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Wie wird man einen Herzog los in zehn Tagen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel Eins
  8. Kapitel Zwei
  9. Kapitel Drei
  10. Kapitel Vier
  11. Kapitel Fünf
  12. Kapitel Sechs
  13. Kapitel Sieben
  14. Kapitel Acht
  15. Kapitel Neun
  16. Kapitel Zehn
  17. Kapitel Elf
  18. Kapitel Zwölf
  19. Kapitel Dreizehn
  20. Kapitel Vierzehn
  21. Kapitel Fünfzehn
  22. Kapitel Sechzehn
  23. Kapitel Siebzehn
  24. Kapitel Achtzehn
  25. Kapitel Neunzehn.
  26. Kapitel Zwanzig
  27. Kapitel Einundzwanzig
  28. Kapitel Zweiundzwanzig
  29. Kapitel Dreiundzwanzig
  30. Kapitel Vierundzwanzig
  31. Kapitel Fünfundzwanzig
  32. Kapitel Sechsundzwanzig
  33. Kapitel Siebenundzwanzig
  34. Kapitel Achtundzwanzig
  35. Kapitel Neunundzwanzig
  36. Kapitel Dreißig
  37. Kapitel Einunddreißig
  38. Kapitel Zweiunddreißig
  39. Kapitel Dreiunddreißig
  40. Kapitel Vierunddreißig
  41. Kapitel Fünfunddreißig
  42. Kapitel Sechsunddreißig
  43. Kapitel Siebenunddreißig
  44. Kapitel Achtunddreißig
  45. Kapitel Neununddreißig
  46. Kapitel Vierzig
  47. Kapitel Einundvierzig
  48. Kapitel Zweiundvierzig
  49. Kapitel Dreiundvierzig
  50. Kapitel Vierundvierzig
  51. Kapitel Fünfundvierzig
  52. Kapitel Sechsundvierzig
  53. Kapitel Siebenundvierzig
  54. Kapitel Achtundvierzig
  55. Kapitel Neunundvierzig
  56. Kapitel Fünfzig
  57. Kapitel Einundfünfzig
  58. Kapitel Zweiundfünfzig
  59. Kapitel Dreiundfünfzig
  60. Kapitel Vierundfünfzig
  61. Kapitel Fünfundfünfzig

Über dieses Buch

Manchmal ist ein Kuss die beste Waffe …

Lady Lucy ist bekannt für ihre scharfe Zunge. Und die bekommt neuerdings vor allem der Herzog von Claringdon zu spüren. Der vermaledeite Kerl will einfach nicht einsehen, dass ihre Freundin Cassandra nichts von ihm will. Diese ist nur zu schüchtern, es ihm selbst zu sagen. Also übernimmt Lucy das und gerät wieder und wieder in hitzige Debatten mit dem zugebenermaßen sehr attraktiven Herzog. Bis eines Abends ein leidenschaftlicher Streit plötzlich in einem noch leidenschaftlicheren Kuss endet …

Tolle Figuren, freche Dialoge und jede Menge Humor und Romantik – das perfekte Buch, um dem grauen Alltag zu entfliehen!

Über die Autorin

Valerie Bowman ist in Illinois als jüngste von sieben Schwestern aufgewachsen und hat schon in ihrer Jugend die Lektüre von Liebesromanen geliebt. Sie hat einen Abschluss in englischer Sprache und Literatur und arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin bei einem Software-Unternehmen. Sie war bereits mehrfach für einen Romantic Times Award nominiert, u.a. auch mit ihrem Roman Wie wird man einen Herzog los in zehn Tagen. Heute lebt sie mit ihrer Familie und ihrem Hund Roo in Jacksonville, Florida.

Mehr Informationen über die Autorin finden Sie auf ihrer Homepage: www.valeriebowmanbooks.com

Valerie Bowman

Wie wird man einen
Herzog los in zehn Tagen

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Anita Nirschl

Für meine Schwester Janet Culkin,
die den IT-lern bei der Arbeit erklären muss,
warum in ihrem Büro Buchcover mit halb nackten
Männern an der Wand hängen.

Ich liebe dich, Janny.

Kapitel Eins

London, Ende Juni 1815

Lady Lucy Upton pustete sich etwas Laub aus dem Mundwinkel. Zweige im Gesicht und den Mund voll Blattwerk zu haben ließ sich leider kaum vermeiden, wenn man mit dem Kopf in einer Hecke steckte. Davon abgesehen war es diesen Abend ein bisschen kühl hier draußen. Aber da das Ganze ihre Idee gewesen war, würde sie die Sache nun auch durchziehen.

Lucy hatte gut versteckt hinter den Büschen im Garten der Chambers Position bezogen, nur wenige Schritte von ihrer teuersten Freundin Cassandra Monroe entfernt. Im Innern des stilvollen Stadthauses mochte gerade ein Ball stattfinden, aber hier draußen waren sie allein … Für den Augenblick zumindest. Lucy schob den Kopf so weit wie möglich durch die Zweige und reckte den Hals, um Cass sehen zu können.

Cass stand auf der anderen Seite der Hecke und rieb sich mit zitternden Händen die blassen Arme. »Was ist, wenn ich dich nicht hören kann, Lucy?«, flüsterte sie.

»Sei nicht nervös, Cass. Ich bin direkt hinter dir.«

Cass schluckte und nickte zögerlich.

»Siehst du? Das hast du doch gehört, oder etwa nicht?«

Ein weiteres zittriges Nicken von Cass.

»Ausgezeichnet«, rief Lucy aus.

Im ganzen Garten waren Kerzen verteilt, die den Kiesweg, auf dem Cass stand, in warmen Lichtschein tauchten. »Was, wenn er nicht kommt?« Cass zupfte an ihren Handschuhen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie nervös war.

»Er wird kommen. Das hat er doch gesagt, oder nicht? Und Jane hat sich bereit erklärt, im Saal zu bleiben und ein Auge auf alles zu haben. Ganz besonders auf deine Mutter.«

»Ja, er hat gesagt, dass er kommt. Obwohl ich weiß Gott am liebsten vor Scham sterben würde. Und falls Mutter herausfindet, dass ich hier draußen im Garten bin, um mich mit einem Mann zu treffen, wird sie mich ganz sicher enterben.«

Lucy gab ein abfälliges Stöhnen von sich. »Nicht, wenn es sich bei dem fraglichen Mann um den Duke of Claringdon handelt.«

»Mama wird so wütend sein, wenn sie erfährt, dass ich ihm einen Korb gebe.« Cass biss sich auf die Lippe.

Lucy machte es sich hinter der Hecke ein wenig bequemer. »Darum geht es ja. Wir müssen sicherstellen, dass sie es nicht erfährt.«

Noch mehr Gezupfe an den Handschuhen. »Was ist, wenn der Herzog dahinterkommt, dass du dich hier versteckst, und wütend wird?«

»Musst du dir denn ständig Sorgen machen, Cass? Er wird es schon nicht bemerken. Und selbst wenn, hat er gar kein Recht, wütend zu werden. Obwohl ich ihm für seine Tapferkeit im Krieg auch Anerkennung zolle, ist das doch schwerlich ein Garant dafür, dass er einen guten Ehemann abgeben würde.«

»Für irgendjemanden würde er gewiss einen ganz vortrefflichen Ehemann abgeben, da bin ich mir sicher. Es ist nur …« Cass wandte den Blick ab.

Lucy verstand, und vor Mitgefühl brach es ihr das Herz. Unerwiderte Liebe war etwas Schreckliches. »Er ist nicht Julian.«

Cass ließ den Kopf hängen. »Cousine Penelope meint, es könnte nun jeden Tag so weit sein, dass Julian heimkehrt, aber … Ich kann einfach nicht …«

»Du brauchst nichts zu erklären, Cass. Ich verstehe. Nun ja, ich verstehe zwar nichts von der Liebe, da ich selbst noch nie verliebt war, aber mach dir keine Sorgen. Zuerst einmal kümmern wir uns darum, den Herzog loszuwerden, und dann werde ich dafür sorgen, dass du deine Chance bei Julian bekommst.«

Cass rieb sich mit frischem Nachdruck die Arme. »Es ist lächerlich von mir, ich weiß. Schließlich ist Julian Penelope versprochen.«

»Das macht keinen Unterschied«, entgegnete Lucy. »Tatsache ist, dass du den Duke of Claringdon nicht heiraten willst, also sollst du das auch nicht. Egal was deine Mutter sich vielleicht wünschen mag. Jedenfalls nicht, wenn ich dabei ein Wörtchen mitzureden habe. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand zu etwas genötigt wird, und ich werde ganz gewiss nicht erlauben, dass du zu etwas gezwungen wirst. Weder von deiner Mutter noch vom Herzog. Außerdem ist es nie falsch, aufrichtig zu sein und seinem Herzen zu folgen.«

»Oh, Lucy, das sagst du immer! Und dafür liebe ich dich, wirklich, das tue ich. Mir ist zwar schleierhaft, warum du glaubst, mir eine Chance bei Julian ermöglichen zu können, aber ich bewundere deinen Optimismus.«

»Immer eins nach dem anderen. Und im Augenblick ist unser Problem der Herzog.«

Die beiden jungen Frauen verstummten, als ein Schatten die hell erleuchteten Verandatüren verdunkelte. Das Knirschen von Kies unter Stiefelsohlen drang an ihre Ohren.

