisterten Wanderer, war dies nicht anzumerken. Werthen fragte sich, wann Klimt wohl seine lange überfälligen Rechnungen begleichen würde. Dann suchte er mit seinen Blicken nach engen Familienangehörigen am Grab, aber es waren dort nur entfernte Verwandte zu sehen. Als ausgesprochen seltsam empfand Werthen vor allem das Fehlen der Witwe des Mannes, Adele, und das Fehlen seines Bruders.

»Meine Freunde«, begann Bürgermeister Lueger mit dröhnender Stimme. »Wir haben uns hier zu einem sehr feierlichen Anlass zusammengefunden. Abertausende von Wienern säumten die Wege unseres Trauermarsches zur letzten Ruhestätte, um unserem geliebten Maestro die Ehre zu erweisen. Die Wiener Bürger, die sich den heutigen Tag frei nahmen, weder zur Arbeit noch zur Schule gingen, empfanden in ihrem Inneren dasselbe wie wir, die wir hier versammelt sind – eine tiefe, zu Herzen gehende Traurigkeit angesichts des Verlustes eines solchen großen Mannes.«

Werthens Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, da ein dünnes Gespenst von einem Mann den fast unmöglichen Versuch unternahm, sich noch zwischen ihn und den Alten mit dem hohen Hut zu zwängen.

»… geehrt zu werden durch seine geliebte Stadt, begraben zwischen zwei anderen Meistern der Musik, Schubert und seinem lieben Freund Brahms …«

Er schnappte nur Bruchstücke der Rede auf und konzentrierte sich stattdessen auf den dünnen Mann, der nun zwischen ihm und dem Mann vor ihm eingezwängt war.

»Wir Wiener versprechen hier an seinem Grab, diesen Mann der Musik nie zu vergessen …«

Schnell entdeckte Werthen, warum sich der Mann so weit ins Gedränge begeben hatte. Der Kerl wartete ganz offensichtlich auf einen Höhepunkt in der Rede, um zuzuschlagen.

»Mein lieber Maestro, solange noch ein Wiener lebt, so wirst auch du unvergessen sein. Wir haben für dich eine letzte Ruhestätte inmitten der größten Komponisten der Welt gewählt, um zu bezeugen, dass, wann immer von Wien gesprochen wird, auch von Johann Strauß die Rede sein wird. Wir nehmen nun Abschied von dir, geliebter Walzerkönig. Wir verlassen dich, damit du deine letzte Reise antreten kannst. Wir geloben auf ewig das Andenken an deinen überragenden Geist lebendig zu erhalten; in unserem Herzen und in unserer Seele.«

Als trotz des ernsten Anlasses ein donnernder Applaus einsetzte, schlug der dünne Mann zu.

Werthen kannte die Methoden solcher Menschen aus seiner Zeit als Verteidiger noch bestens. Mühelos glitt die sehnige Hand in die Jackentasche des alten Mannes vor ihm und zog geschickt eine Börse von enormer Größe daraus hervor. Noch während die versammelten Trauergäste Bürgermeister Luegers Rede applaudierten und der Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde den Platz auf der Tribüne einnahm, bereitete die dürre Kreatur vor Werthen ihren Rückzug vor.

»Nicht so hastig«, sagte Werthen und packte den Nacken mit eisernem Griff. Der Mann drehte den Kopf zu ihm herum. Seine Augen funkelten vor Wut.

»Was wollen Sie von mir?«, zischte der Mann ihn an.

»Geben Sie das Geld zurück, oder Sie kommen ins Landl.«

Erschrocken ließ der Mann die Geldbörse fallen, als Werthen den Spitznamen des Wiener Gefängnisses benutzte. Werthen lockerte seinen Griff. Die Gestalt entkam und verschwand in der Menge. Es war alles so schnell vonstatten gegangen, dass keiner der Umstehenden die Auseinandersetzung bemerkt hatte.

Werthen bückte sich nach der Geldbörse des alten Mannes. Kaum hatte er sich wieder aufgerichtet, als der Alte sich herumdrehte und die Börse in Werthens Hand sah. Sogleich begann er zu schreien.

»Ein Dieb! Ein Dieb! Der Lump stiehlt meinen Geldbeutel.«

Noch bevor Werthen zu einer Erklärung ansetzen konnte, wurde er an beiden Armen gepackt und an den Rand der Menschenmenge geschoben. Der Alte folgte ihnen wütend schimpfend. Die schwere Hand eines Gendarmen in blauer Jacke und roter Hose legte sich auf Werthens Schulter.

»Also dann«, sagte der Gendarm. »Was ist vorgefallen?«

Die nächsten fünfzehn Minuten verbrachte Werthen mit Erklärungen des Geschehens, wurde jedoch immer wieder durch den ungestümen alten Herrn unterbrochen.

»Und wo ist der Dieb jetzt?«, fragte der Gendarm.

Aber Werthen konnte den Mann in der Menge der Trauernden nicht mehr entdecken. Vermutlich war er bereits geflohen.

»Herr Gendarm, ich versichere Ihnen, dass ich keinesfalls auf Beerdigungen gehe, um andere Menschen zu bestehlen. Ich bin Jurist, ein Angehöriger des Gerichtshofes.«

Die Menschenmenge entfernte sich langsam von der Grabstätte. Arbeiter trugen den Blumenschmuck aus den Kutschen und errichteten kleine Hügel aus üppig duftenden Blüten. Andere Arbeiter schaufelten Erde auf den Sarg; der offizielle Grabstein würde erst später aufgestellt werden.

»Auch wenn Sie ein Angehöriger des Gerichtshofes sind«, sagte der Polizeibeamte, »es liegt eine Anschuldigung gegen Sie vor …«

»Kann ich vielleicht behilflich sein?«

Werthen hatte nicht bemerkt, dass Klimt hinzugetreten war. War der Maler sonst von eher schroffem Benehmen, so zeigte er sich nun von seiner freundlichsten Seite, zog seinen Hut sowohl vor dem Gendarmen als auch vor dem alten Manne. All jene Männer, die geholfen hatten, Werthen festzuhalten, waren schon längst ihrer Wege gegangen und hatten lediglich zu Protokoll gegeben, die Geldbörse in der Hand des Juristen gesehen zu haben.

»Das kommt darauf an, welchen Dienst Sie uns erweisen können«, antwortete der Gendarm. Klimt zuckte nicht einmal mit der Wimper bei den abweisenden Worten, sondern behielt sein anbiedernd freundliches Verhalten bei. Gerade wollte Werthen seinen alten Freund begrüßen, als dieser warnend den Kopf schüttelte.

Der Maler zog eine Karte aus seiner Westentasche und übergab sie dem Gendarmen.

»Herr Gustav Klimt, zu Ihren Diensten.« Erneut zog er seinen Hut und lächelte salbungsvoll. »Kaiserlicher Hofmaler.«

Er übertreibt ein bisschen, dachte Werthen. Wohl eher etwas wie der Deckenmaler verschiedener öffentlicher Gebäude. Und durch seine Nacktmalereien auch hauptamtlicher Störer der öffentlichen Ordnung.

