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WEGE ZUM GLÜCK, BAND 1

LILLY FRANKENFELDT

Alle Wunder dieser Welt

Nie würden sie sich voneinander trennen – das hatten sich Maja, Robert, Greta und Markus als Kinder geschworen. Doch dann riss eine furchtbare Sturmflut sie auseinander und veränderte in nur einer Nacht ihr ganzes Leben. Jahre später kehren sie als Erwachsene nach Nordersund zurück, und sind überglücklich, sich wiedergefunden zu haben. Aber plötzlich erwachen längst vergessen geglaubte Gefühle ...

LILLY FRANKENFELDT

Freunde fürs Leben

Für Maja, Robert, Greta und Markus ist ein Traum wahr geworden: Alle vier wohnen wieder in Nordersund, und voller Begeisterung lassen sie ihre Freundschaft wieder aufleben. Doch nicht alle freuen sich mit ihnen. Kilian fühlt sich genau wie früher ausgeschlossen und spinnt eine Intrige nach der nächsten. Und Maja und Robert stellen entsetzt fest, dass sie mehr füreinander empfinden, als sie dürften. Schließlich sind sie beide verlobt – aber nicht miteinander ...

LEONIE VON NEUBURGER

Die seltsame Fremde

Als die fremde Frau unangemeldet in seiner Praxis auftaucht, weiß Dr. Markus Overbeck sofort, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Doch erst mit Hilfe des kauzigen Fischers Fiete gelingt es ihm, ihr Geheimnis zu lüften. In letzter Sekunde bewahrt er sie vor einem furchtbaren Fehler und hilft ihr, wieder glücklich zu werden.

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1. KAPITEL

„Hallo? Maja?“

Schnell verstaute sie ihren überraschenden Fund wieder in Arthurs Reisetasche. Er hatte eine kleine Schachtel mit zwei goldenen Ringen darin versteckt … Maja Iversen lächelte glücklich, ihre Augen blitzten. Seit fünf Jahren wartete sie jetzt schon darauf, dass der Professor ihr einen Heiratsantrag machte! Offenbar hatte er seine Sorgen wegen ihres Altersunterschiedes endlich überwunden. Die er sich sowieso umsonst machte – sie würde ihn ganz bestimmt nicht für einen Jüngeren verlassen. Was einem Mann, der einen Doktor in Soziologie hatte und einen in Psychologie und der sein Geld quasi mit Menschenkenntnis verdiente, doch eigentlich sowieso klar sein müsste.

„Ich bin im Schlafzimmer! Ich packe!“, rief sie. Entschlossen stopfte sie ihren Bikini zusammen mit der Daunenjacke in ihr sowieso schon übervolles Gepäck – Arthur wollte ihr ja partout nicht verraten, wohin die Reise ging, und sie wollte für alle Eventualitäten gerüstet sein –, bevor sie auf ihn zueilte und ihn stürmisch umarmte. „Hallo, Arthur!“ Zärtlich küsste sie ihn.

„Wofür war das denn?“

„Einfach so“, sagte sie strahlend. „Nimm es als Vorgeschmack auf unseren Urlaub.“

Er seufzte genießerisch. „Eine Woche, in der wir mal so richtig Zeit füreinander haben!“

„Und nur das tun, wozu wir wirklich Lust haben …“, gurrte sie und knöpfte seinen obersten Hemdknopf auf. „Glaubst du, du hältst das überhaupt aus? Ich meine – eine Woche lang, so ganz ohne deine Arbeit?“

„Das hängt ganz von dir ab …“

Die Bar des Restaurants war mäßig gefüllt, als Robert Ahlsen eintrat. Er sah sich kurz um und steuerte dann auf einen etwas abseits stehenden Tisch zu.

„Wissen Sie schon, was Sie trinken wollen?“ Die Kellnerin, die an seinen Tisch getreten war, lächelte ihn freundlich an.

Robert sah nicht mal auf. Der Tag war lang gewesen, er war müde. „Ich hätte gern einen Rotwein“, erwiderte er nach einem kurzen Blick in die Karte. „Können Sie mir einen empfehlen?“

„Der Beaujolais ist ausgezeichnet. Ansonsten kann ich Ihnen einen sehr guten Shiraz aus Australien anbieten. Oder, wenn es etwas Besonderes sein soll, unseren Barolo.“

Er nickte. „Gut, dann den Barolo.“

„Sehr gerne.“ Greta Sandacker wandte sich zum Gehen, fegte dabei versehentlich die Karte vom Tisch. Die beiden bückten sich gleichzeitig danach und stießen mit den Köpfen zusammen.

„Entschuldigung!“

„Nein, nein! Mein Fehler!“

Perplex blickten sie einander an. Das war nicht möglich! Oder doch?

„Greta?“

„Robert!“

Sprachlos standen sie voreinander, bevor sie einander zaghaft umarmten.

„Was machst du hier?“, fragte Greta schließlich.

„Ich hatte in Frankfurt einen Geschäftstermin. Und du?“

„Arbeiten.“ Sie deutete vielsagend auf ihr Outfit. „Wohnst du hier im Hotel?“

Das tat er, und dort kehrten sie auch wieder ein, nachdem sie sich nach Gretas Schichtende durchs Frankfurter Nachtleben hatten treiben lassen. Inzwischen war es mitten in der Nacht. Doch das fiel den beiden kaum auf, so vertieft waren sie in ihr Gespräch.

