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Wie zähmt man einen Verführer?

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1. KAPITEL

Jo stieg aus dem Wagen und streckte sich – die Fahrt von Kentucky nach Denver war lang gewesen, aber endlich war sie auf der Beaumont-Farm angekommen.

Dass sie diesen Job ergattert hatte, war ein Riesenglück, denn er brachte ihr einen guten Gewinn. Das Geld würde für die Anzahlung auf eine eigene Ranch reichen. Zudem war der Auftrag der Beweis dafür, dass sie als Pferdetrainerin mit eher unkonventionellen Methoden endlich etabliert und angesehen war.

Ein o-beiniger Mann kam aus dem Stall und schlug, während er auf sie zulief, ein Paar Handschuhe gegen sein Bein. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt und hatte das wettergegerbte Aussehen eines Mannes, der den Großteil seines Lebens im Freien verbracht hatte.

Er war allerdings eindeutig nicht Phillip Beaumont, das attraktive Gesicht der Beaumont-Brauerei und Besitzer dieser Farm. Obwohl sie es nicht sein sollte, war Jo enttäuscht.

Aber es war besser so. Ein sündhaft gut aussehender Mann wie Phillip wäre zu … verführerisch. Und sie konnte es sich absolut nicht leisten, verführt zu werden. Professionelle Pferdetrainer scharwenzelten nicht um die Leute herum, die ihre Rechnungen zahlten. Ganz besonders nicht, wenn diese Leute für ihr Partyleben bekannt waren. Jo feierte keine Partys, nicht mehr. Sie war hier, um diesen Auftrag zu erledigen, und das war’s dann.

„Mr. Telwep?“, fragte sie.

„Der bin ich“, sagte der Mann und nickte höflich. „Sind Sie die Pferdeflüsterin?“

„Trainerin“, verbesserte Jo ihn reflexartig. Sie mochte es nicht, als „Flüsterin“ bezeichnet zu werden. Dieses verdammte Buch, das den Begriff aufgebracht hatte! „Ich flüstere nicht, ich trainiere“, betonte sie schroff.

Ihr Gegenüber zog bei ihrem Tonfall die buschigen Augenbrauen hoch. Jo zuckte zusammen – na prima, da hatte sie ja einen tollen ersten Eindruck hinterlassen. Aber sie war es so gewohnt, ihren Ruf verteidigen zu müssen, dass die Reaktion schon automatisch kam. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und probierte es noch einmal: „Ich bin Jo Spears.“

Glücklicherweise störte sich der Mann nicht an ihren ruppigen Umgangsformen. „Miss Spears, nennen Sie mich Richard“, sagte er und schüttelte ihr mit festem Druck die Hand.

„Jo“, sagte sie. Sie mochte Männer wie Richard, die sich ihr Leben lang um Tiere gekümmert hatten. Solange er und seine Helfer sie wie einen Profi behandelten, würden sie gut miteinander klarkommen. „Was haben Sie für mich?“

„Einen … ähm, ich zeig’s Ihnen lieber.“

„Kein Percheron?“ Die Beaumont-Brauerei war weltbekannt für ihre Percheron-Pferde, die seit ewigen Zeiten in sämtlichen Beaumont-Werbespots die Wagen zogen. Als Kind hatte Jo ein Percheron-Kuscheltier besessen, das einen Ehrenplatz in der Mitte ihres Bettes gehabt hatte.

„Nein, es ist eine noch seltenere Rasse“, sagte Richard.

Noch seltener? Percherons waren zwar nicht unbedingt selten in den USA, aber auch nicht gerade weit verbreitet. Die schweren Zugpferde waren, seit sie keine Pflüge mehr ziehen mussten, ein wenig aus der Mode gekommen.

„Einen Augenblick“, sagte Jo. Sie konnte Betty nicht so lange allein im Wagen lassen – zumindest nicht, wenn sie Wert auf ihren Beifahrersitz legte.

Jo öffnete die Wagentür und befreite Betty aus ihrem Gurtsystem. Die Ohren des Esels zitterten erwartungsvoll. „Willst du raus?“ Jo hob Betty vom Sitz und setzte sie neben dem Wagen ab.

