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Wie wär’s mit einem Manet?

Wo kommen nur die vielen
auserlesenen Antiquitäten her?

Während eines Urlaubs in Frankreich konnte das Rätsel
durch einen französischen Grafen gelöst werden. Eine
raffinierte, dubiose Geschichte
.

Und dann warteten im Verborgenen
noch zweiundzwanzig Gemälde
verschiedener Impressionisten
auf ihre Entdeckung

Ein Glücksfall für den Kunst- und Antiquitätenhändler
Oliver Sartorius

Oliver Sartorius sah zum wiederholten Male ungeduldig auf die große, aufwendig verzierte, und trotz ihres Alters noch immer auf die Minute genau gehende Standuhr aus der Zeit Ludwig XIV. Ein besonders wertvolles Stück, das er kürzlich erst von seinem französischen Lieferanten erworben hatte. Im gleichen Moment füllte ein volltönender, dunkler Glockenschlag die großen, mit erlesenen Antiquitäten und Gemälden überreichlich ausgestatteten Räume bis in den entferntesten Winkel.

„Schon halb zwei. Jetzt könnte er aber kommen“, sagte Oliver mehr zu sich selbst, als zu Sonja, seiner Mitarbeiterin, die sich gerade mit Eintragungen in ein großes Journal beschäftigte.

„Langsam mache ich mir Sorgen, dass ihm etwas passiert sein könnte. Und ich brauche ihn wirklich dringend. Morgen kommt Roganow, ich muss meinem besten Kunden doch etwas zeigen können. Für zwölf Uhr waren wir verabredet und jetzt ist er schon eineinhalb Stunden überfällig. Das ist bei ihm sehr ungewöhnlich. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen.“

„Ich würde mir keine Sorgen machen. Sie vergessen, dass er heute direkt aus Paris kommt. Er wird sicher irgendwie aufgehalten worden sein, oder das Flugzeug hatte Verspätung. Das kommt schon mal vor“, meinte Sonja. „Und dann der Verkehr vom Flughafen hierher.“

Sonja Ritterbach war eine junge, attraktive Frau, ein paar Jahre jünger als Oliver. Sie studierte Kunst und Geschichte und verdiente sich hier im Kunst- und Antiquitätengeschäft Sartorius nebenbei ihren Lebensunterhalt.

Im Hintergrund polierte ein weiterer Mitarbeiter einen riesigen Spiegel mit verschnörkeltem Rahmen. Rolf Jacobs, ein junger Mann mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, war der Dritte in Olivers kleinem Team. Er war universell einsetzbar, ob als Verkaufsberater oder Aufkäufer von Antiquitäten und Bildern. Sein besonderer Ehrgeiz war, dass kein potentieller Kunde den Laden verließ, ohne etwas gekauft oder zumindest bestellt zu haben. Wurden bei Haushaltsauflösungen Antiquitäten angeboten, setzte er seinen ganzen Charme ein, um den Verkäufer zu Zugeständnissen zu bewegen. Ebenso machte er sich mit Begeisterung an die Aufarbeitung der von ihm beschafften Möbel und es erfüllte ihn mit Stolz und Genugtuung, wenn ein Kunde von seinem aufgearbeiteten Möbelstück so begeistert war, dass er es sogleich kaufte.

Nur in einem speziellen Fall kam er einfach nicht voran. Die tägliche Nähe hatte seine Leidenschaft zur schönen Sonja entflammt. Und da Oliver kein Interesse an Sonja zeigte, hatte er keine Mühe gescheut und sich rührend bemüht, die Zuneigung von Sonja zu gewinnen. Blumen, Einladung ins Kino, Einladung zum Essen, alles ohne den Hauch eines Erfolges. Selbst seine Briefmarkensammlung wollte sie nicht sehen. Dabei war Rolf, wenn er sich so im Spiegel betrachtete, doch ein cooler Typ.

Aber irgendwie blieb Sonja unnahbar. Sie ist entweder ein gefühlloser Eisberg, oder sie ist lesbisch, war inzwischen seine Meinung, sonst hätte sie doch seine Angebote annehmen müssen.

Oliver hatte das Werben seines Mitarbeiters um Sonjas Zuneigung amüsiert verfolgt. Er wusste, dass Sonja in festen Händen war. Sie war seit längerem mit ihrem Kunstprofessor liiert. Oliver respektierte Sonjas Verhältnis. Er hatte in der Beziehung keine Ambitionen und sah auch keinen Grund, sich hier einzumischen. Warum sollte er Sonjas Liaison dem chancenlos Verliebten verraten? Und Sonja sah keinen Anlass, Rolf etwas erklären zu müssen.

Etwa zehn weitere Minuten waren inzwischen unendlich langsam dahingeschlichen, als ein Taxi vor der Tür hielt. Der Taxifahrer öffnete den Kofferraum und überreichte seinem Fahrgast zwei große Handkoffer.

„Endlich!“ Oliver war erleichtert.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Galeristen. Er hatte den Besucher mit steigender Ungeduld erwartet und eilte ihm jetzt zur Tür entgegen.

„Bonjour, Monsieur Rodier. Schön, dass Sie da sind. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass Ihnen etwas passiert wäre.“

„Ich bitte um Entschuldigung wegen der Verspätung“, sagte Monsieur Rodier. „Wir sind in Paris verspätet abgeflogen, weil es irgendein Problem bei der Betankung gegeben hat und am Flughafen Tegel gab es dazu noch Verzögerungen mit der Gepäckausgabe.“

„Jedenfalls freue ich mich, Sie zu sehen. Was haben Sie mir heute Schönes anzubieten?“

Oliver Sartorius sah seinen Besucher erwartungsvoll an und bat ihn in das kleine Büro rechts neben der Eingangstür.

Monsieur Rodier stellte seine offenbar schweren Koffer ab und nahm vor dem Schreibtisch Platz.

„Ich habe Sie schon ungeduldig erwartet und bin ganz gespannt, was Sie mitgebracht haben.“

„Nun, Monsieur Sartorius, wie immer.“

Monsieur Rodier nahm einen Koffer auf den Schoß und öffnete ihn.

„Viele neue alte Sachen. Wunderschöne alte Möbel und herrliche Gemälde.“

Monsieur Rodier sprach hervorragend Deutsch, allerdings mit diesem typischen französischen Akzent, den Oliver so spaßig fand. Das „ich“ hörte sich eher wie „isch“ an.

„Einen Kaffee, Monsieur Rodier? Ja natürlich! Eine dumme Frage. Wie immer, schwarz, mit Zucker“, gab sich der Galerist selber die Antwort.

Monsieur Rodier nickte zustimmend. „Bitte einen doppelten Espresso.“

Er zog einen umfangreichen Katalog aus seinem Koffer.

„Gibt es eigentlich Franzosen, die keinen Kaffee trinken?“, fragte Oliver seinen Besucher, während er die Kaffeemaschine für zwei Espressi in Gang setzte.

Monsieur Rodier zuckte mit den Schultern.

„Das würde mich wundern. Wenn Sie den Franzosen den petit noir und ihren Rotwein vorenthalten, gibt es einen Aufstand!“

Der Besucher war ein liebenswerter Franzose von einnehmendem Wesen. Ein Mann von mittlerer, schlanker Statur, schätzungsweise etwa fünfundvierzig Jahre alt. Der Anzug schien maßgeschneidert zu sein. Ein schmaler schwarzer, kurz geschnittener Bart zierte seine Oberlippe und gab ihm damit das Tüpfelchen auf dem „i“, das neben dem französischen Akzent das Bild eines eleganten Franzosen abrundet. Jedenfalls empfand Oliver das so.

