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Wie zähme ich einen Herzensbrecher?

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PROLOG

Zwanzig Jahre zuvor …

Oh, wie Piper Kindred dieses spöttische Gekicher und die abfälligen Bemerkungen hinter ihrem Rücken satthatte. Und all das nur, weil sie andere Themen spannend fand und sich anders kleidete als diese dummen Gänse, die sich für nichts anderes interessierten als für die neueste Lippenstiftfarbe und ihre teuren Markenklamotten. Die Jungs in der Klasse waren genauso schlimm. Zwar machten sie sich nicht über Piper lustig, aber sie übersahen sie einfach. Wahrscheinlich weil sie sie nicht einschätzen konnten.

Und wenn schon. Piper hasste die Schule ohnehin. Da sie neu in der Klasse war, kannte sie kaum jemanden. Wenn das so weiterging, dann blieb sie eh nicht länger hier. Warum musste man überhaupt zur Schule gehen? Zu Hause konnte sie doch viel wichtigere Sachen lernen. Rodeoreiten zum Beispiel oder wie man ein Lasso warf.

Auch an diesem Tag musste sie sich wieder allerlei anhören.

„Guck dir doch mal diese komische Gürtelschnalle an!“

„Und Piper, wer heißt schon Piper!“

„Diese Haare! Die sieht ja aus wie ein Clown!“

Piper verdrehte bloß die Augen. Die Mädchen warteten doch nur darauf, dass sie die Nerven verlor. Aber den Gefallen würde sie ihnen nicht tun, niemals! Schon zu oft hatte sie erlebt, dass Kinder sich über ihren Namen und ihre Kleidung lustig machten. Sie trug nun mal gern karierte Flanellhemden und Cowboystiefel. Warum auch nicht? Schließlich war sie Walker Kindreds Tochter. Aber wahrscheinlich hatten diese Idioten noch nie von ihm gehört und wussten nicht, wie berühmt er war.

Auch die dummen Bemerkungen über ihr Haar waren ihr nicht neu. Sie hatte rote Locken, na und? Die Mädchen waren ja bloß neidisch. Eigentlich war Piper sogar ganz froh, dass sie anders war.

„Lass dich nicht ärgern.“

Erstaunt drehte Piper sich um. Vor ihr stand ein Junge, gut einen Kopf größer als sie. Er hatte die Daumen in die Gürtelschlaufen eingehakt und sah sie mit den blausten Augen an, die sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Das kräftige dunkelbraune Haar fiel ihm tief in die Stirn.

Cool. „Nein, von denen schon lange nicht.“ Sie lächelte ihn an. „Die sind mir genauso egal wie diese blöde Schule.“

Er lachte. „Ich bin Ryan Grant. Hatte den Eindruck, dass du ein bisschen Unterstützung gebrauchen könntest.“

„Danke, aber ich komme ganz gut allein zurecht. Diese Loser haben ja keine Ahnung, wie toll die Gürtelschnalle ist. Mein Dad hat sie mir mitgebracht, nachdem er das große PRCA-Rodeo gewonnen hat.“

Ryan kam einen Schritt näher und starrte Piper ungläubig an. „Dein Dad hat das PRCA-Rodeo gewonnen?“

„Allerdings.“

Er runzelte die Stirn. „Lügst du, um dich wichtig zu machen?“

„Was?“ Empört sah Piper ihn an. „Das habe ich nicht nötig! Mein Vater ist supercool. Er kann jedes Pferd reiten!“

Und wenn schon. Wahrscheinlich konnte ihr Vater gut reiten und arbeitete irgendwo als Cowboy. „Wie heißt denn dein Vater?“

„Walker Kindred.“

Ryan lachte ungläubig. „Jetzt lügst du aber!“

„Mir doch egal, was du denkst. Ich heiße Piper Kindred, und Walker ist mein Vater. Wahrscheinlich hast du sowieso keine Ahnung von Rodeos. Und weißt nicht, was PRCA bedeutet.“

„Doch. Professional Rodeo Cowboys Association“, gab er triumphierend zurück. „Und ich weiß auch, wer Walker Kindred ist.“

„Und trotzdem meinst du, dass ich lüge? Warum?“

„Weil … weil du ein Mädchen bist. Normalerweise interessieren sich Mädchen nicht fürs Rodeo.“

Jungs … Die schnallen das einfach nicht. Piper verdrehte seufzend die Augen. Es hatte keinen Sinn, sich mit ihnen abzugeben. „Wenn du meinst. Aber das ist mir jetzt alles zu blöd.“ Sie wandte sich zum Gehen, doch Ryan hielt sie am Arm fest.

