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Wie viel Freiheit braucht die Liebe?

1. KAPITEL

„Dein Date kommt wohl nicht mehr.“

Bella Primeaux blickte von ihrem Smartphone auf. Der Cowboy, der gerade den linken Barhocker neben ihr in Beschlag nahm, war halb betrunken und ganz hässlich. Sie kannte ihn nicht und hatte kein Interesse daran, ihn kennenzulernen. Also war es sinnlos, ihm mehr als einen flüchtigen Blick zu widmen. Sie rutschte ein paar Zentimeter zur Seite und zeigte ihm die kalte Schulter.

„Was trinkst du denn da?“

Sie wandte den Kopf nach rechts und musste feststellen, dass sich ein zweiter Mann dicht an ihre Seite drängte. Sie war eingequetscht zwischen zwei Primitivlingen.

„Was für ein Gesöff trinkt sie da, was meinst du, Loop?“, fragte der Erste. „Ein Seven and Seven?“

„Sieht aus wie ein Cocktail, Rude.“

„Das ist bestimmt so ein Long Island Iced Tea. Willst du den mal probieren, Loop?“ Rude winkte dem Barkeeper. „Bring uns drei von dem da.“

„Erst mal will ich ihren probieren“, erklärte Loop und griff nach Bellas Glas.

Sie ließ das Handy in die Leinentasche gleiten, die an einer geflochtenen Kordel von ihrer Schulter hing. Er konnte ihr Getränk ruhig haben. Sie wollte ohnehin gehen.

Er schnupperte an dem Glas, schlürfte und knallte es auf den Tresen. „Das ist ja bloß Tee! Eistee!“

„Und der gehört jetzt dir, Loopy“, verkündete eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund.

Bella wandte den Kopf und blickte an Loopys potthässlichem Gesicht vorbei zu einem Mann, der vage vertraut, äußerst attraktiv und sehr verwirrend wirkte.

Es war eine kleine Ewigkeit her, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte. Die Jahre standen ihm ebenso gut zu Gesicht wie der Cowboyhut aus Stroh. Das war überraschend, wenn man bedachte, wo er die beiden letzten dieser Jahre verbracht hatte. Sein Hut war verbeult, Jeans und T-Shirt hatten bessere Zeiten erlebt, aber an ihm sah die Bekleidung kameratauglich aus.

Bella hatte den Kontakt zu ihren wenigen Freunden aus der Highschool verloren; Ethan Wolf Track bildete keine Ausnahme. Dennoch war es ihr nie ganz gelungen, das Interesse daran abzuschütteln, was er so trieb. Für gewöhnlich war es nichts Gutes.

Sein Lächeln wirkte entwaffnend wie eh und je. „Tut mir leid, dass ich so spät komme, Bella.“

Loopy spähte über die Schulter, bevor er sich mit glasigem Blick an Bella wandte. „Warum hast du nicht einfach gesagt, dass du mit Ethan Wolf Track zusammen bist? Verdammt, Mann, wir wollten bloß …“

„Eine Runde Eistee“, bestellte Ethan. „Mein Kumpel hier zahlt.“ Er legte Loopy eine Hand auf die Schulter. „Richtig, Mann?“

„Nee, einen einfachen Tee bezahl ich nicht. Da ist überhaupt kein Whisky drin.“

„Hey, in diesem Getränk ist überhaupt kein Alkohol drin. Du hast wohl hinterm Mond gelebt, Rude!“

„Genau wie du.“

„Nein. Sieh dir den Unterschied an.“ Ethan legte seine gebräunte Hand neben Loopys auf den Tresen. „Du musst mal wieder in die Sonne, Junge.“

Bella blickte zwischen den beiden hin und her. Der sogenannte Junge sah gar nicht jünger aus als der Mann, im Gegenteil, nahm aber keinen Anstoß an der Bezeichnung. Ihr kam eine Erinnerung an den halbwüchsigen, aber nicht weniger eindrucksvollen Ethan, der schon damals den Jungs gezeigt hatte, wer der Boss war.