Betty trat ein paar Mal übermütig aus, und Richard sagte: „Ich habe schon gehört, dass Sie mit einem … was auch immer das ist … reisen.“ Seine Stimme klang belustigt.

„Das“, erwiderte Jo, „ist Itty Bitty Betty, ein Zwergesel.“ Sie führte dieses Gespräch nicht zum ersten Mal. „Sie ist ein Haustier.“

Betty war inzwischen zur Ruhe gekommen und begutachtete das Gras um sich herum. Mit nur knapp neunzig Zentimetern Schulterhöhe war Betty tatsächlich ein „Zwerg“ und kam von Größe und Gewicht her eher einem Hund gleich als einem Esel – und genauso verhielt sie sich auch. Denn Jo hatte mit Betty ja auch gearbeitet wie mit einem Hund. Das Eselchen war an ihrer Seite, seit ihre Großmutter es ihr vor fast zehn Jahren geschenkt hatte. Betty hatte Jo geholfen, die Dunkelheit hinter sich zu lassen, und dafür würde Jo ihr für immer dankbar sein.

Richard kratzte sich am Kopf, während er den Mini-Esel beobachtete. „Hol mich der Teufel, so einen winzigen Esel habe ich noch nie gesehen. Sie sollten sich überlegen, ob Sie sie schon mit zu Sun nehmen wollen.“ Er drehte sich um und stapfte los.

Jo horchte auf. „Sun?“ Sie ging Richard nach und pfiff über die Schulter. Betty kam hinter ihr hergetrottet.

„Kandar’s Golden Sun“, stieß Richard hervor. „Sagt Ihnen die Rasse Achal-Tekkiner etwas?“

Den Namen hatte sie tatsächlich schon einmal gehört. „Ist das nicht eine der ältesten Pferderassen der Welt?“

„Genau. Aus Turkmenistan. Weltweit gibt es wohl nur gut fünftausend von ihnen.“ Er ging um den Stall herum zu einer Koppel, die teilweise von Bäumen überschattet war.

In der Mitte der Koppel befand sich ein Pferd, das vermutlich goldfarben war, wie sein Name vermuten ließ, doch sein Fell war matt vom Schweiß. Das Tier rannte wie wild im Kreis und buckelte, Schaum troff aus seinem Maul.

„Das ist Kandar’s Golden Sun“, sagte Richard, sein Frust war ihm anzuhören.

Jo beobachtete das Tier. „Warum ist er so aufgeregt?“

„Wir haben ihn vom Stall auf die Koppel gebracht. Vor drei Stunden.“

Jo sah den älteren Mann fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern.

„Drei Männer haben wir dafür gebraucht. Wir wollten ja sanft mit ihm umgehen, aber das Teufelsvieh musste uns nur sehen und drehte schon durch.“

Dieses Pferd rannte seit drei Stunden im Kreis und buckelte? Himmel, es grenzte an ein Wunder, dass es noch nicht kollabiert war. Jo hatte es schon mit mehr als genug verschreckten Pferden zu tun gehabt, aber früher oder später hatten sich alle ausgepowert.

„Was ist denn passiert?“

„Das ist es ja: Keiner weiß es. Mr. Beaumont ist persönlich nach Turkmenistan geflogen, um sich Sun anzusehen. Er versteht etwas von Pferden“, erklärte Richard.

Blut schoss Jo in die Wangen. „Ich kenne seinen Ruf.“

Jeder kannte Phillip Beaumonts Ruf. Er führte seit mehreren Jahren die Liste der bestaussehenden Männer des People Magazine an. Sein blondes Haar sah immer aus, als käme er gerade vom Strand, und sein markantes Kinn machte ihn nur noch attraktiver. Er hatte in Werbespots der Beaumont-Brauerei mitgespielt, war aber auch Protagonist etlicher Schlagzeilen der Klatsch-Webseiten und Illustrierten, wenn er mal wieder in Clubs in Vegas oder Los Angeles auf die Pauke gehauen hatte, wie das eine Mal, als er seinen Ferrari in einem Pool geparkt hatte – auf dem Dach eines Hotels.