„Na dann zeigen Sie mir mal Ihre Schätze. Inzwischen ist mein Fundus ziemlich geschrumpft. Es kommen seit einiger Zeit viele Kunden aus dem Osten und ich habe in der Zwischenzeit einige Großaufträge vorliegen, die Sie mir erfüllen müssen. Es wird sich für uns beide lohnen!“

Monsieur Rodier zog aus dem zweiten krokodilledernen Handkoffer weitere, reich mit Fotos bebilderte Kataloge und legte sie stolz dem jungen Mann vor.

„Monsieur Sartorius, ich denke, da bleibt kein Wunsch offen.“

Oliver Sartorius nahm einen Katalog in die Hand, schlug ihn auf und war begeistert. Monsieur Rodier hatte Recht.

Auch heute hatte sein französischer Geschäftspartner wieder eine breite Palette stilvoller antiker Möbel aus mehreren Jahrhunderten bis hin zur Neuzeit anzubieten. Die einzelnen Objekte waren alle nummeriert und teilweise mit einer kurzen Beschreibung versehen. Hatte man sich für einen Gegenstand entschieden, brauchte man für die Bestellung nur die Nummer des gewünschten Objektes anzugeben und dies wurde danach meist in kurzer Zeit ausgeliefert.

„Monsieur Rodier, wunderbar! Es ist erstaunlich, dass Sie immer wieder so viele schöne Sachen anbieten können.“

„Ach, wissen Sie, Monsieur Sartorius, der Fundus Frankreich ist praktisch unerschöpflich. Im Laufe vieler Jahrhunderte wurden unermesslich viele feine, kunstvolle Möbelstücke von hervorragenden Handwerkern in Frankreich hergestellt. Zum anderen leben Adelige und Reiche nicht ewig. Und die Erben sind oft bereits voll eingerichtet, dazu meist modern. Zumindest moderner. Dann kommen wir ins Spiel. Außerdem gibt es viele Schlossbesitzer in Frankreich, die zwar ein Schloss mit wunderschönen Antiquitäten und große Ländereien besitzen, denen es aber oft an dem leider auch notwendigen Bargeld fehlt. Dann müssen sie schon hin und wieder entweder Land oder ein altes Bild oder ein Möbelstück verkaufen. Und Frankreich ist groß und es gibt viele Schlösser!“

Monsieur Jean-Marie Rodier war ein Partner, mit dem Oliver gern Geschäfte machte. Er war sehr zuverlässig. Ein weiteres, unschlagbares Argument waren vor allem die Preise der antiken Sachen. Sie bewegten sich in einem annehmbaren Rahmen, der auch Oliver noch einen guten Gewinn ermöglichte. Zudem konnte man in Einzelfällen mit Monsieur Rodier schon einmal über den Preis reden.

„Ihre Angebote kommen, wie ich Ihnen bereits sagte, gerade im richtigen Moment. Im Osten entwickelt sich zurzeit eine Klasse von Superreichen. Es gibt immer noch die früheren Seilschaften der alten Parteiführungen und Geheimdienste, die es verstanden haben, sich die Industriebetriebe und die Banken unter den Nagel zu reißen. Nicht nur in Russland, auch in Ländern, wie Rumänien, der Ukraine und den Ländern der früheren Sowjetunion gibt es Oligarchen, die ihr Geld in Kunst investieren wollen. Auch dort hat sich herumgesprochen, dass Antiquitäten und Gemälde ihren Wert behalten und damit die beste Geldanlage sind.“

„Das ist richtig. Bei Antiquitäten gibt es keine Inflation. Es ist wie mit den Gemälden alter Meister. Die Maler sind tot und werden keine Bilder mehr malen. Es wird keinen neuen Rubens mehr geben.“

Oliver nahm den nächsten Katalog und blätterte darin. Der Katalog enthielt ausschließlich Gemälde, geordnet nach Epochen. Es waren in der Überzahl Porträts inzwischen schon lange verblichener Aristokraten und reicher Bürger. Jeder Adelige und jede Dame, die etwas auf sich hielt, jeder, der es sich leisten konnte, hatte früher, ob im Mittelalter oder in der Belle Epoque, das Bedürfnis gehabt, sich in Öl zu verewigen. Das Aussehen des oder der Porträtierten schien dabei keine Rolle zu spielen, der Maler versuchte sicher stets, das Beste aus dem Modell zu machen.

Oliver deutete auf ein besonders auffälliges Porträt eines älteren, offensichtlich sehr wohlhabenden Mannes mit ausgeprägter roter Nase und meinte belustigt: „Würde ich so aussehen, hätte ich mich bestimmt nicht malen lassen. Das Bild hat der Porträtierte, als er es gesehen hatte, sicherlich beim Künstler nicht mitgenommen.“

Monsieur Rodier hatte ein einleuchtendes Gegenargument: „Das muss keinesfalls sein. Wenn Sie sich von klein auf jeden Tag im Spiegel sehen, sind Sie über ein Porträt, das der Realität etwas näher kommt, sicher nicht mehr schockiert. Der Künstler kann das Aussehen sogar etwas verbessern, aber der Auftraggeber muss sich natürlich noch wiedererkennen.“

„Was beim späten Picasso nicht mehr gelungen wäre“, meinte Oliver.

Dann entdeckte Oliver das Bild eines Impressionisten.

„Ich sehe hier ein Bild von Winslow Homer, Ein Sommertag, um 1890.“

Oliver hielt Monsieur Rodier den Katalog hin.

„Sehr schön, aber siebenhundertfünfzigtausend Euro, ein verdammt hoher Preis. Kann man da noch etwas machen?“

Monsieur Rodier schüttelte den Kopf. „Monsieur Sartorius, es ist schon ein äußerst günstiger Preis. An dem Preis ist kaum etwas zu machen. Für einen Homer zahlen Sie normalerweise etwa zwei bis drei Millionen und mehr. Unser Preis ist ein Superschnäppchen. Ein Glücksfall für Sie! Für den Preis bekommen Sie auch ein großes Bild, 82 x 110 Zentimeter, und Sie erhalten dazu noch eine Expertise.“

„Ist wirklich nichts zu machen?“, bohrte Oliver weiter.

„Fünfzigtausend könnte ich Ihnen noch nachlassen, aber nur, weil wir bereits umfangreiche Geschäfte miteinander machen. Leider haben die bekannten Impressionisten, und nicht nur die, wie Sie wissen, in den letzten Jahren insbesondere durch Käufer aus Fernost in den Preisen stark angezogen. Auf einer Versteigerung würde das Bild einen noch weitaus höheren Preis erzielen.“

„Schade, ich kann das Geld im Moment nicht vorschießen. Aber ich habe einen potentiellen Käufer und melde mich sofort, wenn ich mit ihm gesprochen habe. Ich denke, mein neuer russischer Kunde könnte interessiert sein.“

Monsieur Rodiers Aussage zum Preis und der Möglichkeit, bei einer Versteigerung mehr erzielen zu können, machte Oliver etwas nachdenklich. Warum bietet er das Bild nicht auf einer Auktion an, wenn man dort wesentlich höhere Preise erzielen kann? Allerdings hütete Oliver sich, diese Frage laut zu stellen. Wenn das Bild bei dem Preis echt war, wäre es ja sein Vorteil.

Aber dann gab Monsieur Rodier selbst eine einfache und plausible Erklärung.