»Das ist er«, hauchte Cass mit zitternder Stimme.

»Lass dich nicht einschüchtern, Cass. Nur Mut, liebe Freundin. Sei kühn!«

Im nächsten Augenblick hüllte sie die überwältigende Gegenwart des Dukes of Claringdon ein. Als er Cass erblickte, blieb er stehen. Von ihrem Beobachtungsposten hinter der Hecke aus sah Lucy ihn nur von der Brust abwärts. Einer unglaublich breiten Brust. Sie schluckte.

»Lady Cassandra.« Die Stimme des Herzogs war tief und melodisch. Er verbeugte sich.

Cass stieß ein leises Quieken aus und machte einen Knicks. »Ich danke Ihnen, dass Sie sich mit mir treffen, Euer Gnaden.« Ihre Stimme klang hoch und ängstlich. Lucy wünschte, sie könnte durch die Zweige hindurch Cass’ Hand ergreifen und sie ermutigend drücken. Nur Mut, Cass. Nur Mut!

»Ich muss gestehen, Ihre Bitte, mich hier zu treffen, hat mich ein wenig überrascht.«

»Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu überraschen, Euer Gnaden. Ich wollte einfach nur … Ich wollte nur …«

Das riss Lucy aus ihren Gedanken. Ihr Stichwort. Zeit für ihren Einsatz. Cass rang bereits stammelnd um Worte. Lucy räusperte sich. »Ich hatte gehofft, unter vier Augen mit Ihnen sprechen zu können, Mylord«, wisperte sie.

Cass wiederholte die Worte mit zitternder Stimme.

»Ich verstehe«, kam die Antwort des Herzogs. Er trat einen Schritt näher, und Lucy hielt den Atem an.

»Bitte, Euer Gnaden, kommen Sie nicht näher. Ich möchte nicht, dass ein zufälliger Beobachter unser Treffen hier womöglich als ungebührlich erachtet«, soufflierte Lucy leise genug, dass der Herzog sie gewiss nicht hören konnte, und Cass sprach es ihr nach.

Der Herzog lachte. »Und hier draußen im Garten mit mir allein zu sein finden Sie nicht bereits ungebührlich, Lady Cassandra?«

Lucy runzelte die Stirn. Nun, wenn er schon Haarspalterei betreiben wollte: »Ich bitte Sie nur um einen kurzen Augenblick Ihrer Zeit, damit ich meine Wünsche klar zum Ausdruck bringen kann«, flüsterte sie, was Cass hastig wiederholte.

»Also gut. Nur zu!«, erwiderte der Herzog.

Lucy holte tief Luft. »Obwohl ich überzeugt bin, dass sich viele junge Damen durch Ihre Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlen würden, Euer Gnaden, muss ich gestehen, dass ich nicht dazugehöre.«

Sie konnte beinahe spüren, wie Cass sich innerlich krümmte, als sie die Worte wiederholte und dabei unruhig an ihren Handschuhen herumzupfte. Lucy reckte den Kopf, um zu sehen, wie der Herzog darauf reagierte. Sie schluckte. Oh, sie hätte nicht hinsehen sollen! Wie sie schon vorhin im Ballsaal bemerkt hatte, sah der Mann gut aus. Zu gut.

»Ich verstehe, Lady Cassandra. Und darf ich fragen, weshalb Sie so empfinden?«

Lucy verkrampfte die Schultern. Oh-oh. Er wollte einen Grund wissen. Was denn? War es ihm unbegreiflich, dass einer Lady seine Aufmerksamkeiten nicht willkommen sein könnten? Noch vor einem Augenblick hatte ihr der Herzog ein wenig leidgetan, aber nun überwältigte sie der Instinkt, Cass in Schutz zu nehmen. Nun wollte sie ihn mit ihren Worten ins Mark treffen. Was zufälligerweise ihre Spezialität war.

»Ihnen mag zwar noch keine Frau begegnet sein, die nicht von Ihnen hingerissen ist, Mylord, aber ich versichere Ihnen, es gibt sie«, flüsterte sie Cass zu, während sie den großen Mann aus schmalen Augen musterte.

Ein weiteres leises Quieken schlüpfte Cass über die Lippen. Sie wandte den Kopf scharf zur Seite. »Lucy, das kann ich nicht sagen«, stieß sie kaum hörbar hervor.

Beinahe wäre Lucy durch die Hecke gepurzelt. Diese ganze Scharade konnte nur funktionieren, wenn Cass ihre Fassade aufrechterhielt. Sprich mir einfach nach, flehte Lucy ihre Freundin in Gedanken an, während sie den Satz hastig wiederholte.

Cass’ Blick huschte zur Seite, und Lucy wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass ihre Freundin den niederschmetternden Satz aussprach.

»Ich weiß es nicht, Mylord«, antwortete Cass stattdessen. »Es ist nur so, dass ich …«

Lucy stöhnte. Cass würde es nicht sagen. Oh, wenn Lucy es doch nur selbst sagen könnte! Vor ihrem inneren Auge blitzte kurz die alberne Vorstellung auf, Cass von den Füßen zu reißen, hinter die Hecke zu zerren und an ihrer Stelle hervorzuspringen. Albern, in der Tat. Und wenig Erfolg versprechend. Schade.

Na schön, dann musste sie ihre Worte wohl ein wenig abschwächen, wenn sie Cass helfen wollte. Und sie konnte ihre Worte abschwächen … wenn sie … einen Augenblick lang darüber nachdachte. Sie holte tief Luft.

»Also gut. Lassen Sie es mich deutlich ausdrücken. Ich habe nicht das geringste Interesse daran, die zukünftige Herzogin von Claringdon zu werden«, soufflierte Lucy. »Insbesondere wenn der Herzog so offensichtlich arrogant und überheblich ist.«

Cass schnappte nach Luft. »Lucy!«

Darauf musterte der Herzog die Hecke mit zusammengekniffenen Augen. Instinktiv zog Lucy den Kopf zurück, unmittelbar bevor er einen Satz nach vorne machte, ins Gebüsch griff und sie jäh ins Freie zog. Sie stolperte aus der Hecke, Zweige in der derangierten Frisur und mehrere Blätter im Dekolleté. Wütend funkelte sie ihn an, während sie sich die von einem Zweig zerkratzte Wange rieb.

Mit arrogant zur Seite geneigtem Kopf sah der Herzog sie an. »Ich dachte schon, Sie hätten ein Echo, Lady Cassandra. Aber wie ich nun sehe, hat Ihre flüsternde Schlangenzunge einen Namen. Guten Abend, Miss Upton.«

Kapitel Zwei

Mit scharfem Blick betrachtete Derek Hunt die junge Frau, die er gerade aus den Büschen gezogen hatte. Im Licht der im Garten verteilten Kerzen war sie deutlich genug zu erkennen. Sie hatte schwarze Locken und leuchtend blaue Augen – halt, eines ihrer Augen war blau, das andere haselnussbraun – und einen entschieden unerfreuten Ausdruck auf dem zu ihm hochgewandten Gesicht. Ihre Brust hob und senkte sich mit unzweifelhafter Entrüstung, und wenn Blicke töten könnten, wäre er jetzt nur noch ein Häufchen Asche im Gras.

Lady Lucy Upton.

Sie war ihm schon vorhin im Ballsaal aufgefallen. Allen Männern war sie aufgefallen. Sie war atemberaubend. Selbst mit Blättern übersät und einem Zweig in einer ihrer dunklen Locken. Ihm war zu Ohren gekommen, dass etwas an ihrem Äußeren ungewöhnlich sei, doch vorhin hatte er nichts entdecken können. Mussten die Augen sein. Trotz ihrer ungleichen Farbe war sie eine Schönheit.

Er hatte sich bei Lord Chambers nach ihr erkundigt.

