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Wiedersehen mit Sam

1. KAPITEL

Er konnte es nicht sein. Nicht jetzt, da sie endlich darüber hinweg war und aufgehört hatte, ständig an ihn zu denken oder sich ängstlich zu fragen, ob er überhaupt noch lebte.

Nein, das stimmte nicht. Sie war nicht darüber hinweg und würde es niemals sein. Aber ihr Leben wurde nicht mehr ausschließlich davon bestimmt. Oder nicht mehr ganz so ausschließlich.

Und jetzt stand er in voller Lebensgröße vor ihr, anziehend wie eh und je, mit dem gleichen heiteren Gesicht und dem vergnügten Lachen, das tief aus der Brust kam und ihr ein Kribbeln auf der Haut verursachte. Da stand er, lässig an eine Säule gelehnt, in dem hellblauen Operationskittel, der immer etwas zu weit saß.

Er war dünner geworden, wie sie betroffen feststellte. Er wirkte jetzt fast mager, und zu den Lachfältchen hatten sich andere Falten gesellt, die nicht vom Lachen kamen.

Und er war älter geworden, genau drei Jahre. Er musste jetzt beinahe fünfunddreißig sein, denn sie wurde demnächst dreiunddreißig und war knapp zwei Jahre jünger. Wie schnell doch die Zeit verging. Bei ihrer ersten Begegnung war sie achtundzwanzig gewesen … dreißig, als Jack geboren wurde.

Jack.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben. Über einige Dinge kam man eben nie hinweg.

Er löste sich von der Säule, blickte in ihre Richtung und erstarrte. Dann glitt ein strahlendes Lächeln über sein Gesicht. Er kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und zog sie an seine Brust.

„Molly!“

Aber gleich darauf ließ er sie los, legte ihr seine großen, starken Hände auf die Schultern und musterte sie mit seinen ungewöhnlich blauen Augen.

„Du bist es wirklich!“ rief er aus, drückte sie wieder an sich und trat endlich einen Schritt zurück.

„Hallo, Sam“, sagte sie leise und lächelte. Ihr Herz schlug so laut, dass sie meinte, er müsse es hören, und ihr Lächeln verschwand bei dem Ansturm der Gefühle. „Wie geht es dir?“ fragte sie leise.

Wie höflich das klang, aber eigentlich waren sie immer sehr formell miteinander umgegangen. Die Art ihrer Beziehung hatte es erfordert.

Ein ironisches Lächeln zuckte um Sams Lippen und jagte Molly einen leisen Schreck ein. Stimmte etwas nicht? Vielleicht mit Jack?

„Mehr oder weniger gut“, antwortete er und zuckte dabei die Schultern. Also hatte sie richtig vermutet … etwas stimmte nicht. „Ich arbeite zu viel, aber das habe ich immer getan. Es liegt am Beruf.“

„Und … Jack?“ fragte sie nach einiger Überwindung.

Sams Lächeln wurde weicher, sein Blick milder, und seine Haltung wurde entspannter. „Jack geht es gut. Er besucht jetzt die Schule … genauer gesagt, den Kindergarten. Für die Schule ist er noch nicht alt genug. Und du? Was machst du, und warum bist du hier?“

Molly lächelte, ihr war vor Erleichterung etwas schwindlig. „Ich arbeite hier. Hast du vergessen, dass ich ausgebildete Hebamme bin?“

Sam runzelte die Stirn. Er schien erst jetzt zu bemerken, dass sie die Schwesterntracht trug. „Hast du sonst nicht für die Gemeinde gearbeitet?“

„Früher, aber jetzt nicht mehr. Ich wollte immer nur halbtags arbeiten, und das ist in einem Krankenhaus leichter. Daher habe ich mich beworben, als ich von der Stelle hörte.“ Molly machte eine kurze Pause. „Und du? Ich hatte keine Ahnung, dass du hier arbeitest. Wie hast du das geheim gehalten?“

Sam lachte, wobei sich die Fältchen in seinen Augenwinkeln zusammenzogen. „Es war durchaus kein Geheimnis. Ich bin erst seit einigen Tagen hier und ahnte nichts von deiner Anwesenheit. Bist du umgezogen? Du hast doch hinter Ipswich gewohnt.“