„Dieser günstige Preis ist nur möglich, weil der bisherige Besitzer, ein reicher, älterer Schlossherr nicht möchte, dass seine Verwandtschaft von dem Verkauf erfährt“, erklärte Monsieur Rodier. „Er mag den ganzen Clan nicht, weil alle nur scharf auf das Erbe sind. Er ist gesundheitlich etwas angeschlagen und die Geier sitzen schon in den Startlöchern. Sie würden ihn am liebsten bereits tot sehen, um an das Erbe zu kommen. Deshalb hängt in seinem Schloss jetzt eine Kopie und er ergötzt sich schon heute an der Vorstellung der langen Gesichter, wenn die Erben feststellen, dass sie nur eine Kopie geerbt haben. Ich habe die Möglichkeit, von dem Grafen in Kürze noch weitere Originalbilder zu bekommen. Er brauche nur soviel Geld, hatte er mir erklärt, dass er die paar Jahre, die ihm noch bleiben, ohne finanzielle Sorgen verbringen kann. Wenn dann für die Erben später nichts mehr übrig ist, umso besser. Ich habe dieses Bild allerdings nur unter der Zusicherung, es nicht öffentlich anzubieten, erhalten. Deswegen möchte ich Sie ebenfalls bitten, das Bild nicht auf einer öffentlichen Auktion versteigern zu lassen. Das Gleiche gilt auch für weitere Bilder, die ich in Aussicht habe.“

„Monsieur Rodier, wenn der Kunde, an den ich denke, das Bild kaufen sollte und ich gehe davon aus, dass er es kaufen wird, verschwindet es sowieso in einem neuerbauten Schloss in Russland. Mein neuer russischer Kunde, ein russischer Milliardär, ist vor fünf Wochen das erste Mal bei mir erschienen und hat lukrative Geschäfte in Aussicht gestellt. Er lässt sich zurzeit in der Nähe von Moskau ein Schloss bauen und sucht jetzt passende Möbel für zehn Zimmer. Im Moment ist er mit seiner Frau in Nizza und wird sich morgen wieder bei mir melden. Ich habe deshalb eine Bitte. Würden Sie mir Ihre Kataloge bis Übermorgen hier lassen, damit ich mit ihm die Möbel aussuchen kann?“

„Mon cher ami, kein Problem.“

Natürlich konnte Monsieur Rodier bei diesem zu erwartenden, lukrativen Geschäft die Kataloge entbehren. Er hatte immer mehrere Exemplare bei sich, die er dem Kunden überlassen konnte.

Ein Problem hatte Monsieur Rodier allerdings doch.

„Leider wird es mit der Auslieferung einiger Möbel oder Bilder eventuell ein paar Wochen dauern. Wir haben, wie Sie sehen, ja ein sehr umfangreiches Angebot und Sie verstehen sicher, dass wir bei dieser Menge nicht alle Möbel und Bilder in einem zentralen Lager haben können. Die ausgesuchten Objekte müssen teilweise erst noch aus Zwischenlagern oder bei den jetzigen Besitzern abgeholt werden. Wir haben aber Optionsverträge mit den Besitzern, sodass Sie die bestellten Objekte garantiert bekommen.“

„Das ist in diesem Fall im Moment überhaupt kein Problem.“

Oliver konnte da Monsieur Rodier beruhigen.

„Das Schloss bei Moskau ist noch lange nicht fertig. Wir haben also noch genügend Zeit. Wenn ich in einem Vierteljahr liefere, wird es noch reichen. Allerdings ist der Kunde ganz versessen auf französische Antiquitäten. Sein Schloss soll etwas Einmaliges werden. Ich lasse ihn die Möbel und Bilder aussuchen und gebe Ihnen in drei Tagen die Kataloge zurück und gleichzeitig die Aufstellung der Nummern der gewünschten Objekte.“

„Die Kataloge können Sie behalten. Ich habe extra jeweils ein Exemplar für Sie mitgebracht. Allerdings kann es sein, dass das eine oder andere, nicht vorbestellte Objekt im Laufe der Zeit verkauft wird und nicht mehr lieferbar ist. Dafür werden aber neue Sachen hinzukommen. Was Sie in den nächsten Tagen fest bestellen, wird für Sie reserviert. Über das Zahlungsziel werden wir uns sicher einig.“

„Da habe ich überhaupt keinen Zweifel. Ich denke, ich kann Ihnen schon in den nächsten Tagen die Bestellung zufaxen. Wir werden bestimmt etwas für die zehn Zimmer finden“, war sich Oliver sicher. „Und den Homer halten Sie bitte auch so lange zurück.“

Mit seinen fast zweiunddreißig Jahren besaß Oliver Sartorius bereits einen verblüffenden und sicheren Kunstverstand und insbesondere ein Gespür für Trends auf dem Kunstmarkt.

Schon als kleiner Junge durchstreifte er gern die Räume der väterlichen Galerie in München und bewunderte die vielen Gemälde und die antiken Möbel. Geduldig beantwortete der Vater die Fragen seines wissensdurstigen Sohnes. Er erklärte ihm die Möbelstile und die Arbeit, die in den Antiquitäten mit den Intarsien und aufwendigen Verzierungen steckte. Er veranschaulichte in plastischen Geschichten seinem Sohn die Zeit, in der die Möbel bei Grafen und Königen benutzt wurden. Er erzählte ihm von den großen Malern, von Rubens, der gerne gut genährte Frauen malte und von van Gogh, der sich ein Ohr abgeschnitten hatte. Auf diese Weise wurde bei dem Jungen schon früh das Interesse an Bildern und deren Malern und an alten Möbeln mit Vergangenheit geweckt. Es war beizeiten klar, dass der Sohn in die Fußstapfen seines Vaters treten würde.

Nach der Schulzeit hatte er folgerichtig Kunst und Geschichte in München studiert und er kannte sich inzwischen auch auf dem internationalen Kunstmarkt sehr gut aus.

Mit sicherem Instinkt hatte Oliver rechtzeitig erkannt, dass sich nach den großen politischen Veränderungen im Osten ein lukrativer Markt für Kunst und Antiquitäten entwickeln würde. Dort wuchs inzwischen eine Oberschicht mit viel Geld heran, die ihre Rubel in Wertsachen anlegen wollte.

Und tatsächlich, in letzter Zeit hatte sich sein Kundenkreis stark verändert. Jetzt kamen immer mehr zahlungskräftige, aber auch anspruchsvolle Kunden aus den östlichen Staaten, insbesondere aus Russland. Diese gebildete Klientel war bereit, viel Geld für Raritäten insbesondere aus den französischen Schlössern auszugeben und ihm war bewusst, dass dieser ehrgeizige Geldadel auch besonders empfänglich für Legenden aus der Zeit der französischen Könige sein würde. Vielleicht saßen der neuzeitliche Schlossherr und seine Gemahlin des Abends in Hermelin gewandet am prasselnden Kamin? Wer weiß? Nichts ist unmöglich.

Oliver wusste also genau, was seine Kundschaft erwartete und lieferte seinen Kunden zu den Antiquitäten auch deren Geschichte mit. Er besaß, angeregt durch die spannenden Erzählungen seines Vaters, schon in der Kindheit eine ausgeprägte Fantasie und so fiel es ihm jetzt nicht schwer, zu jedem Bild oder Möbelstück auch eine interessante Geschichte mitzuliefern. In seinem Büro lagen mehrere Bildbände über Schlösser in Frankreich und über diverse französische Landsitze, sodass Oliver dem interessierten Geschäftsfreund auch das Schloss zeigen konnte, aus dem das Gemälde mit dem imponierenden Blaublütigen angeblich stammen würde. Wenn die Geschichten nur spannend genug waren, hinterfragte sicher niemand den Wahrheitsgehalt.

