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Wiedersehen in den Highlands

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. ERSTER TEIL
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  1. ZWEITER TEIL
  2. 9
  3. 10
  4. 11
  5. 12
  6. 13
  7. 14
  8. 15
  9. 16
  10. 17
  1. DRITTER TEIL
  2. 18
  3. 19
  4. 20
  5. 21
  6. 22
  7. 23
  8. 24
  9. 25

Über die Autorin

Jessica Stirling wurde in Glasgow geboren und hat zahlreiche Romane geschrieben, die im historischen Schottland spielen und stets zu großen Erfolgen wurden. Der Glasgow Herald schreibt über ihre Bücher: »Stirling erzählt mit kühnen, souveränen Schwüngen in leuchtenden Farben.«

1

Die meisten Mädchen in Hayes betrachteten Tom Brodie als einen lohnenswerten Fang, auch wenn einige wohlerzogene junge Damen entschieden erklärten, er sei für ihren Geschmack viel zu derb, und seine zuckersüßen Komplimente seien regelrecht vulgär. Auf solch üble Nachrede gab Betsy McBride gar nichts; sie fühlte sich genauso berechtigt wie jedes andere Mädchen in Ayrshire, eine Schwärmerei für den Farmerssohn zu hegen.

Was ihr an Tom Brodie so gut gefiel, das war nicht seine Wortgewandtheit, sondern wie er in einer Mischung aus Schüchternheit und Arroganz umherstolzierte; und sein dunkler Haarschopf, der von einem blauen Band zusammengehalten wurde und unter seiner Mütze hervorschaute, wenn er am Sonntag zur Kirche schlenderte. Betsy hatte jedoch noch kein Wort mit ihm gewechselt bis zu dem Tag, als Mr. Rankine sie zu Matthew Brodies Farm hochschickte, um dem alten Mann aus seinen Nöten zu helfen.

Betsy war von Natur aus nicht schüchtern, und es mangelte ihr nicht an Erfahrung. Noch bevor sie fünfzehn gewesen war, hatte Mr. Johnny Rankine seine Hand unter ihre Röcke geschoben, und als sie ein bisschen älter wurde, weit mehr als nur seine Hand. Falls ihre Mutter ahnte, was der alte Lustmolch im Schilde führte, dann behielt sie es für sich, denn Mr. Rankine war ein Mann von Einfluss und verschaffte ihnen Arbeit. Außerdem schlüpfte er so schnell wie ein Spatz in Betsy hinein und wieder heraus und steckte ihr einen Kuss und ein paar braune Pennys zu, und trotz seines dicken Bauches und seiner geröteten Wangen hatte sie ihn durchaus gern.

Als Mr. Rankine sie wissen ließ, er hätte sie für einen Teil des Winters als Magd an die Brodies ausgeliehen, beklagte sie sich nicht. Sie lief nach Hause, um ihre Habseligkeiten zu packen und ihrer Mutter und ihrem Vater zu sagen, dass sie endlich ihr Elternhaus verlassen würde.

Mitten am Nachmittag war sie auf der alten Zollstraße unterwegs zu dem Feldweg, der nach Hawkshill hochführte. Sie hatte bis dahin noch nie einen Fuß auf den Hügelweg gesetzt, obwohl die Farm des alten Mr. Brodie nur eine Meile entfernt von dem Haus lag, in dem sie geboren und aufgewachsen war, und nicht viel weiter von Mr. Rankines Hof, in dessen Dienste sie als Tagesmagd getreten war, sobald sie alt genug gewesen war, einen Milcheimer zu schleppen.

Die Abenddämmerung senkte sich bereits allmählich. Schwarze Wolken kündigten mehr Regen an, und der Feldweg war schlammig. Mr. Brodies Gerätschaften lagen hinter ansteigendem Gelände versteckt, und die Farmgebäude duckten sich in eine Senke nahe einem stehenden Hügelsee. Im trüben Nachmittagslicht wirkte der Ort düster und abgeschieden. Bis weit in den April hinein hatte Schnee gelegen, und Gewitter im August hatten die Ernte nahezu vernichtet. Eine schlechte Aussaat und Missernten hatten schon so manchen Pachtfarmer in Ayrshire in den Ruin getrieben, denn die Grundbesitzer kannten keine Gnade, wenn es darum ging, die Pacht einzutreiben. Betsy fragte sich, ob das schlechte Wetter der Grund für die Nöte des alten Mr. Brodie war, und sie erinnerte sich an den Klatsch auf dem Markt, er hätte eine Vorladung wegen Schulden erhalten.

Vor drei Jahren hatten ihre Brüder ein Kalb von Mr. Brodie gekauft, und im Frühjahr 1780 war ihre Schwester Effie hingeschickt worden, um ein kleines Paket mit Stoff zu überbringen, den ihr Vater an seinem Handwebstuhl gewebt hatte. Effie war auf der Stelle bezahlt worden und hatte von der Dame des Hauses eine Schale warme Milch bekommen, und der alte Mr. Brodie selbst hatte ihr den Kopf getätschelt. Er hatte sie gefragt, ob sie ihre Bibel studiert habe, eine Frage, die zu beantworten Effie zu schüchtern oder zu einfältig gewesen war.

Ich hätte ihm forsch genug geantwortet, dachte Betsy. Ich kann lesen und ein bisschen schreiben und einen Psalm genauso laut singen wie jeder von Mr. Brodies Brut, die in der Kirche alle, bis auf Tom, mit eingezogenen Schultern, eingeschüchtert und griesgrämig dasaßen, als hätten sie vor der Missbilligung ihres Vaters mehr Angst als vor der Verdammnis, mit der der Prediger drohte.

Betsy war noch immer ein gutes Stück entfernt von der Hügelkuppe, als die ersten Regentropfen auf ihre Wangen klatschten. Hastig raffte sie die Röcke und erreichte den Hof in dem Augenblick, als die ersten schweren Regengüsse über den Damm peitschten.

Sie hielt inne, nicht sicher, welche Richtung sie nehmen sollte. Dann rief eine Stimme: »Komm hier herein, du dummes Ding, bevor du ertrinkst!«

Mit ihrem schaukelnden Bündel auf dem Kopf huschte sie in den Schutz der Scheune.

Tom Brodie sah anders aus in Arbeitskleidung, kleiner, dünner, weniger selbstgefällig. Das Haar klebte ihm an der Stirn, sein Hemd war am Hals offen und hing ihm lose um die Taille. Er hatte letzte Getreidegarben gedroschen und schwitzte stark. Der Farmerssohn grinste, wobei er eine Reihe weißer Zähne entblößte. Er zerknautschte den Hemdenstoff, als er seine Handgelenke und Unterarme daran abwischte.

»Du bist Rankines Mädchen, nehme ich an?«

»Aye, Sir, die bin ich.«

»Die Tochter des Webers McBride?«

»Aye.«

Sie spürte seinen abschätzenden Blick auf sich.

»Ich habe dich in der Kirche gesehen, habe ich recht?«, fragte er.

»Aye, Mr. Brodie«, erwiderte sie. »Auf der Empore.«

»Habe ich dich nicht auch in der Tanzschule getroffen?«

»Nein, nein. Die Tanzschule ist nichts für Mädchen wie mich.«

»Warum denn nicht?«, sagte er. »Nach allem, was ich sehen kann, hast du die Beine dafür.«

»Aber nicht die Manieren, Mr. Brodie, und nicht das Aussehen.«

Er warf den Dreschflegel hin, und bevor sie ihn aufhalten konnte, berührte er die Narbe, die von einer weichen, blonden Locke nicht ganz verborgen wurde. Es war keine große Narbe, ein kleiner, halbmondförmiger Wulst nur, der sich ein paar Zentimeter über ihre Schläfe zog, aber er machte sie verlegen, und sie glaubte fälschlicherweise, dass er sie von anderen Mädchen unterschied. Sie zuckte zusammen und versuchte, sich Tom Brodie zu entziehen, doch er war zu schnell für sie. Trotz der schwarzen, abgebrochenen Nägel waren seine Finger so weich wie Distelwolle, als er ihr das regennasse Haar aus dem Gesicht strich.

»Wer hat dir das angetan?«, fragte er. »Irgendein Rüpel?«

»Kein Rüpel, nein.«

»Ist es von Geburt an?«

»Nein, Mr. Brodie. Ich wurde getreten.«

»Von einem Pferd oder einer Kuh?«

»Einem Pferd – als ich ein Kind war.«

»Bei Gott, es hätte dich töten können.«

»Vielleicht wäre es besser, wenn es so wäre.«

»Warum sagst du das?«, fragte Tom Brodie.

»Es ist zu hässlich, um es ein Leben lang mit sich herumzutragen.«

Er bückte sich und hob ihr Bündel auf. »Nun, für mich siehst du nicht hässlich aus, und es ist ein großes Glück für uns, dass du überlebt hast. Wenn es stimmt, was ich von Johnny Rankine gehört habe, dann wäre die Welt schlechter dran ohne dich. Wie soll ich dich nennen?«

»Manche nennen mich Lizzie«, sagte sie, »manche Betsy.«

»Welchen Namen ziehst du vor?«

Sie war bis jetzt noch nie vor diese Wahl gestellt worden und zuckte mit den Schultern.

»Ich werde dich Betsy nennen«, entschied er. »Betsy klingt für mich gut.«

»Und Sie, Mr. Brodie, soll ich Sie ›Herr‹ nennen?«

»Thomas genügt. Oder Tom. Nun, Regen hin oder her, ich schlage vor, wir laufen rasch hinüber. Meine Schwester wird ein Bett für dich finden und dir zeigen, was zu tun ist.« Und dann hakte er sie bei sich unter und führte sie über den Hof zur Tür des Cottage, wo seine Schwester Janet mit finsterer Miene zusah, wie ihr Bruder und die stämmige junge Magd aus dem Regen ins Haus huschten.

Der alte Mann war an jenem Nachmittag auf den Beinen und schlurfte durch das verräucherte Zimmer. Er hatte im Beet hinter dem Haus Rüben gezogen, und die harte Arbeit hatte an seinen Kräften gezehrt und war ihm auf die Stimmung geschlagen.

Tom schob Betsy ins Zimmer. »Das ist das Mädchen, Dad«, sagte er. »Das Mädchen, von dem wir dir erzählt haben.«

Matthew Brodie wusste weniger über sie, als man sie hatte glauben machen. Vielleicht hatte er früher einmal ihrer kleinen Schwester den Kopf getätschelt, aber jetzt ließ er sich schon lange nicht mehr zu solch freundlichen Gesten hinreißen. Er bestand fast nur noch aus Haut und Knochen.