„Hier sind erst mal zwei.“ Der Barkeeper stellte zwei Teegläser auf den Tresen. „Was ist mit euch beiden? Wollt ihr noch ein Bier? Das kostet dasselbe.“

„Denk an die Auflagen, Loopy“, mahnte Ethan. „Kein Alkohol.“

„Du hast deinen Bewährungshelfer, ich hab meinen. Für meinen ist Bier kein Alkohol.“

„Wie du meinst.“ Ethan nahm die Gläser, blickte Bella an und deutete mit dem Kopf fragend zu einer Fensternische.

Sie glitt vom Hocker, obwohl sie diese Kneipe namens Hitching Post längst von der Liste für ihren Bericht über die heißesten Singletreffs in der Stadt gestrichen hatte.

Leise fragte er: „Möchtest du lieber woanders hin?“

Verwundert über seinen veränderten Tonfall sah sie ihn an. Seine Worte waren nur für ihre Ohren bestimmt und klangen hoffnungsvoll. Die Anspannung fiel ein wenig von ihr ab. Sie schüttelte den Kopf. „Wir können doch hier über alte Zeiten reden.“

Als sie sich der Nische näherte, sah sie ein großes Buch aufgeschlagen auf dem Tisch liegen, neben einer halb vollen Tasse mit schwarzem Kaffee. Sie setzte sich mit dem Rücken zum Raum an die lange Seite. Mit einem vielsagenden Blick zur Uhr murmelte sie gedehnt: „Aha. ‚Dein Date kommt wohl nicht mehr‘, wie Rude meinte …“

„Vielleicht arbeitet ‚dein Date‘ noch an seiner Story.“ Ethan stellte sein Glas auf den Tisch, schloss mit einer schnellen Handbewegung das Buch und legte es neben sich auf die Bank. Seine Augen funkelten. „Er sollte sich lieber eine gute Ausrede für die Verspätung einfallen lassen, oder?“

Sie lächelte anerkennend, weil er so spontan auf ihr Spielchen einging. „Du warst also die ganze Zeit hier. Ich habe dich vorhin unter dem Hut gar nicht erkannt.“

„Er erfüllt viele Zwecke.“ Er zog die Krempe hinunter und beschattete sein Gesicht bis auf die grinsenden vollen Lippen.

„Ich bin überrascht, dass du dich an mich erinnerst“, wechselte Bella das Thema.

„Ich sehe fern.“

„Also erinnerst du dich nicht wirklich.“

„Hat mich echt in die Vergangenheit zurückversetzt, dich da auf dem Barhocker sitzen zu sehen. Du hast in der Schule direkt vor mir gesessen. In welchem Fach war das? Englisch?“

„Geschichte.“

„Aha. Ich kann mir zwar keine Namen merken, aber ich vergesse nie den Rücken einer schönen Frau. Und du hast genau da …“, er griff sich über eine Schulter und berührte eine Stelle an seinem Nacken, „… einen kleinen Schönheitsfleck.“

„Schönheitsfleck?“ Sie lachte. „Das heißt Muttermal.“

„Oh, wusste ich nicht; das steht nicht in meinem Buch“, scherzte Ethan.

„Was für ein Buch ist das denn?“

„Ein Geschichtsbuch. War schon immer mein Lieblingsfach. Es hat mir so gefallen, dass ich den Kurs gleich zweimal gemacht habe.“ Er ließ die Hand auf die Bank fallen und lehnte sich grinsend zurück.

Bella stellte sich vor, dass er das Buch streichelte wie ein Haustier.

„Beim zweiten Durchgang warst du dann dabei.“

„Kein Wunder, dass du sämtliche Antworten wusstest. Du kanntest die Fragen bereits.“

Er beugte sich zu ihr. „Wir haben zusammen an einem Projekt gearbeitet. Weißt du noch?“

„Gut, dass du es erwähnst. Du bist mir nämlich noch immer was schuldig.“

„Wieso?“

„Ich habe damals das ganze Material gekauft. Und außerdem die ganze Arbeit geleistet. Du wolltest am Abend vor dem Fälligkeitstermin zu mir nach Hause kommen, aber du bist nie aufgetaucht.“

„Das hatte ich ganz vergessen.“ Ethan zog eine Augenbraue hoch und warf einen bedeutungsvollen Blick zur Uhr. „Und noch immer verabredest du dich mit derart unzuverlässigen Typen …“

„Ich bin mit gar niemandem verabredet“, gestand sie ein.