Das Stammhaus der Familie Sartorius in München befand sich in einem großen Gebäudekomplex, der sich seit Generationen im Besitz der Familie befand. Schon Olivers Urgroßvater hatte mit dem Antiquitätenhandel begonnen. Das Antiquitätengeschäft und die Gemäldegalerie in München wurden jetzt von Olivers Vater mit vier Angestellten geführt.

Im Erdgeschoß war die große Galerie von etwa fünfhundert Quadratmetern untergebracht, die noch nach hinten weit in den Garten hinausragte. Im ersten Stock wohnte der Hausherr mit seiner Frau und im Obergeschoß hatte Sohn Oliver sein Appartement neben der großen Wohnung seiner Großmutter.

Dann gab es noch einen großen, weitgehend ungenutzten Dachboden mit mehreren Räumen. In einem dieser Räume hatte schon Olivers Großvater die wertvollsten Bilder und Porzellan untergebracht. Der feuersichere Raum hatte eine mit drei Schlössern gesicherte Stahltür. Hier lagerten auch heute noch etliche teure, ausgesuchte Bilder und wertvolle Skulpturen, Holzschnitzereien alter Meister und Ikonen, von denen sich Olivers Vater nur ungern trennen würde.

In der hinteren rechten Ecke stand ein blechernes Ungetüm von etwa einem Meter Breite, einem Meter innerer Tiefe und eineinhalb Metern Höhe. Die Tür und die Seitenwände waren außen und innen mit Asbest verkleidet und innen wiederum mit Blech ausgeschlagen. Falls es einmal brennen würde, könnte man die teuersten Objekte darin vielleicht vor der Zerstörung schützen, hatte Olivers Vater erklärt.

Links neben dem Sartorius-Komplex schloss sich, durch zwei dicke Brandmauern getrennt, ein großflächiges, zweistöckiges Anwesen einer alteingesessenen Tuchhändlerdynastie an.

Noch während seiner Studienzeit war Oliver vor sechs Jahren in das Kunst- und Antiquitätengeschäft seines Vaters in München eingestiegen. Aber, wie es oft der Fall ist, gab es im Laufe der Zeit zwischen Vater und Sohn ab und zu grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten. Während Oliver auch moderne Kunst verkaufen und junge Maler fördern wollte, hatte sein Vater für moderne Kunst im Grunde nichts übrig.

„Sieh dir die Bilder der alten Meister an. Wie viel Detailtreue und wie viel Arbeit stecken darin. Bei deinen modernen Künstlern werden schnell ein paar Farbtupfer auf die Leinwand geschmiert und gekleckst, und fertig ist das Bild. Man kann diese Bilder zwar mit Gewinn verkaufen, aber sie sind für mich trotzdem keine Kunstwerke. Kunst kommt auch von Können, und bei diesen Bildern sehe ich die eigentliche Kunst darin, jemanden zu finden, der sich einreden lässt, dass es Kunst wäre. Und dann auch die anderen so genannten „Objekte“ oder „Installationen“, die man heute überall sieht. Zum Beispiel von Boys. Ein Fettklumpen in der oberen Ecke eines Zimmers! Wer rechnet denn das zur Kunst? Die eigentliche Kunst dabei ist, dass das Fett nicht runterfällt. Oder nimm doch seine vergammelte, mit Pflastern beklebte Badewanne, die die Putzfrauen gesäubert haben, um Sekt darin zu kühlen. Boys hat sie für vierzigtausend Mark wieder in den vergammelten Zustand versetzt!“

„Fett hatte für Boys im Krieg eine besondere Bedeutung und zu der Fettecke gibt es eine erklärende Geschichte“, warf Oliver ein.

Sein Vater winkte ab und schüttelte den Kopf.

„Und wenn die Geschichte noch so spannend ist, Fett kann ich unter unter die Decke schmieren, aber das ist für mich auch mit einer rührseligen Geschichte keine Kunst!“

Er hatte jetzt ein Thema, bei dem er sich schnell erregen und daran festbeißen konnte. Vater liebte seine alten Möbel und die alten Meister. Schon bei einigen Impressionisten hatte er Vorbehalte, ganz zu schweigen bei Picassos späteren Werken und dessen zeitgenössischen expressionistischen Malerkollegen.

„Wie kann sich zum Beispiel eine Frau von einem Maler wie Picasso, der ohne Frage wirklich hervorragend malen kann, so verunstalten lassen, ohne vehement zu protestieren? Eine Nase gehört doch mitten ins Gesicht und die Augen links und rechts daneben und nicht beide links neben die Nase. Das ist doch nicht die Frau, die Modell gesessen hat! Als Modell würde ich den Maler wegen Verunstaltung verklagen, ganz zu schweigen davon, dass man für derartige Bilder doch kein Modell braucht.“

„Das Modell ist die Muse, die die Phantasie des Künstlers beflügelt“, warf Oliver ein. „Das Bild muss keine fotographische Wiedergabe des Modells sein.“

„Was ist das für eine Muse, wenn derartig verkrüppelte Bilder aus der Beflügelung herauskommen. Wem es gefällt und dafür Geld ausgeben will, na gut. Ich weiß natürlich, auch mit moderner Kunst kann man inzwischen viel Geld verdienen, aber ich kann mich für diese Art einfach nicht erwärmen und bleibe konsequent. Ich verstehe nicht, wie man stundenlang über den tieferen Sinn eines schwarzen Quadrates auf weißer Leinwand diskutieren kann, deshalb überlasse ich dir die moderne Kunst.“

„Ich weiß, Vater, du wirst dich nie für die modernen Künstler erwärmen. Deine Vorliebe gilt halt den alten Meistern und auch den schönen Antiquitäten. Im Grunde verstehe ich dich ja sogar. Über manche ausgefallenen Dinge kann ich auch nur den Kopf schütteln. Aber ich bin jung und muss mit dem Zeitgeist gehen.“

„Das sollst du ja auch, aber erwarte das nicht auch von mir. Ich werde nicht akzeptieren, dass Abfall in einer Plexiglas-Tonne als Kunst angesehen wird.“

„Dein Maßstab sind die alten Meister, die sehr genau mit viel Akribie das gemalt haben, was sie gesehen haben. Wenn es damals schon Fotoapparate gegeben hätte, hätten sie sich die Mühe nicht machen müssen. Heute ist man viel freier und kann die Realität darstellen, aber auch seiner Fantasie einfach freien Lauf lassen.“

So gab es immer wieder fruchtlose Diskussionen über moderne Kunst zwischen Vater und Sohn. Oliver hatte keine Chance, moderne Maler im Geschäft seines Vaters einzuführen, um das Angebot zu komplettieren.

Auch deshalb wollte Oliver aus dem Schatten seines in dieser Beziehung etwas dominanten Vaters heraus. Und so hatte er vor knapp zwei Jahren die Gelegenheit genutzt, in Berlin ein im Zentrum zum Verkauf stehendes Antiquitätengeschäft zu übernehmen. Die Lage unweit des Hotels Adlon war günstig und kam mit fast vierhundert Quadratmetern Ausstellungsfläche in acht Räumen seinen Vorstellungen entgegen.

Für den Kauf des Antiquitätengeschäftes in Berlin hatte Oliver eine großzügige finanzielle Unterstützung von seinem Vater bekommen, ohne dass dieser sich dafür in Olivers Geschäfte einmischen wollte. Er stellte keinerlei Bedingungen und ließ Oliver bei seinen Geschäften völlig freie Hand.