Das Kinn auf die Brust gesenkt, musterte er Betsy mit glasigem Blick eingehend und sagte dann: »Ist das wieder eine deiner Dirnen, Thomas? Genügt es dir nicht, sie im Dunkel der Nacht zu nehmen? Musst du sie uns jetzt auch noch bei helllichtem Tag vorführen?«

»Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du das Mädchen nicht mit deinen Beleidigungen beschämen würdest. Sie ist hier, weil wir eine zusätzliche Hilfe brauchen, die uns in den Wintermonaten zur Hand geht«, sagte Tom leise. »Sie ist Jock McBrides Tochter.«

»Aye, und Rankines Dirne.«

»Das bin ich gewiss nicht, Sir«, meldete sich Betsy zu Wort. »Und wenn Sie vorhaben, mich zu beleidigen, dann werde ich mich gleich wieder auf den Weg nach Hause machen. Ich bin Ihnen nicht verpflichtet.«

Ihre Empörung schien den alten Brodie zu verblüffen. »Du hast ein forsches Mundwerk, das muss ich dir lassen«, sagte er zu ihr. »Und du hast das Recht auf deiner Seite. Ich war vorschnell in meinem Urteil. Aber mir ist durchaus bewusst, was für eine Art Mann dein Herr ist und dass er und mein verkommener Sohn andere Dinge im Kopf haben, als dem Willen Gottes zu gehorchen.«

»Es ist nicht der Wille Gottes, der mich hierhergeführt hat, Mr. Brodie«, erwiderte Betsy, »es sei denn, Sie haben um ein Paar kräftige Schultern gebetet, die Ihnen helfen, die Getreideernte einzubringen. Wenn das der Fall ist, dann sind Ihre Gebete erhört worden.«

»Vielleicht sind sie das, Mädchen. Aye, vielleicht sind sie das. Bin ich dir Dank dafür schuldig, Thomas? Hast du dir Rankines Freundschaft wieder einmal zunutze gemacht?«

»Ich habe vor zwei Wochen bei der Loge mit ihm gesprochen«, räumte Tom ein. »Johnnys Ernte ist auf gutem Wege, und seine Kälber sind so gut wie entwöhnt. Miss McBride ist für ihn entbehrlich – zumindest bis zum Frühjahr.«

»Ums Frühjahr werden wir uns nach Martini Gedanken machen«, sagte Matthew Brodie. Er hielt sich an Toms Arm fest, wandte sich langsam um und bewegte sich aufs Bett zu. »Janet wird dir zeigen, was zu tun ist, Mädchen. Und du, Thomas, gehst am besten wieder an die Arbeit.«

»Es fehlt nur noch eine halbe Stunde, bis es dunkel wird, Vater«, bemerkte Janet.

»Dann sollte er das Licht, das ihm noch bleibt, besser nutzen«, brummte der alte Mann, »denn ihm bleibt immer noch mehr Licht als mir.« Und mit diesen Worten setzte er sich stöhnend auf das Bett an der Wand und zog den sackleinenen Vorhang zu.

Das Cottage der Brodies war kleiner als das Haus von Betsys Vater in Hayes und weitaus beengter als Mr. Rankines geräumiges, zweistöckiges Farmhaus mit den weiß getünchten Wänden, schwarz gestrichenen Fenstersimsen und der schönen großen Küche. Es hatte kein eigenes Wohnzimmer, der Kamin war so tief wie eine Höhle und der Rauchfang so breit, dass er nicht nur den Rauch abzog, sondern auch den Regen hereinließ. In einer Kammer links neben der Feuerstelle schlief Janet auf einem schmalen Bett, das Betsy sich mit ihr teilen sollte.

Auf der anderen Seite des Kamins führte eine steile Holzleiter hinauf zum Dachboden, wo die Jungen schliefen. Mr. Brodies Krankenbett nahm einen Alkoven ein, der durch einen Vorhang abgeschirmt war, und eine schmale senkrechte Öffnung in der Gipswand gab den Blick in den Pferdestall frei. Wie in alten Zeiten lebten die Brodies auf engstem Raum mit ihren Gäulen zusammen.

Als die Brüder, durchnässt von ihrem Tagewerk, nach Hause kamen, wurde es im Cottage so eng, dass man sich gegenseitig auf die Füße trat. Betsy stolperte über Toms Beine und stieß gegen Henrys Knie. Janet gab sich abweisend. Sie nörgelte und krittelte und warf finstere Blicke in Betsys Richtung, bis Tom ihr befahl, ihre spitze Zunge im Zaum zu halten und das Abendessen aufzutragen.

Er zog eine knorrige alte Truhe unter dem Tisch hervor, die als Stuhl herhalten sollte. Betsy setzte sich rittlings darauf, als wäre sie ein Sattel. Janet, die sich von Toms Tadel nicht einschüchtern ließ, kicherte. Es gab weder Tee noch ein kleines Bier, um die salzige Suppe hinunterzuspülen, und nicht einmal ein Stück Butter, um das trockene Brot schmackhaft zu machen, aber Betsy war hungrig, und sie aß ohne ein Wort der Klage.

Tom und Henry beobachteten sie interessiert.

Die Brüder ähnelten sich weder im Wesen noch im Aussehen. Tom war dunkel und grüblerisch, ganz anders als der unbekümmerte Kampfhahn, als der er durchs Dorf stolzierte. Henry hingegen war höflich und zurückhaltend. Er hatte ein längliches, ovales Gesicht, flaumiges helles Haar, durchdringende blaue Augen und, wie Betsy fand, eine Haltung, die einem Gentleman gut zu Gesicht stünde.

»Es muss nicht gespart werden, Miss McBride«, sagte er. »Die Auswahl ist nicht groß, aber es herrscht kein Mangel. Graupensuppe und Erbsbrei sind nahrhaft und sättigend.«

»Ich hatte beides oft genug zum Nachtmahl, Mr. Brodie.«

»Dann iss auf, Mädchen«, sagte Toms Mutter, Agnes Brodie. »Du wirst morgen deine ganze Kraft brauchen, um unser letztes Getreide zu ernten.«

»Und wenn die Ernte eingebracht ist, was dann?«, fragte Betsy.

»Dann ist das Stoppelfeld zu rechen«, antwortete Tom.

»Und das Vieh zu versorgen«, bemerkte Agnes Brodie.

»Bringen Sie Ihre Tiere im Stall über den Winter?«, wollte Betsy wissen.

»Nur wenn es ausreichend Futter gibt«, sagte Henry. »Wir werden vielleicht die Hälfte der Herde verkaufen müssen, nur um die Pacht zu bezahlen, wenn der Winter frühen Schnee bringt.«

»Wir leben ohnehin schon von der Hand in den Mund«, brauste Tom auf. »Willst du uns etwa ohne ein Schaf oder Rind hier sitzen lassen, während jeder verdammte, kärgliche Acre kahl ist?« Er schlug mit dem Löffel auf den Tisch, als riefe er eine Logen-Versammlung zur Ordnung. »Wir wissen, dass du eine Schlichtung befürwortest, aber ich sage dir, Henry, wenn der Fall gegen Daddy entschieden wird, dann wird eine Schlichtung den Hungertod bedeuten. Uns trennt nur noch so viel«, er hob eine Hand, um mit Daumen und Zeigefinger einen halben Zoll anzudeuten, »vom Armenhaus.«

Matthew Brodie zog den Vorhang zurück und schwang die Beine auf den Boden. »In Gottes Namen, Thomas«, fauchte er, »was soll dieses Gerede vom Armenhaus? Solange ich noch einen Atemzug tue, will ich nichts davon hören. Ich werde mich Neville Hewitt nicht beugen. Der Mann ist ein Schuft, ein Dieb und ein Lügner. Ich werde nicht zulassen, dass du mit ihm einen Vergleich schließt.«

»Alles oder nichts, Daddy«, erwiderte Henry. »Ist es nicht so?«

»Aye, alles oder nichts«, sagte Matthew Brodie. »Das Recht ist auf unserer Seite.«

»Und wann waren Recht und Gerechtigkeit je dasselbe?«, wandte Tom ein.

Janet ergriff das Wort. »Warum verlassen wir diesen Misthaufen nicht einfach, bevor der Gerichtsdiener mit einem Befehl kommt?«

»Jeder Farthing, den wir haben, steckt in Hawkshill«, sagte Tom. »Willst du etwa, dass wir irgendwo anders eine neue Pacht übernehmen, Janet, nur um uns ein noch tieferes Loch zu schaufeln?«

Betsy hatte in Mr. Rankines Melkschuppen genug Gerede gehört, um zu wissen, dass Mr. Brodies Farm Neville Hewitt gehörte, einem Flachsfabrikanten aus der Stadt Drennan, drei Meilen weiter die Straße nach Ayr hinunter. Und sie hatte mitbekommen, wie Mr. Rankine gesagt hatte, Hawkshill sei von Anfang an ein schlechtes Geschäft gewesen und Brodie ein Narr, die Pacht mit einem bloßen Handschlag zu übernehmen.

»Wenn wir Hewitt nur dazu bewegen könnten, uns ein paar Fuhren Kalk zu liefern! Dann könnten wir die Wiese düngen und so ein frühes Futter für das Vieh bekommen.«

»Hewitt wird uns für nichts Geld geben, bis wir ihn bezahlen«, sagte Tom. »Außerdem, wenn wir Verbesserungen vornehmen, wird er die Pacht nur erhöhen.«

»Das kann er nicht vor dem ersten November«, entgegnete Matthew Brodie. »Wir haben eine verbindliche Abmachung.«

»Eine verbindliche Abmachung«, warf Tom ein, »ohne einen Fetzen Papier, um sie zu stützen.«

»Er hat mir seine Hand darauf gegeben«, entgegnete Matthew Brodie.

»Ein Handschlag wird nichts gelten vor Gericht«, gab Tom zurück. »Hewitt hat in Saus und Braus gelebt, als er uns diese Farm verpachtet hat, doch wenn man den Gerüchten Glauben schenken kann, dann arbeitet seine Flachsmühle nur noch mit halber Kraft, und er steckt mittlerweile selbst in finanziellen Nöten.«

»Aber ich möchte wetten, Mr. Hewitt setzt sich abends nicht zu Graupensuppe und Erbsbrei«, bemerkte Janet, »egal, wie arm er zu sein behauptet.«

»Ich fürchte mich nicht vor Neville Hewitt«, sagte Matthew Brodie. »Wenn ich noch etwas Luft in den Lungen und mehr Fleisch auf den Knochen hätte, dann würde ich ihn mir persönlich vorknöpfen.«

»Er droht damit, unseren Viehbestand zu beschlagnahmen und dich in der Gemeinde als Schuldner anprangern zu lassen, wenn wir ihn nicht bis zum Fälligkeitstag im November für das ganze Jahr bezahlen«, sagte Henry. »Wenn er seine Drohung wahr macht, dann ist es hier auf Hawkshill mit uns zu Ende, und kein Grundbesitzer bei klarem Verstand wird uns noch eine andere Pacht gewähren.«

Matthew Brodie kroch wieder ins Bett. »Ich habe für einen Abend genug Streit gehört. Wenn Hewitt nicht lockerlässt, dann werden wir die Angelegenheit vor Gericht bringen, und das wird uns noch ein paar Monate Aufschub gewähren.« Er zog sich die Decke bis zur Brust hoch. »Aber noch nicht. Hast du mich verstanden, Henry? Keine Schlichtung. Noch nicht.«

»Ich habe dich verstanden, Daddy«, antwortete Henry leise.