Kein Zweifel, Phillip war ein Playboy, der gerne ausschweifende Partys feierte. Aber er hatte auch eine andere Seite. Während der Vorbereitung auf diesen Auftrag war Jo in einer Pferdezeitschrift über ein Interview mit ihm gestolpert, in dem er nicht wie ein abgestumpfter Playboy, sondern wie ein waschechter Cowboy gewirkt hatte. Auf den Fotos hatte er Stiefel, Jeans, Flanellhemd und Cowboyhut getragen, und er hatte erzählt, dass er die Beaumont-Farm zu einem der besten Ställe im Westen machen wollte. Mit seinem Namen und den Milliarden seiner Familie war dieses Ziel nicht unerreichbar.

Aber wie auch immer, Jo war nicht seinetwegen hier. Ihre Trainingsmethoden waren eher unkonventionell, weshalb sie nicht so oft beauftragt wurde wie Trainer mit klassischen Ansätzen, und die Anfrage der Beaumont-Farm war ihr erster Auftrag von Leuten, die nicht Tausende von Dollar für ein Pferd ausgaben, sondern Millionen. Wenn sie dieses Pferd retten konnte, wäre ihr Ruf gesichert.

Davon abgesehen war es unwahrscheinlich, dass sie Phillip Beaumont überhaupt treffen würde, schließlich war Richard ihr Ansprechpartner hier.

Richard schnaubte. „Sein Ruf, ja. Mit Partys haben wir hier nicht viel am Hut, nur mit Pferden.“ Er nickte in Richtung Sun, der sich gerade auf die Hinterhand stellte und panisch wieherte. „Vielleicht ist etwas auf dem Flug hierher passiert? Aber er hatte keine Wunden oder Blessuren. Laut des Piloten war sogar die Landung butterweich.“

„Also einfach nur ein Pferd, das durchdreht“, sagte Jo, während sie Sun dabei beobachtete, wie er mit den Vorderhufen auf den Boden trommelte, als wollte er eine Schlange zertreten.

„Genau.“ Richard ließ den Kopf hängen. „Das Pferd ist verrückt, aber Mr. Beaumont ist überzeugt, dass man ihn wieder gesund machen kann. Schließlich soll der Hengst der Grundstock seiner neuen Zucht sein. Er hat unanständig viel Geld für Sun ausgegeben und möchte seine Investition natürlich ungern verlieren. Ich persönlich kann kein Tier so leiden sehen, aber Mr. Beaumont will nicht, dass ich Sun von seinem Elend erlöse. Vor Ihnen waren schon drei andere Trainer hier, keiner von denen hat länger als eine Woche durchgehalten. Sie sind die letzte Chance dieses Pferdes. Wenn Sie ihm nicht helfen können, wird es eingeschläfert.“

Das musste der Grund gewesen sein, warum Richard in seinen E-Mails nicht ins Detail gegangen war – er hatte Jo nicht abschrecken wollen. „Wer war denn schon hier?“

Der ältere Mann schabte mit seinen Stiefeln im Gras. „Lansing, Hoffmire und Callet.“

Jo schnaubte. Lansing war ein Schwindler. Hoffmire, ein ehemaliger Farmverwalter, wurde allerdings von Pferdekennern respektiert. Callet war altmodisch – und ein Mistkerl. Er hatte sie einmal aufgesucht, nur um ihr zu sagen, sie solle sich gefälligst von seiner Kundschaft fernhalten.

Es würde ihr eine ganz besondere Genugtuung sein, einem Pferd zu helfen, bei dem er versagt hatte.

Mit langsamen Schritten ging Jo auf das Gatter der Koppel zu, während Betty hinter ihr hertrottete. Sie entriegelte das Gatter und zog es etwa einen halben Meter auf.

Sun blieb stehen und beobachtete sie. Dann rastete er richtig aus. Er bockte und buckelte, ruderte mit den Vorderbeinen durch die Luft und rammte dann die Hufe so heftig in den Boden, dass Jo die Erschütterung spüren konnte. Das hält er schon seit Stunden durch, und keiner weiß, was mit ihm los ist?

Sie klopfte sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel – das Signal für Betty, in ihrer Nähe zu bleiben. Dann trat Jo in die Koppel.