In Berlin hatte sich Oliver in kurzer Zeit einen Namen auf dem Antiquitäten- und Kunstsektor gemacht und dank seiner breiten Angebotspalette mit französischen Antiquitäten hatte sich schnell ein florierendes Geschäft entwickelt. Seine Vermutung, dass Geldadel aus dem Osten nach Berlin kommen würde, hatte sich schon bald als richtig erwiesen.

Oliver hatte Monsieur Rodier bereits in München kennen gelernt und mit ihm im Laufe der letzten zwei Jahre schon etliche, für beide Seiten lukrative Geschäfte abgeschlossen. Das Geschäft mit den russischen Kunden entwickelte sich in Berlin in letzter Zeit sehr gut. Es gab ein paar superreiche Russen mit Geschmack, die sich ihre pompösen Domizile entsprechend mit alten französischen Möbeln und Bildern aus Olivers Geschäft ausstatteten. Sehr zur Freude auch von Monsieur Rodier. Moderne Kunst war diesen Kunden im Moment noch schwer schmackhaft zu machen.

Unter diesen russischen Neureichen war seit kurzem ein gewisser Roganow Olivers nettester und kultiviertester Kunde. Allerdings schien er mit einem speziellen russischen Gen ausgestattet zu sein. Er konnte unheimlich viel Wodka trinken, ohne betrunken zu werden. Jedes Mal, wenn ein Geschäft abgeschlossen war, floss soviel Alkohol, dass Oliver zwei Tage darunter zu leiden hatte. Sein Geschäftspartner hingegen war am nächsten Morgen putzmunter. Als Oliver ihn am Morgen nach dem Gelage im Hotel abholen wollte, saß Roganow noch vor einem reichhaltigen Frühstück, neben der Kaffeetasse stand ein doppelter Wodka.

Oliver musste da durch, schließlich war der Kunde König.

Inzwischen war sogar Vater Friedrich Sartorius stolz auf die richtige Intuition und die daraus resultierenden geschäftlichen Erfolge seines Sohnes. Er, der mit Lob immer zurückhaltend war, zollte ihm dafür, trotz seiner Abteilung für moderne Kunst, überraschenderweise seine Anerkennung.

Gerade verschwand die Sonne blutrot im Dunst über den Baumwipfeln und erste zarte Nebelschwaden bildeten sich über den Wiesen, die an den Schlossgarten angrenzten.

Graf Alexis de Villandry, stolzer Besitzer eines einsam gelegenen, geschichtsträchtigen Château aus dem 17. Jahrhundert, das schon seit vielen Generationen in Familienbesitz war, trat an diesem späten Sonntagnachmittag auf die nach Süden ausgerichtete Terrasse und blickte zufrieden auf den gepflegten, barocken Garten vor seinem Schloss.

In vierzehn Tagen wollte er hier einen Empfang zu seinem fünfzigsten Geburtstag geben. Bis dahin waren noch einige Kleinigkeiten zu erledigen.

Eine Woche Arbeit hatte er investiert und nun war der Garten ein Schmuckstück.

Der Graf genoss diesen Moment der Ruhe und der Einsamkeit.

Es war ein sonniger Spätsommertag gewesen und auch erfolgreich, was die Jagd heute früh in seinem großen, ans Schloss grenzenden Jagdrevier betraf. Das junge Wildschwein und die fünf Fasane, die er heute Vormittag geschossen hatte, würde er wie üblich in Mâcon an seinen langjährigen Abnehmer verkaufen. Die toten Fasane hingen, an den Füßen mit einem Bindfaden zusammengebunden, an einem Haken im Schatten der Nordwand des Schlosses neben dem Eingang zum Keller. Das Wildschwein lag aufgebrochen bereits im kühlen Vorratskeller.

Tagsüber war es angenehm warm gewesen, aber sobald die Sonne verschwand, wurde es schnell kühl über den feuchten Wiesen und die Nächte waren bereits empfindlich frisch.

Der Abend ist zu schön, da werde ich heute noch einmal im Schloss übernachten, sagte er sich. Der Graf hatte keine Lust, jetzt noch nach Mâcon zurückzukehren. Dafür bestand kein dringender Anlass, und das Wildschwein würde die Nacht im kühlen Keller unbeschadet überstehen.

Seine Frau war für drei Wochen nach Rouen zu den Kindern in die Normandie gefahren. Dort war vor drei Tagen gräflicher Nachwuchs angekommen und die neue Großmutter wollte ihre Schwiegertochter entlasten. Zurzeit wartete somit niemand in Mâcon in seinem Stadthaus auf ihn. Was sollte er also in Mâcon? Dort würde er sich ebenso allein fühlen wie hier, da konnte er sich die Fahrt sparen und hier im Schloss übernachten. Er hatte keine Probleme damit, die Nacht allein in dem großen Schloss zu verbringen, denn im Gegensatz zu englischen Schlössern gab es hier keinen Schlossgeist, der seine Nachtruhe störte und für gutes Essen und Trinken war stets gesorgt. Der Kühlschrank war voll und der Weinkeller aufgefüllt. Außerdem konnte er dann auch gleich morgenfrüh mit dem Streichen der Wände in dem kleinen Raum neben dem großen Salon beginnen. Bisher hatte er diese Arbeit immer vor sich her geschoben und sich bei dem schönen Wetter lieber mit dem Garten beschäftigt, doch langsam drängte die Zeit.

Der Schlossherr begab sich in den früheren Bedienstetentrakt im linken Flügel des Schlosses, wo er insbesondere in der kalten Jahreszeit residierte.

Da das Schloss mit seinen extrem hohen Repräsentationsräumen sehr schlecht zu beheizen war, hatte er vor ein paar Jahren die ehemaligen kleinen und niedrigeren Räume der Bediensteten behaglich eingerichtet und nutzte die leichter warm zu haltenden Räume selber.

Er zündete das Feuer im vorbereiteten Kamin an und half mit einem Blasbalg nach, bis das Feuer loderte. Dann legte er noch ein paar große Holzscheite auf und ging zurück auf die Terrasse.

Bedienstete gab es hier schon lange nicht mehr. So gut es ging, verrichtete der Graf die anfallenden Arbeiten selber. Die Ländereien waren alle verpachtet. Nur seinen direkt an das Schloss grenzenden Wald, etwa neunzig Hektar, hatte er als leidenschaftlicher Jäger für sich behalten.

Eine lange Zufahrt führte von der Hauptstraße durch den südwestlichen Waldzipfel auf die breite Terrasse der Hauptfront des Schlosses zu. Das Schloss lag zwar etwas einsam ungefähr zwanzig Kilometer von Mâcon in Richtung Bourg-en-Bresse entfernt inmitten seiner Ländereien, doch es besaß den eindrucksvollen Charme eines gediegenen, sehr alten Adelssitzes.

Wenn man allerdings genau hinsah, stellte man fest, dass viel zu tun war an diesem alten Château. Der Zahn der Zeit nagte bedauerlicherweise auch an den Schlössern. Ja und Handwerker waren heutzutage teuer.

Alexis de Villandry verfügte zwar über große Ländereien, allein an dem so wichtigen Barvermögen fehlte es leider. Natürlich konnte man Land verkaufen oder Kredite aufnehmen, doch das widerstrebte dem Grafen. Man könnte auch einige der wertvollen alten Möbel verkaufen, von denen es reichlich im Schloss gab, aber auch das wollte er nicht. Von den alten Familienstücken konnte er sich nicht trennen. Außerdem war das jetzt auch nicht mehr möglich, da sie als Dekoration unverzichtbar waren.