»Und du, Thomas, hast du mich auch verstanden?«

»Das habe ich, Dad«, sagte Tom. »Das habe ich.«

Betsy war es nicht gewohnt, früh zu Bett zu gehen. Ihr Vater beendete die Arbeit an seinem Webstuhl selten vor neun Uhr, und danach setzte sich die Familie am Küchentisch zusammen, um gemeinsam zu Abend zu essen. Als sie klein gewesen war, hatten ihre Brüder und ihr Daddy sich immer irgendwelchen albernen Unsinn ausgedacht, um sie alle zu unterhalten, während Mammy in die Hände geklatscht und gelacht hatte, bis ihr die Tränen in die Augen getreten waren. Ihre Mammy passte so gut zu ihrem Vater; sie war eine aufgeweckte, zierliche Person, deren Lebenseinstellung ebenso rosig war wie ihre Wangen. Aber vor dreißig Monaten hatten ihre Brüder die Weberei aufgegeben und eine kleine Farm im Grenzland gepachtet, und nur Effie war zu Hause geblieben, um ihrem Daddy am Handwebstuhl zur Hand zu gehen.

Ein Ellenbogen bohrte sich in Betsys Rücken.

»Schniefst du etwa?«, fragte Janet Brodie.

»Ich bin nur ein bisschen erkältet, das ist alles.«

»Schmachtest du vielleicht nach irgendeinem Mann?«

»Ich schmachte nach niemandem.«

»Dann war es kein Mann, der dir diese Narbe verpasst hat?«

Betsy wischte die Tränen weg, schüttelte ihr Haar, um die beschämende Narbe zu verbergen, und rutschte vom Rand der Matratze weiter zur Mitte hin. »Nein.« Sie zögerte, dann sagte sie: »Ich wurde mit einem Messer angegriffen.«

Janet setzte sich auf. »Mit einem Messer?«

»Ja«, erklärte Betsy. »Bei einem Kampf.«

»Wer hat denn gekämpft?«

»Ich«, sagte Betsy. »In Souter Gordons Taverne.«

»Im Souter Gordon’s?«, fragte Janet. »Nur schlechte Mädchen gehen dorthin.«

»Und wie kommst du darauf, dass ich kein schlechtes Mädchen bin?«, gab Betsy zurück.

»Du bist eine Weberstochter, und ich habe dich in der Kirche gesehen«, erwiderte Janet skeptisch. »Du wurdest nie mit einem Messer angegriffen.«

»Oh, hast du die Geschichte denn nicht gehört? Obwohl, ich nehme an, das hast du nicht, denn das wurde damals ja alles vertuscht.« Betsy rutschte bis zur Mitte des Bettes vor, und Janet zog sich an die Wand zurück. »Vor drei Jahren, da bin ich nach der Ernte mit den irischen Zigeunern einen Schluck trinken gegangen. Einer der Männer – ein gut aussehender Teufel, ja, das war er – fand Gefallen an mir. Sein Mädchen nahm es ihm übel und ist in einem Anfall von Eifersucht mit einem gezückten Messer auf mich losgegangen.«

»Du hast dich mit einer Zigeunerin wegen eines Kerls gezankt?«

»Aye.« Betsy nahm das halbe Kopfkissen für sich in Anspruch, schlug mit der Faust darauf und legte seufzend den Kopf in die Einbuchtung.

Schließlich sagte Janet: »Was ist aus dem Zigeunermädchen geworden?«

»Ich habe sie erwürgt«, antwortete Betsy.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, und dann fragte Janet: »Wie denn?«

»Mit bloßen Händen.«

»Und – und die Leiche?«

»Im Boot meines Vetters Connor weggeschafft.«

»Weggeschafft wohin?«

»Zur Isle of Man«, sagte Betsy, »im Dunkel der Nacht. Die Zigeuner wollten keinen Ärger. Die Leiche wurde in der tiefen Fahrrinne über Bord geworfen, und nichts deutete noch auf den Mord hin bis auf meine Narbe.«

»Das glaube ich dir nicht«, sagte Janet Brodie.

»Glaub, was du willst!« Betsy schlug noch einmal auf das Kissen. »Mein Vetter Connor kennt die Wahrheit. Frag ihn, wenn du ihn das nächste Mal siehst.«

»Und wann wird das sein?«

»Wenn er kommt, um mich als seine Braut heimzuführen«, antwortete Betsy, und mit einem düsteren leisen Lachen, bei dem es Janet Brodie eiskalt über den Rücken lief, zog sie sich die Decke über die Schultern und machte es sich zum Schlafen bequem.

2

Zuerst dachte sie, der Regen, der von dem Dachvorsprung über ihrem Schlafzimmerfenster tröpfelte, hätte sie geweckt, und dann, als das Kratzen lauter wurde, eine Ratte sei in ihr Zimmer geschlichen, um die Zähne in ihre Kehle zu schlagen, und dass Blut – ihr Blut – auf ihre Brust spritzen und sie tot sein würde, bevor sie aufschreien konnte.

Mit hämmerndem Herzen setzte Rose sich auf und starrte auf das Fenster, das vom Licht der Laterne schwach erhellt war, die vor der Praxis des Doktors auf der anderen Straßenseite hing.

Rose wollte sich lieber nicht vorstellen, was genau Dr. Glendinning zu dieser nächtlichen Stunde dort treiben mochte – und ob das Geräusch, das sie geweckt hatte, im Zusammenhang mit den gruseligen Geheimnissen stand, die Dr. Glendinning mit seiner Säge und seinen scharfen Messern aufdeckte. Mrs. Prole hatte ihr erzählt, Dr. Glendinning und sein buckliger Gehilfe würden in dem langen Raum hinter dem Haus gern Leichen aufschneiden, mit Vorliebe die Leichen schlechter junger Mädchen, die von ihren Familien verstoßen worden waren, weil sie sich mit Jungen eingelassen hatten.

»Wer – wer ist da? Wer ist da?«, flüsterte Rose.

Feuerstein und Kerze standen auf ihrem Nachttisch in der Ecke. Sie wagte es nicht, aus dem Bett zu steigen, um sie zu holen. Doch da rief eine gedämpfte Stimme:

»Rose, Rose, meine Liebe, ich bin es, Tom.«

»Tom?« Sie runzelte die Stirn. »Welcher Tom?«

»Tom Brodie natürlich.«

Sie stand auf und schlurfte durch das Zimmer ans Fenster, das unten einen Spalt offen stand, eine Lücke, offenbar breit genug für die Fingerspitzen des jungen Mr. Brodie, der, so vermutete Rose, genügend Hebelkraft gewonnen hatte, um sich mit einem Bein auf den schmalen Sims hochzustemmen.

Fröstelnd in ihrem dünnen Nachthemd, warf sie einen Blick zurück zur Tür.

Bald nachdem Mama verstorben war, hatte Papa Mrs. Prole ins Schlafzimmer hinter der Küche umquartiert und »aus praktischen Gründen« – so Papas Worte – Rose auf den Dachboden verbannt.

Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf, dass ihr Vater ins Zimmer stürzen und nach Blut schreien würde, aber als er nicht erschien, kniete sie sich ans Fenster und flüsterte: »Was tun Sie denn hier, Thomas Brodie? Was wollen Sie?«

Die Wange an die Scheibe gepresst, flehte er sie an, das Fenster zu öffnen.

»Das werde ich nicht tun«, sagte Rose.

»Bitte, meine Liebe, bitte!«

Sie warf noch einmal einen Blick über die Schulter, dann hob sie das Fenster um ein paar Zoll an. Ächzend und keuchend zwängte Tom Brodie die Arme durch die Öffnung und kauerte sich, die Knie bis zur Brust angezogen, auf den Sims wie eine riesige Krähe.

»Mehr«, drängte er.

»Nein«, entgegnete Rose. »Das ist weit genug.«

»Wollen Sie mich nicht in Ihr Heiligtum einlassen?«

»Das will ich ganz gewiss nicht«, sagte Rose. »Wenn Sie nicht weggehen, werde ich meinen Vater rufen – und Sie wissen, was Ihnen dann blüht.«

»Haben Sie etwa Angst vor mir, Rose?«, fragte Tom Brodie. »Haben Sie Angst, Sie könnten der Leidenschaft erliegen, die in Ihrer Brust lauert?«

»Was faseln Sie denn da?«

»Gegenseitige Leidenschaft.«

»Wie bitte?«

Regenwasser tropfte ihm aus Haaren, Nase und Ohren. Sein Mantel war schwarz vom Regen, und Wassertropfen klatschten von seinen Ärmeln auf die Dielen. »Gegenseitige«, sagte er mit einer Spur Ungeduld in der Stimme. »Erwiderte. Geteilte. Oder ist es das Wort ›Leidenschaft‹, das Sie nicht verstehen, meine süße, unschuldige Rose?«

Er sprach in einem abgehackten Ton, wie ein Pfarrer, der aus der Bibel las. Rose war nicht geschmeichelt von dem gespreizten Ton.

Sie hatte erst ein einziges Mal mit ihm geredet; und es war nur ein kurzer, kaum denkwürdiger Wortwechsel über das Wetter gewesen, als Thomas Brodie ihr auf dem Anger begegnet war. Sie hatte nicht einmal mit ihm geflirtet, wie sie mit dem fremden Gentleman geflirtet hatte, der ihren Vater aufgesucht hatte, um ihm eine Maschine zu verkaufen, die die Flachsstängel sauber und schnell brechen würde. Papa hatte die Maschine nicht erworben, aber er hatte die Aufmerksamkeit bemerkt, mit der der gut aussehende junge Mann sie, Rose, beim Abendessen überhäuft hatte, und wie eifrig sie darauf eingegangen war. Ihr Vater hatte sie früh ins Bett gesteckt und ihre Tür mit einem eisernen Schlüssel abgesperrt. Am nächsten Morgen, nachdem der fremde Gentleman abgereist war, hatte Papa sie mit einer Weidenrute ausgepeitscht als Bestrafung dafür, dass sie einem Fremden schöne Augen gemacht hatte.

»Ich weiß, was Leidenschaft heißt«, sagte sie.

»Wirklich?«, fragte Tom Brodie. »Wissen Sie, was für ein Feuer Sie in mir entfacht haben, liebe Rose? Wie dieses Feuer wütet, wenn ich Ihrer Schönheit ansichtig werde? Lassen Sie mich herein!«

»Nein!«

»Dann einen Kuss, einen einzigen Kuss nur, ein Schweben auf den Flügeln der Ekstase, und ich werde fort sein.«

»Versprochen?«

»Mein Ehrenwort, versprochen.«

Sie presste die Knie zusammen, bedeckte ihre Brüste, beugte sich vor und stützte das Kinn auf den Fensterrahmen.

»Ich kann nicht.« Tom Brodie kletterte noch etwas höher. »Ich kann Sie nicht erreichen.«

»Dann versuchen Sie doch, mit den Flügeln der Ekstase zu schlagen«, schlug Rose vor.

Und auf einmal war Tom Brodie verschwunden.