„Miss …“, rief Richard erschrocken, sobald ihm klar geworden war, was sie vorhatte. „Logan, hol das Betäubungsgewehr.“

„Seien Sie bitte still“, sagte sie leise, während sie versuchte, Ruhe auszustrahlen.

Sie hörte Schritte – wahrscheinlich von Logan und den anderen Helfern, die sich in Stellung brachten, um ihr bei Bedarf zu Hilfe zu eilen. Mit einer Hand bedeutete sie ihnen, stehen zu bleiben, dann schloss sie das Gatter hinter sich und Betty.

Das Pferd kam nicht zur Ruhe. Es tat Jo weh, ein Tier so verloren in seinen eigenen Ängsten zu sehen.

Sie kannte das Gefühl nur zu gut. Diese Ängste mit anzusehen war eine Sache, sie jahrelang selbst zu spüren eine andere.

Sie hatte einen Ausweg gefunden – indem sie sich der Realität gestellt hatte und dabei fast umgekommen wäre. Aber mithilfe von Gott, ihrer Granny und Itty Bitty Betty hatte sie den Weg zurück ins Leben gefunden.

Sie hatte es sich dann zur Aufgabe gemacht, Tieren in ähnlichen Situationen zu helfen. Selbst hoffnungslose Fälle wie Sun konnten gerettet werden, auch wenn die Verletzungen, die sie erlitten hatten, nie ungeschehen gemacht werden konnte. Die Narben würden sie ein Leben lang mit sich herumtragen, sie mussten sie nur akzeptieren, so wie sie ihre akzeptiert hatte.

Wenn es sein musste, konnte sie stundenlang einfach dastehen und warten.

Aber so lange dauerte es gar nicht. Nach etwa einer Dreiviertelstunde beruhigte sich Sun nach und nach. Erst hörte er auf zu buckeln, dann verlangsamte er seinen wilden Galopp zu einem Trab, dann zum Schritt. Schließlich stand er mit bebenden Flanken in der Mitte der Koppel. Zum ersten Mal war das Pferd so gut wie reglos.

Fast konnte sie ihn hören: Ich gebe auf.

Sie verstand ihn, wusste, wie es war, wenn das Leben so sehr wehtat.

Sie klopfte sich noch einmal auf den Oberschenkel und machte auf dem Absatz kehrt, um die Koppel zu verlassen. Eine Gruppe aus sieben Männern stand herum und beobachtete die Show, die Sun für sie veranstaltet hatte. Richard hielt das Betäubungsgewehr in der Hand.

Alle schwiegen. Niemand schrie ihr zu, vorsichtig zu sein, als sie Sun den Rücken zuwandte, sie beobachteten sie nur gebannt, wie sie mit Betty neben sich zum Gatter ging, es öffnete, hindurchtrat und es hinter sich und ihrem Esel wieder schloss.

„Ich übernehme den Auftrag.“

Dem Verwalter der Ranch war seine Erleichterung anzusehen. Seine Helfer grinsten nur, offensichtlich dankbar dafür, dass Sun nun nicht mehr ihr Problem war.

„Vorausgesetzt …“, fuhr sie fort, „… Sie erfüllen meine Bedingungen.“

Richard versuchte, sie ernst anzusehen, aber er wirkte immer noch wie erlöst. „Und die wären?“

„Ich brauche Anschlüsse für meinen Wohnwagen. Wenn Sun mitten in der Nacht durchdreht, möchte ich da sein.“

„Strom sollte kein Problem sein, auf Wasser und Abwasser werde ich Jerry ansetzen“, sagte Richard.

„Zweitens: Ich bin die Einzige, die sich um Sun kümmert. Ich füttere ihn, ich striegele ihn, ich bewege ihn. Alle anderen halten sich von ihm fern.“

„Okay“, stimmte Richard zu, ohne zu zögern. Seine Helfer nickten bekräftigend.

So weit, so gut. „Wir machen das auf meine Weise oder gar nicht. Meine Methoden werden weder von Ihnen noch von Ihren Helfern oder den Besitzern infrage gestellt. Ich werde das Pferd nicht bedrängen, und ich erwarte, ebenfalls nicht bedrängt zu werden. Und ich will, dass man mich in Ruhe lässt – keine Dates oder Flirts. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Sie hasste es, so zu klingen, als ob sich jeder Mann um sie prügeln würde, aber die Vergangenheit hatte sie gelehrt, dass nichts Gutes dabei herauskam, wenn man sich während der Arbeit auf eine Affäre einließ. Selbst wenn sie dieses Mal die Finger vom Alkohol lassen würde, sie konnte und wollte kein weiteres Leben riskieren.