Der Graf hatte den großen Salon im Laufe des Jahres liebevoll renoviert und mit den einzigartigen Möbeln, die seit Generationen in Familienbesitz waren, ausgestattet. Die Räume im Obergeschoss waren ebenfalls bereits im angemessenen Ambiente für Übernachtungen hergerichtet. Diesen Teil des Schlosses konnte man demnächst, wenn der kleine Raum nebenan fertig war, in den Sommermonaten für Feierlichkeiten verschiedenster Art oder für Seminare mieten. Aus dem kleinen Raum, den er am nächsten Tag in Angriff nehmen wollte, sollte eine gemütliche Insel der Ruhe mit einer kleinen Bartheke werden.

Hier im Château würde man bald gegen einen entsprechenden Obolus in einem beeindruckenden Ambiente eine Hochzeit, eine Taufe oder andere Feste feiern oder Tagungen abhalten können. Die Termine für die ersten Hochzeiten waren bereits vorgemerkt und für seine eigene Geburtstagsfeier waren seine Freunde bereits eingeladen worden. Daher wurde es Zeit, dass der kleine Raum endlich fertig wurde.

Nein, verkaufen würde er nichts, lieber schränkte sich der praktisch veranlagte Graf ein und erledigte die anfallenden Arbeiten, so weit es irgendwie ging, selber.

Die Sonne war inzwischen hinter den Baumwipfeln verschwunden und tauchte die kleinen weißen Wolken am Himmel in ein zartes, ständig intensiver werdendes Rosa.

Im Moment herrschte eine außergewöhnliche, wohltuende, absolute Ruhe, wie man sie nur in entlegenen Gegenden erleben kann. Kein noch so leises Motorengeräusch, kein ferner Flugzeuglärm. Nur irgendwo im Wald hämmerte ein Specht und suchte nach Proteinen.

Plötzlich war die Ruhe dahin. Ein riesiger Krähenschwarm erschien über der Wiese und ließ sich in der uralten, mächtigen Eiche direkt hinter dem Schloss nieder. Die Krähen störten jetzt die sonntägliche Ruhe mit ohrenbetäubendem Gekrächze.

Alexis de Villandry lud seine Jagdflinte, trat aus der seitlichen Tür des Bediensteten-Traktes und ging hinter das Schloss.

„Falls ihr es nicht wisst, ich bin hier der Hausherr“, rief der Schlossherr in Richtung des Baumes, „und ihr befindet euch auf meinem Anwesen. Wenn ich hier bin, habt ihr die Schnäbel zu halten. Ich akzeptiere um diese Zeit nur den Gesang von Nachtigallen und die seid ihr nicht. Seid jetzt ruhig, oder sucht euch einen anderen Platz, ich will meine Ruhe haben.“

Doch die Krähen ignorierten die Aufforderung des Grafen und kreischten ungestört weiter. Bei dem Krach, den sie veranstalteten, hatten sie den Befehl so wie so nicht hören können.

Der Graf hob das Gewehr und zielte auf die Eiche.

Als der Schuss krachte, stoben die Krähen erschreckt nach allen Seiten auseinander.

Eine Krähe hatte es erwischt. Sie plumpste wie ein Stein auf den Boden. Ein paar Eichenblätter kamen schaukelnd hinterher.

Die Überlebenden kreisten in der Nähe ihres Lieblingsbaumes und machten Anstalten, sich wieder dort niederzulassen.

Der Graf feuerte sicherheitshalber auch die zweite Patrone in Richtung Krähenschwarm ab, um zu unterstreichen, dass er es ernst meinte.

„Wer nicht hören will, wird erschossen!“, rief er.

Jetzt schienen die Krähen zu verstehen, dass sie hier unerwünscht waren. Sie verschwanden unter lautem Geschimpfe und machten sich auf die Suche nach einem gastfreundlicheren Großgrundbesitzer mit einer großen Eiche in der Nachbarschaft. Bald wurde das Gekreische der Krähen immer schwächer und verstummte schließlich ganz.

Die wieder hergestellte Ruhe war wohltuend. Der Graf war zufrieden. Aus alter Gewohnheit lud er seine Flinte sofort nach.

Er machte noch eine Runde um das Schloss und kontrollierte, ob alle Fenster und Türen geschlossen waren. Nur eine Flügeltür auf der großen Terrasse ließ er noch auf.

Es war zwar inzwischen kühl geworden, aber der Abend war zu schön, um ihn nicht noch ein wenig zu genießen. Also blieb de Villandry eine Weile auf der Terrasse stehen, lehnte sich an die noch warmen Steine der Balustrade und ließ seinen Blick über den Barockgarten in die Ferne schweifen.

Über den Wiesen hinter seinem Garten breiteten sich bereits erste dichtere Nebelschwaden aus und der dichter werdende Nebel kam langsam auf das Schloss zugekrochen.

Der Graf blickte noch einmal auf die Front des Schlosses, ob alle Fenster geschlossen waren. Die feuchte Luft musste nicht unbedingt in das Schloss eindringen.

Ich muss die Türen und Fenster im Parterre unbedingt besser sichern, ging es ihm durch den Kopf, als er sich seine Südfront ansah. Man hörte in letzter Zeit vermehrt von Einbrüchen in einsam gelegenen Anwesen.

Die Frage war nur, wie war dieses alte Schloss am besten zu sichern? Alles vergittern? War zwar möglich, aber bei den hohen Fenstern und Türen störte es die Optik und sah nach Gefängnis aus. Vielleicht mit seinem Wappen versehene, dekorative, aber solide Holzläden anbringen lassen, die man von innen mit einem Querriegel sichern kann? Das käme dem Baustil noch am nächsten und wäre wohl das Beste.

Oder Fenster und Türen elektronisch sichern? Das war zwar auch ziemlich teuer, aber einfacher, als alles mit Gittern zu versehen. Lohnte sich aber nur bei direkter Leitung zur Polizei.

Die Frage ist allerdings, wann ist die Polizei hier, wenn Alarm ausgelöst wird? Was ist bei Fehlalarm, wenn die Polizei umsonst bemüht wird?

Vom nächsten ständig besetzten Polizeiposten waren es bestimmt mehr als zehn Kilometer bis zum Schloss. Da hätten Einbrecher immer noch genügend Zeit, mit der Beute zu verschwinden.

Eine unauffällige Videoüberwachung? Dann konnte man später vielleicht mit sehr viel Glück wenigstens die Einbrecher identifizieren, wenn sie mit den gestohlenen Sachen das Schloss verließen.

Der Graf überlegte. Ich muss mir das noch durch den Kopf gehen lassen und demnächst einmal mit einem Fachmann sprechen. Bisher ist ja nichts passiert. Er dachte dabei an Kommissar Lebrun.

Die Luft kühlte sich ohne die wärmende Sonne jetzt rasch ab und die Luftfeuchte kondensierte zu dicken Tröpfchen. Unaufhaltsam schoben sich die dichten Nebelschwaden über die feuchten Wiesen bis zum Barockgarten heran und eroberten die ersten mit Buchsbaum eingefassten Wege.

Heute wird es das erste Mal aber dichten Nebel geben, meinte der Schlossherr zu sich selber. Gut, dass ich nicht mehr fahren muss.

Langsam wurde es ihm jetzt zu kühl hier draußen. Er stand auf, verschloss die Flügeltür von innen und ließ den Schlüssel im Schloss stecken. So konnte von außen niemand die Tür mit einem Dietrich öffnen. Wenn allerdings jemand die Einfachverglasung der Tür einschlug? Wenn, wenn…

Sein Weg führte den Grafen zunächst in den Gewölbekeller, den man vom Flur, der zum Bedienstetentrakt führte, erreichte. Hier unten lagerten etwa zweihundert Flaschen Rotwein, mit denen er sich im Laufe der Jahre hier bevorratet hatte, dazu kamen noch vier Dutzend Flaschen Weißwein und zwei Kartons mit je sechs Flaschen Champagner.

