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Wie zähmt man eine Prinzessin?

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1. KAPITEL

Lucas, ich bitte Sie. Nehmen Sie diesen Auftrag an. Sie würden mir damit einen persönlichen Gefallen erweisen.

Lucas Garcia fluchte leise vor sich hin, als er sich die Worte ins Gedächtnis rief. Er fürchtete sich vor nichts und meisterte die gefährlichsten Situationen, aber es gehörte nicht zu seinem Spezialgebiet, ein störrisches Mädchen in London aufzuspüren, das sich den Wünschen seines Vaters widersetzte, sich einen Teufel um die Familie scherte und den Pflichten gegenüber seinem Land entzog.

Zu allem Überfluss begann es jetzt auch noch zu regnen, und er trug Zivil. Die feinen Lederschuhe stellten sich als nicht wasserdicht heraus, durch den dünnen Wollstoff seines Anzugs drang Feuchtigkeit. „Dios, was für eine elende Stadt!“, murmelte er und suchte unter der grün-weiß gestreiften Markise eines Cafés am Regent Square Schutz. Selbst einem hartgesottenen Kerl wie ihm wurde es hier ungemütlich. Von Anfang an hatte ihm dieser Auftrag nicht behagt.

Trotzdem ließ er den großen gläsernen Eingang von ComTech nicht aus den Augen. Hier, bei dem führenden biomedizinischen Forschungsinstitut, arbeitete Claudia Verbault. Irgendwann musste sie schließlich hier aufkreuzen.

Bringen Sie meine Tochter nach Hause. Ich traue Ihnen zu, was anderen nicht gelungen ist.

Die hohen Erwartungen in ihn waren natürlich schmeichelhaft, doch aus Eitelkeit hatte er den Auftrag nicht angenommen. Er sah ihn als Befehl an, und Befehle pflegte er auszuführen. Erfolgreich, natürlich. Seit drei Jahren war er Chef der Nationalen Sicherheit von Arunthia. Gehorsam gehörte zu seinem Berufsethos. Gehorsam, Schutzbereitschaft und Ehre bildeten das Dreigestirn, dem er sich moralisch verpflichtet fühlte. Aber diesmal …?

Ich habe ihr geschrieben, sie gebeten. Sie reagiert nicht darauf.

Das Gespräch hatte vor zwei Tagen im Büro seines Auftraggebers stattgefunden. Seitdem fühlte er sich irgendwie unwohl. Lucas zog unwillig an seinem Hemdkraken. Die Krawatte engte ihn ein. Er hasste es, mit so einem Strick um den Hals herumzulaufen.

Was trieb diese Frau dazu, ihr Erbe und Geburtsrecht zu ignorieren? Was für ein Mensch war sie? Wer gab denn ein solch luxuriöses Leben freiwillig auf? Wer verließ Arunthia, ein Land mit angenehm warmen Temperaturen und einer herrlichen Landschaft, um in einem Moloch von Großstadt für den eigenen Unterhalt zu arbeiten?

Kaum hatte er sich diese Fragen gestellt, hielt ein schwarzes Taxi und heraus stieg die Frau, die als Einzige seine Fragen beantworten konnte. Sie war in einen langen grauen Regenmantel gehüllt, unter dem hin und wieder schlanke Fesseln hervorblitzten. Auf schwarzen Halbschuhen eilte sie Richtung Eingang. Das streng hochgesteckte dunkle Haar musste recht lang oder sehr schwer sein, denn der Knoten in ihrem Nacken war alles andere als klein. Mit der großen getönten Brille wollte sie wohl so viel wie möglich von ihrem Gesicht verdecken. Aber das machte sie umso auffälliger und verführte andere dazu, über ihre Augenfarbe zu grübeln. Ihn jedenfalls.

Viel von Prinzessin Claudine Marysse Verbault konnte er nicht erkennen. Aber zweifelsfrei war sie es. Mit hochgezogenen Schultern hastete sie durch den Regen. Lucas spürte förmlich ihre Angst, zu einer Sitzung zu spät zu kommen, die gar nicht stattfand. Dafür hatte er selbst gesorgt.