Argwöhnisch betrachtete der Gendarm die Visitenkarte und rieb mit seinem dicken Daumen über die geprägten Lettern.

»Ich stand genau gegenüber von diesen beiden Herren und sah sehr genau, was geschah. Dieser Herr hier« – er zeigte auf Werthen – »hat wirklich wie ein Wohltäter gehandelt, da er einen Diebstahl verhinderte. Er wollte den Geldbeutel gerade an diesen Herren« – er zeigte auf den alten Mann – »zurückgeben, als es zu dem Missverständnis kam.«

»Der Mann ist ein Schuft«, rief der Alte. Es war nicht ganz klar, ob er mit seiner Anschuldigung Werthen oder Klimt meinte.

»Ich schwöre es«, sagte Klimt in dramatischem Ton. »Sie können meine eidesstattliche Aussage gleich hier und jetzt aufnehmen.«

»Also dann …«, sagte der Wachtmeister.

»Sie glauben diesem Kerl doch nicht etwa. Die beiden stecken ganz offensichtlich unter einer Decke.«

Werthen nahm es für ein gutes Zeichen, dass der Polizist bei dieser Bemerkung die Augen verdrehte, und schloss daraus, dass weitere Beteuerungen von seiner Seite eher von Nachteil sein würden. Die geprägten Lettern auf der Visitenkarte Klimts hatten Wirkung gezeigt: KAISERLICHER HOFMALER, GUSTAV KLIMT.

Der Wachtmeister ließ den Geldbeutel in die Hände des alten Mannes fallen.

»Ich würde sagen, der Gerechtigkeit wurde ausreichend Genüge getan. Es scheint sich tatsächlich um ein Missverständnis zu handeln.«

»Was soll das heißen, Sie Volltrottel?«, stieß der alte Mann hervor.

Werthen ließ den Mann unbehelligt weiter schimpfen, denn der Gendarm schien an einer weiteren Debatte nicht mehr interessiert. Sie fanden einen freien Ecktisch im Café Feldmann auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es war ein riesiges Lokal, ohne jedes Flair von Gemütlichkeit. Da es nahe am Friedhof lag, verköstigte es vor allem Trauergesellschaften.

»Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet«, sagte Werthen, nachdem sie sich gesetzt hatten.

»Das war nicht mehr, als Sie auch für mich getan hätten. Es freut mich, dass nun auch ich Ihnen einen Gefallen erweisen konnte. Und vor allem freut es mich, dass diese Karten, die ich habe drucken lassen, endlich zu etwas gut waren.«

»Welch ein glücklicher Zufall, dass Sie gesehen haben, was sich abspielte«, sagte Werthen, während er die Speisekarte überflog.

»Nichts habe ich gesehen«, sagte Klimt, ohne sich die Mühe zu machen, in die Speisekarte zu schauen. »Der Hut dieses Dummkopfs hat mir die Sicht versperrt. Aber als ich hörte, wie der alte Narr sich aufplusterte, konnte ich mir ein Bild von dem Geschehen machen. Geschieht ihm recht, diesem Wichtigtuer.«

»Sie kennen ihn also?«, fragte Werthen.

»Aber sicher, ich habe ihn sofort bemerkt. Es wundert mich, dass Sie ihn nicht erkannten. Das war Eduard Hanslick, Wiens selbsternannter Musik-Diktator.«

Das also war Hanslick, dachte Werthen. Der Mann beherrschte schon seit Generationen das musikalische Geschehen; seine Kritiken entschieden noch immer über den Erfolg oder Misserfolg eines Komponisten oder Darstellers. Hanslick galt als entschiedener Gegner der romantischen Musik Wagners und Bruckners, er bevorzugte die strengere Musik der Klassik, wie man sie von Brahms kannte. Was hatte er noch über Johann Strauß gesagt? In etwa: Die Melodien von Strauß verderben dem Hörer die Ohren für die ernsthafte Musik. Dieser aufgeblasene alte Geier; Werthen hoffte, dass der Gendarm ihm für sein unverschämtes Benehmen eine Geldbuße auferlegen würde.

Die Kellnerin kam, und Klimt orderte einen Kaffee mit Schlagobers. »Mit einem Berg von Schlagobers«, sagte er zu der jungen Frau. »Ich habe unbändigen Appetit. Jemanden zu beerdigen macht wirklich hungrig.« Dazu bestellte er sich ein Stück Linzer Torte.

Werthen nahm nur seinen üblichen Kleinen Braunen, da er hoffte, rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause zu sein. Frau Blatschky hatte einen Zwiebelrostbraten versprochen. Er konnte die saftigen Stücke vom Rindfleisch und die gerösteten Zwiebeln schon fast auf seiner Zunge schmecken.

»Welch ein Zufall, Sie hier zu treffen«, sagte Klimt. »Ich hatte Sie ohnehin aufsuchen wollen.«

»Es wird hoffentlich nicht wieder ein Modell vermisst«, sagte Werthen. Sein erster Fall hatte seinen Anfang mit dem Tod einer jungen Frau genommen, die Klimt Modell gestanden hatte. Allmählich begann er, seine außerjuristischen Tätigkeiten als Fälle zu betrachten. Erst gestern hatte er sein Messingschild am Eingang in der Habsburgergasse austauschen lassen. Es hieß nicht länger ADVOKAT KARL WERTHEN; TESTAMENTE UND TREUHANDANGELEGENHEITEN; nun war zu lesen: ADVOKAT KARL WERTHEN; TESTAMENTE UND TREUHANDANGELEGENHEITEN, STRAFRECHT UND PRIVATE ERMITTLUNGEN.

Klimt schüttelte den Kopf. »Nein, so ernst ist es nicht, sollte ich denken, aber es liegt schon ein Schuss Dramatik darin. Möglicherweise ist es sogar ein Fall.«

Werthen wurde plötzlich munter.

»Sie kennen doch die junge Schindler, nicht wahr?«, fragte Klimt.

»Schindler? Sie meinen den Landschaftsmaler?«

»Emil Schindler. Ich meine seine Tochter Alma. Der arme Emil starb an einem Blinddarmdurchbruch.«

»Ja, richtig«, erinnerte sich Werthen. »Und seine Witwe hat dann Ihren Kollegen aus der Sezession geheiratet, diesen Moll.«

»Carl Moll«, bestätigte Klimt. »Es freut mich zu hören, dass Sie die Gerüchteküche in der Kunstwelt fleißig verfolgen.«

»Demnach sind es also nicht nur Gerüchte«, mutmaßte Werthen.