„Was zum Teufel machst du dann hier?“ Er schaute an ihr vorbei Richtung Tresen und verzog theatralisch das Gesicht.

Sie zuckte die Schultern. „Ich sehe mir den Laden mal an.“

„Wozu? Das ist keine Singlebar. Das ist eine heruntergekommene Spelunke.“

„Vielleicht bin ich nicht Single. Vielleicht bin ich beruflich hier. Und vielleicht wäre es nicht nötig gewesen, mich zu retten.“

„In den alten Zeiten hättest du niemals vielleicht gesagt. Du warst so selbstsicher und entschlossen wie kein anderes Mädchen.“ Er musterte sie eingehend. „Was du sonst noch gesagt hast, mag ja zutreffen, aber du bist nicht verheiratet.“

„Das heißt noch lange nicht, dass ich Single bin.“

„Ich denke schon.“ Er nahm einen Schluck Tee. „Also, wie viel bin ich dir schuldig für Arbeit und Material?“

„Da es ein Pflichtfach war, denke ich, dass du mir deinen Abschluss in dem Fach schuldest.“

„Moment, ich bin zu dem Referat erschienen. Ich wusste alle Fakten und Zahlen. Wir haben eine Eins dafür gekriegt. Besser geht’s ja wohl nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir müssen uns was anderes einfallen lassen. Mein Diplom brauchst du ganz bestimmt nicht.“

„Und du hast ein besseres Gedächtnis, als du zuerst vorgegeben hast.“ Sie lächelte verkrampft. „Ich denke, wir sind quitt. Dass ich Ethan Wolf Tracks Partnerin beim Geschichtsprojekt war, hat meinen bescheidenen Unterstufenstatus immerhin eine Spur angehoben.“

„Warst du im zweiten Studienjahr?“

Bella schüttelte den Kopf. „Im ersten?“

Sie nickte.

„Wie hast du es denn als Frischling in den Fortgeschrittenenkurs geschafft?“

„Ich habe einen Test gemacht. Sogar mehrere. Die haben sich schwergetan, mich einzustufen.“ Sie hob eine Schulter. Er hatte eben Muskeln und sie Gehirn. „Und du warst schon in der Oberstufe und in allem der Anführer.“

„Du warst klug. Um das herauszufinden, brauchte es keinen Test. Es war klar, dass du sehr weit kommen würdest.“ Er sah sich im Raum um. „An bessere Orte als diesen hier.“

„Ich gehe überallhin, wo sich interessantes Material für einen Bericht ergeben könnte.“ Sie warf ihm einen koketten Blick zu. „Also sieh dir meine Sendungen an, es lohnt sich.“

„Tu mir einen Gefallen und warne mich vor, falls dieser Laden hier gefilzt wird. Ich möchte nicht wieder in irgendetwas reingezogen werden. Ich habe nämlich jetzt einen anständigen Job.“

„Und zwar welchen?“

„Man könnte sagen, dass ich ein Cowboy bin.“

„Wie dein Bruder?“

„Nicht beim Rodeo wie Trace. Ich arbeite. Auf der Square One Ranch.“

Bella wusste nicht, wo diese Ranch lag, doch er schien davon auszugehen, dass der Name für sich selbst sprach. Also nahm sie sich vor, es herauszufinden. Womöglich ergab sich daraus eine Story.