Mit Mühe unterdrückte er den Impuls, ihr nachzulaufen und sie zu beruhigen. Aber das gehörte nicht zu seiner Aufgabe. Ihre Gefühle gingen ihn nichts an. Mitgefühl war vollkommen unangebracht. Das Flugzeug wartete. Vier Stunden hatte er für den Aufenthalt veranschlagt. Mehr Zeit durfte die Unternehmung nicht in Anspruch nehmen. Er schaute der Prinzessin nach, wie sie ohne Rücksicht auf Pfützen durch den Regen stürmte, und rieb sich nachdenklich das Kinn.

Kampferfahren, wie er war, und gewohnt, die Schwächen des Gegners aufzuspüren, sollte diese Aufgabe eigentlich ein Kinderspiel für ihn sein. Schließlich war die Frau nur eine harmlose Biochemikerin, und er hatte schon wirklich gefährliche Typen festgesetzt. Trotzdem …

Als Claudia Verbault ihr Labor betrat, traf sie fast der Schlag. Der große Raum wirkte wie ausgestorben. Ein Blick auf die Wanduhr, und sie wusste, dass alles zu spät war. „Oh, nein!“, stieß sie hervor und hielt sich am Türrahmen fest, weil ihre Knie nachzugeben drohten.

Über die Ruhe, die hier herrschte, wäre sie an jedem anderen Tag dankbar gewesen. Doch heute hätte der Raum voller Menschen sein sollen. Menschen mit Geld, die bereit waren, ihre Forschungsarbeit zu unterstützen. Deshalb schlug die Wucht der Stille sie fast nieder, und ihre Kehle brannte vor Verzweiflung.

Sie war zu spät gekommen. Zwanzig Minuten zu spät. Nur weil nach ihrem Besuch in der Kinderstation des St. Andrew Krankenhauses, in dem sie über Wochen Daten erhoben hatte, monsunartige Regenfälle den Straßenverkehr fast zum Erliegen gebracht hatten.

Seit Tagen hatte sie sich auf den Termin vorbereitet und deshalb vor Aufregung nachts schlecht geschlafen. So wichtig war er gewesen. Ihr stiegen die Tränen in die Augen. Die vielen gerahmten Fachzeitungsartikel, mit denen sie die Wände geschmückt hatte, damit sich die potenziellen Spender von ihrer Qualifikation und der Bedeutung ihrer Arbeit hätten überzeugen lassen können, verschwammen vor ihren Augen.

Nur noch ein paar Wochen und ihr wäre der Durchbruch gelungen, um an JDMS erkrankte Kinder zu heilen oder ihnen zumindest das Leben zu erleichtern. Aber nach fünfzehn Monaten intensiver Forschung war ihr Budget erschöpft. Und jetzt stand sie vor dem Aus. Die Schuld daran konnte Claudia nur sich selbst geben.

Bevor Selbstvorwürfe ihre Beine lähmten, zwang sie sich, durch den steril weißen Raum zu staksen und sich mit den Unterarmen auf eine der stählernen Arbeitsplatten aufzustützen. Nachdem sie ihren nassen Mantel ausgezogen hatte, ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, warf die Brille achtlos auf den Tisch und barg das Gesicht in den Händen. Was für ein Unglückstag! Schlimmer hätte es nicht kommen können.

„Entschuldigen Sie …“

Claudia fuhr herum und wäre vor Schreck fast vom Sitz gefallen. Dann schnappte sie nach Luft und strich unwillkürlich den feucht gewordenen weißen Laborkittel über den Knien glatt. „Wie sind Sie hier hereingekommen?“

Sie hätte den Mann, der plötzlich im Türrahmen stand, doch früher bemerken müssen. An einem Geräusch oder an einer Erschütterung des Fußbodens vielleicht. Erdbeben kündigten sich doch immer irgendwie an. Jetzt traf es sie jedoch unvorbereitet und schüttelte sie durch.