»Eine alte Jungfer«, hatte Chambers geantwortet. »Keine Verehrer.«

»Wie das?«, hatte Derek beiläufig gefragt. »Hübsch genug ist sie jedenfalls.«

Offensichtlich besaß die Lady ein Florett anstelle einer Zunge. Sie hieb mit Nomen und stach mit Verben. Und Adjektive schwang sie mit besonders treffender Eleganz. Allem Anschein nach war sie eine Meisterin. Eine, die einen übereifrigen Galan in Sekundenschnelle zurechtstutzen konnte. Lord Chambers zufolge hatten die verfügbaren Junggesellen der feinen Gesellschaft, die nicht gerade anderweitig mit Krieg beschäftigt waren, nicht lange gebraucht, um sich von jeglicher Verbindung mit Lady Lucy zu distanzieren.

Derek betrachtete die dunkelhaarige Schönheit aufmerksam. Er war vor Kurzem dreißig geworden und gerade erst aus dem Krieg heimgekehrt. Er hatte Jahre unter Beschuss verbracht und auf den Schlachtfeldern des Kontinents ein halbes Dutzend Mal beinahe sein Leben gelassen. Jetzt suchte er Frieden.

Lady Cassandra war ihm ans Herz gelegt worden. Sie galt als ruhig und sittsam. »Als Ehefrau die perfekte Wahl«, hatte Swift gesagt. Die perfekte Wahl für einen Mann, der ein friedliches Leben wollte. Eine folgsame Ehefrau.

Lady Lucy Upton war genau das Gegenteil.

»Euer Gnaden«, setzte Lady Cassandra an und suchte offensichtlich nach Worten, diese höchst ungewöhnliche Situation zu erklären. »Wir haben nur …«

Derek verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete die beiden jungen Frauen. Lady Cassandra war eindeutig zutiefst beschämt. Ihr reizendes Gesicht glühte leuchtend rosa, und sie sah aus, als würde sie angesichts des ganzen Debakels am liebsten die Flucht ergreifen. Lady Lucy dagegen sah aus, als würde sie gerade erst warm werden.

»Ich denke, ich weiß, was Sie getan haben«, entgegnete er und sah die beiden von oben herab an. »Wenn ich mich nicht irre, befand sich Miss Upton hier im Gebüsch und gab Ihnen Anleitung in Form von Dingen, die Sie zu mir sagen sollten.« Sein Blick war auf Lady Lucy geheftet, die ihn zweifelsohne gern geohrfeigt hätte. »Habe ich recht, Miss Upton? Fehlen Lady Cassandra manchmal die Worte?«

Der schöne Zankteufel öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Sie bebte regelrecht vor Feindseligkeit ihm gegenüber. Oh, er konnte es gar nicht erwarten, das zu hören!

»Warum suchen Sie sich zum Provozieren nicht jemanden, der Ihrer Fähigkeiten würdig ist?«, schoss Lady Lucy zurück.

Er wölbte eine Augenbraue. »Jemanden wie Sie?«

Ihre Augen sprühten Funken. »Ganz genau. Ich kann es vielleicht nicht an Größe, Gewicht oder Arroganz mit Ihnen aufnehmen, aber ich versichere Ihnen, dass Sie mich nicht einschüchtern. Und wo wir schon dabei sind, einander zu rügen, Eurer Gnaden, möchte ich Sie daran erinnern, dass ich die Tochter eines Earls bin und demzufolge die Anrede Lady Lucy korrekt ist, nicht Miss Upton.«

Derek musste sich auf die Zunge beißen, um angesichts dieses Tadels nicht zu lächeln. Er hatte sehr wohl gewusst, dass er mit einer Lady sprach. Aber nichts hassten die Mitglieder des Hochadels mehr, als wenn jemand ihre kostbaren Titel falsch gebrauchte. Er selbst war als Erster von drei Söhnen eines Soldaten geboren worden. Ein absoluter Niemand, der rein durch die eigenen militärischen Leistungen in seinen Rang aufgestiegen war. Ja, jetzt war er ein Herzog, der Duke of Claringdon – die Belohnung der Krone für sein außerordentliches Entscheidungsgeschick in der Schlacht, so hatte man ihm zumindest gesagt. Jeder war begierig darauf, seine Bekanntschaft zu machen. Es widerte ihn an. Und er weigerte sich, dieses Spiel mitzuspielen. Obwohl Lady Cassandra und Lady Lucy sich im Augenblick interessanterweise keinen Deut um seinen illustren Titel zu scheren schienen, oder?

Derek musterte Lucy Upton. Die letzten Jahre hatte er damit verbracht, Befehle zu bellen. Er war ein Mann, der es gewohnt war, dass diese Befehle augenblicklich ausgeführt wurden, und hier vor ihm stand nun dieses schmächtige Ding von einer jungen Frau, das sich nicht nur weigerte, Hab-Acht-Stellung anzunehmen, sondern es auch noch zu genießen schien, sich ihm zu widersetzen. Widerwillig musste er zugeben, dass ihn das faszinierte.

Der Soldat in ihm bewunderte ihren Drang zur Offenheit. Auch bewunderte er sie unfreiwillig dafür, dass sie für ihre Freundin eintrat und loyal war. Doch Lady Lucy würde ihn nicht von seinem Ziel abbringen.

»Ich bitte um Vergebung, Mylady«, sagte er mit einer spöttischen Verbeugung.

Ihr hochmütiger Ausdruck der Missbilligung entging ihm nicht.

»Es tut uns außerordentlich leid, Sie getäuscht zu haben, Euer Gnaden«, erklärte Lady Cassandra, deren Stimme immer noch bebte. Sie scharrte mit den Füßen im Kies und sah aus, als habe sie gerade die schlimmste Sünde gestanden, die man sich nur vorstellen konnte.

»Nein, tut es nicht!«, schrie Lady Lucy beinahe. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und trommelte mit den Fingerspitzen auf ihre Ellbogen.

Lady Cassandra riss die engelsgleichen blauen Augen auf. »Lucy!«

Abwehrend hob Derek die Hand. »Nein, nein, Lady Cassandra. Bitte gestatten Sie Lady Lucy zu sprechen. Ich bin recht gespannt auf ihre Erklärung.«

Lady Lucy stemmte die Fäuste in die Hüften und trat zwei Schritte vor. Dann hob sie die Hand und zog einen verirrten Zweig aus ihrem Haar. »Wir sind Ihnen keine Erklärung schuldig, Eurer Gnaden. Aber die Wahrheit ist, dass Lady Cassandra nicht an Ihrer Werbung interessiert ist. So einfach ist das.«

»Ach wirklich?« Er setzte ein süffisantes Lächeln auf.

»Ja.«

»Und ist das Ihre Meinung, Lady Lucy, oder Lady Cassandras Meinung?«

Er bemerkte, dass sie mit den Zähnen knirschte. »Fragen Sie sie doch selbst«, erwiderte Lady Lucy.

»Das würde ich ja, Mylady, aber ich fürchte, dass Sie an ihrer Stelle antworten würden.« Er schenkte ihr ein falsches Lächeln.

Lady Cassandra gab einen Laut von sich, der klang, als würde sie erstickt. »Ich schlage vor, wir gehen alle wieder hinein und …«

Lady Lucy redete weiter auf Derek ein, als habe Lady Cassandra gar nichts gesagt. »Wie können Sie es wagen, das Verhalten einer Lady infrage zu stellen?«

Derek starrte ruhig zurück. »Wie können Sie es wagen, für Lady Cassandra zu sprechen?«

Lady Lucys Augen schienen mit ihrer Stimmung die Farbe zu wechseln, das eine verfärbte sich zu tiefem Saphirblau und das andere zu Moosgrün. »Wenn Sie ein Gentleman wären, Euer Gnaden, dann würden Sie Lady Cassandra und ihr Desinteresse an Ihren Avancen nicht infrage stellen.«

Sein Blick blieb auf Lady Lucys Gesicht geheftet. »Lady Cassandra, sind Sie gegenwärtig einem anderen versprochen?«

Lady Cassandra schluckte. »N… Nein.«

»Dann besteht noch Hoffnung für mich«, antwortete er, ohne Lady Lucy aus den Augen zu lassen.

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Sie haben wohl nicht richtig zugehört, Euer Gnaden«, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Ganz im Gegenteil. Ich glaube, ich habe Sie ausgezeichnet verstanden. Aber ich habe meiner Tage schon so manche aussichtslose Schlacht geschlagen – geschlagen und gewonnen. Ich gebe nicht so leicht auf.«

Derek hatte keine Ahnung, warum er überhaupt noch mit ihnen redete. Er wusste nicht, wie man einer Dame den Hof machte. Das war nicht gerade etwas, worauf man ihn beim Militär vorbereitet hatte. Aber irgendetwas an der Art, wie die beiden ihn loswerden wollten, weckte seinen Ehrgeiz. Das und die Tatsache, dass er diese spezielle Fähigkeit zu meistern gedachte, bevor das alles hier vorbei war. Zugegeben, Lady Cassandra hatte ihr Debüt anscheinend bereits vor fünf Jahren gegeben, aber ehrlich gesagt war es ihm sogar lieber so. Ein junges Mädchen zu heiraten reizte ihn nicht. Darüber hinaus schien sein Interesse an Lady Cassandra Lady Lucy an den Rand eines Schlaganfalls zu bringen. Das war sehr unterhaltsam. Und dann war da noch sein Versprechen an Swift.