„Nicht so schnell. Du hast mir eine Rodeo-Frage gestellt, jetzt bin ich dran. Die kannst du bestimmt nicht beantworten.“

Schnell machte sie sich frei und gab ihm einen so kräftigen Schubs, dass er hinfiel. „So, glaubst du? Ich lüge nicht. Walker ist mein Vater. Und ich weiß bestimmt mehr über Rodeos als du.“

Ryan stand langsam auf und klopfte sich lächelnd den Staub von der Hose. „Nicht schlecht für ein Mädchen. Wie ist es, hast du nach der Schule noch ein bisschen Zeit?“

Misstrauisch musterte Piper ihn. „Nicht wenn du glaubst, dass ich nichts vom Rodeo verstehe, nur weil ich ein Mädchen bin.“

Er lachte. „Fällt mir nicht im Traum ein! Also, was ist? Nach der Schule?“

Zögernd nickte sie. Vielleicht nicht schlecht, hier einen Freund zu haben.

1. KAPITEL

Entsetzt starrte Piper Kindred auf den Unfallwagen. Das sah wirklich schlimm aus. Ganz bestimmt gab es Tote. Der schwarze BMW lag auf dem Dach, Glas und Blechteile waren überall verstreut, und der Sattelschlepper, mit dem der Sportwagen zusammengestoßen war, hing auf der Seite und blockierte beide Fahrbahnen.

Als Sanitäterin hatte Piper schon viele Unfälle und ihre oft tödlichen Folgen gesehen. So schnell verlor sie nicht mehr die Nerven. Aber diesen Wagen kannte sie nur zu gut, und die Furcht schnürte ihr fast die Kehle zu. Denn der BMW gehörte ihrem besten Freund Ryan Grant.

Kaum hielt der Krankenwagen, griff sie nach ihrer roten Tasche und stieß die Tür auf. Die Novembersonne hatte noch viel Kraft. Aber Piper spürte sie nicht. Ihr war eiskalt vor Angst. Sie rannte zur Unfallstelle. Oh Gott, bestimmt war es Ryan. Wer sonst sollte sein Auto gefahren haben? Beim Näherkommen sah sie, dass das Fahrzeug leer war. Gut, dann war er wenigstens nicht irgendwo eingeklemmt. Aber wahrscheinlich schwer verletzt, wenn nicht sogar …

Sie sah sich um. Kein Ryan. Vielleicht saß er bereits in dem zweiten Krankenwagen, hielt sich einen Eisbeutel an die Stirn und war nur leicht verletzt. Aber das durfte sie jetzt nicht interessieren. Sie musste sich um die anderen Verletzten kümmern. Schnell lief sie auf den umgekippten Anhänger zu.

Dort hatten sich bereits viele Polizisten versammelt und versuchten, die heftig gestikulierenden Menschen zu beruhigen. Es gab viele, wenn auch nicht schwer Verletzte, die unrasiert und schäbig gekleidet waren. Da sie mexikanisch sprachen und Piper von einem der Polizisten das Wort „illegal“ aufschnappte, war ihr bald klar, was hier los war. Offenbar waren die Menschen in dem Anhänger illegal über die Grenze gekommen – und hier mit Ryans BMW zusammengestoßen.

Wenig später hörte sie, wie sich zwei FBI-Leute über die blinden Passagiere unterhielten. Auch Piper konnte sich nur wundern, unter welch harten Bedingungen Menschen eine solche Flucht wagten. Aber darüber durfte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Legal oder illegal, sie war hier, um die Verletzten zu versorgen.

„Was kann ich tun?“ Sie trat neben einen Kollegen, der gerade das Bein eines Mannes untersuchte.