Sie wartete auf das knirschende Geräusch von Knochen, wenn er auf dem Kopfsteinpflaster aufschlug, aber dann tauchte sein Kopf wieder über dem Fenstersims auf, und unter großer Anstrengung stemmte er sein Gesicht erneut zu der Öffnung hoch. »Sie«, keuchte er, »haben es versprochen.«

»Oh, nun gut.« Rose schürzte die Lippen.

Die Stoppeln auf seiner Oberlippe waren rau. Sein Atem, süß vom Wein, vermischte sich mit ihrem. Er glitt mit seiner Zunge leicht über ihre Lippen. Und dann, mit einem leisen, verblüfften Jauchzer, war er wieder verschwunden.

Rose riss das Fenster hoch und beugte sich eben noch rechtzeitig hinaus, um zu sehen, wie er auf einem Haufen alten Strohs landete, das offenbar eigens dorthin geschafft worden war, um Brodies Fall abzufedern. Der junge Mann war auf den Beinen und lief los, fast bevor er den Boden berührt hatte.

Ein Pferd kam mit klappernden Hufen aus der Gasse neben Dr. Glendinnings Haus. Sein Reiter war in einen Umhang gehüllt, das Gesicht von einem Hut mit weicher Krempe verdeckt. Er streckte eine Hand nach unten aus und zog Tom hinter sich in den Sattel, und in dem Augenblick, als Rose’ Vater die Haustür aufriss, spornte er das Pferd zu einem Galopp an und ritt in einem Gischtnebel die Thimble Row hinunter.

Ihr Vater, in Nachthemd und Schlafmütze, sah hoch.

Rose schaute hinunter. »Wer ist das, Papa?«, hörte sie sich fragen. »Wer ist da?«

»Betrunkene Rüpel«, knurrte Neville Hewitt. »Haben ihre Tollheiten dich geweckt?«

»Ja«, log Rose. »Ich habe tief und fest geschlafen.«

»Hast du ihre Gesichter gesehen?«

»Nein.«

»Nun ja, jetzt sind sie fort«, sagte ihr Vater. »Geh wieder schlafen!« Er zog sich ins Haus zurück und schloss die Tür.

Und Rose ging fröstelnd wieder zu Bett, während sie über die Bedeutung von Tom Brodies albernen Komplimenten und natürlich seinen Kuss nachdachte.

Das Feuer war fast erloschen. Janet hatte die Glut mit grünen Zweigen und feuchtem Stroh bedeckt und so ungestüm mit dem Blasebalg bearbeitet, dass die Küche nun von einem beißenden Rauch erfüllt war, der, so Betsys Vermutung, Mr. Brodies Lungen gewiss nicht guttun konnte. Der Vorhang vor dem Bett des alten Mannes blieb zugezogen, aber sie konnte ihn husten hören. Das keuchende, krächzende Geräusch ging ihr durch Mark und Bein.

Das Frühstück war, wie schon das Nachtmahl, karg: wässerige Hafergrütze und trockenes Brot. Sie sehnte sich nach einer herzhaften Scheibe Speck und einem Becher Tee, um sich aufzuwärmen, bevor sie aufs Feld hinausmusste. Wieder an der Feuerstelle, löffelte sie ihre Hafergrütze und lauschte auf Janets Versuche, Tom Antworten zu entlocken.

»Sie sagt, sie hat ein Zigeunermädchen erdrosselt. Hast du die Geschichte nicht gehört?«

»Nein«, knurrte Tom.

»Sie sagt, ihr irischer Vetter hätte die Leiche von einem Boot geworfen.«

»Dummes Zeug!«

»Hör mir zu, wenn ich mit dir rede, Tom Brodie«, beharrte Janet.

»Ich höre zu«, erwiderte Tom, »aber du redest nur Unsinn.«

»Ist es Unsinn, dass ich mir das Bett mit einer Mörderin teilen muss?«

»Du wirst das Bett in deinem Leben vielleicht mit noch Schlimmerem teilen müssen«, warf Henry ein. »Wer hat dir diese blutrünstige Geschichte denn erzählt?«

»Sie.« Janet deutete auf Betsy. »Und sie hat das ganze Bettzeug an sich gerissen.«

»Oh, ja, eine Tat, für die man am Galgen endet«, bemerkte Henry.

»Du hast gut reden«, entgegnete Janet. »Du teilst nicht das Bett mit ihr.«

»Noch nicht«, kicherte Tom.

Nach dem Frühstück warf sich Betsy ihr Tuch über die Schultern, steckte die Enden in ihren breiten Gürtel und folgte Tom in den Hof. Er hatte den kleineren Erntewagen bereits vorgefahren und das Pferd angeschirrt. Tom kletterte auf den Wagen und zog sie hoch.

»Bringen wir die Ernte nur zu zweit ein?«, fragte Betsy.

»Ja«, antwortete Tom. »Mammy hat alle Hände voll damit zu tun, meinen Vater zu versorgen. Janet wird sich um die Kühe kümmern, und Henry treibt die Schafe zusammen.«

Er schlug den Kragen hoch, zog sich die Mütze ins Gesicht und knallte mit den Zügeln, um das Pferd anzutreiben. Der Wagen bog auf den Feldweg ein.

»Warum haben Sie nach mir geschickt?«, wollte Betsy wissen.

»Ich habe nicht nach dir geschickt«, erwiderte Tom. »Johnny hat deine Dienste angeboten.«

»Was hat Mr. Rankine über mich gesagt?«

»Er hat gesagt, du würdest gern Zigeuner erdrosseln.«

Betsy lachte. »Irgendetwas musste ich Ihrer Schwester ja erzählen.«

»Sie ist ein neugieriges Weibsbild«, meinte Tom. »Aber man kann es ihr kaum verdenken. Hier auf Hawkshill gibt es herzlich wenig zu ihrer Unterhaltung.«

»Und Sie, Mr. Brodie?«, fragte Betsy. »Wie unterhalten Sie sich?«

»Ich lese«, sagte er schulterzuckend.

»Und tanzen in der Schule?«

»Wenn ich Sixpence erübrigen kann.«

»Und trinken bei Souter Gordon’s?«

»In Maßen, in Maßen.«

»Und besuchen mit Mr. Rankine Logen-Versammlungen?«

»Ein Mann hat die Pflicht, am Leben der Gemeinde teilzunehmen – im Rahmen seines Geldbeutels«, sagte Tom. »Machst du mir etwa Vorhaltungen, Betsy McBride?«

»Das würde ich nicht wagen.«

»Warum hast du meiner wissbegierigen Schwester nicht die Wahrheit erzählt?«

»Messer und Zigeuner geben eine bessere Geschichte ab«, antwortete Betsy.

»Und jetzt hat sie Angst vor dir. Ging es darum?«

»Vielleicht wird sie mich von nun an mit ein bisschen mehr Respekt behandeln.«

»Ich glaube nicht, dass Angst und Respekt Hand in Hand gehen«, bemerkte Tom.

»Sagen Sie denn immer die Wahrheit, Mr. Brodie?«

»Ja, oder zumindest versuche ich es. Ich betrachte mich als einen aufrichtigen Mann.«

»Wie kommt es dann«, hakte Betsy nach, »dass Sie über Nacht auf einmal humpeln?«

»Ich bin gestolpert, als ich aus dem Bett gestiegen bin«, sagte Tom, lenkte das Pferd zum Rand des Getreidefelds und zog dann, wie Betsy fand, allzu straff die Zügel an, um das arme Tier zum Stehen zu bringen.

Anders als der Salon hinter Souter Gordon’s besaß der Saal über der Sattlerei eine gewisse ärmliche Würde. Gedruckte Plakate kündigten Vorträge zu verschiedenen landwirtschaftlichen Themen an, und eine große Tafel verzeichnete die Namen der ehemaligen Vorsitzenden der Agrargesellschaft von Hayes. Matthew Brodie war einmal Mitglied gewesen, jedoch nie in den Vorsitz erhoben worden und hatte seine Verbindungen gelöst, als der jährliche Mitgliedsbeitrag auf fünf Schilling angehoben wurde. Matthew Brodie hatte jedoch nie einer Versammlung des Junggesellen-Clubs beigewohnt, denn dieses Privileg war denen vorbehalten, die nicht durch die Fesseln der Ehe gebunden waren.

Das Verfahren war formlos; und die Regeln, vorgeschlagen und ausgearbeitet von niemand anderem als Mr. Thomas Brodie, zu hochtrabend, um ernst genommen zu werden. Die Versammlungen wurden an jedem zweiten Freitag im Monat abgehalten, mit je einer Unterbrechung für die Frühjahrssaat und die Herbsternte. Das Oktober-Treffen war das erste der Wintersaison, und es gab viel zu besprechen, nicht zuletzt die amourösen Abenteuer des Sommers.

Die erste mehrerer Flaschen machte die Runde um den Tisch.

Im Saal saßen etwa ein Dutzend überwiegend junger Männer. Muskeln, abgekämpft von der harten Arbeit auf den Feldern, entspannten sich, Rücken, gebeugt von zu vielen Stunden an Schreibtischen oder Werkbänken, richteten sich auf, und die Unterhaltung wurde laut und lebhaft.

Tom schlug mit der Faust auf den Tisch. »Gentlemen, Gentlemen, zur Ordnung, zur Ordnung, wenn ich bitten darf!« Das Stimmengewirr verstummte. »Das für heute Abend vorgeschlagene Diskussionsthema lautet: Ist es besser, geliebt und verloren zu haben, oder niemals …«

Das Thema war alles andere als originell. Es war vor nicht einmal einem Jahr bereits zur Genüge erörtert worden. Stöhnen wurde laut.

»Sir, Sir, Herr Vorsitzender, Sir«, rief der Bürogehilfe eines Teehändlers aus Drennan. »Bei allem Respekt, Sir, ist es nicht ein wenig hastig von Ihnen, uns ein solch abgedroschenes Thema aufzwingen zu wollen?«

»Hastig?«, fragte Tom. »Bei Gott, Hast ist nichts, wessen ich oft beschuldigt werde, zumindest nicht seitens der Damen.«

»Was uns bei genauerer Betrachtung«, bemerkte ein anderer junger Mann, »näher zum Kern der Angelegenheit bringt.«

»Ist das so?«, sagte Tom. »Und was soll das für ein Kern sein, von dem hier die Rede ist?«

Mehrere der anwesenden Männer riefen einstimmig: »Im Protokoll. Lies das Protokoll.«

Es gelang dem Vorsitzenden, eine verwirrte Miene aufzusetzen.

Peter Frye, der Sekretär des Clubs, beugte sich über den Tisch, flüsterte Tom etwas ins Ohr und wies mit einem Zeigefinger auf eine Passage im Protokollheft.