„Von New York bin ich dann nach Tokio gezogen“, erzählte Greta. „Ich habe dort als Fahrradkurier gearbeitet.“

„Mutig!“ Robert grinste anerkennend. „Ich meine, wegen des Verkehrs. Ganz schön gefährlich!“

Greta lachte auf. „Ich habe schon schlimmere Sachen gemacht! Einmal habe ich als Hostess auf einer Automesse in Ulan-Bator gearbeitet. Ich musste einen neuen Geländewagen anpreisen und den Fotografen einen vorlächeln.“ Als sein Blick auf ihr buntes geflochtenes Armband fiel, zupfte sie an den silbernen Anhängern herum. „Das habe ich in Guatemala gekauft. Von einer kleinen Indiofrau.“

„In Guatemala warst du auch schon?“

„Nur auf der Durchreise.“ Sie lächelte. „Das Armband soll … wie übersetzt man das am besten? Es soll die bösen Geister der Vergangenheit vertreiben.“

Er schmunzelte. „Ich bin jedenfalls kein Geist. Und vor allem nicht böse.“

„Nein, Robert, du bist echt!“ Sie bedachte ihn mit einem warmen Blick. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass wir uns hier wiedergetroffen haben!“

„Und dass wir uns überhaupt erkannt haben …“ Er hielt einen Moment inne und lächelte. „Kaum zu glauben, dass das alles schon achtzehn Jahre her ist! Warum warst du seitdem eigentlich nie wieder zu Hause in Nordersund, Greta?“

Sie schwieg eine Weile, bevor sie langsam antwortete: „Ich wollte es, aber … seit dieser schrecklichen Nacht …“

„Du konntest es nicht.“

Sie nickte. „Du bist aber dort geblieben.“

„Ich war ein paar Jahre in Oxford. Zum Studieren, Economics und Management. Danach bin ich in die Reederei meiner Eltern eingestiegen.“

„Ich hätte auch gerne studiert. Hat sich aber nicht ergeben.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Was soll’s! Kellnern ist auch nicht schlecht.“

„Und du bist viel gereist!“

Sie lächelte. „Besonders lange habe ich es nirgendwo ausgehalten.“

Neugierig musterte er sie. „Bist du liiert? Verheiratet?“

„Es gab immer mal wieder jemanden … aber nie für länger“, erklärte sie. „Und bei dir? Wie viele Kinder?“

Er schüttelte den Kopf. „Keine Frau. Keine Kinder.“ Als er ihren überraschten Gesichtsausdruck bemerkte, grinste er. „Ich habe die Richtige noch nicht gefunden.“

„Woran liegt’s?“

„Vielleicht suche ich zu viel.“

„Wonach genau suchst du denn?“

„Ich weiß nicht.“ Nachdenklich starrte er in die Ferne. „Nähe, Vertrautheit. Das Gefühl, endlich angekommen zu sein.“

Sie sah ihn verständnisvoll an. „Das habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gespürt … Als wir alle noch befreundet waren.“ Sie hielt inne. „Hast du je wieder was von den beiden gehört?“

„Markus ist Arzt geworden. Soviel ich weiß, ist er glücklich verheiratet.“

„Soviel du weißt?!“ Sie krauste die Stirn.

„Er lebt auch noch in Nordersund. Aber wir haben kaum noch Kontakt.“

„Und was ist mit Maja?“

Achselzucken. „Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.“

Nach einer langen Pause murmelte Greta: „Wie spät es wohl ist?“

„Soll ich nachschauen?“, bot Robert an.

Sie hielt ihn fest. „Ist jedenfalls noch nicht hell.“

„Also – wie ging das weiter, nach Tokio?“

„Interessiert dich das wirklich?“

Er lächelte warm. „Sehr sogar.“

Gretas lange dunkle Wimpern flatterten, bevor sie die Augen aufschlug und Roberts Gesicht erkannte. „Ich bin wohl eingeschlafen“, sagte sie leise. „Entschuldige!“

„Bleib ruhig liegen, mich stört das nicht! Im Gegenteil …“ Er hatte es genossen, wie sie sich an seine Schulter geschmiegt hatte. Liebevoll strich er ihr eine Strähne aus der Stirn. „Hast du gut geschlafen, Greta?“

Glücklich erwiderte sie sein Lächeln. „So tief und fest wie schon lange nicht mehr. Und du?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe dich beobachtet.“

„Die ganze Nacht?“

„Du siehst schön aus. Im Schlaf.“

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Der kleine Robert Ahlsen! Immer ein nettes Wort auf den Lippen.“

„Ich sage das nicht nur so.“

„Ich weiß.“

„Und ich bin kein Kind mehr.“ Seine Stimme klang plötzlich rau.

„Das ist mir klar“, flüsterte sie. „Ich auch nicht.“ Vorsichtig berührte sie Roberts Hand, während er seine Nase in ihr Haar tauchte.

„Du riechst gut …“ Behutsam strich er mit seinen Lippen über ihre, zaghaft, voller Versprechen, und sie kuschelte sich an ihn, schmolz dahin unter seinen Zärtlichkeiten, und dann versanken sie im Strudel ihrer Gefühle …

„Das war wirklich schön“, flüsterte sie, als sie beide wieder zu Atem gekommen waren und Haut an Haut nebeneinanderlagen.

„Für mich auch.“

„Weißt du, was ich komisch finde, Robert?“ Greta stützte den Kopf in die Hand und sah ihn an. „Normalerweise kann ich danach nie schnell genug wegkommen.“

Er schmunzelte. „Und jetzt?“

„Mit dir könnte ich den ganzen Tag hier liegen bleiben“, sagte sie selig und stutzte, als er mit seiner Antwort zögerte. „Was ist …?!“

Betreten erwiderte er ihren Blick. „Ich muss zum Flughafen.“

„Kannst du nicht einfach länger bleiben?“

„Das würde ich wahnsinnig gern, aber … in der Reederei … ich habe wichtige Termine …“

Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie enttäuscht sie war. „Dann meld dich doch, wenn du wieder in der Stadt bist“, schlug sie vor und griff nach Stift und Zettel auf dem Nachttisch. „Ich schreibe dir meine Nummer auf.“

Robert betrachtete sie nachdenklich. Schließlich sagte er: „Warum kommst du nicht einfach mit?“

„Wohin?“ Sie starrte ihn an. „Nach Nordersund?“

Er nickte.