„Ja, wir sind umgezogen und wohnen jetzt in Audley … in der Nähe von Micks Eltern, damit sie auch etwas von Libby haben. Ich arbeite seit sechs Monaten hier.“

Sam machte ein nachdenkliches Gesicht. „Irgendwie seltsam, aber vielleicht sollte ich mich gar nicht wundern. Es gibt nur wenige Krankenhäuser, da kommt es häufiger vor, dass man einem Bekannten begegnet.“ Er warf einen Blick auf die Wanduhr. „Hast du gerade zu tun?“

Molly seufzte. „Ich habe immer zu tun. Wie du gesagt hast … es liegt am Beruf. Warum fragst du?“

„Was hältst du von einer Tasse Kaffee oder einem kleinen Lunch? Nur, um die verlorenen Jahre nachzuholen …“

Molly zögerte. Sie wusste nicht, ob sie diese Jahre nachholen wollte. Sie hatte schwer darum gekämpft, Sam und Crystal zu vergessen, und die Erinnerungen an Jack verdrängt. Warum sollte sie diese Erinnerungen wecken und alles noch einmal durchleben?

„Ich weiß nicht“, antwortete sie aufrichtig, denn sie wollte weder Sam noch sich selbst verletzen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas nachholen will. Seitdem ist so viel Zeit vergangen … so viel hat sich geändert.“

Sams Gesicht verlor den heiteren Ausdruck. Molly fühlte geradezu, wie er sich innerlich von ihr zurückzog und alle Wärme und Vertrautheit mitnahm.

„Natürlich“, sagte er beinahe schroff. „Es tut mir Leid, das war gedankenlos von mir. Es freut mich, dass es dir gut geht. Sicher werden wir uns ab und zu treffen.“

Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging mit großen Schritten davon. Molly sah ihm verwirrt nach – einsam, verloren und uneins mit sich selbst.

Närrin! schalt sie sich. Dumme Gans! Warum hast du nicht mit ihm gesprochen? Er ist dein Kollege, und diese künstliche Kälte wird den Umgang mit ihm kaum erleichtern. Ganz zu schweigen von Jack …

Jack ist nicht dein Sohn, meldete sich eine andere Stimme in ihr. Wann wirst du endlich lernen zu verzichten?

Molly ging zum Fenster, ohne etwas zu sehen. Zähl bis zehn, befahl sie sich, bis zwanzig … oder bis zehntausend, wenn es sein muss. Natürlich könntest du auch hinterhergehen …

Ihre Füße schienen am Boden festgewachsen zu sein, aber plötzlich bewegten sie sich wie von selbst. Molly lief den Korridor entlang und erreichte den Lift, als sich die Türen gerade schlossen.

„Sam!“ rief sie.

Eine Hand blockierte die Türen, so dass sie wieder auseinander glitten. Sam stieg aus und blieb abwartend stehen. Ein wachsamer Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

O weh, dachte Molly. Sie senkte den Blick und hörte, wie sich die Lifttüren wieder schlossen. Was sollte sie jetzt tun?

Sich zu verstellen, hatte ihr nie gelegen. Sie hob den Kopf, sah Sam offen an und sagte: „Es war nicht meine Absicht, unfreundlich zu wirken. Ich würde sehr gern mit dir einen Kaffee trinken.“

Sam zögerte einen Moment, dann nickte er und fragte: „Jetzt gleich oder später?“

Molly zuckte die Schultern. „Von mir aus jetzt gleich. Ich wollte ohnehin eine Pause machen, und im Moment steht nichts Wichtiges an. Wie sieht es bei dir aus?“

„Ich komme gerade aus dem OP. Wir hatten heute nur wenige Fälle und sind mit allen durch. Ich wollte mich gerade umziehen und etwas Schreibtischarbeit nachholen. Du tust ein gutes Werk, wenn du mich daran hinderst.“

Sam verzichtete auf den Lift und benutzte stattdessen die Treppe, die zu dem Selbstbedienungscafé hinunterführte, das auch Besuchern zugänglich war, aber selten von ihnen benutzt wurde. Er wählte zweimal Kaffee und Ingwerkuchen, stellte alles auf ein Tablett und trug es zu dem kleinen Sofa am Fenster. Der Ausblick hätte schöner sein können, aber hier waren sie wenigstens ungestört.