„Du gehörst also einer aussterbenden Gattung an. Ich hab mal über einen Typen berichtet, der sich Cowboy to rent nennt. Angeblich hat er mehr Arbeit, als er bewältigen kann. Arbeitest du zu Pferd oder in einem ATV?“

„Was ist das denn?“

„Ein Gelände…“, sie sah seine Augen belustigt funkeln, „…fahrzeug.“

„So ein Kinderspielzeug? Ich könnte mich nicht guten Gewissens Cowboy nennen, wenn ich mit so einem Ding fahren würde. Immerhin wurde ich von Logan Wolf Track aufgezogen.“

„Er trainiert Pferde, oder?“

„Ja, und das tue ich auch. Momentan arbeite ich mit einem Mustang. Hab uns zu einem Wettbewerb angemeldet.“ Er zwinkerte ihr zu. „Und den werden wir gewinnen.“

Sie kannte dieses Augenzwinkern gut von damals. Vor Jahren schon hatte sie dabei dieses Kitzeln im Bauch gespürt, von dem sie sich nun allerdings nicht zum Lächeln verleiten lassen wollte. „Redest du von dem Wettkampf, der bei Sinte in dem neuen Schutzgebiet für Wildpferde veranstaltet wird?“

„Ja. Das Wildpferdprojekt ist ziemlich neu, aber die Double D Ranch existiert schon ewig. Ich hab als Jugendlicher ein paarmal in den Sommerferien da gearbeitet, als der alte Drexler sie noch geleitet hat. Jetzt gehört sie seinen Töchtern.“

„Ja, ich weiß. Ich habe das mal recherchiert. Es ist wundervoll, dass die Drexlers einen abgelegenen Teil des Reservats als Schutzgebiet einrichten.“

„Arbeitest du also gerade an einem Bericht darüber?“, erkundigte er sich.

„Ich bin dabei, was Interessantes auszugraben.“ Bella legte die Hände um ihr Glas und beobachtete die beiden schmelzenden Eiswürfel. „Da steckt eine Story dahinter, die weit zurückreicht. Allerdings recherchiere ich auf eigene Faust. Es ist nicht die Art Auftrag, die ich von KOZY-TV kriegen würde.“

„Warum nicht? Mögen die beim Sender keine Mustangs?“

„Die haben nichts gegen Mustangs, wollen aber keinen Schmutz aufwirbeln.“

„Ist das denn nicht die übliche Art, Nachrichten zu machen? Schmutz verkauft sich gut.“

„Die Anzugträger beim Sender – auch wenn sie hier in South Dakota nicht mit Nadelstreifen und Krawatte daherkommen – wollen sich ihre Kleidung nicht dreckig machen. Jedenfalls bezahlen sie mich in diesem Fall nicht dafür, dass ich grabe.“ Sie grinste. „Trotzdem, es macht Spaß, oder? Gräbst du auch?“

Er schmunzelte. „Zaunpfahllöcher, ja.“

„Hast du damals als Jugendlicher auch für Dan Tutan gearbeitet?“ Die Veränderung in seinem Blick – von fragend zu kalt – war beinahe unmerklich, entging ihr aber nicht. „Du weißt schon, der Nachbar der Drexlers.“

Er schüttelte den Kopf.

Oh ja, er weiß es, dachte sie trotzdem. Interessant. „Da steckt eine Story dahinter. Totale Rivalität. Vielleicht Vetternwirtschaft, die indianisches Land betreffen könnte. Und da setze ich an. Wie gesagt, strikt auf eigene Faust.“

War er bereit für den Clou? Den Clou im richtigen Moment einzubringen, war ihre Spezialität. „Tutan will das Nutzungsrecht für das Land behalten, das als Schutzgebiet an die Double D gegangen ist, und er hat einen Freund in Washington – Senator Perry Garth.“

Ethan starrte sie an. Oder eher durch sie hindurch.

Perfektes Timing. „South Dakotas geliebter Senator Garth. Tutan und Garth kennen sich schon lange. Und Garth sitzt im Ausschuss für indianische Angelegenheiten und dazu im Unterausschuss für öffentliche Ländereien und Wälder.“

„Politik!“ Er schüttelte den Kopf. „Du bist gerade an meinem Interessensgebiet vorbeigeschlittert. Meine Story dreht sich um Dressur. Mein Interesse gilt den Pferden.“ Mit einem langen Zug trank er sein Glas aus.