„Der Fahrer ist ziemlich durcheinander.“ Der Sanitäter warf Piper kurz einen Blick zu und wandte sich dann wieder an den Mann, der offenbar große Schmerzen hatte. „Er sitzt in dem Polizeiwagen da hinten und wird wohl schon verhört. Er scheint kaum verletzt zu sein, aber er hat erweiterte Pupillen und klagt über Rückenschmerzen. Er behauptet, keine Ahnung gehabt zu haben, wer sich da in seinem Anhänger versteckt hat.“

„Ich seh ihn mir mal an.“ Piper nickte dem Sanitäter zu und lief zu dem Wagen. Ein Polizist lehnte an der offenen Tür. Auf dem Rücksitz saß der Fahrer des Sattelschleppers und beteuerte seine Unschuld. „Ich schwöre, ich wusste nichts von den Leuten im Anhänger. Das müssen Sie mir glauben! Ich wollte gerade auf die andere Fahrbahn wechseln, als der schwarze Wagen plötzlich auftauchte. Ich hab ihn nicht gesehen. Wirklich nicht!“

Piper trat an den Polizisten heran. Erst einmal musste sie feststellen, ob der Fahrer ärztliche Hilfe brauchte. „Officer, kann ich mir den Mann mal eben ansehen? Hat er nicht was von Rückenschmerzen gesagt?“

Der Polizist nickte und richtete sich auf. „Ja, hat er.“

„Sir.“ Piper bückte sich und sah sich den Mann genauer an. Er hatte einen aschblonden ungepflegten Bart, einen dicken Bauch, der ihm über die ausgeblichene Jeans hing, und gelbe Raucherfinger. „Ich heiße Piper Kindred und bin Sanitäterin. Sie haben Rückenschmerzen? Können Sie stehen?“

Er nickte, schob sich aus dem Wagen und stand schwerfällig auf. Als er sich langsam aufrichtete, zuckte er plötzlich zusammen und legte sich die Hand auf den Rücken. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

Hatte er wirklich Schmerzen, oder wollte er nur den Polizisten beeindrucken? Das ließ sich nicht so leicht abschätzen. „Kommen Sie bitte mit mir zum Krankenwagen.“ Piper lächelte den Mann kurz an. „Vielleicht bringen wir Sie später noch ins Krankenhaus, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist. Aber die erste Untersuchung kann ich hier machen.“

„Danke, Ma’am.“

Während sie den Mann zum Krankenwagen führte, sah sie sich hastig um. Wo war Ryan? Hatte man ihn bereits ins Krankenhaus gebracht? War er vielleicht lebensgefährlich verletzt? Diese Ungewissheit machte sie ganz verrückt. Immerhin hatte man keinen Hubschrauber gerufen – wie sonst, wenn ein Leben in Gefahr war. Das war ein kleiner Trost. Nicht nur wegen Ryan, sondern auch wegen der anderen Menschen, die an dem Unfall beteiligt waren.

Gerade als sie dem Fahrer in den Krankenwagen half, kam noch eine Ambulanz. Da die Sanitäter eilig in Richtung der Verletzten rannten, folgte sie ihnen. Vielleicht konnte man dort ihre Hilfe brauchen. Der Fahrer war erst einmal gut untergebracht.

Sie drängte sich durch die Menge – und plötzlich setzte ihr Herz einen Schlag aus, als sie der Blick aus zwei dunklen Augen traf. Der Mann saß mitten unter den verletzten Mexikanern, aber sie kannte ihn! Himmel, wie war das möglich? War er es wirklich? „Alex …?“, wisperte sie und war mit ein paar schnellen Schritten neben ihm.

Sollte es tatsächlich Alex Santiago sein, der Mann, der Monate zuvor spurlos verschwunden war? Jetzt beschattete er die Augen mit der Hand und sah sie an. Ja, es war Alex, auch wenn sie ihn erst auf den zweiten Blick erkannte, weil ihm das Haar verfilzt vom Kopf abstand und er sich offenbar lange nicht rasiert hatte. Alex Santiago, der seit Monaten Stadtgespräch war und nach dem ganz Royal suchte. Der Mann, über dessen Verschwinden die wildesten Gerüchte kursierten.

„Alex, wie, um alles in der Welt, bist du hierhergekommen?“, fragte Piper ihn leise, während sie vorsichtig eine Beule an seinem Kopf abtastete.

