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Wieder im Paradies der Liebe

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1. KAPITEL

Michael O’Malley kannte keine schönere Frau als Lorelei Longstreet. Das lange Haar fiel wie Seide auf ihre nackten Schultern. Ein so hell leuchtendes Blond erzielte man normalerweise nur aus der Tube. Michael kannte Lorelei jedoch schon, seit sie Zahnspangen getragen hatte. Daher wusste er, dass ihre Haarfarbe echt war.

Ihre grauen Augen funkelten wie Silber im Kerzenschein, als sie geschmeidig wie eine Katze das Schlafzimmer betrat. „Weißt du, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe?“, fragte sie mit einem sinnlichen Lächeln. „Schon seit einer Ewigkeit“, beantwortete sie selbst die Frage.

Genau wie früher bekam Michael Herzklopfen. Ihr Reiz wurde nicht dadurch gemildert, dass sie nur spielte. Sie sah ihm tief in die Augen, während sie herausfordernd langsam den schmalen Träger ihres Satinnachthemds von der Schulter schob. Er schluckte heftig, als der zweite Träger folgte und das Nachthemd, das sich wie eine zweite Haut um ihre weiblichen Kurven schmiegte, auf den Boden glitt.

Eigentlich war es unmöglich, aber plötzlich hielt sie eine Pistole in der Hand. „Tut mir leid, Schatz, das ist nicht gegen dich persönlich gerichtet. Geschäft ist Geschäft.“

Sie lächelte bedauernd, als sie den Abzug betätigte.

Der Bildschirm wurde schwarz.

„Verdammt.“ Michael starrte verdrossen auf den Fernseher. Was war denn mit ihm los? Bisher hatte er sich nicht für einen Masochisten gehalten, aber wenn es um Lorelei Longstreet ging, war er es eindeutig.

Vor einem Jahrzehnt hatte er sie zum letzten Mal persönlich getroffen. Noch länger war es her, dass er sie in den Armen gehalten und geküsst hatte. Trotzdem überlegte er jetzt beim Ansehen der Videokassette von „Hot Ice“, ihrem jüngsten Erfolg, was aus ihnen hätte werden können.

Hätten sie wirklich geheiratet, wie sie es sich ausgemalt hatte, wenn er damals mit ihr nach Los Angeles gegangen wäre? Und hätte sie von ihm ein Kind bekommen? Wäre sie trotzdem einer der größten Stars von Hollywood geworden? Und hätte sie ihn dann auch weiterhin geliebt … sofern sie ihn überhaupt jemals geliebt hatte?

Das war absolut kein angenehmer Gedanke. Er trank den letzten Schluck von dem Bier, das er zusammen mit der Pizza bestellt hatte.

Ja, sie hatte ihn geliebt – soweit ein junges Mädchen überhaupt imstande war zu lieben. Michael war schon oft vorgeworfen worden, dass er geradezu aufreizend selbstsicher war. Nur wenn es um Lorelei ging, fühlte er sich unsicher.

Bei der Trennung war er achtzehn und Lorelei erst siebzehn gewesen. Sie hatte die dritte und fünfte Klasse übersprungen und den Abschluss der Highschool vorzeitig geschafft. Weinend hatte sie ihn angefleht, das Baseball-Stipendium anzunehmen, damit er zusammen mit ihr in Los Angeles aufs College gehen konnte. Doch dann hätte seine Mutter sich allein mit seinen beiden jüngeren und problematischen Brüdern herumschlagen müssen.

Er hatte dieses unbeschreiblich schöne Mädchen geliebt. Und es hatte ihn geschmerzt, ihrem Flugzeug nachzublicken. Trotzdem war er in New Orleans geblieben. Er war der Mann in der Familie, weil sein Vater, ein preisgekrönter Fotoreporter, ständig in der Welt herumreiste.

Natürlich waren sie beide damals zu jung gewesen, sodass ihre Romanze ein Opfer der Entfernung und der Zeit wurde. Seither hatte er andere Frauen kennengelernt. Trotzdem blieb stets ein Platz in seinem Herzen für das erste Mädchen, das er jemals geliebt hatte, reserviert. Dieses Mädchen hatte sich in der Zwischenzeit zu einer kühlen, erotischen Blondine entwickelt, wie man sie in Hitchcock-Filmen fand.