„Und was soll ich da?“

Ernst und entschlossen erwiderte er ihren Blick. „Mich heiraten.“

Greta lachte, aber er verzog keine Miene. „Du machst komische Witze, Robert!“

„Mir war noch nie etwas so ernst.“

„Das ist … Du bist komplett verrückt.“

„Nenn mir drei gute Gründe, warum nicht“, konterte er und fuhr, als sie ihm nichts entgegensetzte, fort: „Du hast niemanden, ich habe niemanden. Wir sehnen uns beide nach Wärme. Was haben wir schon zu verlieren?“ Er sah ihr forschend in die Augen. „Ist es wegen der Sache von damals? Willst du deshalb nicht zurück?“

Sie schüttelte den Kopf. „Damit hat das nichts zu tun.“

„Womit dann?“

„Das hier wirst du irgendwann bereuen. Das weiß ich.“

„Und ich weiß“, widersprach er, „dass ich mich schon lange niemandem mehr so nah gefühlt habe.“

Sie seufzte. „Mir geht es ja genauso! Aber … glaubst du nicht, wir sind uns nur so vertraut, weil wir uns noch aus der Kindheit kennen?“

„Und wenn? Was macht das für einen Unterschied?“ Er schwieg einen Moment, suchte nach den richtigen Worten. „Verstehst du nicht, Greta? Ich bin angekommen. Bei dir!“

Aufgewühlt setzte sie sich auf. „Wann geht dein Flieger?“, flüsterte sie schließlich.

„Ich muss in einer halben Stunde los.“

Greta küsste ihn und lächelte. „Hoffentlich ist die Maschine nicht ausgebucht …“

„Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich fliege selbst.“

„Da wären wir.“ Arthur stieg aus dem Auto und streckte sich ausgiebig. „Im Elephant. So heißt die Pension.“

„Werden wir hier übernachten?“

„Gefällt es dir nicht?“

„Doch. Sieht nett aus.“ Innerlich seufzte Maja. Das war also die große Überraschung, die Arthur für sie geplant hatte: Sie waren nicht etwa nach Mauritius oder nach Reykjavik geflogen – nein, sie waren nach Nordersund gefahren, wo sie jetzt vor der kleinen Pension standen und der Herr Professor sie erwartungsvoll ansah. Dass er hier etwas Besonderes vorhabe, hatte er angemerkt, und Maja hätte die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass es mit der kleinen Schachtel zusammenhing, die sie in seiner Tasche gefunden hatte. Aber das durfte sie sich natürlich nicht anmerken lassen. Und schließlich hatten sie ja eine ganze Woche Zeit. „Du hast wirklich nichts dem Zufall überlassen“, fügte sie hinzu.

Arthur grinste. „Du kennst mich doch.“ Er blickte sich um. „Hier also bist du groß geworden, Maja.“

„Kaum zu glauben“, feixte sie, „aber so ist es.“

„Hat sich viel verändert?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie nachdenklich. „Ja, schon.“ Sie zeigte auf die Pension. „Damals war das hier noch der Goldene Anker.

Er musterte sie neugierig. „Und sonst?“

„Arthur, wir sind eben erst angekommen!“

„Du hast recht!“ Lachend schnappte er sich ihre beiden Reisetaschen. „Dann lass uns erst mal reingehen.“

Sie wurden schon erwartet. Die Wirtsleute begrüßten sie mit einem fröhlichen „Sie müssen die Berliner sein!“, und nach einem ausführlichen Plausch mit Bärbel und Kai, so hießen die beiden, checkten Maja und Arthur in ihr Zimmer ein.

„Und? Wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein?“, erkundigte sich Arthur.

Maja wippte auf der Matratze auf und ab. Die Pension war hinreißend, sie fühlte sich wohl hier. Und doch … „Fremd“, gestand sie.

„Gibt es irgendetwas, was du noch mit deiner Heimat verbindest?“

„Klar. Vieles“, antwortete sie, ohne zu zögern. „Das Meer natürlich. Dann der Strand an der Bucht von Lüttsbüll. Und natürlich der alte Leuchtturm.“

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht.

„Aber vor allem“, erklärte sie, „verbinde ich damit Vineta.“

„Vineta? Du meinst die versunkene Stadt?“

Maja nickte. „Ich habe sie als Kind einmal gesehen.“

„Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber Vineta gibt es nicht. Die Stadt ist eine Legende.“ Ein Professor konnte eben auch nicht aus seiner Haut.

„Das weiß ich“, entgegnete sie. „Aber als Kind war ich mit Greta, Robert und Markus einmal am Strand. Es war eine dieser klaren Nächte, in denen man glaubt, man könne nach den Sternen greifen. Und dann haben wir sie plötzlich gesehen.“

„Was gesehen?“, fragte er interessiert.