»Nun ja, sehen Sie, diese junge Dame und ich werden häufig in Zusammenhang gebracht, geschäftlich und auch privat …«

»Kein weiteres Wort, Klimt! Sie haben also eine neue Eroberung.«

Klimt besaß immerhin den Anstand, bei diesen Worten zu erröten. »Wohl kaum, obwohl ich zugeben muss, dass ich von dieser jungen Frau wirklich hingerissen bin. Sie ist wunderschön und hat einen klugen Kopf. Leider hat sie eine Schwäche für einen gewissen Musiker.«

Eine Pause trat ein, als der Kaffee und das Gebäck serviert wurden. Klimts Tasse zierte ein wahres Matterhorn aus Sahne. Er wirkte zufrieden und folgte mit einem beinahe zärtlichen Blick dem Hinterteil der Kellnerin, als sie davonging.

»So ein süßes, junges Ding«, sagte er, wandte sich seinem Kaffee zu und machte sich über den Kuchen her. Er schlang ihn förmlich in sich hinein.

Werthen gönnte Klimt fünf Minuten, um ohne Unterbrechung zu essen und zu trinken.

»Alma Schindler«, gab Werthen dann das Stichwort.

»Genau. Sie ist ein prächtiges Mädchen, und ich glaube eigentlich, dass sie auch in mich vernarrt ist. In diesem Frühling bin ich mit ihr und ihrer Familie nach Italien gereist. Da war schon eine besondere Chemie zwischen zu. Man spaziert so durch Venedig, über den Markusplatz … Aber es gab auch Probleme. Carl … also Moll. Ich meine, nicht dass Sie mich …«

»Der Stiefvater hat die Liaison missbilligt.«

Klimt schüttelte bekümmert den Kopf. »Bürgerliche Konventionen. Glauben Sie mir, Alma hat ihren eigenen Kopf. Jedes andere süße, junge Ding hätte schon längst mein Bett mit mir geteilt.« Er seufzte bedauernd.

Werthen zog seine Taschenuhr hervor: fünf vor zwölf. Noch könnte er es rechtzeitig zum Mittagessen nach Hause schaffen.

»Was hatten Sie mir denn über Fräulein Schindler eigentlich sagen wollen?«

»Ach ja. Es scheint, als hätte sie einen Hang zu älteren Männern. Ihr neuestes … Projekt ist Mahler.«

»Ich habe Sie mit ihm gesehen. Ein neuer Freund?«

»Er ist nicht so ganz mein Geschmack, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Nein, nicht so ganz.«

»Es ergab sich einfach zufällig, dass wir den ganzen Weg hier hinaus zum Friedhof gemeinsam gegangen sind. Währenddessen hat er sich unablässig darüber beklagt, wie manieriert die Grabrede von Pastor Zimmermann in der Episkopalkirche doch gewesen sei. Außerdem habe der Acappella-Chor des Männergesangsvereins anderthalb Noten tiefer geendet als begonnen. Als wäre es seine Beerdigung gewesen. Na, so ist der Bursche halt.«

Werthen wusste noch immer nicht, worauf Klimt hinauswollte, und drängte ihn weiterzusprechen.

»Und? Dieser Mahler und Alma Schindler stehen sich also nahe?«

»Wohl kaum. Sie hat ihn erst einmal aus der Ferne gesehen, schwört aber, dass er der Mann ihres Lebens sei. Und was Alma will, bekommt sie auch.«

»Sie scheint jemand zu sein, mit der man rechnen muss. Aber was hat das Ganze nun mit mir zu tun?«

»Ja, das ist ja das Drama. Sie möchte, wie sie es ausdrückt, dass ein privater Ermittler ›gewisse Nachforschungen‹ durchführt. Mehr will sie mir dazu nicht sagen, aber da ich in meinen Erzählungen immer Ihren Scharfsinn gerühmt habe, möchte Alma Sie unbedingt treffen.«

Werthen überlegte einen Moment. Es hörte sich nicht sehr vielversprechend an, sondern eher peinlich; als wollte die junge Frau ihn mit Mahlers Beschattung beauftragen, um herauszufinden, ob der Musiker eine Affäre hatte. Eine Ermittlung privater Natur also und dazu eine von der uninteressantesten Sorte.

»Ich würde es als einen persönlichen Gefallen ansehen«, sagte Klimt.

Der Maler sah ihn so erwartungsvoll an, dass Werthen schließlich nachgab.

»Also gut, richten Sie ihr aus, sie soll einen Termin mit meiner Kanzlei vereinbaren. Ich werde sehen, ob ich in irgendeiner Weise behilflich sein kann.«

»Bravo, Werthen. Sie geben also die alten Testamente und die Treuhänderei auf?«

»Es ist eher so, dass ich diese Dinge ein wenig ruhen lasse.«

»Und wie geht es Ihrer verehrten Gattin? Ich bedaure sehr, dass ich nicht zu Ihrer Vermählung habe kommen können. Ich war damals in Italien unabkömmlich.«

»Es war eine ruhige Feier«, erwiderte Werthen. Sehr ruhig in der Tat, denn selbst seine eigenen Eltern waren nicht erschienen. Ihr Missfallen galt der Tatsache, dass es nur eine standesamtliche Heirat und keine kirchliche Trauung gewesen war.

»Richten Sie ihr meine besten Grüße aus. Sie ist wahrlich ein ziemlich temperamentvolles Füllen!«

Werthen war sich nicht ganz sicher, ob Berthe der Vergleich mit einem Pferd gefallen hätte, doch er verstand, was Klimt meinte.

»Ja, das ist sie. Und ich bin ein glücklicher Mann.«

Werthen wollte seinen Kaffee bezahlen, aber das ließ Klimt nicht zu. »Also bitte, Werthen. Beleidigen Sie mich nicht.«

Klimt widmete sich den Resten seines Kuchens, als Werthen nach Hut und Mantel griff.

Schon im Gehen sagte er: »Übrigens, Klimt …«

»Ich weiß, mein alter Freund. Das Geld ist in der Post. Oder besser gesagt, es wird morgen in der Post sein.«

2. KAPITEL

Klimt hatte recht, dachte Werthen. Sie ist wirklich eine Schönheit.

Alma Schindler saß ihm in seinem Büro am Schreibtisch gegenüber. Seine Frau Berthe, die zurzeit einige Stunden in seiner Firma als Sekretärin arbeitete, saß mit gespitztem Bleistift hinter der jungen Dame in der Ecke.

Fräulein Schindler trug einen Hut mit Federn, der bei einer Neunzehnjährigen viel zu altmodisch wirkte, dafür aber von Habig stammte, dem vornehmen Geschäft auf der Wiedner Straße. Als sie den Hut absetzte, sah man ihr Haar, das ganz nach der neuesten Mode frisiert war. Es war zu einer üppigen Hochfrisur aufgetürmt, mit vielen Wellen und Locken. Sie trug ein weißes Kleid mit Applikationen aus Spitze und Stickereien, einem hohen Kragen und Puffärmeln und darüber eine eng anliegende cremefarbene Weste mit dunklen Seidenstreifen. Werthen bewegte sich, was Mode anging, zwar auf unbekanntem Terrain, aber er meinte, ein ähnliches Gewand bei Fournier am Graben gesehen zu haben, einem exklusiven Modegeschäft.