„Autsch!“ Er zuckte zusammen. „Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Ich bin nicht Alex.“

Langsam beugte Piper sich vor und blickte ihm in die Augen. Selbstverständlich war er es. Sie erkannte doch ihren Freund, selbst wenn sie ihn viele Monate nicht gesehen hatte. Vielleicht hatte er eine Gehirnverletzung und konnte sich deshalb nicht mehr an seinen Namen erinnern. „Du heißt Alex Santiago“, erklärte sie nachdrücklich.

Doch wieder blickte er sie nur verwirrt an und schüttelte den Kopf. „Den Namen habe ich noch nie gehört.“

Das Herz wurde ihr schwer. Eine Gedächtnisstörung? „Wie heißt du denn?“

Er zog die Brauen zusammen, überlegte, wollte etwas sagen, zögerte. Dann brachte er hervor: „Ich kann mich nicht erinnern. Was ist denn mit mir los? Warum kann ich mich nicht an meinen Namen erinnern?“

„Offenbar bist du irgendwo heftig mit dem Kopf aufgeschlagen. Und hast dir möglicherweise auch ein Handgelenk gebrochen.“

Erst jetzt schien ihm aufzufallen, dass er sein Handgelenk umfasst hielt. Erneut schüttelte er verwirrt den Kopf. „Kann sein.“

Noch stand er unter Schock, aber bald würden starke Schmerzen einsetzen.

„Komm. Wir bringen dich ins Krankenhaus, da können die Ärzte dich genauer untersuchen. Ganz bestimmt kannst du dich sehr schnell wieder an alles erinnern. Ich bin Piper Kindred, eine gute Freundin von dir. Weißt du noch, wie du in den Anhänger gekommen bist?“

Sie half ihm aufzustehen und legte ihm den Arm um die Hüften, um ihn zu stützen. „Kannst du das Stück bis zu dem Krankenwagen gehen, oder soll ich eine Trage holen?“

„Nein, geht schon.“

Mit tastenden Schritten bewegte er sich vorwärts und lehnte sich dabei schwer auf Piper. Vorsichtig half sie ihm auf die Trage im Krankenwagen. „Weißt du, wo du bist?“

Verständnislos blickte er sie an und schüttelte den Kopf.

Ihr Herz krampfte sich zusammen, doch sie lächelte ihm aufmunternd zu. „Das wird schon wieder.“

„Können wir los?“

Piper sah den Sanitäter an, der sich zu Alex ans Bett gesetzt hatte. Ja, aber ohne sie. Sie musste unbedingt herausfinden, was mit Ryan war. „Ja, bringt ihn ins Krankenhaus. Er scheint vorübergehend das Gedächtnis verloren zu haben. Sag den Ärzten, dass es sich um Alex Santiago handelt, der seit Monaten vermisst wird. Ich werde gleich die Polizei informieren.“

Wieder warf sie Alex ein herzliches Lächeln zu. „Keine Sorge, du bist jetzt in guten Händen. Und ich komme, so schnell ich kann.“ Sie schloss die Tür und schlug zweimal dagegen. Der Wagen fuhr ab.

Aber wo war Ryan? Er musste doch irgendwo sein. Da endlich sah sie ihn, und die Knie wurden ihr weich vor Erleichterung. Er stand ein paar Meter von seinem Wagen entfernt an der Straße und wirkte unverletzt. Aber das konnte täuschen, das wusste Piper nur zu genau. Manche inneren Verletzungen zeigten sich erst nach Stunden und konnten durchaus tödliche Folgen haben. So etwas hatte sie oft genug erlebt.

Während sie auf ihn zulief, gingen ihr tausend Dinge auf einmal durch den Kopf. Sie musste ihm unbedingt von Alex erzählen, dem Freund, der seit Monaten vermisst wurde und nun auf dem Weg ins Royal Memorial Hospital war. Der ein gebrochenes Handgelenk hatte und sich nicht erinnern konnte, wer und wo er war. Wie, um Himmels willen, war er in diesen Anhänger mit den illegalen Mexikanern gekommen? Und warum? Das alles konnte Piper sich nicht erklären, aber eins war ihr klar: Alex musste schrecklich zumute sein, verwirrt und verängstigt, wie er war.