Wahrscheinlich stand sie unter Schock, weil gerade eben all ihre Hoffnungen und Pläne zerplatzt waren. Mit dem Mann hatte der Aufruhr in ihrem Inneren gewiss nichts zu tun. Normalerweise ließ sie sich nicht von Männern aus der Ruhe bringen. Aber dieser war irgendwie besonders …

Attraktiv, beeindruckend und geradezu umwerfend fand sie ihn mit seinen mindestens eins neunzig, dem warmen bronzenen Ton seiner Haut und dem welligen schwarzen Haar. Und wie er gekleidet war! Der dunkelgraue Anzug saß wie auf den Leib geschneidert. Das blütenweiße Hemd betonte sein markantes klares Gesicht. Seine Haltung drückte Strenge und Autorität aus. Schließlich blieb ihr Blick auf seiner Seidenkrawatte hängen, auf dem Windsorknoten unter seiner Kehle. Er wirkte so selbstsicher, dass sich ihr Magen verkrampfte. Vor Neid oder Angst, sie wusste es nicht.

„Entschuldigen Sie mein Eintreten, aber Sie haben die Tür hinter sich offen gelassen“, sagte er mit leichtem Akzent.

Beim Klang seiner Stimme rieselte ein Schauer über ihren Rücken und hinterließ eine Gänsehaut. Sie senkte den Blick. Bestimmt war nur dieses elende englische Wetter schuld daran, schließlich war sie nass bis auf die Haut.

Sie atmete tief ein und sah ihm in die Augen. Eine unerklärliche Hitzewelle erfasste sie. Nur weil sich ihre Blicke begeg­neten?

Nein, nein. Es war der versteckte Vorwurf in seinem Gesicht, der sie aufbrachte. Was maßte er sich eigentlich an? Er drang in ihr Allerheiligstes ein und schaute sie an, als hätte sie ihm den Tag verleidet.

„Sie haben hier nichts zu suchen“, sagte sie mit fester Stimme.

Wenn sie jemandem den Tag verdorben hatte, dann Tausenden kranker Kinder. Kindern, die an Juveniler Dermatomyositis litten, einer sehr schmerzhaften rheumatischen Erkrankung, die meist auch mit schlimmen Entzündungen der Haut einherging. Ja, sie hatte sogar deren Zukunft verspielt, ihre Gesundheit, ihr Glück. Sie musste jetzt über ein neues Treffen mit Sponsoren nachdenken. Warum waren sie nicht noch eine Weile geblieben? Nur zwanzig Minuten hätten genügt.

Gehörte dieser Mann vielleicht …?

„Warten Sie einen Moment. Sie sind wegen der Forschungsgelder hier?“

Wenn er einer der Geldgeber war, musste sie jetzt an sein gutes Herz appellieren. Falls er überhaupt eines hatte. Er kam ihr jetzt irgendwie verkleidet vor. Als versteckte er etwas hinter seiner adretten Aufmachung.

Er schüttelte den Kopf, und ihre Hoffnung zerplatzte wie ein Luftballon.

„Mein Name ist Lucas Garcia“, sagte er und trat einen Schritt vor, als wäre er ein Gladiator, der die Arena betrat und sich kämpferisch und stolz dem Publikum präsentierte. Dabei sah er mit seinen markanten Wangenknochen, dem kantigen Kinn und den dunkelblauen Augen aus wie ein junger Gott. Wunderschön, doch eigenartig kalt.

Wieder durchfuhr sie ein Schauer, und sie fragte sich, ob sie noch einen sauberen trockenen Laborkittel im Schrank hatte.

„Also, Mr Garcia. Ich fürchte, Sie haben sich in der Tür geirrt.“

Ein hochmütiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ich habe mich gewiss nicht geirrt.“

Natürlich nicht. Irren war schließlich menschlich. Für wen hielt er sich eigentlich?