Es hätte nicht geklappt, redete Michael sich ein, wie er das schon seit Jahren tat.

An der entgegengesetzten Küste des Kontinents fühlte sich das Objekt von Michaels Frust absolut nicht wie einer der meistgefeierten Stars des amerikanischen Films. Die Außenaufnahmen in Santa Monica gerieten immer mehr zum reinsten Albtraum.

Zuerst war es einem Fan trotz verstärkter Sicherheitsvorkehrungen gelungen, zu Lorelei vorzudringen und ihr ein zehnseitiges Liebesgedicht zu überreichen. Und das vor laufender Kamera, wodurch er die beste Aufnahme der aktuellen Szene verdorben hatte. Lorelei spielte eine menschenscheue Krimiautorin, deren Leben immer mehr einem ihrer Romane ähnelte. In dieser Szene musste sie vom Ende einer Landungsbrücke springen, um ihrem Verfolger zu entkommen. Darüber hinaus hatte ihr das verrückte Verhalten des Fans Angst gemacht.

Es war zwar schon August, aber das Meer war noch immer kalt. Bei der dritten Wiederholung hatte sie schon bereut, dass sie stets darauf bestand, alle Stunts selbst zu machen. Außerdem war der Regisseur Eric Taylor ein Perfektionist. Er beharrte auf dem Standpunkt, wenn eine Aufnahme gut war, dann waren zehn Aufnahmen noch besser.

„Schnitt!“, rief Taylor endlich. „Das Licht geht weg.“

„Schnitt!“, wiederholte der Regieassistent.

„Endlich“, murmelte Lorelei, während die Garderobiere mit einem Handtuch und einem Sweatshirt zu ihr eilte. Dankbar zog sie das Sweatshirt über das nasse Kleid, das sich verführerisch, aber wie ein Eispanzer um ihren Körper schmiegte, und lief zum Wohnwagen, um sich umzuziehen.

„Ich hätte nie gedacht“, sagte eine tiefe Stimme, „dass blaue Haut so attraktiv sein könnte.“

Sie warf dem Mann, der mit einem Laptop auf dem Schoß neben dem Wohnwagen saß, einen gespielt finsteren Blick zu. „Das ist alles deine Schuld. Du hättest dir eine andere Möglichkeit einfallen lassen können, wie sie ihrem Verfolger entkommt.“

„Natürlich“, bestätigte Brian Wilder, der Drehbuchautor. „Aber so war es am einfachsten, dich ins Wasser zu kriegen.“

„Und wir wollen doch unser männliches Publikum nicht enttäuschen, oder?“

„Das ist kein Drehbuch für einen Kinderfilm“, erwiderte er lachend. „Schatz, die Szene mit dir in dem nassen Kleid wird die Umsätze an den Kinokassen gleich am ersten Wochenende hochschnellen lassen.“

Lorelei lächelte, obwohl sie schrecklich fror. Brian gehörte zu Hollywoods Lieblingen. Gerade mal Anfang dreißig, gehörte er schon zu den gefragtesten Drehbuchautoren, und die Produzenten rissen sich um ihn. Er war bereits mehrfacher Millionär, besaß ein riesiges Haus in Bel Air, ein Strandhaus in Santa Barbara und eine Ranch im San Fernando Valley.

Darüber hinaus war er laut Cosmopolitan der begehrteste Junggeselle von Hollywood. Das war der vierte Film, in dem sie zusammenarbeiteten, und Lorelei hatte festgestellt, dass Brian Ruhm und Geld nicht zu Kopf gestiegen waren.

„Es ist wunderbar, wenn man dermaßen für seine Arbeit geschätzt wird“, scherzte sie. Ihre Zähne klapperten, sie hatte Gänsehaut, und sie kam nicht mehr rechtzeitig nach Hause, um ein heißes Bad zu nehmen und dann pünktlich zu ihrer Verabredung zum Abendessen zu erscheinen. Bei diesem Essen wollte sie dem Eigentümer eines bekannten Restaurants in Beverly Hills erklären, dass ihre nunmehr drei Monate dauernde Beziehung zu nichts führte.