Als sie näher kam, sah sie, dass Ryan sich die Seite hielt. Neben ihm stand ein Polizist und notierte, was Ryan ihm erzählte. Deshalb blieb sie ein paar Meter vor den beiden stehen, um abzuwarten, bis Ryan seine Aussage gemacht hatte. Er hatte einen Bluterguss über der rechten Augenbraue und offenbar Schmerzen in der rechten Seite. Am liebsten hätte Piper ihn umarmt. Sie hatte große Angst um ihn gehabt und schon das Schlimmste befürchtet. Aber wahrscheinlich würde er sie nur auslachen. Ihm als einem der Topstars im Rodeo-Zirkus konnte doch nichts passieren …

Vielleicht hatte er recht. Denn sehr oft hatte sie zusehen müssen, wie er sich nur mit Mühe auf dem bockenden Pferd hielt, wie er hin und her geschleudert und schließlich doch abgeworfen wurde. Und immer wieder war er aufgestanden und hatte die Arena aufrecht verlassen. Aber als sie seinen schrottreifen BMW entdeckt hatte, hatte sie nicht damit gerechnet, den Freund lebend wiederzusehen.

Sowie der Polizist den Notizblock zugeklappt und sich entfernt hatte, trat Piper auf Ryan zu. Seine Augen leuchteten auf, und er lächelte. „Oh, hallo, Piper.“

Dieses Lächeln … Welche Frau konnte dem widerstehen. Nicht viele, wenn man den Gerüchten glauben wollte. Zu den wenigen gehörte Piper, denn Ryan war ihr bester Freund, und sie wollte nichts tun, was diese Freundschaft gefährdete. Auch wenn ihr das nicht immer leichtfiel, denn Ryan Grant war unverschämt sexy. Sein nur schwer zu bändigendes dunkles Haar war meist unter einem schwarzen Stetson verborgen, und in seinem sonnengebräunten Gesicht fielen die leuchtend blauen Augen besonders auf. Er war groß, schlank und muskulös, und die ausgeblichene Jeans umschloss eng die schmalen Hüften.

„Da bist du ja …“ Ihre Stimme brach, und sie musste sich räuspern. „Du solltest dich unbedingt untersuchen lassen, Ryan.“

Doch er lachte nur. „Nicht nötig. Das sind Kleinigkeiten.“ Er griff nach ihren Händen und drückte sie. „Mach dir keine Sorgen, Piper. Mit mir ist alles in Ordnung.“

„Keine Widerrede. Wir müssen sowieso ins Krankenhaus. Denn dort ist jemand, den du unbedingt sehen musst.“

„So?“ Ryan zuckte kurz mit den Schultern und hielt sich dann mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Seite. „Wer denn?“

Sie runzelte die Stirn. „Etwas ist mit deinen Rippen. Vielleicht sind sie gebrochen, vielleicht auch nur verstaucht. Auf alle Fälle musst du dich röntgen lassen“, sagte sie streng.

„Lenk nicht ab. Von wem sprichst du?“

„Alex.“

„Alex?“ Verständnislos starrte er sie an. „Alex Santiago?“

Sie nickte. „Ja. Er war hinten in dem Extraabteil des Sattelschleppers, in dem sich die Flüchtlinge versteckt hatten.“

„Das kann nicht sein.“ Ryan sah sie an, als zweifle er an ihrem Verstand. „Er war mit den Mexikanern zusammen?“

„Ja. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen.“

„Aber warum? Was wollte er da?“

„Das weiß er nicht. Aber jetzt komm.“ Fürsorglich legte sie Ryan den Arm um den Rücken. „Er kann sich nicht erinnern.“

„Was? Er weiß nicht, wie er in den Sattelschlepper gekommen ist?“

„Nein. Er erinnert sich an nichts. Nicht an seinen eigenen Namen, nicht an mich.“

„Verdammt!“, fluchte Ryan leise und sah sich kurz nach den Mexikanern um, die von Sanitätern versorgt und von Polizisten befragt wurden. „Er hat sein Gedächtnis verloren?“

„Zumindest vorübergehend. Er hat eine ziemliche Beule am Kopf, wahrscheinlich von dem Unfall. Er ist schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Nun komm endlich.“

Ryan machte ein paar Schritte und blieb dann wieder stehen. „Aber glaub nicht, dass ich mich untersuchen lasse. Ich komme nur mit, weil ich Alex sehen will.“

Piper musterte ihn schweigend, und allmählich wurde Ryan unruhig.