Sie war weiblich, alleinstehend und reiste in einem Wohnwagen herum – für einige Männer reichte das schon, um falsche Schlüsse zu ziehen. Aus genau diesem Grund war es auch besser, von vornherein klare Ansagen zu machen.

Richard sah zu seinen Leuten – einige von ihnen waren errötet, andere sahen gelangweilt aus, der Großteil aber schien erleichtert zu sein, dass sie sich nicht mehr um Sun kümmern mussten.

Dann ließ Richard seinen Blick über die Felder schweifen. Eine schwarze Limousine kam auf die Farm zugefahren.

„Mist“, sagte einer der Helfer. „Der Boss kommt.“

Alle außer Jo und Richard machten sich aus dem Staub. Sun hatte offensichtlich neue Kräfte geschöpft und setzte zu einem weiteren Tobsuchtsanfall an.

„Es wird doch keine Probleme geben, oder?“, fragte Jo, während Richard damit beschäftigt war, den Staub von seiner Jeans zu klopfen und sein Hemd zurechtzuziehen.

„Ich denke nicht.“ Er klang nicht sonderlich überzeugt. „Mr. Beaumont will nur das Beste für Sun.“

Das stumme Aber am Ende des Satzes war so laut, als hätte Richard es tatsächlich ausgesprochen. Denn Phillip Beaumont war ein bekannter Frauenheld, der mit seinen Eroberungen immer wieder Schlagzeilen machte.

Richard wandte sich ihr zu. „Sie haben den Job. Ich werde mein Bestes tun, damit Mr. Beaumont sich von Ihnen fernhält.“

Mit anderen Worten: Richard hatte absolut keine Kontrolle über die Situation, was immer offensichtlicher wurde, je näher die Limousine auf sie zukam. Der ältere Mann nahm Habachtstellung an, als der Wagen vor dem Stall anhielt.

Jo straffte die Schultern. Phillip Beaumont jagte ihr keine Angst ein und schüchterte sie auch nicht ein. Sie hatte schon mit gut aussehenden, reichen Männern zu tun gehabt, und bei keinem von ihnen war sie versucht gewesen, wieder in alte Muster zu verfallen. Keiner von ihnen hatte es geschafft, dass sie ihre Narben vergaß. Mr. Beaumont würde da keine Ausnahme darstellen. Sie war wegen des Jobs hier.

Eine der Wagentüren öffnete sich, und im gleichen Augenblick, als ein Kichern die Luft erfüllte, kam ein nacktes, weibliches Bein zum Vorschein. Hinter sich konnte Jo hören, wie Sun noch weiter aufdrehte.

Dem Bein folgte ein zweites, und Jo überraschte es nicht, als dann auch noch ein zweites Paar Frauenbeine zu sehen war. Inzwischen war die erste Frau ausgestiegen; sie war zwar nicht vollständig nackt, aber ihre Kleidung bestand lediglich aus einem Paillettenkleid, dessen Stoff gerade mal für einen Bikini gereicht hätte. Die zweite Frau stieg ebenfalls aus und zog sich ihren superkurzen roten Samtrock über dem Po zurecht.

Richard, der neben Jo stand, gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen einem Seufzen und einem Stöhnen lag. Jo schloss daraus, dass Phillip nicht zum ersten Mal mit Frauen auftauchte, die wie Prostituierte gekleidet waren.

Betty schnaubte gelangweilt und widmete sich dann wieder dem Gras. Jo hätte es ihr am liebsten gleichgetan. Das war also Phillip Beaumont. Die Schlagzeilen hatten nicht gelogen. Das Interview im Western Horseman tanzte da zwar aus der Reihe, aber vermutlich ging es darin eher um die Rehabilitation der Marke „Beaumont“ als um seine Liebe zu Pferden.

Das Gute war, dass er sein eigenes Unterhaltungsprogramm mitgebracht hatte und sie sich auf ihre Arbeit würde konzentrieren können.