„Die Nordlichter.“

Arthur runzelte die Stirn. „Bist du dir sicher, dass es Nordlichter waren? Die gibt’s in dieser Region äußerst selten.“

„Ganz sicher! Ich habe danach auch nie wieder etwas Derartiges beobachtet. Sie waren atemberaubend schön.“ Sie strahlte und schmiegte sich verträumt in seine Arme. „Wir waren damals felsenfest davon überzeugt, den Widerschein von Vineta zu sehen. Dass sie gleich auferstehen würde.“ Sie erinnerte sich noch genau an diesen Abend. Wie gebannt und fasziniert sie gewesen waren, Hand in Hand am Strand, Greta, Markus, Robert und sie … „Weißt du, Arthur – in dieser Nacht war Vineta Wirklichkeit. Es war das Paradies!“

Er küsste sie, wieder und wieder. „Ich habe das Paradies zwar noch nie gesehen“, murmelte er zwischen zwei Küssen, „aber ich weiß, wie es sich anfühlt …“

2. KAPITEL

„Sind Sie es wirklich? Die kleine Greta Sandacker?“

Greta lächelte Senta Ahlsen, Roberts Mutter, an und nickte. „Mittlerweile nicht mehr ganz so klein“, antwortete sie fröhlich. Jetzt war sie also tatsächlich hier. Das Anwesen der Ahlsens, das Klippenhaus, hatte sie schon als kleines Mädchen beeindruckt. Riesig war es ihr vorgekommen; das tat es auch jetzt noch. Ob sie sich wirklich zu Hause fühlen würde, so wie Robert es sich wünschte? Ob sich seine Eltern wirklich für sie freuen würden? Schließlich entsprach sie nicht gerade der idealen Schwiegertochter – schon gar nicht aus der Perspektive einer der größten und wichtigsten Reederfamilien des Landes … Eigentlich war das alles verrückt.

„Meine Güte! Wir haben uns oft gefragt, was aus Ihnen geworden ist.“ Robert warf seiner Mutter einen irritierten Blick zu, während Senta sich an ihren Mann wandte: „Jan, erinnerst du dich nicht? Greta Sandacker. Das arme Waisenkind. Es muss schrecklich für sie gewesen sein, in dieser einen Nacht Vater und Mutter auf einen Schlag zu verlieren! Das hat uns damals alle sehr mitgenommen.“

Kilian, Roberts Halbbruder, betrachtete die Szenerie mit säuerlichem Gesichtsausdruck. Dass Robert sich aber auch immer derart in den Vordergrund drängen musste! Sicher, sie waren beide zweite Geschäftsführer, aber sein Bruder nahm sich entschieden zu viele Freiheiten heraus, zumindest für Kilians Geschmack. Als wären familiäre Bindungen ein Freibrief. Und jetzt auch noch Greta Sandacker! Das konnte man doch nicht ernst nehmen! Wer war sie denn schon?

„Mutter“, meldete Robert sich jetzt zu Wort. „Wir wissen alle, was für eine schreckliche Zeit das damals war. Vielleicht können wir das Thema einfach wechseln, ja?“

„Natürlich“, sagte sie und nickte. „Wie dumm von mir.“

Robert legte einen Arm um Greta und holte einmal tief Luft. „Greta und ich“, sagte er dann, „wir werden heiraten.“

Bumm. Bombe geplatzt.

„Das kommt sehr … überraschend!“ Jan reagierte als Erster, während Senta ein höfliches Lächeln aufsetzte.

„Herzlichen Glückwunsch! Das ist ja … wundervoll!“ Steif wandte sie sich an die glückliche Braut. „Dann wird man Sie wohl öfter bei uns sehen.“

Robert grinste. „Jeden Tag. Greta wird nämlich bei uns wohnen.“

Senta ließ ihre Augenbrauen nach oben schnellen. „Oh! Eine gute Nachricht jagt die nächste.“ Damit war für sie die Sache offenbar erledigt, denn sie fügte hinzu: „Dann können wir jetzt ja wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Dein Vater und du, ihr müsst dringend die Meldungen der Schiffsmakler prüfen.“

Es war schon Nachmittag, als Maja und Arthur endlich am Leuchtturm ankamen. Irgendwie hatten sie es einfach nicht aus dem Bett geschafft … Jetzt aber ließen sie sich den frischen Wind um die Nase wehen, während sie über die Dünen marschierten.

Maja war inzwischen schon ein bisschen ungeduldig geworden. Sicher, Arthur kokettierte immer wieder damit, dass er eigentlich viel zu alt für sie sei, aber sie wusste doch, was er vorhatte! Und er wusste doch schließlich ganz genau, dass sie an seiner Seite alt werden wollte! Warum traute er sich dann nicht endlich, ihr die Frage aller Fragen zu stellen? Nicht einmal vorhin, als sie einander so nah gewesen waren, hatte er die Chance ergriffen, sich zu offenbaren. Und warum er die ganze Zeit diesen Picknickkoffer mit sich herumschleppte, den die netten Wirtsleute vor die Tür gestellt hatten, verriet er auch nicht. Stattdessen verlor er sich in mysteriösen Andeutungen. Er war wirklich ein schrecklicher Geheimniskrämer!

Wenig später hatten sie den Leuchtturm erklommen, einen Lieblingsort ihrer Kindheit. Versonnen erinnerte Maja sich daran, wie sie und ihre Freunde sich früher mit klopfendem Herzen unbemerkt am Leuchtturmwärter vorbeigeschlichen hatten – eine Art Mutprobe. Doch als Belohnung hatte ihnen die Welt zu Füßen gelegen. Und auch wenn der Leuchtturm heute längst außer Betrieb war, hatte sich zumindest der fantastische Blick nicht geändert.

„Jetzt verstehe ich, was du gemeint hast“, rief Arthur noch einigermaßen atemlos. „Die Aussicht ist ja gigantisch!“

Maja drehte sich strahlend zu ihm um. Hinter ihr erglühte der Himmel. „Und schau mal – der Sonnenuntergang! Der ist zu schön, um wahr zu sein.“

„Auf einen Augenblick wie diesen habe ich gewartet.“

„Ich auch, Arthur“, sagte Maja leise.