»Aber Cass ist nicht interessiert«, fuhr Lady Lucy fort. »Ich dachte, ich hätte mich deutlich ausgedrückt.«

»Sie haben sich deutlich ausgedrückt, Mylady, und es tut mir leid«, sagte er mit einem hochmütigen Blick auf sie herab.

Ein wenig besänftigt schob sie das Kinn vor und zupfte ein verirrtes Blatt aus einer Locke nahe ihrer Stirn. »Es tut Ihnen leid, Lady Cassandra belästigt zu haben?«

Sein Grinsen wurde breiter. »Nein, es tut mir leid, dass Sie mich mit jemandem verwechseln, der sich auch nur einen Deut darum schert, was Sie denken, Miss Upton.«

Kapitel Drei

Zwei Stunden zuvor

Derek Hunt ließ den Blick durch den überfüllten Ballsaal schweifen, in dem es vor nach der neuesten Mode gekleideten Damen und ihren galanten Begleitern mit hohen Halsbinden nur so wimmelte. Gelächter, Champagner, Tanz und Lustbarkeit erfüllten den großen Raum. Derek rückte seine eigene Halsbinde zurecht und schob eine Hand in die Tasche. Er schluckte schwer. War es wirklich erst vierzehn Tage her, dass er seine Hand auf einem blutgetränkten Schlachtfeld vor Brüssel auf die Schulter seines sterbenden Freundes gelegt hatte? Swift war nicht gestorben. Noch nicht. Doch Derek rechnete jeden Augenblick mit dieser Nachricht. Und hier war er nun. Er war nach London zurückgekehrt, hatte von der Krone ein Herzogtum erhalten und war in diesem Augenblick auf der Suche nach einer angemessenen Ehefrau. Der zukünftigen Mutter seines zukünftigen Sohnes. Swift hatte darauf bestanden, dass er ging. Und Derek hatte keine andere Wahl gehabt. Er bekam seine Befehle vom Kriegsministerium, dennoch verabscheute er sich dafür.

Noch vor vierzehn Tagen hatte Derek nicht gewusst, ob er diesen Abend erleben würde. Und jetzt nahm er eine Champagnerflöte von dem glänzenden Silbertablett eines Dieners in feinster Livree. Als habe Derek niemals den Fuß auf ein Schlachtfeld gesetzt, niemals mitangesehen, wie seine Landsmänner vor ihm niedergemetzelt wurden, nie die qualvollen Schreie seiner sterbenden Freunde gehört. In London waren Paraden und Partys zu Ehren von Napoleons Niederlage schwer in Mode. Und hier war er heute Abend, der gefeierte Held, und genoss den Sieg zusammen mit allen anderen. Als habe er die wahren Schrecken des Krieges nie gesehen.

Und er war ein Herzog? Ein verdammter Herzog? Es fühlte sich immer noch nicht real für ihn an. Warum war aus all den Offizieren ausgerechnet er zum Herzog erhoben worden? Sie alle hatten ihr Leben riskiert, ihre Pflicht getan, ehrenhaft gekämpft. Viele waren gefallen.

Derek hatte die äußeren Verteidigungslinien von Napoleons Reihen umgangen. Er hatte die Chance erkannt, in Sekundenschnelle eine Entscheidung getroffen und seinen Soldaten befohlen vorzustoßen. Die Entscheidung war eine glückliche gewesen, ein Wendepunkt in der Schlacht. Den Herzog von Entscheidungsstark nannte man ihn, sobald die Berichte von der Schlacht zurück nach London schwappten. Entscheidungsstark, das war er. Das lag in seiner Natur.

Derek hob die Champagnerflöte an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck. Gutes Zeug. Französischer Champagner. Er lächelte angesichts der Ironie, bevor er gleich darauf wieder mit zusammengekniffenen Augen den Ballsaal absuchte. Er befand sich zwar nicht mehr in der Schlacht, aber er hatte immer noch ein Ziel.

Da war sie. Lady Cassandra Monroe. Dereks Adelsstand hing davon ab, dass er eine Ehefrau wählte, die der Krone genehm war, und Lady Cassandra Monroes Ruf und Verbindungen waren makellos. Zufällig war sie auch noch groß, blond und schön. Und ruhig und sittsam, wenn man Captain Swift glauben konnte, was ihr Temperament betraf. Die perfekte Frau für einen Mann, der die letzten Jahre im Getümmel von Schlachtfeldern verbracht hatte. Lady Cassandra Monroe war genau der Typ Frau, der dafür sorgen würde, dass Derek den Rest seiner Tage in Ruhe und Frieden lebte. Genau, was er wollte.

Aber am allerwichtigsten war, dass er es Swift versprochen hatte. Er hatte mitansehen müssen, wie sich sein Freund auf der festgetrampelten Erde vor Waterloo mit zusammengebissenen Zähnen vor Schmerz krümmte, und hatte ihm versprochen, dass er Lady Cassandra finden und sie heiraten würde.

Und Derek Hunt, ob Generalleutnant oder Herzog, brach niemals ein Versprechen an einen Freund.

*

Lady Lucy Upton stand am Rand des Ballsaals und klopfte mit den Zehenspitzen zum Takt der Musik. Es war kein so großes Vergnügen wie im Theater zu sein – nur wenige Dinge waren das –, aber sie liebte Musik und tanzte für ihr Leben gern. Sie seufzte. Sie war schon seit Ewigkeiten nicht mehr zum Tanzen aufgefordert worden, aber das hinderte sie nicht daran, sich an der Melodie zu erfreuen.

»Warum denkst du, starrt er mich so an?« Cass warf einen nervösen Blick zum frischgebackenen Duke of Claringdon hinüber.

Lucy hörte auf, mit dem Fuß zu klopfen, und folgte dem Blick ihrer Freundin. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber er scheint dich wirklich nicht aus den Augen zu lassen. Nicht gerade ein Gentleman, der Herzog.«

Cass wagte einen weiteren Blick. »Ich muss zugeben, er ist gut aussehend. Aber er hat nicht Julians blondes Haar.« Sie seufzte.

Lucy sah zum Herzog hinüber. Er stand bei der griechischen Säule in der Mitte des überfüllten Ballsaals. Ihre Augen wurden schmal. Na schön. Cass hatte recht. Der Duke of Claringdon war gut aussehend. Mehr als gut aussehend, um ehrlich zu sein. Spektakulär gut aussehend. Außerdem war er riesig. Hochgewachsen und muskulös, als wäre der Gott des Krieges vom Olymp herabgestiegen. Er war gut über eins achtzig groß, mit mitternachtsschwarzem Haar und jadegrünen Augen, breiten Schultern, die sich zu einem flachen Bauch hin verjüngten, und Muskeln von Kopf bis Fuß. Ein Kriegsheld obendrein. Ein Generalleutnant bekannt für seine Entscheidungsstärke. Er hatte im Lauf der letzten Jahre eine Vielzahl von Schlachten gewonnen und war nach Brüssel beordert worden, um bei Waterloo zu Wellington zu stoßen. Den Herzog von Entscheidungsstark nannte man ihn jetzt.

Außerdem war er arrogant und herrisch, sagte man. Was, davon war Lucy überzeugt, auf dem Schlachtfeld durchaus von Vorteil war, doch im Augenblick trug seine Art dazu bei, ihre Freundin nervös zu machen.

Und das würde Lucy nicht tolerieren. Lucy, kühn, unverblümt und ohne ein Fünkchen Sittsamkeit im Leib, hatte nur zwei Freunde auf dieser Welt – nun ja, drei, wenn man Garrett mitzählte –, und einer davon war Cass. Die elegante, bescheidene Cass, die zu freundlich und liebenswürdig war, um irgendjemanden zurückzuweisen. Ja, Cass war Lucy stets in stiller Treue ergeben, und Lucy erwiderte diese Treue bedingungslos. Wenn Cass den Aufmerksamkeiten des Dukes of Claringdon aus dem Weg gehen wollte, nun, dann würde Lucy sie auf jede nur mögliche Weise dabei unterstützen.

»Wie denkst du, hat er es geschafft, dass seine Haut einen so goldenen Ton hat?«, fragte Cass mit einem weiteren verstohlenen Blick auf den Herzog.

Lucy rümpfte die Nase und zuckte mit den Schultern. »Ich hörte, er war im Urlaub in Italien, bevor er zurück in die Schlacht gerufen wurde. Anscheinend war seine letzte Geliebte Italienerin.« Sie warf selbst einen möglichst unauffälligen Blick hinüber.