»Ah!«, nickte Tom. »Ah ja. Die Wette.«

»Die Wette gilt, Tom, die Wette gilt«, sagte Mr. Ogilvy, das älteste Mitglied. »Sollen wir etwa nicht erfahren, ob die Bedingungen der Wette erfüllt wurden oder nicht?«

»Das können sie nicht sein«, bemerkte der Bürogehilfe, »sonst hätte er sich längst seine Guinee aus der Clubkasse gegriffen.«

»Eine Guinee, war es das?«, fragte Tom scheinbar arglos. »Aye, ich denke doch, das war es – und die Bedingungen der Wette?«

»Ho! Du Schlingel!«, meinte Mr. Ogilvy. »Solch schamhaftes Benehmen steht dir schlecht zu Gesicht. Hör auf, den Narren zu spielen, und sag uns – hast du oder hast du nicht die Bedingungen erfüllt, die auf Treu und Glauben und mit allgemeiner Zustimmung im letzten Juli festgelegt wurden?«

Tom legte die Stirn in Falten. »Wird eine Guinee für den Rotwein reichen?«

»Aye, und ein Schilling oder zwei werden noch übrig bleiben«, informierte ihn Peter Frye.

»In dem Fall«, sagte Tom, »werde ich den Rotwein übernehmen.«

»Du hattest sie!«, rief Mr. Ogilvy. »Bei Gott, du hattest sie!«

»Hast du sie gemäht?«, fragte der Bürogehilfe.

»Nein, nein«, erwiderte Tom. »Die Bedingungen der Wette waren ein Kuss, ein einziger Kuss auf die Lippen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich muss jedoch gestehen, dass ich mich nur mit großer Mühe beherrschen konnte, meine Sense zu zücken.«

»Ein geraubter Kuss ist keine Guinee wert«, beschwerte sich jemand.

»Der Kuss wurde freiwillig gegeben«, warf Peter Frye ein.

»Wie kannst du dir da so sicher sein, Peter?«, wandte Mr. Ogilvy ein.

»Ich habe es mit eigenen Augen gesehen«, sagte Peter Frye. »Ich werde es unter Eid bezeugen, wenn ihr darauf besteht. Tom hat sie aufgefordert, ihn zu küssen, und sie ist der Bitte nachgekommen.«

»Auf die Lippen?«

»Auf die Lippen.«

»Neville Hewitts Tochter?«

»Neville Hewitts Tochter.«

»Die jungfräuliche Rose?«

»Die einzige Tochter des Scheusals aus der Thimble Row, bekleidet, wie ich ergänzen möchte, mit einem kurzen Nachthemd, das der Fantasie nur wenig Raum ließ«, erklärte Peter. »Nun, Gentlemen, halten Sie sich dieses Bild vor Augen, während ich Toms wohlverdiente Guinee aus der Kasse entnehme und uns – was? – noch ein halbes Dutzend Flaschen bestelle.«

»Wo hat dieses weltbewegende Ereignis denn stattgefunden?«, erkundigte sich Mr. Ogilvy.

»Bei ihr zu Hause«, antwortete Tom.

»War ihr Daddy nicht da, oder diese Hexe, die er sich hält?«, fragte der Bürogehilfe.

»Oh, durchaus!«, sagte Tom. »Sie waren beide zu Hause, zweifellos mit ihren eigenen … äh … Angelegenheiten beschäftigt, denn es war mitten in der Nacht und regnete wie aus Eimern.«

»Bist du etwa in ihr Zimmer eingedrungen, während Hewitt unten schlief?«, staunte Mr. Ogilvy. »Gott, du bist ein beherzter Bursche, Tom Brodie!«

»Ganz so beherzt bin ich nicht«, räumte Tom ein. »Ich muss gestehen, ich gab den Romeo und kletterte zum Fenster der jungen Dame hoch. Peter wartete zu Pferd nicht weit entfernt, und sosehr es mich auch nach dem Geschmack ihrer rosigen Lippen gelüsten mag, hatte ich doch nicht vor, mein Leben dafür zu geben.«

Ogilvy nickte. »Hewitt hätte dich erschossen, ohne mit der Wimper zu zucken.«

»Aye«, sagte Tom, »und mein Gemächt an seinen Türsturz genagelt.«

»Aber sie hat dich geküsst?«, kam eine Stimme vom anderen Ende des Tisches.

»Hat auf meine Bitten das Fenster geöffnet, ihre Lippen geteilt, an meiner Zunge gesaugt und geseufzt wie ein Zephir.«

»Entspricht das alles auch der Wahrheit, Peter?«, erkundigte sich Mr. Ogilvy.

»Jedes Wort«, antwortete Peter Frye.

»Was hast du sonst noch mit ihr gemacht?«, wollte jemand anders verschlagen wissen.

»Sir«, entgegnete Tom von oben herab, »wie können Sie es wagen, meine Ehrenhaftigkeit in Zweifel zu ziehen? Nun, ich frage euch, würde ich eine unschuldige Maid ausnutzen, die nur mit ihrem Nachthemd bekleidet ist?«

»Aye«, kam die Antwort von allen Seiten. »Aye, verdammt, das würdest du.«

Tom stand auf und hob das Glas, das Peter ihm zuvorkommend eingeschenkt hatte. »Aye, verdammt, und das werde ich, Gentlemen. Auf mein Ehrenwort als Gentleman und Junggeselle, ich werde Miss Hewitt das Nachthemd abstreifen, bevor die Gerste das erste Grün zeigt.«

»Und sie mähen?«, rief der Bürogehilfe.

»Und sie heiraten«, sagte Tom so nüchtern, dass niemand ihn ernst nahm.

Betsy lehnte sich mit ihrem Stuhl gegen das Gemäuer des Kamins und streckte die Beine aus. Janet war zu Bett gegangen. Agnes lag schnarchend an der Seite ihres Mannes. Das Feuer glühte rot. Der große, schwarze Kessel stieß kleine Dampfwolken aus. Auf einem Regal nahe der Tür tickte eine verbeulte alte Stutzuhr träge vor sich hin.

»Ins Bett mit dir, Mädchen!«, sagte Henry. »Es ist fast elf, und wir müssen morgen früh raus.«

»Ich brauche nicht viel Schlaf.« Betsy kippelte ein wenig auf dem knarrenden Stuhl. »Sie warten noch auf Tom, habe ich recht?«

Henry schwieg kurz. »Und wenn es so wäre?«

»Ist heute Abend eine besondere Logen-Versammlung?«

»Der Junggesellen-Club, glaube ich.«

Betsy hatte von den Mädchen auf Rankines Farm gehört, was im Junggesellen-Club vor sich ging, und es war weniger beleidigend für weibliche Empfindlichkeiten als das, was im Hinterzimmer von Souter Gordon’s passierte, und weitaus weniger geheimnisvoll als die Initiationsriten der Freimaurer.

»Steht Ihnen der Sinn nicht danach, sich ihm anzuschließen, Mr. Brodie?«, fragte sie.

»Ich bin nicht Mr. Brodie. Mr. Brodie ist mein Vater. Ich bin Henry, schlicht und ergreifend«, sagte er. »Aber um deine Frage zu beantworten, Betsy: Nein, mir steht der Sinn nicht danach, die Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft anzustreben. Das sind Toms Kumpel, nicht meine.«

»Aber Sie sind doch Junggeselle, oder?«

»Natürlich bin ich das«, antwortete Henry. »Denkst du etwa, ich habe dort oben eine Ehefrau versteckt? Sieh dich doch um, Betsy! Was für ein Mädchen würde mich denn nehmen, wenn alles, was ich zu bieten habe, ein Leben in Knechtschaft und ein Misthaufen an Schulden ist?«

»Sie meinen, keine richtige junge Dame. Alle Männer sind doch gleich, wenn es darum geht, eine Ehefrau zu wählen. Pflugburschen werfen ein Auge auf Hausmädchen, Farmer auf Töchter von Grundbesitzern. Das ist der Lauf der Welt.«

»Und worauf werfen Milchmädchen ein Auge?«, fragte Henry.

»Auf alles, was sie in die Finger kriegen können«, lachte Betsy.

»Kommt Liebe dabei nicht ins Spiel?«

»Liebe?«, sagte Betsy. »Liebe ist, was man draus macht, Mr. Brodie.«

»Henry.«

»Nun gut, Henry«, erwiderte Betsy. »Liebe ist nur ein weiteres Arrangement.«

»Hast du denn nicht die Absicht zu heiraten?«

»Aye, ich würde im Handumdrehen heiraten«, sagte Betsy. »Aber wer würde so eine wie mich schon nehmen? Nein, nein. Die hübschen Mädchen werden hofiert, und der Rest von uns wird einfach …« Sie zuckte die Schultern.

»Betsy, wie alt bist du?«

»Neunzehn nach Neujahr.«

»Hattest du nie einen Kavalier?«

»Einen Kavalier?«

»Einen Verehrer?«, sagte Henry. »Einen Liebhaber?«

Sie dachte an Johnny Rankine, der seinen dicken Bauch gegen ihren geklatscht hatte, bevor er seine Hose wieder hochgezogen hatte und davongestapft war, um mit seiner Frau zu Abend zu essen. »Nein, ich hatte noch nie einen Liebhaber.«

»Hat dir denn nie jemand gefallen?«

»Connor«, beeilte sie sich zu antworten. »Mein Vetter, Connor McCaskie.«

»Würde er nicht einen guten Ehemann abgeben?«

»Connor – einen Ehemann?«, sagte Betsy. »Gott, nein! Er ist Ire.«

Tom achtete darauf, nie so viel zu trinken, dass er sich nicht mehr am Sattel seiner getreuen alten Stute festhalten konnte, während sie von selbst den Weg nach Hause fand. Er führte das Tier in den Stall und sattelte es ab. Rasch füllte er noch ihre Schütte mit Heu und ihren Eimer mit Wasser und erhaschte dann durch den Spalt in der Gipswand einen Blick auf seinen Bruder und Betsy, die Knie an Knie in der Küche saßen. Seine Ankunft hatte ihre Unterhaltung unterbrochen und, wie Tom mit einem leisen Lachen dachte, bei Henry vermutlich jede Hoffnung zerstört, er könnte sich vielleicht einen Kuss oder noch mehr von Rankines gut aussehender Magd stehlen.

Noch immer kichernd, legte er eine Wange an das Gesäß der Stute und betrachtete das Mädchen, das im Schoß seiner Familie gelandet war. Zu dieser späten Stunde erschien sie ihm fast so begehrenswert wie Rose Hewitt oder, um genau zu sein, jedes andere hübsche Mädchen, in das er sich je verliebt hatte.

»Heda!«, rief er laut. »Heda!«

Er taumelte aus dem Stall, knöpfte sich dabei die Hose auf und erleichterte sich an der Wand. Als dieses Bedürfnis befriedigt war, torkelte er zur Cottagetür und ließ sich theatralisch in Betsys Arme fallen, während Henry ängstlich auf und ab tänzelte und Tom zuzischelte, er solle keinen Krach schlagen, um nicht den Vater zu wecken und eine hässliche Szene heraufzubeschwören.