Ein irritierter Blick, doch er ließ sich nicht beirren, sondern öffnete – endlich – den Picknickkoffer und holte zwei Gläser und eine Flasche Champagner hervor.

„Gibt es was zu feiern?“, fragte Maja ganz unschuldig.

Arthur räusperte sich. „Das hoffe ich.“ Er griff in seine Jackentasche und holte die kleine Schachtel hervor. „Maja, ich wollte dich fragen …“ Er ließ die Schachtel aufschnappen. Sie war leer. „Das kann … Ich …“, stotterte er.

„Suchst du etwa die?“ Sie erlöste ihn von seinen Qualen und zog grinsend die Ringe aus ihrer Hosentasche, die sie vorhin heimlich an sich genommen hatte.

„Wie …? Maja! Wie kannst du nur?“

Doch da kniete sie schon vor ihm und sah ihn ernst an. „Ich weiß, Diebstahl ist nicht gerade der perfekte Anfang für eine Ehe. Aber ich liebe dich, Arthur, von ganzem Herzen. Und deshalb frage ich dich: Willst du mein Mann werden?“

Arthur hatte Tränen in den Augen, als er ihr auf die Beine half. „Ja, ich will!“

Dr. Markus Overbeck stand auf einem Hügel und starrte ins Leere. Tief atmete er durch, versuchte, sich über seine Gefühle klar zu werden. Hatte nicht eben noch Ulla Sieverstedt ihm im Brustton der Überzeugung vorgeschwärmt, was für eine harmonische Ehe Alexandra und er doch führten? Heute Morgen war ja auch noch alles in bester, nein, in glücklichster Ordnung gewesen! Herumgeflachst hatten sie, dass beim Küssen Herz und Immunsystem gestärkt würden und es genau deswegen so wichtig sei, das oft und ausführlich zu tun, gerade jetzt, in der Erkältungszeit … Und er hatte seine Praxis doch erst vor ein paar Stunden verlassen, um Hausbesuche zu machen … War es wirklich möglich, dass in dieser kurzen Zeit sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden war?

Als Sven Hoffmann vorhin in die Praxis gekommen war, um um einen frischen Verband zu bitten, hätte Markus nicht im Traum daran gedacht, wie gewissenhaft Alexandra sich um diesen Patienten kümmern würde. Dass Hoffmann bei seiner Frau in den besten Händen sei, hatte er noch gescherzt. Tja – in der Tat! In flagranti hatte er die beiden erwischt, wie sie es auf der Behandlungsliege … Auf der Behandlungsliege! In seiner Praxis!

Er war unfähig gewesen, etwas zu sagen. Hatte sich auf einen Stuhl fallen lassen, während seine erschrockene Frau ihren Kittel zugeknöpft hatte und dieser … dieser Sven mit einem vollkommen ungerührten „Nix-für-ungut“-Gesichtsausdruck an ihm vorbeigestapft war. Und dann hatte sie ihm auch noch weismachen wollen, das sei „ein Ausrutscher“ gewesen. Bevor sie zugegeben hatte, dass diese … Affäre schon über ein Jahr andauerte. Über ein Jahr! Sie hatte ihm die ganze Zeit etwas vorgespielt. Und er hatte gedacht, sie seien glücklich! Waren sie aber nicht. Sie schon lange nicht mehr. Zumindest nicht mit ihm.

Doch was war das? Dort hinten, am Horizont? War das etwa … Markus kniff die Augen zusammen. Ja, tatsächlich! Das, was da sein sphärisches Licht über das Meer warf, war ein Nordlicht. Es war Jahre her, seit er so etwas das letzte Mal gesehen hatte, genauer gesagt: achtzehn Jahre. Damals waren sie noch Kinder gewesen und unzertrennlich, Maja, Greta, Robert und er – die vier Piraten. Und dann hatte diese eine Nacht alles beendet … Er lächelte traurig. „Vineta“, murmelte er.

„Es war eine gute Idee von dir, noch einen Spaziergang zu machen.“ Greta kuschelte sich eng an ihren Verlobten. „Diese Luft! Herrlich! Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.“ Das war sie wirklich. So unterkühlt Roberts Eltern und sein Bruder auch reagiert hatten – Ulla Sieverstedt, die Haushälterin der Ahlsens, hatte sie umso wärmer und erfreuter willkommen geheißen. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihr etwas zu kochen – sogar an Gretas Leibspeise von früher erinnerte sie sich noch, Fischstäbchen mit Pommes und Ketchup. Und sie hatte sich aufrichtig über die Verbindung der beiden gefreut. Und Robert? Der war jetzt ihr Zuhause. Aus tiefstem Herzen. Er würde immer für sie da sein. So verrückt das Ganze auch war – immerhin waren gerade mal vierundzwanzig Stunden vergangen, seit sie sich nach achtzehn Jahren wiederbegegnet waren.

„Wirklich?“ Robert sah sie unsicher an. Der Empfang seiner Familie hätte schon ein wenig herzlicher ausfallen können. Seine Eltern schienen sich tatsächlich vornehmlich für seine Geschäftsreise interessiert zu haben – und zwar ausschließlich für den Teil, bevor er Greta wiedergetroffen hatte. Andererseits musste er zugeben, dass er sie mit seiner großen Neuigkeit auch ein wenig überfahren hatte. Aber zum Glück hatte Jan ihn vorhin noch einmal beiseitegenommen. Und ihn nicht nur wissen lassen, dass Senta Greta offenbar … nun … nicht ganz standesgemäß fand, was er, wie Jan grinsend hinzugefügt hatte, bei ihrer eigenen Hochzeit allerdings auch nicht gewesen war. Er hatte ihm auch seinen Segen gegeben.