Nun schwang sich ein weiteres Paar Beine aus der Limousine. Dieses steckte in teuer aussehenden italienischen Lederschuhen und einer schicken Anzughose. Phillip Beaumont höchstpersönlich stieg aus und begutachtete mit breitem Lächeln über das Dach des Wagens hinweg seine Farm. Sein Gesichtsausdruck wirkte seltsam, fast erleichtert.

Dann sah er sie an. Als ihre Blicke sich trafen, fühlte sich Jo … verwirrt. Phillip Beaumont anzusehen war eine Sache, aber von Phillip Beaumont angesehen zu werden war etwas völlig anderes.

Röte stieg ihr ins Gesicht, während sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln hochzogen. Sie konnte ihren Blick einfach nicht abwenden – und sie war sich nicht einmal sicher, ob sie es überhaupt wollte. Er sah aus, als würde er sich freuen, sie zu sehen, obwohl sie genau wusste, dass das nicht möglich war. Schließlich hatte er keine Ahnung, wer sie war. Und wer würde sie schon eines Blickes würdigen, wenn er solche Begleiterinnen hatte?

Aber sein Blick ruhte weiter auf ihr. Glücklich und hungrig und erleichtert. Als wäre er nur hierhergekommen, um sie zu sehen, und da sie jetzt hier war, würde alles wieder in Ordnung kommen.

Noch nie hatte jemand sie so angesehen. Früher, als sie noch ein Partygirl gewesen war, hatten die Männer sie mit einer Art wölfischem Hunger betrachtet, der weniger mit ihr als Frau zu tun hatte und mehr damit, dass sie sie ins Bett bekommen wollten. Und seit dem Unfall? Na ja, es hatte einen Grund, dass sie ihr Haar so trug wie jetzt und genau diese Kleidung wählte: Sie wollte nicht angesehen werden.

Doch Phillip schien sie zu durchschauen.

Die beiden Frauen gingen ein paar Schritte, verloren auf ihren hohen Absätzen das Gleichgewicht und wären fast gestürzt, doch Phillip fing sie auf. Während sie kicherten, als hätten sie noch nie etwas Lustigeres erlebt, nahm er eine in jeden Arm.

Als sie die drei so sah, musste Jo schlucken. Sie wirkten wie Geister aus der Vergangenheit, die gekommen waren, um sie heimzusuchen.

„Mr. Beaumont“, begann Richard mit warmer, wenn auch leicht verzweifelter Stimme, während er auf seinen Boss zuging. „Wir hatten Sie heute nicht erwartet.“

„Dick“, erwiderte Phillip. „Ich wollte meinen neuen Freundinnen …“ Er sah hinab auf Blondine eins.

„Katylynn“, sagte Nummer eins und kicherte. Was sonst.

„Sailor“, sprang Nummer zwei ein.

Phillip setzte ein weiteres Mal sein entwaffnendes Lächeln auf und drückte die beiden Frauen an sich. „Ich wollte Katylynn und Sailor Sun zeigen.“

„Mr. Beaumont“, setzte Richard erneut an. Diesmal glaubte Jo, Ärger aus seiner Stimme herauszuhören. „Sun ist nicht …“

„Was stimmt nicht mit dem Pferd?“ Sailor nahm einen Schritt Abstand von Phillip und deutete auf Sun.

Alle drehten sich um. Sun bockte jetzt mit neu erwachter Energie. Verdammte Ausdauer, dachte Jo, während sie ihn beobachtete.

„Warum macht er das?“, fragte Katylynn.

„Ihretwegen“, informierte Jo das Trio.

Die Frauen funkelten sie wütend an. „Wer sind Sie?“, fragte Sailor nicht ohne eine gewisse Arroganz in ihrer Stimme.

„Ja, wer sind Sie?“ Phillip Beaumont sprach langsam, fast vorsichtig, während sein Blick wieder auf ihr ruhte.

„Mr. Beaumont, das ist Jo Spears. Sie ist die Pferde…“ Jo wusste genau, dass Richard Flüsterin sagen wollte, aber er fing sich früh genug und sagte stattdessen: „Pferdetrainerin. Die neue Trainerin für Sun.“

Jo warf Richard ein anerkennendes Lächeln zu. Er lernte schnell.