Ihr Herz zog sich zusammen. Sie jedenfalls bereute, wenn sie Fehler gemacht hatte. Heute war ihr ein unverzeihlicher unterlaufen. Was sollte aus ihr werden, wenn sie andere nicht vor dem bewahren konnte, was sie selbst hatte durchmachen müssen? Die meisten kranken Kinder, die sie kannte, hatten zwar eine Familie, die sich um sie kümmerte, Eltern, die sie liebten. Doch auch sie litten unter Schmerzen und unter Schamgefühlen. Mit zunehmendem Alter wurden die Qualen zwar weniger, Claudia wusste aber aus eigener Erfahrung, dass der seelische Schaden, den die Krankheit zurückließ, nur schwer heilte.

Plötzlich fühlte sie sich unendlich erschöpft. Sie war dem Sieg so nah gewesen. Sie konnte ihn geradezu riechen. Oder woher kam dieser wunderbare hölzerne Duft? Etwa von dem fremden Mann? Herrje, verlor sie jetzt auch noch den Verstand?

„Ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen.“ Seine Worte hallten in dem weiß gekachelten Raum wider.

Diese Stimme. Was hatte er nur an sich?

„Sind wir uns schon einmal begegnet?“

„Nein.“

Er stand nun mit leicht gespreizten Beinen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt da, als erwartete er, dass Claudia sich erhob und vor ihm strammstand. So einem gebieterischen Mann war sie noch nie begegnet. Fast militärisch wirkte er. Aber was wusste sie schon von Männern? Gar nichts. Fast gar nichts.

Sie lebte zurückgezogen. Sie war allein, und das aus Überzeugung. Niemand durfte ihr zu nahe treten, niemand ihren Körper, ihren Geist und ihre Seele berühren. Längst war aus der Verbannung ein selbstgewähltes Exil geworden. So schützte sie sich vor Verletzungen und Leid.

„Ich bin sehr beschäftigt, Mr Garcia“, sagte sie und zog die Ärmel ihres Kittels über die Handgelenke. „Wenn Sie jetzt die Güte hätten …“ Sie unterbrach sich, weil er stirnrunzelnd jede ihrer Bewegungen verfolgte.

„Darf ich nähertreten?“, fragte er, und tat es, ohne die Antwort abzuwarten.

Ohnehin hätte sie nicht nein gesagt. Angesichts seiner imponierenden Größe hatte das Wort sich verflüchtigt. Doch der Selbsterhaltungsinstinkt zwang sie, hinter den Tisch zu flüchten. Da fühlte sie sich sicherer. Scher dich zum Teufel, Adonis!

Offenbar war er nicht nur ein Muskelprotz, sondern auch intelligent, denn er blieb, wo er war, ließ sie aber nicht aus den Augen. Schließlich begegneten sich ihre Blicke. Seine Pupillen weiteten sich, sodass sie fast ganz das Blau der Iris verdrängten. Claudia fühlte sich davon hypnotisiert.

Ihr Puls beschleunigte sich. Das Herz schlug ihr bis zur Kehle. Schließlich zwinkerte sie, um den Blick zu lösen. Doch das machte alles nur noch schlimmer. Die Atmosphäre heizte sich auf. Sie drohte zu verglühen. „Warum starren Sie mich so an?“, flüsterte sie.

„Weil Sie aussehen wie …“ Er blinzelte. Staunen breitete sich auf seinem Gesicht aus, dann Widerwillen und Ärger, als wollte er nicht glauben, was er fühlte und dachte.

Claudia taumelte zurück. Die Vergangenheit holte sie ein. Sie erinnerte sich an Schrecken und Abscheu in den Gesichtern der Menschen, wenn sie sich mit den Symptomen ihrer Krankheit konfrontiert sahen, vor allem der fleckigen Haut. Ihre Hässlichkeit hatte andere hilflos gemacht. Selbst ihre eigene Familie war vor ihr zurückgezuckt.

Warum erinnerte sie sich ausgerechnet jetzt daran?