Äußerlich wirkte Fräulein Schindler wie eine schick gekleidete, vornehme Städterin. Sprach man jedoch mit ihr, erinnerte sie eher an eine frühreife Jugendliche. Sie war durchaus gebildet, aber etwas zu bemüht, dieses Wissen auch zu zeigen. Schließlich lebten sie in einer Zeit, die bei den Damen der Gesellschaft ein zurückhaltendes Wesen und eher eine langweilige Gesetztheit bevorzugte.

Werthen sah von Fräulein Schindler hinüber zu seiner Frau. Er wunderte sich, wie verschieden die zwei Frauen doch waren. Berthe war nur um wenige Jahre älter als die junge Alma Schindler, und doch strahlte sie eine Verlässlichkeit und Eigenständigkeit aus, die ihn immer wieder begeisterte. Alma Schindler dagegen wollte glänzen und sonnte sich dabei nur in unverdientem Ruhm. Berthe jedoch ruhte ganz in sich: souverän, selbstsicher und gelassen. Nur um ihren Mund lag häufig der Hauch eines spöttischen Lächelns, so als würde sie die Welt immer ein wenig amüsieren. Es waren nicht einzelne Züge ihres Äußeren, durch die sich Werthen zu Berthe hingezogen fühlte, auch nicht die rein körperliche Anziehungskraft; vielmehr ging ihr Reiz von ihrer ganzen Persönlichkeit aus. Sie war eben eine ruhige, gezähmte Schönheit, wie ein warmer Zuckerkringel aus Weiblichkeit, der nicht für jeden zur Schau gestellt wurde.

Allerdings war Werthen in der Beurteilung seiner Frau wohl nicht ganz objektiv.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Advokat, dass Sie mich so kurzfristig empfangen.«

Was soll man darauf antworten?, dachte er und griff zu der üblichen Phrase. »Keine Ursache.«

»Ich weiß nicht, wie viel Ihnen Gustav … Herr Klimt bereits erzählt hat …«

»Sehr wenig. Er erwähnte lediglich ein Anliegen, dass Sie mit mir besprechen möchten.«

»Sie werden denken, dass ich ein albernes junges Mädchen bin«, sagte sie und errötete wie auf Stichwort.

Werthen hob den Blick und sah zu Berthe hinüber, die jedoch mit leicht amüsiertem Blick eifrig etwas in Kurzschrift notierte.

Unvermittelt lehnte sich Fräulein Schindler ein wenig über den schmalen Schreibtisch und fixierte Werthen. Er roch den Duft von Erdbeeren in ihrem Atem. Es mussten die ersten der Saison gewesen sein.

»Es dreht sich um Herrn Mahler, den Komponisten.«

»Der Dirigent der Wiener Hofoper«, ergänzte Werthen.

»Auch das, aber haben Sie denn seine Musik nicht gehört? Überragend. Könnte ich nur eines Tages so etwas komponieren, hätte mein Leben wirklich einen Sinn.«

Sie lächelte ihn liebreizend an, während sie mit ihm sprach und sich weiter über seine Seite des Schreibtischs beugte. Die obere Hälfte ihres Mieders bestand aus reiner Spitze, Werthen musste sich zusammenreißen, seinen Blick nicht auf ihr Dekolleté zu richten.

»Nein, ich hatte bislang noch nicht das Vergnügen. Aber am Dirigentenpult ist er jedenfalls ganz ausgezeichnet.«

»Das sind nur Fingerübungen«, sagte sie herablassend. »Aber deshalb bin ich nicht bei Ihnen. Meine Güte, das kommt mir jetzt alles so albern vor.«

»Ich bitte Sie, Diskretion ist innerhalb dieser vier Wände selbstverständlich«, sagte Werthen, der fast gegen seinen Willen von ihrem Charme eingenommen wurde.

»Jemand versucht, ihm Schaden zuzufügen, vielleicht sogar, ihn zu ermorden. So. Jetzt habe ich es ausgesprochen!«

Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor ihrer Brust, fast wie ein gescholtenes, verstocktes Kind.

Werthen atmete tief durch. Das hatte er nun allerdings wirklich nicht erwartet. Berthe warf ihm einen kurzen Seitenblick zu.

»Wie kommen Sie denn zu dieser Annahme?«

»Es gab da einige … Vorkommnisse.«

»Mehrere?«

»Ja.«

»Ich habe selbstverständlich von dem unglücklichen Unfall, dem Tod der jungen Sopranistin gelesen …«

»Das war kein Unfall.«

Wieder blickte Werthen zu seiner Frau hinüber, die nur kurz die Augenbrauen hob.

»Könnten Sie das vielleicht ein wenig erläutern?«

»Ein Feuervorhang fällt nicht einfach aus Versehen herunter. Er ist mit Seilen doppelt gesichert. Der Feuervorhang aus Asbest hängt bei der Hofoper unmittelbar hinter dem Proszenium und hat eine eigene Winde. Er kommt nicht so einfach herunter, wenn er es nicht soll.«

Werthen war beeindruckt. Die junge Frau hatte ganz offenbar ihre Hausaufgaben gemacht. Natürlich war ganz Wien theaterverrückt, und er selbst bildete da ebenfalls keine Ausnahme. Feuerschutzvorhänge waren eine relativ neue Erfindung, die sich erst jetzt, nach dem tragischen Feuer im Wiener Ringtheater im Dezember 1881, weltweit allmählich durchsetzte. Hunderte Menschen waren getötet worden, als ein Kulissenbrand in den Zuschauerraum übersprang. Das ausgebrannte Theater hatte man später abgerissen und durch einen Wohnblock mit dem passenden Namen »Sühnhaus« ersetzt.

»Und was sagt der Inspizient des Hauses dazu?«

Fräulein Schindler zeigte nun eine ganz uncharakteristische Mimik: Sie zog ihr hübsches Näschen kraus, als würde sie in der Sonne liegende Pferdeäpfel riechen.

»Dieser Herr ist ein Idiot. Er hat keine andere Erklärung, als dass sich die Knoten der Seile irgendwie gelöst haben müssen. Aber diese Knoten sind ja nicht einfach ein paar hübsche Schleifen aus Hanf, sondern kunstfertig geknüpft, damit sie eine schwere Last halten. Und immerhin gibt es zwei davon, Herr Werthen.«

»Sie erwähnten noch andere Vorkommnisse.«

»Ein Bühnenbild fiel nur knapp neben Herrn Mahler zu Boden. Sie müssen dazu wissen, dass die Oper noch immer ein ›Hanf-Haus‹ ist.«

Sie lächelte, als sie diesen technischen Ausdruck benutzte, wohl in Erwartung von Werthens Ratlosigkeit. Er nickte jedoch nur. Ein alter Fall aus Graz, als er noch im Strafrecht praktizierte, hatte ihm etwas Bühnenwissen vermittelt. Im Prozess ging es um eine Anklage wegen Vandalismus. Beschuldigter war ein Bühnenarbeiter, dem seine Arbeit beim Grazer Stadttheater gekündigt worden war. In Graz, wie in Wien, war die Tradition noch immer eine sehr starke Kraft; die hergekommene, alte Weise wurde oft auch für die beste gehalten. So wurden die Bühnenbilder an der Hofoper noch immer durch reine Muskelkraft hochgezogen; mehrere Männer bewegten die Bühnenbilder, indem sie an Hanfseilen zogen. In der Tat, ein »Hanf-Haus«.