Tom klammerte sich an die dralle Miss McBride, den Kopf an ihren Busen gelegt, umfasste mit den Händen ihr Gesäß und ließ sich von ihr tiefer ins Zimmer lotsen. »Oh, jetzt aber«, säuselte er, »du liegst so wunderbar in meinen Armen, Betsy, meine Liebe.«

»Achte nicht auf ihn«, sagte Henry. »Er ist betrunken.«

»Ich bin nicht betrunken«, empörte sich Tom. »Ich hatte schon am Abendmahl-Tisch schwerer geladen. Oh, Betsy, lass dich liebkosen.«

»Hier.« Henry packte seinen Bruder an der Schulter. »Komm her, und ich werde dich liebkosen. Ich werde dich hoch in dein Bett liebkosen.«

»Die Jakobsleiter wird mich nicht in den Himmel führen.« Tom massierte Betsys Seiten. »Aber bei diesem entzückenden Geschöpf zu liegen, das würde mich mit Sicherheit in den …«

Er schrie auf, als eine kleine, harte Faust ihn seitlich am Kopf traf, und wurde, noch immer schreiend, von der Magd weggezerrt. »Mam«, rief er. »Mammy, du tust mir weh.«

»Ich würde dir mit einem Stock zu Leibe rücken, wenn ich einen zur Hand hätte«, sagte Agnes Brodie. »Genügt dir das Trinken denn nicht? Musst du jetzt auch noch Schande über uns bringen, indem du dich an einem jungen Mädchen vergreifst, das uns geschickt wurde, um uns zu helfen? Ein Glück, dass dein Daddy nicht mehr genug bei Kräften ist, um dir eine Tracht Prügel zu verpassen, Thomas, selbst wenn du erwachsen bist. Henry, schaff ihn mir aus den Augen!«

»Jawohl, Mutter.« Henry schnappte sich Toms Arm, führte den Bruder zur Leiter und stellte seine Füße auf die hölzernen Sprossen. »Er wird morgen dafür büßen«, versprach Henry. »Gute Nacht, Betsy.«

»Gute Nacht, Mr. Brodie«, sagte Betsy.

Sie wäre unverzüglich auf ihr Zimmer gegangen, wenn Agnes Brodie ihr nicht den Weg versperrt hätte. »Du darfst nicht schlecht von ihm denken, Betsy«, meinte sie. »Unser Tom ist vom Teufel besessen. Manchmal denke ich, da ist nicht nur ein Mann, sondern zwei, die in seinem Kopf miteinander ringen. Er meint es nicht böse.«

»Ja, Mrs. Brodie.«

»Bei alldem«, mahnte die Frau, »darfst du ihn nicht ermuntern.«

»Ja, Mrs. Brodie«, sagte Betsy. Mit einem keuschen kleinen Knicks und nicht dem Anflug eines Lächelns ging sie zu Bett.

3

Auch wenn Betsy McBrides Eintreffen auf Hawkshill das Geschick der Brodies nicht auf einen Schlag wendete, ging es zumindest mit einer ruhigeren Wetterlage einher, die es ihnen ermöglichte, den letzten Rest der Getreideernte einzubringen.

Betsy erfuhr bald, dass sie die siebzig Acres von Hawkshill mit einer Zwölf-Jahres-Pacht von Neville Hewitt übernommen hatten, mit einer Ausstiegsklausel nach der Sechs-Jahres-Frist – einer Frist, die am ersten November ablaufen würde. Wenn der Gerichtsdiener vor diesem Tag mit einer Anordnung zur Beschlagnahme vor ihrer Tür stehen sollte, dann würde es verdammt wenig geben, worauf er Anspruch erheben konnte. Der Viehbestand des alten Mr. Brodie belief sich auf vier Pferde, zwei Ponys, dreizehn Kühe, sechs Kälber, zwei einjährige Ochsen und vierzehn Schafe. Dazu kamen ein Pflug, zwei Wagen und eine Egge. Die Ochsen und vier fette Lämmer sollten auf dem Markt von Drennan verkauft werden, und Betsy war aufgefordert mitzukommen, um den jungen Brodies beim Viehtrieb zu helfen.

Sie hatte die Familie bereits zur Kirche begleitet und ihre Mutter und ihren Vater getroffen und ihnen versichert, dass sie auf Hawkshill gut behandelt wurde. Und sie war Mr. Rankine über den Weg gelaufen, der ihr zum Gruß nur zugezwinkert hatte.

Der Kirchgang in Hayes war eine Sache, der Markttag in Drennan hingegen eine völlig andere. Die Stadt verfügte über einen Marktplatz, eine Schule, zwei Kirchen, drei Getreidemühlen, zwei Walkmühlen und eine Mühle, um Flachs zu dreschen. Außerdem gab es ein stattliches, aus Backstein errichtetes Armenhaus, ein Wirtshaus, drei Tavernen, eine Freimaurer-Loge und einen langen, flachen Holzbau, der eine bescheidene Bibliothek mit erbaulicher Literatur und, wann immer Mr. Arbuthnot in die Stadt kam, die Tanzschule beherbergte.

Der Viehmarkt wurde auf einem Feld eine Viertelmeile außerhalb des Stadtzentrums abgehalten. Ausnahmsweise einmal war der Boden nicht von Schlamm überschwemmt. Jeder Händler, Züchter und Schlachter in der Grafschaft hatte sich eingefunden, um ein Schnäppchen zu machen, denn durch einen späten Frühling und einen nassen Sommer war gutes Weideland knapp geworden, und viele Pachtfarmer, die es sich nicht leisten konnten, ihre Tiere über den Winter zu bringen, waren gezwungen, sie zu verkaufen, bevor sie verhungerten.

Die Hawkshill-Ochsen waren bereits groß und kräftig. Tom und Henry hatten ihre liebe Not damit, sie an dem Pflock ihres angemieteten Verkaufsplatzes festzubinden. Schafe ließen sich leichter handhaben, und Janet hatte die fetten Lämmer bald in einem dreieckigen Weidenpferch zusammengetrieben, wo die armen, verwirrten Tiere kaum Platz hatten, um mit den Hufen zu stampfen oder Wasser zu lassen.

Auf dem ganzen Feld waren Farmtiere auf ähnliche Weise eingepfercht und angepflockt. Der Tumult war ohrenbetäubend. Staubwolken bauschten sich über den Cottages und senkten sich wie feiner Sand über den Planen der Marktstände in der Market Street, sodass die Händler und ihre Kunden niesen und spucken mussten und die Zecher, die schon früh dem Trinken frönten, ihre Humpen mit ihren Hüten bedeckten.

Der Viehmarkt von Drennan war kein Großereignis wie die alljährliche Zusammenkunft in Falkirk. Käufer und Verkäufer kannten einander, und Geschäfte wurden mit einem Nicken und einem Handschlag abgeschlossen. Die Hawkshill-Ochsen waren kaum angepflockt, da kam schon ein Kaufinteressent angeschlendert, um sie zu begutachten.

»Aye, Brodie, ist das das Beste, was ihr zu bieten habt?«

»Das ist es, Mr. Fergusson, das Allerbeste.«

»An eurem fauligen Tümpel getränkt, den ihr einen See nennt?«

»Nein, nein«, antwortete Tom. »In den Nasenlöchern meines Viehs werden Sie keine Blutegel finden. Schauen Sie ihnen in die Augen, Sir, und sehen Sie das Gold darin glänzen! Sie werden schneller wachsen, als Sie ihnen Heu in die Schütte werfen können.«

»Gezeugt von Braystocks altem Bullen, nehme ich an?«

»Braystocks Bulle ist vielleicht alt, aber er ist zuverlässig«, warf Henry ein.

»Warum gebt ihr ihnen nicht noch einen Sommer auf der Weide?«, sagte Fergusson. »Wenn sie so kräftig sind, wie ihr behauptet, dann werden sie in einem Jahr das Zehnfache des Preises erzielen.«

»Wir hatten einen guten Kälberwurf im Frühjahr«, log Tom. »Wir haben nicht genug Platz im Stall, um sie alle aufzuziehen.«

»Mit anderen Worten, Hewitt sitzt euch im Nacken mit seiner Pacht?«

»Hewitt sitzt jedem im Nacken, Mr. Fergusson«, sagte Tom.

»Das mag schon sein, doch ihr gebt euer junges Vieh schließlich nicht aus Herzensgüte weg. Besser ein paar Schillinge in der Tasche, als sie dem Gerichtsdiener zur Verlosung zu übergeben. Habe ich nicht recht?«

»Was ist mit unseren Lämmern, Sir?«, schaltete sich Janet ein.

»Ich will kein gutes Gras an Schafe verschwenden, Mädchen«, antwortete der Viehzüchter. »Hör zu, Brodie, ich gebe dir eine Guinee für die Jungochsen, bar auf die Hand.«

Betsy sah, wie sich Henrys Hand zur Faust ballte.

Tom betrachtete lässig den Horizont und schüttelte den Kopf.

»Tom?«, sagte Janet. Und dann noch einmal: »Tom?«

»Ah!«, murmelte Tom. »Was für ein milder Tag ist es doch für Oktober. Ich habe ein Stück Brot und etwas Käse in meiner Tasche, und meine Schwester wird mir einen Krug Ale von Caddy Crawford’s bringen. Ich denke, ich werde mich einfach zurücklehnen und warten, bis jemand mit etwas mehr Verstand daherkommt. Einen schönen Tag noch, Mr. Fergusson.«

»Eine Guinee wird deine Rechnung beim Doktor begleichen«, fuhr der Viehzüchter fort, »oder deinem Daddy ein anständiges Totenhemd kaufen, wenn seine Zeit gekommen ist – es sei denn, ihr habt vor, ihn nackt in eurem Misthaufen zu begraben.«

Tom trat vor den dickbäuchigen Viehzüchter hin und legte ihm eine Hand an den Kragen. Der Viehzüchter hatte zu viele Jahre auf dem Buckel, um sich einschüchtern zu lassen. Er streckte den Bauch vor und wich nicht von der Stelle.

Tom grinste und bürstete ein Staubkorn von der Jacke des Viehzüchters. »Ist es die Gier, die Sie dazu treibt, meinen alten Daddy in den Schmutz zu ziehen, Mr. Fergusson? Nun, ich sage Ihnen, mein alter Daddy wird Sie überleben, Sir. Er ist ein Mann aus Eisen, und er wird nicht vor seinen Schöpfer treten, bevor er und sein Schöpfer bereit zu der Begegnung sind.«

»Ich habe unüberlegt gesprochen«, erwiderte Fergusson. »Ich wollte niemanden beleidigen.«

»Das haben Sie auch nicht«, warf Henry ein.

»Ich gehe hoch auf vierundzwanzig Schilling«, sagte der Viehzüchter.

»Sie können bis auf die Turmspitze von St. Giles hochgehen«, gab Tom zurück. »Ich würde Ihnen die Tiere meines Daddys jetzt nicht mehr verkaufen, und wenn Sie mir zwanzig Guineen bieten würden. Nennen Sie es Stolz, wenn Sie wollen, aber ich würde diese Ochsen lieber selbst schlachten, als Ihrer Unterstellung beizupflichten, dass mein Vater einen Armentod sterben wird, wenn wir bei Ihrem erbärmlichen Angebot nicht zugreifen.«

»Sechsundzwanzig das Paar«, sagte Fergusson.