Der Graf dachte an seine geplante Geburtstagsfeier und konstatierte, ich muss noch Champagner besorgen. Aber was trinke ich jetzt?

Er überlegte kurz und entschied, zur Feier des Tages keinen hiesigen, sondern einen Bordeaux zu genießen. Und so wählte er einen Château Cheval Blanc, 1er Grand Cru Classé, Saint-Emilion, aus und zog sich damit in sein kleines, inzwischen wohlig warmes Kaminzimmer zurück. Die Tür zum Flur ließ er ein wenig auf.

Er ging zur alten Kommode und suchte in den beiden oberen Schubladen nach einem Korkenzieher, fand aber keinen.

„Verdammt, wo habe ich den denn wieder verbusselt?“, brummte er vor sich hin. Dann fiel ihm ein, dass er ihn in der Küche gebraucht und dort wahrscheinlich auf den Küchentisch gelegt hatte. Also schnell in die Küche. Und da lag das wichtige Utensil tatsächlich. Er ging ins Kaminzimmer zurück und ließ sich in den Sessel fallen.

Er konzentrierte sich auf die bevorstehende Zeremonie und öffnete behutsam die Flasche. Dann roch er am Korken. Einwandfrei, kein unangenehmer Korkgeruch! Zufrieden machte er es sich in dem großen Ledersessel bequem. Nachdem er vorsichtig, ohne einen eventuellen Bodensatz aufzuschütteln, ein Kristallglas mit dem kostbaren Rotwein gefüllt hatte, hielt er das Glas gegen das Licht, prüfte die Farbe, nahm das Glas unter die Nase und schnupperte. Erwartungsvoll nahm er dann den ersten Schluck und kaute den Wein, genießerisch dabei Luft durch einen schmalen Spalt seiner Lippen einsaugend und war mit dem Ergebnis seiner Prüfung mehr als zufrieden. Ein Wein mit großer und enorm vielschichtiger Struktur, mit einem unglaublichen Spektrum an Aromen und mit einem schier unendlichen Nachhall. Den zweiten Schluck trank er mit Bedacht auf den neu angekommenen de Villandry in der Normandie.

Mit sich und der Welt zufrieden lehnte sich der Graf zurück und nahm das Buch, das auf dem Beistelltisch lag, zur Hand und begann zu lesen.

Früher, als Kind, hatte er „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas regelrecht verschlungen. Besonders der Vierte im Bunde, d’Artagnan, hatte es ihm natürlich angetan. Dann fiel ihm letztens, als er beim Renovieren in der obersten Reihe des Regals in der Bibliothek herumstöberte, dort oben, wo die Bücher seit offenbar vielen Jahrzehnten völlig unangetastet langsam einstaubten, ein mit einer dicken Staubschicht bedecktes, dreibändiges Werk in die Hände, das ihn sofort faszinierte. „Mémoires de Mr. d’Artagnan, Capitaine Lieutenant de la première Compagnie des Mousquetaires du Roi“ stand auf den ledernen Einbänden. Die Memoiren von d’Artagnan! D’Artagnan war also keine von Dumas erfundene literarische Figur! Es hatte ihn wirklich gegeben, diesen Edelmann aus der Gascogne, der so gut fechten konnte und Dumas hatte diese Memoiren als Vorlage für seine Romane genommen! Das faszinierte de Villandry.

Die Zeiger der Uhr wanderten langsam aber unaufhaltsam weiter und irgendwann war die Flasche leer. De Villandry war in seinem Sessel eingeschlafen und das Buch seinen Händen entglitten.

Im Traum ritt er mit d’Artagnan im wilden Galopp über sandige Wege an reifen Feldern mit darauf arbeitenden Bauern vorbei. In der Ferne zog ein Gewitter auf. Donner grollte. Plötzlich zuckte ein Blitz vom Himmel und schlug in einem kleinen Baum ganz in der Nähe ein. De Villandry erschrak in seinem Traum und wurde schlagartig wach. Er stand auf, ging ans Fenster und sah hinaus. Erleichtert stellte er fest, dass es nur ein geträumtes Gewitter war. Der Mond schien und am Himmel hingen nur ein paar kleine, vom Mond beschienene Wolken. Vom Garten war allerdings nichts mehr zu sehen, er war inzwischen in dichtem Nebel verschwunden.

Gut, dass ich das nur geträumt habe, dachte er und wollte sich in seinen Sessel zurückziehen.

Im selben Moment vernahm er tatsächlich ein Poltern.

Das Geräusch schien aus dem großen Salon, der auf die Terrasse führte, zu kommen. Es hörte sich an, als würden Stühle gerückt und umgestoßen. Dann war es wieder still. Er horchte einen Moment und entschloss sich, doch einmal nachzusehen, ob tatsächlich alles in Ordnung war.

Hatte er die Tür vorhin bestimmt richtig verschlossen? Oder war es der Wind? Das schwache Lüftchen heute Nacht konnte aber keine Stühle verschieben. Der Graf war kein ängstlicher Mensch, doch zur Sicherheit nahm er seine geladene Flinte, die in der Ecke an der Tür lehnte, entsicherte sie und machte sich auf den Weg durch den langen Flur.

Gerade als er die Tür öffnete und den Schalter für das Licht im Salon umdrehen wollte, blitzte es auf. Der Graf war für einen Moment völlig geblendet. Im gleichen Moment rannte eine Gestalt im Schnellstart auf die offene Terrassentür zu, in der linken Hand einen Fotoapparat mit separatem Blitzlichtgerät gekoppelt. Der Eindringling musste seine Flucht vorbereitet und dazu die Terrassentür wieder geöffnet haben.

„Stehen bleiben!“, rief de Villandry, noch vom Blitz geblendet.

Aber der Einbrecher stürmte weiter die Terrassenstufen hinunter. Fast wäre er auf der letzten Stufe gestrauchelt. Er ruderte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und konnte sich gerade noch abfangen, ohne zu stürzen. Dabei verlor er allerdings seine Fotoausrüstung, die in hohem Bogen auf die Erde krachte. Ohne seinen Fotoapparat verschwand der Fremde im dichten Nebel, der inzwischen die Terrasse erreicht hatte. Nur die warmen Wände und die Terrassenplatten hielten die ersten Meter der Terrasse noch einigermaßen nebelfrei.

Der zweite Aufruf des Grafen „Stehen bleiben, oder ich schieße!“, zeigte offensichtlich ebenfalls keine Wirkung.

Jedenfalls waren auf dem Kiesweg knirschende Schritte zu hören. Der Unbekannte hoffte anscheinend, dass die Blendwirkung seines Blitzes noch anhielt und den Grafen weiterhin außer Gefecht setzte, damit er im dichten Nebel entkommen konnte. Allerdings war der Nebel auch für den Flüchtenden sehr hinderlich und er musste seinen Spurt aus dem Haus auf tastendes Schritttempo verringern, um nicht mit einem Baum Bekanntschaft zu machen. Es war für ihn kaum möglich, sich für eine schnelle Flucht zu orientieren.

De Villandry, darüber verärgert, dass der Eindringling ihm entwischen wollte, feuerte eine Schrotpatrone als Warnschuss etwas höher in die Richtung des Flüchtenden.

„Stehen bleiben!“, rief der Graf noch einmal.

Keine Antwort. Der Graf horchte. Nur ein schwaches Knirschen von Kies war zu hören.