»Es werden also Seile mit fliegenden Gegengewichten benutzt, nicht wahr?«, antwortete Werthen. »Herr Mahler ist wohl kein Anhänger dieser Tradition, wie ich hörte.«

Nun zeigte Alma Schindler ein anderes Lächeln; kleinlaut erkannte sie das Wissen des Rechtsanwaltes an, weil sie wohl begriff, dass er mit Lexikonwissen nicht zu beeindrucken war.

»›Tradition ist Faulheit.‹ Das habe ich Mahler wohl hundert Mal sagen hören.« Sie lächelte wieder kokett. Werthen registrierte, dass sie nur Mahlers Nachnamen benutzt hatte, ohne ein »Herr« davorzusetzen, ein Zeichen angemaßter Nähe. »Sehen Sie, ich bin häufig bei den Proben anwesend. Mahler weiß davon natürlich nichts. Ein Freund von Carl … meinem Stiefvater, sorgt dafür, dass ich durch den Seiteneingang hineinschlüpfen kann. Dann sitze ich ganz still im vierten Rang.«

Sie ließ einen Moment verstreichen, um diese Mitteilung wirken zu lassen.

»Auch seine morgendliche Tasse Kamillentee wurde einmal mit Farbe vermischt, scheinbar unabsichtlich. Glücklicherweise hat Mahler nicht davon getrunken.«

»Die Operndirektion sah keine Veranlassung zu einer Untersuchung?«

»Das ist doch nur ein Haufen alter Memmen!«

»Und was ist mit Mahler selbst? Hat er sich wegen dieser Vorkommnisse nicht beschwert?«

»Er ist viel zu sehr mit seiner Musik beschäftigt, als dass er darin mehr als Zufälle sieht.«

»Aber, Fräulein Schindler, warum sollte jemand Mahler schaden wollen? Er ist immerhin im Begriff, die musikalische Welt Wiens umzuwälzen, wenn man der Presse Glauben schenken mag.«

»Bei einer solchen Umwälzung gibt es aber Gewinner und Verlierer.«

Sie hatte natürlich recht, aber es klang Werthen ein bisschen zu melodramatisch. Einen Mann töten, nur weil er mit der Claque, den bezahlten Klatschern, aufräumen will? Weil er das Licht komplett löschen lässt, bevor eine Aufführung beginnt, und Zuschauer, die sich verspäten, erst in der Pause einlässt?

»Und was soll ich Ihrem Wunsch nach unternehmen?«

»Führen Sie eine Untersuchung durch. Finden Sie heraus, wer für diese Schandtaten verantwortlich ist. Stoppen Sie ihn … oder sie, bevor Mahler ernsthaft verletzt wird.«

»Ich verstehe.« Werthen antwortete vollkommen ausdruckslos.

»Ich bin bereit, dafür zu zahlen. Mein Vater hat mir ein geheimes Bankkonto eingerichtet. Mein richtiger Vater, meine ich.«

Den Vorschlag tat Werthen mit einem Winken ab. »Lassen Sie uns zuerst einmal sehen, wie die Dinge wirklich liegen.«

»Dann werden Sie meinem Anliegen also nachkommen?« Zum ersten Mal zeigte ihr Gesicht eine ehrliche Gemütsbewegung, und zwar kindliches Entzücken.

»Ich möchte zunächst mit Herrn Mahler sprechen.«

»Sie dürfen ihm aber nicht verraten, dass Sie in meinem Auftrag handeln.«

»Meine Nachforschungen vollziehen sich in absoluter Diskretion, das versichere ich Ihnen.«

Fräulein Schindler stand plötzlich auf und streckte ihre Hand aus.

»Klimt hat ganz recht. Er findet Sie ganz wunderbar. Und das finde ich auch.«

Er gab ihr die Hand und war überrascht von ihrem kräftigen Händedruck.

Alma Schindler nickte Berthe kurz zu, ohne auf ihre Anwesenheit weiter einzugehen, und verließ dann die Kanzlei.

Werthen und Berthe warteten einen Moment, bis auch die Haustür ins Schloss gefallen war.

»Nun?«, sagte er.

»Sie ist schwerhörig.«

»Wie bitte?«

»Jetzt sag mir nicht, dass du auch schlecht hörst.«

»Wie kommst du darauf?«

»Diese kleine Pose, als sie sich zu dir hinüberlehnte, als wollte sie sich bei dir einschmeicheln … Das war keineswegs der Grund. Fräulein Schindler hat einfach nur ein kleines Hörproblem. Ich hatte eine Freundin in der Schule, die es ganz ähnlich gemacht hat, und übrigens denselben Effekt bei den Jungen erzielte.«

»Ich versichere dir …«, begann er.

»Ach Karl, mach dir keine Gedanken. Sie ist ein attraktives Ding, das will ich gern zugestehen. Und sie ist außerdem ziemlich schlau. Das ist für eine Frau eine sehr schwierige Kombination.«

»Und was hältst du von ihrer Geschichte?«

Berthe nahm Notizbuch und Stift auf. »Sie hat eine lebhafte Phantasie, soviel ist sicher. Aber immerhin gibt es da auch eine tote Sopranistin, nicht wahr?«

»Du meinst also, wir sollten die Sache weiter verfolgen?«

»Was ich denke, zählt nicht wirklich, oder? Du hast es dem Mädchen so gut wie versprochen. Und das obendrein noch ohne Honorar.«

Werthen kam sich plötzlich vor wie ein Narr. »Ja, das habe ich wohl.«

Berthe trat zu ihm und legte ihre warme, weiche Hand an seine Wange.

»Mach dir keine Gedanken, Karl. Ich bin sicher, sie hat auch schon ganz andere Männer bezirzt.«

 

Werthen und seine Frau aßen in einem ihrer Lieblingsbeiseln zu Mittag, das nur ein paar Schritte vom Büro entfernt lag. Die Alte Schmiede war ein einfaches, gemütliches Lokal mit einem täglich wechselnden Mittagstisch. Heute gab es Leberknödelsuppe und als Hauptgericht scharfes Gulasch mit neuen, gedämpften Kartoffeln. Sie tranken einen Rotwein aus dem Burgenland zu ihrem Mahl, verzichteten aber auf den Nachtisch. Stattdessen saßen sie noch eine Weile bei einer Tasse Kaffee, ließen den Morgen Revue passieren und planten den Nachmittag.