Während der ersten Minuten schwiegen sie, und Molly begann sich zu fragen, warum sie eigentlich nachgegeben hatte. Sie musste verrückt sein.

Sam saß da, beide Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände ineinander verschränkt und mit seinen Gedanken offenbar weit weg. Plötzlich, als sie es am wenigsten erwartete, drehte er sich zu ihr um, sah sie durchdringend an und fragte: „Also … wie geht es dir wirklich?“

Molly fühlte sich überrumpelt und rang um Fassung. „Wie es einer lustigen Witwe eben geht“, antwortete sie und lachte, aber ihr Lachen klang hart und gekünstelt.

„Ach Molly.“ Sam ließ sie nicht aus den Augen, und sein forschender Blick begann ihr unangenehm zu werden. „Ich hatte gehofft, du wärst inzwischen wieder verheiratet … mit einem Mann, der deiner Liebe wert ist.“

„Ich habe Libby.“

„Libby ist kein Mann.“

„Nicht jeder braucht einen festen Partner, Sam“, verteidigte sie sich. „Manchmal kommt man allein besser aus.“

Molly wandte den Kopf ab. Sie wollte nicht von diesen klaren blauen Augen durchschaut werden.

„Es tut mir Leid, dass ich vorhin so falsch reagiert habe“, sagte er endlich. „Ich nahm an, du würdest dich über unser Wiedersehen genauso freuen wie ich, aber das war unüberlegt von mir. Ich hätte berücksichtigen müssen, dass du in den letzten drei Jahren nicht stehen geblieben bist.“

„Ich freue mich über unser Wiedersehen“, beteuerte Molly, denn sie wollte Sam nicht belügen. „Es ist nur … Vor drei Jahren war alles sehr schwer für mich, viel schwerer, als ich gedacht hatte. Ich wollte die Vergangenheit ruhen lassen, aber jetzt ist sie wieder da, und … Ich habe mich ohnehin immer gefragt, wie es ihm geht.“

„Er hat sich wunderbar entwickelt“, sagte Sam mit einem Blick, in dem sich Schmerz, Mitleid und eine unendliche Zärtlichkeit mischten. „Jack ist das größte Geschenk meines Lebens. Er hat mir mehr Glück gebracht, als ich für möglich gehalten hätte, und dieses Glück verdanke ich dir.“

Molly wunderte sich, wie locker die Tränen bei ihr saßen. Wo blieben ihre Nüchternheit, ihr Realitätssinn und ihr klarer Verstand? Wenn es um Jack ging, versagten sie alle drei.

„Ich würde so gern ein Foto von ihm sehen“, sagte sie, ohne zu bedenken, dass sie sich damit nur neuen Kummer schuf. Sie war einfach nicht hart genug, um sich diesen kleinen Wunsch zu versagen.

„Ein Foto?“ Sam lachte. „Ich habe Hunderte und dazu Videofilme, die Jack schon kurz nach der Geburt zeigen. Du darfst dir das alles gern ansehen. Warum kommst du nicht mal vorbei? Dann würdest du den Jungen auch persönlich kennen lernen.“

Mollys Brust zog sich schmerzhaft zusammen. „Crystal wollte doch nicht, dass wir in Kontakt bleiben.“

„In diesem Punkt waren wir immer verschiedener Meinung, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.“ Sam machte eine kurze Pause, ehe er mit veränderter Stimme hinzusetzte: „Crystal ist tot. Sie starb vor zwei Jahren.“

Molly wurde blass. „O Sam! Wie Leid mir das tut.“

„Inzwischen ist viel Zeit vergangen“, sagte er, aber Molly fühlte seinen Schmerz und dachte daran, wie sie selbst um Mick getrauert hatte. Sie nahm Sams Hände und erneuerte so den Bund, den sie vor drei Jahren unter so außergewöhnlichen Umständen geschlossen hatten.