Zugegeben, der Herzog war beeindruckend und sah besser aus, als ihm zustand. Und diese ganze Kriegsheldengeschichte schmälerte seine Anziehungskraft auch nicht gerade, aber er stammte aus einer völlig unbekannten Familie. Doch was am wichtigsten war: Lucy würde nicht zulassen, dass er Cass herumkommandierte. Und etwas sagte ihr, dass der Herzog ein Auge auf ihre Freundin geworfen hatte.

Lucy konnte ihm deshalb nicht gerade einen Vorwurf machen. Wer würde Cass nicht lieben? Sie hatte mehr Angebote bekommen, als man zählen konnte. Und sie hatte sie alle abgelehnt. Ja, Cass hatte es geschafft, die letzten fünf Jahre lang ungebunden zu bleiben, weil sie darauf wartete, dass ihr teurer Julian aus dem Krieg heimkehrte. Eigentlich eine hervorragende Idee, wäre da nur nicht das kleine Problem, dass Julian praktisch mit Cass’ Cousine Penelope verlobt war. Sobald Julian vom Kontinent zurückkehrte, beabsichtigten er und Penelope, ihre Verlobung offiziell zu verkünden und zu heiraten.

»Lady Chambers hat mich ihm vorhin vorgestellt«, erwähnte Cass. »Sie sagte Mama, der Herzog habe ausdrücklich darum gebeten, mich kennenzulernen.«

Lucy zog beide Brauen hoch. »Was hat er zu dir gesagt, als ihr einander vorgestellt wurdet?«

»Nichts Ungewöhnliches«, erwiderte Cass. »Es war nur die Art und Weise, wie er mich angesehen hat. Als würde er mich begutachten. Es hat mir nicht gefallen. Das habe ich Mama auch gesagt.«

Lucy schnaubte verächtlich und schlug gleich darauf die Hand vor den Mund, um den undamenhaften Laut zu ersticken. »Und was hat deine Mama darauf geantwortet?«

»Sie meinte, ich solle mich geschmeichelt fühlen.« Cass kaute an ihrer Lippe.

Lucy verdrehte die Augen und fing wieder an, mit dem Fuß im Takt zu klopfen. »Natürlich sagt sie das. Er ist ein Herzog. Eine unvergleichliche Partie, soweit es deine Mutter betrifft, ganz egal, aus welcher Familie er stammt. Sie plant vermutlich schon deine Aussteuer, weil er gerade in deine Richtung geblickt hat.«

»Er macht mir Angst«, flüsterte Cass. »Er ist einfach so groß, und er sieht aus, als könnte er einen Mann mit bloßen Händen töten.«

Lucy strich Cass über die Schulter. »Ich weiß, meine Liebe.« Ihr Blick schweifte zurück zum Herzog. Sie wollte die Sache nicht noch schlimmer machen, indem sie Cass gegenüber andeutete, dass er wahrscheinlich tatsächlich schon Männer getötet hatte, eine ganze Menge davon, und das mit bloßen Händen. Daran hatte Lucy keinen Zweifel. Aber ihr machte er keine Angst. Nicht im Geringsten.

Cass zupfte an ihren Handschuhen. »Wenn er mich ansieht, dann würde ich am liebsten mit der Tapete verschmelzen.«

Lucy öffnete gerade den Mund, um weitere tröstende Worte zu spenden, als Jane, ihre dritte Freundin im Bunde, herbeigeeilt kam. Jane hatte kastanienbraunes Haar, große braune, von einem silbernen Brillengestell umrahmte Augen und ein reizendes Gesicht, das sie für gewöhnlich hinter einem Buch versteckte. Trotz Janes Wunsch, ungebunden zu bleiben, putzte ihre Mutter sie pflichtbewusst heraus und führte sie in jeder Saison bei jedem Ball herum, in der Hoffnung, ihr lesewütiger Blaustrumpf von einer Tochter würde am Ende doch noch das Auge eines Gentlemans auf sich ziehen. Doch das tat sie nicht. Was genau das war, was Jane wollte.

Jane verbrachte ihre Zeit nur widerwillig auf diesen Veranstaltungen, gab dabei mehr schlecht als recht vor, sich zu amüsieren, machte sich Notizen für ihre zukünftigen Bücher und wartete die Zeit ab, bis sie alt genug war, dass ihre Mutter aufgeben und ihr gestatten würde, in Frieden zu Hause zu bleiben.

Und das war der Grund, warum Cass, Lucy und Jane im reifen Alter von dreiundzwanzig allesamt alte Jungfern waren.

»Was ist los?«, fragte Jane, als sie sich zu den beiden gesellte.

Immer noch mit dem Fuß klopfend zuckte Lucy mit den Schultern. »Ich genieße die Musik, und Cass hier versteckt sich vor einem Herzog.«

Janes Kopf fuhr herum. »Einem Herzog?«

»Dem Duke of Claringdon«, antwortete Cass mit einem gedämpften Flüstern. »Er beobachtet mich.«

Jane warf einen verstohlenen Blick zum Herzog hinüber. »Ooh, er beobachtet dich wirklich! Wer hätte gedacht, dass er so groß ist? Und gut aussehend? Ich hätte erwartet, dass er Narben hat, oder ihm vielleicht ein Ohr fehlt oder so etwas.«

Cass versetzte Jane einen Klaps auf den hellblauen Ärmel. »Gütiger Himmel, das ist ja regelrecht makaber! Du und deine schriftstellerische Fantasie!«

Lucy musterte den Herzog mit vor der Brust verschränkten Armen. »Er sieht mir nicht so aus, als würde ihm irgendetwas fehlen.« Sie schüttelte sich. »Aber darum geht es gar nicht. Wenn Cass nicht interessiert ist, dann ist sie nicht interessiert.«

»Keine Sorge«, wandte sich Jane an Cass. »Sag ihm das einfach. Er wird sich gewiss augenblicklich zurückziehen. Männer wie er haben für gewöhnlich ein übermäßig aufgeblasenes Selbstbewusstsein, das sich bei Gegenwind schnell in Luft auflöst.«

Lucy sah zum Herzog hinüber, der Cass immer noch abschätzend musterte wie ein preisgekröntes Rennpferd. »Irgendetwas sagt mir, dass das nicht so einfach sein wird. Der Mann scheint es gewohnt zu sein, seinen Willen zu bekommen.«

Cass strich geschäftig ihre Röcke glatt, die Augen niedergeschlagen. »Lucy hat recht. Aber selbst wenn ich wollte, könnte ich ihm nicht sagen, dass ich nicht an ihm interessiert bin. Ich bin nicht wie du, Lucy. Wenn ich mich fürchte, dann fehlen mir immer die Worte. Ich wünschte, ich hätte etwas von deiner Gabe geistreicher Schlagfertigkeit.«

Lucy schnaubte erneut. Oh, sie konnte den Versuch, sich damenhaft zu benehmen, auch gleich völlig aufgeben. Sie hatte einfach nicht das Zeug dazu. »Und ich wünschte, ich hätte deine Fähigkeit, den Mund halten zu können, wenn es nötig ist.«

»Das ist wirklich ganz einfach. Du musst einfach nur – Oh grundgütiger Himmel, er kommt herüber!« Cass’ Tonfall erreichte eine Höhe, wie Lucy es noch nie zuvor gehört hatte.

»Er wird dich sicher um einen Tanz bitten«, sagte Lucy, während sie den Herzog beobachtete, wie er sich unerbittlich näherte.

»Bedanke dich einfach und sag ihm, dass du im Moment nicht in der Stimmung bist zu tanzen. Das sollte reichen«, fügte Jane mit einem resoluten Nicken hinzu.

»Sei kühn!«, flüsterte Lucy ihren berühmtesten Ratschlag.

»Das sagst du so leicht«, quiekte Cass.

Lucy drückte ihr ermutigend die Schulter. »Wir sind direkt hier hinter dir.« Dann zog sie sich mit Jane leise zurück zur Wand.

Cass trat dem Herzog zwei tapfere, wenn auch zitternde Schritte entgegen. Die beiden unterhielten sich kurz – und ehe Lucy sich versah, führte der Herzog Cass auf die Tanzfläche. Oh Cass, nein! Lucy warf die Hände in die Luft und wandte sich zu Jane um. »Sie hat wirklich ein Problem damit, Nein zu sagen.«

Lucy beobachtete, wie Cass und der Herzog über die Tanzfläche wirbelten, Cass mit ihrem hübschen honigblonden Haar und der Herzog mit seinen auffallenden dunklen Zügen.