Nachdem Fräulein Schindler gegangen war, hatte sich Werthen entschieden, den Fall anzugehen, und in der Hofoper angerufen, um mit dem Dirigenten persönlich zu sprechen. Mahler sei heute zu Hause, wurde ihm mitgeteilt, da er unter Halsschmerzen leide. Er bat um Mahlers Privatnummer, und sein Anwalttitel genügte, um diese zu erhalten. Sein Anruf wurde von Justine Mahler, einer der Schwestern des Musikers, entgegengenommen. Sie war seine Haushälterin und, wenn man bedachte, wie hartnäckig sie Werthen nach dem Grund seines Anrufs befragte, wohl auch seine Leibwächterin. Er betonte die Wichtigkeit und den privaten Charakter des gewünschten Treffens – und schließlich wurde ihm eine Audienz für zwei Uhr am Nachmittag gewährt.

»Gustav sollte zu dieser Zeit seinen Mittagsschlaf beendet haben«, sagte die scharfe Stimme am anderen Ende. »Wenn nicht, werden Sie warten müssen.«

Er verabschiedete sich von Berthe, die zu ihrer nachmittäglichen Arbeit im Kindergarten in Ottakring aufbrach. Der Tag war perfekt für einen Spaziergang: Es wehte eine leichte Brise, die Wolken zogen hoch und schnell über den strahlend blauen Himmel. Die Stadt wirkte wie von Belotto gemalt. Werthen war mit sich und der Welt im Reinen, als er die friedlichen, gepflasterten Straßen des Inneren Bezirkes entlangschlenderte. Er hatte alles, was er zurzeit brauchte: die Liebe einer guten Frau, eine Mahlzeit im Bauch, einen schönen Tag zum Spazieren, und am Ende wartete vielleicht noch ein neuer Fall auf ihn.

Mahlers Wohnung lag ganz in der Nähe der Ringstraße, in der Auenbruggerstraße. Eine kurze Gasse, die zum Rennweg führte, dem Viertel der Diplomaten, nahe beim Belvedere. Als Werthen den Weg zum Schwarzenbergplatz nahm, erinnerte er sich an jenen Morgen, an dem er mit seinem alten Freund, dem Kriminologen Hanns Gross, diesen Palast verlassen hatte, wo sie die ungeladenen Gäste des Erzherzogs Franz Ferdinand gewesen waren.

Tatsächlich lag Mahlers Wohnung genau an der Ecke zum Rennweg, nur ein paar Schritte vom Unteren Belvedere entfernt. Der Wohnblock war von Otto Wagner gebaut worden und zeigte schon an der Fassade die Handschrift der frühen Periode des Architekten: zurückstehende dekorative Vertäfelungen an den Ecken, und die gleichen Ornamente wiederholten sich als Fries unter den Fenstern des dritten und vierten Stockwerkes.

Da es ein modernes Gebäude war, gab es einen Fahrstuhl, und Werthen entschied sich auch, ihn zu nehmen; er spürte sein verletztes Knie nach dem Spaziergang deutlich. Die Tür wurde nach seinem zweiten Klopfen von einer weiblichen Version des Dirigenten geöffnet. Auch ihr Haar war widerspenstig und eher dünn, sie hatte eine Habichtsnase, und die Augen wirkten etwas verschleiert und gemahnten an ein Raubtier. Sie trug eine breite Krawatte über ihrer cremeweißen Bluse, einen breiten weißen Gürtel und einen Tellerrock aus grobem Leinen.

»Sie müssen Herr Werthen sein«, sagte sie.

»Ja.« Werthen war sich nicht sicher, wie er sie anreden sollte, vielleicht mit Gnädige Frau? Es gab eine ungeschriebene Regel, nach der Frauen jenseits der dreißig nicht länger als Fräulein, sondern als Frau angesprochen wurden. Er entschied sich dann jedoch für einen kurzen Handschlag statt einer verbalen Begrüßung.

»Ich nehme an, Sie möchten eintreten.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um und überließ es ihm, die Tür hinter sich zu schließen. Vom Eingang zweigten zwei kurze, dunkle Flure ab, die zu verschiedenen Zimmern führten. Justine ging ihm voran durch direkt gegenüberliegende Doppeltüren aus dunklem Mahagoni. Hinter diesen erstreckte sich ein weiterer Korridor, der jedoch sehr viel länger, auch heller war und Zugang zu einer Reihe von weiteren Zimmern erlaubte. Es ging dem Dirigenten der Hofoper offensichtlich finanziell sehr gut, da er sich eine solche Flucht von Zimmern nur für sich selbst und seine Schwester erlauben konnte.

Werthen folgte Justine Mahler weiter, die nach links abbog. Sie passierten eine offene Tür auf der rechten Seite, und er warf im Vorbeigehen einen Blick hinein. Es war ein formelles Esszimmer mit ebenso elegantem wie modernem Esstisch und Stühlen im geometrischen Design. Die Möbel waren ganz offensichtlich nach Entwürfen der Wiener Werkstätten gefertigt, einer Gruppe von Künstlern des Jugendstils und der Sezession, die sich um Gustav Klimt versammelt hatte. Das Licht fiel durch große Fenster in den Raum.

Justine öffnete die Doppeltüren zum nächsten Zimmer, und sie betraten einen großzügigen Wohnraum, dessen Mitte ein prachtvoller Bösendorfer-Flügel zierte. Dessen Lack glänzte wie frisch poliert. In einer Ecke des Zimmers meinte Werthen einen Stapel Decken auf einem Diwan zu sehen; nach einem zweiten Blick entdeckte er Mahler selbst, der, mit einem weißen Verband um den Hals und einem Thermometer im Mund, unter diesem Berg von Daunendecken vergraben lag. Werthen musste ein Lachen unterdrücken; es wirkte ganz wie eine Karikatur aus Der Floh oder eine der anderen wöchentlichen Witzzeichnungen.

Neben dem Diwan stand ein kleiner emaillierter Tisch, auf dem eine Schachtel mit Loukoumi lag oder Turkish Delight, wie die Engländer diese Süßigkeiten nannten, nach denen Mahler süchtig war. So war es jedenfalls in den Boulevardblättern zu lesen. Daher wusste Werthen auch, dass der Komponist einen regelmäßigen Vorrat direkt von der Ali Muhiddin Haci Bekir Company aus Istanbul bezog. Mahler erschien Werthen etwas menschlicher, da er sich diese Schwäche gönnte. Die kleinen Würfel aus Fruchtgelee waren reich mit Puderzucker bestreut und dufteten stark nach Zimt und Minze.

Justine Mahler blieb vor dem Diwan stehen, nahm das Thermometer aus Mahlers Mund, warf einen kurzen Blick darauf, brummte, als sie die Temperatur ablas, und schob es dann in die Tasche ihrer Bluse.

»Ermüden Sie ihn bitte nicht. Er muss sich noch auf die letzte Opernaufführung der Saison vorbereiten.«

Dann ging sie. Werthen fühlte sich erleichtert, als wäre ein Sturm vorbeigezogen. Er übergab Mahler eine seiner neuen Visitenkarten. Mahler nahm diese und griff, da seine Schwester gegangen war, nach einem Stück Loukoumi.

»Setzen Sie sich«, sagte er und steckte sich die Süßigkeit in den Mund, ohne im Geringsten daran zu denken, auch Werthen etwas anzubieten.