„Wie wer?“, fragte sie tonlos und tastete auf dem Tisch nach ihrer Brille.

Seine Lippen verzogen sich. Ein fast grausamer Zug spielte um seinen Mund. „Sie sehen Ihrer Mutter sehr ähnlich.“

Claudia hielt inne, ihr Herzschlag setzte aus. Die hellen Deckenlichter schienen zu verlöschen. Ihre kleine heile sterile Welt, ihr Arbeitsplatz, stürzte in sich zusammen. Sie fühlte sich bloßgestellt.

Nichts Böses ahnend hatte sie sich von diesem Mann verzaubern lassen und seinen intensiven Blick missverstanden.

Sein Name, seine tiefe eindringliche Stimme, seine Kraft, seine Grimmigkeit und seine kämpferische Haltung hätten sie misstrauisch machen müssen.

„Meine Eltern haben Sie geschickt“, stellte Claudia atemlos fest.

Nein, nein, nein. Sie konnte und wollte nicht nach Arunthia zurückkehren. Nicht jetzt. Vielleicht niemals. Es war ein Land, das sie nur in ihrer Fantasie besuchte, wenn sie sich besonders einsam fühlte. Und auch nur deshalb, um sich zu vergewissern, dass es ihr allein und in London besser ging als dort.

„Ja“, sagte er, wobei sie eine Kälte wiedererkannte, die sie erschauern ließ. In ihrer Kindheit hatten sich ihre Eltern hochmütig von ihr abgewandt und sie mit feindseliger Ungeduld behandelt.

Gerade diese Ungeduld war es gewesen, die ihr Schicksal besiegelt hatte. Für die Ärzte war Claudia ein Rätsel gewesen. Weil ihre Eltern sie als Störfaktor ihrer schönen heilen Welt empfanden, hatten sie ihre zwölfjährige Tochter nach England verbannt, der Obhut von Pflegerinnen, Gouvernanten und Spezialisten für Kinderkrankheiten übergeben und dann vergessen, dass sie überhaupt existierte.

Sie hatten Claudia auf unverzeihliche Weise betrogen.

Der Schmerz in ihrer Brust stieg bis in ihre Kehle. Sie schloss die Augen, um ihn ertragen zu können.

Man musste nicht besonders schlau sein, um die Botschaft zu verstehen. Der Mann sagte alles. Ihre Eltern wollten irgendetwas von ihr, und diesmal meinten sie es bitterernst.

Wehr dich, Claudia. Du hast früher gekämpft, du kannst es wieder schaffen.

Doch diesmal war sie sich nicht sicher, ob ihre Kraft reichte. Die Beine drohten, sie nicht länger zu tragen. Sie stützte sich auf den Tisch und bat ihren Körper, sich aufrecht zu halten.

Kämpfe, Claudia, du musst kämpfen. Sie brauchen dich nicht. Sie wollten dich nicht, weil du kein perfektes Kind warst. Gib ihnen nicht die Chance, dich wieder zu verletzen!

Schmerzhafte Erinnerungen durchfluteten sie mit solch einer Gewalt, dass sie fürchtete, der Damm, den sie zu ihrem Schutz aufgebaut hatte, könnte brechen. Innerhalb weniger Minuten hatte sich dieser Unglückstag in einen Katastrophentag verwandelt.

Lucas erkannte die Erschütterung der Frau. Nein, er empfand sie. Bis ins Mark traf sie ihn. Seit seiner Kindheit hatte er so etwas nicht mehr erlebt. Während Claudine leichenblass wurde und ihre bernsteingelben Katzenaugen sich weiteten, schaltete sich sein Verstand ab.

Was er gesagt hatte, stimmte. Die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter war frappierend. Allerdings wirkte das makellose, von feinen Locken umrahmte ovale Gesicht von Claudine Verbault eher sanft, während das von Marysse Verbault vor allem Strenge ausstrahlte. Als die Prinzessin sich jetzt vorbeugte und ihre Hand gegen den Bauch presste, breitete sich in seiner Brust ein quälendes Schuldgefühl aus.