»Arme Cass«, flüsterte Jane. »Wenn sie nicht so in Julian verliebt wäre, würden der Herzog und sie eigentlich ein schönes Paar abgeben.«

»Sie wäre schrecklich unglücklich mit Claringdon«, entgegnete Lucy nüchtern. »Außerdem denke ich für meinen Teil, dass sie bei Julian durchaus eine Chance haben könnte, wenn er vom Kontinent zurückkehrt.«

Jane zog eine Braue hoch, was ihr einen äußerst skeptischen Ausdruck verlieh. »Sie hat genug Männer zur Auswahl. Ich habe nie verstanden, warum Cass so sehr auf diesen einen versessen ist.«

»Sie liebt ihn, und ich habe die Absicht, Cass dabei zu helfen, während dieser Saison völlig ungebunden zu bleiben, bis sie endlich ihre Chance bei Julian bekommt«, entgegnete Lucy, den Mund zu einem leichten Lächeln verzogen.

»Aber Lucy, mir war gar nicht bewusst, wie romantisch du bist.« Ironisch mit den Wimpern klimpernd schaute Jane ihre Freundin an.

»Nicht romantisch, nur entschlossen«, entgegnete Lucy mit einem resoluten Nicken.

Minuten später, als Cass alleine von der Tanzfläche zurückkehrte, zog Lucy sie zu ihnen in die Ecke.

»Was hat er gesagt?« Diesmal nahm Lucys eigene Stimme einen hohen Tonfall an.

Cass’ Wangen waren leuchtend rot. Sie schüttelte den Kopf. »Er hat mir reizende Komplimente gemacht und gesagt, dass er mir sehr gerne morgen einen Besuch abstatten würde. Oh, was soll ich nur tun? Ich möchte ihn entmutigen, aber die Worte wollen mir einfach nicht über die Lippen kommen. Ich lächle nur einfältig wie eine Närrin, wenn er mit mir spricht. Ganz zu schweigen davon, dass Mama darauf bestanden hat, dass ich ihn ermutige. Sie hat mich die ganze Zeit über beobachtet.«

Lucy und Cass wandten gleichzeitig den Kopf. Cass’ Mutter Lady Moreland hatte ein zufriedenes Lächeln auf dem rundlichen Gesicht und musterte sie beifällig. Eindeutig tanzte vor dem inneren Auge der Frau schon ein Herzogtum herum.

Offensichtlich nicht mehr sonderlich an den Eskapaden ihrer Freundinnen interessiert hatte Jane ein Buch aus ihrem Retikül gezogen und las vertieft. Abwesend schob sie ihre Brille auf dem Nasenrücken nach oben und nickte Lucy und Cass zu. »Zu schade, dass ihr beiden für diesen Abend nicht in den Körper der anderen schlüpfen könnt. Ich bin mir sicher, dass Lucy den Herzog innerhalb von Sekunden in die Knie zwingen könnte.«

Erschrocken fuhr ihr Kopf von dem Buch hoch, als Lucy in die Hände klatschte.

»Das ist es!«, rief Lucy.

»Was?«, fragte Cass mit aufgerissenen Augen.

Lucy rieb sich vor Begeisterung die behandschuhten Hände. »Jane hat absolut recht. Jede von uns ist in etwas anderem gut, richtig?«

Jane bedachte Lucy mit einem neugierigen Blick. »Ich weiß nicht so recht, ob ich dir folgen kann.«

Lucy ergriff die Hände ihrer Freundinnen. »Ich bin geübt darin, meine Meinung zu sagen und mich unverblümt auszudrücken. Es ist ein Fluch, ich weiß. Ich habe meine Zunge noch nie im Zaum halten können. Das hat Mama mir oft genug gesagt. Und dann war da natürlich noch dieser Vorfall mit der Königin bei meinem Debüt.«

Cass biss sich auf die Lippe. »Ja, das war wirklich bedauerlich.«

»Eine Erinnerung, der ich nur selten nachhänge, das versichere ich euch. Aber ich habe schon vor langer Zeit mit meinem Ruf und meinem Hang zur Offenheit Frieden geschlossen.«

»Ja, du bist ziemlich gut darin, deine Meinung zu sagen«, nickte Cass zustimmend.

»Und du bist gut darin, Gentlemen anzuziehen und umwerfend auszusehen und dich mit jedem Menschen, dem du begegnest, anzufreunden, Cass«, fuhr Lucy fort.

Darauf musste Cass lächeln. »Ich schätze, das bin ich.«

»Und Jane ist gut darin …«

»Oh, ich kann es kaum erwarten, das zu hören«, meinte Jane mit einem Schmunzeln um die Lippen.

»Hör schon auf«, entgegnete Lucy. »Du bist gut darin, außerordentlich schlau zu sein und Dinge zu wissen, die sonst keiner von uns weiß. Wirklich, wenn du ein Mitglied des Parlaments sein dürftest, hättest du den Frieden schon vor Jahren ausgehandelt und nebenbei auch noch die Steuern reformiert.«

»Bitte sag das mal meiner Mutter«, lachte Jane. »Sie sieht in meinem ganzen Lesen und Schreiben nicht gerade einen Nutzen.«

»Ich verstehe immer noch nicht, Lucy«, warf Cass ein, Verwirrung in den blauen Augen.

»Siehst du es denn nicht? Wir müssen einander unterstützen. Einander helfen, das zu bekommen, was wir wollen. Jede von uns wird das tun, was die anderen nicht können, um einander zu helfen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Jane. Sie wirkte zunehmend interessierter.

Lucy lächelte strahlend. »Ich möchte eine gute Partie heiraten. Ich brauche keine Liebe oder so einen Unsinn, aber von mir wird erwartet, eine anständige Partie zu machen, das heißt, falls ich jemals einen Gentleman finde, den ich ertragen kann …« Sie holte tief Luft. »Bis jetzt habe ich diesbezüglich spektakulär versagt. Ich vergraule Männer. Cass kann mir dabei helfen, auf Männer, ähm, attraktiver zu wirken. Oder sie wenigstens nicht in die Flucht jagen.«

»Sprich weiter«, drängte Cass vor Aufregung blinzelnd.

»Und Janie, du willst völlig ungebunden bleiben, nicht wahr?«, fuhr Lucy fort.

»Absolut! Für immer und ewig.«

»Nun, Männer abzuschrecken ist meine Spezialität. Ich kann dir eine gewaltige Hilfe dabei sein«, lachte Lucy.

Das entlockte Jane ein Lächeln. »Du musst meine Mutter davon überzeugen, mich nicht mehr zu diesen verhassten gesellschaftlichen Abendveranstaltungen zu zwingen.«

»Das werde ich.«

»Und was ist mit Cass?«, fragte Jane weiter.

»Da habe ich bereits einen Plan.« Lucy zog die beiden näher zu sich heran. »Cass will ihre Chance bei Julian wahrnehmen, richtig? Wahre Liebe und das alles. Aber das kannst du nicht, wenn deine Mutter den Duke of Claringdon ermutigt und darauf besteht, dass du seine Werbung annimmst. Ich werde deine Stimme sein, Cass. Ich werde dir genau sagen, welche Worte du verwenden musst, um den Herzog davon abzubringen, dir den Hof zu machen.«

»Das würdest du tun?« Cass’ Augen waren kugelrund.

»Ja«, antwortete Lucy. »Ich werde dir mit dem Herzog helfen. Jetzt musst du ihm eine Nachricht senden. Wir müssen ihn aus diesem Ballsaal heraus und von den bohrenden Blicken deiner Mutter fortlocken.« Ein weiterer schneller Blick zu Lady Moreland bestätigte ihnen, dass ihre Augen tatsächlich immer noch bohrten. »Bitte ihn, dich draußen zu treffen, neben der Hecke im Garten. Ich werde mich in den Büschen verstecken und dir einflüstern, was du sagen musst, und du wirst es einfach wiederholen.«

Ein breites Grinsen legte sich über Janes Gesicht. »Weißt du, dieser Plan ist gerade verrückt genug, um tatsächlich zu funktionieren. Genau wie Horner in Die Unschuld vom Lande. Nur nicht so gewagt.« Jane erwähnte ständig ihre Lieblingstheaterstücke.