Mahlers Stimme wirkte trotz der Halsschmerzen gebieterisch und war sehr viel tiefer, als man bei seiner geringen Körpergröße erwartet hätte. Er griff nach dem Kneifer neben sich und setzte ihn auf seine schmale Nase. Dann musterte er die Visitenkarte und kaute dabei gründlich das Konfekt, bevor er zu sprechen begann.

»Ein beeindruckendes Trio«, meinte Mahler und zeigte auf die Karte. »Und wer der Herrn stattet mir einen Besuch ab?«

»Der Privatermittler«, entgegnete Werthen.

»Ah. Was genau ist denn diese lebenswichtige Information, die Sie angeblich für mich haben?«, fragte Mahler, als Werthen einen unbequem aussehenden Armlehnenstuhl zum Diwan zog. Die Wiener Werkstätten machten wunderschöne Entwürfe, aber die Möbel waren doch eher zum Anschauen als zum Sitzen geeignet.

Die dunklen Augen des Musikers funkelten, und der Hauch eines Lächelns zeigte sich auf seinen dünnen Lippen. Der Wust von unkontrollierbarem Haar wirkte hier im Bett weniger unpassend, als wenn er hutlos und mit seinem ungleichmäßigen Gang die Kärntnerstrasse hinuntereilte, oft begleitet von johlenden Kindern. Selbst hier, unter einem Berg von Daunendecken liegend, klopfte er voll nervöser Energie mit der linken Hand einen Takt auf die Bettdecke.

Werthen räusperte sich und begann: »Es gab an der Oper gewisse Vorkommnisse, wenn ich es richtig verstanden habe. Der Tod von Fräulein Kaspar ist wohl nur der traurige Höhepunkt dieser Vorfälle.«

Mahler sagte nichts, fixierte Werthen jedoch lange mit einem durchdringenden Blick.

»Unter anderem gab es den Vorfall mit einem hinabstürzenden Bühnenbild und dieser giftigen Substanz in Ihrer Teetasse.«

»Mein Gott, Herr …« Mahler warf einen prüfenden Blick auf die Karte, »… Herr Werthen. Wenn Sie mich vorab in Kenntnis gesetzt hätten, dass Sie mit einem neuen und recht melodramatischen Libretto ankommen würden, hätte ich mich dem Anlass gemäß gekleidet.«

Werthen fühlte, wie er errötete, und entschied sich dann, die Höflichkeitsfloskeln beiseite zu lassen.

»Ich wurde beauftragt, die versuchten Anschläge auf Ihr Leben zu untersuchen.«

Bei diesen klaren Worten verschwand das arrogante Lächeln von Mahlers Lippen.

»Und wer ist Ihr Auftraggeber?«

»Verzeihen Sie, aber ich bin nicht befugt, diese Information preiszugeben.«

»Ja, gewiss. Es wird sich um Prinz Montenuovo handeln, der um seine Investitionen bangt.«

Mahler sprach von dem gefürchteten Vertreter des Stellvertretenden Hofkämmerers, des Verwaltungschefs der Hofoper, der allein und direkt Kaiser Franz Joseph verpflichtet war.

»Wie ich bereits sagte, bin ich nicht befugt, die Identität meines Auftraggebers zu enthüllen. Ich bin vor allem zu Ihnen gekommen, um zu erfahren, ob Sie diese Vermutung teilen.«

»Was denn? Dass jemand mich töten will? Das ist lächerlich. Allenfalls Grethe vielleicht. Also Fräulein Kaspar. Sie können Ihrem ungenannten Auftraggeber ausrichten, dass er lieber ihren Tod untersuchen lassen sollte. Sagen Sie ihm, er soll die Opernkätzchen überprüfen, die schon ihre Krallen nach der jungen Sopranistin ausgefahren hatten. Jedermann weiß, dass sie meine Geliebte war. Viele der jungen Dinger hatten sie auf dem Kieker, da bin ich sicher.«

»Mit ›Kätzchen‹ meinen Sie vermutlich die anderen Sängerinnen?«

»Sie sind entschieden zu liebenswürdig; die meisten von ihnen nennen sich lediglich Sängerinnen. Aber schon bald werde ich den Stall ausgemistet haben! Dann fliegen all die alten Jungfern hinaus, die ausschließlich auf eine Pension aus sind. Bis es soweit ist, muss ich sie leider dulden.«

»Sie sehen also keine Gefahr für sich selbst?«

»Nur für meine Ohren, da ich dem sogenannten Gesang der Damen zuhören muss.«

Falls wirklich jemand versucht hatte, Mahler zu töten, verstand Werthen nun jedenfalls das Motiv etwas besser.

»Im Ernst, ich mag einige verärgert haben, aber ich habe weder die Zeit, noch die Geduld, mich um meine Beliebtheit zu sorgen. Es geht um die Musik. Die Musik ist das Wichtigste. Diejenigen, die das nicht begreifen, müssen gehen. Aber ist das ein Grund zu morden? Ich denke nicht.«

»Und das Bühnenbild? Die vergiftete Tasse mit Tee?«

»Unfälle. Es arbeiten mehr als hundert Leute vor und hinter der Bühne. Da muss man mit so etwas rechnen.«

»Ja.« Werthen zeigte nun seine einstudierte Anwaltsmiene, um sich nicht zu verraten. Denn plötzlich fühlte er sich wie ein Narr. Natürlich hatte Mahler recht. Ein Unfall. Zufall. Hinter dem Tod von Fräulein Kaspar steckte vielleicht mehr, aber selbst wenn dem so wäre, hatte sich die Polizei darum zu kümmern. Fräulein Schindler hatte offensichtlich ihrer überbordenden Phantasie freien Lauf gelassen.

»Nun, denn …« Werthen stand auf, um sich zu verabschieden.

»Ihre Visitenkarte. Es steht dort ›Testamente und Treuhandangelegenheiten‹. Stimmt das?«

Werthen reagierte betroffen bei dieser Frage: »Selbstverständlich! Ich maße mir doch keine Titel an.«

»Beruhigen Sie sich. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Aber ich benötige jemanden, der ein neues Testament für mich aufsetzt. Es muss einiges geändert werden, da sich gewisse Umstände ebenfalls verändert haben. Wann könnten wir damit beginnen?«

Mahler verzichtete auf irgendwelche Höflichkeitsfloskeln, als er um diesen Dienst bat. Er war ganz offenkundig gewöhnt zu befehlen.

»Sie wünschen meine juristischen Dienste in Anspruch zu nehmen?«

Mahler hatte sich aufgesetzt; er wirkte wie belebt und voller Tatendrang. Er riss sich den Verband vom Hals.

»Herr Werthen, bitte vergeben Sie mir meinen schroffen Ton. Er ist das Ergebnis meines tagtäglichen Umgang mit diesen verstockten Sängern. Ja, ich möchte Ihre Dienste in Anspruch nehmen.«

Trotz seines barschen Gebarens hatte Mahler etwas Anziehendes. Er war ein Mann, der ganz nach seiner eigenen Fasson lebte.