„Wirklich!“ Greta riss ihn aus seinen Gedanken. Sie breitete die Arme aus und deutete mit einer ausholenden Geste über den Strand, das Meer und die Wellen. „Schau dich doch mal um!“

Er lächelte. „Das gehört jetzt alles dir, Greta.“

„Und dich bekomme ich obendrauf!“

„Allerdings hat die Sache einen Haken.“ Robert seufzte. „Ganz ohne meine Familie wird es nicht gehen.“

Greta nickte. „Das ist okay“, beruhigte sie ihn. „Solange ich mit dir zusammen bin, fühlt sich alles vollkommen richtig an.“ Sie gab ihm einen Kuss – und bekam plötzlich ganz große Augen …

„Vineta.“ Maja blickte überwältigt zum Nachthimmel über dem Meer. Sie konnte kaum fassen, was sie da sah.

Arthur drückte ihre Hand und zog sie noch enger an sich. Sie ließen sich in einem Strandkorb nieder und blickten bewegt über die heranbrandenden Wellen, die im Mondlicht glitzerten.

„Danke, Arthur“, flüsterte Maja.

„Wofür?“

„Ohne dich wäre ich wohl nie hierher zurückgekehrt, an den Ort meiner Kindheit. Außerdem …“ Glücklich betrachtete sie ihren Verlobungsring. Was für ein Tag! Was für eine Nacht! Sie bereute es nicht einen Moment, nach Nordersund gekommen zu sein. Erst der Antrag – und jetzt das …

„Ich muss mich bei dir bedanken!“, widersprach er. „Am Ende hast du mir doch den Antrag gemacht.“

Sie küsste ihn. „Gib’s zu – du wusstest, dass heute ein Nordlicht zu sehen sein würde!“

„Ich weiß nur, dass Nordlichter entstehen, wenn geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre treffen“, dozierte er trocken.

„Arthur!“

Liebevoll sah er sie an. „Aber manchmal sind sie auch der Widerschein einer Stadt, die wieder aufersteht …“

„Vineta …“

„… das verlorene Paradies.“

„Das verlorene Paradies“, wiederholte sie leise und hielt einen Moment inne. „Ich wünschte nur“, sprach sie dann gedankenverloren weiter, „Greta, Robert und Markus würden das heute Nacht auch erleben. Damals, als wir noch Kinder waren und das Nordlicht entdeckt haben … Wir haben uns geschworen, uns nie zu trennen.“

„Du hast keinen von ihnen je wiedergesehen?“, fragte Arthur vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wüsste so gern, was aus ihnen geworden ist …“

„Unglaublich!“ Robert tigerte aufgewühlt durchs Zimmer. „Nach achtzehn Jahren wieder ein Nordlicht! Ausgerechnet heute! Und dann auch noch so klar und leuchtend! Wenn das kein gutes Omen ist …“ Als Greta nicht auf ihn reagierte, unterbrach er sich. „Greta?! Alles in Ordnung?“

Sie wandte sich vom Fenster ab und lehnte sich an Robert. „Ich glaube, ich kapiere immer noch nicht, dass hier ab heute mein Zuhause sein soll!“ Lächelnd schaute sie sich in dem Raum um, bis ihr Blick an dem Foto hängen blieb, auf dem die vier Freunde aus der Kindheit zu sehen waren. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem es aufgenommen wurde. Sie hatte sich die Kamera ihres Vaters ausgeliehen und ihm hoch und heilig versprochen, sie nicht mit an den Strand zu nehmen. Und dann hatte er ausgerechnet an diesem Tag dort einen Spaziergang gemacht … Aber statt zu schimpfen, hatte er dann dieses Bild der vier Piraten gemacht. Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie sehr sie ihre Eltern vermisste! Tapfer schluckte sie den Kloß in ihrem Hals hinunter und versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Und auf Robert, den Mann, den sie liebte.

„Gestern hätte ich von so was nicht mal zu träumen gewagt … Ist es wirklich nur vierundzwanzig Stunden her, seit wir uns wiederbegegnet sind?“

Robert nickte lächelnd. „Es waren auch für mich die kürzesten vierundzwanzig Stunden meines Lebens.“ Zärtlich küsste er sie.

„Weißt du, ich war in den letzten Jahren eigentlich nie länger als zwei, drei Monate an ein und demselben Ort. Manchmal wusste ich morgens nicht, wo ich abends schlafen werde.“

„Glaubst du, du wirst das vermissen?“

Sie lachte. „Ganz bestimmt nicht!“

„Ach, Frau Sandacker …“ Senta nahm ihre Kaffeetasse in die Hand, setzte sich in einen der Sessel und klopfte auf den neben sich. „Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, uns ein wenig näher kennenzulernen …“ Nicht, dass sie wirklich Wert darauf legte, sich näher mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter zu befassen, aber die Höflichkeit gebot es wohl. Zumal Greta Sandacker die erste Frau war, die Robert seiner Familie als seine Verlobte vorgestellt hatte. Dabei hatte sie immer gedacht, dass Kilian als Erster heiraten würde, schließlich war er der Ältere. Nun gut. Die Kleine war sicher ganz nett, und sie hatte es bestimmt nicht immer leicht gehabt im Leben. Wobei Senta sich sicher war, dass Greta es den anderen auch nicht immer leicht gemacht hatte. Selbst gerade eben, bei einem einfachen Frühstück, hatte sie wie ein Fremdkörper gewirkt. Wie sie aufgesprungen war, um Ulla mit dem Tablett zu helfen! „Unkonventionell“ nannte ihr Mann das, einen „frischen Wind“. Ha! Aber natürlich konnte Senta ihrem Sohn nicht vorschreiben, mit wem er zusammen sein durfte – er war ja schließlich erwachsen. Und wozu sich aufregen? Diese Hochzeit würde sowieso nicht stattfinden.