„Was ist?“, fragte er. „Du bist so blass.“

„Keine Sorge, alles okay.“ Sie grinste breit. „Aber eins verspreche ich dir. Wenn die Ärzte dich untersucht haben und dich als gesund entlassen, dann kannst du was erleben! Ich habe mich zu Tode geängstigt, als ich deinen Wagen sah. Ich war sicher, dass du da nicht lebend rausgekommen bist.“

„Na, na, Mädchen, jetzt beruhig dich mal. Mir passiert nichts, das weißt du doch.“ Wieder warf er ihr dieses Killerlächeln zu. „Und jetzt lass uns zum Krankenhaus fahren.“

Doch als er in den Wagen steigen wollte, hielt Piper ihn am Arm fest. „Cara, was ist mit Cara? Wir müssen sie unbedingt anrufen.“ Alex’ Verlobte Cara Windsor war sicher ungeheuer erleichtert, wenn sie erfuhr, dass Alex am Leben war.

„Lass uns erst mit den Ärzten sprechen. Wir müssen wissen, wie es mit Alex’ Erinnerungsvermögen aussieht, und Cara dann vorsichtig darauf vorbereiten.“

„Ja, du hast recht. Während du untersucht wirst, kann ich mich nach Alex erkundigen.“

„Aber Piper …“

„Nix aber!“, unterbrach sie ihn sofort. „Mir ist immer noch ganz elend. Nicht zu wissen, was mit dir ist, hat mich fast umgebracht. Du lässt dich röntgen, und damit basta! Und jetzt rein mit dir. Ab ins Krankenhaus.“

2. KAPITEL

„Nichts gebrochen.“

„Gut.“ Piper stand neben Ryans Bett und blickte lächelnd auf den Freund hinunter. „Was haben die Ärzte denn sonst noch gesagt?“

„Nicht viel.“

„Nichts von Gehirnerschütterung und verstauchten Rippen?“

Er grinste verlegen. „Na ja, vielleicht. Aber ich fühle mich topfit. Ein paar Schmerztabletten und Grandpas alten Bourbon, mehr brauche ich nicht. Der heilt alles, sagt Grandpa immer.“

Doch Piper schüttelte energisch den Kopf. „Du hast eine Gehirnerschütterung, Ryan. Kein Alkohol!“

Gott, sah sie süß aus in ihrer knappen Sanitäteruniform. Vor allem wenn sie wütend war. „Ihr Mediziner seid wirklich Spielverderber! Ich hab schon ganz andere Schmerzen aushalten müssen.“

Doch sie war nicht zu erweichen. „Du bleibst heute Nacht bei mir und kurierst dich aus. Keine Widerrede!“

Als ob er eine solche Einladung ablehnen würde. Piper war zwar seine beste Freundin, aber eigentlich würde er ihr Verhältnis gern vertiefen. Vielleicht ergab sich jetzt endlich die Gelegenheit dazu. Auch wenn er eine leichte Gehirnerschütterung hatte, war er im Übrigen doch ziemlich „lebendig“. Bisher hatte er sich mit einer rein platonischen Freundschaft zufriedengegeben. Schließlich war er ständig auf Reisen. Außerdem schien Piper an mehr nicht interessiert zu sein. Wie oft hatte sie betont, dass sie nie etwas mit einem Cowboy anfangen würde. Wahrscheinlich weil auch ihr Vater ein Rodeo-Star gewesen war und sie das harte Leben nur zu gut kannte.

Doch nun würde Ryan einige Zeit hierbleiben müssen. Warum sollte er da nicht testen, ob auch etwas anderes als nur Freundschaft möglich war? „Nichts dagegen. Ich lasse mich gern von dir verwöhnen. Aber nur, wenn du mir deine berühmte Hühnersuppe kochst.“

„Was? Auch noch Ansprüche?“ Sie lachte, setzte sich auf die Bettkante und griff nach seiner Hand.