Cass schüttelte den Kopf. Ein besorgter Ausdruck huschte über ihr hübsches Gesicht. »Nein, nein. Das würde ganz und gar nicht funktionieren. Er würde dich gewiss hören, Lucy.«

»Wir müssen nur sichergehen, dass er mehrere Schritte entfernt bleibt«, wandte Lucy ein. »Du sagst ihm, dass er nicht näher kommen soll. Der Schicklichkeit wegen natürlich. Das ist perfekt.«

Cass’ große blaue Augen richteten sich auf Jane. »Was denkst du, Jane?«

Jane steckte das vergessene Buch zurück in ihr Retikül und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich denke, ich werde mich zusammen mit Lucy im Garten hinter der Hecke verstecken, damit ich keinen Augenblick davon verpasse.«

Cass rang die Hände. »Aber was ist, wenn es nicht funktioniert?«

Jane klopfte ihrer Freundin auf die Schulter. »Wie sagt Lucy immer so schön? Sei kühn! Du hast nichts zu verlieren. Und wenn jemand dieses Bravourstück vollbringen kann, dann ist es unsere Lady Lucy hier.«

Cass schluckte. Ängstlich sah sie ihre Freundinnen an und brauchte einen Augenblick, um ihre Sprache wiederzufinden. »Also gut. Wenn ihr sicher seid, dann werde ich es versuchen, denke ich.«

Lucy verzog die Lippen zu einem breiten Lächeln und klatschte in die Hände. »Ausgezeichnet. Überlass alles mir. Es wird genauso werden wie in einem dieser heiteren Bühnenstücke, die wir so lieben. Ich werde den arroganten Herzog in die Schranken weisen. Auf zu unserem Rendezvous in der Hecke!«

Kapitel Vier

Am nächsten Morgen verbrachte Lucy übermäßig viel Zeit im Frühstückssalon des Stadthauses ihres Cousins, um im Geiste eine Liste vernichtender Dinge zusammenzustellen, die sie dem Duke of Claringdon an den Kopf werfen konnte, sobald sie sich das nächste Mal begegneten. Wirklich, der Mann war ein ausgemachter Flegel! Wie konnte er es wagen, sie Miss Upton zu nennen? Wie konnte er es wagen, Cass’ Wünsche infrage zu stellen? Wie konnte er es wagen, ihr zu sagen, dass er sich keinen Deut darum scherte, was sie dachte? Die Krone mochte ihm zwar einen Titel verliehen haben, aber eindeutig konnte sie ihm nicht die Manieren und gute Erziehung verleihen, die damit einhergehen sollten.

Lucy hatte bereits eine ganze Fülle von Formulierungen aufgelistet, die den Herzog in die Knie zwingen würden, als ein Diener erschien und verkündete, dass ihre Freunde im Empfangszimmer auf sie warteten.

Lucy lebte auf eigenen Wunsch bei ihrer Tante Mary und ihrem Cousin Garrett. Garrett war ihr engster Freund aus Kindertagen. Lucys eigene Eltern hatten es ihr nie verziehen, dass sie kein Junge war. Sie hatten sie praktisch verstoßen. Nun, zumindest größtenteils ignoriert. Und da ihre Eltern es vorzogen, während der Saison auf dem Land zu bleiben, fungierte Garretts Mutter, die Lucy vergötterte, als ihre Anstandsdame, solange sie in der Stadt war.

Hastig machte Lucy sich auf den Weg ins Empfangszimmer. Wenn Jane und Cass hier waren, dann hatte gewiss auch Garrett seinen Weg ins Empfangszimmer gefunden. Garrett schien in letzter Zeit überall dort aufzutauchen, wo sich auch Cass befand. Lucy hegte den Verdacht, dass er für ihre schöne blonde Freundin schwärmte.

Sie stieß die Doppeltüren zum Empfangszimmer auf und marschierte hinein.

»Ah, Euer Gnaden, wie reizend von Ihnen, sich zu uns zu gesellen«, begrüßte Garrett sie in seinem üblichen ironischen Tonfall. Lucy verkniff sich ein Lächeln. Ja, Garrett war hier. Die Ehrenanrede, mit der er sie bedacht hatte, war ein privater Scherz zwischen den beiden. Er hatte kurz nach ihrem Debüt angefangen, sie so anzusprechen, nachdem alle geeigneten Verehrer sich zurückgezogen hatten. Lucy hatte einen von ihnen sagen hören, dass er wegen ihrer spitzen Zunge und hochmütigen Art nicht an ihr interessiert war.

»Man könnte meinen, sie wäre eine Herzogin, so wie sie sich benimmt«, hatte Lord Widmere gesagt. Es hatte Lucy getroffen, aber nur dieses erste Mal. Sie weigerte sich, irgendjemanden etwas von ihrer Kränkung und Scham merken zu lassen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie versucht, der Sohn zu sein, den ihre Eltern nicht gehabt hatten, und alles Mädchen- und Damenhafte gemieden. War es denn ihre Schuld, dass sie freimütig ihre Meinung äußerte und sich weigerte, Dummköpfe zu ertragen? Ihr Hang zu ungeschminkter Ehrlichkeit hatte ihr den Ruf eingebracht, eine Xanthippe zu sein. Aber wenn ihr das in solchen Situationen wie Cass’ gestrigem Debakel mit dem überheblichen Duke of Claringdon nutzte, dann war ihr ihre sogenannte spitze Zunge allemal lieber, als ein sittsames kleines Fräulein zu sein. Und was ihre angebliche herzogliche Art betraf, nun, das war leider eine Nebenwirkung ihrer Weigerung, sich Kränkungen nicht anmerken zu lassen. Sie hielt den Kopf hoch, die Schultern gestrafft, und sagte sich, dass sie die Anerkennung der feinen Gesellschaft nicht nötig hatte. Was kümmerte es sie, was die Leute dachten?

Also hatte sie Garrett von Lord Widmeres Worten erzählt, und sie hatten einen Jux daraus gemacht. Einen Jux, der sie immer noch ein bisschen ärgerte, dennoch liebte Lucy ihren Cousin heiß und innig, auch wenn ihr Vater ihn verabscheute. Vielleicht gerade weil ihr Vater ihn verabscheute. Vater konnte Garrett aus dem einfachen Grund nicht ausstehen, dass Garrett eines Tages sein Vermögen und seinen Titel erben würde, und er nicht Vaters eigener Sohn war. Ach, was für eine liebevolle Familie!

Lucy erwiderte Garretts Lächeln und versank in einen tiefen Knicks. »Zu Ihren Diensten.«

Garrett saß neben Cass – wie immer. Sein etwas längeres Haar streifte seinen Kragen, und seine haselnussbraunen Augen, von derselben Farbe wie das eine von Lucy, funkelten vor Belustigung.

»Wir haben dich doch hoffentlich nicht geweckt, oder?«, fragte er.

»Ganz und gar nicht.« Lucy raffte mit einer Hand ihre veilchenblauen Röcke und spazierte zum Sofa, um sich zwischen Cass und Garrett zu setzen. Mit schwungvoller Geste präsentierte sie das Blatt Papier in ihrer Hand. »Ich bin heute Morgen schon seit Sonnenaufgang auf und habe eine Liste von Dingen aufgeschrieben, die Cass dem Duke of Claringdon sagen kann, wenn er ihr seine Aufwartung macht.«

Jane saß ihnen gegenüber auf einem Stuhl und war in ein Buch vertieft.

»Wie soll Cassandra denn von einer Liste ablesen, während der Herzog vor ihr steht?«, fragte Garrett.

»Ich nehme an, Sie haben eine bessere Idee, Upton.« Jane schob gelassen ihre Brille hoch und blätterte eine Seite um.

Garrett öffnete den Mund zu einer zweifellos schneidenden Erwiderung. Die beiden verband eine herzliche Abneigung gegeneinander, und das schon vom ersten Augenblick an. Sie hatten sich vor fünf Jahren bei einem gemeinsamen Theaterbesuch der Freunde kennengelernt, und ihre Meinungsverschiedenheit über das Stück hatte sich zu einem Krieg der Worte entwickelt, der seitdem andauerte.

Lucy hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es am besten war, ihre Geplänkel noch im Keim zu ersticken.

»Tatsächlich …«, setzte Garrett an.

»Dann muss sie es einfach auswendig lernen, das ist alles«, fiel Lucy ihm ins Wort.