„Ich dachte ja nur … Da Logan im Stammesrat sitzt …“

„Das ist seine Story.“ Er stellte das Glas ab und rückte ans Ende der Bank. „Wenn du über Politik reden willst, hast du den falschen Wolf Track vor dir.“ Er schaute zum Tresen hinüber. Die Barhocker waren leer. „Deine Fans sind offensichtlich weitergezogen.“

„Ich glaube kaum, dass die Zwei meine Berichte im Fernsehen verfolgen. Allerdings kennen sie dich.“

„Stimmt. Falls du mal in schäbigen Spelunken einen bekannten Namen fallen lassen musst, darfst du gern meinen benutzen.“ Er schenkte ihr sein unverkennbares Augenzwinkern, das zu ihrem Missfallen wie eh und je ein Kribbeln in ihr hervorrief. „Und falls du eine Story über Wildpferde schreiben willst, dann guck bei mir vorbei.“

Und damit ging er zu ihrem Leidwesen und nahm das Buch mit, dessen Titel sie nicht hatte ermitteln konnte.

Ethan saß wenig später schon am Steuer seines Pick-ups – allerdings noch auf Beobachtungsposten gegenüber dem Schild am Restaurant mit dem Schriftzug Hitching Post. Die Neonreklame hatte beim Anfangsbuchstaben H den Geist aufgegeben, sodass nur itching übrig geblieben war und der Name nicht mehr zum Anhalten aufforderte, sondern ein Jucken versprach.

Das hatte Ethan auf den ersten Blick gefesselt, als er gerade wieder auf freien Fuß gekommen war. Denn es hatte ihn tatsächlich gejuckt, etwas ganz anderes aus seinem Leben zu machen – ohne dass er die geringste Ahnung gehabt hatte, was das sein könnte.

Also war er dem blinkenden Lockruf des Neonschildes gefolgt, um sich nach einer langen Trockenperiode einen ordentlichen Schluck zu genehmigen.

Eines hab ich in den zwei Jahren hinter Gittern gelernt, dachte er. Dass das Wort Freiheit so ziemlich für alles steht, was ein Mensch zu verlieren hat. Freiheit bedeutet Leben. Nach zwei Jahren ohne steht man mit einem Fuß im Grab und muss zusehen, wie man wieder auf beide Beine und ins Leben zurückkommt.

Also war er nach Colorado gegangen und hatte den Vorschlag seines Bewährungshelfers befolgt, mit dem Projekt Wildpferd weiterzumachen. Er war im Umfeld von Stallungen aufgewachsen, also war der Umgang mit Pferden für ihn ganz natürlich.

Ethan wusste nur noch sehr wenig von seinem Leben vor den Pferden – vor Logan Wolf Track. Er war der kleine Bruder von Trace gewesen, und an diese Rolle erinnerte er sich. Doch wie seine Mutter war oder sein Verhältnis zu seiner Mutter, verschwamm in seiner Erinnerung. Nicht einmal ab der Heirat mit Logan hatte sie für Ethan mehr Kontur. Nur eines war ganz klar da: der Klang ihrer Stimme und ihre Art, gewisse Wörter in die Länge zu ziehen. Akzent hatten die Leute in South Dakota es genannt, doch für ihn war Moms Stimme das Einzige, was ihn immer beruhigen konnte.

Mom ist da. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber er verspürte immer noch eine seltsame Erleichterung, wenn er sich ihre Stimme ins Gedächtnis rief. Selbst wenn er bis zum Hals in der Patsche steckte, war er nicht allein.

Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Eine Frau trat in das Scheinwerferlicht unter dem Neonschild. Die Frau, auf die er hier gewartet hatte. Früher Musterschülerin, immer mit aufrechter Körperhaltung und aufrechter Gesinnung. Sie wollte es weit bringen und ließ sich von nichts und niemandem aufhalten. Schon gar nicht von ihm. Nicht, dass sein Charme nicht auf sie wirkte oder dass er ihn nicht eingesetzt hätte. Doch sie war von einer Aura der Würde umgeben, die ihr einen gewissen Schutz vor Typen wie ihm bot.

Aber nicht vor Typen, die keinen Respekt vor dieser Würde hatten.

Loopy und sein Kumpan erschienen wieder auf der Bildfläche und folgten Bella aus dem Lokal. Zwei farblose Figuren, die lange Schatten auf den schwach beleuchteten Gehweg warfen. Wider Erwarten waren sie doch nicht schon längst verschwunden. Sie mussten sich wohl auf der Toilette versteckt haben.