„Und wie kommst du jetzt zurecht?“ fragte sie. „Mit Jack, meine ich. Wer kümmert sich um ihn?“ Lieber Gott, fügte sie stumm hinzu. Lass ihn nicht wieder verheiratet sein. Lass nicht zu, dass ihn eine andere Frau aufwachsen sieht!

„Ich habe ein Ehepaar bei mir aufgenommen“, erzählte Sam. „Mark ist nach einem Unfall schwerbehindert und kann nur sehr leichte Arbeit tun. Debbie muss sich ständig um ihn kümmern, aber sie versorgen gemeinsam Haus und Garten und bringen Jack zum Kindergarten. Sie wohnen mietfrei und beziehen ein kleines Gehalt. Das ist angenehmer und praktischer als die Einstellung einer Kinderfrau oder eines Au-pair-Mädchens.“

„Du hast Glück gehabt, die beiden zu finden. Kommt Jack gut mit ihnen aus? Mag er sie, oder ist es noch zu früh, um das zu beurteilen?“

Sam lächelte. „Jack liebt die beiden, und du hast Recht … ich habe Glück mit ihnen gehabt. Sie wohnen jetzt gut ein Jahr bei mir, und bisher ist alles fabelhaft verlaufen. Mark entwirft Wandteppiche. Er ist ein großer, stattlicher Bursche … ehemaliger Radrennfahrer und, wie man meinen möchte, denkbar ungeeignet für den Umgang mit Nadel und Faden. Trotzdem ist er ungewöhnlich begabt und sogar erfolgreich. Debbie sprüht vor Temperament, und ich kann es in ihrer Gegenwart nie lange aushalten.“

„Fiel es ihnen schwer, von London hierher zu ziehen?“

„Anscheinend nicht, aber vielleicht ändert sich das noch. Wir wohnen erst seit drei Wochen hier, und heute ist mein dritter Tag in diesem Krankenhaus.“

Das war während Mollys freier Tage gewesen, und es wunderte sie jetzt nicht mehr, dass sie Sams Ankunft verpasst hatte. So war das Schicksal. Hätte sie davon gewusst … Vielleicht wäre sie geflohen oder auf irgendeine andere Weise verschwunden.

Sam wurde über sein Handy zum Dienst gerufen. Er trank seinen Kaffee aus, stand auf und lächelte entschuldigend. „Wir unterhalten uns später weiter. Was hältst du von einem gemeinsamen Dinner?“

Molly nickte. „Vielleicht.“

Sie sah Sam nach und fragte sich, was das Schicksal wohl diesmal für sie bereithielt. Noch war es nicht zu spät zu fliehen …

„Ich will ein Kind“, hatte Crystal immer wieder gesagt. Die Vorstellung, dadurch ihre zerrüttete Ehe zu retten, war zur Besessenheit geworden. „Was hältst du von einer Leihmutter? Du bist Arzt … du müsstest doch jemanden finden.“

Der Zufall war Sam zur Hilfe gekommen. Eine Patientin von ihm hatte für eine andere Frau ein Kind ausgetragen, und er hatte gewagt, ihr von Crystals Plan zu erzählen.

„Sprechen Sie mit meiner Freundin Molly“, hatte ihm die Patientin geraten, und eines Tages war Molly in der Wohnung erschienen – warmherzig, großzügig und voller Leben. Sie hatte Wärme und Licht um sich verbreitet und allem einen neuen Sinn gegeben. Sam hatte sofort gemerkt, dass er ihr sein Leben und das Leben seines Kindes anvertrauen konnte.

Während der Wochen und Monate, die folgten, waren sie Freunde geworden. Ohne Molly hätten weder er noch Crystal die endlosen Vorbereitungen, die notwendig waren, überstanden. Molly war der Fels in der Brandung, ruhig und beherrscht, immer zuverlässig und unendlich zartfühlend mit Crystal.