Dann ein zweiter Schuss in die Richtung, aus der die leiser werdenden Geräusche kamen, schließlich kannte er ja seine Gartenanlage!

Ein Schrei aus dem Nebel zeigte ihm, dass er wohl getroffen hatte. Er holte eine Taschenlampe und suchte in der näheren Umgebung der Terrasse nach dem eventuell verletzten Unbekannten, fand ihn aber nicht. Der Nebel war so dicht, dass man mit der Taschenlampe kaum zwei Meter weit sehen konnte.

Unzufrieden ging Alexis de Villandry wieder zum Schloss zurück und hob den Fotoapparat auf, der noch auf der letzten Terrassenstufe lag. Es war eine moderne Digitalkamera. Die Linse des Objektivs war zwar zerbrochen, aber das Gehäuse schien den Aufprall ohne große Beschädigung überstanden zu haben. Allerdings reagierte der Apparat nicht, als er sich die Bilder ansehen wollte. Die Elektronik schien einen Knacks abbekommen zu haben.

Ich hatte die Tür doch abgeschlossen, überlegte der Hausherr. Er untersuchte die offene Terrassentür, konnte aber keine Einbruchspuren entdecken. Allerdings steckte der Schlüssel nicht mehr innen im Schloss, sondern lag auf dem Fußboden. Vielleicht doch mit einer Spitzzange nach innen herausgeschoben und mit einem Dietrich geöffnet? Zweifel kamen hoch. Hatte er tatsächlich nicht richtig abgeschlossen? War der Unbekannte eventuell bereits ins Schloss gelangt, als er auf der Rückseite die Krähen verjagt hatte? Das wäre allerdings sehr dreist gewesen. Hatte der Eindringling damit gerechnet, dass der Schlossherr noch am Abend abfahren würde?

Er verschloss die Tür jetzt bewusst sorgfältig, zog zur Kontrolle am Griff und stellte noch einen Stuhl unter die Klinke. Dann sah er nach, ob etwas fehlte. Aber der Flüchtige hatte ja keine Gelegenheit gehabt, etwas mitgehen zu lassen. De Villandry sah sich überall um. Nein, nichts gestohlen, nichts beschädigt. Nur zwei umgekippte Stühle. Das war wohl der Krach, der ihn geweckt hatte. Die Tischdecke auf dem riesigen, vierfach ausziehbaren, alten Tisch war hochgeschlagen. Er warf einen Blick in die Küche. Auch hier war die Tischdecke bis zur Hälfte zurückgeschlagen.

Der Schlossherr zermarterte sich den Kopf, was das alles zu bedeuten hatte. Was wollte der Kerl mitten in der Nacht im Schloss fotografieren? Irgendwie seltsam. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Fremde hätte ihn doch am Tage fragen können, ob er fotografieren dürfe.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich wieder eingeschlafen war. Die nachgeladene Flinte stand wieder griffbereit neben der Tür. Vorsichtshalber.

Am nächsten Morgen inspizierte Alexis de Villandry das Schloss noch einmal genau, kontrollierte alle Fenster und Türen und fuhr am späten Vormittag, als sich der Nebel endlich verzogen hatte, mit dem Fotoapparat des Einbrechers nach Mâcon zum Kommissariat, um den nächtlichen Vorfall zu melden.

Kommissar Lebrun begrüßte den Grafen jovial. Beide kannten sich schon seit längerer Zeit.

Gespannt hörte sich der Kommissar die seltsame Geschichte seines Besuchers an. Irgendwie schien er sich dabei zu amüsieren. Jedenfalls hatte der Graf diesen Eindruck.

„Ich danke Ihnen für Ihre Mithilfe, mein lieber Graf“, meinte Kommissar Lebrun. Er nahm die SD-Card aus dem Fotoapparat und rief einem Kollegen zu, er solle ein Notebook mit Kartenleser bringen.

Alexis de Villandry schaute Lebrun wegen der angedeuteten Mithilfe verständnislos an.

„Ich erkläre es Ihnen und spanne Sie nicht länger auf die Folter.“ Kommissar Lebrun sah auf ein Notizblatt.

„Heute Morgen um 5 Uhr 35, es war noch immer sehr neblig und sehr frisch, fand eine Polizeistreife auf der N 79 einen jungen Mann neben seinem Auto stehend, ziemlich durchgefroren und das Hinterteil mit einigen Schrotkugeln gespickt. Aufgrund der Entfernung hatten die Schrotkugeln zwar noch die Hose durchdrungen, waren aber Gott sei Dank nicht sehr tief in seinen Allerwertesten eingedrungen. Doch die Schmerzen waren so groß, dass der gute Mann nicht sitzen und natürlich auch nicht Auto fahren konnte.“

„Ich hatte ihn gewarnt, aber er blieb nicht stehen!“

„Gott sei Dank war er doch schon etwas weiter entfernt, als Sie geschossen haben und er hat auch nur einen kleinen Teil der Schrotladung im Gesäß abbekommen. Dadurch war der Blutverlust nur minimal. Er war froh, endlich von der Polizeistreife gefunden und ins Krankenhaus gebracht zu werden. Nach der Verarztung wird er nun allerdings ins Untersuchungsgefängnis wandern, da bereits nach ihm gefahndet wurde.“

„Warum wird er gesucht? Weil er nachts fotografiert?“, wollte de Villandry wissen.

„Es wurde vor zwei Monaten in einem anderen Schloss in der Nähe von Lyon eingebrochen. Dort hat man Fingerabdrücke gefunden und jetzt haben wir die dazu gehörende Person. Wir werden auch gleich in Ihrem Schloss seine Fingerabdrücke sichern. Unser Mann stand schon länger im Verdacht, verschiedene Einbrüche begangen zu haben. Gestohlen wurde von dem Mann allerdings nichts. Daher standen wir anfangs vor einem Rätsel, warum eingebrochen wurde. Inzwischen wissen wir auch, was hinter den Einbrüchen ohne Diebstahl steckt. Ich werde Ihnen das erklären.“

„Da bin ich aber gespannt.“ Der Graf sah den Kommissar erwartungsvoll an.

„Es gibt einen großen, gut organisierten Hehlerring, der mit gestohlenen Antiquitäten handelt. Das wissen wir schon seit einiger Zeit. Und es gibt genügend wohlhabende Leute, die nicht fragen, woher die alten, wertvollen Sachen kommen, die ihnen angeboten werden. Sie wollen sie nur besitzen. Da man nicht die ganze Palette von gestohlenen Objekten, wie sperrigen Schränken, Kommoden, Spiegeln, Leuchtern, Gemälden und so weiter, den Kunden zu Hause präsentieren kann, sind einige findige Gauner auf eine einfache, aber effektive Idee gekommen. Sie machen Fotos von den gestohlenen Objekten und stellen Kataloge zusammen, aus denen sich der Kunde das gewünschte Objekt aussuchen kann.

Dann kamen die Gauner vor nicht allzu langer Zeit auf einen cleveren Einfall, der die Lagerhaltung wesentlich vereinfachte. In der Weiterentwicklung des Angebotsverfahrens mit Katalogen werden interessante Objekte in Schlössern und Villen zunächst nur fotografiert, ohne sie zu stehlen. Die Orte der Objekte werden intern verschlüsselt festgehalten. Erst wenn jemand an einem Bild, einem Tisch, einer Figur oder einem Sekretär, zum Beispiel Ihrem Sekretär, interessiert ist und ihn bestellt, wird er eines Nachts bei Ihnen abgeholt und an den Besteller ausgeliefert.

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