»Sie sind Jude«, sagte Mahler unvermittelt. Es war keine Frage.

»Ich wüsste nicht, welche Rolle das hier spielen sollte.«

»Offensichtlich getauft. Assimiliert sozusagen. Genau wie ich.«

»Ja.«

»Und ursprünglich aus Mähren, wieder genau wie ich selber.«

»Sie haben Erkundigungen über mich eingezogen?«, fragte Werthen.

»Hätten Sie dies an meiner Stelle nicht auch getan? Ein kurzer Anruf bei einem sehr diskreten Freund in gehobener Stellung. Nicht mehr.«

»Und, waren Sie zufrieden mit dem, was Sie hörten?«

»Sonst hätte meine Schwester Sie gar nicht vorgelassen.« Ein weiteres schmallippiges Lächeln zeigte ungleichmäßige, aber weiße Zähne. »Also, was sagen Sie? Akzeptieren Sie mich als neuen Klienten?«

»Gewiss doch. Es wird mir eine Ehre sein, Herr Mahler.«

Mahlers Schwester wartete bereits im Flur, um Werthen hinauszubegleiten. Hatte sie ein ausgezeichnetes Zeitgefühl, oder hatte sie einfach gelauscht? An der Tür berührte sie leicht seinen Arm und sah ihn flüchtig an. Justine Mahler machte den Eindruck einer Frau, der ein Geständnis auf der Zunge lag.

»Gustl braucht Schutz. Ob er es nun selbst weiß oder nicht. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass Sie gekommen sind.«

Noch bevor Werthen die Möglichkeit hatte, nachzuhaken, führte sie ihn höflich aber bestimmt hinaus.

3. KAPITEL

Zwischen Werthen und Berthe hatte sich so etwas wie ein häusliches Leben entwickelt, wenn es auch alles andere als perfekt organisiert war. So entsprach ihr Haushalt keineswegs aristokratischen Gepflogenheiten – das Frühstück im eigens dafür vorgesehenen Salon, Besucherkarten akkurat auf einem hohen Tisch neben dem Eingang ausgelegt, die Jause mit Mohnkuchen und Kaffee pünktlich um halb fünf serviert, endlose und eher überflüssige Empfänge … Ihr Haushalt wurde auch nicht mit koscherer Küche und streng eingehaltenem Sabbat mit obligatorischer Thora-Lesung geführt. Langsam aber sicher entwickelten Werthen und Berthe ihren eigenen Rhythmus und ihre eigenen Rituale.

So wie heute am heiligen Sonntag; die Geschäfte und Schulen waren wie üblich geschlossen, und sie gingen beide im Studierzimmer ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie vertieften sich in Bücher. In ihrer Kindheit war ihnen das Lesen bei Tisch streng verboten gewesen, allerdings saßen sie auch jetzt nicht am Tisch, sondern an entgegengesetzten Enden des breiten Ledersofas, das sie auf Berthes nachdrücklichen Wunsch hin gekauft hatten.

Nicht bei Tisch also, aber beim Frühstück, die Füße auf einem Fußbänkchen ausgestreckt. Für Werthen bestand dieses Mahl immer noch aus Frau Blatschkys aromatischem, kräftigem Kaffee und einem Kipfel aus der Bäckerei im Parterre ihres Wohnhauses. Werthen wurde gewöhnlich gegen fünf Uhr früh vom unwiderstehlichen Duft dieses Gebäcks geweckt, wenn das süße Hefearoma durch das Treppenhaus nach oben getragen wurde.

Berthe dagegen war nach ihrem kurzen Aufenthalt in London überzeugt, dass ein Frühstück aus einer Kanne feinstem Ceylon Tee und knusprigem Toast mit Frank Cooper’s Oxford Marmelade bestehen muss. Den Tee und die Marmelade bezog sie von Schönbichler in der Wollzeile. Berthe hatte Werthen an einem regnerischen Tag im März die Wunder dieses Geschäftes gezeigt, das versteckt in einem Durchhaus abseits der Wollzeile lag. Werthen hatte niemals eine derart würzige Duftmischung in einem einzigen Raum für möglich gehalten.

Nachdem sie die Neue Freie Presse durchgeblättert hatte, widmete sie sich dem neuen Buch von Hermann Bahr, »Essays über das Wiener Theater«, während Werthen sich in Engelbert Bauers neues Buch: »Vom praktischen Nutzen der Elektrizität« vertieft hatte. Er liebte die Herausforderung neuen Wissens; das löste seine Gedanken aus ihren gewohnten Bahnen, und er lernte neue und wunderbare Dinge über eine Welt, die sich in immerwährendem Wandel befand.

Dies war das eingespielte Ritual am Sonntagmorgen, auch wenn ihre Ehe erst ein paar Monate währte.

Frau Blatschky empfand allerdings einen tiefen Widerwillen gegen dieses neue, informelle Arrangement. Für Werthen den Junggesellen war es nur recht gewesen, das Frühstück im Arbeitszimmer einzunehmen, aber nun war er ein verheirateter Herr, und die Köchin hatte höhere Erwartungen an die neue Dame des Hauses gehegt.

Nach der Hochzeit war Frau Blatschky zu ihm gekommen, um ihre Kündigung anzubieten, da doch die junge Dame sicherlich ihr eigenes Personal mitbringen würde. Sowohl Werthen als auch Berthe hatten ihr versichert, dass sie großen Wert auf ihr Bleiben legen würden. Doch zu Zeiten war es schwierig für Frau Blatschky. Nicht nur das ungezwungene Verhalten der Jungverheirateten machte ihr zu schaffen. Das Ericsson-Telefon, das Berthe hatte installieren lassen, war eine ständige Quelle der Verwirrung für Frau Blatschky. Man konnte sie stocksteif vor dem Apparat stehen sehen, wenn er klingelte, weil sie zu große Furcht hatte, ihn auch nur zu berühren. Keine noch so beruhigende Erklärung konnte sie davon überzeugen, dass sie keinen elektrischen Schock beim Abnehmen des Hörers bekommen würde. Auch die Tatsache, dass Werthen und Berthe sich ein Schlafzimmer teilten, statt in separaten Gemächern zu nächtigen, schien Frau Blatschky zu schockieren.

Aber Werthen hatte sich im Laufe der Jahre an sie gewöhnt, und auch Berthe konnte sich mit ihr abfinden, vor allem wegen ihres wunderbaren Zwiebelrostbratens.

Sie übersahen geflissentlich Blicke voller Geringschätzung, wenn Frau Blatschky das Frühstückstablett absetzte, und machten es sich einfach bequem und gemütlich.

»Mein Gott!«, entfuhr es Berthe hinter ihrer Zeitung.

Werthen sah von seinem Buch auf. »Was gibt es?«, fragte er mit gespieltem Entsetzen. »Schlagen sich die Abgeordneten wieder?« Das Wiener Parlament war bekannt für seine lärmenden Debatten, bei denen es durchaus auch einmal handgreiflich zugehen konnte

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