„He, hat der Wolf die Kurve gekratzt?“, rief ihr einer der beiden hinterher.

„Willst du mitfahren?“, bot der andere an.

In der schummrigen Beleuchtung war einer nicht vom anderen zu unterscheiden, aber das war auch nicht wichtig.

Eine Fernbedienung piepste, eine Autotür öffnete und schloss sich, Scheinwerfer flammten auf, ein Motor sprang an. Bella war in Sicherheit.

Kaum war sie aus der Parklücke gefahren, heulte ein anderer Wagenmotor auf. Ein uralter Ford Pick-up tauchte vom Parkplatz hinter dem Gebäude auf und folgte ihr.

Verdammt! dachte Ethan und schloss sich in seinem ebenfalls klapprigen Chevy dem Konvoi an.

In einer dicht besiedelten Einbahnstraße parkte Bella ihren kleinen weißen Honda am Straßenrand, vor dem Eingang zu einem zweistöckigen Apartmenthaus.

Ethan fuhr an den gegenüberliegenden Straßenrand und beobachtete, wie Loopy und sein Kumpan vorbeirollten. Sie hatten den Wink verstanden.

Er grinste. Mein Job hier ist getan.

Bella stieg aus ihrem Auto, schlug die Tür zu und drehte sich zum Pick-up um. Sie hielt einen Beutel mit Schulterriemen – eine Handtasche oder Einkaufstüte – unter den Arm geklemmt.

„Hey! Ich habe eine 38 Smith & Wesson bei mir und kann damit umgehen!“, rief sie über die Straße. „Also was immer Sie vorhaben, überlegen Sie es sich gut.“

Ihre langen schwarzen Haare glänzten bläulich im Licht der Straßenlaterne. Ihr Gesicht lag im Schatten, also konnte er nicht sehen, was sich in ihrer Miene spiegelte. Ihre Hände waren jedoch ruhig und ihre Schultern gestrafft. Er wusste nicht, mit wem sie zu reden glaubte, aber sie bluffte nicht.

Und das gefiel ihm.

Ich stehe hinter dir, dachte er. Nicht, dass sie ihn brauchte. Er war trotzdem für sie da, nur für alle Fälle.

Eine tolle Frau, durchfuhr es ihn, während er beobachtete, wie sie ihren Mann stand. Die kleine Bella Primeaux hat sich echt gemausert, dachte er anerkennend.

2. KAPITEL

Die beschauliche Reservatsstadt Sinte, Bellas Heimat, hatte sich nicht sehr verändert. Nur das Haus, in dem Bella aufgewachsen war, sah ganz anders aus. In den letzten fünf Jahren hatte Unkraut die Blumenbeete von Ladonna Primeaux überwuchert, auf dem ehemaligen Gemüsegarten befand sich nun ein Spielplatz, und ein alter Jeep stand in der Auffahrt, wo einst Buschrosen geblüht hatten.

Ladonna hatte sich mit diesem Garten befasst wie manch andere Frauen mit ihrem Baby. Nun sah er aus wie die meisten anderen Grünflächen in dem Viertel – hie und da ein Baum, ein Haufen Kinderspielzeug, vielleicht eine Terrasse und spärlicher Rasen.

Im Geist hörte Bella die Stimme ihrer Mutter: Vernachlässige niemals deinen Garten. Schenke ihm dein Interesse. Menschen, die Interesse zeigen, sind interessante Leute. Mit ihnen will man immer reden.

Ladonna Primeaux war eine solche interessante Person gewesen. Klug und eigensinnig, dazu verlässlich, praktisch veranlagt und mit übersinnlicher Wahrnehmung ausgerüstet.

Es war nicht immer leicht für Bella gewesen, das einzige Kind einer Frau zu sein, die ständig einen Schritt voraus war. Und doch war Bella in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten, solange sie konnte.

Doch das Zuhause, das sie geteilt hatten, war nun nicht mehr da; das Gebäude an sich spendete Bella keinen Trost. Es war sinnlos, sich länger dort aufzuhalten und auf mehr als bittersüße Erinnerungen zu hoffen.