»Nein«, entgegnete Tom. »Nein, verdammt, nein.«

»Tom, bitte«, murmelte Henry. »Sei nicht vorschnell!«

Ein Ring von acht oder zehn Männern hatte sich um den Hawkshill-Stand gebildet. Walter Fergusson hatte tiefe Taschen und einhundertsechzig Acres bestes Weideland in der Grafschaft. Er kaufte immer nur billig, und er wusste auf den Penny genau, wie viel jeder verzweifelte Pächter seinem Grundbesitzer schuldete.

Betsy sah, wie Henry den Kopf schüttelte und vortrat, um dazwischenzugehen, als sich auf einmal eine riesige braune Klaue auf ihre Schulter legte.

»Connor«, sagte sie und wandte sich um. »Was tust du denn hier?«

Es war nicht leicht für Rose, der wachsamen Mrs. Prole zu entkommen. Ihr war durchaus bewusst, welche Art Bestrafung sie erwartete, wenn sie von der Seite dieser Frau weichen sollte, um ein paar, wenn auch noch so beiläufige, Worte mit irgendeinem Mann unter achtzig Jahren zu wechseln.

Ihre erste Begegnung mit Thomas Brodie hatte sie einem der seltenen Anlässe zu verdanken, zu denen sie das Haus allein verlassen durfte. Mrs. Prole hatte sich an jenem Morgen nach dem Frühstück wieder zu Bett gelegt, und sie, nicht Dorothy, das Hausmädchen, war über den Anger geschickt worden, um in der Stadtbäckerei Brot zu kaufen.

Warum sich Tom Brodie an einem Dienstagvormittag in Drennan herumgetrieben hatte, war ein Rätsel, über das sich Rose damals keine Gedanken gemacht hatte. Doch angesichts der Ereignisse der jüngsten Zeit war sie zu dem Schluss gekommen, dass Mr. Brodie die Meilen von Hawkshill einzig und allein auf sich genommen hatte, um sie anzusprechen. Aber sosehr sie sich auch das Gehirn zermarterte, konnte sie sich doch an nichts in dem Gespräch erinnern, was den Burschen ermuntert haben könnte, mitten in der Nacht zu ihrem Fenster hochzuklettern und um einen Kuss zu betteln, einen Kuss, der ein Fenster zu allen möglichen Empfindungen geöffnet hatte, die sie sich mit dem Verstand nicht erklären konnte.

»Rose? Rose Hewitt?«

Sie drückte sich gegen den Musselinbehang, der den Käse abschirmte, den die Inhaberin des Standes auf kleinen, handbemalten Tellern feilbot, weichen weißen Käse, zu zart für bäuerliche Gaumen, auch wenn, wie Rose gehört hatte, Gutsherren und ihre Damen das Zeug zu schätzen wussten und kübelweise kauften. Die Standinhaberin war eine gut aussehende Frau, kaum älter als Papa. Mit dem Rücken zu dem Stoffbehang hinter ihrem Stand sah sie auf die Biegung der Market Street und hielt Ausschau nach Gutsverwaltern oder Haushälterinnen, die Bestellzettel für ihre Leckerbissen schwenkten.

Als Mrs. Prole sich aufgeregt und wütend näherte, wagte Rose kaum zu atmen vor Angst, die Frau des Käsemachers könnte sie verraten.

»Käse«, sagte die Standinhaberin. »Reif und vollmundig im Geschmack.«

»Ich suche nach meinem … meinem Schützling«, erklärte Mrs. Prole eisig. »Mr. Hewitts Tochter. Ist sie zufällig hier vorbeigekommen?«

»Sie ist mir nicht unter die Augen gekommen«, erwiderte die Frau. »Vielleicht ist sie bei ihrem Daddy?«

»Sie ist nicht bei ihrem Vater; sie ist bei mir«, erwiderte Mrs. Prole.

»Aber sie ist nicht bei Ihnen«, stellte die Frau des Käsemachers fest. »Haben Sie sie geschickt, etwas von meinem köstlichen Käse zu kaufen?«

»Nein, das habe ich nicht«, antwortete Mrs. Prole. »Dieses eigensinnige Kind ist weggelaufen. Wenn ich sie in die Hände bekomme, dann werde ich ihr eine Lektion erteilen, die sie nicht vergessen wird.«

»Wie werden Sie das denn anstellen, Mrs. Prole?«, fragte die Frau.

»Ich … ich werde sie entsprechend zurechtweisen.«

»So ist’s recht! Ich habe selbst Töchter, daher weiß ich, wie übermütig junge Mädchen sein können.«

»Haben Sie Rose Hewitt nicht gesehen?«

»Nein.«

»Rose? Rose Hewitt?« Mrs. Prole entfernte sich. »Komm augenblicklich her, sonst wird es dir umso schlimmer ergehen!«

Rose, die in dem schmalen Gang zwischen der Rückseite des Käsestandes und dem Giebel einer Taverne kauerte, stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Sind Sie noch da?«, flüsterte die Käsefrau.

Rose antwortete: »Ja.«

»Sie ist fort. Jetzt sind Sie in Sicherheit. Weshalb verstecken Sie sich?«

»Es gibt da etwas, was ich allein erledigen muss.«

»Ah!«, sagte die Frau des Käsemachers. »Geht es um einen Mann?«

»Was?«, entfuhr es Rose. »Gewiss nicht. Ich bin auf der Suche nach Tassie Landles. Wissen Sie zufällig, wo ich sie finden könnte?«

Die Frau des Käsemachers lachte. »Verstehe«, sagte sie. »Wollen Sie sich Ihr Schicksal weissagen lassen, Miss Hewitt, oder sind Sie auf der Suche nach einem Liebestrank? Nun, Tassie Landles wird Ihre Sixpence nehmen und Ihnen dafür geben, was immer Sie brauchen. Aber ich muss Sie warnen, die alte Hexe wird ihrem Ruf nicht immer gerecht.«

»Wo kann ich sie finden?«

»An Markttagen ist sie im Allgemeinen in ihrem Laden am Ende der Brücke.« Rose zuckte zusammen, als der Musselinstoff zur Seite gezogen wurde und die Frau auf sie hinuntersah. »Aber seien Sie bloß vorsichtig, Miss Hewitt! Mit der alten Tassie ist nicht zu spaßen. Wer hat Ihnen von ihr erzählt?«

»Unser Hausmädchen, Dorothy.«

»Ich hoffe Ihnen zuliebe, dass das, was Sie von Tassie Landles bekommen, die Tracht Prügel wert sein wird, die Sie erwartet, wenn Sie nach Hause kommen.«

»Das hoffe ich auch«, seufzte Rose, und mit einem matten kleinen Lächeln zum Dank schlüpfte sie hinter dem Käsestand hervor und eilte den Hügel hinunter zur Brücke.

Der lockige braune Bart war verschwunden, und mit ihm annähernd zehn Jahre. Connor sah weitaus jünger aus ohne den Backenbart, fand Betsy. Und er hatte den großen silbernen Ring abgelegt, der im Allgemeinen an seinem Ohr baumelte, und das getupfte Seidentuch, das seine wilden Locken bändigte. Er trug noch immer die blau karierten Flanellhosen, die ihre Mutter ihm genäht hatte, und anstelle eines Mantels die haarende Ziegenlederweste, die ihm seinen typischen Geruch verlieh. Selbst ohne den Bart und den Ohrring war er unverwechselbar ihr irischer Vetter, Connor McCaskie, mit kräftigen Schultern, einem breiten Brustkorb und groß wie ein Baum.

»Sechsundzwanzig Schilling«, bemerkte Connor. »Ist das das Gebot?«

»Das hier ist keine Auktion, Sir, wer immer Sie sein mögen«, sagte Mr. Fergusson zu ihm.

»Ich bin Connor McCaskie, Sir, wer immer Sie sein mögen. Und wenn das hier ein privater Handel zwischen Ihnen und dem Besitzer dieser herrlichen Tiere ist, dann werde ich zur Seite treten und zusehen, wie Sie ihn mit einem Kuss besiegeln.«

»Keine Küsse, Connor«, schaltete sich Betsy ein. »Und auch kein Handschlag.«

»Ist das so?« Ihr Vetter steckte die Daumen in seinen breiten Ledergürtel, ein Gegenstück zu ihrem eigenen. »Das heißt, man wurde noch nicht handelseinig?«

»Nein«, antwortete Tom.

»Ausdrücklich nicht«, erklärte Henry.

»Ich erhöhe auf dreißig«, sagte Mr. Fergusson allzu hastig.

»Dreißig Schilling für diese Schönheiten«, bemerkte Connor. »Gott, Mann, selbst ein Blinder mit Krückstock kann sehen, dass sie in ein, zwei Jahren einhundert gute Mahlzeiten liefern werden.«

»Sind Sie ein Händler, Sir?«, erkundigte sich Fergusson.

»Ich bin ein Kenner guten Rindfleischs, Sir, und geduldig genug, um mit dem Vergnügen zu warten, meine Zähne in ein, zwei Scheiben dieser jungen Burschen zu schlagen, bis sie groß genug sind, um mit dem Schlachtbeil Bekanntschaft zu schließen.« Ihr Vetter, dachte Betsy voller Bewunderung, war sogar noch wortgewandter als Tom Brodie. »Mir scheint, ein gerissener Händler wie Sie würde kein Angebot von dreißig Schilling unterbreiten, wenn die Tiere nicht die doppelte Summe wert wären. Mr. Brodie – Sie sind doch Mr. Brodie, oder …?«

»So ist es«, sagten Tom und Henry einstimmig.

»Mr. Brodie, wären fünfzig Schilling pro Kopf akzeptabel?«

»Fünfzig Schilling wären allerdings akzeptabel«, sagte Henry. »Bei Gott, das wären sie.«

Connor McCaskie spuckte in seine Hand und streckte sie aus. »Dann sind wir uns einig?«, sagte er und schüttelte Toms Rechte.

Und dann griff er tief in seinen Beutel und zückte eine Hand voll Silbermünzen und zählte fünf Pfund ab.

»Werden Sie die jungen Ochsen gleich mitnehmen, Mr. McCaskie?«, fragte Tom.

»Nein, nein.« Connor wandte sich an Betsy. »Sind sie ehrlich, deine Freunde, diese Farmer?«

»So ehrlich, wie der Tag lang ist«, sagte Betsy.

»Ich werde noch eine Guinee drauflegen, Mr. Brodie, und meine Tiere in Ihrer Obhut lassen, bis sie ein geeignetes Alter erreicht haben, um geschlachtet zu werden. Wird eine Guinee genügen für das Futter eines Winters und einen Sommer auf der Weide?«

»Eine Guinee«, antwortete Henry, »wird gut sein.«

»Dann«, meinte Connor, »lassen Sie uns das nächste Wirtshaus aufsuchen, um unser Geschäft mit einem Schluck Whisky zu besiegeln. Möchten Sie sich uns anschließen, Sir?«

»Den Teufel werde ich tun«, knurrte Walter Fergusson und stapfte, gründlich geschlagen, durch die Menge davon, um sich ein anderes Opfer zu suchen.