„Du bist eine tolle Schauspielerin, Lorelei“, versicherte Brian ernsthaft. „Aber wie du selbst in ‚Hot Ice‘ sagst – Geschäft ist Geschäft. Darum dreht sich alles beim Film, meine Liebe. Du hast einen Körper wie die schaumgeborene Venus. Da kannst du nicht erwarten, dass die Leute dich als großartige Shakespearedarstellerin sehen wollen.“

Leider hatte er absolut recht. Lorelei hatte in „Hot Ice“ die rachsüchtige Einbrecherin sehr gut gespielt. Aber sie wünschte sich vergeblich, dass das für ihre Fans mehr zählte als ihr spärlich bekleideter Körper.

„Ich spiele mit dem Gedanken, das Handtuch zu werfen.“ Seit Monaten trug sie sich schon mit der Absicht, bereute die Worte jedoch im selben Moment.

„Das ist nicht dein Ernst!“

Jetzt konnte sie keinen Rückzieher machen. „Ich habe gesagt, dass ich mit dem Gedanken spiele. Noch ist nichts entschieden.“

„Was möchtest du denn sonst machen?“

„Ach, viel“, erwiderte sie ausweichend. Auf keinen Fall wollte sie verraten, dass sie seit fast einem Jahr an einem Drehbuch schrieb, einer Liebesgeschichte unter Jugendlichen. Die Handlung erinnerte deutlich an ihre eigene gescheiterte erste Liebe. „Jedenfalls würde ich nicht so schnell verhungern.“

Brian betrachtete sie eingehend. „Dir ist kalt, das ist alles. In der letzten Zeit hast du zu hart gearbeitet. Bei unserer Rückkehr von den Dreharbeiten in New Orleans möchte ich dem Studio eine für dich maßgeschneiderte Geschichte verkaufen. Darum sage ich nur ungern, dass du wirklich eine Pause brauchst.“

Als ob sie das nicht selbst wüsste! „Ich brauche trockene Sachen, bevor ich mir den Tod hole“, erwiderte sie lächelnd. „Ich sehe schon die Schlagzeilen. Schauspielerin zu Eisblock gefroren! Bekannter Drehbuchautor schuld an ihrem tragischen Ende!“

Es war ihr gelungen, Brian abzulenken. Er widmete sich wieder seinem Computer. Bestimmt warteten morgen früh in ihrer Garderobe wieder zahlreiche überarbeitete Textseiten auf sie.

In dem engen Wohnwagen zog sie die nassen Sachen aus und schlüpfte für die Heimfahrt in Jeans und T-Shirt. Wie hatte sie jemals glauben können, das Leben eines Filmstars wäre wundervoll?

Der Mann saß allein in dem dunklen Raum vor dem Fernsehschirm und beobachtete, wie Lorelei nach einer schnellen Dusche ein schlichtes Seidenkleid anzog. Es betonte die verlockenden Formen ihres Körpers und war in dem gleichen kühlen Hellgrün wie die Dekoration ihres Schlafzimmers gehalten. Der Mann wusste jedoch, dass Lorelei alles andere als kühl war.

Er sah zu, wie sie das lange, glatte Haar bürstete, und genoss es, wie das Kleid hochrutschte, als sie sich beim Schminken zum Spiegel beugte. Eine Frau, die mit Spitze verzierte Strümpfe einer Strumpfhose vorzog, musste einfach sinnlich und zutiefst erotisch veranlagt sein.

Lorelei Longstreet war so verführerisch wie die sagenumwobene Sirene am Rhein, deren Namen sie trug. Nachdem er sie monatelang geduldig beobachtet hatte, würde sie nun bald ihm gehören.

Der Mann lächelte. Während sie ihre lockenden Lippen schminkte, schlang er eine Wäscheleine um die Finger und malte sich aus, wie er Lorelei Longstreets schlanke Hände damit fesselte.