Die Schwangerschaft schien kein Ende zu nehmen, aber endlich kam der Anruf, dass die Wehen eingesetzt hatten. Sam fuhr ins Krankenhaus und musste wieder warten, bis er Molly endlich helfen konnte, Jack zur Welt zu bringen – den Sohn, den sie sich so sehr gewünscht hatten.

Den Sohn, den Molly so ganz selbstlos für ein fremdes Ehepaar ausgetragen hatte. „Tummy Mummy“ hatte sie sich immer genannt und Jack mit ihrem Leib geschützt und genährt, bis der Zeitpunkt schließlich gekommen war, ihn seinen Eltern zu übergeben.

Den Sohn, den winzigen, schreienden Sohn, der nicht eingewilligt hatte, geboren zu werden, und sich erst beruhigte, als die Hebamme ihn der erschrockenen Crystal abnahm und Sam in die Arme legte.

Molly war dabei gewesen, schwer atmend, unter Tränen lächelnd, und doch völlig einverstanden mit allem, was geschah. Jedenfalls hatte Sam das bis heute geglaubt, aber seit dem Wiedersehen und Mollys Geständnis, viel durchgemacht zu haben, quälten ihn die alten Zweifel. War es richtig gewesen, einer anderen Frau ein solches Opfer abzuverlangen, nur damit Crystal das bekam, was sie gewollt – oder zu wollen geglaubt hatte?

Beinahe hätte Sam laut aufgelacht. Vielleicht war es manchmal nicht gut, das zu bekommen, was man sich wünschte. Das Schicksal war unberechenbar, und aus einem erfüllten Wunsch konnte großes Unheil entstehen.

2. KAPITEL

„Halten Sie es für möglich, dass sie schwanger ist?“

Matt Jordan, der Dienst habende Arzt in der Notaufnahme, stand neben Sam, hatte die Hände tief in die Taschen seines weißen Kittels geschoben und beobachtete den neuen Kollegen bei der Untersuchung.

Sam arbeitete zum ersten Mal mit dem großen Kanadier zusammen und mochte ihn auf Anhieb. Außerdem gefiel es ihm, dass er ihn umgehend zu diesem etwas rätselhaften Fall hinzugezogen hatte.

„Sie könnte schwanger sein … es sieht tatsächlich so aus.“ Sam betastete den Bauch der bewusstlosen Frau und schüttelte dann den Kopf. „Sie haben wahrscheinlich Recht, Matt, aber ich kann erst sicher sein, wenn eine Sonographie oder ein Schwangerschaftstest vorliegt. Es könnte auch etwas anderes sein … ein Tumor, eine Zyste am Eierstock, eine Geschwulst im Gewebe. Ich müsste den Herzschlag des Kindes bekommen, aber das Stethoskop gibt nichts her. Was wissen Sie über die Patientin?“

„Sehr wenig“, antwortete Matt. „Sie brach am Steuer ihres Autos zusammen und wurde einige Minuten später eingeliefert. Die Polizei ermittelt noch, aber unter dem Autokennzeichen ist keine Frau registriert. Jetzt versuchen sie es über den Besitzer.“

Sam nickte. „Zuerst müssen wir eine Ultraschalluntersuchung vornehmen. Vermeiden Sie möglichst alles, was einem eventuell vorhandenen lebenden Fötus schaden könnte. Sobald wir mehr wissen, entscheiden wir, ob eine Notoperation sinnvoll ist. Haben Sie sonst noch irgendwelche Vermutungen?“

„Nein. Ihr Herz schlägt normal, und die Frau leidet nicht an Diabetes … so viel haben wir inzwischen festgestellt. Ihre Pupillen sind leicht geweitet, das könnte auf Drogen oder einen Schlag auf den Kopf zurückzuführen sein.“

„Beeilen Sie sich mit der Sonographie“, wiederholte Sam. „Vielleicht ist die Frau schon im siebten Monat schwanger, dann könnten wir das Baby holen und ihr dadurch Erleichterung verschaffen. Bei einer kürzeren Schwangerschaft würden sich die Chancen des Babys natürlich verschlechtern, abgesehen von anderen ungünstigen Faktoren. Die Frau ist Raucherin …“

„Woraus schließen Sie das?“ fragte die junge Schwester, die mit Matt Dienst hatte.

