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Wie war' s in Japan?

Für Chisako

Michael Bartsch hat in Hamburg, Genf und Freiburg Jura und Literaturwissenschaft studiert und wurde in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er ist Professor für Urheberund Medienrecht an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, unterrichtet Softwarerecht an der Universität Karlsruhe und arbeitet als Rechtsanwalt auf diesen Gebieten. Seine Liebe gehört der Literatur und der Musik.

Wie war’s in Japan?

Das bin ich nach meinen zwei Reisen so oft gefragt worden, dass ich es hier zusammengefasst habe.

Japan ist interessant. Es gibt leider nur dieses nichtssagende Wort, um auf die Frage, wie es in Japan war, mit einem Wort zu antworten. Interessant bedeutet: sehr anders als Europa; sehr unerwartet; sehr uneinheitlich; sehr gespannt zwischen dem Alten und dem Neuen.

Japan ist nicht schön. Natürlich ist Japan doch sehr schön, was die Landschaft, die alten Gebäude – Tempel, Schlösser, Bauernhäuser – und viele Gegenstände der alten Lebenskultur – Lackwaren, Kimonos, Schriftbilder – angeht. Aber diese Dinge sind im Alltag kaum zu sehen. Zu sehen sind städtische Agglomerationen, die sich ewig hinziehen und die jedem Anspruch an Ordnung und Ästhetik widersprechen; das Gewirr der Verkehrswege, dreifach übereinander auf immer höheren Betonstelzen; Reklame überall.

Japan ist anstrengend, jedenfalls das öffentliche Leben. Überall viele Menschen, überall eilige Menschen. Wenn man in einem der riesigen Bahnhofsgewirre ein paar Stufen hochsteigt und auf die rennenden Leute schaut, bekommt man Augenflimmern. Die schwüle Hitze im Sommer wird durch rabiate Klimaanlagen kompensiert. In einem Lokal war die Anlage so stark gestellt, dass die Papierserviette vom Tisch wehte. Aber trotz des Rennens und Hastens haben die Leute keine verkniffenen oder aggressiven Mienen. Die Disziplin ist unantastbar. Die Eisenbahnwagen halten auf den halben Meter genau; der Bahnsteig ist beschriftet; jeder weiß, wo er sich anzustellen hat. Man muss die Japaner sehr bewundern für diese Zurückhaltung und Gelassenheit.

Japan ist kurios. Alles ist hier verpackt, viele Sachen zweimal. In einem kleinen Supermarkt haben wir zwei kleine Mohrrüben in einer Plastikumhüllung mit ausführlicher Beschriftung gesehen. Kurios sind auch die Uniformen. Das Personal der Schnellzüge ist feiner gekleidet als die Jumbojet-Piloten der Lufthansa. Die Männer auf dem Rollfeld des Flughafens haben militärische Uniformen an mit Streifen, Schultergurten und Helmen, alles ein bisschen übertrieben, aber nicht auf die italienisch-operettenhafte Art, sondern ins männlich-militärische gezogen, also die Helme und Mützen etwas zu groß, der Schultergurt zwecklos. Sie sehen aus unserer Perspektive, von oben aus dem Ankunftsgebäude, wie Playmobil-Figuren aus. Überhaupt lieben die Japaner Uniformen.

Japan ist höflich. Die Grobheit der äußeren Erscheinung des Landes, vor allem diese Architektur, die Menschenfülle und das Tempo, mindern die japanische Höflichkeit durchaus nicht. Auf Höflichkeit ist jederzeit Verlass.

Japan ist überraschend. Die Japaner als die Preußen Asiens? Weit gefehlt. Preußisch-exakt sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Schon der private Autoverkehr läuft sehr unpreußisch. Vorfahrt hat das größere Auto. In vielen Lokalen, in den kleingewerblichen Betrieben und Handwerkstätten geht es eher südfranzösisch als preußisch zu; in Behörden auch. Japan ist zumeist von sorgloser und dauerhafter Unaufgeräumtheit; neben einem schön herausgeputzten Einfamilienhaus lagert lange schon rostiger Schrott. An einem Haus ist das Regenfallrohr undicht, seit Jahren, die Wand ist schwarz und unten schon bemoost. Viele Häuser sind in einem Zustand wie alte, sehr lange getragene Kleidung; nicht zerlumpt, aber mit Patina.