Lorelei war erleichtert, als in der nächsten Woche wieder auf dem Studiogelände gedreht wurde. Sie war kein nervöser Typ, aber die jüngsten Vorfälle hatten sie vor den Gefahren des Ruhms gewarnt.

Sie aß gerade in der Garderobe Hüttenkäse mit Tomatenscheiben, als es klopfte.

„Hier ist etwas für Sie gekommen, Ms Longstreet!“, rief einer der vielen Assistenten Eric Taylors.

Sie öffnete die Tür, bedankte sich bei dem jungen Mann und riss den Umschlag auf. Vermutlich hatte Brian ihr wieder überarbeitete Seiten geschickt.

In dem Umschlag steckte jedoch nur ein weißes Kuvert. Sobald sie ihren Namen darauf las, lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie stürzte zur Tür, aber der Assistent war schon verschwunden.

Lorelei schlug die Tür zu, lehnte sich dagegen, schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Leider klappte das nicht mehr. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Telefon und wählte eine Nummer, die sie mittlerweile auswendig kannte. Sie gehörte der Polizei von Los Angeles.

Zwanzig Minuten nach ihrem Anruf traf Detective Matt Gerard ein. „Sie haben den Umschlag nicht geöffnet?“, fragte er.

„Nein. Sie sagten doch, ich sollte keine Spuren zerstören“, erwiderte sie mit bebender Stimme. Sie brauchte nicht auszusprechen, dass sie sich davor fürchtete, was ihr „treuester Verehrer“ diesmal geschrieben hatte.

„Braves Mädchen.“

Da der Detective hart an dem Fall gearbeitet hatte, störte Lorelei sich nicht an seinen Worten, aus denen männliche Herablassung sprach. Sorgfältig schnitt er den Umschlag auf und holte das Blatt heraus, ohne etwas zu berühren. Allerdings würde das Labor vermutlich auch diesmal keine Fingerabdrücke finden.

„‚Meine geliebte Lorelei‘“, las er vor. Wie jedes Mal hatte der Fan eine Schreibmaschine benutzt. „‚Bei den Außenaufnahmen in Santa Monica hast Du Dich selbst übertroffen. Allerdings hat es mir das Herz gebrochen, Dich dermaßen frieren zu sehen. Ich habe beobachtet, wie Du auf den Armen Gänsehaut bekamst und Deine Brustspitzen sich durch das eiskalte Wasser aufrichteten. Und ich habe mir vorgestellt, wie ich Dich aufwärmen könnte.‘“

Lorelei bekam auch jetzt Gänsehaut. Sie hoffte vergeblich, der Briefschreiber würde nicht ins Detail gehen. Hilflos musste sie sich bis in die kleinsten Einzelheiten anhören, welche sexuelle Fantasien sich dieser kranke Geist ausgedacht hatte. Am liebsten hätte sie gar nicht zugehört. Der Detective hatte ihr jedoch erklärt, wie wichtig es war, dass sie auf jedes Wort achtete. Es war schließlich möglich, dass der Schreiber ungewollt einen Hinweis auf seine Identität lieferte, den nur sie erkennen konnte.

„‚Ich habe mir ausgemalt, wie ich Dich an die Pfosten deines Betts fessele‘“, las Gerard in nüchternem Ton vor. „‚und ich habe uns beiden im Spiegel an der Innenseite der Tür deines Kleiderschranks zugesehen.‘“ Er sah sie forschend an. „Der Mann war in Ihrem Haus.“

„Offenbar.“ Lorelei konnte kaum sprechen. „Meine Haushälterin hat mir letzte Woche einen Zettel hingelegt. Ein Mann war da, der angeblich den Kabelanschluss für das Fernsehen überprüfen wollte.“

„Und sie hat ihn hereingelassen?“

„Sie war nicht unvorsichtig“, verteidigte Lorelei ihre langjährige Angestellte. „Ich hatte sie gebeten, wegen der Bildstörungen anzurufen. Sie hätte niemanden ins Haus gelassen, der sich nicht als Techniker ausweisen konnte.“

„Ausweise kann man fälschen“, erwiderte er.