Greta zögerte. Das Frühstück mit der Familie nach ihrer ersten Nacht im Klippenhaus war … gewöhnungsbedürftig gewesen. Die Gespräche hatten sich nur ums Geschäft gedreht. Und sie hätte eigentlich gern noch ein bisschen Zeit mit Robert verbracht, bevor der für den Rest des Tages in die Reederei verschwand. „Es ist ja auch noch nicht so lange her, dass ich Robert wiederbegegnet bin“, erwiderte sie höflich und setzte sich.

„Sie haben sich in Frankfurt getroffen …?“

„Ja“, nickte Greta, „ganz zufällig.“

„Wann war das?“

„Vorgestern.“

Senta sah die junge Frau fassungslos an. „Vorgestern?!“, wiederholte sie einigermaßen entsetzt. „Sie kennen sich erst seit zwei Tagen?!“

„Wir kennen uns seit unserer Kindheit“, gab Greta lächelnd zurück. „Aber vorgestern haben wir uns zum ersten Mal seit damals wiedergesehen, das stimmt. Und uns sofort erkannt.“

Senta nahm einen Schluck Kaffee. „Darf ich fragen, was Sie in Frankfurt gemacht haben?“

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Gekellnert. In dem Hotel, in dem Robert übernachtet hat.“

Gekellnert! Richtig – die kleine Sandacker hatte ja schon beim Frühstück verlauten lassen, dass sie dieser Tätigkeit bereits überall auf der Welt nachgegangen war. Ob es das war, was ihr lieber Mann als „ein bisschen unkonventionell“ bezeichnete? „Wie praktisch.“ Sie verzog keine Miene. „Und sonst? Ich meine: Sie werden nicht immer nur gekellnert haben?!“

Greta ignorierte die Spitze. „Natürlich nicht. Ich habe immer das gemacht, was sich gerade ergeben hat. Mal habe ich als Babysitterin gearbeitet, mal als Masseurin, dann als Schneiderin. In einem Supermarkt habe ich die Regale eingeräumt. Und in Tokio war ich kurz als Fahrradkurier unterwegs …“

„In Tokio?“

„Ich bin viel rumgekommen.“

„Wo waren Sie denn schon überall, wenn man fragen darf?“

Greta seufzte innerlich. Das war ja ein richtiges Verhör! Fehlte nur noch die grelle Schreibtischlampe … Andererseits war es sicherlich normal, dass eine Mutter wissen wollte, wen ihr Sohn da eigentlich heiraten würde. „Es gibt kaum einen Ort, an dem ich noch nicht war. Zuletzt in Bangkok, davor in Sagada, in Chittagong, auf den Seychellen. Fast ein halbes Jahr war ich mal in einem winzigen Kaff im Westen von Kanada.“

„Ihre Eltern hätten sich sicher etwas anderes für Sie gewünscht.“ Senta beobachtete genussvoll die Wirkung ihrer Worte. Kilian hatte völlig recht gehabt, als er gesagt hatte, dass Greta Sandacker einfach nicht zu ihrer Familie passte. „Ich meine, Sie waren doch damals so ein begabtes junges Mädchen!“

Greta schluckte schwer. „Vielleicht. Aber ohne Abschluss ist die Auswahl nicht allzu groß.“

Senta hob die Augenbrauen. „Haben Sie denn nichts gelernt?“

„Ich hab mit sechzehn die Schule abgebrochen. Bin einfach abgehauen.“

Natürlich! Das war ja nicht anders zu erwarten gewesen. „Und die Leute, die für Sie verantwortlich waren?“, erkundigte sich Senta. „Ich meine, Ihre Pflegeeltern?“

Ein Schatten huschte über Gretas Gesicht. „Welche der vielen meinen Sie denn? Die, die einfach nur das Geld vom Jugendamt kassiert haben, oder die, die geglaubt haben, dass nur Gott mich noch erretten kann? Oder meinen Sie die, bei denen Papi dachte, er könne zu mir unter die Bettdecke schlüpfen?“

Senta musterte sie schockiert. „Haben Sie denn gar keine Verwandten mehr?“

„Doch. Tante Helga in Hamburg. Bei ihr war ich am Anfang, aber sie war völlig überfordert mit mir. Hab ihr wahrscheinlich zu viel geheult.“

Das war ja alles noch schlimmer, als sie befürchtet hatte! Senta atmete tief durch. „Und jetzt wollen Sie meinen Sohn Robert heiraten.“

„Ja.“ Greta blickte sie offen an. „Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen.“

Wie kam sie denn nur darauf? „Warum sollte ich?“

„Sie denken vielleicht, es geht mir nur ums Geld. Aber das war mir noch nie wichtig.“

„Da bin ich ja beruhigt“, murmelte Senta ironisch.

„Ich will nur Ihren Sohn. Wir lieben uns.“

„Obwohl Sie sich kaum kennen.“

„Nein“, widersprach Greta bestimmt. „Weil wir uns so gut kennen. Und uns immer noch so vertraut sind.“

3. KAPITEL

„Und – wie hat dein Mann auf deinen Seitensprung reagiert?“

Sven drehte sich zu Alexandra und musterte sie. Gerade hatte sie sich ihm mit all ihrer Leidenschaft hingegeben. Ihre Wangen glühten, ihr Herz raste, und sie erwiderte seinen Blick mit einem sehnsüchtigen Ausdruck, der ihm ein wenig unheimlich war.