Sie war verletzlich und zweifellos befangen. Eigenschaften, die er mit Albträumen und kaltem Schweiß verband. Doch sie schreckten ihn nicht ab, sondern zogen ihn an. Wie ein Messer durchfuhr ihn das Verlangen nach dieser Frau.

Dabei war sie überhaupt nicht sein Typ. Er bevorzugte unkomplizierte Frauen. Diese gehörte gewiss nicht dazu. Außerdem sah sie in ihrem fast bodenlangen Laborkittel aus wie eine Streberin. Er wunderte sich, weshalb er sie trotzdem begehrenswert fand.

Er wusste noch immer nicht, was er sagen sollte. Langsam begann er zu begreifen.

Dios, in dem unförmigen Mantel steckte eine bildschöne Frau. Die schönste, die er je gesehen hatte. Selbst die Königin verblasste neben ihrer zweitgeborenen Tochter.

„Also, Mr Garcia“, sagte Claudine mit fester und kalter Stimme, richtete sich zu voller Größe auf und nahm eine geradezu majestätische Haltung ein. „Wenn meine Eltern Sie geschickt haben, dann gewiss nicht ohne Botschaft an mich. Betrachten Sie sie als überbracht.“

Das war … eine Art Fußtritt, den sie ihm verpasste. Sie wollte ihn schleunigst loswerden. Warum?

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Sie versteckte sich hinter einer Fassade. Ihre Verhüllung, die Brille, all das waren Kunstgriffe, um sich ungehindert in einer Gesellschaft bewegen zu können, die ihre wahre Identität nicht kannte und nicht auf die Idee kommen sollte, nach Ähnlichkeiten zu suchen.

Jetzt fiel ihm auch wieder der Grund seines Hierseins ein. Er ballte die Hände zu Fäusten, spannte die Muskeln an und gewann die Selbstkontrolle zurück.

„Ihre Eltern haben in den vergangenen Monaten zahllose Briefe an Sie geschrieben und keine Antwort erhalten. Sie sind besorgt und möchten, dass Sie nach Arunthia zurückkehren. Nun bin ich hier und verlange Auskunft von Ihnen.“

Hatte sie ernsthaft geglaubt, sie könne ihre Familie wie Luft behandeln? Die Missachtung ihrer Eltern und ihres Landes schrie zum Himmel. Hatte sie denn kein Fünkchen Ehre im Leib?

Was auch immer er von ihr hielt, sie stand in der Hierarchie höher als er, und der Zugang zu ihr war offenbar vermint. Er zog deshalb einen taktischen Rückzug vor, um zu sehen, wie sie reagierte.

„Entschuldigen Sie, Königliche Hoheit.“

Ihr blasses Gesicht zeigte keine Regung.

„Wie ich schon sagte, mein Name ist Lucas Garcia. Ich bin der Oberbefehlshaber der Nationalen Sicherheit von Arunthia.“

„Sehr erfreut. Ich bin beeindruckt“, murmelte sie und hob eine Braue.

Überrascht stellte er fest, dass ihre Lebhaftigkeit in Bitternis umgeschlagen war. So hatte er sie sich vorgestellt. Mit so einer Frau konnte er umgehen.

„Ich danke Ihnen“, sagte er, so freundlich es ging, und deutete eine Verbeugung an.

Claudine heftete den Blick auf ihn. Was für faszinierende Augen! Dann musterte sie ihn mit geschürzten Lippen. Was für ein verlockender Mund! Lucas hielt trotzdem stand. Solche Machtspielchen waren eine Kleinigkeit für ihn.

Sie blinzelte. „Wie geht es meinen geliebten Eltern?“, fragte sie mit honigsüßer Stimme.

Der Bann war gebrochen. Sein kleiner Etappensieg erfüllte ihn mit Genugtuung.

Sie kam hinter dem Tisch hervor und begann, Papiere aufeinander zu stapeln.