Sam zuckte die Schultern. „Sie riecht nach Rauch, und ihre Zähne haben Flecken.“ Er wandte sich wieder an Matt. „Ich halte sie sogar für eine starke Raucherin. Achten Sie daher auch auf die Lunge. Falls sie schwanger ist, könnte sie Atemprobleme bekommen. Rufen Sie mich dann sofort.“

„Wir werden sie genau beobachten“, versprach Matt. „Können wir sonst noch etwas tun?“

Sam schüttelte den Kopf. „Im Moment nicht. Wir brauchen erst genauere Ergebnisse. Rufen Sie mich, falls ihr Zustand kritisch wird. Ich bin in meinem Büro und warte auf den ersten Befund.“

Sam fuhr mit dem Lift nach oben. Vorerst konnte er nicht mehr für die Patientin tun, und ihr Zustand war wenigstens stabil. Sobald er mehr wusste, würde er sich ihrer annehmen, aber bis dahin beschäftigten ihn andere Dinge.

Molly, zum Beispiel. Neben ihr verblasste das Bild der Patientin in der Notaufnahme, und als Sam sein Büro erreichte, hatte er sie fast vergessen.

Wie wenig sich Molly verändert hatte! Jedenfalls zu wenig, als dass er es gleich bemerkt hätte. Sie war wieder so schlank wie vor ihrer Schwangerschaft, aber einen anderen Unterschied hatte er nicht feststellen können. Ihre braunen Augen hatten immer noch den warmen Schimmer, in ihrem dunklen Haar blitzten immer noch die goldenen Lichter auf, und ihr Lächeln …

Sam seufzte schwer, als er daran dachte. Molly lächelte mit dem ganzen Gesicht und nicht nur mit den Lippen, die so unendlich viel ausdrücken konnten. Sie war eine überaus attraktive Frau, und das bereitete ihm Sorgen.

Warum eigentlich? Er arbeitete tagtäglich mit jungen attraktiven Frauen zusammen, die entweder seine Kolleginnen oder seine Patientinnen waren. Warum brachte ihn ausgerechnet Molly so durcheinander? Sie war die einzige Frau auf der Welt, bei der er sich solche Gefühle nicht leisten konnte.

Seine Beziehung zu Molly Hammond war kompliziert. Das lag an Jack, und weil es so war, durften zu den alten Komplikationen keine neuen hinzukommen!

„Atmen Sie weiter … leicht und ganz normal“, mahnte Molly. „Ja, so ist es gut. Sie machen das großartig.“

„Ich kann das nicht.“ Liz, die junge Patientin, schüttelte schluchzend den Kopf.

„Doch, das können Sie.“ Molly redete ihr gut zu. Sie kannte diesen Anflug von Panik, der oft zwischen dem ersten und zweiten Stadium der Wehen eintrat.

„Bestimmt haben Sie nie ein Baby bekommen“, sagte Liz ohne böse Absicht. „Hebammen haben keine Kinder.“

Molly lachte leise. „Irrtum, Liz. Ich habe drei.“

„Unmöglich! Ich will nie wieder eins bekommen“, stöhnte Liz und lehnte sich gegen ihren Freund. „Wie ich dich hasse! Wie konntest du mir das antun, du gemeiner Kerl? Ich spreche nie wieder ein Wort mit dir.“

David suchte über ihre Schulter hinweg Mollys Blick. Sie erkannte die Angst in seinen Augen und drückte ihm beruhigend die Hand, die auf Liz’ Schulter lag.

„Es ist bald so weit. Oft machen die Nerven nicht mehr mit, und dann wird der Vater zum Sündenbock. Alles wird gut gehen.“

„Mir wird schlecht“, keuchte Liz und erbrach sich im selben Moment.

David zuckte nicht mit der Wimper, obwohl es ihn voll getroffen hatte. Er führte Liz wieder zum Bett, wischte ihr den Mund ab und sah Molly an. „Ich müsste etwas Sauberes anziehen.“

„Kein Problem, David. Bleiben Sie bei ihr … ich hole Ihnen einen der blauen OP-Kittel.“

Molly eilte hinaus, holte den Kittel und wollte gerade aufwischen, als Liz ihr Fruchtwasser verlor.