„Willst du das wirklich wissen?“, fragte sie und strich ihm über die nackte Brust. „Wir haben ziemlich schnell versucht, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre.“ Sie lächelte, als sie seinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkte. „Aber es ging nicht. Ich konnte das nicht. Ich kam mir plötzlich so … verlogen vor.“ So war es nun mal: Sie konnte nicht so tun, als ob nichts wäre, auch wenn sie gestern Nacht noch zu Markus gesagt hatte, dass alles wieder gut werden und sie am liebsten rückgängig machen würde, was im letzten Jahr passiert war. Denn inzwischen war ihr eines klar: Sven war mehr als nur eine Laune. Sie empfand etwas für diesen Mann. Und genau das hatte sie auch zu Markus gesagt.

Sven ließ sich zurück in die Kissen fallen und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Wir hätten besser aufpassen müssen.“

„Eigentlich bin ich ganz froh, wie es gelaufen ist. Jetzt hat wenigstens das Versteckspiel ein Ende.“

„Und was heißt das?“, fragte er alarmiert.

Sie lächelte. „Ich dachte, vielleicht …“

„Alex, warte mal!“, unterbrach er sie schnell. „Du denkst doch nicht etwa daran, bei mir einzuziehen?“ Doch, offenbar war ihr dieser Gedanke durchaus in den Sinn gekommen – zumindest, wenn er ihren Gesichtsausdruck richtig deutete. Jetzt aber schnell. „Das geht nicht, ganz ehrlich!“

Sie schluckte. „Warum nicht, Sven?“

„Ich kann dir nicht geben, was du brauchst.“

„Was brauche ich denn?“

„Alles, was dein Mann dir geben kann.“

„Und das wäre?“

„Ein warmes Heim. Geborgenheit. Langeweile“, erwiderte er mit ironischem Unterton. „Normalität eben!“

Die Hände tief in ihre Manteltaschen vergraben, ging Maja am Strand entlang. Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie gar nicht merkte, dass es Arthur schwerfiel, mit ihr Schritt zu halten.

„Man könnte fast denken, du läufst vor etwas davon. Ich hoffe, nicht vor mir?!“

Sie blieb stehen und lächelte ihn entschuldigend an, während er sie in den Arm nahm. „Aber nein. Entschuldige, ich … Ich bin so froh, dass du bei mir bist!“

Heute Morgen hatte sie ihm eine Stadtführung versprochen, schließlich hatte er von Nordersund noch nicht viel mehr gesehen als den Leuchtturm und den Strand. Und auch wenn das eigentlich schon die Highlights waren, gab es tatsächlich etwas, was sie Arthur unbedingt zeigen wollte – oder besser: jemanden. Ulla und Bernd, die besten Freunde ihrer Eltern. Und natürlich Nis Puk, den hölzernen Hausgeist und Kobold des Bauernhofs. Maja hatte ihn schon als kleines Mädchen geliebt. Ach, wie schön war das Wiedersehen eben gewesen! Die beiden hatten sich unendlich gefreut, sie zu sehen – nach gut achtzehn Jahren! Natürlich hatten sie in glücklichen Erinnerungen geschwelgt, doch dann war die Sprache auch auf Majas Mutter gekommen, Birthe, die vor drei Jahren gestorben war. Und auf ihren Vater …

Arthur küsste sie auf die Stirn, und sie schlenderten Arm in Arm weiter. Schließlich atmete Maja tief durch. „Als Bernd nach meinem Vater gefragt hat … Weißt du: Ich habe schon lange nicht mehr an ihn gedacht und daran, was damals passiert ist. Und jetzt ist plötzlich alles wieder da, als wäre es gestern erst geschehen.“

„Eine durchaus typische Selbstschutzreaktion“, erwiderte Arthur sanft. „Belastende Erlebnisse und Erfahrungen werden im Unterbewusstsein regelrecht eingekapselt, können dort aber noch nach Jahren durch einen minimalen Auslöser reaktiviert werden.“

Maja war stehen geblieben und lächelte. „Auch dafür liebe ich dich: dass du für alles eine nüchterne Erklärung hast.“

„Sagen wir für fast alles!“ Er schmunzelte. „Ich hätte wissen müssen“, fuhr er nach einer kurzen Pause ernst fort, während sie weiterliefen, „dass die Begegnung mit der Vergangenheit dich sehr mitnehmen würde. Hätten wir doch lieber nach Mauritius fliegen sollen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin froh, dass wir hierhergekommen sind.“

„Ich eigentlich auch. Ich hatte keine Ahnung, wie viel ich von dir noch nicht weiß!“

Sie lächelte traurig. „Es ist nicht so, dass ich meinen Vater nicht liebe. Im Gegenteil. Es ist nur, dass ich so verdammt wütend auf ihn bin.“ Sie drückte Arthurs Hand und flüsterte: „Immer noch. Er hätte mit uns reden müssen … Er hätte versuchen sollen, uns zu erklären, wie es dazu gekommen ist. Jeder von uns macht doch Fehler!“ Bedrückt sah sie zu Boden. „Stattdessen hat er angefangen, zu trinken. Und dann ist er abgehauen.“

Arthur hob ihr Kinn mit einem Finger und strich ihr sanft über die Wange. „Du hast erzählt, er war für die Schleusen verantwortlich. Und wenn die Schleuse nicht geöffnet gewesen wäre, wäre es zu der Flutkatastrophe gar nicht erst gekommen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich für den Tod von mehreren Menschen verantwortlich wäre.“

„Trotzdem …“ Maja schwieg und hielt ihren Blick auf die Wellen gerichtet. „Mama wollte stark sein“, erzählte sie dann leise weiter.

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