Cass presste die Hände an die Wangen. »Auswendig lernen? Oh nein, ich fürchte, das kann ich nicht.« Sie nahm Lucy das Blatt aus der Hand und beäugte die ersten paar Zeilen. »Lucy, nie und nimmer werde ich mir das alles merken können – und selbst wenn, wäre ich viel zu schüchtern, es auszusprechen.«

Garrett bedachte Lucy mit einem Blick, der ausdrückte Hab ich’s dir doch gesagt. »Da siehst du’s. Du kannst Cassandra nicht einfach Worte in den Mund legen.«

Lucy schnappte sich das Blatt zurück. »Was stimmt denn nicht damit?« Sie räusperte sich und las dann den ersten Absatz vor. »›Wenngleich ich sicher bin, dass es zahlreiche Mondkälber gibt, die sich beim kleinsten Wink Ihres herzoglichen Fingers vor Begeisterung überschlagen würden, gehöre ich zufällig nicht zu diesen. Ich glaube, ich habe mich diesbezüglich außerordentlich klar ausgedrückt, und muss mich wundern, was man Ihnen auf Ihren Militärakademien beigebracht hat. Wie es scheint, gehört das Verständnis der englischen Hochsprache nicht zu Ihren zahlreichen Talenten, welche das auch immer sein mögen.‹«

Garrett warf Lucy einen leidgeprüften Blick zu. »Im Ernst? Muss ich dir wirklich erklären, was damit nicht stimmt?«

»Mir gefällt es«, warf Jane ein, ohne den Blick von der Seite zu heben, die sie gerade las. »Vielleicht ein bisschen zu lang für meinen Geschmack, aber deutlich genug.«

Garrett sah Jane mit schmalen Augen an. »Versteht sich, dass es Ihnen gefällt. Drückte man Ihnen einen Federkiel in die Hand, würden Sie höchstwahrscheinlich etwas noch viel Schlimmeres schreiben.«

Jane schnaubte verächtlich. »Etwas viel Schlimmeres? Was soll das denn heißen?«

»Ich meine, es gefällt Ihnen, weil es mir nicht gefällt. Ich schwöre, wenn ich behaupten würde, die Welt sei rund, würden Sie sagen, sie sei eine Scheibe, nur um mir zu widersprechen«, versetzte Garrett.

»Sie messen sich viel zu viel Bedeutung zu, Upton. Da muss ich mich doch fragen …«

Garrett öffnete schon den Mund, um etwas zu erwidern, doch diesmal hinderte ihn Cass daran.

»Oh Lucy, du musst doch wissen, dass ich das unmöglich zum Herzog sagen kann«, erklärte sie mit leuchtend roten Wangen.

»Warum denn nicht?«

»Zum einen ist es schrecklich unhöflich.«

»Ganz abgesehen davon bezweifle ich, dass der Herzog glauben würde, Cassandra habe sich das ganz allein ausgedacht, selbst wenn es ihr gelänge, alles auswendig zu lernen«, fügte Garrett hinzu.

»Und ich weiß, dass ich mir all das nie werde merken können.« Cass deutete auf das Blatt Papier.

»Ich verstehe nicht, warum«, entgegnete Lucy. »Stell es dir doch einfach wie eines unserer geliebten Theaterstücke vor. Tu so, als wärst du eine Schauspielerin.«

Cass’ Augen wurden riesengroß. »Eine Schauspielerin! Also, Mama würde mich eine Woche lang in meinem Schlafzimmer einsperren, wenn sie wüsste, was wir vorhaben.«

Frustriert warf Lucy eine Hand in die Luft. »Wen kümmert schon, was deine Mama …«

»Lies eine andere Antwort vor, Lucy«, bat Jane. »Vielleicht eine kürzere, die leichter zu merken ist.«

»Na schön.« Lucy setzte sich kerzengerade auf und überflog die Seite. Dann blätterte sie sie um. »Wie wäre es damit? ›Werter Herzog, ich bedauere es, Ihnen mitzuteilen, dass ich morgen bereits anderweitig beschäftigt sein werde, und übermorgen ebenfalls. Und überübermorgen. Ich bin an jedem Tag beschäftigt, an dem Sie sich nach meiner Verfügbarkeit erkundigen mögen. Tatsächlich fühle ich mich im Augenblick ein wenig unpässlich und hoffe, Sie nehmen in aller gebührenden Eile Hut und Handschuhe und entfernen sich von dieser Adresse.‹« Sie endete mit einem knappen Kopfnicken.

Jane zog eine dunkle Augenbraue hoch. »Das war kürzer?«

»Es war jedenfalls mindestens genauso unhöflich«, setzte Garrett kopfschüttelnd hinzu.

»Lucy, so etwas würde ich niemals sagen.« Cass zupfte an ihren Handschuhen. »Es ist einfach zu gemein.«

Wieder warf Lucy frustriert die Hand in die Luft. »Gemein? Gemein? Cass, der Mann versucht, dir den Hof zu machen, und weigert sich, ein Nein zu akzeptieren, und du machst dir Sorgen darüber, gemein zu sein?«

Argwöhnisch sah Garrett Lucy an. »Woher willst du denn wissen, dass Claringdon ein Nein nicht akzeptieren würde? Ich habe ihn vor mehreren Jahren bei der Armee kennengelernt. Er wirkte auf mich wie ein vernünftiger Kerl.«

Lucy wandte sich zu ihrem Cousin um und bedachte ihn mit einem genervten Blick. »Du warst gestern Abend nicht dabei, Garrett. Sag es ihm, Cass.«

Cass schluckte und spähte um Lucy herum zu Garrett. »Er wirkte tatsächlich recht entschlossen.«

Jane nickte. »Da stimme ich Lucy zu. Er war nicht bereit, das Wort Nein zu hören. Du musst vielleicht einfach ein bisschen energischer sein, Cass.«

Garrett schenkte Jane ein süffisantes Lächeln. »Oh, und ich nehme an, Sie würden eine solche Rede auswendig lernen und ohne Schwierigkeiten herunterrattern.«

Jane richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Buch. »Ich brauche gar nichts auswendig zu lernen. Ich bin ziemlich geübt darin geworden, lästige Gentlemen zurechtzuweisen, schließlich habe ich es schon jahrelang mit Ihnen zu tun, Upton.«

Bevor Garrett Gelegenheit hatte, auf diese Spitze zu reagieren, nahm Cass Lucys Hand. »Oh Lucy, ich kann mir diese Worte nicht merken.«

»Natürlich kannst du das, Cass«, widersprach Lucy.

Cass biss sich auf die Lippe. Ihre Augen waren groß wie Tintenfässer, als sie Lucy ansah. »Versprich mir, dass du heute Nachmittag zu mir kommst und dabei bist, wenn er mir seinen Besuch abstattet.«

Lucy verschränkte die Arme vor der Brust und klopfte mit dem Fuß auf den Teppich. »Oh, und wie ich dabei sein werde. Ob es dem Herzog gefällt oder nicht.«

Kapitel Fünf

Derek fuhr sich mit den Händen durchs Haar, schob den Stuhl von dem großen Eichenschreibtisch im Arbeitszimmer seines neuen Stadthauses zurück und stand auf. Mit langen Schritten ging er hinüber zu den großen Fenstern, die auf die Straße hinausblickten, und stützte eine Hand an die Wand. Verdammt. Die Berichte, die diesen Morgen vom Kriegsministerium gekommen waren, sahen nicht gut aus. Gar nicht gut.

Nicht nur gab es keine Neuigkeiten über Swifts Zustand – das Letzte, was Derek gehört hatte, war, dass man Swift in ein behelfsmäßiges Hospital außerhalb von Brüssel gebracht hatte –, aber es gab auch keine Nachricht von Donald oder Rafe. Donald, Swifts älterer Bruder, war der Earl of Swifdon. Er war außerdem ein Spion der Krone und hatte sich kurz vor der letzten Schlacht in Brüssel befunden. Er und Rafe, Captain Rafferty Cavendish, waren auf die streng geheime und höchst gefährliche Mission geschickt worden, die französischen Linien auszuspionieren, während sie auf Brüssel zumarschierten. Von keinem der beiden Männer hatte man seitdem etwas gehört. Den Berichten von heute Morgen zufolge hielt man beide für tot.

Derek ballte die Hand an der Wand zur Faust. Verdammt, verdammt, verdammt! Hier, in diesem überladen eingerichteten Stadthaus in Mayfair fühlte er sich absolut nutzlos. Er gehörte auf den Kontinent, um die Spur seiner Freunde aufzunehmen, sich um Swift zu kümmern, dabei zu helfen, seinem Freund die letzten Tage hier auf Erden zu erleichtern – so gut er es eben vermochte. Aber seine Befehle waren unmissverständlich gewesen. Augenblicklich nach London zurückzukehren und die Rolle des siegreichen frisch gebackenen Adeligen zu spielen. Anscheinend brauchte das Land einen Grund zum Feiern, und Dereks Anwesenheit in den Ballsälen Londons diente dem Zweck, ihnen ihren Helden zu geben.

Und er hasste jeden Moment davon. Dieses Stadthaus. Dieses Leben. Es war nichts für ihn. Er hatte nie danach gestrebt, Herzog zu werden. Und er war nicht darauf vorbereitet. Kehren Sie nach London zurück, Sie sind nun ein Herzog war in etwa der ganze Wortlaut von Wellingtons Befehl gewesen.

Derek mochte zwar in London festsitzen, aber er würde seine hochgepriesene Entschlusskraft dazu nutzen, seinen Freunden zu helfen, so gut er konnte. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier. Er hatte da schon ein paar Ideen. Orte, an denen Swifdon und Rafe möglicherweise untergetaucht sein konnten, falls sie verletzt worden waren oder sich verstecken mussten. Derek musste irgendjemanden im Kriegsministerium dazu bringen, auf ihn zu hören.

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