„Okay, Liz. Wir legen Sie jetzt wieder hin. Bald wird alles vorüber sein.“

Molly untersuchte die Patientin und stellte fest, dass sich die Nabelschnur neben dem Kopf des Babys eingeklemmt hatte und sein Herzschlag sich rapide verlangsamte.

Es würde tatsächlich bald vorüber sein, aber anders, als sie gedacht hatte!

„Ich möchte, dass Sie sich auf die Seite legen“, sagte sie zu Liz, senkte die Kopfstütze ab und drückte gleichzeitig auf den Alarmknopf. „Wir haben ein kleines Problem mit der Nabelschnur des Babys. Die Sache ist nicht gefährlich, aber wir müssen uns beeilen. Ich hole sofort Hilfe.“

„Kann ich irgendwie von Nutzen sein?“

Sams tiefe, ruhige Stimme klang in Mollys Ohren wie Himmelsmusik. „Eingeklemmte Nabelschnur“, sagte sie leise. „Sie hat gerade ihr Fruchtwasser verloren … es war sehr viel. Passen Sie auf, ich bin noch nicht zum Aufwischen gekommen. Liz, das ist Doktor Gregory.“

„Hallo, Liz“, sagte Sam und lächelte beruhigend, bevor er Liz ein Kissen unter den Po schob. Dabei sah er Molly fragend an. „Irgendeine Vorgeschichte?“

Molly schüttelte den Kopf. „Keine. Erstes Baby, voll ausgetragen …“

„Das erste und letzte“, stöhnte Liz. „Was ist los?“

„Die Nabelschnur ist zwischen dem Kopf des Babys und dem Gebärmutterhals eingeklemmt“, erklärte Sam ruhig. „In einem solchen Fall gibt es zwei Möglichkeiten. Wir können das Baby so schnell wie möglich mit der Zange holen oder einen Kaiserschnitt vornehmen. Ich muss nur rasch nachsehen, welches in Ihrem Fall die bessere Lösung ist, okay? Handschuhe, Molly.“

Er streifte die Handschuhe über und prüfte die Lage des Babys sowie die Länge der beschädigten Nabelschnur. Dann richtete er sich wieder auf und sah Molly an. „Wie würdest du entscheiden?“

Molly zögerte. Sie wollte nicht gleich beim ersten gemeinsamen Fall mit Sam diskutieren, aber sie sorgte sich um Liz, und das Baby war immer noch in Gefahr.

„Ich würde den Kaiserschnitt wählen“, antwortete sie, „denn wir haben nicht mehr viel Zeit.“

Sam nickte, ihr Urteilsvermögen schien ihn zu beeindrucken. „Einverstanden. Drück den Kopf des Babys zurück, damit die Nabelschnur wieder frei wird, und halte ihn so, bis sie im OP ist. Ich mache mich für den Eingriff fertig.“

Inzwischen hatten auch andere Kollegen auf den Notruf reagiert und waren erschienen. Sam wandte sich an seinen Assistenten. „Geben Sie ihr Sauerstoff und Terbutalin, um die Wehen nach Möglichkeit zu verzögern. Wir sehen uns im OP, Liz. Keine Angst, wir bringen Ihr Baby gesund zur Welt.“

Auf dem Weg nach draußen legte Sam kurz die Hand auf Davids Schulter. Wie typisch für ihn, dachte Molly. Noch in einem solchen Moment denkt er an den verschreckten, hilflos dastehenden Vater und versucht, ihn zu trösten. Er hat Zeit für Dinge, die anderen gar nicht in den Sinn kommen.

Wenige Minuten später war Liz auf dem Weg zum OP. Molly ging neben ihr her und drückte den Kopf des Babys zurück, so dass es durch die entlastete Nabelschnur genug Sauerstoff bekam. Sie hatten nicht mehr viel Zeit, aber wenn ihr das gelang, hatte das Kind eine gute Chance, unversehrt durchzukommen.

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