Der Drennan war ein quirliger kleiner Fluss, der den Carrick Hills entsprang, sich aber aufgrund irgendeiner Laune der Natur einmal um sich selbst schlängelte, bevor er an Tiefe und Breite gewann und sich schließlich in der Nähe von Port Cedric, vier Meilen weiter, ins Meer ergoss.

Der Laden an seinen Ufern unterhalb der Ramshead-Brücke war eigentlich gar kein richtiges Geschäft, nur ein Ein-Zimmer-Cottage, so klein und düster, dass es Rose noch nie aufgefallen war, obwohl sie die Brücke in Papas Ponykutsche oft überquert hatte, wenn er Mama und sie nach Ayr gefahren hatte, um die Predigt in der Kirche von St. Quivox zu hören oder an der Hafenmauer Fisch zu kaufen. Nachdem Mama gestorben und Mrs. Prole zur Haushälterin aufgestiegen war, waren die Ausflüge nach Ayr eingestellt worden, denn, so Rose’ Vermutung, Mrs. Prole war keine Witwe und hatte noch immer eine Art Ehemann, der in Ayr lebte, und wünschte keine »Peinlichkeiten« herbeizuführen, indem sie seinen Weg kreuzte.

Rose schlich auf Zehenspitzen den Weg zum Cottage hinunter, ein Auge auf den Fluss, als hätte sie Angst, irgendetwas könnte aus dem strudelnden braunen Gewässer hervorspringen und sie verschlingen wie eine Forelle eine Eintagsfliege.

Ein gemaltes, stark verwittertes Schild hing über der halb geöffneten Tür. Rose äugte ein paar Sekunden lang zu den schiefen Buchstaben und dem verblassten Bild irgendeines seltsamen Geschöpfes hoch, bis sie begriff, dass die Buchstaben nichts Unheilvolleres als Eier zu verkaufen bedeuteten und das seltsame Geschöpf eine Henne darstellen sollte.

»Immer herein mit Ihnen, meine Liebe, haben Sie keine Angst!«, erklang eine Stimme von drinnen.

Rose war versucht, auf dem Absatz kehrtzumachen und wegzulaufen, aber sie befürchtete, die Frau zu beleidigen.

»Einen Fuß«, riet ihr die Stimme, »und dann den anderen. So wird es gehen.«

Mrs. Proles Worten zufolge war Tassie Landles die Ururenkelin einer berüchtigten Hexe aus Renfrew, die wie eine Krähe über die Grafschaft geflogen war und die Geister der Toten befehligt hatte. In einer Schimpfkanonade hatte Mrs. Prole ihrer Ansicht Luft gemacht, die alte Tassie Landles sei um keinen Deut besser als ihre Vorfahrin, und wenn das Gesetz in den letzten Jahren nicht milder geworden wäre, dann wäre sie im Drennan ertränkt oder, noch besser, auf dem Scheiterhaufen auf dem Pendicle Hill verbrannt worden.

Rose holte einmal tief Luft und trat über die Schwelle.

»Aha«, sagte die Stimme, »es ist eine Dame, eine hübsche junge Dame, die Tassie an diesem herrlichen Herbstmorgen besucht. Für einen Korb Eier werden Sie nicht gekommen sein, möchte ich wetten, vielmehr für einen kleinen Blick in die Zukunft oder vielleicht ein Stück von meinem besonderen Marzipan, um das harte Herz eines Mannes zu erweichen.«

»Sein Herz«, sagte Rose mit mehr Selbstvertrauen, als sie empfand, »ist bereits weich – das behauptet er zumindest –, auch wenn ich den Verdacht habe, dass sein Kopf hart genug ist.«

Tassie Landles kauerte auf einem Hocker bei der Feuerstelle. Das Zimmer quoll über von allem möglichen Tand und einigen seltsamen Möbelstücken. Licht drang durch ein kleines Fenster in der hinteren Wand. Durch dieses Fenster sah Rose kristallklar ein Stück Garten, bunt gefärbt vom Herbst, den Rand eines Brunnens und eine Ecke eines Holzgestänges, auf dem mehrere Tauben hockten.

Tassie Landles kicherte. »Ein falscher Liebhaber, ja?«

»Er ist nicht mein Liebhaber.«

»Aber er wünscht es zu sein, habe ich recht?«, sagte Tassie. Die Frau trug ein Schultertuch mit tropfenförmigen Troddeln, eine makellose Leinenhaube bedeckte ihr ergrauendes Haar, und ihr Gesicht hatte einen dunklen Teint, der Rose an Zimtgebäck erinnerte. Sie war nicht viel älter als Mrs. Prole und sah kein bisschen so aus, als stünde sie mit dem Teufel im Bunde.

»Ja, ich nehme es an«, erwiderte Rose.

»Hat er sich dahingehend geäußert?«

»Das hat er.«

»Viele Male?«

»Einmal nur«, antwortete Rose. »Sehr überschwänglich.«

»Glauben Sie ihm?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Rose. »Ich hoffe, Sie werden mir einen Rat dazu geben können, wie ich die Avancen dieses Burschen erwidern soll – und wie das Ergebnis aussehen könnte.«

»Bursche?«, fragte Tassie Landles. »Mir fällt auf, dass Sie ihn nicht einen ›Gentleman‹ nennen?«

»Er ist kein Gentleman, weder von Geburt noch durch Erziehung.«

»Aber Sie, Miss Hewitt, sind eine Dame, habe ich recht?«

»Oh!«, murmelte Rose. »Sie wissen meinen Namen?«

»Neville Hewitts Tochter, aye«, meinte die Frau. »Nun, treten Sie näher! Setzen Sie sich hier auf den Stuhl neben mich, und wir werden sehen, was die Katze zu sagen hat.«

»Die Katze?«

»Pussy ist sehr erfahren in Herzensangelegenheiten.« Tassie griff mit einer Hand nach unten und holte eine irdene braune Katze unter dem Hocker hervor. Ihre Pose war aufrecht, wachsam und wissbegierig, die Figur gut achtzehn Zoll hoch. Tassie reichte sie Rose, und sie lag so schwer in ihren Händen, dass sie sie auf ihrem Knie abstützen musste.

»Soll ich ihn streicheln?«

»Es ist eine Sie«, sagte Tassie.

»Woher wissen Sie das?«

»Das Geschlecht zu bestimmen ist eine meiner vielen Gaben«, kicherte Tassie schelmisch. »Aber da Sie Tom Brodies Balg nicht in sich tragen, werden wir darauf heute verzichten können.«

»Was?«, entfuhr es Rose verwundert. »Was haben Sie da gesagt?«

»Ich habe kein Wort gesagt«, erwiderte Tassie Landles. »Sie war es, der es herausgerutscht ist.«

»Sie meinen unser Hausmädchen, Dorothy?«

»Nein, nein, nicht Dorothy. Sie.«

Rose’ Augen weiteten sich. »Die Katze hat Ihnen von Tom Brodie erzählt?«

»Vor Pussy ist kein Geheimnis sicher«, erklärte die Frau. »Sie hat mir erzählt, dass Rose Hewitt heute vorbeikommen würde und dass ein junger Tom Brodie nicht fern ist.«

»Ist Mr. Brodie hier?«

»Ich habe schon genug Ärger damit, die Geister der Toten heraufzubeschwören, auch ohne den Zauber bei den noch Lebenden anzuwenden«, entgegnete Tassie.

»Die Geister der Toten?« Rose umklammerte die Katze mit beiden Händen. »Meine – meine Mama ist tot. Können Sie …«

»Genug davon«, sagte Tassie streng. »Sie haben schon genug Ärger auf dieser Welt, auch ohne sich noch mehr aus der nächsten zu suchen. Legen Sie Pussy Ihre linke Hand auf den Kopf und stellen Sie Ihre Frage!«

Zögernd umfasste Rose den Katzenkopf mit einer Hand und sprach sie an, wobei sie sich nur ein klein wenig albern vorkam. »Liebt Mr. Brodie mich? Wenn ich mich ihm hingebe, wird er mich dann heiraten?«

»Ihm hingeben?«, fragte Tassie. »Was meinen Sie denn damit?«

»Ihn mit mir tun lassen, was immer es ist, das Männer mit Frauen tun.«

»Und was ist es, das Männer mit Frauen tun?«

»Ich meine«, Rose errötete, »ihn in meinen … meinen Körper eindringen lassen.«

»Sie sind noch nie mit einem Mann zusammen gewesen, habe ich recht?«

Rose schüttelte den Kopf. Sie war gründlich verwirrt davon, dass Tassie Landles so viel über sie wusste. Sie hatte niemandem von Tom Brodies mitternächtlichem Besuch erzählt, nicht einmal Dorothy. »Nein, ich bin noch nie mit einem Mann zusammen gewesen«, erwiderte sie schnippisch. »Würden Sie jetzt bitte meine Frage beantworten? Ich habe Geld hier; sehen Sie – ein Sixpencestück. Und sollten Sie eine größere Summe benötigen, habe ich noch einen Schilling mehr in meiner Tasche.«

»Gestohlen aus der Geldkassette Ihres Daddys?«

»Nein«, log Rose. »Er hat es mir gegeben, um es auf dem Markt auszugeben.«

»Wie immer Sie dazu gekommen sind, geben Sie mir Ihre Sixpence«, erwiderte Tassie, »und Pussy wird Ihnen Antworten geben.«

Rose fischte in ihrer Rocktasche, holte eine Münze hervor, legte sie in die offene Hand der Frau und sah zu, wie die Münze verschwand. »Und nun«, sagte sie, »meine Antwort, wenn ich bitten darf.«

»Nicht meine Antwort, sondern Ihre Antwort«, entgegnete Tassie zu ihr. »Die Antwort liegt in Ihnen, Rose Hewitt, wenn Sie sie nur wüssten.«

»Das ist doch Unsinn!« Rose wollte schon aufspringen. »Sie sind nichts als eine Schwindlerin.« Die irdene Katze schien unter ihrer Hand weghuschen zu wollen, und Rose nahm rasch wieder Platz. »Wie haben Sie das gemacht?«

»Was gemacht?«, entgegnete Tassie Landles. »Fragen Sie nur!«

»Wird Thomas Brodie mich heiraten?«

Tassie schloss die Augen und legte eine Hand an ihr Ohr, als lauschte sie ferner Musik. In dieser Pose verharrte sie mehrere Sekunden lang, und auch Rose spitzte unwillkürlich die Ohren, ihrer Skepsis zum Trotz. Aber es war nichts zu hören bis auf das Gurgeln des Flusses und in weiter Ferne das ganz leise Hämmern einer Trommel irgendwo im Herzen der Stadt.

»Heirat«, sagte Tassie. »Es wird eine Heirat geben. Ich sehe Sie unter Tränen an Tom Brodies Seite stehen.«

»Unter Tränen?«

»Sie vergießen Tränen der Freude«, fuhr Tassie fort. »Und ich sehe eine Truhe, die von Silber überquillt, und ein prächtiges großes Haus mit vielen Fenstern.«

»M

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