„König Henri und Königin Marysse möchten Sie sehen“, sagte er, war aber nicht recht bei der Sache, weil sie weiter Unruhe verbreitete. Offenbar suchte sie etwas.

Mit einem kleinen Seufzer, der eher in ein Schlafzimmer gepasst hätte, beugte sie sich über den Tisch und zog aus dem Stapel etwas hervor. Dabei spannte sich ihr Kittel um ihren perfekten Po, rutschte ein wenig hoch und bot Lucas damit eine kleine Kostprobe vom Anblick ihrer wohlgeformten Fesseln und Waden. Dios, wie sollte ein Mann da … Gerade noch rechtzeitig riss er seinen Blick davon los und schaute zu, wie die Prinzessin sich die große scheußliche Brille umständlich auf die Nase schob. Hin und her gerissen, ob er sie ihr einfach wegnehmen sollte, stieß er einen leisen Fluch aus. Dios, er war hier, damit diese Frau sich in ihr Schicksal fügte.

„Nun, ich verspüre nicht den Wunsch, das Königspaar zu sehen“, sagte sie.

Lucas versuchte, ruhig zu bleiben. „Das ist bedauerlich. Ihre Eltern erwarten Ihre sofortige Heimkehr. Ich bin beauftragt, Sie abzuholen.“

Sie stemmte die Arme in die Hüften. Runde Hüften. Ihre Augen blitzten vor Zorn. „Mr Garcia. Ich bin kein Expresspaket. Wenn Sie es eilig haben, die Tür befindet sich direkt hinter Ihnen. Und sollte ich tatsächlich einmal in Arunthia Ferien machen wollen, dann kann ich allein dorthin reisen. Eine Eskorte benötige ich nicht.“

Er wusste genau, was sie benötigte. Eine schöne …

„Aber der Hauptgrund ist: Ich kann England gerade jetzt nicht verlassen.“

„Vermissen Sie denn Ihre Familie nicht? Haben Sie gar kein Heimweh nach Arunthia?“ Es konnte nicht schaden, ihr Schuldgefühle zu machen.

„Nicht unbedingt.“ Ihre Wangen erröteten.

Log sie, oder schämte sie sich ihrer Kaltschnäuzigkeit? Mit beidem wusste er umzugehen. Doch dann ließ sie die Arme sinken und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass ein Blutstropfen hervorquoll. Sie saugte ihn auf und schnitt eine Grimasse. Wie sollte er das nun verstehen?

Entweder spielte Miss Verbault ihm eine verstörende Art der Selbstbestrafung vor, oder sie war wirklich emotional gestört. Er entschied sich für Ersteres. Sie besaß einfach kein Gewissen, sonst wäre sie längst heimgekehrt.

„Wenn meine Eltern mich wirklich so gern sehen möchten, warum kommen sie dann nicht selbst her?“

„Leider sind sie im Moment unabkömmlich.“

„Unabkömmlich sind sie eigentlich immer, Mr Garcia.“

„Sie regieren ein kleines Land. Das ist ziemlich zeitaufwendig.“ Was verlangte sie denn? Wöchentliche Besuche? Wie engstirnig war sie eigentlich?

„Oh, das weiß ich doch. Seit achtundzwanzig Jahren. Glauben Sie mir.“

Lucas war irritiert. Jede andere Frau wäre überglücklich über Privilegien gewesen. Claudine hingegen wies sie zurück. Ihren Titel, ein Leben in Luxus. Davon träumten die meisten Menschen doch. Dios, die Prinzessin war einfach undankbar. So viele hatten nicht einmal genug zu essen und sehnten sich verzweifelt danach, bei ihrer Familie leben zu können.

Die Frau blieb ihm ein Rätsel. Aber er war nicht hier, um es zu lösen.

Garcia, erledige deine Aufgabe, und sieh zu, dass du mit ihr nichts mehr zu tun hast.

Angriffslustig schob er den Kopf ...

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