„Ginge es nach Ihnen, müsste ich mich in meinem Haus einschließen, nicht arbeiten, keine Anrufe annehmen und jeden erschießen, der an meiner Tür klingelt. Ich könnte nicht einmal Pizza bestellen.“

Er ließ seinen Blick über ihre Jeans und das weiße T-Shirt gleiten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie viel Pizza essen.“

Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Lorelei erinnerte sich nicht mehr, wann sie das letzte Mal eine Pizza mit Peperoni gegessen hatte.

„Das ist doch jetzt unwichtig“, entgegnete sie gereizt. „Sie wollen mich unter Hausarrest stellen, bis dieser Mann geschnappt wird.“

„Kein Verrückter lässt sich durch das Gesetz davon abhalten, jemanden zu verfolgen“, erklärte er energisch. „Er lässt sich auch nicht daran hindern, jemanden umzubringen.“

„Ich weiß“, räumte sie seufzend ein. „Es ist alles so frustrierend und erschreckend.“

„Es ist klug von Ihnen, Angst zu haben. Dadurch bleiben Sie wachsam.“ Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Brief. „Ich habe mir die Angst und die Erregung in Deinen Augen ausgemalt, als ich Dein Nachthemd aufschnitt … das meergrüne, das zu der Farbe deiner Schlafzimmerwände passt und …“

„Um Himmels willen!“, fiel Lorelei ihm ins Wort.

„Was ist denn? Ist doch logisch, dass er sich Ihre Garderobe angesehen hat, wenn er in Ihrem Schlafzimmer war und …“

„Nein“, unterbrach sie ihn erneut. „Das können Sie nicht wissen. Gestern Abend war ich zum Abendessen mit Freundinnen zusammen. Kein besonderer Anlass, nur einige Frauen, die sich einmal im Monat treffen. Gestern hatte ich Geburtstag … und ich bekam ein Geschenk.“

„Sagen Sie bloß, das war ein Nachthemd.“

„Ein meergrünes Nachthemd, das ich in einem Katalog gesehen hatte. Es war so schön, dass ich es gleich anzog, als ich heimkam.“

Gerard fluchte. „Der Mistkerl hat eine Kamera in Ihrem Schlafzimmer eingebaut.“

Sie fröstelte bei der Vorstellung, dass sie dieser Mann, der sie seit Monaten belauerte, im Schlaf beobachtet hatte.

„Das reicht“, entschied der Detective. „Sie müssen die Reise nach New Orleans absagen.“

„Das geht nicht. Die Waldbrände in diesem Sommer haben uns gezwungen, dreimal einen neuen Drehort zu suchen. Wir hinken bereits gewaltig hinter dem Zeitplan her und …“

Diesmal fiel Gerard ihr ins Wort. „Das ist Taylors Problem.“

„Sicher, aber ich stehe mit meinem Namen für den Film ein. Und das Studio will Eric die Kontrolle entziehen, wenn er die Dreharbeiten nicht bis zum Labor Day abgeschlossen hat. Außerdem finde ich, dass es sicherer wäre, die Stadt zu verlassen.“

„Nicht wenn Ihnen dieser Kerl folgt.“

Damit hatte er nun auch wieder recht.

„Ich werde mich mit der Polizei von New Orleans in Verbindung setzen“, entschied Gerard. „Zuerst aber schicke ich unsere Fachleute zu Ihrem Haus. Sie sollen die Kamera oder die Kameras entfernen und nach Fingerabdrücken suchen.“

„Glauben Sie denn, er könnte welche hinterlassen haben?“

„Nein“, erwiderte er. „Die Geräte, die er in Ihrem Haus eingebaut hat, liefern uns höchstens einen Anhaltspunkt, wenn sie sehr ungewöhnlich sind. Und wir können hoffen, dass er umso eher einen Fehler begeht, je mehr er sich auf seine krankhaften Fantasien fixiert.“

„Es klingt nicht sonderlich ermutigend, dass mein Verfolger sich noch steigern wird.“