Ihm wurde ganz warm … „Was ist denn nun mit Alex?“, versuchte er sich abzulenken. „Hast du mit den Ärzten gesprochen? Und Cara angerufen?“

„Die Ärzte sind sich nicht sicher, ob der Gedächtnisverlust überhaupt etwas mit dem Unfall zu tun hat. Vielleicht hat er schon vorher darunter gelitten. Alex hat alte Blutergüsse und kaum vernarbte Wunden – entweder von einem früheren Unfall oder irgendwelchen Prügeleien. Sein Handgelenk ist gebrochen und muss operiert werden.“

Wenn es weiter nichts ist … Ryan atmete erleichtert auf. Immer noch konnte er kaum fassen, dass Alex tatsächlich wieder aufgetaucht war. Seit Monaten fragten sich die Einwohner von Royal, was mit ihm passiert sein könnte. Eine Entführung des ausgesprochen wohlhabenden Finanzbrokers hatte man bald ausgeschlossen, denn es waren keine Lösegeldforderungen eingetroffen. War er einfach abgehauen? Aber warum? War er tot? Wie auch immer: Jetzt war er wieder da, Gott sei Dank. Und sowie sein Gedächtnis wieder funktionierte, würde man Genaueres erfahren. „Was ist mit Cara?“

„Ich habe nur mit der Schwester gesprochen. Cara wurde informiert und ist sicher auf dem Weg hierher.“

„Was genau haben sie ihr denn gesagt?“

„Dass er lebt, aber in einen Unfall verwickelt war. Sie haben auch den Gedächtnisverlust erwähnt und das gebrochene Handgelenk.“

„Die arme Cara. Wahrscheinlich ist sie außer sich vor Angst.“

Piper nickte. „Ja, bestimmt.“

„Wann kann ich denn endlich aufstehen?“ Ungeduldig richtete Ryan sich auf. „Ich möchte Alex sehen. Außerdem sollte jemand bei Cara sein. Die beiden brauchen jetzt ihre Freunde.“

„Nicht so hastig.“ Piper drückte ihn wieder auf die Matratze zurück. „Dr. Meyers ist bereit, dich zu entlassen. Allerdings nur, wenn du über Nacht nicht allein bleibst. Ich habe ihm gleich versichert, dass du bei mir in guten Händen bist.“

In deinen Händen … sehr gern. Wieder ging seine Fantasie mit ihm durch. Aber er durfte sich nichts vormachen. Für Piper war er nur ein guter Freund, nicht mehr und nicht weniger. Und selbst wenn sie mehr für ihn empfand, sie war viel zu diszipliniert, als dass sie diesen Gefühlen nachgegeben hätte. Außerdem würde sie nie vergessen, wie selten ihr Vater zu Hause gewesen war und wie sehr die Familie darunter gelitten hatte. Ein Cowboy, noch dazu ein Rodeo-Reiter, kam für sie nicht infrage.

Noch war er nicht bereit, seinen Beruf ganz aufzugeben, auch wenn er sich kürzlich eine Ranch außerhalb von Royal gekauft hatte. Er hatte vor, eine Rodeo-Schule zu eröffnen, denn er wollte seine Liebe für diesen Sport gern an die nächste Generation weitergeben.

Aber jetzt freute er sich erst einmal auf eine Nacht mit Piper in ihrem kleinen Bungalow … „Dann lass uns mal eben Alex besuchen“, sagte er und schlug die Bettdecke zurück. „Ist er noch in der Notaufnahme oder schon in seinem Zimmer?“

„Im Zimmer. Sowie der Chirurg Zeit hat, soll Alex operiert werden, was hoffentlich bald der Falls sein wird. Wegen seines Schädeltraumas müssen sie mit den Betäubungsmitteln sehr vorsichtig sein.“

Da ihm ein wenig schwindelig war, richtete Ryan sich sehr behutsam auf. Als Piper sah, dass er sich auf dem Bett abstützte, legte sie den Arm um ihn. „Komm, du kannst dich ruhig auf mich stützen.“

„Danke, geht schon. Da kenne ich Schlimmeres.“ Fühlte sich gut an, sie so dicht an seiner Seite …

Schweigend fuhren sie im Fahrstuhl nach oben. Als sich die Türen öffneten, ließ Ryan Piper vorgehen. Sie kannte sich hier besser aus. „Er liegt im letzten Zimmer rechts“, sagte sie, als sie auf den langen Flur traten. „Was meinst du, ...

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