Bella brauchte keine Anleitung oder Anerkennung mehr. Sie wusste, wer sie war und wohin sie wollte, auch wenn sie durch den Tod ihrer Mutter die Wurzeln verloren hatte. Sie wuchs an ihren Aufgaben als Journalistin, doch jedes Mal, wenn sie sich ihre Vita ansah, fühlte sie sich wie eine Betrügerin. Vielleicht nicht äußerlich, aber tief im Innern fehlte ihr etwas.

Der Nachrichtensender KOZY-TV, bei dem sie angestellt war, befasste sich kaum mit indianischen Belangen. Sehr zu Bellas Leidwesen, da sie sich sehr gern öffentlich für die Minderheit eingesetzt hätte, von der sie selbst auch zum Teil abstammte. Deshalb hatte sie begonnen, unter der Identität Warrior Woman zu bloggen, und ihre Seite gewann zusehends an Anhängern. Leider beteiligten sich nur selten Personen mit offen gelebter indianischer Abstammung. Vermutlich waren es einige, die sich aber nicht zu erkennen gaben. Vielleicht aber gab es auch einfach nicht mehr so viele.

Bellas Interesse an den Belangen der Lakota-Indianer war echt. Aber was war mit ihrem eigenen Lebensstil und dem Zuhause, aus dem sie so früh wie möglich ausgezogen war? Was war mit der Mutter, die ihre Tochter ermutigt hatte auszufliegen und allein im Nest zurückgeblieben war?

Weißt du was, Bella? Du bist kein Kind mehr. Du brauchst Wurzeln. Entweder du entdeckst die ursprünglichen wieder oder du verankerst dich woanders neu.

Wenig darauf erreichte sie das Gebäude des BIA, des Büros für Indianische Angelegenheiten. Es war ein Neubau, da der alte Sitz der Stammesregierung zur freien Verfügung übergeben worden war. Zeichen der Zeit, dachte Bella, während sie all die Veränderungen in sich aufnahm. Es gab mehr Fenster- und weniger Mauerfläche. Die Farben der vier Windrichtungen – Rot, Weiß, Schwarz und Gelb – hatten das einstige Grün und Braun ersetzt.

Auf den Wegweisern im Gebäude standen neue Namen. Indianische Namen. Zimmernummern waren nicht angegeben. Also fragte sie am Empfang nach dem Ratsherrn Logan Wolf Track. Es war Zeit, die Sache in Angriff zu nehmen, wegen der sie hergekommen war.

Als Logan Wolf Track aus seinem Büro kam, begrüßte er sie mit einem festen Händedruck und versicherte auf ihre Frage hin: „Natürlich erinnere ich mich an Sie.“ Er war schlanker als sein Sohn, jedoch nicht so groß, nicht so gut aussehend. „Vollstipendium für ein gutes College an der Ostküste, stimmt’s?“

„Für die Universität von Kalifornien in Berkley.“

„Ich meinte natürlich die Westküste.“ Er schmunzelte. „Immerhin habe ich mich an die wichtigen Dinge erinnert. Vollstipendium, hervorragendes College und Bella Primeaux. Ihre Mutter war so stolz auf Sie, dass es kaum zu ertragen war.“

Sie zog eine Schulter hoch. „Das tut mir leid.“

„Hey, das war nur ein Scherz. Alle Lakotas waren stolz auf Sie.“ Er blickte durch das Spiegelglas, das die spärlich möblierte Lobby von einem kleinen Parkplatz trennte. „Und wir vermissen Ihre Mutter. Sie war unbeschreiblich.“ Er drehte sich wieder zu Bella um und beteuerte mit einem Kopfnicken: „Auf positive Weise.“

„Sie war die beste Krankenschwester, die der Indianische Gesundheitsdienst jemals hatte.“ Das hatte Bella schon von Kind auf gedacht, aber sie konnte sich nicht erinnern, dass sie es je zuvor laut ausgesprochen und damit gebührende Anerkennung zum Ausdruck gebracht hatte. Leider hatte es ihre Mutter also nie gehört. ...

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