„Es ist nicht meine Aufgabe, jemanden zu ermutigen. Ich muss Sie nur am Leben erhalten und diesen Verrückten schnappen, bevor er die Grenze zwischen Fantasie und Mord überschreitet. Eines wissen wir jedenfalls schon jetzt.“

„Und was?“

„Der Kerl kennt sich mit Kameras aus.“

„Das ist in dieser Stadt nicht ungewöhnlich.“

„Sicher, aber es ist trotzdem eine neue Erkenntnis. Ich möchte noch einmal mit Taylor und allen anderen, die an diesem Film arbeiten, sprechen.“

„Sie verdächtigen doch niemanden, mit dem ich zusammenarbeite?“

„Es ist meine Pflicht, alle zu verdächtigen.“

Er hatte auch in diesem Punkt recht. Trotzdem fand Lorelei es deprimierend.

Auch wenn Eric Taylor oft unentschlossen war, wenn es um seine Arbeit ging, zeigte er sich sehr entschlossen, sobald er von dem jüngsten Brief erfuhr.

„Ich engagiere sofort einen Leibwächter, der dich rund um die Uhr beschützt“, erklärte er. „Das hätte ich sofort machen sollen.“

„Das ist nicht nötig“, wehrte Lorelei auch jetzt wieder ab.

„Du hast das nicht mehr zu entscheiden.“

„Es geht aber um meinen Beruf und mein Leben.“

„Es geht zwar um dein Leben“, entgegnete der Regisseur. „Falls dir aber etwas vor Beendigung der Dreharbeiten zustößt, wird dieser Film zur Pleite. Also habe ich ein berechtigtes Interesse an deinem unvergleichlichen Luxuskörper. Und darum werde ich für ausreichenden Schutz sorgen.“

„Wie schön du dich doch ausdrückst“, entgegnete sie gereizt.

„Wenn du jemanden suchst, der sich gewählt ausdrückt, geh zu Wilder. Ich bin nichts weiter als ein entnervter und überarbeiteter Regisseur. Und ich will verhindern, dass irgendwelche kleinkarierten Erbsenzähler mir den Auftrag für diesen Film entziehen.“ Er wandte sich an Gerard, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte. „Könnten Sie dieser dickköpfigen Magnolie aus Stahl erklären, dass ein Leibwächter die perfekte Lösung wäre? Ganz besonders, weil wir so viele Außenaufnahmen haben?“

„Ein Bodyguard könnte wirklich nicht schaden“, bestätigte der Detective.

2. KAPITEL

Michael gab nun schon seit einer Woche auf einem Kasinoschiff beim Blackjack die Karten. Seine Kleidung roch nach Zigarettenrauch, und er konnte den Alarm, wenn ein Jackpot getroffen wurde, nicht mehr hören. Wie freute er sich bereits auf die relative Ruhe in seinem Büro!

Nachdem er den Dienst bei der Polizei von New Orleans quittiert hatte, war er selbstständiger Privatdetektiv geworden. Die Arbeit bei der Mordkommission hatte ihm gefallen. Allerdings war er in einen politischen Streit geraten, der von verschiedenen Interessensgruppen im Tourismusgeschäft ausgetragen wurde. Es sollte vertuscht werden, dass ein Mann, der im Französischen Viertel mehrere Frauen vergewaltigt hatte, zum Mörder geworden war.

Michael hatte seine Pflicht erfüllt und den Killer unschädlich gemacht. Danach hatte er jedoch einem System, das Geld über unschuldige Menschen stellte, den Rücken gekehrt. Er hatte die Polizei verlassen und die Blue-Bayou-Detektei eröffnet. Allerdings reizte es ihn nicht, für den Rest seines Lebens Ehemänner auf Abwegen aufzuspüren. Daher hatte er sich auf Personen- und Firmenschutz spezialisiert.

Angesichts der unsicheren Zeiten bekam er mehr Aufträge, als er annehmen konnte. Das war einer der Gründe gewesen, aus denen er seinen Bruder Shayne liebend gern als Partner aufgenommen hatte. Shayne war erst vor kurzer Zeit nach New Orleans zurückgekehrt, nachdem er ein Jahrzehnt für den Geheimdienst gearbeitet hatte.