Phillip löste sich von seinen Begleiterinnen, was diese mit Protestlauten quittierten, und kam auf Jo zu. Einen halben Meter vor ihr blieb er stehen. „Sie sind die neue Trainerin?“

Sie sah ihm in die Augen – hellgrün mit goldenen Sprenkeln am Rand der Iris. Hübsche Augen.

Hübsche Augen, die flackerten. Nur ganz leicht, aber Jo kannte und erkannte die Anzeichen: Phillip war betrunken.

Dafür hatte er sich gut unter Kontrolle, das musste man ihm lassen. Bis auf seine Augen verriet nichts in seinem Verhalten, dass er sternhagelvoll war, und das wiederum konnte nur eines bedeuten: Ein Rausch war nichts Neues für ihn, und er war es gewohnt, ihn zu überspielen und sich nichts anmerken zu lassen. Dafür brauchte es Übung. Jahrelange Übung.

Sie war selbst einmal sehr gut darin gewesen, aber irgendwann wurde es zu anstrengend, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Sich normal zu geben, wenn sie es nicht war. Sie hatte es gehasst, so zu sein, und heute war sie ein anderer Mensch.

Jo musterte ihn. Phillip Beaumont hätte früher genau in ihr Beuteschema gepasst, und zugleich verkörperte er alles, was sie nie wieder sein wollte, wenn sie ihr Leben als angesehene Pferdetrainerin und nicht als Alkoholwrack verbringen wollte.

Sie brauchte diesen Job. Wenn die Arbeit mit Sun erfolgreich verlaufen würde, wäre das die beste Referenz, die sie sich wünschen konnte, zudem würde es ihr eine Stange Geld einbringen. Sie durfte nicht zulassen, dass ein attraktiver Mann mit einer Vorliebe für Hochprozentiges sie wieder zu einem Lebensstil verführte, den sie vor langer Zeit aufgegeben hatte.

Sie wollte keine Affären, auch nicht mit jemandem wie Phillip Beaumont.

„Ich bin nur wegen des Pferdes hier“, erklärte sie ihm.

Er antwortete nicht, sondern hielt ihrem Blick stand und lächelte sie weiter an.

Sie rang um Fassung. Andere Männer verloren normalerweise schnell das Interesse an ihr, sobald sie ihr nachlässig geschnittenes, schulterlanges Haar, das obligatorische Flanellhemd und die Jeans sahen. Und genau das wollte sie auch, so konnte sie die Distanz zwischen sich und dem Rest der Welt wahren.

Doch Phillips Blick bewirkte Dinge in ihr, die sie nicht spüren wollte: Ihre Wangen glühten – wurde sie rot? –, und ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Sie biss die Zähne aufeinander, aber glücklicherweise war er es, der den Augenkontakt zuerst abbrach. Er sah von ihr zu Betty, die noch immer glücklich und zufrieden Gras fraß. „Und wer ist das?“

Jo riss sich zusammen. „Das ist Itty Bitty Betty, mein Zwergesel.“

Phillip beugte sich zu dem Tier herunter, streckte ihm die Hand mit der Handfläche nach oben entgegen und ließ es daran schnuppern. „Hallo, Little Bitty Betty. Na, bist du ein braves Mädchen?“

Jo sah davon ab, den Namen zu korrigieren, es war die Mühe nicht wert. Sie beobachtete allerdings interessiert, wie Betty an Phillips Hand schnupperte und sich von ihm die Ohren kraulen ließ.

„Wir haben hier richtig leckeres Gras“, erklärte er dem Esel und klang dabei, als würde er mit einem Kleinkind reden. „Es wird dir hier gefallen.“

Als Jo klar wurde, dass sie Phillip mit offenem Mund anstarrte, fing sie sich sofort wieder. Normalerweise machten ihre Auftraggeber dumme Scherze über Bettys Größe, oder sie erklärten, dass sie für einen Esel, egal wie klein, nichts extra zahlen würden. Nicht aber Phillip.

Als Betty sich wieder dem Gras widmete, sah er mit einem verschmitzten Lächeln hoch zu Jo.

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