Japan ist beeinträchtigend. Man ist in dieser Welt der fremden Schriften wieder Analphabet. Man wünscht sich japanische Stille, aber in den großen Einkaufszentren gibt es dreierlei Musik: die allgemeine Beschallung im japanischen Stil, die Abteilungsmelodie, die in der Gemüseabteilung anders ist als bei den Schreibwaren, immer dieselbe kleine Schnulze, und dann die Sondermusik für einzelne Verkaufsaktionen, die aus Videoapparaten quillt.

Japan ist angenehm. Man fühlt sich immer sicher. Es gibt keine Unfreundlichkeit oder Unhöflichkeit von Personal; wer einen Dienst zu leisten hat, tut dies auf eine Weise, von der man hier nur träumen kann. Wer etwas gibt oder nimmt, wer bittet oder dankt, tut dies mit einer Handbewegung von solcher Eleganz, dass der humane Kern dessen, was Höflichkeit ist, aufs Schönste zu sehen ist.

Japan ist gesund. Das Essen ist viel gesünder als bei uns. Man sieht das den Japanern an, vor allem den älteren.

Mit einer japanischen Ehefrau Hochzeitsreise nach Japan zu machen, ist ein privates Glück und ein touristischer Vorteil. Man kommt an Orte und in Situationen, die Touristen kaum zugänglich sind. Man wohnt in einer Familie. Man sieht außer bei den Hauptsehenswürdigkeiten keine Europäer. Die Hauptpersonen dieser Aufzeichnungen sind deshalb meine Ehefrau Chisako und meine Schwiegereltern Reiko und Hitoshi als unsere Gastgeber, denen ich sehr dankbar bin.

Stadtbilder

Von japanischem Städtebau, von japanischer Architektur zu sprechen, ist falsch. Besser spricht man von Nicht-Planung und Nicht-Architektur. Gäbe es hier ein Büro für Stadtplanung und noch das alte kaiserliche Rechtssystem, so könnte man sich die Strafen für die Stadtplaner nicht grausam genug vorstellen.

Hier steht alles ohne die geringste Ordnung, ohne das geringste Konzept unvermittelt auf engstem Raum nebeneinander und durcheinander, das Alte (häufig sehr Ungepflegte) und das Neue; der Wohnblock, die Fabrik, die Tankstelle, der Tempel, das Einfamilienhaus, die Werkstatt, das Bürogebäude. Und alles ist übersät mit Reklame. Und alles ist mit einem wirren Netz an elektrischen Leitungen überzogen, die durch die Luft geführt werden, an Masten mit 10 oder 20 Kabeln. Es gibt keinen größeren Gegensatz als den zwischen dem durchschnittlichen japanischen Stadtbild und dem Garten eines japanischen Tempels.

Die langgestreckten Wohnblocks sind architektonisch so reizvoll wie ein DDR-Plattenbau. Aber die über die ganze Länge durchgezogenen Balkone mit Betonbrüstungen oder einfachen Metallgittern geben den Gebäuden italienisches Leben; überall ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt, über den Geländern hängen Bettdecken.

Mitten in Tokio, einer Stadt mit höchsten Grundstückspreisen, stehen kleine zweistöckige Häuschen in ganz heruntergekommenem Zustand; die Fassaden altersschwarz; längs und quer sind Kabel angenagelt. Auf dem Innenstadtring der S-Bahn in Tokio wächst neben einem abbruchreifen, ungenutzten Häuschen eine Palme wie Unkraut. Wir sind mit dieser Ringbahn durch halb Tokio gefahren; ich ganz vorne an der verglasten Tür des Fahrers, die Kamera bereit, um auf dieser Strecke Eindrücke von Tokio zu fotografieren. Ich habe nicht ein Bild gemacht; es war alles zu trostlos.

Dabei hat das alte Japanische durchaus seine Bedeutung und seine Präsenz. Es gibt viele Wohnhäuser im alten Stil; sie stehen unvermittelt neben allem anderen, was sonst in Japan steht. Auch die Wohnhäuser, die im europäischen Stil gebaut sind, haben, vielleicht unbewusst, charakteristische Züge der alten Architektur bewahrt. Sie liegen gern etwas erhöht hinter einer Mauer, die das Grundstück zur Straße abtrennt, ein wenig geschützt wie eine Burg. Die Eingangssituation hat ihr Modell in den alten Samurai-Häusern. Dazu gehört die Mauer, die den Eingang eingrenzt, und hinter der Mauer wächst ein typisch japanischer Baum. Die Häuser betonen einen Absatz zwischen Erdgeschoss und erstem Obergeschoss, dem in der alten Architektur ein Rücksprung der Fassade entspricht, und haben nach altem Brauch in viele Teilflächen gegliederte Dächer.

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