Shayne begrüßte ihn mit einem Lächeln, als er das Büro betrat, das sich im Französischen Viertel über einem Antiquitätenladen befand.

„Vermutlich hast du deinen Mann geschnappt“, sagte Shayne.

„Ich bin immer erfolgreich. In diesem Fall war es allerdings eine Frau.“

Michael sah sich um. Auch nach drei Monaten Zusammenarbeit mit seinem Bruder hatte er sich noch nicht an die Veränderungen gewöhnt. Früher war das Büro behaglich gewesen. Jetzt war es mit modernsten Geräten und Computern ausgestattet. Michael vermisste zwar die geliebte Unordnung, musste aber zugeben, dass Shaynes Buchhaltungssystem viele Probleme löste.

Er holte aus der Kühltasche zwei Flaschen Bier, öffnete sie und reichte seinem Bruder eine.

Shayne nahm einen langen Schluck. „Das hat mir wirklich bei meinen Reisen im Ausland gefehlt“, meinte er und betrachtete genussvoll die Flasche.

Michael setzte die Flasche an die Lippen. „Ich dachte, Europa wäre ein Paradies für Biertrinker.“

„Da drüben fließt das Bier wie Wasser“, bestätigte Shayne. „Ich habe mich allerdings in Kreisen bewegt, die Champagner bevorzugen.“

„Muss hart für dich gewesen sein, so viele Jahre die Rolle eines Playboys im Jetset zu spielen“, meinte Michael.

„Richtig“, stimmte Shayne amüsiert zu. „Aber jemand musste sich opfern, damit Amerika frei bleibt.“

Michael ließ sich auf das neue Ledersofa fallen, legte die Füße auf den Tisch und trank. Im Sommer lastete die Schwüle schwer auf der Stadt. Die Klimaanlage schaffte es nicht, für die nötige Abkühlung zu sorgen, und das Hemd klebte ihm bereits am Rücken.

Shayne dagegen wirkte in seinem weißen Seidenhemd wie aus dem Ei gepellt. Michael konnte keine einzige Knitterfalte entdecken. Kein Wunder, dass sein Bruder so lange seine Rolle im Jetset erfolgreich gespielt hatte.

„Apropos Lebensstil“, sagte Shayne. „Ich bin ein wenig enttäuscht, dass das Leben eines Privatdetektivs nicht so verläuft, wie es immer im Fernsehen gezeigt wird.“

„Langweilst du dich schon?“

Es hätte Michael nicht überrascht. Shayne hatte wie Roarke, der dritte Bruder, die Rastlosigkeit des Vaters geerbt. Roarke hatte allerdings seine Wanderschuhe an den Nagel gehängt und sogar angekündigt, er wollte am Labor Day die Staatsanwältin Daria Shea heiraten.

Shayne war eine Beziehung mit der Vermieterin des Detektivbüros eingegangen, mit der Antiquitätenhändlerin Bliss Fortune. Daher hoffte Michael, der jüngste der O’Malley-Brüder könnte Roarkes Beispiel folgen.

Michael hätte Shayne nicht so sehr vermisst, sollte er wieder fortgehen, aber ihre Mutter hätte es getroffen. Nein, gestand Michael sich ein, das stimmt nicht. Er hatte sich daran gewöhnt, dass seine Brüder wie in alten Zeiten wieder in New Orleans waren. Jetzt trug er allerdings nicht mehr die ganze Last der Verantwortung auf seinen Schultern.

„Ich langweile mich überhaupt nicht“, versicherte Shayne. „Deine lachhafte Buchhaltung liefert mir mehr als genug Arbeit. Ich hatte mir nur vorgestellt, wir hätten wie Thomas Magnum ständig unzählige schöne Frauen in Bikinis oder Unterwäsche um uns herum.“

„Wozu brauchst du denn andere Frauen? Du hast doch Bliss.“

„Stimmt“, bestätigte Shayne nachdenklich und fügte nach einem Schluck hinzu: „Sie ist anders.“

„Sie ist etwas Besonderes“, betonte Michael.

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